Dienstag, 21. Juli 2026

Ambiguitätstoleranz

Predigt Sechzehnter Sonntag im Jahreskreis A, 19.7.2026, Hamburg | Manresa
Les: Weish 12,13.16-19; Röm 8, 26-27; Mt 13,24-30 (-43)

Zunächst ein wenig Pflanzenkunde, um das Gleichnis, wie es uns im Evangelium überliefert wird, zu verstehen. Es war in der Lebenswelt Jesu offenbar bei vielen Menschen selbstverständlich. Ich selbst musste ein bisschen nacharbeiten:
Es geht beim Unkraut um den sogenannten Taumel-Loch (griechisch: zizania). Es handelt sich um eine Pflanze aus der Familie der Süßgräser, deren Größe und Form dem Weizen sehr ähnlich ist. Die Körner sind am Ende gleich groß, dass sie durch Sieben nicht trennbar sind. Sie sind allerdings giftig; beim Verzehr rufen sie Schwindel und Gleichgewichtsstörungen hervor (daher der Name!), Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und gelegentlich den Tod durch Atemlähmung. Verantwortlich dafür ist ein Pilz, der im Samen dieses Grases wächst, der Pflanze selbst aber offenbar nicht schadet.
Taumel-Lolch lässt sich allerdings nicht vorher ausreißen, selbst wenn man ihn unterscheiden kann, denn die Wurzeln der beiden Pflanzen sind so ineinander verflochten, dass beim Jäten bzw. Ausreißen beide Pflanzen entwurzelt werden. Ist der ganze Acker von der Vermischung der beiden Pflanzen betroffen, würde das den Verlust der gesamten Ernte bedeutet. Deshalb soll die notwendige Trennung der beiden Pflanzen erst mit der Ernte geschehen. Während die reifen Weizenähren leicht geneigt sind, steht die reifen Lolch-Halme aufrecht und lassen sich gut erkennen. Bei der Ernte mit der Handsichel werden diese Gräser dann verbrannt.
In unserer Zeit ist der Lolch durch Pestizide und Herbizide weitgehend ausgerottet. Aber die Wirklichkeit, die beschrieben wird, spiegelt eine Erfahrung, die wir teilen: Es gibt Gut und Böse, oft nahe beieinander; es ist beides da und es ist manchmal nicht so einfach, das eine vom anderen zu unterscheiden. 
Jesus sagt: Das Himmelreich entsteht nicht einfach so rein und pur, fällt gleichsam fertig und unschuldig vom Himmel, sondern es ist etwas, das wächst, und zwar unter Bedrängnis. Es ist vermischt mit vielem, was nicht dazugehört und was vom Bösen kommt, vom Feind der menschlichen Natur. Die Frucht dieses Unkrauts ist nicht nutzlos, nein sie ist schädlich. Und wenn ich das nicht erkenne, hat es ein schlimmes Ende.
Es gibt nun jene, die beschwichtigen, den Unterschied zwischen Gut und Böse relativieren. Oder jene, die in Zweifel ziehen, ob es das Böse überhaupt gibt, wenn doch alles von Gott geschaffen ist, dem Urheber alles Guten. Sie nennen eine Unterscheidung verächtlich „dualistisches Denken“. Oder es gibt jene, die zwar anerkennen, dass es Gut und Böse gibt, dann aber Gottes Güte in Zweifel ziehen, so wie die Knechte: „Hast du nicht guten Samen gesät?“
Das Gleichnis ist an dieser Stelle schlicht und klar: das hat der Feind getan. Es gibt das Böse, es gibt den Samen, der vom Bösen gesät wird und es gibt die Frucht, die daraus entsteht und den Menschen krank macht beziehungsweise tötet.
Im Gleichnis steht am Ende eine klare Aufforderung an die Knechte, nicht auszureißen, sondern wachsen zu lassen bis zur Ernte. Erst zur Zeit der Ernte, d.h. zur Zeit des Gerichts, wird es die endgültige Unterscheidung geben.
Was bedeutet das nun für uns? Sollen wir einfach alles hinnehmen, alles wachsen lassen und vielleicht mal gießen und düngen, aber im Grunde akzeptieren, dass es in dieser Welt und auch im Blick auf das Himmelreich Gut und Böse gibt nebeneinander, dass beides sein darf? Dass wir es uns in unserem Alltag, wo alles wächst, mehr oder weniger gemütlich machen können, es lässt sich ja eh nichts tun? Dass wir den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, der offenbar auch ohnmächtig ist angesichts der Entwicklungen dieser Welt?
Nein, ich glaube, das wäre zu kurz gegriffen und würde das Gleichnis missverstehen. Dem Gleichnis geht es um die Geduld, die wir aufbringen soll, angesichts der vielen Entwicklungen und Fehlentwicklungen, angesichts der sehr vielen guten Handlungen in dieser Welt und angesichts des vielen Schlimmen, was es gibt in der Welt, aber auch in uns selbst, im eigenen Herzen.
Also: Ja, wir sollen akzeptieren, dass es immer beides gibt, das Gute und das Böse, und dass genauso so das Himmelreich wächst! Und nein, das bedeutet nicht, beides einfach gleichgültig hinzunehmen.
Das ist jetzt der Schritt über das Gleichnis hinaus, den ich mit ihnen gehen möchte: Ich glaube, wir sollen als Menschen auch jetzt schon versuchen, die eigene Achtsamkeit und Aufmerksamkeit darauf zu richten, zu unterscheiden. Unsere botanischen Kenntnisse sozusagen zu verfeinern.
Ignatius nennt es die „Unterscheidung der Geister“. Er sagt: Jetzt schon, in dieser Welt, können wir zwar nicht aus einer Außen-Perspektive her urteilen und für andere Gut und Böse unterscheiden, aber wir können es aus einer Innen-Perspektive, für uns selbst. Denn beides wirkt dauernd auf uns ein: Das Gute und das Böse; und wir können seine Wirkungen spüren und im Glauben und Vertrauen auf Gott unterscheiden, was in unserem eigenen Herzen geschieht.
Um im Bild zu bleiben: wir können vielleicht nicht direkt den Gutsherrn und den Feind erkennen, aber wir können durch unsere Sinne jetzt schon an den Wirkungen ansatzweise Weizen und Lolch unterscheiden! Dafür braucht es einen klaren Kopf, aufmerksame Sinne, und ein Herz, dass Gott aufrichtig sucht.
Er sagt, es gibt im Menschen dreierlei Einflüsse: Erstens das, was aus uns selbst kommt, unser Charakter, unsere Persönlichkeit, die uns prägen. Zweitens das, was vom guten Geist kommt; drittens das, was vom bösen Geist kommt. All das geschieht ständig, jetzt schon und wir können unsere Aufmerksamkeit mit Jesus Christus zusammen schulen und prägen lassen und so erkennen, was wir tun sollen.
Die Wirkungen des guten Geistes in unserem Herzen sind: Trost, Friede, Freude, Langmut, Güte, und so weiter. Die Wirkungen des bösen Geistes in unserem Herzen sind: Misstrost, Trostlosigkeit, Ärger, Traurigkeit, Grimm, Zorn, Ekel und so weiter.
Es ist nicht so leicht, das Gute und das Böse auseinander zu halten. Manchmal sieht beides auf den ersten Blick ganz ähnlich aus. Gut und Böse sind oft nicht einfach schwarz und weiß, so dass ich klar habe, was ich tun soll. Gottes willen zu suchen und zu finden, ist die große Herausforderung, vor der wir als Christen stehen. 
Dafür braucht es das große Vertrauen, ja die Gewissheit, dass Gottes Reich, auch wenn es manchmal nur winzig erscheint, wenn wir davon nur Ansätze ersehen, sich durch wird setzen wird und zu einem herrlichen und großen Ende kommt. Das sind die wunderbaren Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig, die jetzt Folgen im Matthäus Evangelium.
Am Ende wird Matthäus Evangelium, nach diesen Gleichnissen, noch eine Deutung der Gleichnisse gegeben. Jesus selbst legt dort seinen Jüngern das Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen aus. Ich empfehle sehr, dass Sie die Auslegung einmal lesen. Jesus spricht vom Gericht am Ende der Welt, dass er selbst durchführen wird (Mt 13,31-43).
Es ist gut, solche Worte einmal zu hören oder zu lesen und sich die Konsequenzen des eigenen Handelns vor Augen zu führen. Christus nimmt uns ernst, Christus nimmt unser Leben ernst. Gott wird Gerechtigkeit schaffen, endgültig und für alle. Wer behauptet, wir würden alle unterschiedslos gerettet, hat von der Botschaft Christi nicht viel verstanden. Aber auch wenn dieses Gericht kommt, so kommt es eben nicht sofort, sondern es gibt eine Zeit bis dahin. Und dafür braucht es Mut und Geduld und Unterscheidung, das Gute zu erkennen und zu tun.
Und lade ich Sie ein, dass wir gemeinsam beten: Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. (Reinhold Niebuhr)

Montag, 29. Juni 2026

Gastfreundschaft

Elischa und seine Gastgeberin

Predigt 13. Sonntag im Jahreskreis A 2026, Hamburg | Manresa

Les: 2Kön 4,8-11.14-16a (4,8-16a); Röm 6,3-4.8-11; Mt 10,37-42

Das verbindende Thema der heutigen Lesungen ist die Gastfreundschaft.

1/ Gastfreundschaft in den Lesungen

Der Prophet Elischa wird in Schunem von einer vornehmen Frau (und ihrem Mann) aufgenommen, die ihm ein Zimmer herrichten: ein kleines, gemauertes Obergemach mit Bett, Tisch, Stuhl und Leuchter; mehr braucht es nicht! Elischa ist dankbar für diese Gastfreundschaft und möchte sich erkenntlich zeigen. Soll er ein Wort beim Obersten des Heeres für sie einlegen? Nein, sie wollen nichts haben für ihren Dienst. Sein Diener Gehasi aber ahnt, womit er der Frau und ihrem Mann eine große Freude bereiten konnte; mit einem Kind, das Gott ihnen schenken möge.

Die Jünger, die zwölf Apostel, die von Jesus ausgesandt wurden (vgl. Mt 10,12f.), um das Evangelium zu verkünden, sind auf Gastfreundschaft angewiesen, denn sie haben kein Geld dabei, keine Vorratstasche, und sie hoffen darauf, dass man sie aufnimmt, einfach aus Gastfreundschaft; und vielleicht auch, weil sie Jünger Jesu sind. 

Sie sind keine bekannten Propheten, sie sind keine großartigen Gerechten, sie sind einfach, „kleine“ Leute, die das Himmelreich verkünden und die Botschaft Jesu auf ihre Weise leben.

Die Rede von der Gastfreundschaft im Evangelium ist also Auftrag an die Gemeinden, Gastfreundschaft zu geben und zugleich Ermutigung für die Jünger, sie anzunehmen.

2/ Gastfreundschaft in Lübeck

Gestern fand die Wallfahrt des Erzbistums „auf den Spuren der Lübecker Märtyrer“ statt. Ich selbst bin mit einer Gruppe von Reinfeld aus etwa 20 km auf den Jakobsweg bis nach Lübeck gelaufen. Unser Ziel war die Lutherkirche bzw. die Propstei Herz Jesu, wo die vier Lübecker Märtyrer gewirkt haben. Die Gruppe bestand aus etwa 14 Personen, die von Hamburg aus gelaufen sind. Dazu kamen noch einmal ebenso viele Menschen, die sich in Reinfeld der Gruppe angeschlossen haben. Eine vielfältige Gruppe, die meisten kannten sich nicht und waren doch durch das Ziel und die Botschaft, durch Gesang und Gebet und durch den Rhythmus der Schritte schnell miteinander verbunden. Der Weg ging meist durch den Wald, vorbei an der Trave. So war es trotz der hohen Temperaturen eine erträgliche Wanderung.

Besonders gerne erinnere ich mich an den Moment, als wir am Ziel ankamen, an der Kirche Herz Jesu. Wir wurden schon erwartet, einige Leute aus der Pfarrei und vom Erzbistum, unter anderem Propst Giering und Erzbischof Heße begrüßten uns persönlich, sie reichen uns (wirklich!) einen Becher frischen Wassers, den wir dankbar entgegennahmen. Dann wurden wir in den Garten hinter dem Pfarrheim geführt, wo uns ein Platz zum Ausruhen bereitet war: gedeckte Tische mit Obst und Getränken, Herzhaftes und Süßes, wir wurden sogar bedient. Die Gemeinde hat sich wirklich große Mühe gegeben. 

Es gab noch zwei andere Fußgruppen und eine Fahrradgruppe. Es waren am Ende etwa 80 Pilgerrinnen und Pilger, die unterwegs waren. Ein schönes Erlebnis, aber sicherlich hätten es deutlich mehr sein können. 

„Naja, bei der Hitze …“, so mag sich manche und mancher gedacht haben, „tue ich mir das nicht an.“ Irgendwie verständlich, wenn man alt oder krank oder schwach ist; aber Hand aufs Herz: es ist doch oft auch der innere Schweinehund, den es zu überwinden gilt. Das kann ich jedenfalls von mir sagen, weil ich am Freitag auch überlegt habe, ob ich mir das wirklich antun soll.

Einige, die aus guten Gründen nicht mitgehen wollten oder konnten, sind zur hl. Messe zum Abschluss gekommen und haben so Anteil genommen.

3/ Gefährdete Gastfreundschaft

Und damit sind wir beim dritten Punkt der Gastfreundschaft. Sie ist immer wieder gefährdet, von allen Seiten: Von denen, die Gastfreundschaft erbitten, denn es ist ja mühsam und eine Selbst-Überwindung von jemand anderem etwas zu erbitten. Einfach zu fragen, das kostet etwas! Und sie ist gefährdet von jenen, die Gastfreundschaft gewähren. Denn das ist wirklich Mühe, das alles vorzubereiten. 

Gastfreundschaft ist immer wieder eine Herausforderung. Sie ist wunderbar, wenn sie gelingt und sie ist mühsam und mit Bereitschaft zum Investissement verbunden: Etwas auf sich nehmen, sich selbst überwinden, sich selbst in einer gewissen Weise loslassen, sich trauen, etwas wagen.

Jeder und jeder hat hoffentlich die Erfahrung schon gemacht, was Gastfreundschaft bedeutet, zum Beispiel auch hier in der Gemeinde beim Gastfreundschafts-Projekt mit den Einladungen zum Abendessen und zum Erzählen. Das Projekt gibt es seit über einem Jahr, es ist klein und mühsam, es gibt viele Widerstände und Gefährdungen, aber wenn es gelingt, dann wird etwas von der Herrlichkeit und Freiheit der Kinder Gottes deutlich, die eine neue Art und Weise des Zusammenleben versuchen. Es ist schwierig, darüber zu reden, und das Projekt hat es nicht einmal hier auf der Webseite in den „Blog“ geschafft, weil es um kleine, oft verletzliche und gar nicht so öffentlichkeitswirksame Erfahrungen geht bei der Gastfreundschaft.

Die Eltern und die Familie werden nicht unwichtig. Die Eltern lieben, die Kinder lieben, das ist gut; und Jesus stellt es nicht infrage. Es braucht keine eigene Begründung, es gibt eine natürliche Motivation. Jesus geht es darum, auch die anderen zu lieben und in diesem Evangelium sind konkret zunächst einmal die anderen Christen gemeint, die das Wort verkündigen und der Gastfreundschaft deshalb bedürfen.

Darin besteht die Nachfolge Jesu: ihn zu lieben, und nicht nur die eigene Familie zu lieben. Und ihn sogar im Zweifelsfall mehr zu lieben als die eigene Familie.

Was bedeutet denn „mehr lieben“? Für den heiligen Ignatius war „mehr lieben“ (lat. magis amare), ein wesentlicher Gedanke. Und wie man Jesus nachfolgt und ihn dabei „mehr lieben“ lernt, dazu hat er ein eigenes Buch geschrieben: die Exerzitien, auf Deutsch die geistlichen Übungen.

Das Ziel des Buches, das Ziel der Exerzitien, findet sich im Kern genau in dieser Bitte, die er denen, die Exerzitien machen, mitgibt: „Innere Erkenntnis des Herrn erbitten, der für mich Mensch geworden ist, damit ich mehr ihn liebe und ihm nachfolge.“ (EB 104)

Dieses „mehr“ / magis ist nicht quantitativ gemeint im Sinne von: noch eine Wallfahrt mehr, noch ein Gebet mehr, noch ein Amt in der Kirche, noch ein Dienst, noch ein Opfer. Sondern es ist qualitativ gemeint: die Art und Weise wie ich Jesus liebe, darauf kommt es an! 

Und wie ich Jesus liebe, das zeigt sich dann ganz konkret auch in der Weise, wie ich mit den Menschen umgehe, die ihn lieben, die zu ihm gehören, d.h. wie ich die Jüngerinnen und Jünger Jesu, wie ich die Kirche liebe. Wie gesagt, ganz konkret, das kann ein Becher frisches Wasser sein, den ich den Pilgernden zu trinken gebe.


Nothing is more practical 

than finding God, 

than falling in Love 

in a quite absolute, final way.

What you are in love with, 

what seizes your imagination, 

will affect everything.

It will decide 

what will get you out of bed in the morning,

what you do with your evenings,

how you spend your weekends, 

what you read, 

whom you know, 

what breaks your heart,

and what amazes you with joy and gratitude. 

Fall in Love, 

stay in love, 

and it will decide 

everything.

Pedro Arrupe SJ (1907–1991)


Montag, 15. Juni 2026

Fachkräfte gesucht!

Predigt 11. Sonntag im Jahreskreis A, 14.06.2026 | Hamburg, Manresa

Les: Ex 19,2-6a; Röm 5,6-11; Mt 9,36-10,8

In vielen Branchen in Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Vor allem im Gesundheitswesen, in der Pflege, im sozialen Bereich, im Handwerk und im Bau fehlen Hunderttausende von qualifizierten Fachkräften. Es braucht Menschen, die Lust haben, zu arbeiten und anzufassen. Was kann Menschen dazu motivieren?

Auch gute Politiker werden gesucht: Menschen, die weise und klug unser Volk leiten. Politiker, die für die Armen und Schwachen sorgen und die auf das Gemeinwohl achten. Menschen, die verhindern, dass unsere Gesellschaft immer weiter auseinander-driftet, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer wird, die zusammenführen können und den Mut haben, unbequeme Entscheidungen zu treffen; die nicht nur auf Partikularinteressen achten. Wo sind sie zu finden?

Um "Fachkräftemangel" geht es auch in den heutigen Lesungen! 

In der Lesung aus dem Buch Exodus wird Mose, dem Propheten, von Gott mitgeteilt, was er den Israeliten sagen soll: Sie sollen tun, wozu er sie als sein heiliges Volk berufen hat! Sie sollen auf seine Stimme hören und seinen Bund halten! Es gibt viele Menschen auf der Erde, und alle gehören dem Herrn. Sein besonderes Volk aber hat Gott aus Ägypten befreit, er hat es behütet und beschützt und „auf Adlerflügeln getragen“ (wie ein Adler seine Jungen beschützt, auch wenn er sie mit den Füßen und nicht mit den Flügeln trägt!). Von daher haben sie nicht nur eine besondere Würde, sondern auch eine besondere Aufgabe, die sie alle, als priesterliches Volk, erfüllen sollen. Das Volk als Gemeinschaft kann etwas tun, was nur eine Fachkraft kann: Die Weisungen Gottes halten! 

Auch Jesus sucht Fachkräfte: Ausgangspunkt ist seine Wahrnehmung, dass die Menschen um ihn herum müde und erschöpft sind. Und indem er auf die Menschen schaut, ihre Sorgen und Ängste wahrnimmt, ihre Krankheiten heilt und sich ihnen zuwendet, wird er von Mitleid ergriffen. Es ist ein sehr starkes Gefühl, wörtlich: „er wurde in den Eingeweiden bewegt.“ Das ist nicht nur ein schlichtes Mitgefühl, das ist wirklich „compassion“ angesichts der erbärmlichen Situation so vieler Menschen. Und Jesus erkennt, warum es den Menschen so schlecht geht, warum sie müde und erschöpft sind: „Denn … sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Das Wort erinnert an den Wunsch des Propheten Mose, einen Nachfolger zu finden, damit das Volk ins Gelobte Land zieht (vgl. Num 27,17). Und es erinnert an die Mahnungen des Propheten Ezechiel (vgl. Ez 34).

Es fehlt den Menschen um ihn, so die Deutung Jesu, an Orientierung. Es fehlt ihnen an Werten, an Güte, es fehlt an innerer Ordnung und Leitung, es fehlt ihnen ein Vorbild. Es gibt vielleicht Menschen, die vorgeben, Hirten zu sein. Aber schlechte Hirten sind eben keine Hirten!

Es braucht keine Hirten, die sich selbst weiden, die ihre Schafe für eigene Zwecke nutzen, das Fett verzehren und sich mit der Wolle kleiden. Es braucht gute Hirten, die Schwache stärken, die Kranke heilen, die Verletzte verbinden, die Verlorene suchen und die Herde insgesamt schützen. Die auf die Suche gehen, gute Weide finden und Orientierung bieten.

Und er spürt, das ist eine große Aufgabe, dafür braucht es Fachkräfte. Es bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit. Das Bild von der Ernte deutet darauf hin. Jetzt ist die Zeit, jetzt ist der Moment, es da Gott selbst sich seines Volkes annimmt. Es ist Endzeit!

Von daher gibt es zwei Bewegungen bei Jesus, von denen der Text berichtet. Zum einen ruft Jesus seine Jünger zum Gebet auf: „Bittet den Herrn der Ernte!“ Ich schaffe es nicht allein und ja, auch ihr schafft es nicht allein. Immer werden wir darum bitten müssen, dass Gott hilft. Bildet Euch nicht ein, dass ihr die Lage selbst in den Griff bekommt, mit Euren Pastoralplänen oder irgendwelchen Strukturreformen. Vertraut darauf, dass Gottes Wirken unter Euch bleibend gegenwärtig ist. Das ist das erste.

Und dann die Berufung der Jünger. Sie werden einzeln beim Namen genannt. Die Zwölf, die für das ganze Volk Israel stehen, für alle Stämme des Volkes, sie sollen Jesus bei seinem Dienst helfen. Das ist ihre Mission, ihr Auftrag: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!“ (Mt 10, 7-8)

Und zwar umsonst! Denn dafür sind sie Fachkräfte! Sie haben nicht nur den Auftrag, sondern auch die Kompetenz dazu von Jesus erhalten. So heißt es: „Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.“ (Mt 10,1).

Ja, in Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Und außerdem brauchen wir gute Politikerinnen und Politiker, die bereit sind, gute Hirtinnen und Hirten zu sein. Aber genauso herrscht auch im religiösen Bereich ein Fachkräftemangel. Und damit meine ich nicht nur Mangel an Hauptamtlichen oder einen Priestermangel. Sondern es geht ja um das ganze Volk, das sich an die Befreiung durch Gott erinnern soll, das die Gebote bewahrt, seinen Bund hält und auf seine Stimme hört. 

Es gibt einen Fachkräftemangel an Menschen, die mit der Vollmacht Jesu hingehen und das Reich Gottes verkünden, die für arme und kranke Menschen da sind, gute Seelsorgerinnen und Seelsorger, Zeugen der frohen Botschaft sind.

Wir dürfen darum beten. Immer wieder. Und wir dürfen uns freuen, wenn Menschen beim Namen gerufen werden und sich dafür zur Verfügung stellen.

Heute Abend werden einige Frauen und Männer, die sich auf die Taufe bzw. den Eintritt in die katholische Kirche vorbereiten, das Glaubensbekenntnis empfangen. Die Übergabe des Glaubensbekenntnisses ist nicht ein Papier, das sie erhalten, sondern das Zeugnis des lebendigen Glaubens, den die Gemeinde bekennt und damit weitergibt.

Es sind Menschen, die in sich eine Sehnsucht gespürt haben, die bewegt wurden, auf das Wort Gottes zu hören. Es sind Menschen, die sich für den Glauben interessieren, die in die Schule gehen, eine Ausbildung machen, sich bilden lassen. Es sind noch keine Fachkräfte, und sie werden den allgemeinen Fachkräftemangel nicht beseitigen, aber wir dürfen uns freuen, dass sie heute Abend hier sind, und hinzutreten möchten, zu jenen, die von Gott geliebt sind als sein besonderes Eigentum.


Montag, 1. Juni 2026

Gotteserfahrungen

Predigt Dreifaltigkeitssonntag A 2026, Hamburg | Manresa 

Gibt es „Gotteserfahrungen“? Kann man Gott, den einen, wahren, dreifaltigen Gott, in diesem begrenzten Leben als Mensch erfahren?

Die Theologen sind an dieser Stelle vorsichtig. Denn in der Philosophie wird Erfahrung seit Immanuel Kant beschrieben als ein verstandesmäßiges Erfassen von jenen Dingen in dieser Welt, die wir mit unseren Sinnen begreifen und erleben können.

Wir können zum Beispiel Helgoland erfahren. Wir können dort mit dem Schiff hinfahren, auf der Insel herumspazieren, die Luft atmen, das Rauschen der Wellen an den Klippen hören, die Steine berühren. Selbst wenn wir nur einen Tag dort sind und noch nicht alles gesehen haben, kann man zurecht behaupten: ich bin dort gewesen; ich habe Helgoland erfahren. Und auch jene, die noch nicht dort waren, werden glauben, dass es Helgoland gibt und so etwas wie eine Erfahrung von Helgoland möglich ist.

Bei Gott aber ist es anders. Gott ist nicht ein Ding dieser Welt, wir können ihn nicht mit unseren Sinnen erfassen und vor allem: wir können Gott nicht vollständig begreifen oder verstehen. Das liegt im Wesen Gottes begründet.

Denn Gott ist der Grund von allem, was ist, er ist unbegrenzt, ewig. Gott ist allwissend, gültig. Das bedeutet: Er ist anders als die Dinge, die wir kennen und die wir erfahren können. Von daher sagen die Theologen: nein, es gibt keine Gotteserfahrung in diesem Sinne, wie wir die Dinge dieser Welt erfahren.

Nun kann man einwenden, dass es immer wieder Menschen gibt, die Gotteserfahrungen gemacht haben und davon berichteten. Die Bibel ist voll davon! Heute in der ersten Lesung haben wir von einer besonderen Gotteserfahrung gehört, von Mose, wie er Gott auf dem Sinai begegnet.

Der Herr stieg in der Wolke hinab und stellte sich dort neben ihm. Er, d.h. Gott selbst, ruft vor ihm seinen Namen aus und geht vor seinem Angesicht vorüber. (Ex 34,5-6).

Das alles ist sehr ungewöhnlich! Noch kurz vorher war, im gleichen Buch Exodus, noch festgehalten worden, was in Israel für alle Zeiten gilt: „Du kannst Gottes Angesicht nicht schauen, denn kein Mensch kann Gott schauen und am Leben bleiben!“ (Ex 33,20). Mose wurde als Ausnahme gewährt, dass er den Rücken Gottes schauen dürfte, wenn der Herr in seiner Herrlichkeit vorüberzieht. (Ex 33)

Und so wird stets wiederholt: Das Angesicht Gottes kann kein Mensch auf Erden schauen. So heißt es im Neuen Testament, im Johannes-Evangelium, gleich zu Anfang im Prolog und mit Verweis auf die Einzigartigkeit Jesu, der in diese Welt kommt: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18)

Wenn also Mose das Angesicht Gottes doch schaut, dann ist das, was hier geschieht, ganz und gar außergewöhnlich. Er findet Gnade in den Augen des Herrn. Er hört nicht nur den Namen Gottes, sondern er spricht mit dem Herrn, der mit ihm einen Bund schließt. So etwas ist gemäß der Überlieferung Israels außer Mose nur Elija geschenkt worden. Und das sind übrigens die beiden Propheten, Mose und Elija, mit denen Jesus auf dem Berg der Verklärung spricht. Diese drei Menschen teilen miteinander die Erfahrung, dass sie Gott gesehen haben.

Doch auch andere Menschen berichten davon, dass sie Gott erfahren haben. Vielleicht haben sie Gott nicht so gesehen wie Mose und Elia, aber sie haben etwas erlebt, was sie nicht zweifeln lässt und was sie sagen lässt: da war Gott gegenwärtig.

Genauso ist es den Jüngern gegangen, die mit Jesus unterwegs war. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“, so sagt Jesus. Das ist die Grundlage des Festes, dass wir heute feiern, dass wir glauben und erkennen, dass Menschen in Jesus Christus als dem Sohn Gott selbst begegnen und dass der Vater sich durch Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist. Dass wir Gott erfahren. Und das ist keine Blasphemie!

Paulus z.B. berichtet davon, wenn er über Visionen und Offenbarungen im zweiten Brief an die Korinther spricht, dass er einen Menschen kennt (und offenbar spricht er von sich selbst!), der vor vielen Jahren in den Himmel entrückt wurde, wo er unsagbare Worte hörte. Es handelt sich wohl eine spirituelle Erfahrung, die er durch Jesus Christus gemacht hat und die er mit Gott in Verbindungen bringt, d.h. als eine Vision oder Offenbarung Gottes ansieht.

Wir glauben: Gott offenbart sich den Menschen auf vielfältige Weise. Menschen erleben und erfahren Gott. Insofern denke ich, kann man durchaus von „Gotteserfahrungen“ sprechen, wenn bewusst bleibt, dass diese Erfahrungen anders sind als die Erfahrungen der Dinge der Welt, die wir begreifen und zu verstehen suchen. Der heilige Augustinus sagt einmal: wenn du es begriffen hast, dann ist es nicht Gott. „Si comprehendis non est Deus.“

Wenn wir heute das Fest der Dreifaltigkeit feiern, dann freuen wir uns über einen Gott, der uns in Jesus Christus nahegekommen ist; der uns mit seiner Liebe und Barmherzigkeit entgegenkommt. Der im Heiligen Geist mit ihm und untereinander verbindet. Wir glauben an einen Gott, der in sich Liebe ist und Beziehung. Der sein Wort und seinen Geist in diese Welt gesandt hat, um uns das Geheimnis des göttlichen Lebens zu offenbaren. Ein Geheimnis ist keine Rätsel, das wir lösen sollen, sondern ein Raum, in dem wir daheim sein können.

Gott gibt sich in seinem Sohn hinein in diese Welt, damit wir ihn erfahren und damit wir gerettet werden. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt, sondern damit sie durch ihn gerettet wird.“ (Joh 3,17). Öffnen wir uns für diese Erfahrungen der Gegenwart Gottes in unserem Alltag, im Gebet und in den Begegnungen mit den Menschen - und auch jetzt in der Eucharistie. Amen.

Montag, 25. Mai 2026

Crossconnection

Predigt Pfingstvigil 2026

Lesung: 1Petr 2,3-5 (= GL 653) „Denn ihr habt gekostet, wie gütig der Herr ist. Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist! Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen!“

Liebe Geschwister im Glauben, haben Sie schon einen Instagram-Account? Haben Sie einmal darüber nachgedacht, sich einen anzulegen?

Vor einigen Tagen schrieb mir Christian Busemann, mit dem ich regelmäßig einen Podcast aufnehmen: „Ich finde, Du solltest einen Insta-Account machen!“ Seine Begründung: „Du würdest viele Leute aus den Messen und Kursen versammeln und durch die crossconnection, könnten es immer mehr werden - und immer mehr kämen in die Kirche.“

Ich schätze Christian Busemann sehr. Er ist ein Autor, Familienvater und Medienmensch, der den katholischen Glauben für sich vor einigen Jahren auf einer Pilgerwanderung nach Assisi neu entdeckt hat und in der katholischen Kirche gefirmt wurde. Schon damals hatte er die Idee mit einem Podcast, um spirituell suchende Menschen zu erreichen und all diejenigen, die ein besseres Verständnis vom Glauben und seiner praktischen Umsetzung bekommen möchten.

Für den monatlichen Podcast von etwa 30 Minuten, den ich mit ihm nun seit über einem Jahr aufnehme, suchen wir Themen, die die spirituelle Tradition des christlichen Glaubens in der katholischen Kirche für heute erkunden: Geistlich – praktisch – gut, so haben wir gesagt; in Anlehnung an das Motto, das Jeronimo Nadal, ein Gefährte des Ignatius von Loyola für die spirituelle Tradition der Jesuiten erfunden hat: spiritu – corde – practice, d.h. geistlich, herzlich, praktisch.

Es macht mir Freude, den Podcast aufzunehmen und über die Themen des Glaubens zusammen nachzudenken. Und das überträgt sich offenbar. Wir erreichen mit jeder Folge in etwa 300 – 400 Personen. Das sind mehr als hier in die hl. Messe kommen.

Wir sind inzwischen bei Folge 15 über den hl. Ansgar, davor gab es eine Folge, wie man die Bibel lesen kann oder was Einsamkeit bedeutet. Sie sehen, es sind verschiedene Themen; vielfach gehen wir davon aus, was uns als Frage im Alltag begegnet. 

Nun also zurück zu dem Vorschlag von Christian Busemann, ich solle einen Insta-Account machen. Wie gesagt, ich schätze Christian Busemann, aber in diesem Fall bin ich nicht seiner Meinung.

1/ Instagram hat, durch die hervorragende Technik und die vielen Algorithmen, ein großes Suchtpotenzial. Es ist in alle Richtungen unendlich. Man kann von einer Person zur anderen, von einem Thema zum nächsten, von einem Bild zum nächsten, von einem Video zum nächsten Video wischen – es hört nie auf!

2/ Nicht alle Inhalte bei Instagram sind hilfreich und gut. Zu einem christlichen Leben mit den Gelübden gehört auch das Gelübde der Keuschheit; ich übersetze es gerne mit „bei sich bleiben können“ – und Instagram bewirkt bei mir das Gegenteil. Und ich möchte da nicht auch noch mitmachen. Obwohl ich weiß, dass es auch viel Gutes dort gibt.

3/ (und das ist das Entscheidende): Es geht mir ja gar nicht darum, dass ich selbst möglichst viele Follower habe oder Menschen versammle. Es geht mir darum, dass Menschen in die Kirche kommen; auch ohne mich. Wenn ich dazu hilfreich sein kann, wenn ich Zeuge der Hoffnung sein kann, ist das wunderbar. Aber ich würde mir wünschen, dass sie sich selbst mit Christus verbinden und immer mehr auf seinen Geist hören.

Ja, es stimmt, ich versuche Menschen miteinander zu vernetzen. Ich möchte wie eine Brücke sein, die Menschen miteinander verbindet. Und ich wünsche mir sehr, dass es hier bei Manresa oder bei den Kursen viel „crossconection“ gibt, so dass Menschen voneinander wissen, sich gegenseitig bereichern, im Glauben und vielleicht sogar in den Sorgen und Nöten des Alltags unterstützen; das ist wirklich mein Herzenswunsch und meine Bitte an Gott, wenn ich Menschen zu Christus einlade. Wenn ich sie einlade, „zu kosten, wie gütig der Herr ist.“ (Kommunionvers).

Der Petrusbrief, aus dem wir gerade gehört haben, formuliert eigentlich den gleichen Wunsch, nämlich Menschen zu Christus zu führen: „Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist“ (1Petr 2,4)

Sicherlich: er benutzt ein ganz anderes Bild. Er redet nicht von social media, um über den Glauben zu reden. Weil der Autor in der Antike lebt, die geprägt ist von wunderbaren, großen Bauten aus Stein, von prächtigen Tempeln und Stadien, nutzt der Autor das Bild von einem Haus-Bau, wenn er von „crossconnection“ redet. „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen!“ (1 Petr 2,5)

Ich glaube, das ist wirklich Kirche: Menschen, die auf eine geistige Weise mit Jesus Christus und miteinander verbunden sind. Menschen, die ein geistiges Haus aufbauen, einen „Raum“, in dem Begegnung mit Gott möglich wird. Ein Raum für echte Begegnungen, nicht nur online oder digital. Eine Crossconnection, die eine Form von Dank und Anbetung und Hingabe lebt, geistige Opfer, d.h. eben keine blutigen Opfer – davon gibt es in dieser Welt gerade zu viele. Sondern Opfer des Lobes und des Dankes. Das ist es, was Gott gefällt. Amen!

Sonntag, 17. Mai 2026

Bekenntnisse

Predigt Siebter Sonntag der Osterzeit A, Hamburg | Manresa

Ständig Bekenntnisse, in Social Media oder in persönlichen Gesprächen: Menschen bekennen sich, wohin sie in Urlaub fahren oder was ihr liebster Fußballverein ist. Sie bekennen sich zur Demokratie oder zu ihrem Zweifel an den demokratischen Parteien. Daniel Haas bekennt sich zum Katholizismus. Der Katholikentag in Würzburg bekennt sich gegen Hass und Gewalt. Menschen bekennen sich zu ihrer sexuellen Identität oder zu ihrer Ernährungsweise, zu bestimmten Musikrichtungen oder zum Fahrrad als ihrem Transportmittel der Wahl. Woher kommt diese Leidenschaft zum Bekenntnis? 

Es könnte damit zusammenhängen, was der Philosoph Charles Taylor als ein spezifisches Merkmal säkularisierter westlicher Gesellschaften in den Blick nimmt: eine Kultur der Authentizität.

Bekenntnisse sind individuelle Mitteilungen, die auf die Besonderheit des eigenen Selbstseins hinweisen. Zugleich weisen sie über das Individuum hinaus: Mein Bekenntnis zum Vegetarismus hat Vorbilder und mit ihm gehöre ich einer Gruppe an, die meine Identität mitbestimmt. Häufig gibt es dazu passende Verhaltensweisen.

Das eigene Bekenntnis kann auch ein religiöses Bekenntnis sein. Meist wird es dann Zeugnis genannt und beschreibt das eigene Selbstverständnis. So wird es besonders in stärker individualisierten Religionsformen im Bereich freikirchlicher Frömmigkeit gelebt, wo die persönlichen Zeugnisse, wie Gott im eigenen Leben gewirkt hat, emphatisch vorgetragen werden.

Bei uns in der katholischen Tradition hat das religiöse Bekenntnis seinen klassischen Ort im Gottesdienst. Es ist ein Text, den wir gemeinsam beten, z.B. das Apostolische Glaubensbekenntnis oder das Nizäno-Konstantinopolintanum, das sogenannte Große Glaubensbekenntnis. Doch es gibt eine merkwürdige Spannung zwischen dem traditionellen christlichen Glaubensbekenntnis und der Kultur der Authentizität. Das hat meines Erachtens zwei Gründe.

Zum einen ist das Glaubensbekenntnis ein festgefügter Text, über den in der Glaubensgeschichte immer wieder intensiv gerungen wurde. Dieser Text darf nicht einfach verändert oder den eigenen Erfahrungen oder Wünschen angepasst werden. Sie besitzen einen hohen Verbindlichkeitsgrad, der mir persönlich erst einmal vorgegeben ist. In einer Kultur, die individuelle Selbstverwirklichung zum höchsten Wert erhebt, erscheinen solche universalen Ansprüche verdächtig. Du folgst Vorgaben, die Dir sagen, wie und wodurch ihr Leben zur Vollendung kommen wird?

Zum anderen sind die Worte, die darin vorkommen, nicht ohne Weiteres verständlich. Sie gleichen Codewörtern, die nicht mehr übersetzbar sind. Die Erosion religiöser Grundbegriffe ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sogar vermeintlich selbst-verständliche Ausdrücke wie „Nächstenliebe“ oder „Seelsorge" erklärungs-bedürftig werden.

Wer sich religiös bekennt, muss sich heute daher rechtfertigen: Ist das wirklich deine eigene Überzeugung oder nur übernommene Tradition? Die Unterstellung lautet: Religiöse Menschen haben sich nicht selbst gefunden, sondern wurden gefunden und das erscheint als Defizit. Das gilt insbesondere im Blick auf die katholische Tradition.

Der Glaube als individuelle Überzeugung gewinnt in den letzten Jahren an Bedeutung, während sein öffentlicher Ausdruck auf Zurückhaltung stößt. Christlich-religiös zu sein bedeutet heute, sich erklären zu müssen als Teil einer Minderheit in einer Gesellschaft von Distanzierten. Das verlangt Mut, insbesondere von jungen Menschen, in einem Umfeld wie in Hamburg.

Diese Herausforderung bewirkt nun paradoxerweise, dass religiöse Bekenntnisse identitätsstiftende Wirkung haben können, und zwar nicht nur in Form der Abgrenzung nach außen. Sie machen sichtbar, wofür ein Mensch steht und welche Werte sein Leben tragen. In einer pluralen Gesellschaft können sie Orientierung geben, sowohl nach innen wie nach außen. Wer sich religiös bekennt, weiß eher, worauf er vertraut, und kann aus dieser Klarheit heraus handeln. Jedoch kann die Funktion der Identitätsstiftung die Spannung nicht relativieren, in der sie zur Kultur der Authentizität steht.

Wie sollen wir also mit dieser Spannung gut umgehen? Ich glaube, das Evangelium heute gibt uns einen wichtigen Hinweis.

Im Evangelium spricht Jesus zu uns in Form eines Bekenntnisses. Es ist ein Gebet Jesu, das der Evangelist Johannes uns überliefert, das sogenannte hohepriesterliche Gebet. Unmittelbar vor seinem Tod, nach dem Abschied von seinen Jüngern, in der Nacht der Verlassenheit, spricht Jesus dieses Gebet. Voller Liebe zu seinen Jüngerinnen und Jüngern, voller Dankbarkeit und Hoffnung, bittet er seinen Vater für alle, der Gott ihm anvertraut hat, denn sie leben in dieser Welt.

Worum er genau bittet, wird in dem Abschnitt, den wir gehört haben, noch nicht deutlich. Das wird später genannt. Was aber schon deutlich wird: Das Gebet beginnt mit einem großen Bekenntnis. Jesus bekennt sich zu seinem Vater. Jesus bekennt sich zu seiner Sendung, zu seinem Auftrag. Jesus bekennt sich zu den Menschen, die Gott ihm anvertraut hat, und die Gottes Wort bewahrt haben.

Dieses Bekenntnis hat eine Wirkung auf uns, wenn wir es hören – und das hat der Evangelist ohne Zweifel beabsichtigt - insofern in diesem Bekenntnis für uns etwas von der Herrlichkeit, d.h. der Schönheit und der Bedeutung Gottes für Jesus und damit auch für uns deutlich wird. Um diesen Begriff kreist der Text. Wir können es auch mit Ausstrahlung, Bedeutung übersetzen.

Als die Engel bei den Hirten auf den Feldern die Geburt Jesu verkündeten, da sprachen sie: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade. Diese Ehre, diese Schönheit, das ist auf Griechisch das gleiche Wort wie die Herrlichkeit, von der Jesus hier spricht. Jesus vertraut auf etwas, was ihm von Gott geschenkt wird – und gleichzeitig lebt er es authentisch und findet darin seinen eigenen Auftrag.

Wir dürfen das ruhig auf uns übertragen und das Bekenntnis Jesu in seiner Form als Gebet als ein Vorbild nehmen: Denn wenn ein religiöses Bekenntnis die Beziehungsdimension zu Gott deutlich macht, sprich: wenn ein religiöses Bekenntnis ein Gebet wird, dann behält es eine dialogische Form. Die Bekenntnisse des hl. Augustinus sind übrigens nicht ohne Grund auch in dieser Form geschrieben, als Gebet.

Denn das Bekenntnis als Gebet bzw. das Gebet als Bekenntnis ist klar und bleibt doch offen. Es ist Ausdruck einer existenziellen Suche. Es bringt zum Ausdruck, dass die Inhalte des christlichen Bekenntnisses wie Wegmarken einer authentischen Ausdrucksform des Christseins sind, das in Dankbarkeit das Erlebte anerkennt, ohne zu einer markanten und autoritätsförmigen Bekennerhaftigkeit bzw. einer Form von „Gottesprotzerei“ (Elias Canetti) zu werden. Es ermöglicht anderen, mit den betenden Menschen über die identitätsstiftenden Gründe des Lebens ins Gespräch zu kommen. Wer sich religiös als Beter bekennt, ermöglicht anderen, eigene Haltungen zu reflektieren und sich darüber auszutauschen.

Worauf es ankommt? Auf eine Balance zwischen der individuellen Annahme des religiösen Bekenntnisses einerseits und der Einbindung in eine Glaubensgemeinschaft andererseits.

Ein christliches Bekenntnis ist immer etwas sehr Persönliches. Es geht um Deutung, Erfahrung, Entscheidung. Das kann einem niemand abnehmen. Der Glaube ist etwas Persönliches. Auf die Frage, wie viele Wege gibt es zu Gott, hat Papst Benedikt XVI. gesagt, so viele, wie es Menschen gibt. Ein religiöses Bekenntnis ist immer auch etwas Gemeinschaftliches: Niemand kann alleine glauben. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Wir brauchen die anderen, um unseren Glauben leben zu können.

In diesem Sinne: Bekennen wir gemeinsam unseren Glauben!

Wichtige Anregungen und Zitate aus: Johannes Lorenz: Im Schatten der Authentizität. Was vom religiösen Bekenntnis bleibt, in: Julia Knop, Bernhard Knorn, Paul Schroffner, Yauheniya Danilovich (Hg.), 1700 Jahre Konzil von Nizäa. Vom Ereignis zur Rezeption, Quaestiones disputatae 352, Freiburg (Herder) 2026, S. 21-27.

Montag, 20. April 2026

Zeichen der Zeit

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Buckelwal

Predigt 3. Sonntag der Osterzeit A 2026 Hamburg, Manresa

Liebe Schwestern und Brüder,

was beschäftigt sie in diesen Tagen nach Ostern besonders? Sind es persönliche oder familiäre Probleme? Sind es finanzielle oder berufliche Sorgen? Sind es gesundheitliche Fragen oder Zukunftsthemen?

Die Nachrichten überschlagen sich immer mehr, so scheint es mir. Ich lasse die vielen gesellschaftlichen Themen und weltweiten Konflikte immer weniger an mich heran, denn ich kann die Nachrichten kaum ertragen: der Krieg in der Ukraine, im Nahen Osten, mit dem Iran. Die Krise im Sudan, Venezuela, Myanmar. Die ökologischen Katastrophen, die wirtschaftlichen Sorgen, und mittendrin: Timmy.

Es ist das große Thema in den deutschen Medien: Timmy ist ein Buckelwal, der Anfang März erstmals in der Ostsee gesichtet wurde und sich mehrfach in den Netzen der Fischer verfing. Am 23. März stand der Wal auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand, daher sein Name.

Es wurde eine Rinne gegraben. Er konnte die Sandbank schließlich verlassen, strandete jedoch schon kurze Zeit später wieder, diesmal in der Wismarer Bucht. Seit nun bald drei Wochen liegt er in der Kirchsee vor der Insel Poel. Tierärzte sagen, dass er gesundheitlich so schwach ist, dass er sterben wird. Die Leute sollten ihn bitte einfach in Ruhe lassen.

Die öffentliche Anteilnahme ist jedoch riesig. Und nun gibt es eine private Rettungsaktion, um ihn ins Meer zurückzubringen. Mehrere Millionen soll es kosten, Ausgang ungewiss. Gibt es nicht wichtigere Themen? Warum bekommt der Wal solch eine Aufmerksamkeit? Warum dieses Mitleid für ein besonderes Tier, wo so viele Tiere leiden und sterben?

Der Kommentar auf Seite 1 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt uns: „Der Wal ist zum Symbol geworden. Die Gefühlsausbrüche, die seine Lage verursachen, mag mancher als Zeichen dafür nehmen, wie grausam unsere Zeit ist. Man kann aber auch sagen: Hier ist ein sichtbares Zeichen dafür, wie gut es uns geht.“ (FAZ, Kommentar von Reinhard Müller, 15.4.2026, S. 1)

Das Schicksal des Wals bewegt die Menschen, denn es zeigt ihnen das Leiden der Kreatur, die durch die Umwelteinflüsse ihre natürliche Orientierung verloren hat.

Der Sponsor der neuen Rettungsaktion, Walter Gunz, sagt, das Schicksal des Wals, lasse ihn nicht los, da ihn das tieferliegendene Problem bewege: der Wal sei „ein Opfer des Irrsinns, der Profitgier und der unüberlegten Handlungen von Menschen“. (Abendblatt, 18.4.2026, S. 48) Das sagt wohl gemerkt, der Gründer der großen Einkaufskette, Media-Markt, der mit kurzlebigen Elektroartikeln sehr viel Geld verdient hat! Ja, der Wal ist ein Zeichen für das Leiden der Kreatur, das auch durch die Sünde der Menschen verursacht wird.

In den Evangelien wird überliefert, dass Jesus selbst im Wal ein Zeichen gesehen hat. Er sagt im Blick auf diese böse und treulose Generation (Mt 12,39), die von ihm ein Zeichen fordert, es werde ihr kein anderes Zeichen gegeben, außer das Zeichen des Propheten Jona: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Mt 12,40).

Das Zeichen des Jona ist das Zeichen der Umkehr und der Auferstehung! Dieses Zeichen ist uns geschenkt worden, unserer Generation! An Ostern feiern wir dieses Zeichen. Mit den Jüngern dürfen wir bekennen: „Es ist der Herr!“ (Joh 21,7). - „Gott hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt.“ (Apg 2,24). Er hat damit die Verkündigung Jesu bestätigt und uns die Fülle des Lebens geschenkt. Er hat ihn beglaubigt und seine Botschaft vom nahe gekommenen Reich Gottes für uns alle mit Wahrheit und Freude bestätigt.

Das bedeutet nicht, dass die Sünde der Menschen, „der Irrsinn, die Profitgier und die unüberlegten Handlungen“ einfach abgeschafft wurden. Es bedeutet, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Dass wir losgekauft wurden, um einen teuren Preis, um an Gott glauben und auf ihn hoffen zu können. (1Petr 1, 21).

Die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und zu deuten, das ist unsere große Aufgabe. (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes). Jedoch sind Zeichen immer mehrdeutig. Deshalb sollen wir die Zeichen der Zeit vom Evangelium her lesen und deuten.

Der Wal Timmy kann uns berühren und wachrütteln. Er kann uns motivieren, dass Leiden der Schöpfung wahrzunehmen und uns für einen besseren Umgang mit der Umwelt einzusetzen. Als Christen dürfen wir uns jedoch nicht in eine apokalyptische Untergang Szenarien flüchten und trauern, als ob wir keine Hoffnung haben (1Thess 4,13). Denn auch die Schöpfung wartet auf das Offenbar-Werden der Söhne und Töchter Gottes und darauf, dass sie Anteil hat an der Herrlichkeit Gottes (Röm 8,21).

Jesus Christus lebt! Er ist für uns Menschen auferstanden! Aber die Auferstehung und die Herrlichkeit, die wir erwarten und erhoffen, gilt für alle Geschöpfe - auch für Timmy! Amen.