Predigt Sechzehnter Sonntag im Jahreskreis A, 19.7.2026, Hamburg | Manresa
Les: Weish 12,13.16-19; Röm 8, 26-27; Mt 13,24-30 (-43)
Zunächst ein wenig Pflanzenkunde, um das Gleichnis, wie es uns im Evangelium überliefert wird, zu verstehen. Es war in der Lebenswelt Jesu offenbar bei vielen Menschen selbstverständlich. Ich selbst musste ein bisschen nacharbeiten:
Es geht beim Unkraut um den sogenannten Taumel-Loch (griechisch: zizania). Es handelt sich um eine Pflanze aus der Familie der Süßgräser, deren Größe und Form dem Weizen sehr ähnlich ist. Die Körner sind am Ende gleich groß, dass sie durch Sieben nicht trennbar sind. Sie sind allerdings giftig; beim Verzehr rufen sie Schwindel und Gleichgewichtsstörungen hervor (daher der Name!), Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und gelegentlich den Tod durch Atemlähmung. Verantwortlich dafür ist ein Pilz, der im Samen dieses Grases wächst, der Pflanze selbst aber offenbar nicht schadet.
Taumel-Lolch lässt sich allerdings nicht vorher ausreißen, selbst wenn man ihn unterscheiden kann, denn die Wurzeln der beiden Pflanzen sind so ineinander verflochten, dass beim Jäten bzw. Ausreißen beide Pflanzen entwurzelt werden. Ist der ganze Acker von der Vermischung der beiden Pflanzen betroffen, würde das den Verlust der gesamten Ernte bedeutet. Deshalb soll die notwendige Trennung der beiden Pflanzen erst mit der Ernte geschehen. Während die reifen Weizenähren leicht geneigt sind, steht die reifen Lolch-Halme aufrecht und lassen sich gut erkennen. Bei der Ernte mit der Handsichel werden diese Gräser dann verbrannt.
In unserer Zeit ist der Lolch durch Pestizide und Herbizide weitgehend ausgerottet. Aber die Wirklichkeit, die beschrieben wird, spiegelt eine Erfahrung, die wir teilen: Es gibt Gut und Böse, oft nahe beieinander; es ist beides da und es ist manchmal nicht so einfach, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Jesus sagt: Das Himmelreich entsteht nicht einfach so rein und pur, fällt gleichsam fertig und unschuldig vom Himmel, sondern es ist etwas, das wächst, und zwar unter Bedrängnis. Es ist vermischt mit vielem, was nicht dazugehört und was vom Bösen kommt, vom Feind der menschlichen Natur. Die Frucht dieses Unkrauts ist nicht nutzlos, nein sie ist schädlich. Und wenn ich das nicht erkenne, hat es ein schlimmes Ende.
Es gibt nun jene, die beschwichtigen, den Unterschied zwischen Gut und Böse relativieren. Oder jene, die in Zweifel ziehen, ob es das Böse überhaupt gibt, wenn doch alles von Gott geschaffen ist, dem Urheber alles Guten. Sie nennen eine Unterscheidung verächtlich „dualistisches Denken“. Oder es gibt jene, die zwar anerkennen, dass es Gut und Böse gibt, dann aber Gottes Güte in Zweifel ziehen, so wie die Knechte: „Hast du nicht guten Samen gesät?“
Das Gleichnis ist an dieser Stelle schlicht und klar: das hat der Feind getan. Es gibt das Böse, es gibt den Samen, der vom Bösen gesät wird und es gibt die Frucht, die daraus entsteht und den Menschen krank macht beziehungsweise tötet.
Im Gleichnis steht am Ende eine klare Aufforderung an die Knechte, nicht auszureißen, sondern wachsen zu lassen bis zur Ernte. Erst zur Zeit der Ernte, d.h. zur Zeit des Gerichts, wird es die endgültige Unterscheidung geben.
Was bedeutet das nun für uns? Sollen wir einfach alles hinnehmen, alles wachsen lassen und vielleicht mal gießen und düngen, aber im Grunde akzeptieren, dass es in dieser Welt und auch im Blick auf das Himmelreich Gut und Böse gibt nebeneinander, dass beides sein darf? Dass wir es uns in unserem Alltag, wo alles wächst, mehr oder weniger gemütlich machen können, es lässt sich ja eh nichts tun? Dass wir den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, der offenbar auch ohnmächtig ist angesichts der Entwicklungen dieser Welt?
Nein, ich glaube, das wäre zu kurz gegriffen und würde das Gleichnis missverstehen. Dem Gleichnis geht es um die Geduld, die wir aufbringen soll, angesichts der vielen Entwicklungen und Fehlentwicklungen, angesichts der sehr vielen guten Handlungen in dieser Welt und angesichts des vielen Schlimmen, was es gibt in der Welt, aber auch in uns selbst, im eigenen Herzen.
Also: Ja, wir sollen akzeptieren, dass es immer beides gibt, das Gute und das Böse, und dass genauso so das Himmelreich wächst! Und nein, das bedeutet nicht, beides einfach gleichgültig hinzunehmen.
Das ist jetzt der Schritt über das Gleichnis hinaus, den ich mit ihnen gehen möchte: Ich glaube, wir sollen als Menschen auch jetzt schon versuchen, die eigene Achtsamkeit und Aufmerksamkeit darauf zu richten, zu unterscheiden. Unsere botanischen Kenntnisse sozusagen zu verfeinern.
Ignatius nennt es die „Unterscheidung der Geister“. Er sagt: Jetzt schon, in dieser Welt, können wir zwar nicht aus einer Außen-Perspektive her urteilen und für andere Gut und Böse unterscheiden, aber wir können es aus einer Innen-Perspektive, für uns selbst. Denn beides wirkt dauernd auf uns ein: Das Gute und das Böse; und wir können seine Wirkungen spüren und im Glauben und Vertrauen auf Gott unterscheiden, was in unserem eigenen Herzen geschieht.
Um im Bild zu bleiben: wir können vielleicht nicht direkt den Gutsherrn und den Feind erkennen, aber wir können durch unsere Sinne jetzt schon an den Wirkungen ansatzweise Weizen und Lolch unterscheiden! Dafür braucht es einen klaren Kopf, aufmerksame Sinne, und ein Herz, dass Gott aufrichtig sucht.
Er sagt, es gibt im Menschen dreierlei Einflüsse: Erstens das, was aus uns selbst kommt, unser Charakter, unsere Persönlichkeit, die uns prägen. Zweitens das, was vom guten Geist kommt; drittens das, was vom bösen Geist kommt. All das geschieht ständig, jetzt schon und wir können unsere Aufmerksamkeit mit Jesus Christus zusammen schulen und prägen lassen und so erkennen, was wir tun sollen.
Die Wirkungen des guten Geistes in unserem Herzen sind: Trost, Friede, Freude, Langmut, Güte, und so weiter. Die Wirkungen des bösen Geistes in unserem Herzen sind: Misstrost, Trostlosigkeit, Ärger, Traurigkeit, Grimm, Zorn, Ekel und so weiter.
Es ist nicht so leicht, das Gute und das Böse auseinander zu halten. Manchmal sieht beides auf den ersten Blick ganz ähnlich aus. Gut und Böse sind oft nicht einfach schwarz und weiß, so dass ich klar habe, was ich tun soll. Gottes willen zu suchen und zu finden, ist die große Herausforderung, vor der wir als Christen stehen.
Dafür braucht es das große Vertrauen, ja die Gewissheit, dass Gottes Reich, auch wenn es manchmal nur winzig erscheint, wenn wir davon nur Ansätze ersehen, sich durch wird setzen wird und zu einem herrlichen und großen Ende kommt. Das sind die wunderbaren Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig, die jetzt Folgen im Matthäus Evangelium.
Am Ende wird Matthäus Evangelium, nach diesen Gleichnissen, noch eine Deutung der Gleichnisse gegeben. Jesus selbst legt dort seinen Jüngern das Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen aus. Ich empfehle sehr, dass Sie die Auslegung einmal lesen. Jesus spricht vom Gericht am Ende der Welt, dass er selbst durchführen wird (Mt 13,31-43).
Es ist gut, solche Worte einmal zu hören oder zu lesen und sich die Konsequenzen des eigenen Handelns vor Augen zu führen. Christus nimmt uns ernst, Christus nimmt unser Leben ernst. Gott wird Gerechtigkeit schaffen, endgültig und für alle. Wer behauptet, wir würden alle unterschiedslos gerettet, hat von der Botschaft Christi nicht viel verstanden. Aber auch wenn dieses Gericht kommt, so kommt es eben nicht sofort, sondern es gibt eine Zeit bis dahin. Und dafür braucht es Mut und Geduld und Unterscheidung, das Gute zu erkennen und zu tun.
Und lade ich Sie ein, dass wir gemeinsam beten: Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. (Reinhold Niebuhr)