Montag, 23. Februar 2026

Versuchungen widerstehen

Dom, Schwerin


Predigt Erster Fastensonntag A 2026, Hamburg | Manresa

Les: Gen 2, 7-9; 3,1-7; Röm 5, 12-19 oder Röm 5, 12.17-19; Mt 4, 1-11

Liebe Geschwister!

Täglich dringen Tausende von Viren auf uns ein: durch die Nahrung, durch die Luft, durch den direkten Kontakt. Das ist je nach Lebensumständen verschieden, aber meistens reagiert unser Immunsystem und wehrt diese Viren ab bzw. bekämpft sie effektiv. Wir werden nicht krank, sondern bleiben gesund.

In geistlicher Hinsicht gibt es wohl nicht so viele tägliche Angriffe auf unser inneres Immunsystem, auf unsere Seele, doch es gibt sie! Damit meine ich jetzt nicht die kleinen süßen Versuchungen, die meine sorgsam begonnene Diät hinfällig machen. Oder die ständigen Herausforderungen, bei denen man zwischen kurzfristiger Befriedigung und langfristig Zielen abwägen muss; jede Form von Suchtverhalten gehört dazu. Sondern ich meine die geistlichen Versuchungen, die dahinter liegen, die Angst z.B., im Leben zu kurz zu kommen, oder der Zweifel, ob ich Gott wirklich vertrauen kann.

Von solcher Art von Versuchung berichtet die heutige Lesung aus dem Buch Genesis. Die Erzählung von der Schlange ist ein mythisches Motiv, dessen Vorgeschichte für uns im Dunkel bleibt. Mithilfe dieser Erzählung reflektiert die Bibel jedoch auf eine wunderbare und verständliche Weise, die soziale Wirklichkeit des Menschen.

Der Mensch lebt in einer Welt, die alles andere als ideal ist. Sie ist voller Widersprüche, Widrigkeiten und Gefährdungen, bis hin zur Grenze des Todes, auch des sozialen Todes.

Die Geschichte führt uns heute direkt mitten hinein, an des Pudels Kern. Sie deckt auf, was hinter dieser Dynamik steckt, d.h. woher die geistlichen Versuchungen stammen, unter denen wir leben müssen, obwohl die Welt von Gott eigentlich gut geschaffen wurde.

Ja, Gott hat den Menschen wie alle anderen Tiere und Pflanzen gut geschaffen. Dem Menschen schenkte er den Lebensatem und gab ihm einen Garten voller Bäume, schön anzusehen und köstlich zu essen. Es steht übrigens hier bei den Bäumen nicht nur „die Früchte“, sondern „die Bäume“ sind genießbar!

Außerdem: zwei Bäume in der Mitte, den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Und Gott sprach zu Menschen: „von jedem Baum des Gartens darfst du beliebig essen. Doch vom Baum der Erkenntnis von Gute und Böse, nicht darfst du von ihm essen, denn mit dem Tag, da du von ihm isst, wirst du gewiss sterben.

Die Schlange, als Sinnbild für den Versuch, ist klug, schlauer als alle Tiere. Sie ist selbst Teil der Schöpfung, aber überlegen. Sie verdreht die Weisung Gottes auf eine doppelte Weise. Sie spricht in menschlicher Sprache, das mag überraschen, es zeigt jedoch, dass es hier um eine Erzählung von übertragener Bedeutung geht.

Auf welche Weise verdreht die Schlange Gottes Weisung?

1/ Sie fragt die Frau: hat Gott wirklich gesagt: ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Nein, das hat Gott nicht gesagt! Gott hat nicht gesagt: „ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen“, sondern er hat gesagt: „ihr dürft von jedem Baum des Gartens beliebig essen. Nur von einem nicht.“ Aus der Großzügigkeit Gottes ist die Kleinlichkeit des Gebieters geworden. Mit einer scheinbaren, harmlosen Gesprächsanknüpfung wird der Zweifel gesät, ob Gottes wirklich gut, meint mit den Menschen. Und mit einer Frage wird die Frau zur Richtigstellung in ein Gespräch hineingezogen.

Die Frau steigt auf die Dynamik ein. Ihre Antwort ist schon ungenau. Sie sagt: „von den Früchten der Bäume dürfen wir essen“. Und sie lässt außerdem das „alle Bäume“ weg. Und schließlich übernimmt sie von der Schlange das: „hat Gott gesagt“, statt dem ursprünglich stärkeren „hat Gott geboten“.

2/ Die zweite Verdrehung der Schlange ist nun, dass sie der Aussage Gottes offen widerspricht: „Nein, ihr werdet nicht sterben!“ Die Schlange stellt Gott als Lügner dar. Ihre Begründung dafür: Sie kennt das Denken und Wissen Gottes, d.h. seine geheimen Absichten und Gedanken. Sie insinuiert, Gott halte die Erkenntnis von Gut und Böse eigennützig für sich zurück. So wächst der Zweifel des Menschen an der Güte Gottes.

Erkenntnis von Gut und Böse: worum geht es? Müssen wir als Menschen nicht andauernd unterscheiden, um gerecht handeln zu können? Erkenntnis von Gut und Böse meint hier allerdings nicht richtiges Handeln, sondern es steht für die moralische Autonomie des Menschen, d.h. selbst erkennen und setzen zu wollen, was gut ist und was böse ist. Es bedeutet, selbst beurteilen zu wollen, was eigentlich gut ist. Das ist es jedoch, was die Bibel von Anfang an als Aufgabe Gottes sieht: „Gott sah, dass es gut war“. Das ist seine Weise der Beziehung zur Schöpfung! Und bei den Propheten steht: „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist.“ (Micha 6,8)

Noch mal: es geht nicht um das Erkennen und Unterscheiden von Gut und Böse. Das brauchen wir Menschen als Orientierung. Sondern es geht darum, das göttliche Verbot zu überschreiten und damit in den göttlichen Bereich einzudringen, die von Gott gegebenen Grenzen zu überschreiten und selbst an Gottes Stelle zu treten.

Das sagt die Schlange explizit: „Gott weiß viel mehr, sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf. Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ - „wie Gott werden“, das ist die eigentliche Versuchung um dies hier geht!

Es ist eine wunderbare Psychologie der Versuchung dargestellt:

  1.      Scheinbar objektiv und unparteiisch fragen.
  2.       Die Ansage Gottes dreist leugnen und Vorteile versprechen
  3.       Mit Halbwahrheiten arbeiten und Grenzen überschreiten

Ja, das führt zur Erkenntnis, zur Autonomie, aber es führt eben auch zum Erschrecken über die Nacktheit und Unbehaustheit , die Verlorenheit des Menschen in dieser Welt.

Drei Fragen, die uns dieser Text heute Abend meines Erachtens stellt:

1/ Kenne ich Situationen, in denen ich an der Großzügigkeit Gottes und seiner Liebe zu mir und den anderen zweifle, z.B. in Momenten, in denen ich Angst habe, im Leben zu kurz zu kommen?

2/ Kenne ich Situationen, in denen mir scheint, dass es mir eigenmächtig und unabhängig von Gott besser ginge und ich mir selbst meine eigenen Regeln mache?

3/ Kenne ich Situationen, in denen ich von Dingen fasziniert bin und an nichts mehr anderes denken kann, in denen sich mein Blick verengt und ich die Herrlichkeit und die Schönheit meines Lebens um mich herum nicht mehr sehen kann?

Das sind die Versuchungen, um die es heute geht! Auf eine wunderbare Reise erzählt in dieser Geschichte von der Schlange und immer wieder neu erlebt als Menschen in dieser Welt.

Jesus durchbricht diese Dynamik, erstellt sich der Versuchung, auch für uns und erschließt uns den Weg zum Heil. Er zeigt uns nämlich, wie wir uns gegenüber solchen Versuchungen verhalten sollen. Einfach Nein sagen! Amen.

 

Sonntag, 15. Februar 2026

Freiheit und Verantwortung

 


2025 Predigt Sonntag 6. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg

Les: Sir 15,15-20; 1Kor 2,6-10; Mt 5,17-37

Welche Werte sind Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig? Eine Umfrage hat vor kurzem ergeben: 96 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sagen, es sei ihnen wichtig bzw. sehr wichtig „eigenverantwortlich zu leben und zu handeln“. Neben Familie und Freunden, Sicherheit, Ausbildung und Umweltschutz ist die persönliche Freiheit, die mit diesem Punkt zum Ausdruck kommt, für junge Menschen heute ein hohes Gut. Und ich denke auch für jeden von uns.

Doch was bedeutet das eigentlich: „eigenverantwortlich leben und handeln“? Bedeutet es, dass ich selbst bestimmen kann, was ich tue? Dass ich selbst wählen kann, wie ich leben möchte und was gut für mich ist? Drei Punkte dazu.

 

1/ Wahlfreiheit

Die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach erinnert uns daran: Ja, wir können selbst wählen, was wir in unserem Leben machen möchten. Wir können selbst entscheiden, wie wir handeln. Wir haben viele Optionen, wir sind nicht von vornherein festgelegt. Es gibt kein Schicksal, dass unser Leben bestimmt, sondern aus mir selbst heraus kann ich wählen, was gut für mich ist.

„Feuer und Wasser hat er vor dich hingestellt,
was du willst, danach wirst du die Hand ausstrecken.
Vor den Menschen (stehen) das Leben und der Tod,
woran er Gefallen hat, das wird ihnen gegeben werden.“ (JesSir 15,16-17)

Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er zwischen Gut und Böse entscheiden und wählen kann. Schon Kinder lernen das: Ich kann meine Hand auf die heiße Herdplatte legen oder es nicht tun. Ich kann in einen reißenden Bach springen oder es nicht tun. Ich kann anderen Menschen helfen oder es nicht tun. Wir sind frei in unserem Leben und Handeln.

 

2/ Verantwortung

Es nicht einfach egal, was ich wähle. Es hat Konsequenzen und Folgen. Vor allem aber entscheiden wir nicht nur für uns allein. Wir tragen vor Gott und vor anderen Menschen die Verantwortung für unser Handeln.

Die Verantwortung ist oft nicht genau zu definieren, weil unser Handeln nicht isoliert ist, sondern oft zusammen mit anderen geschieht und vernetzt ist. Es sind meist sehr komplexe Zusammenhänge, in denen wir handeln. Was ist dann meine Verantwortung? Was ist die Verantwortung von anderen?

Schon Kinder haben dafür ein Gespür: Das war ich nicht. Das war jemand anderes. Das ist ein anderer schuld. Manchmal ist das tatsächlich so, manchmal kann es aber auch eine Ausrede sein.

Auch das benennt die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach. Dieser Lehrer der Weisheit erinnert den Menschen an seine eigene Verantwortung. Der Mensch kann sich nicht vor der eigenen Verantwortung drücken, weil Gottes Weisheit das Handeln der Menschen, jedes einzelnen Menschen sieht.

„Denn reich ist die Weisheit des Herrn,
stark in der Ausübung der Macht, und alles sieht sie.
Und seine Augen richten sich auf die, die ihn fürchten.
und er wird jedes Werk des Menschen wahrnehmen.“ (JesSir 15,18-19)

Gottes Weisheit ist es, die bei den Menschen ist und ihre besondere Würde und Verantwortung ausmacht.

 

3/ Das Gute suchen

Christlich gesehen kommt es im Leben darauf an, die eigene Freiheit und Verantwortung so zu nutzen, dass ich das Gute suche – oder mit anderen Worten: dass ich Gottes Willen tue. Es gibt Menschen, die sich nicht an dem orientieren, was gut und richtig ist, sondern meinen, es selbst am besten zu wissen und keine Fehler zu machen. Eine Form von Sturheit oder Uneinsichtigkeit! Wenn sie falsch gehandelt haben, dann sagen Sie, das war halt bei mir so! Das ist gut für mich so. Ich mach das halt so.

Sie wissen eigentlich, dass es falsch ist, aber können es nicht zugeben und wollen für sich eine Ausnahme. Dagegen erhebt legt der Weisheitslehrer Einspruch ein und sagt:

„Niemandem hat er aufgetragen gottlos zu sein
und niemandem hat er die Erlaubnis gegeben zu sündigen.“ (JesSir 15,20)

Wir Menschen sollen das Gute suchen. Ich kann so besonders und einzigartig sein: eine Ausnahme vor der eigenen Freiheit und Verantwortung, davon das Gute zu tun, gibt es nicht, bei niemandem.

„Eigenverantwortlich leben und handeln“, das ist, wie wir gesehen haben, nicht so leicht und in einer immer komplexen und größeren Welt schon gar nicht! Die Gebote und Vorschriften Gottes sollen uns dabei helfen. Sie sind nicht Gesetze oder Regeln, sondern Weisung und Orientierung für unser Leben. Denn es ist möglich, so zu handeln. Bei Jesus Sirach heißt es deshalb:

„Wenn du willst, kannst du die Gebote bewahren
und die Treue, Wohlgefälliges zu tun.“ (JesSir 15,15)

Gebote und Treue sind wie ein Schatz, den ich bewahren kann, wenn ich will! Sie sind eine Ressource, die mir in meinem Leben und Handeln helfen kann. Sie unterstützt mich dabei, gute Entscheidungen zu treffen. Sie hilft mir dranzubleiben, nicht zu verzweifeln, treu zu sein. Oder ist es sogar die Treue Gottes zu mir, die hier gemeint ist? Seine liebevolle Zuwendung, dabei sein?

 

4/ Herzensdinge

Wenn wir jetzt mit den Hinweisen des Weisheitslehrers zu Jesus und seinem Evangelium kommen, dann scheint es so, als ob Jesus die Gebote Gottes aus dem Alten Testament noch verschärft. „Eure Gerechtigkeit soll weit größer sein.“ Was bedeutet das? Sollen die Jünger noch strikter, noch kompromissloser, noch rigoroser sein als die Pharisäer und die Gesetzeslehrer?

Es geht Jesus nicht um eine Verschärfung der Regel, sondern er hilft, seinen Jüngern zu verstehen, worum es bei den Geboten eigentlich geht. Er erklärt ihnen, dass es bei den Geboten nicht um äußerliche Regeln und Gesetze geht, sondern um einen inneren Kompass, um eine Herzensangelegenheit.

So hilft er ihnen die Gebote als einen Schatz zu sehen und zu bewahren.

Das Gebot „Du sollst nicht töten“, meint eben nicht nur, dass man niemanden umbringen soll, sondern das, worum es beim Töten geht, nämlich der Hass und der Neid, das fängt schon bei der eigenen Herzenshaltung gegenüber den anderen an, besonders bei den Menschen, die mir nahestehen und die ich liebe.

Genauso der Ehebruch. Das, worum es eigentlich geht, das fängt im falschen Begehren an, im lüsternen Blick.

„Du sollst nicht falsch schwören“, das ist eben nicht nur der Meineid vor Gericht, sondern das worum es eigentlich geht, fängt schon an, wenn ich im Alltag mit Halbwahrheiten glänze.

Jesus möchte seinen Jüngern den Weg ins Himmelreich zeigen. Und da geht es eben nicht darum, dass man keine Gesetze bricht, sondern es geht darum, dass man eigenverantwortlich lebt und handelt, vor Gott mit Gott, in der Freiheit der Kinder Gottes. Amen.

 

Übersetzung von Jes Sir 15 aus: Johannes Marböck, Jesus Sirach 1 - 23, Herders theologischer Kommentar zum Alten Testament, Freiburg 2010, S. 197.