Predigt Dreifaltigkeitssonntag A 2026, Hamburg | Manresa
Gibt es „Gotteserfahrungen“? Kann man Gott, den einen, wahren, dreifaltigen Gott, in diesem begrenzten Leben als Mensch erfahren?
Die Theologen sind an dieser
Stelle vorsichtig. Denn in der Philosophie wird Erfahrung seit Immanuel Kant beschrieben
als ein verstandesmäßiges Erfassen von jenen Dingen in dieser Welt, die wir mit
unseren Sinnen begreifen und erleben können.
Wir können zum Beispiel Helgoland
erfahren. Wir können dort mit dem Schiff hinfahren, auf der Insel
herumspazieren, die Luft atmen, das Rauschen der Wellen an den Klippen hören,
die Steine berühren. Selbst wenn wir nur einen Tag dort sind und noch nicht alles
gesehen haben, kann man zurecht behaupten: ich bin dort gewesen; ich habe
Helgoland erfahren. Und auch jene, die noch nicht dort waren, werden glauben,
dass es Helgoland gibt und so etwas wie eine Erfahrung von Helgoland möglich
ist.
Bei Gott aber ist es anders. Gott
ist nicht ein Ding dieser Welt, wir können ihn nicht mit unseren Sinnen
erfassen und vor allem: wir können Gott nicht vollständig begreifen oder
verstehen. Das liegt im Wesen Gottes begründet.
Denn Gott ist der Grund von
allem, was ist, er ist unbegrenzt, ewig. Gott ist allwissend, gültig. Das
bedeutet: Er ist anders als die Dinge, die wir kennen und die wir erfahren
können. Von daher sagen die Theologen: nein, es gibt keine Gotteserfahrung in
diesem Sinne, wie wir die Dinge dieser Welt erfahren.
Nun kann man einwenden, dass es
immer wieder Menschen gibt, die Gotteserfahrungen gemacht haben und davon
berichteten. Die Bibel ist voll davon! Heute in der ersten Lesung haben wir von
einer besonderen Gotteserfahrung gehört, von Mose, wie er Gott auf dem Sinai
begegnet.
Der Herr stieg in der Wolke hinab
und stellte sich dort neben ihm. Er, d.h. Gott selbst, ruft vor ihm seinen
Namen aus und geht vor seinem Angesicht vorüber. (Ex 34,5-6).
Das alles ist sehr ungewöhnlich!
Noch kurz vorher war, im gleichen Buch Exodus, noch festgehalten worden, was in
Israel für alle Zeiten gilt: „Du kannst Gottes Angesicht nicht schauen, denn
kein Mensch kann Gott schauen und am Leben bleiben!“ (Ex 33,20). Mose wurde als
Ausnahme gewährt, dass er den Rücken Gottes schauen dürfte, wenn der Herr in
seiner Herrlichkeit vorüberzieht. (Ex 33)
Und so wird stets wiederholt: Das
Angesicht Gottes kann kein Mensch auf Erden schauen. So heißt es im Neuen
Testament, im Johannes-Evangelium, gleich zu Anfang im Prolog und mit Verweis
auf die Einzigartigkeit Jesu, der in diese Welt kommt: „Niemand hat Gott je
gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde
gebracht.“ (Joh 1,18)
Wenn also Mose das Angesicht
Gottes doch schaut, dann ist das, was hier geschieht, ganz und gar
außergewöhnlich. Er findet Gnade in den Augen des Herrn. Er hört nicht nur den
Namen Gottes, sondern er spricht mit dem Herrn, der mit ihm einen Bund
schließt. So etwas ist gemäß der Überlieferung Israels außer Mose nur Elija
geschenkt worden. Und das sind übrigens die beiden Propheten, Mose und Elija,
mit denen Jesus auf dem Berg der Verklärung spricht. Diese drei Menschen teilen
miteinander die Erfahrung, dass sie Gott gesehen haben.
Doch auch andere Menschen
berichten davon, dass sie Gott erfahren haben. Vielleicht haben sie Gott nicht
so gesehen wie Mose und Elia, aber sie haben etwas erlebt, was sie nicht
zweifeln lässt und was sie sagen lässt: da war Gott gegenwärtig.
Genauso ist es den Jüngern
gegangen, die mit Jesus unterwegs war. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater
gesehen“, so sagt Jesus. Das ist die Grundlage des Festes, dass wir heute
feiern, dass wir glauben und erkennen, dass Menschen in Jesus Christus als dem
Sohn Gott selbst begegnen und dass der Vater sich durch Jesus Christus
offenbart, im Heiligen Geist. Dass wir Gott erfahren. Und das ist keine
Blasphemie!
Paulus z.B. berichtet davon, wenn
er über Visionen und Offenbarungen im zweiten Brief an die Korinther spricht,
dass er einen Menschen kennt (und offenbar spricht er von sich selbst!), der
vor vielen Jahren in den Himmel entrückt wurde, wo er unsagbare Worte hörte. Es
handelt sich wohl eine spirituelle Erfahrung, die er durch Jesus Christus
gemacht hat und die er mit Gott in Verbindungen bringt, d.h. als eine Vision
oder Offenbarung Gottes ansieht.
Wir glauben: Gott offenbart sich
den Menschen auf vielfältige Weise. Menschen erleben und erfahren Gott.
Insofern denke ich, kann man durchaus von „Gotteserfahrungen“ sprechen, wenn
bewusst bleibt, dass diese Erfahrungen anders sind als die Erfahrungen der
Dinge der Welt, die wir begreifen und zu verstehen suchen. Der heilige
Augustinus sagt einmal: wenn du es begriffen hast, dann ist es nicht Gott. „Si
comprehendis non est Deus.“
Wenn wir heute das Fest der
Dreifaltigkeit feiern, dann freuen wir uns über einen Gott, der uns in Jesus
Christus nahegekommen ist; der uns mit seiner Liebe und Barmherzigkeit
entgegenkommt. Der im Heiligen Geist mit ihm und untereinander verbindet. Wir
glauben an einen Gott, der in sich Liebe ist und Beziehung. Der sein Wort und
seinen Geist in diese Welt gesandt hat, um uns das Geheimnis des göttlichen
Lebens zu offenbaren. Ein Geheimnis ist keine Rätsel, das wir lösen sollen,
sondern ein Raum, in dem wir daheim sein können.
Gott gibt sich in seinem Sohn
hinein in diese Welt, damit wir ihn erfahren und damit wir gerettet werden. „Denn
Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt,
sondern damit sie durch ihn gerettet wird.“ (Joh 3,17). Öffnen wir uns für
diese Erfahrungen der Gegenwart Gottes in unserem Alltag, im Gebet und in den
Begegnungen mit den Menschen - und auch jetzt in der Eucharistie. Amen.