Montag, 15. Juni 2026

Fachkräfte gesucht!

Predigt 11. Sonntag im Jahreskreis A, 14.06.2026 | Hamburg, Manresa

Les: Ex 19,2-6a; Röm 5,6-11; Mt 9,36-10,8

In vielen Branchen in Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Vor allem im Gesundheitswesen, in der Pflege, im sozialen Bereich, im Handwerk und im Bau fehlen Hunderttausende von qualifizierten Fachkräften. Es braucht Menschen, die Lust haben, zu arbeiten und anzufassen. Was kann Menschen dazu motivieren?

Auch gute Politiker werden gesucht: Menschen, die weise und klug unser Volk leiten. Politiker, die für die Armen und Schwachen sorgen und die auf das Gemeinwohl achten. Menschen, die verhindern, dass unsere Gesellschaft immer weiter auseinander-driftet, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer wird, die zusammenführen können und den Mut haben, unbequeme Entscheidungen zu treffen; die nicht nur auf Partikularinteressen achten. Wo sind sie zu finden?

Um "Fachkräftemangel" geht es auch in den heutigen Lesungen! 

In der Lesung aus dem Buch Exodus wird Mose, dem Propheten, von Gott mitgeteilt, was er den Israeliten sagen soll: Sie sollen tun, wozu er sie als sein heiliges Volk berufen hat! Sie sollen auf seine Stimme hören und seinen Bund halten! Es gibt viele Menschen auf der Erde, und alle gehören dem Herrn. Sein besonderes Volk aber hat Gott aus Ägypten befreit, er hat es behütet und beschützt und „auf Adlerflügeln getragen“ (wie ein Adler seine Jungen beschützt, auch wenn er sie mit den Füßen und nicht mit den Flügeln trägt!). Von daher haben sie nicht nur eine besondere Würde, sondern auch eine besondere Aufgabe, die sie alle, als priesterliches Volk, erfüllen sollen. Das Volk als Gemeinschaft kann etwas tun, was nur eine Fachkraft kann: Die Weisungen Gottes halten! 

Auch Jesus sucht Fachkräfte: Ausgangspunkt ist seine Wahrnehmung, dass die Menschen um ihn herum müde und erschöpft sind. Und indem er auf die Menschen schaut, ihre Sorgen und Ängste wahrnimmt, ihre Krankheiten heilt und sich ihnen zuwendet, wird er von Mitleid ergriffen. Es ist ein sehr starkes Gefühl, wörtlich: „er wurde in den Eingeweiden bewegt.“ Das ist nicht nur ein schlichtes Mitgefühl, das ist wirklich „compassion“ angesichts der erbärmlichen Situation so vieler Menschen. Und Jesus erkennt, warum es den Menschen so schlecht geht, warum sie müde und erschöpft sind: „Denn … sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Das Wort erinnert an den Wunsch des Propheten Mose, einen Nachfolger zu finden, damit das Volk ins Gelobte Land zieht (vgl. Num 27,17). Und es erinnert an die Mahnungen des Propheten Ezechiel (vgl. Ez 34).

Es fehlt den Menschen um ihn, so die Deutung Jesu, an Orientierung. Es fehlt ihnen an Werten, an Güte, es fehlt an innerer Ordnung und Leitung, es fehlt ihnen ein Vorbild. Es gibt vielleicht Menschen, die vorgeben, Hirten zu sein. Aber schlechte Hirten sind eben keine Hirten!

Es braucht keine Hirten, die sich selbst weiden, die ihre Schafe für eigene Zwecke nutzen, das Fett verzehren und sich mit der Wolle kleiden. Es braucht gute Hirten, die Schwache stärken, die Kranke heilen, die Verletzte verbinden, die Verlorene suchen und die Herde insgesamt schützen. Die auf die Suche gehen, gute Weide finden und Orientierung bieten.

Und er spürt, das ist eine große Aufgabe, dafür braucht es Fachkräfte. Es bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit. Das Bild von der Ernte deutet darauf hin. Jetzt ist die Zeit, jetzt ist der Moment, es da Gott selbst sich seines Volkes annimmt. Es ist Endzeit!

Von daher gibt es zwei Bewegungen bei Jesus, von denen der Text berichtet. Zum einen ruft Jesus seine Jünger zum Gebet auf: „Bittet den Herrn der Ernte!“ Ich schaffe es nicht allein und ja, auch ihr schafft es nicht allein. Immer werden wir darum bitten müssen, dass Gott hilft. Bildet Euch nicht ein, dass ihr die Lage selbst in den Griff bekommt, mit Euren Pastoralplänen oder irgendwelchen Strukturreformen. Vertraut darauf, dass Gottes Wirken unter Euch bleibend gegenwärtig ist. Das ist das erste.

Und dann die Berufung der Jünger. Sie werden einzeln beim Namen genannt. Die Zwölf, die für das ganze Volk Israel stehen, für alle Stämme des Volkes, sie sollen Jesus bei seinem Dienst helfen. Das ist ihre Mission, ihr Auftrag: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!“ (Mt 10, 7-8)

Und zwar umsonst! Denn dafür sind sie Fachkräfte! Sie haben nicht nur den Auftrag, sondern auch die Kompetenz dazu von Jesus erhalten. So heißt es: „Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.“ (Mt 10,1).

Ja, in Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Und außerdem brauchen wir gute Politikerinnen und Politiker, die bereit sind, gute Hirtinnen und Hirten zu sein. Aber genauso herrscht auch im religiösen Bereich ein Fachkräftemangel. Und damit meine ich nicht nur Mangel an Hauptamtlichen oder einen Priestermangel. Sondern es geht ja um das ganze Volk, das sich an die Befreiung durch Gott erinnern soll, das die Gebote bewahrt, seinen Bund hält und auf seine Stimme hört. 

Es gibt einen Fachkräftemangel an Menschen, die mit der Vollmacht Jesu hingehen und das Reich Gottes verkünden, die für arme und kranke Menschen da sind, gute Seelsorgerinnen und Seelsorger, Zeugen der frohen Botschaft sind.

Wir dürfen darum beten. Immer wieder. Und wir dürfen uns freuen, wenn Menschen beim Namen gerufen werden und sich dafür zur Verfügung stellen.

Heute Abend werden einige Frauen und Männer, die sich auf die Taufe bzw. den Eintritt in die katholische Kirche vorbereiten, das Glaubensbekenntnis empfangen. Die Übergabe des Glaubensbekenntnisses ist nicht ein Papier, das sie erhalten, sondern das Zeugnis des lebendigen Glaubens, den die Gemeinde bekennt und damit weitergibt.

Es sind Menschen, die in sich eine Sehnsucht gespürt haben, die bewegt wurden, auf das Wort Gottes zu hören. Es sind Menschen, die sich für den Glauben interessieren, die in die Schule gehen, eine Ausbildung machen, sich bilden lassen. Es sind noch keine Fachkräfte, und sie werden den allgemeinen Fachkräftemangel nicht beseitigen, aber wir dürfen uns freuen, dass sie heute Abend hier sind, und hinzutreten möchten, zu jenen, die von Gott geliebt sind als sein besonderes Eigentum.


Montag, 1. Juni 2026

Gotteserfahrungen

Predigt Dreifaltigkeitssonntag A 2026, Hamburg | Manresa 

Gibt es „Gotteserfahrungen“? Kann man Gott, den einen, wahren, dreifaltigen Gott, in diesem begrenzten Leben als Mensch erfahren?

Die Theologen sind an dieser Stelle vorsichtig. Denn in der Philosophie wird Erfahrung seit Immanuel Kant beschrieben als ein verstandesmäßiges Erfassen von jenen Dingen in dieser Welt, die wir mit unseren Sinnen begreifen und erleben können.

Wir können zum Beispiel Helgoland erfahren. Wir können dort mit dem Schiff hinfahren, auf der Insel herumspazieren, die Luft atmen, das Rauschen der Wellen an den Klippen hören, die Steine berühren. Selbst wenn wir nur einen Tag dort sind und noch nicht alles gesehen haben, kann man zurecht behaupten: ich bin dort gewesen; ich habe Helgoland erfahren. Und auch jene, die noch nicht dort waren, werden glauben, dass es Helgoland gibt und so etwas wie eine Erfahrung von Helgoland möglich ist.

Bei Gott aber ist es anders. Gott ist nicht ein Ding dieser Welt, wir können ihn nicht mit unseren Sinnen erfassen und vor allem: wir können Gott nicht vollständig begreifen oder verstehen. Das liegt im Wesen Gottes begründet.

Denn Gott ist der Grund von allem, was ist, er ist unbegrenzt, ewig. Gott ist allwissend, gültig. Das bedeutet: Er ist anders als die Dinge, die wir kennen und die wir erfahren können. Von daher sagen die Theologen: nein, es gibt keine Gotteserfahrung in diesem Sinne, wie wir die Dinge dieser Welt erfahren.

Nun kann man einwenden, dass es immer wieder Menschen gibt, die Gotteserfahrungen gemacht haben und davon berichteten. Die Bibel ist voll davon! Heute in der ersten Lesung haben wir von einer besonderen Gotteserfahrung gehört, von Mose, wie er Gott auf dem Sinai begegnet.

Der Herr stieg in der Wolke hinab und stellte sich dort neben ihm. Er, d.h. Gott selbst, ruft vor ihm seinen Namen aus und geht vor seinem Angesicht vorüber. (Ex 34,5-6).

Das alles ist sehr ungewöhnlich! Noch kurz vorher war, im gleichen Buch Exodus, noch festgehalten worden, was in Israel für alle Zeiten gilt: „Du kannst Gottes Angesicht nicht schauen, denn kein Mensch kann Gott schauen und am Leben bleiben!“ (Ex 33,20). Mose wurde als Ausnahme gewährt, dass er den Rücken Gottes schauen dürfte, wenn der Herr in seiner Herrlichkeit vorüberzieht. (Ex 33)

Und so wird stets wiederholt: Das Angesicht Gottes kann kein Mensch auf Erden schauen. So heißt es im Neuen Testament, im Johannes-Evangelium, gleich zu Anfang im Prolog und mit Verweis auf die Einzigartigkeit Jesu, der in diese Welt kommt: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18)

Wenn also Mose das Angesicht Gottes doch schaut, dann ist das, was hier geschieht, ganz und gar außergewöhnlich. Er findet Gnade in den Augen des Herrn. Er hört nicht nur den Namen Gottes, sondern er spricht mit dem Herrn, der mit ihm einen Bund schließt. So etwas ist gemäß der Überlieferung Israels außer Mose nur Elija geschenkt worden. Und das sind übrigens die beiden Propheten, Mose und Elija, mit denen Jesus auf dem Berg der Verklärung spricht. Diese drei Menschen teilen miteinander die Erfahrung, dass sie Gott gesehen haben.

Doch auch andere Menschen berichten davon, dass sie Gott erfahren haben. Vielleicht haben sie Gott nicht so gesehen wie Mose und Elia, aber sie haben etwas erlebt, was sie nicht zweifeln lässt und was sie sagen lässt: da war Gott gegenwärtig.

Genauso ist es den Jüngern gegangen, die mit Jesus unterwegs war. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“, so sagt Jesus. Das ist die Grundlage des Festes, dass wir heute feiern, dass wir glauben und erkennen, dass Menschen in Jesus Christus als dem Sohn Gott selbst begegnen und dass der Vater sich durch Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist. Dass wir Gott erfahren. Und das ist keine Blasphemie!

Paulus z.B. berichtet davon, wenn er über Visionen und Offenbarungen im zweiten Brief an die Korinther spricht, dass er einen Menschen kennt (und offenbar spricht er von sich selbst!), der vor vielen Jahren in den Himmel entrückt wurde, wo er unsagbare Worte hörte. Es handelt sich wohl eine spirituelle Erfahrung, die er durch Jesus Christus gemacht hat und die er mit Gott in Verbindungen bringt, d.h. als eine Vision oder Offenbarung Gottes ansieht.

Wir glauben: Gott offenbart sich den Menschen auf vielfältige Weise. Menschen erleben und erfahren Gott. Insofern denke ich, kann man durchaus von „Gotteserfahrungen“ sprechen, wenn bewusst bleibt, dass diese Erfahrungen anders sind als die Erfahrungen der Dinge der Welt, die wir begreifen und zu verstehen suchen. Der heilige Augustinus sagt einmal: wenn du es begriffen hast, dann ist es nicht Gott. „Si comprehendis non est Deus.“

Wenn wir heute das Fest der Dreifaltigkeit feiern, dann freuen wir uns über einen Gott, der uns in Jesus Christus nahegekommen ist; der uns mit seiner Liebe und Barmherzigkeit entgegenkommt. Der im Heiligen Geist mit ihm und untereinander verbindet. Wir glauben an einen Gott, der in sich Liebe ist und Beziehung. Der sein Wort und seinen Geist in diese Welt gesandt hat, um uns das Geheimnis des göttlichen Lebens zu offenbaren. Ein Geheimnis ist keine Rätsel, das wir lösen sollen, sondern ein Raum, in dem wir daheim sein können.

Gott gibt sich in seinem Sohn hinein in diese Welt, damit wir ihn erfahren und damit wir gerettet werden. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt, sondern damit sie durch ihn gerettet wird.“ (Joh 3,17). Öffnen wir uns für diese Erfahrungen der Gegenwart Gottes in unserem Alltag, im Gebet und in den Begegnungen mit den Menschen - und auch jetzt in der Eucharistie. Amen.

Montag, 25. Mai 2026

Crossconnection

Predigt Pfingstvigil 2026

Lesung: 1Petr 2,3-5 (= GL 653) „Denn ihr habt gekostet, wie gütig der Herr ist. Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist! Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen!“

Liebe Geschwister im Glauben, haben Sie schon einen Instagram-Account? Haben Sie einmal darüber nachgedacht, sich einen anzulegen?

Vor einigen Tagen schrieb mir Christian Busemann, mit dem ich regelmäßig einen Podcast aufnehmen: „Ich finde, Du solltest einen Insta-Account machen!“ Seine Begründung: „Du würdest viele Leute aus den Messen und Kursen versammeln und durch die crossconnection, könnten es immer mehr werden - und immer mehr kämen in die Kirche.“

Ich schätze Christian Busemann sehr. Er ist ein Autor, Familienvater und Medienmensch, der den katholischen Glauben für sich vor einigen Jahren auf einer Pilgerwanderung nach Assisi neu entdeckt hat und in der katholischen Kirche gefirmt wurde. Schon damals hatte er die Idee mit einem Podcast, um spirituell suchende Menschen zu erreichen und all diejenigen, die ein besseres Verständnis vom Glauben und seiner praktischen Umsetzung bekommen möchten.

Für den monatlichen Podcast von etwa 30 Minuten, den ich mit ihm nun seit über einem Jahr aufnehme, suchen wir Themen, die die spirituelle Tradition des christlichen Glaubens in der katholischen Kirche für heute erkunden: Geistlich – praktisch – gut, so haben wir gesagt; in Anlehnung an das Motto, das Jeronimo Nadal, ein Gefährte des Ignatius von Loyola für die spirituelle Tradition der Jesuiten erfunden hat: spiritu – corde – practice, d.h. geistlich, herzlich, praktisch.

Es macht mir Freude, den Podcast aufzunehmen und über die Themen des Glaubens zusammen nachzudenken. Und das überträgt sich offenbar. Wir erreichen mit jeder Folge in etwa 300 – 400 Personen. Das sind mehr als hier in die hl. Messe kommen.

Wir sind inzwischen bei Folge 15 über den hl. Ansgar, davor gab es eine Folge, wie man die Bibel lesen kann oder was Einsamkeit bedeutet. Sie sehen, es sind verschiedene Themen; vielfach gehen wir davon aus, was uns als Frage im Alltag begegnet. 

Nun also zurück zu dem Vorschlag von Christian Busemann, ich solle einen Insta-Account machen. Wie gesagt, ich schätze Christian Busemann, aber in diesem Fall bin ich nicht seiner Meinung.

1/ Instagram hat, durch die hervorragende Technik und die vielen Algorithmen, ein großes Suchtpotenzial. Es ist in alle Richtungen unendlich. Man kann von einer Person zur anderen, von einem Thema zum nächsten, von einem Bild zum nächsten, von einem Video zum nächsten Video wischen – es hört nie auf!

2/ Nicht alle Inhalte bei Instagram sind hilfreich und gut. Zu einem christlichen Leben mit den Gelübden gehört auch das Gelübde der Keuschheit; ich übersetze es gerne mit „bei sich bleiben können“ – und Instagram bewirkt bei mir das Gegenteil. Und ich möchte da nicht auch noch mitmachen. Obwohl ich weiß, dass es auch viel Gutes dort gibt.

3/ (und das ist das Entscheidende): Es geht mir ja gar nicht darum, dass ich selbst möglichst viele Follower habe oder Menschen versammle. Es geht mir darum, dass Menschen in die Kirche kommen; auch ohne mich. Wenn ich dazu hilfreich sein kann, wenn ich Zeuge der Hoffnung sein kann, ist das wunderbar. Aber ich würde mir wünschen, dass sie sich selbst mit Christus verbinden und immer mehr auf seinen Geist hören.

Ja, es stimmt, ich versuche Menschen miteinander zu vernetzen. Ich möchte wie eine Brücke sein, die Menschen miteinander verbindet. Und ich wünsche mir sehr, dass es hier bei Manresa oder bei den Kursen viel „crossconection“ gibt, so dass Menschen voneinander wissen, sich gegenseitig bereichern, im Glauben und vielleicht sogar in den Sorgen und Nöten des Alltags unterstützen; das ist wirklich mein Herzenswunsch und meine Bitte an Gott, wenn ich Menschen zu Christus einlade. Wenn ich sie einlade, „zu kosten, wie gütig der Herr ist.“ (Kommunionvers).

Der Petrusbrief, aus dem wir gerade gehört haben, formuliert eigentlich den gleichen Wunsch, nämlich Menschen zu Christus zu führen: „Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist“ (1Petr 2,4)

Sicherlich: er benutzt ein ganz anderes Bild. Er redet nicht von social media, um über den Glauben zu reden. Weil der Autor in der Antike lebt, die geprägt ist von wunderbaren, großen Bauten aus Stein, von prächtigen Tempeln und Stadien, nutzt der Autor das Bild von einem Haus-Bau, wenn er von „crossconnection“ redet. „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen!“ (1 Petr 2,5)

Ich glaube, das ist wirklich Kirche: Menschen, die auf eine geistige Weise mit Jesus Christus und miteinander verbunden sind. Menschen, die ein geistiges Haus aufbauen, einen „Raum“, in dem Begegnung mit Gott möglich wird. Ein Raum für echte Begegnungen, nicht nur online oder digital. Eine Crossconnection, die eine Form von Dank und Anbetung und Hingabe lebt, geistige Opfer, d.h. eben keine blutigen Opfer – davon gibt es in dieser Welt gerade zu viele. Sondern Opfer des Lobes und des Dankes. Das ist es, was Gott gefällt. Amen!

Sonntag, 17. Mai 2026

Bekenntnisse

Predigt Siebter Sonntag der Osterzeit A, Hamburg | Manresa

Ständig Bekenntnisse, in Social Media oder in persönlichen Gesprächen: Menschen bekennen sich, wohin sie in Urlaub fahren oder was ihr liebster Fußballverein ist. Sie bekennen sich zur Demokratie oder zu ihrem Zweifel an den demokratischen Parteien. Daniel Haas bekennt sich zum Katholizismus. Der Katholikentag in Würzburg bekennt sich gegen Hass und Gewalt. Menschen bekennen sich zu ihrer sexuellen Identität oder zu ihrer Ernährungsweise, zu bestimmten Musikrichtungen oder zum Fahrrad als ihrem Transportmittel der Wahl. Woher kommt diese Leidenschaft zum Bekenntnis? 

Es könnte damit zusammenhängen, was der Philosoph Charles Taylor als ein spezifisches Merkmal säkularisierter westlicher Gesellschaften in den Blick nimmt: eine Kultur der Authentizität.

Bekenntnisse sind individuelle Mitteilungen, die auf die Besonderheit des eigenen Selbstseins hinweisen. Zugleich weisen sie über das Individuum hinaus: Mein Bekenntnis zum Vegetarismus hat Vorbilder und mit ihm gehöre ich einer Gruppe an, die meine Identität mitbestimmt. Häufig gibt es dazu passende Verhaltensweisen.

Das eigene Bekenntnis kann auch ein religiöses Bekenntnis sein. Meist wird es dann Zeugnis genannt und beschreibt das eigene Selbstverständnis. So wird es besonders in stärker individualisierten Religionsformen im Bereich freikirchlicher Frömmigkeit gelebt, wo die persönlichen Zeugnisse, wie Gott im eigenen Leben gewirkt hat, emphatisch vorgetragen werden.

Bei uns in der katholischen Tradition hat das religiöse Bekenntnis seinen klassischen Ort im Gottesdienst. Es ist ein Text, den wir gemeinsam beten, z.B. das Apostolische Glaubensbekenntnis oder das Nizäno-Konstantinopolintanum, das sogenannte Große Glaubensbekenntnis. Doch es gibt eine merkwürdige Spannung zwischen dem traditionellen christlichen Glaubensbekenntnis und der Kultur der Authentizität. Das hat meines Erachtens zwei Gründe.

Zum einen ist das Glaubensbekenntnis ein festgefügter Text, über den in der Glaubensgeschichte immer wieder intensiv gerungen wurde. Dieser Text darf nicht einfach verändert oder den eigenen Erfahrungen oder Wünschen angepasst werden. Sie besitzen einen hohen Verbindlichkeitsgrad, der mir persönlich erst einmal vorgegeben ist. In einer Kultur, die individuelle Selbstverwirklichung zum höchsten Wert erhebt, erscheinen solche universalen Ansprüche verdächtig. Du folgst Vorgaben, die Dir sagen, wie und wodurch ihr Leben zur Vollendung kommen wird?

Zum anderen sind die Worte, die darin vorkommen, nicht ohne Weiteres verständlich. Sie gleichen Codewörtern, die nicht mehr übersetzbar sind. Die Erosion religiöser Grundbegriffe ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sogar vermeintlich selbst-verständliche Ausdrücke wie „Nächstenliebe“ oder „Seelsorge" erklärungs-bedürftig werden.

Wer sich religiös bekennt, muss sich heute daher rechtfertigen: Ist das wirklich deine eigene Überzeugung oder nur übernommene Tradition? Die Unterstellung lautet: Religiöse Menschen haben sich nicht selbst gefunden, sondern wurden gefunden und das erscheint als Defizit. Das gilt insbesondere im Blick auf die katholische Tradition.

Der Glaube als individuelle Überzeugung gewinnt in den letzten Jahren an Bedeutung, während sein öffentlicher Ausdruck auf Zurückhaltung stößt. Christlich-religiös zu sein bedeutet heute, sich erklären zu müssen als Teil einer Minderheit in einer Gesellschaft von Distanzierten. Das verlangt Mut, insbesondere von jungen Menschen, in einem Umfeld wie in Hamburg.

Diese Herausforderung bewirkt nun paradoxerweise, dass religiöse Bekenntnisse identitätsstiftende Wirkung haben können, und zwar nicht nur in Form der Abgrenzung nach außen. Sie machen sichtbar, wofür ein Mensch steht und welche Werte sein Leben tragen. In einer pluralen Gesellschaft können sie Orientierung geben, sowohl nach innen wie nach außen. Wer sich religiös bekennt, weiß eher, worauf er vertraut, und kann aus dieser Klarheit heraus handeln. Jedoch kann die Funktion der Identitätsstiftung die Spannung nicht relativieren, in der sie zur Kultur der Authentizität steht.

Wie sollen wir also mit dieser Spannung gut umgehen? Ich glaube, das Evangelium heute gibt uns einen wichtigen Hinweis.

Im Evangelium spricht Jesus zu uns in Form eines Bekenntnisses. Es ist ein Gebet Jesu, das der Evangelist Johannes uns überliefert, das sogenannte hohepriesterliche Gebet. Unmittelbar vor seinem Tod, nach dem Abschied von seinen Jüngern, in der Nacht der Verlassenheit, spricht Jesus dieses Gebet. Voller Liebe zu seinen Jüngerinnen und Jüngern, voller Dankbarkeit und Hoffnung, bittet er seinen Vater für alle, der Gott ihm anvertraut hat, denn sie leben in dieser Welt.

Worum er genau bittet, wird in dem Abschnitt, den wir gehört haben, noch nicht deutlich. Das wird später genannt. Was aber schon deutlich wird: Das Gebet beginnt mit einem großen Bekenntnis. Jesus bekennt sich zu seinem Vater. Jesus bekennt sich zu seiner Sendung, zu seinem Auftrag. Jesus bekennt sich zu den Menschen, die Gott ihm anvertraut hat, und die Gottes Wort bewahrt haben.

Dieses Bekenntnis hat eine Wirkung auf uns, wenn wir es hören – und das hat der Evangelist ohne Zweifel beabsichtigt - insofern in diesem Bekenntnis für uns etwas von der Herrlichkeit, d.h. der Schönheit und der Bedeutung Gottes für Jesus und damit auch für uns deutlich wird. Um diesen Begriff kreist der Text. Wir können es auch mit Ausstrahlung, Bedeutung übersetzen.

Als die Engel bei den Hirten auf den Feldern die Geburt Jesu verkündeten, da sprachen sie: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade. Diese Ehre, diese Schönheit, das ist auf Griechisch das gleiche Wort wie die Herrlichkeit, von der Jesus hier spricht. Jesus vertraut auf etwas, was ihm von Gott geschenkt wird – und gleichzeitig lebt er es authentisch und findet darin seinen eigenen Auftrag.

Wir dürfen das ruhig auf uns übertragen und das Bekenntnis Jesu in seiner Form als Gebet als ein Vorbild nehmen: Denn wenn ein religiöses Bekenntnis die Beziehungsdimension zu Gott deutlich macht, sprich: wenn ein religiöses Bekenntnis ein Gebet wird, dann behält es eine dialogische Form. Die Bekenntnisse des hl. Augustinus sind übrigens nicht ohne Grund auch in dieser Form geschrieben, als Gebet.

Denn das Bekenntnis als Gebet bzw. das Gebet als Bekenntnis ist klar und bleibt doch offen. Es ist Ausdruck einer existenziellen Suche. Es bringt zum Ausdruck, dass die Inhalte des christlichen Bekenntnisses wie Wegmarken einer authentischen Ausdrucksform des Christseins sind, das in Dankbarkeit das Erlebte anerkennt, ohne zu einer markanten und autoritätsförmigen Bekennerhaftigkeit bzw. einer Form von „Gottesprotzerei“ (Elias Canetti) zu werden. Es ermöglicht anderen, mit den betenden Menschen über die identitätsstiftenden Gründe des Lebens ins Gespräch zu kommen. Wer sich religiös als Beter bekennt, ermöglicht anderen, eigene Haltungen zu reflektieren und sich darüber auszutauschen.

Worauf es ankommt? Auf eine Balance zwischen der individuellen Annahme des religiösen Bekenntnisses einerseits und der Einbindung in eine Glaubensgemeinschaft andererseits.

Ein christliches Bekenntnis ist immer etwas sehr Persönliches. Es geht um Deutung, Erfahrung, Entscheidung. Das kann einem niemand abnehmen. Der Glaube ist etwas Persönliches. Auf die Frage, wie viele Wege gibt es zu Gott, hat Papst Benedikt XVI. gesagt, so viele, wie es Menschen gibt. Ein religiöses Bekenntnis ist immer auch etwas Gemeinschaftliches: Niemand kann alleine glauben. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Wir brauchen die anderen, um unseren Glauben leben zu können.

In diesem Sinne: Bekennen wir gemeinsam unseren Glauben!

Wichtige Anregungen und Zitate aus: Johannes Lorenz: Im Schatten der Authentizität. Was vom religiösen Bekenntnis bleibt, in: Julia Knop, Bernhard Knorn, Paul Schroffner, Yauheniya Danilovich (Hg.), 1700 Jahre Konzil von Nizäa. Vom Ereignis zur Rezeption, Quaestiones disputatae 352, Freiburg (Herder) 2026, S. 21-27.

Montag, 20. April 2026

Zeichen der Zeit

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Buckelwal

Predigt 3. Sonntag der Osterzeit A 2026 Hamburg, Manresa

Liebe Schwestern und Brüder,

was beschäftigt sie in diesen Tagen nach Ostern besonders? Sind es persönliche oder familiäre Probleme? Sind es finanzielle oder berufliche Sorgen? Sind es gesundheitliche Fragen oder Zukunftsthemen?

Die Nachrichten überschlagen sich immer mehr, so scheint es mir. Ich lasse die vielen gesellschaftlichen Themen und weltweiten Konflikte immer weniger an mich heran, denn ich kann die Nachrichten kaum ertragen: der Krieg in der Ukraine, im Nahen Osten, mit dem Iran. Die Krise im Sudan, Venezuela, Myanmar. Die ökologischen Katastrophen, die wirtschaftlichen Sorgen, und mittendrin: Timmy.

Es ist das große Thema in den deutschen Medien: Timmy ist ein Buckelwal, der Anfang März erstmals in der Ostsee gesichtet wurde und sich mehrfach in den Netzen der Fischer verfing. Am 23. März stand der Wal auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand, daher sein Name.

Es wurde eine Rinne gegraben. Er konnte die Sandbank schließlich verlassen, strandete jedoch schon kurze Zeit später wieder, diesmal in der Wismarer Bucht. Seit nun bald drei Wochen liegt er in der Kirchsee vor der Insel Poel. Tierärzte sagen, dass er gesundheitlich so schwach ist, dass er sterben wird. Die Leute sollten ihn bitte einfach in Ruhe lassen.

Die öffentliche Anteilnahme ist jedoch riesig. Und nun gibt es eine private Rettungsaktion, um ihn ins Meer zurückzubringen. Mehrere Millionen soll es kosten, Ausgang ungewiss. Gibt es nicht wichtigere Themen? Warum bekommt der Wal solch eine Aufmerksamkeit? Warum dieses Mitleid für ein besonderes Tier, wo so viele Tiere leiden und sterben?

Der Kommentar auf Seite 1 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt uns: „Der Wal ist zum Symbol geworden. Die Gefühlsausbrüche, die seine Lage verursachen, mag mancher als Zeichen dafür nehmen, wie grausam unsere Zeit ist. Man kann aber auch sagen: Hier ist ein sichtbares Zeichen dafür, wie gut es uns geht.“ (FAZ, Kommentar von Reinhard Müller, 15.4.2026, S. 1)

Das Schicksal des Wals bewegt die Menschen, denn es zeigt ihnen das Leiden der Kreatur, die durch die Umwelteinflüsse ihre natürliche Orientierung verloren hat.

Der Sponsor der neuen Rettungsaktion, Walter Gunz, sagt, das Schicksal des Wals, lasse ihn nicht los, da ihn das tieferliegendene Problem bewege: der Wal sei „ein Opfer des Irrsinns, der Profitgier und der unüberlegten Handlungen von Menschen“. (Abendblatt, 18.4.2026, S. 48) Das sagt wohl gemerkt, der Gründer der großen Einkaufskette, Media-Markt, der mit kurzlebigen Elektroartikeln sehr viel Geld verdient hat! Ja, der Wal ist ein Zeichen für das Leiden der Kreatur, das auch durch die Sünde der Menschen verursacht wird.

In den Evangelien wird überliefert, dass Jesus selbst im Wal ein Zeichen gesehen hat. Er sagt im Blick auf diese böse und treulose Generation (Mt 12,39), die von ihm ein Zeichen fordert, es werde ihr kein anderes Zeichen gegeben, außer das Zeichen des Propheten Jona: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Mt 12,40).

Das Zeichen des Jona ist das Zeichen der Umkehr und der Auferstehung! Dieses Zeichen ist uns geschenkt worden, unserer Generation! An Ostern feiern wir dieses Zeichen. Mit den Jüngern dürfen wir bekennen: „Es ist der Herr!“ (Joh 21,7). - „Gott hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt.“ (Apg 2,24). Er hat damit die Verkündigung Jesu bestätigt und uns die Fülle des Lebens geschenkt. Er hat ihn beglaubigt und seine Botschaft vom nahe gekommenen Reich Gottes für uns alle mit Wahrheit und Freude bestätigt.

Das bedeutet nicht, dass die Sünde der Menschen, „der Irrsinn, die Profitgier und die unüberlegten Handlungen“ einfach abgeschafft wurden. Es bedeutet, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Dass wir losgekauft wurden, um einen teuren Preis, um an Gott glauben und auf ihn hoffen zu können. (1Petr 1, 21).

Die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und zu deuten, das ist unsere große Aufgabe. (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes). Jedoch sind Zeichen immer mehrdeutig. Deshalb sollen wir die Zeichen der Zeit vom Evangelium her lesen und deuten.

Der Wal Timmy kann uns berühren und wachrütteln. Er kann uns motivieren, dass Leiden der Schöpfung wahrzunehmen und uns für einen besseren Umgang mit der Umwelt einzusetzen. Als Christen dürfen wir uns jedoch nicht in eine apokalyptische Untergang Szenarien flüchten und trauern, als ob wir keine Hoffnung haben (1Thess 4,13). Denn auch die Schöpfung wartet auf das Offenbar-Werden der Söhne und Töchter Gottes und darauf, dass sie Anteil hat an der Herrlichkeit Gottes (Röm 8,21).

Jesus Christus lebt! Er ist für uns Menschen auferstanden! Aber die Auferstehung und die Herrlichkeit, die wir erwarten und erhoffen, gilt für alle Geschöpfe - auch für Timmy! Amen.

Montag, 6. April 2026

Status: auferweckt


Predigt Ostern 2026, Manresa | Hamburg 

Les: Apg 10, 34a.37-43; Kol 3,1-4; Joh 20,1-9

Einige von meinen Freunden posten regelmäßig bei WhatsApp ihren „Status“, d.h. sie machen Bilder und stellen Sie dort hinein für eine kurze Zeit. Die Bilder zeigen, wo sie gerade sind, was sie gerade erleben, usw. Und sie erwarten dann, dass ich mir ihren Status anschaue und genau weiß, was gerade bei ihnen los ist. Wenn ich dann mal nachfrage: wie geht es Dir? Wo bist du denn gerade oder: Was machst du so? dann sagen Sie: „Ach, schaust du gar nicht in meinen Status?“ Nein, tue ich nicht. Sie vielleicht? Schauen Sie in den Status?

Wenn Jesus damals WhatsApp gehabt hätte: Was wäre sein Status heute am Ostersonntag gewesen? Was wäre seine Botschaft an die Jüngerinnen und Jünger an diesem Sonntag gewesen, an diesem ersten Tag der Auferstehung? Welchen Status hätte man bei ihm sehen können? Gestorben? Von Gott auferweckt? Ich bin zurück? Aus den Toten auferstanden? Was würde Jesus an Ostern in seinem Status posten? Drei Gedanken dazu.

1/ Sein Status ist nur für die sichtbar, die an ihn glauben.

Immer wieder wird das in den Ostererzählungen deutlich: Manche sehen ihn, andere nicht, obwohl er offenbar da ist. Auch die Apostelgeschichte, aus der wir heute gehört haben, berichtet davon: „Gott hat ihn erscheinen lassen, zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott, vorherbestimmten Zeugen, uns, die wir nach seiner Auferstehung von den Toten mit ihm gegessen und getrunken haben.“ (Apg 10,40f.)

Jesus erscheint nicht allen, er macht sich subjektiv erfahrbar und ist daher auf eine gewisse Weise nicht mehr unabhängig von denen, die an ihn glauben. Er ist nicht mehr „objektiv“ erfahrbar. Deshalb ist es wichtig, dass die Jünger von ihm Zeugnis geben: „uns hat er geboten dem Volk zu verkündigen und zu bezeugen.“ (Apg 10, 42)

Allerdings: Auferstehung Jesu erfahren nicht nur einige wenige Menschen. Dann könnte man denken, dass es sich um eine Halluzination oder um eine Wahn-Vorstellung handelt. Nein, Auferstehung Jesu sehen viele Jüngerinnen und Jünger Jesu, teils unabhängig voneinander, an ganz verschiedenen Orten. Viele haben ihn gesehen, allerdings nur jene, die an ihn glauben.

2/ Die Vorgeschichte ist wichtig. 

So wie Petrus bei seiner Verkündigung ganz von vorn beginnt, so ist es immer, wenn wir von der Auferstehung reden. Petrus verkündet: „Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.“ (Apg 10, 37-38)

Nur wer den ganzen Zusammenhang kennt des Lebens Jesu kennt, kann auch die Auferstehung sehen. Tod und Auferstehung gehören zusammen. Jesus ist für sein seine Freunde an seinen Wundmalen erkennbar. Das Leiden ist nicht einfach weg, sondern es ist verwandelt. „Durch deine heiligen Wunden sind wir geheilt“, so haben wir in der Osternacht gebetet.

In diesem einen Status „auferweckt“ ist die ganze Geschichte Jesu, ja sogar die ganze Heilsgeschichte Israels gebündelt. Es ist ein Serienbild, ein Bild aus vielen Bildern. Niemand wird Auferstehung auch nur ansatzweise verstehen, wenn er nicht mit Jesus eine Zeit lang unterwegs war. Deshalb ist die Vorbereitung auf die Taufe so wichtig. Wir verpflichten die Taufbewerber auf einen Kurs, nicht aus Schikane, sondern weil der Glaube nur im Zusammenhang, weil diese Bilder nur miteinander verständlich sind. Der Status „auferweckt“ hat eine Vorgeschichte.

3/ Jesus Christus ist auf eine neue Weise mit dem Vater verbunden

Im Status „auferweckt“ ist Jesus als Gott, der Sohn, mit Gott, dem Vater, auf eine neue Weise verbunden. Er geht zum Vater. Deshalb darf ihn Maria Magdalena nicht festhalten: „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ (Joh 20,17) 

Wenn Maria den anderen verkündet, „ich habe den Herrn gesehen“, dann benutzt sie genau dieses Wort für die Göttlichkeit Jesu. Sie sagt nicht: Ich habe Jesus gesehen, sondern sie sagt: Ich habe den Kyrios gesehen, den Herrn, Gott! Jesus gehört zur Wirklichkeit Gottes. 

Und das hat Konsequenzen auch für uns. Der Kolosser-Brief sagt es: „Denn ihr seid gestorben!“ (Kol 3,3) - und Paulus redet hier zu ebenden, zur Gemeinde in Kolossä, er redet nicht über die Zukunft, er redet zu Menschen, die getauft sind, d.h. für die Sünde gestorben sind, die schon jetzt Anteil am neuen Leben haben, also in einem übertragenen Sinn „gestorben“ sind. Denn er sagt ja auch: „Ihr seid mit Christus auferweckt!“ (Kol 3,1)

„Ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.“ (Kol 3,3) Das ist eine schöne Beschreibung von Auferstehung und von Taufe: unser Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Was für ein Status! Das ist ein neues Leben, dass nicht frei ist von Zweifeln und Anfechtungen. Es ist noch nicht für alle klar, die anderen verstehen es oft nicht. Manchmal ist es auch mir selbst nicht verständlich. Es ist wie verborgen, geheimnisvoll. Und doch ist es umfangen von einer neuen Wirklichkeit, so dass wir nicht mehr sterben werden. 

Wir sind verborgen „in Gott“. Da kann ich sein, auch wenn ich diesen Ort und dieses Leben wohl niemals wie ein Statusbild posten kann. Der Tod hat keine Macht mehr. Ich brauche keine Angst mehr zu haben. Ich wünsche Ihnen, dass sie sich ihren Status und ihrer Würde vom Leben mit Christus und den Gott immer wieder bewusstwerden und anderen davon Zeugnis geben.


Montag, 23. März 2026

Geistliche Gemeinschaft



Predigt Welttag der GCL 2026, Hamburg-Langenhorn 

Les: Ez 37,12b–14; Röm 8,8–11; Ev Joh 11,1–45 (oder 11,3–7.17.20–27.33b–45)

„Der Geist ist es, der lebendig macht.“ (Joh 6,63)

Nach einem intensiven Tag mit Gesprächen, Beratungen über die Satzung und einer Entscheidung über Zukunft der GCL im Erzbistum Hamburg sind wir nun als geistliche Gemeinschaft zur hl. Messe versammelt, zum Lob- und Dankopfer unseres Herrn Jesus Christus.

Was bedeutet das eigentlich, eine „geistliche Gemeinschaft“ zu sein? Besteht das Geistliche darin, dass wir heute Morgen mit einem geistlichen Impuls begonnen haben? Oder dass wir ein Tischgebet sprechen? Was ist geistliche Gemeinschaft? Die Texte zum heutigen Sonntag können uns Hinweise geben! Drei Hinweise habe ich gefunden:

1/ Eine geistliche Gemeinschaft lebt aus einer Verheißung. Es ist eine Hoffnung, wie sie in der Lesung aus dem Propheten Ezechiel Ausdruck findet. „Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig!“ (Ez 37,14)

Zugrunde liegt die Erfahrung, dass nicht alles gut ist, das ist Tod und Verderben gibt in dieser Welt, ein Leben in der Fremde, dass nicht alles in Ordnung ist. Und in diese unheilvolle Situation hinein kommt das Wort Gottes, das Leben verheißt, Glauben schenkt, Hoffnung stiftet, Liebe entzündet. Das ist das Geistliche an einer geistlichen Gemeinschaft: der Geist, den sie eben nicht aus sich heraus hat, wie ein Verein oder ein Fußball-Club, der einen bestimmten „Sportsgeist“ hat, sondern es ist ein Geist, der ihr von Gott, geschenkt wird, vor aller Leistung und trotz aller Schuld. Im Evangelium nach Johannes heißt es: „Der Geist ist es, der lebendig macht.“ (Joh 6,63) Es ist die Spiritualität, die die Gemeinschaft prägt.

„Was hast du, dass du nicht empfangen hättest?“ (1Kor 4,7) fragt Paulus die Gemeinde in Korinth. Und das fragt er auch uns als geistliche Gemeinschaft: „Was hast du, dass du nicht empfangen hättest?“ (1Kor 4,7)

2/ Eine geistliche Gemeinschaft lebt aus dieser Verheißung im Hier und Jetzt, d.h. heute und nicht erst irgendwann. Das ist spannend im heutigen Evangelium, dass Martha und Maria durchaus schon vor der Begegnung mit Jesus an das ewige Leben und an die Auferstehung glauben. Sie glauben, wie Martha es formuliert, dass ihr Bruder Lazarus „auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.“ (V 24). Sie glauben auch, dass dieser Jesus, den sie kennengelernt haben, heilen kann, deshalb sagen sie beide: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben!“ (V 21/ 32). Dass Jesus allerdings nicht nur heilen kann, sondern auch den Tod besiegt, das ist für sie neu, unbegreiflich. Das geht über ihren Glauben an die Auferstehung hinaus.

Aber genau das ist es, was Christen glauben: dass Gott nicht irgendwann, am Jüngsten Tag Auferstehung schenken wird, sondern dass er in Jesus Christus schon hier und jetzt den Tod besiegt hat, dass der Tod, auch wenn wir alle sterben werden, letztendlich schon überwunden ist. Das bedeutet, dass Gemeinschaft mit dem Gott des Lebens nicht nur irgendwann, sondern schon heute möglich ist: „Herrlichkeit Gottes“ (V40) zu sehen. Christen glauben: es gibt "ewiges Leben" auch vor dem Tod! Das bedeutet für uns: Gemeinschaft mit Gott und Gemeinschaft miteinander sind möglich, auch konfessionsverbindend.

3/ Eine geistliche Gemeinschaft ist lebendig und schenkt Leben für andere. Denn: „Der Geist ist es, der lebendig macht“, bedeutet, dass dieser Geist nicht nur die eigene Gemeinschaft lebendig macht, sondern durch die Gemeinschaft dieses Leben weitergibt an andere.

Das ist die Sendung unserer geistlichen Gemeinschaft, als eine Hingabe, als eine Form „Menschsein für andere“ zu leben. Die Auferweckung des Lazarus ist im Johannes-Evangelium ein Zeichen, genauer: das siebte Zeichen und letzte Zeichen vor der Kreuzigung. Dieses Zeichen führt andere zum Glauben: „Jesus sprach: Vater, […] wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.“ (V42)

Ich fasse zusammen:

  • eine geistliche Gemeinschaft lebt aus einer Verheißung, die sie empfangen hat. Das ist ihre Spiritualität.
  • eine geistliche Gemeinschaft lebt im Hier und Jetzt, nicht erst irgendwann. Sie lebt Gemeinschaft mit Gott und miteinander.
  • eine geistliche Gemeinschaft ist lebendig und gibt Leben weiter. Das ist ihre Sendung.

Ich glaube, das sind drei charakteristische Züge einer geistlichen Gemeinschaft und sie hängen mit den drei Dimensionen der GCL zusammen. Mögen wir auf dem Weg zu einer Diözesangemeinschaft und als Diözesangemeinschaft wirklich eine geistliche sein!