Montag, 23. Februar 2026

Versuchungen widerstehen

Dom, Schwerin


Predigt Erster Fastensonntag A 2026, Hamburg | Manresa

Les: Gen 2, 7-9; 3,1-7; Röm 5, 12-19 oder Röm 5, 12.17-19; Mt 4, 1-11

Liebe Geschwister!

Täglich dringen Tausende von Viren auf uns ein: durch die Nahrung, durch die Luft, durch den direkten Kontakt. Das ist je nach Lebensumständen verschieden, aber meistens reagiert unser Immunsystem und wehrt diese Viren ab bzw. bekämpft sie effektiv. Wir werden nicht krank, sondern bleiben gesund.

In geistlicher Hinsicht gibt es wohl nicht so viele tägliche Angriffe auf unser inneres Immunsystem, auf unsere Seele, doch es gibt sie! Damit meine ich jetzt nicht die kleinen süßen Versuchungen, die meine sorgsam begonnene Diät hinfällig machen. Oder die ständigen Herausforderungen, bei denen man zwischen kurzfristiger Befriedigung und langfristig Zielen abwägen muss; jede Form von Suchtverhalten gehört dazu. Sondern ich meine die geistlichen Versuchungen, die dahinter liegen, die Angst z.B., im Leben zu kurz zu kommen, oder der Zweifel, ob ich Gott wirklich vertrauen kann.

Von solcher Art von Versuchung berichtet die heutige Lesung aus dem Buch Genesis. Die Erzählung von der Schlange ist ein mythisches Motiv, dessen Vorgeschichte für uns im Dunkel bleibt. Mithilfe dieser Erzählung reflektiert die Bibel jedoch auf eine wunderbare und verständliche Weise, die soziale Wirklichkeit des Menschen.

Der Mensch lebt in einer Welt, die alles andere als ideal ist. Sie ist voller Widersprüche, Widrigkeiten und Gefährdungen, bis hin zur Grenze des Todes, auch des sozialen Todes.

Die Geschichte führt uns heute direkt mitten hinein, an des Pudels Kern. Sie deckt auf, was hinter dieser Dynamik steckt, d.h. woher die geistlichen Versuchungen stammen, unter denen wir leben müssen, obwohl die Welt von Gott eigentlich gut geschaffen wurde.

Ja, Gott hat den Menschen wie alle anderen Tiere und Pflanzen gut geschaffen. Dem Menschen schenkte er den Lebensatem und gab ihm einen Garten voller Bäume, schön anzusehen und köstlich zu essen. Es steht übrigens hier bei den Bäumen nicht nur „die Früchte“, sondern „die Bäume“ sind genießbar!

Außerdem: zwei Bäume in der Mitte, den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Und Gott sprach zu Menschen: „von jedem Baum des Gartens darfst du beliebig essen. Doch vom Baum der Erkenntnis von Gute und Böse, nicht darfst du von ihm essen, denn mit dem Tag, da du von ihm isst, wirst du gewiss sterben.

Die Schlange, als Sinnbild für den Versuch, ist klug, schlauer als alle Tiere. Sie ist selbst Teil der Schöpfung, aber überlegen. Sie verdreht die Weisung Gottes auf eine doppelte Weise. Sie spricht in menschlicher Sprache, das mag überraschen, es zeigt jedoch, dass es hier um eine Erzählung von übertragener Bedeutung geht.

Auf welche Weise verdreht die Schlange Gottes Weisung?

1/ Sie fragt die Frau: hat Gott wirklich gesagt: ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Nein, das hat Gott nicht gesagt! Gott hat nicht gesagt: „ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen“, sondern er hat gesagt: „ihr dürft von jedem Baum des Gartens beliebig essen. Nur von einem nicht.“ Aus der Großzügigkeit Gottes ist die Kleinlichkeit des Gebieters geworden. Mit einer scheinbaren, harmlosen Gesprächsanknüpfung wird der Zweifel gesät, ob Gottes wirklich gut, meint mit den Menschen. Und mit einer Frage wird die Frau zur Richtigstellung in ein Gespräch hineingezogen.

Die Frau steigt auf die Dynamik ein. Ihre Antwort ist schon ungenau. Sie sagt: „von den Früchten der Bäume dürfen wir essen“. Und sie lässt außerdem das „alle Bäume“ weg. Und schließlich übernimmt sie von der Schlange das: „hat Gott gesagt“, statt dem ursprünglich stärkeren „hat Gott geboten“.

2/ Die zweite Verdrehung der Schlange ist nun, dass sie der Aussage Gottes offen widerspricht: „Nein, ihr werdet nicht sterben!“ Die Schlange stellt Gott als Lügner dar. Ihre Begründung dafür: Sie kennt das Denken und Wissen Gottes, d.h. seine geheimen Absichten und Gedanken. Sie insinuiert, Gott halte die Erkenntnis von Gut und Böse eigennützig für sich zurück. So wächst der Zweifel des Menschen an der Güte Gottes.

Erkenntnis von Gut und Böse: worum geht es? Müssen wir als Menschen nicht andauernd unterscheiden, um gerecht handeln zu können? Erkenntnis von Gut und Böse meint hier allerdings nicht richtiges Handeln, sondern es steht für die moralische Autonomie des Menschen, d.h. selbst erkennen und setzen zu wollen, was gut ist und was böse ist. Es bedeutet, selbst beurteilen zu wollen, was eigentlich gut ist. Das ist es jedoch, was die Bibel von Anfang an als Aufgabe Gottes sieht: „Gott sah, dass es gut war“. Das ist seine Weise der Beziehung zur Schöpfung! Und bei den Propheten steht: „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist.“ (Micha 6,8)

Noch mal: es geht nicht um das Erkennen und Unterscheiden von Gut und Böse. Das brauchen wir Menschen als Orientierung. Sondern es geht darum, das göttliche Verbot zu überschreiten und damit in den göttlichen Bereich einzudringen, die von Gott gegebenen Grenzen zu überschreiten und selbst an Gottes Stelle zu treten.

Das sagt die Schlange explizit: „Gott weiß viel mehr, sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf. Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ - „wie Gott werden“, das ist die eigentliche Versuchung um dies hier geht!

Es ist eine wunderbare Psychologie der Versuchung dargestellt:

  1.      Scheinbar objektiv und unparteiisch fragen.
  2.       Die Ansage Gottes dreist leugnen und Vorteile versprechen
  3.       Mit Halbwahrheiten arbeiten und Grenzen überschreiten

Ja, das führt zur Erkenntnis, zur Autonomie, aber es führt eben auch zum Erschrecken über die Nacktheit und Unbehaustheit , die Verlorenheit des Menschen in dieser Welt.

Drei Fragen, die uns dieser Text heute Abend meines Erachtens stellt:

1/ Kenne ich Situationen, in denen ich an der Großzügigkeit Gottes und seiner Liebe zu mir und den anderen zweifle, z.B. in Momenten, in denen ich Angst habe, im Leben zu kurz zu kommen?

2/ Kenne ich Situationen, in denen mir scheint, dass es mir eigenmächtig und unabhängig von Gott besser ginge und ich mir selbst meine eigenen Regeln mache?

3/ Kenne ich Situationen, in denen ich von Dingen fasziniert bin und an nichts mehr anderes denken kann, in denen sich mein Blick verengt und ich die Herrlichkeit und die Schönheit meines Lebens um mich herum nicht mehr sehen kann?

Das sind die Versuchungen, um die es heute geht! Auf eine wunderbare Reise erzählt in dieser Geschichte von der Schlange und immer wieder neu erlebt als Menschen in dieser Welt.

Jesus durchbricht diese Dynamik, erstellt sich der Versuchung, auch für uns und erschließt uns den Weg zum Heil. Er zeigt uns nämlich, wie wir uns gegenüber solchen Versuchungen verhalten sollen. Einfach Nein sagen! Amen.

 

Sonntag, 15. Februar 2026

Freiheit und Verantwortung

 


2025 Predigt Sonntag 6. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg

Les: Sir 15,15-20; 1Kor 2,6-10; Mt 5,17-37

Welche Werte sind Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig? Eine Umfrage hat vor kurzem ergeben: 96 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sagen, es sei ihnen wichtig bzw. sehr wichtig „eigenverantwortlich zu leben und zu handeln“. Neben Familie und Freunden, Sicherheit, Ausbildung und Umweltschutz ist die persönliche Freiheit, die mit diesem Punkt zum Ausdruck kommt, für junge Menschen heute ein hohes Gut. Und ich denke auch für jeden von uns.

Doch was bedeutet das eigentlich: „eigenverantwortlich leben und handeln“? Bedeutet es, dass ich selbst bestimmen kann, was ich tue? Dass ich selbst wählen kann, wie ich leben möchte und was gut für mich ist? Drei Punkte dazu.

 

1/ Wahlfreiheit

Die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach erinnert uns daran: Ja, wir können selbst wählen, was wir in unserem Leben machen möchten. Wir können selbst entscheiden, wie wir handeln. Wir haben viele Optionen, wir sind nicht von vornherein festgelegt. Es gibt kein Schicksal, dass unser Leben bestimmt, sondern aus mir selbst heraus kann ich wählen, was gut für mich ist.

„Feuer und Wasser hat er vor dich hingestellt,
was du willst, danach wirst du die Hand ausstrecken.
Vor den Menschen (stehen) das Leben und der Tod,
woran er Gefallen hat, das wird ihnen gegeben werden.“ (JesSir 15,16-17)

Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er zwischen Gut und Böse entscheiden und wählen kann. Schon Kinder lernen das: Ich kann meine Hand auf die heiße Herdplatte legen oder es nicht tun. Ich kann in einen reißenden Bach springen oder es nicht tun. Ich kann anderen Menschen helfen oder es nicht tun. Wir sind frei in unserem Leben und Handeln.

 

2/ Verantwortung

Es nicht einfach egal, was ich wähle. Es hat Konsequenzen und Folgen. Vor allem aber entscheiden wir nicht nur für uns allein. Wir tragen vor Gott und vor anderen Menschen die Verantwortung für unser Handeln.

Die Verantwortung ist oft nicht genau zu definieren, weil unser Handeln nicht isoliert ist, sondern oft zusammen mit anderen geschieht und vernetzt ist. Es sind meist sehr komplexe Zusammenhänge, in denen wir handeln. Was ist dann meine Verantwortung? Was ist die Verantwortung von anderen?

Schon Kinder haben dafür ein Gespür: Das war ich nicht. Das war jemand anderes. Das ist ein anderer schuld. Manchmal ist das tatsächlich so, manchmal kann es aber auch eine Ausrede sein.

Auch das benennt die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach. Dieser Lehrer der Weisheit erinnert den Menschen an seine eigene Verantwortung. Der Mensch kann sich nicht vor der eigenen Verantwortung drücken, weil Gottes Weisheit das Handeln der Menschen, jedes einzelnen Menschen sieht.

„Denn reich ist die Weisheit des Herrn,
stark in der Ausübung der Macht, und alles sieht sie.
Und seine Augen richten sich auf die, die ihn fürchten.
und er wird jedes Werk des Menschen wahrnehmen.“ (JesSir 15,18-19)

Gottes Weisheit ist es, die bei den Menschen ist und ihre besondere Würde und Verantwortung ausmacht.

 

3/ Das Gute suchen

Christlich gesehen kommt es im Leben darauf an, die eigene Freiheit und Verantwortung so zu nutzen, dass ich das Gute suche – oder mit anderen Worten: dass ich Gottes Willen tue. Es gibt Menschen, die sich nicht an dem orientieren, was gut und richtig ist, sondern meinen, es selbst am besten zu wissen und keine Fehler zu machen. Eine Form von Sturheit oder Uneinsichtigkeit! Wenn sie falsch gehandelt haben, dann sagen Sie, das war halt bei mir so! Das ist gut für mich so. Ich mach das halt so.

Sie wissen eigentlich, dass es falsch ist, aber können es nicht zugeben und wollen für sich eine Ausnahme. Dagegen erhebt legt der Weisheitslehrer Einspruch ein und sagt:

„Niemandem hat er aufgetragen gottlos zu sein
und niemandem hat er die Erlaubnis gegeben zu sündigen.“ (JesSir 15,20)

Wir Menschen sollen das Gute suchen. Ich kann so besonders und einzigartig sein: eine Ausnahme vor der eigenen Freiheit und Verantwortung, davon das Gute zu tun, gibt es nicht, bei niemandem.

„Eigenverantwortlich leben und handeln“, das ist, wie wir gesehen haben, nicht so leicht und in einer immer komplexen und größeren Welt schon gar nicht! Die Gebote und Vorschriften Gottes sollen uns dabei helfen. Sie sind nicht Gesetze oder Regeln, sondern Weisung und Orientierung für unser Leben. Denn es ist möglich, so zu handeln. Bei Jesus Sirach heißt es deshalb:

„Wenn du willst, kannst du die Gebote bewahren
und die Treue, Wohlgefälliges zu tun.“ (JesSir 15,15)

Gebote und Treue sind wie ein Schatz, den ich bewahren kann, wenn ich will! Sie sind eine Ressource, die mir in meinem Leben und Handeln helfen kann. Sie unterstützt mich dabei, gute Entscheidungen zu treffen. Sie hilft mir dranzubleiben, nicht zu verzweifeln, treu zu sein. Oder ist es sogar die Treue Gottes zu mir, die hier gemeint ist? Seine liebevolle Zuwendung, dabei sein?

 

4/ Herzensdinge

Wenn wir jetzt mit den Hinweisen des Weisheitslehrers zu Jesus und seinem Evangelium kommen, dann scheint es so, als ob Jesus die Gebote Gottes aus dem Alten Testament noch verschärft. „Eure Gerechtigkeit soll weit größer sein.“ Was bedeutet das? Sollen die Jünger noch strikter, noch kompromissloser, noch rigoroser sein als die Pharisäer und die Gesetzeslehrer?

Es geht Jesus nicht um eine Verschärfung der Regel, sondern er hilft, seinen Jüngern zu verstehen, worum es bei den Geboten eigentlich geht. Er erklärt ihnen, dass es bei den Geboten nicht um äußerliche Regeln und Gesetze geht, sondern um einen inneren Kompass, um eine Herzensangelegenheit.

So hilft er ihnen die Gebote als einen Schatz zu sehen und zu bewahren.

Das Gebot „Du sollst nicht töten“, meint eben nicht nur, dass man niemanden umbringen soll, sondern das, worum es beim Töten geht, nämlich der Hass und der Neid, das fängt schon bei der eigenen Herzenshaltung gegenüber den anderen an, besonders bei den Menschen, die mir nahestehen und die ich liebe.

Genauso der Ehebruch. Das, worum es eigentlich geht, das fängt im falschen Begehren an, im lüsternen Blick.

„Du sollst nicht falsch schwören“, das ist eben nicht nur der Meineid vor Gericht, sondern das worum es eigentlich geht, fängt schon an, wenn ich im Alltag mit Halbwahrheiten glänze.

Jesus möchte seinen Jüngern den Weg ins Himmelreich zeigen. Und da geht es eben nicht darum, dass man keine Gesetze bricht, sondern es geht darum, dass man eigenverantwortlich lebt und handelt, vor Gott mit Gott, in der Freiheit der Kinder Gottes. Amen.

 

Übersetzung von Jes Sir 15 aus: Johannes Marböck, Jesus Sirach 1 - 23, Herders theologischer Kommentar zum Alten Testament, Freiburg 2010, S. 197.

 

Donnerstag, 29. Januar 2026

Berufung

Predigt Zweiter Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg | Manresa (nicht gehalten)

Les: Jes 49, 3.5-6; 1Kor 1,1-3; Joh 1,29-34

Am vergangenen Dienstagabend begann die Reihe zur Lectio divina. Einmal in der Woche treffen wir uns hier am Kleinen Michel, um gemeinsam in der Bibel zu lesen. In diesem Jahr sind vier Abende zum Johannes Evangelium geplant unter dem Titel: „Evangelium der Dialoge“. Am ersten Abend ging es genau um diese Stelle aus dem Johannes-Evangelium, die wir gerade gehört haben, die Begegnung von Johannes dem Täufer mit Jesus.

Johannes sieht Jesus auf sich zukommen und bezeugt ihn als den, den er gesucht hat, auf den er gewartet hat. Ob er Jesus schon vorher begegnet ist? Ob Jesus vorher schon von Johannes getauft worden war? Das alles wird nicht erzählt, wir können es annehmen. Das Entscheidende ist für den Evangelisten Johannes offenbar die Begegnung der beiden, nachdem für Johannes klar geworden ist, um den es sich handelt.

Inwiefern ist diese Textstelle eigentlich an Dialog? Hier spricht allein Johannes der Täufer, unterbrochen nur von einem kurzen Einschub des Evangelisten. Zu wem spricht Johannes eigentlich? Und worauf hört Johannes? Das ist doch die Voraussetzung für einen Dialog, von Kommunikation, das man zuhört und antwortet.

Johannes antwortet mit seinem Zeugnis offensichtlich auf eine Frage, die ihm von den Priestern und Leviten aus Jerusalem gestellt worden war: „Wer bist du?“ (Joh 1, 19) Wer bist du eigentlich, dass du hier in der Wüste mit Wasser taufst, zur Umkehr, zur Vergebung der Sünden? Wer bist du, dass Du hier den Messias erwartest? 

Er wird sich diese Frage, vielleicht selbst du manches Mal bestellt haben, so wie jeder von uns: wer bist du? Er wird den Zweifel gekannt haben, ob das, was er tut, richtig ist. Aber er wird auch diesen inneren Ruf, diese Sehnsucht und Motivation gekannt haben, dem Willen Gottes mit seinem Leben zu entsprechen, d.h. seine Berufung zu leben.

Die eigene Berufung zu finden, das ist nicht leicht. Manche von uns haben schon früh entdeckt, was „ihr Ding“ ist, was ihre Begabung ist, woran sie Freude haben. Der eine wollte schon als Kind Arzt werden, eine andere wusste schon immer, dass Lehrerin genau das richtige ist, oder dass sie Jura studieren wird. Jemand möchte Musiker werden, so viele Berufungen. Auch die Berufung als Christ zu leben und sich taufen zu lassen.

Der Gottesknecht, von dem wir bei Jesaja gehört haben, kannte seine Berufung schon früh: „Der Herr, der mich schon im Mutterleib von zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob heimführe und Israel bei ihm versammelt werde.“ (Jes 49,5) - vom Mutterleib an! Andere haben ihre Berufung erst später gefunden: entweder haben sie länger gebraucht, um sie zu entdecken, oder sie hat sich nochmals verändert. Sie schulen um, wagen den Quereinstieg. 

So auch der Gottesknecht übrigens: Er entdeckt, dass sich seine Berufung geändert hat: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen, damit mein Heil bis ans Ende der Erde reicht.“ (Jes 49, 6)

Und wie war das nun bei Johannes dem Täufer? Er beschreibt seine Berufung in kurzen, prägnanten Worten. Er hat seine Berufung von Gott erhalten, nämlich mit Wasser zu taufen. Er hat diese Berufung nicht für sich selbst, sondern damit der Messias „Israel offenbart wird“ (Joh 1,31), damit Israel mit dem heiligen Geist getauft wird (Joh 1,33).

Also noch einmal die Frage: Wenn es sich hier um einen Dialog handelt, zu wem spricht Johannes da eigentlich? 

Johannes spricht über Jesus, den er erkennt als den Erwählten, als den Sohn Gottes, als den, den er angekündigt hat. Und in dieser Freude, dass er gefunden hat, was er gesucht hat, spricht er zu den Menschen um ihn herum; wer auch immer da gerade am Jordan bei ihm steht. In einem übertragenen Sinn spricht er zu uns; wer auch immer da gerade bei uns ist! Er bezeugt es für uns!

Und auf wen hört er? In geistlicher Hinsicht würde ich sagen: er hört auf sein Herz! Er erkennt den Geist, er sieht die Zuwendung Gottes, weil er selbst diese Zuwendung als ein Wort erfahren hat. Und er spürt die Freude darüber, dass das, worauf er erhofft hat, sich erfüllt. Das sind gute Zeichen einer echten Berufung: wenn das eigene Herz, wenn der Geist, wenn das Wort Gottes, das mir gesagt, wird in Übereinstimmung kommen.

Berufung ist manchmal so ein „Containerbegriff“. Bei allem, was man nicht erklären kann oder will, sagt man: das ist halt Berufung. Beispiel. 

Für Johannes den Täufer erfüllt sich seine Berufung in diesem Moment. Es ist ein Moment der Freude. Er erlebt das, worauf er gehofft hat, wofür er gelebt hat. Und er gibt Zeugnis davon. Er erzählt anderen davon. Haben Sie schon einmal mit anderen über ihre Berufung gesprochen?


Montag, 12. Januar 2026

Gerechtigkeit und Recht

Predigt 2026 Taufe des Herrn, Hamburg | Manresa

Les: Jes 42, 5a.1-4.6-7; Psalm 29; Apg 10, 34-38; Mt 3, 13–17

In den letzten Wochen wird viel über das Völkerrecht gesprochen. Indem sich die Nationen verpflichten, bestimmte Rechte untereinander einzuhalten, soll damit eine gewisse Form von Gerechtigkeit hergestellt werden, um den Frieden zu sichern. Durch die aktuellen Kriege und die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konflikte wird die bisherige Rechtsordnung allerdings immer wieder gebrochen. Es stellt sich deshalb andauernd die Frage: Ist das richtig, so zu handeln? Ist das gerecht? Ist das moralisch menschlich ethisch vertretbar?

Die Entführung von Präsident Maduro zum Beispiel: Das ist ein Verbrecher, der sein Volk unterdrückt und ausgebeutet hat, der schlimmste Gewalt zu verantworten hat. Aber die Entführung durch die USA widerspricht dem Völkerrecht; die kriegerische Gewalt, die auch Unschuldige trifft. (vgl. Statement von P Martin Maier SJ) Ist das die Weise von Gerechtigkeit, die wir brauchen? Wird diese Form der Rechtsordnung den Menschen helfen? Heizt das nicht nur die Spirale der Gewalt weiter an? Was ist richtig? Was sollen wir in Europa jetzt tun?

Heute, am Ende der Weihnachtszeit, feiern wir noch einmal den Neuanfang, den Gott mit dieser Welt in Jesus Christus gewagt und geliebt habt. Die Verheißung des Alten Bundes sind in Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Gott tröstet sein Volk und schenkt ihm Vergebung. Er eröffnet ihm einen Weg in die Freiheit und lässt es seine Herrlichkeit schauen. Ja, die Geburt Jesu bereitet wirklich Freude, damals wie heute, denn Gott sagt ja zu dieser Welt und schenkt uns seine Gegenwart.

In den Texten des heutigen Sonntags ist davon die Rede, dass Gott uns seine Gegenwart in Gerechtigkeit schenkt. Die Grundlage dieser neuen Lebensweise mit Gott besteht darin, dass wir ihn als unseren Gott anerkennen; dass wir keine Götzen verehren und uns nicht selbst an die Stelle Gottes setzen. Denn so lautet die Botschaft des Propheten Jesaja: „Alle selbst ernannten Götter sind Nichtse.“ (Jes 41,29), „Denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und zu dir sagt: fürchte dich nicht; ich habe dir geholfen.“ (Jes 41,13)

Wenn diese Grundlage von Wahrheit und Gottesfurcht klar ist, dann werden Gerechtigkeit und Frieden entstehen können. Gott wirkt in dieser Welt, indem er durch einen Menschen den Völkern und Nationen das Recht bringt. Der Gottesknecht, von dem in der Lesung, aus dem Propheten Jesaja gehört haben, ist eine Gestalt, die Gott aus Gerechtigkeit gerufen hat und die wirklich das Recht bringt. [Auch der Hauptmann Cornelius (vgl. Apg 10), der nicht zum jüdischen Volk gehörte, war so eine Gestalt, ein Gerechter, eine Gottesfürchtiger, den Gott aus Gerechtigkeit gerufen hat.]

Gottes Gerechtigkeit, seine Macht, ist jedoch anders als die Macht und die Gerechtigkeit der Herrscher dieser Welt: „Er schreit nicht und lärmt nicht. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ (Jes 42,2-3) Er nimmt sich der Armen und Schwachen an, er hilft den Unterdrückten. 

Selbst wenn er dabei auch Widerstand trifft, so geht er nicht mit Gewalt vor. Er gibt aber auch nicht auf. Er bleibt standhaft. Er selbst „verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf Erden das Recht begründet hat.“ (Jes 42.4)

Das ist für uns schwer zu verstehen. Wir denken, es müsste jemand kommen, der mit Gewalt aufräumt und Recht schafft. Doch Gott schafft das Recht, indem er in Liebe wirkt, Grenzen überwindet, Freiheit schenkt. Dieser Gottesknecht ist jetzt kein Softie. Die Orientierung an dem einzig wahren Gott bleibt der Anspruch und der Maßstab. Aber die Weise, wie das Recht umgesetzt wird, ist eben anders. 

Selbst Johannes der Täufer kann das nicht begreifen. Er hat das bevorstehende Gericht Gottes verkündet und als einzige Rettung die notwendige Umkehr und Reinigung aller Menschen vorgestellt. Und dann kommt Jesus und will sich von ihm taufen lassen! Es ist merkwürdig: Gott lässt sich auf diese Welt ein, und er sucht den Menschen bis hinein in die Dynamik der Sünde. Er bietet ihm Vergebung an. Was ist das für eine Gerechtigkeit? Johannes versteht es nicht. Doch Jesus ermutigt ihn: „Lass es nur zu. Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.“ (Mt 3,13)

Die Frage, wie nun die erhoffte Gerechtigkeit und das Königtum des Gesalbten in dieser Welt zu verstehen ist, haben die Propheten auf unterschiedliche Art zu beschreiben versucht. Allen gemeinsam ist die Vorstellung vom Bund mit Gott, der eine neue Weise des Zusammenlebens darstellt, die größer ist als irdisches Machtgeklüngel. Und Jesus ermöglicht diesen Bund neu.

Auch das Völkerrecht und viele Verfassungen verweisen auf Gott, als eine höhere Instanz, damit wir uns immer daran erinnern, dass wir nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Während im Mittelalter sich viele Könige und Herrscher Europas als „von Gottes Gnaden“ eingesetzt sahen, und es noch in der Präambel des Grundgesetzes heißt: „Im Bewusstsein unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen“, ist die Gegenwart voll von Machthabern, die aus sich selbst heraus regieren.

Das Kriterium für Gerechtigkeit ist also, ob sie Gott als Gott anerkennt. Sein Bund mit den Menschen ist die Weise wie Gott in dieser Welt Recht wirkt und gegenwärtig ist. Jesus hat diesen Bund mit Gott persönlich in seiner Taufe erfahren, als ich ihm der Himmel öffnete. Er hat uns den neuen Bund in seinem Blut geschenkt. Wir feiern diesen Bund im Sakrament des Altares. Möge dieser Bund unser Handeln und das Handeln vieler Menschen im neuen Jahr prägen und so Gerechtigkeit und Frieden wachsen.

Vgl. Text von "Dein sind die Himmel" (Joseph Gabriel Rheinberger), dem Offertorium von Weihnachten: „Dein sind die Himmel, und dein ist die Erde; du hast der Welten Kreis, hast die Fülle der Erde fest begründet; Gerechtigkeit und der Wahrheit Kraft sind die Pfeiler deines Thrones.“

Gute Hinweise und Auslegung der Texte im Podcast in principio 

Sonntag, 4. Januar 2026

Wohnung gesucht!

 


Predigt 2. Sonntag der Weihnachtszeit: Wohnung gesucht, Hamburg, 4.1.26

Les: Sir 24, 1–2.8–12 (1–12); Eph 1, 3–6.15–18; Joh 1, 1–5.9–14

1/ Wohnung suchen

Zum Krippenspiel am Heiligen Abend gehört die Herbergssuche. Maria und Josef, unterwegs in Bethlehem, bekommen keine Wohnung. Es ist einfach kein Platz für sie da. So fängt die Geschichte an. Und dann, schon kurze Zeit nach der Geburt, müssen sie schon wieder eine neue Bleibe finden. Denn nach der Huldigung durch die Sterndeuter fliehen Maria und Joseph mit dem Neugeborenen nach Ägypten, wie Joseph ist im Traum geboten worden war. Herodes wollte das Kind, den neugeborenen König der Juden, töten.

Weltweit sind mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele wie nie zuvor: Sie haben keine Wohnung. Im vergangenen Jahr sind die Zahlen zwar leicht zurückgegangen, aber allein im Sudan sind mehr als 12 Millionen Menschen durch Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben worden und entwurzelt. „Meistens sind es Krieg und Gewalt, die Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Immer dabei ist die Angst um das eigene Leben und das Leben und das Wohlergehen der Kinder, der Familie, von Freunden.“ (UN-Bericht)

Hier in Hamburg gibt es viele Flüchtlinge, die bleiben möchten und eine Wohnung suchen. Es gibt viele Obdachlose, die keine Wohnung haben. Und es gibt Menschen, die wegen des Wohnungsmangels und der hohen Mieten keine passende Wohnung finden. Einen Ort zu haben, eine Wohnung, in der man bleiben kann, eine Heimat, das gehört zu den Grundbedürfnissen von Menschen. Jeder Mensch sollte eine Wohnung haben.

Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie eine gute Wohnung gefunden. Ist es ein Ort, wo sie gerne sind. Ist Hamburg die Stadt, in der sie bleiben möchten? Oder werden Sie demnächst umziehen?

So sehr wir nach einem Ort suchen, an dem wir sein können, so selten gelingt uns das vollständig. „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl!“, singt Herbert Grönemeyer. Und Bernhard Schlink, ein deutscher Schriftsteller, behauptet: „Heimat ist Utopie“. Er meint: Heimat ist gar kein Ort, sondern eine Vorstellung, eine Idee, die wir niemals erleben werden. Denn immer sind wir überall ein bisschen fremd. Ist das nicht merkwürdig?

2/ Gott sucht eine Wohnung

Heute in der Lesung haben wir von der Weisheit Gottes gehört, die einen Ort sucht, wo sie sich niederlassen kann, wo sie bleiben und wohnen kann. (Jesus Sirach 24, 1-12)

Gott gebietet der Weisheit, sich in Jakob bzw. Israel niederzulassen, und dort ihr Zelt aufzuschlagen. Auf Zion, im heiligen Zelt, dort soll die Weisheit Gott dienen.

Zwar wird die Weisheit in Jerusalem wohnen, aber: „sie schlug Wurzeln“, so heißt es dort „in einem ruhmreichen Volk“. D.h. letztendlich ist es nicht die Stadt, sondern letztendlich sind die Menschen es, die der Weisheit Heimat geben. Gott hat mehr Interesse an den Menschen als an irgendeiner tollen Wohnung für seine Weisheit oder einem besonderen Tempel.

Im Evangelium ist die Rede davon, dass Gott selbst bei seinem Volk wohnen möchte. Als „das ewige Wort“ kommt er zu den Menschen. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihm nicht auf.“ (Joh 1,11). Das Wort Gottes sucht einen Ort, um zu bleiben, aber es wird abgelehnt! Gott findet keine Wohnung! Und das nicht, weil die Mietpreise zu hoch sind, sondern einfach deshalb, weil es offenbar Menschen gibt, die zwar sein Volk sind, aber sein Wort nicht hören wollen. Es gab aber auch Menschen, die ihn aufnahmen - und die wurden zu Schwestern und Brüdern, zu Kindern Gottes.

3/ Gott zeltet unter uns

Der Johannes-Prolog erzählt feierlich: „Das Wort erschien in einem Menschen und wohnte bei uns.“ (Joh 1,14; Übersetzung Berger). Wörtlich heißt es dort: „Es zeltete bei uns“. Gott sei Dank, das Wort hat seinen Platz gefunden! Es lebt mitten unter uns, und es wirkt mitten unter uns! Aber seine Art und Weise, wie es da ist, wie es wohnt, ist vorübergehend, wie in einem Zelt, nicht für ewig. Das ist wirklich ein Segen, dass Gott mit uns ist. Aber wir haben ihn nicht wie ein Besitz, wir können ihn nicht festhalten. Er wohnt wie in einem Zelt. Er ist sozusagen vorübergehend da.

Wenn wir sein Wort hören, darauf achten, es befolgen, danach leben, ihm Raum geben in unserem Leben, es ehren, es anbeten, es weitersagen, dann wird es bei uns bleiben! Und dann haben auch wir einen Ort zu bleiben, eine Ruhestätte, eine heilige Wohnung.

Am Ende kommt es doch nicht darauf an, ob wir eine schöne Wohnung hier auf der Erde haben, ob wir ein großes Haus haben oder eine kleine Mietwohnung. Am Ende ist es doch entscheidend, ob wir in Verbindung sind, mit Gott und in der Beziehung mit ihm bleiben.

Das ist der Ort, wo ich gerne bin: bei ihm und bei den Menschen, die an ihn glauben! Dort finde ich Ruhe. Dort kann ich Wurzeln schlagen. Dort finde ich Zuversicht und Freude und Geborgenheit.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir,“ so heißt es im Hebräerbrief (Hebr 13,14). Wir Menschen sind und bleiben Pilger auf dem Weg zu einer ewigen Heimat. Wir vertrauen darauf, dass Jesus dort im Himmel für uns eine Wohnung vorbereitet hat, so wie er gesagt hat: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ (Joh 14)

Für heute aber dürfen wir dankbar sein, dass wir eine gute Wohnung haben. Und wir dürfen feiern, dass Gottes Wort bei uns Wohnung nimmt. Wir sollen uns einsetzen für Menschen, die keine Wohnung haben. Vor allem aber sollen wir Gott selbst in unserem Leben Raum geben, denn er möchte in unserer Mitte wohnen. Er hat uns seinen Namen genannt: „ich bin da“ (Ex 3). So können auch wir sagen: „hier bin ich“ (1Sam 3)

Freitag, 2. Januar 2026

Maria


Neujahr 2026, Hamburg 19 Uhr | Manresa-Messe – Maria

Les: Num 6, 22–27; Gal 4, 4–7; Lk 2, 16–21

1/ Das neue Jahr beginnen

Viele Menschen nutzen den Übergang ins neue Jahr für eine Rückschau auf das vergangene Jahr. Was war wichtig im vergangenen Jahr? Welche Ereignisse haben mich geprägt, haben mich berührt? Die Ereignisse des vergangenen Jahres anschauen bedeutet auch: sie deuten, gewichten und vor allem sich daran erinnern, es vielleicht auch jemand anderem zu erzählen.

Wir führen dabei die Erzählung des eigenen Lebens weiter. Wir versuchen, den roten Faden zu finden, die Ereignisse zu einer Geschichte verknüpfen; wir tun es im Vertrauen darauf, dass unser Leben einen Sinn hat, d.h. nicht nur einen Wert, sondern auch eine Orientierung, eine Richtung. 

Manche Menschen haben eine Begabung darin, die guten Dinge hervorzuheben, die eigene Perspektive in der Art zu vermitteln, wie sie sich für das, was geschehen ist, begeistern können, dankbar sind. Vor einigen Tagen habe ich z.B. einen Film über 20 Jahre Miniaturwunderland gesehen. Die Gründer-Zwillinge Gerrit und Fredrik Braun und den Modellbahnbauer Stephan Hertz haben eine Begabung, die Begeisterung für das, was sie erlebt haben zu vermitteln. Andere Menschen schauen eher traurig und enttäuscht auf das Vergangene, sehen die Schwierigkeiten, in denen wir stehen, im persönlichen Leben, in der Gesellschaft, in der Welt.

Es heißt manchmal: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Der Satz ist falsch, insofern wir uns viele Dinge in unserem Leben nicht aussuchen und nicht in der Hand haben. Der Satz ist richtig, insofern es entscheidend darauf ankommt, wie und auf welche Weise wir selbst mit dem umgehen, was uns im Leben begegnet.

Das eigene Herz sprechen zu lassen und mit dem Licht Gottes auf das schauen, was ist, was wir erleben und erleiden – das ist die Aufgabe von Propheten und wohl auch von jedem von uns. Denn wir gestalten unser Leben. Wir geben ihm eine „lebendige Gestalt“ (vgl. Brüske, Martin / Meuser, Bernhard / Reemts, Christiana (Hg.): Urworte des Evangeliums. Für einen neuen Anfang in der katholischen Kirche. Freiburg/Basel/Wien 2025, S.13).

Viel zu oft nehme ich die Dinge und Begegnungen als Selbstverständlichkeit und vergesse darüber zu staunen. Viel zu oft vergesse ich, mich dem Wirken Gottes in mir u öffnen. In diesem Jahr will ich mich immer neu von Gott begeistern und beeindrucken lassen. 

2/ Maria hat ihrem Leben Gestalt gegeben

„Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. “ (Lk 2,19), so haben wir gerade im Evangelium gehört. Maria erinnert sich an die Ereignisse der Geburt und der ersten Tage im Leben ihres Sohnes. Wie war es, als die Hirten wieder gegangen waren? Wie kam es, dass sich die Nachricht von seiner Geburt so rasch verbreitete? Wie habe ich die kleine, bescheidene Feier der Beschneidung erlebt, als wir dem Neugeborenen einen Namen gaben, so wie es sich für einen kleinen jüdischen Jungen gehört? 

Christen sehen die Mutter Christi als ein Vorbild an. „Sie verehren sie mit Zuneigung und Bewunderung, denn da die Gnade uns Christus ähnlich macht, ist Maria der vollkommenste Ausdruck dieses ihres Wirkens, das unsere Menschlichkeit verwandelt.“ (Vgl. Mater populi fidelis 1) 

Wir sehen Maria aber auch als die die Mutter des gläubigen Volkes Gottes heute. Sie hat heute einen Einfluss auf uns als erlöste Menschen an der Seite Christi. Sie ist heute für uns nicht nur ein Vorbild für die Art und Weise, wie sie damals am Heilswerk mitgewirkt hat, in dem sie Gottes Wirken in ihrem Leben Raum gab. Sondern sie führt uns auch heute zu Jesus Christus. 

Für mich sind es einige Marienbilder, die mich begleiten und daran erinnern. Zuallererst die älteste Marienstatue nördlich der Alpen, die sich in meinem Heimatbistum in der Kathedrale von Essen befindet. Die „Mutter vom guten Rat“. Sie weist uns darauf hin: Was er euch sagt, das tut! (vgl. Joh 2)

Oder die Marienikone im Noviziat, die „Muttergottes vom Zeichen“. Es ist die berühmte Ikone der orthodoxen Kirche, die Maria mit zum Gebet erhobenen Händen darstellt, wobei das Jesuskind auf ihrer Brust zu sehen ist, was ein "Zeichen" für ihre Mutterschaft ist. So wird sie als Schutzpatronin angerufen.

Oder die Mutter mit dem geneigten Haupt, ein Bild, vor dem viele Jesuiten in der Gefangenschaft in Portugal beteten; das auf geheimnisvolle Weise vor bald 100 Jahren zurück nach Deutschland kam. 

Andere haben andere Bilder oder Orte, die sie auf besondere Weise mit dem Wirken Marias verbinden, für viele sind es die berühmten Wallfahrtsorte: Guadalupe, Lourdes, Fatima, Tschenstochau, Medugorje.

Immer ist das Wirken Mariens daran zu erkennen, dass es uns näher zu Jesus Christus führt und das Werk der Erlösung, das allein durch ihn geschehen, tiefer zu verstehen und in unserem Leben wirksam werden zu lassen: Konkret, durch die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen und durch eine Annahme unserer selbst.

3/ Die geistliche Mutterschaft

Wie wird Maria in geistlicher Hinsicht für uns zur Mutter? Eine Antwort könnte sein: Indem wir wie Maria und mit Maria zu Hörenden werden. Denn das ist die Grundhaltung jedes gläubigen Lebens. Der Glaube kommt vom Hören, so schreibt der Apostel Paulus (vgl. Röm). Es ist der Gehorsam auf Gott, durch den wir wirklich frei werden. 

„Maria bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.“ Darum geht es beim inneren Hören, darum geht es beim Gehorsam. Selten ist es so, dass wir so etwas wie einen Telefonanruf von Gott bekommen und dann genau wissen, was zu tun ist. Das gibt es auch, ich will es nicht ausschließen.

Meist ist jedoch so, dass es Zeit braucht, dass wir Zeit zum Nachdenken und inneren Verkosten brauchen; mit den Gefühlen, mit dem Verstand; dass wir die Ereignisse und Begegnungen, die Worte der Menschen und die Worte Gottes aus der Bibel bewahren und im Herzen erwägen müssen, um zu einer Klarheit und Entscheidung zu kommen, was zu tun ist.

Dieses Erwägen geschieht auf der Basis des Vertrauens, dass Gott uns liebt wie seinen Sohn, dass er uns durch ihn etwas Gutes vorbereitet hat und wir es ergreifen und realisieren dürfen, „damit wir die Sohnschaft erlangen.“ Es geschieht im Vertrauen auf den Geist seines Sohnes in unseren Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Das ist der Geist der Freiheit, als Kinder Gottes zu leben.

Freitag, 26. Dezember 2025

Licht im Dunkeln

Sonnenuntergang in Hamburg, 24.12.2025

2025 Predigt Weihnachten, Hamburg | Manresa

Les: Jes 52, 7–10; Hebr 1, 1–6; Joh 1,1-18

Das Weihnachtsfest ist ein Lichterfest. Mitten in der dunklen Jahreszeit entzünden wir Kerzen. Wenn die Nacht am längsten ist, schmücken wir den Weihnachtsbaum mit Lichtern, selbst die Einkaufsstraßen erstrahlen in hellem Glanz. Mag sich man sich über ein kommerzialisiertes Fest ärgern, aber dieser Lichterglanz trifft doch bei uns offenbar auf eine sehr tiefe Sehnsucht, auch bei den Menschen, die nicht glauben: Licht, das die Dunkelheit erleuchtet.

Heute gibt es elektrisches Licht überall und zu jeder Zeit; wir brauchen eigentlich keine natürlichen Lichtquellen mehr. Doch das Licht verliert nicht seine Faszination: Ein Sonnenaufgang, ein heller Tag, das Strahlen des Mondes – wie schön ist das! Im neuen Einkaufszentrum in der Hafencity wurde der „Port de lumière“ eröffnet, ein Museum nur aus Licht. Und die modernen Fernsehsendungen und Konzerte, die wir in diesen Tagen anschauen, wären und ohne eine ausgeklügelte Lichttechnik überhaupt nicht mehr zu denken.

Die Römer feierten seit Kaiser Aurelian, d.h. seit dem dritten Jahrhundert nach Christus, zur Wintersonnenwende ein Fest zu Ehren des Sonnengottes „sol invictus“. Es war ein Lichterfest mit öffentlichen Feiern und Spielen. Die Sonne als Licht des Himmels wurde durch einen öffentlichen Kult geehrt. Dies verband sich mit einer Spiritualität, dem Mithras Kult, der angeblich aus Persien stammen sollte. Ein bisschen Exotik reizte religiöse Menschen immer schon.

Die Christen waren anfangs gegen diese Lichtfeste; sie befürchteten eine Verwechslung von Gott und den Götzen. Aber mit der öffentlichen Anerkennung des Christentums und der Kaiser Konstantin verwandelte sich die christliche Ablehnung der römischen Festkultur. Das Lichterfest wurde christianisiert, d.h. übernommen und umgedeutet - und schließlich als ein hohes christliches Fest beansprucht, als das Fest der Geburt Christi.

Denn das Licht zu feiern, war den Christen nicht fremd: Die Christen konnten sich darauf berufen, dass Christus in den biblischen Texten als „das wahre Licht“ (Joh 1,9), bzw. als „die Sonne der Gerechtigkeit“ (vgl. Mal 3,20) bezeichnet wird und dass „das aufstrahlende Licht aus der Höhe“ gekommen ist, „um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lk 1, 78-79), - so heißt es im Benediktus, im Lobgesang des Zacharias über die Geburt Jesu.

Und in seiner Nachfolge werden auch die Christen zu Licht: „Die Gerechten werden im Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne.“ (Mt 13, 43)

Seit dem vierten Jahrhundert wird also das Lichterfest an Weihnachten als das Fest Geburt Jesu gefeiert. Man könnte auch sagen: Deshalb feiern wir Weihnachten im Winter. Spannend ist nun, dass diese Übernahme des Lichtfestes genau zu jener Zeit geschah, als über die Bedeutung und das Wesen von Jesus Christus in der Kirche erbittert gestritten wurde. Es wurde damals in langen philosophischen und theologischen Diskussionen darüber gestritten, wer Jesus Christus eigentlich sei: War er ein Mensch? War er ein Gott? War er ein Gott in menschlicher Gestalt? War er ein Sohn von Gott? Und wenn ja, ein Sohn in dem Sinne, wie wir alle Kinder Gottes sind, oder doch auf besondere Weise?

Was bedeutet Inkarnation bzw. Fleischwerdung? Wir glauben, dass Gott uns in Jesus Christus nahegekommen ist, dass er Mensch wurde. Ist damit verbunden, dass Jesus Christus schon vorher existierte und quasi mit seiner Geburt nur auf diese Erde kam? Oder hat Gott, der Ewige, diesen Menschen erst später als Sohn angenommen, also quasi adoptiert?

Ich weiß nicht, ob sie sich über diese Fragen schon einmal Gedanken gemacht haben. Aber zu Beginn des vierten Jahrhunderts wurde darüber im ganzen Reich gesprochen. Das war ein Thema für jeden Bischof und für jede Gemeinde. Man erzählte sich, dass sogar die Marktfrauen über diese Themen diskutierten. Es gab Reimverse, um die unterschiedlichen theologischen Positionen deutlich zu machen. Die Arianer, d.h. die Theologen, die die Position des Arius vertraten, hatten zum Beispiel gedichtet: ν ποτε τε οκ ν – auf Deutsch: es gab eine Zeit, wo er nicht war.

Kaiser Konstantin meinte, es sei zu viel der Diskussion, die Einheit der Kirche und die Einheit des Reiches sei gefährdet. Und so berief er 325 die Bischöfe nach Nizäa; sie sollten ein Glaubensbekenntnis formulieren. Das war vor nun genau 1700 Jahren.

Die Position der Arianer wurde am Ende verurteilt. Das bedeutet: Die Aussage „es gab eine Zeit, wo er nicht war“ wird als falsch abgelehnt. So steht es geschrieben: Gottes Sohn ist von Ewigkeit her.

Die Auseinandersetzungen hätten schlecht ausgehen können für das Christentum, wenn man nur bei philosophischen und theologischen Streitfragen und Argumenten geblieben wäre. Argumente sind wichtig für den Glauben, aber es braucht auch immer wieder die Rückbesinnung auf die Überlieferung und darauf, dass am Ende nicht alles vollständig in philosophischen Begriffen ausgesagt werden kann. So wie Johannes in seinem Evangelium poetisch formuliert und ganz in Anlehnung an die Sprache der Bibel:

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1, 1-5)

Deshalb fanden die Bischöfe Gott sei Dank auf dem Konzil ein Glaubensbekenntnis, dass auch poetische Sprache verwendet, um das Wesen Christi zu beschreiben. „Licht vom Licht“. Das ist ein Bildwort, dass jedem sofort einleuchtet. Wer schon einmal das Licht einer Kerze weitergegeben hat, weiß, was es bedeutet: „Licht vom Licht“.

Biblische Sprache kennt immer schon poetische Formulierungen. In den Psalmen heißt es zum Beispiel: „In deinem Licht schauen wir das Licht.“ (Psalm 36,10). Wir können an den Sonnenaufgang denken. Das Sonnenlicht hilft uns, etwas zu sehen und zugleich sehen wir die Sonne selbst.

Wie oft bitte ich Gott, um sein Licht um die Dinge meines Lebens neu zu sehen. Und manchmal erkenne ich dann in diesem Licht, mit dem Vertrauen auf seine liebende Barmherzigkeit, auch sein Leben in meinem Leben, seine Gegenwart in meiner Gegenwart und in meinem Alltag., Sein Wirken als das Licht meines Lebens.

Dieses Licht kommt heute in unsere Welt. Es strahlt in unsere Dunkelheit. Das bedeutet: die Dunkelheit, die Sünde der Welt wird vernichtet. Der Retter wird da sein, und uns wird Vergebung schenken. Er richtet uns auf durch seine tröstliche Ankunft. Amen.