Predigt 24. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg | Manresa 2026
Les: Sir 27,30-28; Röm 14,7-9; Mt
18,21-35.
Ausgangspunkt: Im heutigen
Evangelium gibt es einige überraschende Wendungen. Vor allem der Schluss des
Gleichnisses, das Jesus erzählt, scheint nicht stimmig zu sein. Denn der
gleiche König, der (Vers 27) Mitleid hat, mit seinem Knecht, von Erbarmen
ergriffen wird und ein Beispiel dafür gibt, was es bedeutet, Schuld zu
vergeben, er wird am Ende (Vers 34) angesichts des unbarmherzigen Knechtes vom
Zorn gepackt und fordert die Schuld ein. Er übergibt den Knecht den Peinigern,
bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Die ganze Schuld meint offenbar die
riesige Summe von 10.000 Talenten, um dies es am Anfang ging. Und dass er sie zurückbezahlt,
während der im Gefängnis sitzt, ist unrealistisch. So ist diese Aussage das
Gericht am Ende tatsächlich erbarmungslos. Sollte Gott zunächst so barmherzig,
dann aber so hartherzig sein? Was will uns Jesus eigentlich sagen? Durch die
Motive von Zorn und Gericht wird jedenfalls etwas hervorgehoben, was Gott
überhaupt nicht will und was seine Ansicht ganz entgegensteht. (vgl. Klaus
Berger, Evangelium unseres Herrn Jesus Christus. Meditationen zu den
Sonntagsevangelien Lesejahr A, Freiburg 2007, S. 228)
Liebe Schwestern und Brüder!
Vor einigen Monaten kam nach der
Manresa-Messe eine Frau zu mir. Wir standen schon drüben bei einem Glas Wein bei
Manresa-Night zusammen, die Heilige Messe war längst vorbei, sie entschuldigte
sich, dass sie erst jetzt komme. Ob es Zeit gebe, für Sie zu beten? Sie sah
schlimm aus, ganz gebeugt und mit einem geschwollenen Gesicht, die Haut von
schweren Krankheiten und Entzündungen gezeichnet. Wir sind dann in die Kirche
gegangen, ich habe ein Gebet für Sie gesprochen, und wir haben eine Zeit lang
in Stille gemeinsam gebetet, dann habe ich sie eingeladen zum Vaterunser. Sie
betete mit mir, ließ jedoch einen Satz aus: „und vergib uns unsere Schuld, wie
auch wir vergeben unseren Schuldigern“.
Nach dem Gebet sagte sie mir: Ich
kann diesen Satz nicht beten, denn ich kann den Menschen, die mir viel Böses
und viel Leid angetan haben, nicht vergeben. Und ich verstehe nicht, warum ich
zuerst vergeben soll. Ich verstehe nicht, warum Gott mir nicht vergibt, wenn
ich nicht zuvor den anderen Menschen vergeben habe.
Ich habe sie damals erstaunt
angeschaut, denn so hatte ich das Vaterunser noch nie verstanden, dass wir
zuerst vergeben müssen, damit dann Gott uns auch vergibt. Im Gegenteil, ich
habe immer gedacht, dass es so gemeint sei, wie es im heutigen Gleichnis
dargestellt wird: Zuerst vergibt uns Gott (hier im Gleichnis der König) unsere
Schuld, damit dann auch wir unseren Schuldigern (hier im Gleichnis der Mitknecht)
die Schuld vergeben. Gottes Vergebung, Gottes Gnade geht unserem Handeln
voraus. Und wie wir Barmherzigkeit von Gott geschenkt bekommen, so sollen auch
wir barmherzig mit unseren Mitmenschen umgehen. Das ist doch die Pointe des
heutigen Gleichnisses, oder nicht?
Nun, die Frau und ihr Leid, ihr
Unheil, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und tatsächlich ist es im Vaterunser
anders gemeint, als ich es gedacht habe. Die Frau hatte recht mit ihrer
Deutung. Im Griechischen ist das Verhältnis der beiden Teil nicht einfach zu
bestimmen, aber offenbar muss der zweite Teil grammatikalisch als Bedingung des
ersten angesehen werden. Es heißt also: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch
wir vergeben haben unseren Schuldigern.“
„Das Verhältnis des
Nebensatzes zum Hauptsatz genau zu bestimmen ist schwierig. Der Aorist ist
angesichts der aramäischen Tempora nicht zu pressen, meint aber bei Matthäus
doch wohl im Sinne von 5,23f; 6,14f; 7,1 eine Bedingung. Diese Relation gilt
offenbar in der Paränese, wenn aus der Perspektive des Menschen gesprochen wird
im Unterschied zur Parabel vom Schalksknecht 18,23-35, wo zwar die Wirksamkeit
von Gottes Handeln auch an menschliches Handeln gebunden wird, aber diesem
vorausgeht. Die paradoxe Einheit von zuvorkommender Gnade und vom Menschen
geforderter Bedingung wird erst zerstört, wenn der Mensch mit seinem Vergeben
einen Anspruch begründet, so dass er hoffen kann, dass Gott das menschliche
Beispiel nachahmen werde. Wichtig ist auch, dass die Gemeinde, die das
Unservater betet, selbstverständlich voraussetzt, dass ihre Glieder auch als
Christen noch sündigen und der Vergebung bedürfen.“ (Ulrich Luz, EKK I/1, S.
348)
Zuerst unsere Vergebung und dann
die Bitte an Gott um Vergebung. Das wird nicht nur in der heutigen alttestamentlichen
Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 28,2) deutlich, sondern das ist ganz auf
der Linie des Matthäus-Evangeliums.
So heißt es in der Bergpredigt: „Wenn
du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder
etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne
dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe“ (Mt 5,23-24). Oder
an anderer Stelle: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergibt, dann
wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.“ (Mt 6,14)
Also: unsere Vergebung zuerst,
dann die Vergebung des Vaters. Doch steht das nicht im Widerspruch zur
Barmherzigkeit Gottes, der den Sünder rettet und dem verlorenen Schaf nachgeht?
Wie bringt der Evangelist Matthäus selbst diesen Unterschied zwischen dem
Vaterunser und dem heutigen Gleichnis in seinem Evangelium unter?
Drei Punkte dazu:
1/ Das Vaterunser ist ein Gebet, d.h. es wird von Menschen
gesprochen, die sich an Gott richten, die auf ihn vertrauen, die schon von ihm
angesprochen oder auf irgendeine Weise innerlich berührt wurden und nun
antworten. Zu dieser Antwort gehört auch ein entsprechendes Handeln. Nicht nur
zur plappern, sondern auch zu tun. Wer betet, steht schon in einer Beziehung zu
Gott. Das Gebet wurde von denen gesprochen, die sich bekehrt haben, die getauft
sind. Und im weiteren christlichen Leben ist das menschliche Vergeben tatsächlich
die Bedingung für Gottes Vergebung.
Da wir Vergebung von Gott
empfangen haben durch sein Kreuz, sollen wir sie weitergeben, um Gott ähnlich
zu werden. Wir sollen die Feinde lieben, wie Gott es tut. Dann sind wir seine
Kinder. Das Evangelium verkünden, heißt: es leben. Er kommt auf uns zu mit
seiner Barmherzigkeit zu, dann sollen wir vergeben, damit seine Vergebung sich
ausbreitet und sein Reich unter uns Gegenwart wird. Das ist die Dynamik, um die
es geht, und wer diese Dynamik bricht, obwohl ihm schon vergeben wurde, dem ist
nicht mehr zu helfen! Mit diesem Paukenschlag endet ja auch das heutige
Evangelium, wenn der Knecht, dem die große Schuld vergeben wurde, schließlich
vom König doch den Peinigern übergeben und ins Gefängnis geworfen wird – weil
er selbst eben nicht vergeben hat, obwohl ihm vergeben worden war.
2/ Die Gemeinde, die das
Vaterunser betet, versammelt sich um die Eucharistie.
„mein Blut, das für Euch vergossen wird, zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28),
so lauten die alten Wandlungsworte. Das Mahl wird zum Zeichen der Vergebung, zum
Zeichen des Heils. Und deshalb kann und darf man nicht unversöhnt Abendmahl
feiern. Erst einander vergeben und dann gemeinsam beten, denn die Gemeinschaft
ist konkret und sichtbar. Das sind die Menschen, die heute Abend hier sind. Das,
was wir tun, ist kein frommes Theater, keine Scheinheiligkeit. Wenn es diese
Menschen sind, Träger des neuen Bundes, dann braucht es immer wieder die
Vergebung untereinander, um glaubwürdig weiterzugeben, was wir empfangen haben.
3/ Die Vergebung begründet eine neue Zeit, weil sie die Altlasten „aus
dem Weg“ räumt. Das, was vorher war, ist nicht einfach vergessen, aber es wird
verwandelt, es zählt nicht mehr. Dabei schenkt Gott viel mehr, als wir
erhoffen. Der Schuldner im Gleichnis bittet um Zeit und erhält Vergebung (Mt
18,26-27). Das Reich Gottes beginnt dann schon jetzt und hier.
Sicherlich: Vergeben ist nicht
leicht, und nicht immer gelingt es uns. Manchmal brennt es wie Feuer, wenn wir
auf Gegenwehr verzichten, nicht rächen, was uns angetan wurde, sondern den
Frieden suchen. Aber genau darum geht es! „Denn nicht meine Versöhnung mit Gott
ist die Hauptsache, sondern Gottes Herrschaft und sein Reich. Und dieses wird
realisiert, wenn ich Versöhnung weitergebe.“ (Klaus Berger, S. 230)
Wir dürfen Gott nicht zu einem
„lieben Gott“ und denken „der tut nichts“. Wir dürfen uns darüber täuschen, wieviel
Gott diese Versöhnung gekostet hat. Gott, der uns alles vergeben hat, er ist
nicht unfähig und ohnmächtig angesichts der Dinge dieser Welt, sondern Gott
liebt uns und möchte uns nicht ohne uns retten. Amen.

