Montag, 1. Juni 2026

Gotteserfahrungen

Predigt Dreifaltigkeitssonntag A 2026, Hamburg | Manresa 

Gibt es „Gotteserfahrungen“? Kann man Gott, den einen, wahren, dreifaltigen Gott, in diesem begrenzten Leben als Mensch erfahren?

Die Theologen sind an dieser Stelle vorsichtig. Denn in der Philosophie wird Erfahrung seit Immanuel Kant beschrieben als ein verstandesmäßiges Erfassen von jenen Dingen in dieser Welt, die wir mit unseren Sinnen begreifen und erleben können.

Wir können zum Beispiel Helgoland erfahren. Wir können dort mit dem Schiff hinfahren, auf der Insel herumspazieren, die Luft atmen, das Rauschen der Wellen an den Klippen hören, die Steine berühren. Selbst wenn wir nur einen Tag dort sind und noch nicht alles gesehen haben, kann man zurecht behaupten: ich bin dort gewesen; ich habe Helgoland erfahren. Und auch jene, die noch nicht dort waren, werden glauben, dass es Helgoland gibt und so etwas wie eine Erfahrung von Helgoland möglich ist.

Bei Gott aber ist es anders. Gott ist nicht ein Ding dieser Welt, wir können ihn nicht mit unseren Sinnen erfassen und vor allem: wir können Gott nicht vollständig begreifen oder verstehen. Das liegt im Wesen Gottes begründet.

Denn Gott ist der Grund von allem, was ist, er ist unbegrenzt, ewig. Gott ist allwissend, gültig. Das bedeutet: Er ist anders als die Dinge, die wir kennen und die wir erfahren können. Von daher sagen die Theologen: nein, es gibt keine Gotteserfahrung in diesem Sinne, wie wir die Dinge dieser Welt erfahren.

Nun kann man einwenden, dass es immer wieder Menschen gibt, die Gotteserfahrungen gemacht haben und davon berichteten. Die Bibel ist voll davon! Heute in der ersten Lesung haben wir von einer besonderen Gotteserfahrung gehört, von Mose, wie er Gott auf dem Sinai begegnet.

Der Herr stieg in der Wolke hinab und stellte sich dort neben ihm. Er, d.h. Gott selbst, ruft vor ihm seinen Namen aus und geht vor seinem Angesicht vorüber. (Ex 34,5-6).

Das alles ist sehr ungewöhnlich! Noch kurz vorher war, im gleichen Buch Exodus, noch festgehalten worden, was in Israel für alle Zeiten gilt: „Du kannst Gottes Angesicht nicht schauen, denn kein Mensch kann Gott schauen und am Leben bleiben!“ (Ex 33,20). Mose wurde als Ausnahme gewährt, dass er den Rücken Gottes schauen dürfte, wenn der Herr in seiner Herrlichkeit vorüberzieht. (Ex 33)

Und so wird stets wiederholt: Das Angesicht Gottes kann kein Mensch auf Erden schauen. So heißt es im Neuen Testament, im Johannes-Evangelium, gleich zu Anfang im Prolog und mit Verweis auf die Einzigartigkeit Jesu, der in diese Welt kommt: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18)

Wenn also Mose das Angesicht Gottes doch schaut, dann ist das, was hier geschieht, ganz und gar außergewöhnlich. Er findet Gnade in den Augen des Herrn. Er hört nicht nur den Namen Gottes, sondern er spricht mit dem Herrn, der mit ihm einen Bund schließt. So etwas ist gemäß der Überlieferung Israels außer Mose nur Elija geschenkt worden. Und das sind übrigens die beiden Propheten, Mose und Elija, mit denen Jesus auf dem Berg der Verklärung spricht. Diese drei Menschen teilen miteinander die Erfahrung, dass sie Gott gesehen haben.

Doch auch andere Menschen berichten davon, dass sie Gott erfahren haben. Vielleicht haben sie Gott nicht so gesehen wie Mose und Elia, aber sie haben etwas erlebt, was sie nicht zweifeln lässt und was sie sagen lässt: da war Gott gegenwärtig.

Genauso ist es den Jüngern gegangen, die mit Jesus unterwegs war. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“, so sagt Jesus. Das ist die Grundlage des Festes, dass wir heute feiern, dass wir glauben und erkennen, dass Menschen in Jesus Christus als dem Sohn Gott selbst begegnen und dass der Vater sich durch Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist. Dass wir Gott erfahren. Und das ist keine Blasphemie!

Paulus z.B. berichtet davon, wenn er über Visionen und Offenbarungen im zweiten Brief an die Korinther spricht, dass er einen Menschen kennt (und offenbar spricht er von sich selbst!), der vor vielen Jahren in den Himmel entrückt wurde, wo er unsagbare Worte hörte. Es handelt sich wohl eine spirituelle Erfahrung, die er durch Jesus Christus gemacht hat und die er mit Gott in Verbindungen bringt, d.h. als eine Vision oder Offenbarung Gottes ansieht.

Wir glauben: Gott offenbart sich den Menschen auf vielfältige Weise. Menschen erleben und erfahren Gott. Insofern denke ich, kann man durchaus von „Gotteserfahrungen“ sprechen, wenn bewusst bleibt, dass diese Erfahrungen anders sind als die Erfahrungen der Dinge der Welt, die wir begreifen und zu verstehen suchen. Der heilige Augustinus sagt einmal: wenn du es begriffen hast, dann ist es nicht Gott. „Si comprehendis non est Deus.“

Wenn wir heute das Fest der Dreifaltigkeit feiern, dann freuen wir uns über einen Gott, der uns in Jesus Christus nahegekommen ist; der uns mit seiner Liebe und Barmherzigkeit entgegenkommt. Der im Heiligen Geist mit ihm und untereinander verbindet. Wir glauben an einen Gott, der in sich Liebe ist und Beziehung. Der sein Wort und seinen Geist in diese Welt gesandt hat, um uns das Geheimnis des göttlichen Lebens zu offenbaren. Ein Geheimnis ist keine Rätsel, das wir lösen sollen, sondern ein Raum, in dem wir daheim sein können.

Gott gibt sich in seinem Sohn hinein in diese Welt, damit wir ihn erfahren und damit wir gerettet werden. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt, sondern damit sie durch ihn gerettet wird.“ (Joh 3,17). Öffnen wir uns für diese Erfahrungen der Gegenwart Gottes in unserem Alltag, im Gebet und in den Begegnungen mit den Menschen - und auch jetzt in der Eucharistie. Amen.