Montag, 15. Juni 2026

Fachkräfte gesucht!

Predigt 11. Sonntag im Jahreskreis A, 14.06.2026 | Hamburg, Manresa

Les: Ex 19,2-6a; Röm 5,6-11; Mt 9,36-10,8

In vielen Branchen in Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Vor allem im Gesundheitswesen, in der Pflege, im sozialen Bereich, im Handwerk und im Bau fehlen Hunderttausende von qualifizierten Fachkräften. Es braucht Menschen, die Lust haben, zu arbeiten und anzufassen. Was kann Menschen dazu motivieren?

Auch gute Politiker werden gesucht: Menschen, die weise und klug unser Volk leiten. Politiker, die für die Armen und Schwachen sorgen und die auf das Gemeinwohl achten. Menschen, die verhindern, dass unsere Gesellschaft immer weiter auseinander-driftet, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer wird, die zusammenführen können und den Mut haben, unbequeme Entscheidungen zu treffen; die nicht nur auf Partikularinteressen achten. Wo sind sie zu finden?

Um "Fachkräftemangel" geht es auch in den heutigen Lesungen! 

In der Lesung aus dem Buch Exodus wird Mose, dem Propheten, von Gott mitgeteilt, was er den Israeliten sagen soll: Sie sollen tun, wozu er sie als sein heiliges Volk berufen hat! Sie sollen auf seine Stimme hören und seinen Bund halten! Es gibt viele Menschen auf der Erde, und alle gehören dem Herrn. Sein besonderes Volk aber hat Gott aus Ägypten befreit, er hat es behütet und beschützt und „auf Adlerflügeln getragen“ (wie ein Adler seine Jungen beschützt, auch wenn er sie mit den Füßen und nicht mit den Flügeln trägt!). Von daher haben sie nicht nur eine besondere Würde, sondern auch eine besondere Aufgabe, die sie alle, als priesterliches Volk, erfüllen sollen. Das Volk als Gemeinschaft kann etwas tun, was nur eine Fachkraft kann: Die Weisungen Gottes halten! 

Auch Jesus sucht Fachkräfte: Ausgangspunkt ist seine Wahrnehmung, dass die Menschen um ihn herum müde und erschöpft sind. Und indem er auf die Menschen schaut, ihre Sorgen und Ängste wahrnimmt, ihre Krankheiten heilt und sich ihnen zuwendet, wird er von Mitleid ergriffen. Es ist ein sehr starkes Gefühl, wörtlich: „er wurde in den Eingeweiden bewegt.“ Das ist nicht nur ein schlichtes Mitgefühl, das ist wirklich „compassion“ angesichts der erbärmlichen Situation so vieler Menschen. Und Jesus erkennt, warum es den Menschen so schlecht geht, warum sie müde und erschöpft sind: „Denn … sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Das Wort erinnert an den Wunsch des Propheten Mose, einen Nachfolger zu finden, damit das Volk ins Gelobte Land zieht (vgl. Num 27,17). Und es erinnert an die Mahnungen des Propheten Ezechiel (vgl. Ez 34).

Es fehlt den Menschen um ihn, so die Deutung Jesu, an Orientierung. Es fehlt ihnen an Werten, an Güte, es fehlt an innerer Ordnung und Leitung, es fehlt ihnen ein Vorbild. Es gibt vielleicht Menschen, die vorgeben, Hirten zu sein. Aber schlechte Hirten sind eben keine Hirten!

Es braucht keine Hirten, die sich selbst weiden, die ihre Schafe für eigene Zwecke nutzen, das Fett verzehren und sich mit der Wolle kleiden. Es braucht gute Hirten, die Schwache stärken, die Kranke heilen, die Verletzte verbinden, die Verlorene suchen und die Herde insgesamt schützen. Die auf die Suche gehen, gute Weide finden und Orientierung bieten.

Und er spürt, das ist eine große Aufgabe, dafür braucht es Fachkräfte. Es bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit. Das Bild von der Ernte deutet darauf hin. Jetzt ist die Zeit, jetzt ist der Moment, es da Gott selbst sich seines Volkes annimmt. Es ist Endzeit!

Von daher gibt es zwei Bewegungen bei Jesus, von denen der Text berichtet. Zum einen ruft Jesus seine Jünger zum Gebet auf: „Bittet den Herrn der Ernte!“ Ich schaffe es nicht allein und ja, auch ihr schafft es nicht allein. Immer werden wir darum bitten müssen, dass Gott hilft. Bildet Euch nicht ein, dass ihr die Lage selbst in den Griff bekommt, mit Euren Pastoralplänen oder irgendwelchen Strukturreformen. Vertraut darauf, dass Gottes Wirken unter Euch bleibend gegenwärtig ist. Das ist das erste.

Und dann die Berufung der Jünger. Sie werden einzeln beim Namen genannt. Die Zwölf, die für das ganze Volk Israel stehen, für alle Stämme des Volkes, sie sollen Jesus bei seinem Dienst helfen. Das ist ihre Mission, ihr Auftrag: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!“ (Mt 10, 7-8)

Und zwar umsonst! Denn dafür sind sie Fachkräfte! Sie haben nicht nur den Auftrag, sondern auch die Kompetenz dazu von Jesus erhalten. So heißt es: „Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.“ (Mt 10,1).

Ja, in Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Und außerdem brauchen wir gute Politikerinnen und Politiker, die bereit sind, gute Hirtinnen und Hirten zu sein. Aber genauso herrscht auch im religiösen Bereich ein Fachkräftemangel. Und damit meine ich nicht nur Mangel an Hauptamtlichen oder einen Priestermangel. Sondern es geht ja um das ganze Volk, das sich an die Befreiung durch Gott erinnern soll, das die Gebote bewahrt, seinen Bund hält und auf seine Stimme hört. 

Es gibt einen Fachkräftemangel an Menschen, die mit der Vollmacht Jesu hingehen und das Reich Gottes verkünden, die für arme und kranke Menschen da sind, gute Seelsorgerinnen und Seelsorger, Zeugen der frohen Botschaft sind.

Wir dürfen darum beten. Immer wieder. Und wir dürfen uns freuen, wenn Menschen beim Namen gerufen werden und sich dafür zur Verfügung stellen.

Heute Abend werden einige Frauen und Männer, die sich auf die Taufe bzw. den Eintritt in die katholische Kirche vorbereiten, das Glaubensbekenntnis empfangen. Die Übergabe des Glaubensbekenntnisses ist nicht ein Papier, das sie erhalten, sondern das Zeugnis des lebendigen Glaubens, den die Gemeinde bekennt und damit weitergibt.

Es sind Menschen, die in sich eine Sehnsucht gespürt haben, die bewegt wurden, auf das Wort Gottes zu hören. Es sind Menschen, die sich für den Glauben interessieren, die in die Schule gehen, eine Ausbildung machen, sich bilden lassen. Es sind noch keine Fachkräfte, und sie werden den allgemeinen Fachkräftemangel nicht beseitigen, aber wir dürfen uns freuen, dass sie heute Abend hier sind, und hinzutreten möchten, zu jenen, die von Gott geliebt sind als sein besonderes Eigentum.


Montag, 1. Juni 2026

Gotteserfahrungen

Predigt Dreifaltigkeitssonntag A 2026, Hamburg | Manresa 

Gibt es „Gotteserfahrungen“? Kann man Gott, den einen, wahren, dreifaltigen Gott, in diesem begrenzten Leben als Mensch erfahren?

Die Theologen sind an dieser Stelle vorsichtig. Denn in der Philosophie wird Erfahrung seit Immanuel Kant beschrieben als ein verstandesmäßiges Erfassen von jenen Dingen in dieser Welt, die wir mit unseren Sinnen begreifen und erleben können.

Wir können zum Beispiel Helgoland erfahren. Wir können dort mit dem Schiff hinfahren, auf der Insel herumspazieren, die Luft atmen, das Rauschen der Wellen an den Klippen hören, die Steine berühren. Selbst wenn wir nur einen Tag dort sind und noch nicht alles gesehen haben, kann man zurecht behaupten: ich bin dort gewesen; ich habe Helgoland erfahren. Und auch jene, die noch nicht dort waren, werden glauben, dass es Helgoland gibt und so etwas wie eine Erfahrung von Helgoland möglich ist.

Bei Gott aber ist es anders. Gott ist nicht ein Ding dieser Welt, wir können ihn nicht mit unseren Sinnen erfassen und vor allem: wir können Gott nicht vollständig begreifen oder verstehen. Das liegt im Wesen Gottes begründet.

Denn Gott ist der Grund von allem, was ist, er ist unbegrenzt, ewig. Gott ist allwissend, gültig. Das bedeutet: Er ist anders als die Dinge, die wir kennen und die wir erfahren können. Von daher sagen die Theologen: nein, es gibt keine Gotteserfahrung in diesem Sinne, wie wir die Dinge dieser Welt erfahren.

Nun kann man einwenden, dass es immer wieder Menschen gibt, die Gotteserfahrungen gemacht haben und davon berichteten. Die Bibel ist voll davon! Heute in der ersten Lesung haben wir von einer besonderen Gotteserfahrung gehört, von Mose, wie er Gott auf dem Sinai begegnet.

Der Herr stieg in der Wolke hinab und stellte sich dort neben ihm. Er, d.h. Gott selbst, ruft vor ihm seinen Namen aus und geht vor seinem Angesicht vorüber. (Ex 34,5-6).

Das alles ist sehr ungewöhnlich! Noch kurz vorher war, im gleichen Buch Exodus, noch festgehalten worden, was in Israel für alle Zeiten gilt: „Du kannst Gottes Angesicht nicht schauen, denn kein Mensch kann Gott schauen und am Leben bleiben!“ (Ex 33,20). Mose wurde als Ausnahme gewährt, dass er den Rücken Gottes schauen dürfte, wenn der Herr in seiner Herrlichkeit vorüberzieht. (Ex 33)

Und so wird stets wiederholt: Das Angesicht Gottes kann kein Mensch auf Erden schauen. So heißt es im Neuen Testament, im Johannes-Evangelium, gleich zu Anfang im Prolog und mit Verweis auf die Einzigartigkeit Jesu, der in diese Welt kommt: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18)

Wenn also Mose das Angesicht Gottes doch schaut, dann ist das, was hier geschieht, ganz und gar außergewöhnlich. Er findet Gnade in den Augen des Herrn. Er hört nicht nur den Namen Gottes, sondern er spricht mit dem Herrn, der mit ihm einen Bund schließt. So etwas ist gemäß der Überlieferung Israels außer Mose nur Elija geschenkt worden. Und das sind übrigens die beiden Propheten, Mose und Elija, mit denen Jesus auf dem Berg der Verklärung spricht. Diese drei Menschen teilen miteinander die Erfahrung, dass sie Gott gesehen haben.

Doch auch andere Menschen berichten davon, dass sie Gott erfahren haben. Vielleicht haben sie Gott nicht so gesehen wie Mose und Elia, aber sie haben etwas erlebt, was sie nicht zweifeln lässt und was sie sagen lässt: da war Gott gegenwärtig.

Genauso ist es den Jüngern gegangen, die mit Jesus unterwegs war. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“, so sagt Jesus. Das ist die Grundlage des Festes, dass wir heute feiern, dass wir glauben und erkennen, dass Menschen in Jesus Christus als dem Sohn Gott selbst begegnen und dass der Vater sich durch Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist. Dass wir Gott erfahren. Und das ist keine Blasphemie!

Paulus z.B. berichtet davon, wenn er über Visionen und Offenbarungen im zweiten Brief an die Korinther spricht, dass er einen Menschen kennt (und offenbar spricht er von sich selbst!), der vor vielen Jahren in den Himmel entrückt wurde, wo er unsagbare Worte hörte. Es handelt sich wohl eine spirituelle Erfahrung, die er durch Jesus Christus gemacht hat und die er mit Gott in Verbindungen bringt, d.h. als eine Vision oder Offenbarung Gottes ansieht.

Wir glauben: Gott offenbart sich den Menschen auf vielfältige Weise. Menschen erleben und erfahren Gott. Insofern denke ich, kann man durchaus von „Gotteserfahrungen“ sprechen, wenn bewusst bleibt, dass diese Erfahrungen anders sind als die Erfahrungen der Dinge der Welt, die wir begreifen und zu verstehen suchen. Der heilige Augustinus sagt einmal: wenn du es begriffen hast, dann ist es nicht Gott. „Si comprehendis non est Deus.“

Wenn wir heute das Fest der Dreifaltigkeit feiern, dann freuen wir uns über einen Gott, der uns in Jesus Christus nahegekommen ist; der uns mit seiner Liebe und Barmherzigkeit entgegenkommt. Der im Heiligen Geist mit ihm und untereinander verbindet. Wir glauben an einen Gott, der in sich Liebe ist und Beziehung. Der sein Wort und seinen Geist in diese Welt gesandt hat, um uns das Geheimnis des göttlichen Lebens zu offenbaren. Ein Geheimnis ist keine Rätsel, das wir lösen sollen, sondern ein Raum, in dem wir daheim sein können.

Gott gibt sich in seinem Sohn hinein in diese Welt, damit wir ihn erfahren und damit wir gerettet werden. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt, sondern damit sie durch ihn gerettet wird.“ (Joh 3,17). Öffnen wir uns für diese Erfahrungen der Gegenwart Gottes in unserem Alltag, im Gebet und in den Begegnungen mit den Menschen - und auch jetzt in der Eucharistie. Amen.