Montag, 14. September 2026

Vergebung zuerst




Predigt 24. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg | Manresa 2026

Les: Sir 27,30-28; Röm 14,7-9; Mt 18,21-35.

Ausgangspunkt: Im heutigen Evangelium gibt es einige überraschende Wendungen. Vor allem der Schluss des Gleichnisses, das Jesus erzählt, scheint nicht stimmig zu sein. Denn der gleiche König, der (Vers 27) Mitleid hat, mit seinem Knecht, von Erbarmen ergriffen wird und ein Beispiel dafür gibt, was es bedeutet, Schuld zu vergeben, er wird am Ende (Vers 34) angesichts des unbarmherzigen Knechtes vom Zorn gepackt und fordert die Schuld ein. Er übergibt den Knecht den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Die ganze Schuld meint offenbar die riesige Summe von 10.000 Talenten, um dies es am Anfang ging. Und dass er sie zurückbezahlt, während der im Gefängnis sitzt, ist unrealistisch. So ist diese Aussage das Gericht am Ende tatsächlich erbarmungslos. Sollte Gott zunächst so barmherzig, dann aber so hartherzig sein? Was will uns Jesus eigentlich sagen? Durch die Motive von Zorn und Gericht wird jedenfalls etwas hervorgehoben, was Gott überhaupt nicht will und was seine Ansicht ganz entgegensteht. (vgl. Klaus Berger, Evangelium unseres Herrn Jesus Christus. Meditationen zu den Sonntagsevangelien Lesejahr A, Freiburg 2007, S. 228)

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor einigen Monaten kam nach der Manresa-Messe eine Frau zu mir. Wir standen schon drüben bei einem Glas Wein bei Manresa-Night zusammen, die Heilige Messe war längst vorbei, sie entschuldigte sich, dass sie erst jetzt komme. Ob es Zeit gebe, für Sie zu beten? Sie sah schlimm aus, ganz gebeugt und mit einem geschwollenen Gesicht, die Haut von schweren Krankheiten und Entzündungen gezeichnet. Wir sind dann in die Kirche gegangen, ich habe ein Gebet für Sie gesprochen, und wir haben eine Zeit lang in Stille gemeinsam gebetet, dann habe ich sie eingeladen zum Vaterunser. Sie betete mit mir, ließ jedoch einen Satz aus: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Nach dem Gebet sagte sie mir: Ich kann diesen Satz nicht beten, denn ich kann den Menschen, die mir viel Böses und viel Leid angetan haben, nicht vergeben. Und ich verstehe nicht, warum ich zuerst vergeben soll. Ich verstehe nicht, warum Gott mir nicht vergibt, wenn ich nicht zuvor den anderen Menschen vergeben habe.

Ich habe sie damals erstaunt angeschaut, denn so hatte ich das Vaterunser noch nie verstanden, dass wir zuerst vergeben müssen, damit dann Gott uns auch vergibt. Im Gegenteil, ich habe immer gedacht, dass es so gemeint sei, wie es im heutigen Gleichnis dargestellt wird: Zuerst vergibt uns Gott (hier im Gleichnis der König) unsere Schuld, damit dann auch wir unseren Schuldigern (hier im Gleichnis der Mitknecht) die Schuld vergeben. Gottes Vergebung, Gottes Gnade geht unserem Handeln voraus. Und wie wir Barmherzigkeit von Gott geschenkt bekommen, so sollen auch wir barmherzig mit unseren Mitmenschen umgehen. Das ist doch die Pointe des heutigen Gleichnisses, oder nicht?

Nun, die Frau und ihr Leid, ihr Unheil, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und tatsächlich ist es im Vaterunser anders gemeint, als ich es gedacht habe. Die Frau hatte recht mit ihrer Deutung. Im Griechischen ist das Verhältnis der beiden Teil nicht einfach zu bestimmen, aber offenbar muss der zweite Teil grammatikalisch als Bedingung des ersten angesehen werden. Es heißt also: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern.“

„Das Verhältnis des Nebensatzes zum Hauptsatz genau zu bestimmen ist schwierig. Der Aorist ist angesichts der aramäischen Tempora nicht zu pressen, meint aber bei Matthäus doch wohl im Sinne von 5,23f; 6,14f; 7,1 eine Bedingung. Diese Relation gilt offenbar in der Paränese, wenn aus der Perspektive des Menschen gesprochen wird im Unterschied zur Parabel vom Schalksknecht 18,23-35, wo zwar die Wirksamkeit von Gottes Handeln auch an menschliches Handeln gebunden wird, aber diesem vorausgeht. Die paradoxe Einheit von zuvorkommender Gnade und vom Menschen geforderter Bedingung wird erst zerstört, wenn der Mensch mit seinem Vergeben einen Anspruch begründet, so dass er hoffen kann, dass Gott das menschliche Beispiel nachahmen werde. Wichtig ist auch, dass die Gemeinde, die das Unservater betet, selbstverständlich voraussetzt, dass ihre Glieder auch als Christen noch sündigen und der Vergebung bedürfen.“ (Ulrich Luz, EKK I/1, S. 348)

Zuerst unsere Vergebung und dann die Bitte an Gott um Vergebung. Das wird nicht nur in der heutigen alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 28,2) deutlich, sondern das ist ganz auf der Linie des Matthäus-Evangeliums.

So heißt es in der Bergpredigt: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe“ (Mt 5,23-24). Oder an anderer Stelle: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergibt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.“ (Mt 6,14)

Also: unsere Vergebung zuerst, dann die Vergebung des Vaters. Doch steht das nicht im Widerspruch zur Barmherzigkeit Gottes, der den Sünder rettet und dem verlorenen Schaf nachgeht? Wie bringt der Evangelist Matthäus selbst diesen Unterschied zwischen dem Vaterunser und dem heutigen Gleichnis in seinem Evangelium unter?

Drei Punkte dazu:

1/ Das Vaterunser ist ein Gebet, d.h. es wird von Menschen gesprochen, die sich an Gott richten, die auf ihn vertrauen, die schon von ihm angesprochen oder auf irgendeine Weise innerlich berührt wurden und nun antworten. Zu dieser Antwort gehört auch ein entsprechendes Handeln. Nicht nur zur plappern, sondern auch zu tun. Wer betet, steht schon in einer Beziehung zu Gott. Das Gebet wurde von denen gesprochen, die sich bekehrt haben, die getauft sind. Und im weiteren christlichen Leben ist das menschliche Vergeben tatsächlich die Bedingung für Gottes Vergebung.

Da wir Vergebung von Gott empfangen haben durch sein Kreuz, sollen wir sie weitergeben, um Gott ähnlich zu werden. Wir sollen die Feinde lieben, wie Gott es tut. Dann sind wir seine Kinder. Das Evangelium verkünden, heißt: es leben. Er kommt auf uns zu mit seiner Barmherzigkeit zu, dann sollen wir vergeben, damit seine Vergebung sich ausbreitet und sein Reich unter uns Gegenwart wird. Das ist die Dynamik, um die es geht, und wer diese Dynamik bricht, obwohl ihm schon vergeben wurde, dem ist nicht mehr zu helfen! Mit diesem Paukenschlag endet ja auch das heutige Evangelium, wenn der Knecht, dem die große Schuld vergeben wurde, schließlich vom König doch den Peinigern übergeben und ins Gefängnis geworfen wird – weil er selbst eben nicht vergeben hat, obwohl ihm vergeben worden war.

2/ Die Gemeinde, die das Vaterunser betet, versammelt sich um die Eucharistie. „mein Blut, das für Euch vergossen wird, zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28), so lauten die alten Wandlungsworte. Das Mahl wird zum Zeichen der Vergebung, zum Zeichen des Heils. Und deshalb kann und darf man nicht unversöhnt Abendmahl feiern. Erst einander vergeben und dann gemeinsam beten, denn die Gemeinschaft ist konkret und sichtbar. Das sind die Menschen, die heute Abend hier sind. Das, was wir tun, ist kein frommes Theater, keine Scheinheiligkeit. Wenn es diese Menschen sind, Träger des neuen Bundes, dann braucht es immer wieder die Vergebung untereinander, um glaubwürdig weiterzugeben, was wir empfangen haben.

3/ Die Vergebung begründet eine neue Zeit, weil sie die Altlasten „aus dem Weg“ räumt. Das, was vorher war, ist nicht einfach vergessen, aber es wird verwandelt, es zählt nicht mehr. Dabei schenkt Gott viel mehr, als wir erhoffen. Der Schuldner im Gleichnis bittet um Zeit und erhält Vergebung (Mt 18,26-27). Das Reich Gottes beginnt dann schon jetzt und hier.

Sicherlich: Vergeben ist nicht leicht, und nicht immer gelingt es uns. Manchmal brennt es wie Feuer, wenn wir auf Gegenwehr verzichten, nicht rächen, was uns angetan wurde, sondern den Frieden suchen. Aber genau darum geht es! „Denn nicht meine Versöhnung mit Gott ist die Hauptsache, sondern Gottes Herrschaft und sein Reich. Und dieses wird realisiert, wenn ich Versöhnung weitergebe.“ (Klaus Berger, S. 230)

Wir dürfen Gott nicht zu einem „lieben Gott“ und denken „der tut nichts“. Wir dürfen uns darüber täuschen, wieviel Gott diese Versöhnung gekostet hat. Gott, der uns alles vergeben hat, er ist nicht unfähig und ohnmächtig angesichts der Dinge dieser Welt, sondern Gott liebt uns und möchte uns nicht ohne uns retten. Amen.

 

Freitag, 4. September 2026

Schatz

 


Predigt zum Schuljahresbeginn – Mitarbeitende in den katholischen Schulen des Erzbistums Hamburg, Hl. Messe im Kleinen Michel, 3.9.2026

Lesungen: 2 Kor 4, 1–2.5–7 (Dr. Haep); Lk 22, 24–30 (P. Modemann SJ)

Liebe Lehrer.innen, liebe Betreuer.innen, liebe Mitarbeiter.innen der Schulabteilung - und alle, die an und für Schule im Erzbistum Hamburg beruflich tätig sind!

Die Texte, die Sie gehört haben, sind die Lesungen zum Fest des hl. Gregor, den die Kirche heute feiert. Sie passen gut zum heutigen Tag und so haben wir sie im Vorbereitungsteam ausgewählt. Ich möchte zu der ersten Lesung etwas sagen.

Was machen Sie mit einem Schatz? Wo tun Sie ihn hin? Was ist dafür der passende Ort? Hoffentlich haben Sie in den vergangenen Wochen, seit dem Beginn des Schuljahres, schon ein paar Schätze sammeln können, die sie gerne aufbewahren möchten: schöne Momente mit den Schülerinnen und Schülern, herausragende Gespräche mit den Kolleg.innen, Ereignisse, die sie bewahren möchten.

Nach den Ferien haben Sie den Dienst wieder aufgenommen: viel organisieren, neue Kinder empfangen, neue Kolleginnen und Kollegen begrüßen, Elterngespräche führen, etc. Es gibt Bauvorhaben, viele schöne Projekte. Aber gab es etwas, das Sie besonders berührt oder bewegt hat? Oder vielleicht einfach nur zwischendurch das Gefühl, dass Sie morgens gerne aufgestanden sind, oder dass Sie da genau richtig sind, wo Sie gerade sind?

Das sind doch Schätze! Also: Wo tun Sie diese Schätze hin? Was ist Ihre „Schatztruhe“? Denn normalerweise gibt es für einen Schatz es eine wertvolle Umhüllung, so dass für mich und für andere auf den ersten Blick klar wird: das ist besonders, wertvoll, es soll bewahrt werden. [Schatztruhe]

Der Apostel Paulus spricht in seiner Lesung auch von einem Schatz. Wir haben es gerade gehört. Einen Schatz, den wir allerdings nicht einer Truhe, sondern in zerbrechlichen, alltäglichen Gefäßen tragen [Tasse].

A.     Was ist dieser Schatz?

Zunächst einmal: Was ist dieser Schatz, von dem Paulus spricht? Paulus erklärt und fängt am Anfang an: Als Gott die Welt erschuf, und das Licht und die Finsternis, und Himmel und Erde, auf der es Menschen geben sollte. Menschen, wie Du und ich, die eine besondere Erfahrung machen dürfen, die Erfahrung, dass sie von Gott grundlegend geliebt sind. Das ist der Schatz, um den es geht.

Ich glaube, wir Menschen haben eine dreifache Berufung:

1/ Die erste Berufung ist die Berufung zum Mensch-Sein. Wir alle sind berufen als Menschen zu leben, in dieser Welt. Wir sind ins Leben gekommen, weil Gott es gewollt hat.

Diese Berufung teilen wir mit allen Menschen dieser Welt. Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, das ist unsere unverlierbare Würde. Dafür stehen die Könige, wenn wir sie nun auf Reisen durch die katholischen Schulen schicken: für die „königliche“ Würde eines jeden Menschen, vor aller Leistung und trotz aller Schuld. Diese Würde für uns selbst und für andere zu respektieren und sie zu leben, dafür tragen wir die Verantwortung.

2/ Die zweite Berufung ist die Berufung zum Christ-Sein. Sie haben wir durch den Glauben und die Taufe erhalten und wir teilen Sie mit allen Christen. Wir sind berufen, als Kinder Gottes zu leben. So heißt es im Johannes-Prolog „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1). Auch das ist eine Verantwortung, denn diese Macht ist vor allem ein Dienst für andere. Durch die Salbung haben Christen Anteil an dem königlichen, priesterlichen und prophetischen Amt Christi: Mit Christus, dem wahren König, werden sie sein Königreich leben.

3/ Und dann gibt es noch die ganz persönliche Berufung, je individuell und einzigartig, die wir im Laufe unseres Lebens hoffentlich entdecken und leben. Vielleicht ist ihr Beruf so eine Berufung, vielleicht ist ein besonderer Aspekt des Glaubens, eine Begabung, usw. Wer diese eigene Berufung lebt und wer das Leben nicht nur für sich selbst lebt, sondern in Beziehung mit anderen, der erhält tatsächlich etwas so Wertvolles - wie einen Schatz.

Paulus hat dies erfahren, und er kann bezeugen: dieser Schöpfergott, der am Anfang das Licht erschaffen hat, er selbst ist in unseren Herzen aufgeleuchtet.

Für ihn war es tatsächlich ein Moment der Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus, als er innerlich ein helles Licht sah, zunächst um ihn selbst zu erleuchten (Apg 9). Diese Erfahrung bleibt jedoch nicht singulär, auch andere haben solche Erfahrungen gemacht, ein Licht wie eine Sonne, um dann auch zu leuchten für jene, zu denen sie gesandt wurden. Und das trotz seiner Situation der Verfolgung, der Verleumdung, der Beschimpfung, die er nicht unerwähnt lässt.

Menschlich gesprochen ist es die Erkenntnis des Glaubens, des Vertrauens. Theologisch gesprochen ist es die Herrlichkeit Gottes, die in einem Menschen aufleuchtet.

Wer das Alte Testament kennt: Paulus spielt hier, auf die Erfahrung des Moses an. Er war Gott begegnet, und dann strahlte sein Gesicht, so dass er danach ein Tuch über sein Gesicht legen musste (Ex 34).

Man erkennt das Licht, die „Erkenntnis-Herrlichkeit“, jedoch nur mit den Augen des Geistes. („Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“) Die Herrlichkeit Gottes bleibt irdischen und verblendeten Augen verhüllt. Denn der Ort der Erleuchtung ist eben das Herz.

Das Leuchten wird nach außen sichtbar, durch das Tun und das Sein. Und dann wird jede Person zu einem Gesicht Christi, zum „Antlitz Christi“. Wer ist das also Antlitz Christi? Ihr seid das Antlitz Christi! Das ist die Pointe bei Paulus.

Also: der Schatz ist dieses Leuchten in den Menschen, die erfahren haben, dass Gott sie liebt, das ist die Herrlichkeit Gottes in Ihnen. Paulus schreibt diese Worte an die Gemeinde in Korinth, aber er spricht von einer allgemeinen Glaubenserfahrung. In einem weiteren Sinn spricht Paulus also alle Christen an.

B.     Warum tragen wir ihn in zerbrechlichen Gefäßen?

Paulus sagt nun, dass dieser Schatz in einem gewöhnlichen Alltagsgefäß aufbewahrt wird, indem man ihn nicht vermutet. Es geht nicht so sehr darum, dass dieses Gefäß zerbrechen könnte, dann würde es seine Funktion als Gefäß gar nicht mehr erfüllen. Sondern: Es ist ein normales, alltägliches, unansehnliches Gefäß, obwohl es doch ein besonders kostbarer Schatz ist.

Betont Paulus dies, weil er sagen will, dass wir nicht perfekt sein müssen, um diesen Schatz zu empfangen? Dass es nicht um eine goldene, makellose Schatztruhe geht, wenn Gott diesen Schatz schenkt?

Betont er, dass es ein Schatz ist, der im Alltag gelebt werden will, d.h. der nicht nur für sonntags oder für besondere Momente aufbewahrt werden soll, sondern für jeden Tag? Dass es ein Schatz ist, der allen Menschen zukommen möge, nicht nur den Reichen.

Paulus nennt einen Grund. Er sagt: „So soll deutlich werden, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“. Das meint: Wenn wir aus dem Glauben an Gott leben, dann wird dieser Schatz in uns, in unserem Alltag, eine Kraft entfalten, die über unsere Begrenzungen hinausgeht. Diese Kraft entfaltet sich in uns, damit wir uns für die Würde aller und für das Reich Gottes einzusetzen können. Diese Kraft steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir selbst durch unsere Ausbildung, unsere Klugheit, unsere eigenen Ressourcen usw. vermögen.

Das meint nicht, dass wir über unsere Kräfte hinaus arbeiten sollen, dass wir uns selbst ausbeuten, völlig verausgaben! Sondern es meint, dass Gottes Kraft stärker ist als die Bedrängnis und dass wir, indem wir aus seiner Kraft leben, mehr erwarten dürfen, als wir Gott (und uns selbst?) je zugetraut hätten: Dass wir im Dienst am Ende selbst bedient werden (Lk 22,24!)

Ich wünsche Ihnen, dass Sie im neuen Schuljahr, dass Sie immer wieder mal einen Schatz finden, ihn in die Truhe oder besser, das Gefäß, legen. Dass Sie Ihre Berufung leben können in ihrem Dienst, trotz Widerständen und Herausforderungen und dass Sie das innere Leuchten, die Herrlichkeit Gottes, der Sie liebt, der Sie geschaffen, erlöst und geheiligt hat, auch für andere ausstrahlen mögen. Amen.

Den Gedanken der dreifachen Berufung habe von Herbert Alphonso SJ, Die persönliche Berufung, Münsterschwarzach 92020, übernommen. Seine Idee stammt aus dem Gedicht von T. S. Eliot „The Naming of Cats“.


Montag, 31. August 2026

Kreuzes-Nachfolge

 


Predigt 22. Sonntag im Jahreskreis A 2026, Hamburg | Manresa

In meinem Sommerurlaub in Litauen habe ich auch den „Berg der Kreuze“ angeschaut, das ist eine Erhebung außerhalb der Stadt Šiauliai. Mitten in der Landschaft, zwischen flachen Wiesen und Feldern, erhebt sich ein Hügel, auf dem in uralten Zeiten wohl schon eine Burg oder Festung war, und auf den Menschen dann irgendwann einzelne Kreuze gestellt haben, um für die Verstorbenen zu beten. So wie es in Bayern Wegkreuze gibt an ausgewählten Orten, an den Menschen sich im Gebet an Gott wenden.

Dieser Hügel mitten in Litauen wurde nun nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ort des Totengedenkens für die vielen Litauer, die aus politischen und religiösen Gründen verfolgt und umgebracht wurden. In der Zeit der Besetzung Litauens durch die sowjetische Armee, d.h. nach dem Zweiten Weltkrieg, sind viele Litauer in den Wider-stand gegangen; sie wurden gefangen genommen, gefoltert, verschleppt, getötet. Tausende kamen in sowjetische Arbeitslager nach Sibirien. Das Land verlor über 10 Prozent seiner Bevölkerung durch Deportation und Hinrichtungen, Hunderttausende von Menschen!

Für jene Menschen, die in der Ferne starben und kein Grab hatten, wurden dort, auf diesem Berg, Kreuze aufgestellt. Das gefiel den stalinistischen Machthaber selbstverständlich nicht. Sie ließen den Hügel räumen, die Kreuze niedermachen. Doch schon am nächsten Tag standen sie wieder da, mehr Kreuze als zuvor. Das wiederholte sich. Nach einigen vergeblichen Versuchen hat das Regime dann die Kreuze stehen lassen, der Hügel wurde zum Sinnbild des sinnlosen Terrors und zugleich des beharrlichen Widerstands der Litauer, für ihre Freiheit und ihren christlichen Glauben an ein Leben nach dem Tod, an die Erlösung vom Bösen, durch das Kreuz.

Noch heute kommen Menschen und stellen Kreuze auf, nicht mehr nur als Erinnerung an einen geliebten Menschen, sondern auch als Dank für eine bestandene Prüfung, für die Geburt eines Kindes und so weiter. Es ist völlig überwältigend, wenn man durch diesen Wald an Kreuzen geht. Das Kreuz, das Ärgernis (skandalon) des Todes; für Christen das Symbol des Lebens, der Rettung, der Erlösung.

Die Texte des heutigen Sonntags rufen uns in die Nachfolge von Jesus Christus, der in seiner Schwachheit gekreuzigt wurde und aus der Kraft Gottes lebt. Und sie machen deutlich, dass diese Nachfolge unter Umständen kein Spaziergang, kein Zucker-schlecken, ist, sondern mit handfesten körperlichen und psychischen Nachteilen ein hergeht.

Der Prophet Jeremia erfährt es so: Eigentlich wollte ich diese Berufung nicht. Ich habe es zwar zugelassen, als Prophet in den Dienst Gottes zu treten, aber ich tue es nicht gerne. Ich soll „Gewalt und Unterdrückung“ rufen, aber das kommt nicht gut an, und ich werde verhöhnt. Ich werde zum Spott. Später wird berichtet, wie Jeremia tatsächlich von einem Priester körperlich misshandelt wurde, der diesen Propheten unschädlich machen wollte.

Jeremia ist sich jedoch bewusst, dass er eigentlich keine Alternative hat. Denn wenn er seinen Auftrag, seine Berufung, verweigert, das Feuer anzukündigen, dass Jerusalem verzehren wird, dann brennt es in seinem Inneren und wird zur Qual für ihn. Er muss seinem Auftrag folgen und Gottes willen tun. Ein höchst verstörender Text, oder nicht?

Auch die zweite Lesung aus dem Römerbrief ist keine leichte Kost: Paulus ermutigt die Gemeinde in Rom, ihre Leiber als Opfergabe dazu zu bringen. Die Darbringung, die Hingabe an Gott, das sei ihr „Gottesdienst“.

Doch Vorsicht! Paulus spricht hier nicht davon, dass alle Menschen Märtyrer werden sollen. Im Gegenteil! Ergibt zwei wichtige Hinweise, die wir nicht überhören dürfen:

1/ Erstens spricht er von einer lebendigen Opfergabe. Im Tempel-Kult wird eine Opfergabe zunächst getötet und dann als Opfer verbrannt, das ist ein Schlachtopfer. Er sagt hier „eine lebendige Opfergabe“. Das bedeutet: So lebendig, wie ihr jetzt seid, in eurer Lebenssituation, so sollt ihr euch Gott übergeben.

2/ Und der zweite wichtige Hinweis: diese Hingabe ist ein „geistiger Gottesdienst“, wörtlich „vernunftgemäßer Gottesdienst“. D.h. es geht hier nicht um ein blutiges Opfer, sondern um eine Hingabe in geistiger Hinsicht: also meine Gedanken, meine Gefühle, meine Wünsche, Antriebe, dass alles Gott hinzugeben und zu sagen: „nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“

Wie das gehen kann? Auch dafür gibt Paulus einen Hinweis: das geht so, dass man das eigene Denken nicht dieser Welt anpasst, sondern sich verwandeln lässt durch die „Erneuerung des Denkens“. „Kehrt um!“, hat Jesus gesagt. „Verändert euer Denken!“ „Denkt größer von Gott!“ „Traut ihm etwas zu!“. Das war der Anfang seiner Botschaft (vgl. Mk 1). Und Paulus führt es eben jetzt aus und sagt der Gemeinde in Rom: „Meint nicht, ihr wisst schon jetzt ganz genau, was für alle und für jeden gut ist!“

Die Sowjets wussten ganz genau, was für die Litauer gut ist: der stalinistische Kommunismus ohne Gott. Wo alle gleich sind und einige gleicher. Totalitarismus.

Die Christen rufen dazu auf, das Denken zu erneuern und zu prüfen und zu erkennen, was jeweils in diesem Moment, an diesem Ort, für diese Person, das richtige ist, was der Wille Gottes ist.

Das bedeutet: ich weiß nicht von vornherein und vor allem nicht für jemand anderen, was der Wille Gottes ist. Ich weiß, dass Gott das Gute will, das Wohlgefällige, das Vollkommene. Aber wie genau, auf welchem Weg er dieses Ziel für die Menschen erreichen wird? Keine Ahnung. Das muss ich immer wieder neu suchen und verstehen.

Deshalb der Gottesdienst: deshalb immer wieder alles an Gott übergeben, mein Leben hingeben im Vertrauen darauf, dass er alles zum Guten führt.

Es ist nicht die Aufgabe des eigenen Denkens, die Verneinung der Vernunft, der blinde Gehorsam, um den es hier geht. Im Gegenteil! Es geht um einen „vernunftgemäßen Gottesdienst.“ Es geht um Liebe und Hingabe. Es geht um die Bereitschaft, auch eigene Grenzen und Fehler anzuerkennen, es geht um Demut und Dankbarkeit, um die Erlösung für das Leben.

Das ist nicht einfach zu verstehen. Auch Petrus versteht es zunächst nicht. Als Jesus davon redet, dass er Leid und Tod erfahren wird, möchte Petrus, dies verhindern. Total verständlich und nachvollziehbar. Er sieht nicht, was daran gut sein soll. Aber Jesus fährt ihn an. „Weg, Satan, tritt hinter mich. Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Mt 16, 23; andere Übersetzung)

Das ist ja auch für uns eine Frage: Ist es der Wille Gottes, dass er seinen eigenen Sohn bis ans Kreuz führt? Gott will doch das Gute, das Wohlgefällige, das Vollkommene. Soll das Kreuz Jesu tatsächlich für uns das Gute, das Vollkomme sein!?

Wie schwer ist es, den Willen Gottes zu erkennen. In der Nachfolge Jesu dürfen wir es lernen. Wenn wir ihm nachfolgen, unser Kreuz annehmen, sein Leben leben, unser Leben auf ihn setzen, es hingeben, werden wir es gewinnen. Das ist die Verheißung, das Versprechen.

Für mich bringt ein Gebet, dass der selige Pater Rupert Mayer SJ oft gebetet hat, der auch im Widerstand gegen ein totalitäres Regime stand. Es ist diese Haltung der Demut und der Dankbarkeit, die darin besonders schön zum Ausdruck kommt:

 

Herr, wie Du willst, soll mir geschehn
und wie Du willst, so will ich gehn –
hilf, Deinen Willen nur verstehn.

Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit
und wann Du willst, bin ich bereit
heut und in alle Ewigkeit.

Herr, was du willst, das nehm’ ich hin,
und was Du willst, ist mir Gewinn.
Genug, dass ich Dein Eigen bin.

Herr, weil Du‘s willst, drum ist es gut
und weil Du‘s willst, drum hab ich Mut.
Mein Herz in Deinen Händen ruht.

Dienstag, 25. August 2026

Wer bin ich?

Stadtmuseum Kaunas, Personen

Predigt 21. Sonntag im Jahreskreis A, 23.8.2026 – Hamburg | Manresa

Les: Jes 22,19-23; Röm 11,33-36; Mt 16, 13-20 

Wer bin ich? Diese Frage gehört zu einem geistlichen Leben, vielleicht sogar zum Erwachsenwerden überhaupt dazu. Wer bin ich? Mehr als der Name, das Alter der Beruf, die Herkunft! Wenn diese Frage ernsthaft zulässt und in sich hinein hört, der erfährt meist. Die Antwort ist gar nicht so einfach.

„Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“, so lautet der Titel einer erfolgreichen Philosophie-Geschichte von Richard David Precht. Tatsächlich ist diese Frage so alt wie die Menschheit. „Erkenne dich selbst!“, so stand es schon als Inschrift über dem Orakel von Delphi. Es geht darum, ein Bewusstsein über sich selbst zu finden und zu formulieren: ein Selbstbewusstsein! Noch mehr: es geht darum, mit dieser Wirklichkeit dann auch zu leben, sich selbst anzunehmen, so wie man ist. Denn es gibt keinen anderen!

Es geht nicht um die Ideale und Wünsche (wer ich gerne wäre), sondern um die Wirklichkeit (wer ich bin), hier und heute. Dazu gehören zwar auch äußere Merkmale: Haarfarbe, Schuhgröße, Körperbau, etc. Eigentlich aber das, was mich innerlich ausmacht. Mein Charakter, die Begabungen, Erfahrungen, Erinnerungen, auch die Wünsche, Sehnsucht und Träume. Ebenso meine Gedanken, Gefühle, mein Wille, Gedächtnis, Verstand, kurz: meine Persönlichkeit.

Wer bin ich? Kann ich das jemals abschließend sagen? Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden, so Sören Kirkegaard. Versuchen sollte ich es jedenfalls!

Wer bin ich? Diese Frage stellt Jesus seinen Jüngern weit weg von seiner Heimat, in Cäsarea Philippi. „Wer sagen die Leute, dass ich bin?“ Und dann: Wer bin ich für euch? „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Matthäus 16,15)

Wir dürfen davon ausgehen, dass Jesus wusste, wer er ist. Er hat es gewagt, sich diese Frage schon früh zu stellen. Bei der Taufe am Jordan und durch die Versuchung in der Wüste ist es ihm klar geworden, so berichten es die Evangelien: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen habe.“, so hört er es durch göttliche Stimme. Die Ereignisse und Erfahrungen unterwegs, auch die Gespräche mit den Jüngern helfen ihm, seine Sendung und Identität immer besser zu verstehen. Petrus sagt ihm nun, wer er ist, obwohl Jesus es schon vorher wusste. Das Wichtigste im Leben kann man sich nicht selbst sagen. Es muss mir gesagt werden.

Auch die Jünger damals stellten sich, so denke ich, diese Frage: Wer bin ich? Petrus selbst bekommt einen Hinweis von Jesus für seine Antwort darauf, mit den zwei Bildern: Fels und Schlüssel. Das eine beschreibt wohl seine Persönlichkeit, seinen Charakter, so wie er von Gott geschaffen, beziehungsweise wie er geworden ist. Eine Persönlichkeit, die tief gründet, stabil ist, beständig und kräftig.

Und das andere beschreibt wohl seine Berufung, seine Aufgabe: zu binden und zu lösen. Das meint Menschen den Weg in den Himmel zu öffnen, aufzutun. Oder etwas zu erschließen, eine geistliche Welt zu eröffnen, die sie noch nicht kannten. Wir alle brauchen Hilfe auf dem Weg in den Himmel. Menschen, die uns Hinweise geben, wo es lang gehen könnte, und wo auch nicht! Und dann auch Menschen, die uns ganz konkret, die Vergebung und Erlösung zusagen, die wir von Jesus Christus geschenkt bekommen haben, die Befreiung. Das Wichtigste im Leben kann man sich wie gesagt nicht selbst sagen.

Jesus, Petrus, … und ich? Das Evangelium heute lädt uns ein, uns diese Frage „wer bin ich?“ mutig und ohne Angst zu stellen. In sich hineinzulauschen, sie vielleicht auch mal anderen Menschen zu stellen. Wer bin ich? Vielleicht gibt es darauf eine Antwort, vielleicht gibt es aber auch mehrere Antworten, die immer wieder neu zu finden sind. So ist es jedenfalls bei mir. Ich würde nicht sagen, dass sich diese Frage ein für alle Mal erledigt hat. Und trotzdem ist sie lebensnotwendig.

Für mich sind drei Aspekte bei der Antwort wichtig, und die möchte ich Ihnen heute Abend gerne noch mitgeben:

1/ Ich bin von Gott geschaffen und geliebt. Wie jeder Mensch, von Gott unendlich geliebt. Es ist die Liebe des göttlichen Vaters, in die hinein ich geschaffen bin, mit meinen Begabungen und Talenten, mit meinen Schwächen und Grenzen. Und deshalb darf ich mich so annehmen, wie ich bin. D.h. nicht, dass ich auch versuchen soll Dinge zu ändern, zu wachsen, dranzubleiben. Aber ich werde zum Beispiel niemals ein großer Sportler werden oder einen Ballkünstler. Das ist mir nicht gegeben. Dafür habe ich andere Begabungen. Ich kann nicht gut sehen, brauche eine Brille. Aber ich kann gut hören. So ist das halt. Ich bin geschaffen und geliebt.

2/ Ich bin von Gott erlöst durch Jesus Christus. Es gibt in meinem Leben Schuld und Sünde; Verhalten, das ich bereue und das mir leidtut, das ich selbst nicht auf mich nehmen brauche, sondern mir abnehmen lassen kann; das meinen Weg nicht mehr hindern muss, weil Jesus es übernommen hat. Ich darf es loslassen. Das ist das Geschenk des Glaubens.

Es gibt keine Erlösung ohne Wahrheit, die Wahrheit über mich selbst finden und zulassen und zugeben – alles dem Herrn hinhalten, nicht verstecken. Und dann auch anderen zu vergeben. Gott anbeten, das geht nur, wenn ich keinen Groll gegen Gott habe, wenn ich nicht denke, dass Gott alle liebt, aber ich zu kurz gekommen bin. Insofern hängen Erlösung und die Annahme der Liebe Gottes ganz eng zusammen.

3/ Ich bin ein Tempel des Heiligen Geistes. Es gibt eine Berufung für ein jeden und eine jede von uns. Wir dürfen aus der Liebe Gottes in und in seinem Geist leben und seine Liebe zu uns und in uns an andere weitergeben.

Ich fasse zusammen. Wer bin ich? Ich lebe in der Liebe des Vaters, durch Jesus Christus, erlöst, als ein Tempel des Heiligen Geistes.

Das klingt jetzt vielleicht noch ein bisschen abstrakt oder allgemein, aber wenn ich diese Frage „wer bin ich?“ wirklich zulasse und in diesen drei Dimensionen, die ich genannt habe, weiterdenke, dann wird das schon sehr konkret im Zusammensein mit den anderen.

So, wie es für Petrus konkret geworden ist: von Gott, geliebt und geschaffen als der Fels und vom Heiligen Geist mit einer Berufung, anderen im Glauben den Weg zum Himmel zu eröffnen.

Der zweite Aspekt der Erlösung fehlt interessanterweise heute im Evangelium. Es ist die Erzählung des Evangeliums selbst, die darauf hinführt. Wir sind in Kapitel 16 des Evangeliums, auf dem halben Weg nach Jerusalem, bis ans Kreuz. Die Jünger mussten die Erlösung durch Jesus und mit ihm erst noch erleben. Wir wissen darum und uns wird das Geheimnis der Erlösung heute Abend neu geschenkt in der Eucharistie.

Wer bin ich? Vielleicht kann ich heute sagen: Ich bin ein Mensch, der von Jesus eingeladen wurde, mit ihm heute Abend Kreuz und Auferstehung zu feiern, auf dem Weg in den Himmel. Amen

 

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Zur Lesung Jes 22 (Bibelwerk):

Schebna war unter König Hiskija (725-697 v. Chr.) Palastvorsteher, also im höchsten Amt hinter dem König selbst. An ihn ergeht durch den Propheten Jesja eine sehr klare Ansage JHWHs: „Du, Schebna, verlierst deinen Posten und dafür werde ich Eljakim, meinen Knecht, einsetzen.“ Die Begründung der Absetzung Schebnas kann man nachlesen. Offensichtlich hat Schebna mehr auf sich selbst und seine eigene Stärke als auf Gott vertraut. Er baute sich selbst ein Grab als ewige Heimat, anstatt bei Gott Heimat zu suchen. Ein klassischer Fall von Hochmut, der bekanntlich vor dem Fall kommt. Deshalb erfolgt in die Urteilsverkündigung, die wir gehört haben: Sein Nachfolger Eljakim wird sehr positiv als „mein Knecht“ eingeführt, als einer, der sich von Gott in Dienst nehmen lässt. Alle Machtinsignien gehen auf Eljakim über: vom Gewand bis zum Schlüssel.

Eljakim leitete als Knecht Gottes die Geschicke Jerusalems zur Ehre für sein Vaterhaus. Doch auch Eljakim konnte dem Gewicht der Verantwortung nicht auf Dauer standhalten. Eljakim scheiterte an der Last seines eigenen Clans, der sich viel von ihm und seiner Stellung versprachen, und an all den vielen Besitztümern und anderem Kleinkram, die an ihm ziehen und ihn beschwerten.

Montag, 27. Juli 2026

Hörendes Herz

Predigt 17. Sonntag im Jahreskreis A, 26.07.2026, Hamburg | Manresa

Les: 1Kön 3,5.7-12; Röm 8,28-30; Mt 13,44-52

Heute werden fünf Erwachsene getauft und gefirmt, fünf treten in die katholische Kirche und werden gefirmt, eine junge Frau wird gefirmt. Sie alle haben sich in den vergangenen Monaten darauf vorbereitet und freuen sich auf diesen Tag.

Denn diejenigen, die heute getauft, in die Kirche aufgenommen und gefirmt werden, haben einen Schatz gefunden! Sie haben mitten in ihrem Leben etwas gefunden, das sie mit Freude erfüllt und für das sie bereit waren, einiges einzusetzen: Eine Zeit der Vorbereitung mit regelmäßigen Abendtermin, die Suche nach einer Patin oder einem Paten, oder auch die Bereitschaft, diese Entscheidung gegenüber anderen Menschen in ihrem Umfeld und in ihrem Freundeskreis, die dem Glauben ablehnen oder gleichgültig gegenüberstehen, zu begründen und zu vertreten.

Mitten in ihrem Alltag, in dem wir so oft den Eindruck haben, dass Gott wie abwesend ist, haben einige von ihnen eine Entdeckung gemacht, etwas Besonderes gesehen, was vorher niemand gesehen hat. Wie N., die mitten in ihrem Alltag als Pflegerin eine Freundin kennen lernte, die ihr von Gott erzählte.

Für andere ist der Glaube eher wie eine kostbare Perle, nach der sie lange gesucht haben, teilweise in anderen Religionen oder anderen Konfessionen. Sie haben aktiv gesucht und haben nun etwas gefunden, z.B. durch ein besonderes Ereignis, wie zum Beispiel die Geburt eines Kindes, das als Wunder des Lebens plötzlich ganz augenscheinlich und nahe liegend ihnen den Weg zu Gott eröffnet und eine große Bedeutung in ihrem Leben bekommt. 

Sicherlich ist es von der zufälligen Entdeckung einerseits oder der aktiven Suche mit dem Interesse am Glauben anderseits bis hin zu dieser Entscheidung, alles dafür zu geben und Gott im Leben den ersten Platz einzuräumen, manchmal noch ein langer Weg mit Höhen und Tiefen. Aber entscheidend ist doch: Irgendwann wird mit dem neuen Fokus im Leben auch die Angst kleiner, etwas Wichtiges zu verlieren, und dann kommt die Erkenntnis: „Gott nimmt uns nichts und schenkt uns alles.“ (Benedikt XVI).

Was braucht es, um heute und hier diese Entscheidung treffen zu können? Denn es ist in der westlichen Welt heute und ganz besonders in einer so säkularen Stadt wie Hamburg alles andere als selbstverständlich, den Glauben zu leben und zu ihm zu stehen. 

Muss man die Bibel gelesen haben oder den Katechismus? Muss man die wichtigen Gebete auswendig können oder die sieben Werke der Barmherzigkeit nennen? Muss man die Dogmen der Kirche kennen? Was braucht es, um heute und hier wirklich „ja“ sagen zu können, um Jesus nachzufolgen? 

Formal ist es klar: Man muss den Glauben bekennen. Aber ich glaube, es braucht heute außerdem wenigstens eine Ahnung davon, was Salomon von Gott erbittet: ein hörendes Herz! (1Kön 3, 9)

Was ist ein hörendes Herz? Salomon hat, so träumt er, einen Wunsch frei. Er antwortet Gott dann im Traum nicht sofort, so als müsste er erst nachdenken. Er schaut auf sein Leben, was schon alles geschehen ist, und spürt dann: ihm fehlt noch etwas Wichtiges. Salomo, der inzwischen König geworden ist, gut situiert, sucht seinen Ort in der Geschichte, inmitten seines Volkes! Er bekennt demütig, dass es ihm angesichts seiner großen Verantwortung an Erfahrung fehlt, dass er manchmal Fragen und Zweifel hat. „Ich bin noch sehr jung,“ so sagt er, „und weiß nicht aus noch ein.“ (1Kön 3,7). Und deshalb bittet er um ein hörendes Herz, „damit er das Volk regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht.“ (1Kön 3,9)

Am vergangenen Sonntag ging es in den Lesungen auch um Gut und Böse, das manchmal im Leben nebeneinander liegt. Und heute geht es um die Gabe, Gut und Böse zu unterscheiden. Sie ist gleichbedeutend, so die Lesung, mit der Einsicht, auf das Recht zu hören. (1Kön 3,11).

Ein hörendes Herz meint also nicht allein Klugheit und Erkenntnis, d.h. intellektuelle Kräfte, sondern es meint auch die Gabe der Einsicht, der Weisheit, der Unterscheidung. Der Mensch soll mit allen Kräften, die ihm gegeben sind (Gedächtnis, Wille und Verstand) und mit der Orientierung an der Gerechtigkeit und dem Recht, die ihm vorgegeben sind, ein Gespür entwickeln für das, was jetzt gerade, in diesem Moment, an diesem Ort, zu dieser Zeit, für diese Person, das richtige ist.

Ein hörendes Herz hat er mit der Bereitschaft zu tun, nach Gottes Willen zu suchen und entsprechend zu handeln. Und es hat vor allem mit der Liebe zu tun: „Denn wir wissen, dass denen die Gottlieben, alles zum Guten gereicht.“ (Röm 8,28)

Ein hörendes Herz hat immer mit der eigenen Begabung und den eigenen Kenntnissen zu tun, aber es nimmt auch die Gefühle wahr (die Freude, die Dankbarkeit, aber auch die Angst und die Traurigkeit usw.). Ein hörendes Herz vermag es, mit alldem und aus dem Vertrauen auf Gott die notwendigen Entscheidungen zu treffen.

Der Bauer, der den Schatz im Acker findet, hat ein hörendes Herz, denn er hat die Freude gespürt, die ihm dieser Fund bereitet. Der Kaufmann hat ein hörendes Herz, denn er nimmt die Schönheit der Perle wahr. Der Fischer hat ein hörendes Herz, denn er kann die guten Fische von den schlechten unterscheiden. 

Diejenigen, die sich heute taufen lassen, in, in die Kirche eintreten, gefirmt werden, haben für diese Entscheidung auf ihr Herz gehört und sich nicht nur an der Lehre oder an der Gerechtigkeit orientiert. Und ich hoffe, sie werden das weiterhin tun. Wie wäre es Gott immer wieder auch darum zu bitten, um ein hörendes Herz?

Um ein hörendes Herz bitten, das bedeutet auch Christus ähnlich werden, „an Wesen und Gestalt“ (Röm 8,29), denn er hatte ein Herz für uns Menschen.

 Wenn wir gleich die Taufe feiern, dann geschieht darin nicht nur die Vergebung der Sünden, sondern auch die Eingliederung in Christus. „Denn ihr alle, die auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen“ (Gal 3,27), so werden wir es gleich bei der Übergabe der Taufschals hören. Taufe bedeutet Christus ähnlich werden, durch die Verbindung mit seinem Tod und seiner Auferstehung und ein Teil der Kirche zu werden.

Wenn wir gleich Firmung feiern und die sieben Gaben des Heiligen Geistes auf die Firmanden herabrufen, u.a. Weisheit und Einsicht, dann sollen sie ihnen genau dafür dienen: ein hörendes Herz zu bekommen und immer mehr zu liebenden Menschen zu werden, um die Freude wahrzunehmen, dass wir geschaffen erlöst und geheiligt sind und teilhaben am Reich Gottes und daraus leben dürfen. Jetzt schon. Amen.



Dienstag, 21. Juli 2026

Ambiguitätstoleranz



Predigt Sechzehnter Sonntag im Jahreskreis A, 19.7.2026, Hamburg | Manresa
Les: Weish 12,13.16-19; Röm 8, 26-27; Mt 13,24-30 (-43)

Zunächst ein wenig Pflanzenkunde, um das Gleichnis, wie es uns im Evangelium überliefert wird, zu verstehen. Es war in der Lebenswelt Jesu offenbar bei vielen Menschen selbstverständlich. Ich selbst musste ein bisschen nacharbeiten:
Es geht beim Unkraut um den sogenannten Taumel-Loch (griechisch: zizania). Es handelt sich um eine Pflanze aus der Familie der Süßgräser, deren Größe und Form dem Weizen sehr ähnlich ist. Die Körner sind am Ende gleich groß, dass sie durch Sieben nicht trennbar sind. Sie sind allerdings giftig; beim Verzehr rufen sie Schwindel und Gleichgewichtsstörungen hervor (daher der Name!), Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und gelegentlich den Tod durch Atemlähmung. Verantwortlich dafür ist ein Pilz, der im Samen dieses Grases wächst, der Pflanze selbst aber offenbar nicht schadet.
Taumel-Lolch lässt sich allerdings nicht vorher ausreißen, selbst wenn man ihn unterscheiden kann, denn die Wurzeln der beiden Pflanzen sind so ineinander verflochten, dass beim Jäten bzw. Ausreißen beide Pflanzen entwurzelt werden. Ist der ganze Acker von der Vermischung der beiden Pflanzen betroffen, würde das den Verlust der gesamten Ernte bedeutet. Deshalb soll die notwendige Trennung der beiden Pflanzen erst mit der Ernte geschehen. Während die reifen Weizenähren leicht geneigt sind, steht die reifen Lolch-Halme aufrecht und lassen sich gut erkennen. Bei der Ernte mit der Handsichel werden diese Gräser dann verbrannt.
In unserer Zeit ist der Lolch durch Pestizide und Herbizide weitgehend ausgerottet. Aber die Wirklichkeit, die beschrieben wird, spiegelt eine Erfahrung, die wir teilen: Es gibt Gut und Böse, oft nahe beieinander; es ist beides da und es ist manchmal nicht so einfach, das eine vom anderen zu unterscheiden. 
Jesus sagt: Das Himmelreich entsteht nicht einfach so rein und pur, fällt gleichsam fertig und unschuldig vom Himmel, sondern es ist etwas, das wächst, und zwar unter Bedrängnis. Es ist vermischt mit vielem, was nicht dazugehört und was vom Bösen kommt, vom Feind der menschlichen Natur. Die Frucht dieses Unkrauts ist nicht nutzlos, nein sie ist schädlich. Und wenn ich das nicht erkenne, hat es ein schlimmes Ende.
Es gibt nun jene, die beschwichtigen, den Unterschied zwischen Gut und Böse relativieren. Oder jene, die in Zweifel ziehen, ob es das Böse überhaupt gibt, wenn doch alles von Gott geschaffen ist, dem Urheber alles Guten. Sie nennen eine Unterscheidung verächtlich „dualistisches Denken“. Oder es gibt jene, die zwar anerkennen, dass es Gut und Böse gibt, dann aber Gottes Güte in Zweifel ziehen, so wie die Knechte: „Hast du nicht guten Samen gesät?“
Das Gleichnis ist an dieser Stelle schlicht und klar: das hat der Feind getan. Es gibt das Böse, es gibt den Samen, der vom Bösen gesät wird und es gibt die Frucht, die daraus entsteht und den Menschen krank macht beziehungsweise tötet.
Im Gleichnis steht am Ende eine klare Aufforderung an die Knechte, nicht auszureißen, sondern wachsen zu lassen bis zur Ernte. Erst zur Zeit der Ernte, d.h. zur Zeit des Gerichts, wird es die endgültige Unterscheidung geben.
Was bedeutet das nun für uns? Sollen wir einfach alles hinnehmen, alles wachsen lassen und vielleicht mal gießen und düngen, aber im Grunde akzeptieren, dass es in dieser Welt und auch im Blick auf das Himmelreich Gut und Böse gibt nebeneinander, dass beides sein darf? Dass wir es uns in unserem Alltag, wo alles wächst, mehr oder weniger gemütlich machen können, es lässt sich ja eh nichts tun? Dass wir den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, der offenbar auch ohnmächtig ist angesichts der Entwicklungen dieser Welt?
Nein, ich glaube, das wäre zu kurz gegriffen und würde das Gleichnis missverstehen. Dem Gleichnis geht es um die Geduld, die wir aufbringen soll, angesichts der vielen Entwicklungen und Fehlentwicklungen, angesichts der sehr vielen guten Handlungen in dieser Welt und angesichts des vielen Schlimmen, was es gibt in der Welt, aber auch in uns selbst, im eigenen Herzen.
Also: Ja, wir sollen akzeptieren, dass es immer beides gibt, das Gute und das Böse, und dass genauso so das Himmelreich wächst! Und nein, das bedeutet nicht, beides einfach gleichgültig hinzunehmen.
Das ist jetzt der Schritt über das Gleichnis hinaus, den ich mit ihnen gehen möchte: Ich glaube, wir sollen als Menschen auch jetzt schon versuchen, die eigene Achtsamkeit und Aufmerksamkeit darauf zu richten, zu unterscheiden. Unsere botanischen Kenntnisse sozusagen zu verfeinern.
Ignatius nennt es die „Unterscheidung der Geister“. Er sagt: Jetzt schon, in dieser Welt, können wir zwar nicht aus einer Außen-Perspektive her urteilen und für andere Gut und Böse unterscheiden, aber wir können es aus einer Innen-Perspektive, für uns selbst. Denn beides wirkt dauernd auf uns ein: Das Gute und das Böse; und wir können seine Wirkungen spüren und im Glauben und Vertrauen auf Gott unterscheiden, was in unserem eigenen Herzen geschieht.
Um im Bild zu bleiben: wir können vielleicht nicht direkt den Gutsherrn und den Feind erkennen, aber wir können durch unsere Sinne jetzt schon an den Wirkungen ansatzweise Weizen und Lolch unterscheiden! Dafür braucht es einen klaren Kopf, aufmerksame Sinne, und ein Herz, dass Gott aufrichtig sucht.
Er sagt, es gibt im Menschen dreierlei Einflüsse: Erstens das, was aus uns selbst kommt, unser Charakter, unsere Persönlichkeit, die uns prägen. Zweitens das, was vom guten Geist kommt; drittens das, was vom bösen Geist kommt. All das geschieht ständig, jetzt schon und wir können unsere Aufmerksamkeit mit Jesus Christus zusammen schulen und prägen lassen und so erkennen, was wir tun sollen.
Die Wirkungen des guten Geistes in unserem Herzen sind: Trost, Friede, Freude, Langmut, Güte, und so weiter. Die Wirkungen des bösen Geistes in unserem Herzen sind: Misstrost, Trostlosigkeit, Ärger, Traurigkeit, Grimm, Zorn, Ekel und so weiter.
Es ist nicht so leicht, das Gute und das Böse auseinander zu halten. Manchmal sieht beides auf den ersten Blick ganz ähnlich aus. Gut und Böse sind oft nicht einfach schwarz und weiß, so dass ich klar habe, was ich tun soll. Gottes willen zu suchen und zu finden, ist die große Herausforderung, vor der wir als Christen stehen. 
Dafür braucht es das große Vertrauen, ja die Gewissheit, dass Gottes Reich, auch wenn es manchmal nur winzig erscheint, wenn wir davon nur Ansätze ersehen, sich durch wird setzen wird und zu einem herrlichen und großen Ende kommt. Das sind die wunderbaren Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig, die jetzt Folgen im Matthäus Evangelium.
Am Ende wird Matthäus Evangelium, nach diesen Gleichnissen, noch eine Deutung der Gleichnisse gegeben. Jesus selbst legt dort seinen Jüngern das Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen aus. Ich empfehle sehr, dass Sie die Auslegung einmal lesen. Jesus spricht vom Gericht am Ende der Welt, dass er selbst durchführen wird (Mt 13,31-43).
Es ist gut, solche Worte einmal zu hören oder zu lesen und sich die Konsequenzen des eigenen Handelns vor Augen zu führen. Christus nimmt uns ernst, Christus nimmt unser Leben ernst. Gott wird Gerechtigkeit schaffen, endgültig und für alle. Wer behauptet, wir würden alle unterschiedslos gerettet, hat von der Botschaft Christi nicht viel verstanden. Aber auch wenn dieses Gericht kommt, so kommt es eben nicht sofort, sondern es gibt eine Zeit bis dahin. Und dafür braucht es Mut und Geduld und Unterscheidung, das Gute zu erkennen und zu tun.
Und lade ich Sie ein, dass wir gemeinsam beten: Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. (Reinhold Niebuhr)

Montag, 29. Juni 2026

Gastfreundschaft

Elischa und seine Gastgeberin

Predigt 13. Sonntag im Jahreskreis A 2026, Hamburg | Manresa

Les: 2Kön 4,8-11.14-16a (4,8-16a); Röm 6,3-4.8-11; Mt 10,37-42

Das verbindende Thema der heutigen Lesungen ist die Gastfreundschaft.

1/ Gastfreundschaft in den Lesungen

Der Prophet Elischa wird in Schunem von einer vornehmen Frau (und ihrem Mann) aufgenommen, die ihm ein Zimmer herrichten: ein kleines, gemauertes Obergemach mit Bett, Tisch, Stuhl und Leuchter; mehr braucht es nicht! Elischa ist dankbar für diese Gastfreundschaft und möchte sich erkenntlich zeigen. Soll er ein Wort beim Obersten des Heeres für sie einlegen? Nein, sie wollen nichts haben für ihren Dienst. Sein Diener Gehasi aber ahnt, womit er der Frau und ihrem Mann eine große Freude bereiten konnte; mit einem Kind, das Gott ihnen schenken möge.

Die Jünger, die zwölf Apostel, die von Jesus ausgesandt wurden (vgl. Mt 10,12f.), um das Evangelium zu verkünden, sind auf Gastfreundschaft angewiesen, denn sie haben kein Geld dabei, keine Vorratstasche, und sie hoffen darauf, dass man sie aufnimmt, einfach aus Gastfreundschaft; und vielleicht auch, weil sie Jünger Jesu sind. 

Sie sind keine bekannten Propheten, sie sind keine großartigen Gerechten, sie sind einfach, „kleine“ Leute, die das Himmelreich verkünden und die Botschaft Jesu auf ihre Weise leben.

Die Rede von der Gastfreundschaft im Evangelium ist also Auftrag an die Gemeinden, Gastfreundschaft zu geben und zugleich Ermutigung für die Jünger, sie anzunehmen.

2/ Gastfreundschaft in Lübeck

Gestern fand die Wallfahrt des Erzbistums „auf den Spuren der Lübecker Märtyrer“ statt. Ich selbst bin mit einer Gruppe von Reinfeld aus etwa 20 km auf den Jakobsweg bis nach Lübeck gelaufen. Unser Ziel war die Lutherkirche bzw. die Propstei Herz Jesu, wo die vier Lübecker Märtyrer gewirkt haben. Die Gruppe bestand aus etwa 14 Personen, die von Hamburg aus gelaufen sind. Dazu kamen noch einmal ebenso viele Menschen, die sich in Reinfeld der Gruppe angeschlossen haben. Eine vielfältige Gruppe, die meisten kannten sich nicht und waren doch durch das Ziel und die Botschaft, durch Gesang und Gebet und durch den Rhythmus der Schritte schnell miteinander verbunden. Der Weg ging meist durch den Wald, vorbei an der Trave. So war es trotz der hohen Temperaturen eine erträgliche Wanderung.

Besonders gerne erinnere ich mich an den Moment, als wir am Ziel ankamen, an der Kirche Herz Jesu. Wir wurden schon erwartet, einige Leute aus der Pfarrei und vom Erzbistum, unter anderem Propst Giering und Erzbischof Heße begrüßten uns persönlich, sie reichen uns (wirklich!) einen Becher frischen Wassers, den wir dankbar entgegennahmen. Dann wurden wir in den Garten hinter dem Pfarrheim geführt, wo uns ein Platz zum Ausruhen bereitet war: gedeckte Tische mit Obst und Getränken, Herzhaftes und Süßes, wir wurden sogar bedient. Die Gemeinde hat sich wirklich große Mühe gegeben. 

Es gab noch zwei andere Fußgruppen und eine Fahrradgruppe. Es waren am Ende etwa 80 Pilgerrinnen und Pilger, die unterwegs waren. Ein schönes Erlebnis, aber sicherlich hätten es deutlich mehr sein können. 

„Naja, bei der Hitze …“, so mag sich manche und mancher gedacht haben, „tue ich mir das nicht an.“ Irgendwie verständlich, wenn man alt oder krank oder schwach ist; aber Hand aufs Herz: es ist doch oft auch der innere Schweinehund, den es zu überwinden gilt. Das kann ich jedenfalls von mir sagen, weil ich am Freitag auch überlegt habe, ob ich mir das wirklich antun soll.

Einige, die aus guten Gründen nicht mitgehen wollten oder konnten, sind zur hl. Messe zum Abschluss gekommen und haben so Anteil genommen.

3/ Gefährdete Gastfreundschaft

Und damit sind wir beim dritten Punkt der Gastfreundschaft. Sie ist immer wieder gefährdet, von allen Seiten: Von denen, die Gastfreundschaft erbitten, denn es ist ja mühsam und eine Selbst-Überwindung von jemand anderem etwas zu erbitten. Einfach zu fragen, das kostet etwas! Und sie ist gefährdet von jenen, die Gastfreundschaft gewähren. Denn das ist wirklich Mühe, das alles vorzubereiten. 

Gastfreundschaft ist immer wieder eine Herausforderung. Sie ist wunderbar, wenn sie gelingt und sie ist mühsam und mit Bereitschaft zum Investissement verbunden: Etwas auf sich nehmen, sich selbst überwinden, sich selbst in einer gewissen Weise loslassen, sich trauen, etwas wagen.

Jeder und jeder hat hoffentlich die Erfahrung schon gemacht, was Gastfreundschaft bedeutet, zum Beispiel auch hier in der Gemeinde beim Gastfreundschafts-Projekt mit den Einladungen zum Abendessen und zum Erzählen. Das Projekt gibt es seit über einem Jahr, es ist klein und mühsam, es gibt viele Widerstände und Gefährdungen, aber wenn es gelingt, dann wird etwas von der Herrlichkeit und Freiheit der Kinder Gottes deutlich, die eine neue Art und Weise des Zusammenleben versuchen. Es ist schwierig, darüber zu reden, und das Projekt hat es nicht einmal hier auf der Webseite in den „Blog“ geschafft, weil es um kleine, oft verletzliche und gar nicht so öffentlichkeitswirksame Erfahrungen geht bei der Gastfreundschaft.

Die Eltern und die Familie werden nicht unwichtig. Die Eltern lieben, die Kinder lieben, das ist gut; und Jesus stellt es nicht infrage. Es braucht keine eigene Begründung, es gibt eine natürliche Motivation. Jesus geht es darum, auch die anderen zu lieben und in diesem Evangelium sind konkret zunächst einmal die anderen Christen gemeint, die das Wort verkündigen und der Gastfreundschaft deshalb bedürfen.

Darin besteht die Nachfolge Jesu: ihn zu lieben, und nicht nur die eigene Familie zu lieben. Und ihn sogar im Zweifelsfall mehr zu lieben als die eigene Familie.

Was bedeutet denn „mehr lieben“? Für den heiligen Ignatius war „mehr lieben“ (lat. magis amare), ein wesentlicher Gedanke. Und wie man Jesus nachfolgt und ihn dabei „mehr lieben“ lernt, dazu hat er ein eigenes Buch geschrieben: die Exerzitien, auf Deutsch die geistlichen Übungen.

Das Ziel des Buches, das Ziel der Exerzitien, findet sich im Kern genau in dieser Bitte, die er denen, die Exerzitien machen, mitgibt: „Innere Erkenntnis des Herrn erbitten, der für mich Mensch geworden ist, damit ich mehr ihn liebe und ihm nachfolge.“ (EB 104)

Dieses „mehr“ / magis ist nicht quantitativ gemeint im Sinne von: noch eine Wallfahrt mehr, noch ein Gebet mehr, noch ein Amt in der Kirche, noch ein Dienst, noch ein Opfer. Sondern es ist qualitativ gemeint: die Art und Weise wie ich Jesus liebe, darauf kommt es an! 

Und wie ich Jesus liebe, das zeigt sich dann ganz konkret auch in der Weise, wie ich mit den Menschen umgehe, die ihn lieben, die zu ihm gehören, d.h. wie ich die Jüngerinnen und Jünger Jesu, wie ich die Kirche liebe. Wie gesagt, ganz konkret, das kann ein Becher frisches Wasser sein, den ich den Pilgernden zu trinken gebe.


Nothing is more practical 

than finding God, 

than falling in Love 

in a quite absolute, final way.

What you are in love with, 

what seizes your imagination, 

will affect everything.

It will decide 

what will get you out of bed in the morning,

what you do with your evenings,

how you spend your weekends, 

what you read, 

whom you know, 

what breaks your heart,

and what amazes you with joy and gratitude. 

Fall in Love, 

stay in love, 

and it will decide 

everything.

Pedro Arrupe SJ (1907–1991)