Sonntag, 15. Februar 2026

Freiheit und Verantwortung

 


2025 Predigt Sonntag 6. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg

Les: Sir 15,15-20; 1Kor 2,6-10; Mt 5,17-37

Welche Werte sind Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig? Eine Umfrage hat vor kurzem ergeben: 96 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sagen, es sei ihnen wichtig bzw. sehr wichtig „eigenverantwortlich zu leben und zu handeln“. Neben Familie und Freunden, Sicherheit, Ausbildung und Umweltschutz ist die persönliche Freiheit, die mit diesem Punkt zum Ausdruck kommt, für junge Menschen heute ein hohes Gut. Und ich denke auch für jeden von uns.

Doch was bedeutet das eigentlich: „eigenverantwortlich leben und handeln“? Bedeutet es, dass ich selbst bestimmen kann, was ich tue? Dass ich selbst wählen kann, wie ich leben möchte und was gut für mich ist? Drei Punkte dazu.

 

1/ Wahlfreiheit

Die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach erinnert uns daran: Ja, wir können selbst wählen, was wir in unserem Leben machen möchten. Wir können selbst entscheiden, wie wir handeln. Wir haben viele Optionen, wir sind nicht von vornherein festgelegt. Es gibt kein Schicksal, dass unser Leben bestimmt, sondern aus mir selbst heraus kann ich wählen, was gut für mich ist.

„Feuer und Wasser hat er vor dich hingestellt,
was du willst, danach wirst du die Hand ausstrecken.
Vor den Menschen (stehen) das Leben und der Tod,
woran er Gefallen hat, das wird ihnen gegeben werden.“ (JesSir 15,16-17)

Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er zwischen Gut und Böse entscheiden und wählen kann. Schon Kinder lernen das: Ich kann meine Hand auf die heiße Herdplatte legen oder es nicht tun. Ich kann in einen reißenden Bach springen oder es nicht tun. Ich kann anderen Menschen helfen oder es nicht tun. Wir sind frei in unserem Leben und Handeln.

 

2/ Verantwortung

Es nicht einfach egal, was ich wähle. Es hat Konsequenzen und Folgen. Vor allem aber entscheiden wir nicht nur für uns allein. Wir tragen vor Gott und vor anderen Menschen die Verantwortung für unser Handeln.

Die Verantwortung ist oft nicht genau zu definieren, weil unser Handeln nicht isoliert ist, sondern oft zusammen mit anderen geschieht und vernetzt ist. Es sind meist sehr komplexe Zusammenhänge, in denen wir handeln. Was ist dann meine Verantwortung? Was ist die Verantwortung von anderen?

Schon Kinder haben dafür ein Gespür: Das war ich nicht. Das war jemand anderes. Das ist ein anderer schuld. Manchmal ist das tatsächlich so, manchmal kann es aber auch eine Ausrede sein.

Auch das benennt die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach. Dieser Lehrer der Weisheit erinnert den Menschen an seine eigene Verantwortung. Der Mensch kann sich nicht vor der eigenen Verantwortung drücken, weil Gottes Weisheit das Handeln der Menschen, jedes einzelnen Menschen sieht.

„Denn reich ist die Weisheit des Herrn,
stark in der Ausübung der Macht, und alles sieht sie.
Und seine Augen richten sich auf die, die ihn fürchten.
und er wird jedes Werk des Menschen wahrnehmen.“ (JesSir 15,18-19)

Gottes Weisheit ist es, die bei den Menschen ist und ihre besondere Würde und Verantwortung ausmacht.

 

3/ Das Gute suchen

Christlich gesehen kommt es im Leben darauf an, die eigene Freiheit und Verantwortung so zu nutzen, dass ich das Gute suche – oder mit anderen Worten: dass ich Gottes Willen tue. Es gibt Menschen, die sich nicht an dem orientieren, was gut und richtig ist, sondern meinen, es selbst am besten zu wissen und keine Fehler zu machen. Eine Form von Sturheit oder Uneinsichtigkeit! Wenn sie falsch gehandelt haben, dann sagen Sie, das war halt bei mir so! Das ist gut für mich so. Ich mach das halt so.

Sie wissen eigentlich, dass es falsch ist, aber können es nicht zugeben und wollen für sich eine Ausnahme. Dagegen erhebt legt der Weisheitslehrer Einspruch ein und sagt:

„Niemandem hat er aufgetragen gottlos zu sein
und niemandem hat er die Erlaubnis gegeben zu sündigen.“ (JesSir 15,20)

Wir Menschen sollen das Gute suchen. Ich kann so besonders und einzigartig sein: eine Ausnahme vor der eigenen Freiheit und Verantwortung, davon das Gute zu tun, gibt es nicht, bei niemandem.

„Eigenverantwortlich leben und handeln“, das ist, wie wir gesehen haben, nicht so leicht und in einer immer komplexen und größeren Welt schon gar nicht! Die Gebote und Vorschriften Gottes sollen uns dabei helfen. Sie sind nicht Gesetze oder Regeln, sondern Weisung und Orientierung für unser Leben. Denn es ist möglich, so zu handeln. Bei Jesus Sirach heißt es deshalb:

„Wenn du willst, kannst du die Gebote bewahren
und die Treue, Wohlgefälliges zu tun.“ (JesSir 15,15)

Gebote und Treue sind wie ein Schatz, den ich bewahren kann, wenn ich will! Sie sind eine Ressource, die mir in meinem Leben und Handeln helfen kann. Sie unterstützt mich dabei, gute Entscheidungen zu treffen. Sie hilft mir dranzubleiben, nicht zu verzweifeln, treu zu sein. Oder ist es sogar die Treue Gottes zu mir, die hier gemeint ist? Seine liebevolle Zuwendung, dabei sein?

 

4/ Herzensdinge

Wenn wir jetzt mit den Hinweisen des Weisheitslehrers zu Jesus und seinem Evangelium kommen, dann scheint es so, als ob Jesus die Gebote Gottes aus dem Alten Testament noch verschärft. „Eure Gerechtigkeit soll weit größer sein.“ Was bedeutet das? Sollen die Jünger noch strikter, noch kompromissloser, noch rigoroser sein als die Pharisäer und die Gesetzeslehrer?

Es geht Jesus nicht um eine Verschärfung der Regel, sondern er hilft, seinen Jüngern zu verstehen, worum es bei den Geboten eigentlich geht. Er erklärt ihnen, dass es bei den Geboten nicht um äußerliche Regeln und Gesetze geht, sondern um einen inneren Kompass, um eine Herzensangelegenheit.

So hilft er ihnen die Gebote als einen Schatz zu sehen und zu bewahren.

Das Gebot „Du sollst nicht töten“, meint eben nicht nur, dass man niemanden umbringen soll, sondern das, worum es beim Töten geht, nämlich der Hass und der Neid, das fängt schon bei der eigenen Herzenshaltung gegenüber den anderen an, besonders bei den Menschen, die mir nahestehen und die ich liebe.

Genauso der Ehebruch. Das, worum es eigentlich geht, das fängt im falschen Begehren an, im lüsternen Blick.

„Du sollst nicht falsch schwören“, das ist eben nicht nur der Meineid vor Gericht, sondern das worum es eigentlich geht, fängt schon an, wenn ich im Alltag mit Halbwahrheiten glänze.

Jesus möchte seinen Jüngern den Weg ins Himmelreich zeigen. Und da geht es eben nicht darum, dass man keine Gesetze bricht, sondern es geht darum, dass man eigenverantwortlich lebt und handelt, vor Gott mit Gott, in der Freiheit der Kinder Gottes. Amen.

 

Übersetzung von Jes Sir 15 aus: Johannes Marböck, Jesus Sirach 1 - 23, Herders theologischer Kommentar zum Alten Testament, Freiburg 2010, S. 197.

 

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