Predigt 30. Sonntag
im Jahreskreis A, Hamburg | Manresa
Les: Ex 22,20-26; 1Thess 1,5c-10; Mt 22,34-40
1. Liebst du?
Liebst du? Lieben Sie? Wen lieben Sie im Moment? Ihren Mann,
Ihre Frau, Ihre Schwester, Ihren Bruder, Ihren Freund oder Ihre Freundin?
Wenn wir lieben, dann lieben wir immer eine Person. Man kann
nicht allein lieben. Gewiss, man kann auch sich selbst lieben. Hoffen wir, dass
das nicht die einzige Person bleibt, die wir lieben. Liebe gilt immer jemandem.
Denn Liebe ist Beziehung.
Liebe ist nicht in erster Linie ein Gefühl. Denn wenn sie
nur ein Gefühl wäre, wie könnte man sie dann gebieten? Und doch spricht Jesus
vom großen Gebot der Liebe.
Liebe ist zunächst eine Haltung, eine Lebensweise gegenüber
den anderen und gegenüber Gott. Vielleicht beginnt Liebe mit einer inneren
Entscheidung, zu vertrauen. Mir gefällt der französische Ausdruck „faire
confiance“ – Vertrauen schenken. Im Deutschen könnte man übersetzen: „ins
Vertrauen gehen“. Damit beginnt die Liebe. Und dann folgt daraus das konkrete
Tun des Guten gegenüber den anderen.
2. Jesus und sein Gebot der Liebe
Im Johannesevangelium gibt Jesus seinen Jüngern in den
Abschiedsreden vor seinem Tod dieses Gebot: „Liebt einander!“ (Joh 15,12)
Er spricht zunächst nicht von der Liebe zu Gott, sondern nur
von der Liebe zu den Mitmenschen. Denn für den Evangelisten Johannes ist klar:
Wir können Gott, den wir nicht sehen, nicht lieben, wenn wir unseren Bruder
oder unsere Schwester, die wir sehen, nicht lieben.
„Wenn jemand sagt: Ich
liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen
Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“
(1 Joh 4,20–21)
Das Johannes-Evangelium erzählt die Geschichte der Liebe
Gottes. Diese Liebe beginnt nicht erst mit Jesus; aber in Jesus wird sie
sichtbar wie nie zuvor: einzigartig, endgültig und unwiderruflich.
„Denn Gott hat die
Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an
ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,16)
Man kann das Johannesevangelium unter dieser einen Frage
lesen: Was bedeutet das große Gebot der Liebe?
Am Ende des Evangeliums steht die Frage des Auferstandenen
an Simon Petrus: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ Und
Simon weiß kaum, wie er antworten soll.
3. Wie kann man zu lieben anfangen? Wie kann man lieben
lernen?
Was ist das Zeichen oder Symbol der Liebe? Das Herz. Das
Herz ist ein zentrales Organ des Menschen. Schon seit der Antike wird ihm
sowohl in körperlicher als auch in symbolischer Hinsicht große Bedeutung
beigemessen. Es gilt als das leibliche, seelische und geistige Zentrum der
menschlichen Person.
Schon lange vor dem Kleinen Prinzen wissen wir: Man sieht
nur mit dem Herzen gut, denn das Wesentliche am Menschen ist für die Augen
unsichtbar. Das Herz ist die Mitte des Menschen. Hier begegnen sich Denken und
Fühlen; hier reifen die wichtigsten Entscheidungen des Lebens.
Das Herz ist nicht nur ein Muskel, der das Blut durch die
Gefäße des Körpers pumpt. Es ist offensichtlich weit mehr. So wird das Herz zum
Symbol der Liebe. Manche Menschen lassen sich ein Herz in stilisierter Form
tätowieren oder stellen es mit ihren Händen dar, wenn sie Freude oder Liebe
empfinden. Woher diese abstrakte Form mit ihren beiden Rundungen und der
charakteristischen Spitze genau stammt, wissen wir nicht. Sie scheint jedoch
bereits im dritten oder vierten Jahrtausend vor Christus existiert zu haben,
wie archäologische Funde aus dem alten Persischen Reich nahelegen.
Das Herz als „Ort“ des Glaubens und der Liebe ist daher im
übertragenen Sinn „der Ort der Aufrichtigkeit, an dem man weder täuschen noch
sich verstellen kann“ (Dilexit nos 5). Wenn man anfangen will zu lieben, dann
soll man auf das Herz hören.
In der Bibel kommt das Wort „Herz“ mehr als 500-mal vor. Es
ist der Ort des Denkens und der Entscheidung. (Die Gefühle werden mit den
Nieren verbunden!)
In der katholischen Kirche gibt es die Verehrung des Herzens
Jesu. Sie war vor allem im letzten Jahrhundert verbreitet, auch in dieser
Kirche hängt ein „Herz-Jesu“-Bild am Eingang. Die Verehrung seines Herzens ist
allerdings schon viel älter.
Besonders bekannt wurde die Verehrung und Anbetung des
Herzens durch Margerite Marie Alacoque, eine Ordensschwester aus
Paray-le-Monial, im 17. Jahrhundert. Sie erfuhr die Liebe Gottes in Jesus
Christus durch eine Vision von einem brennenden Herzen, das mit einer
Dornenkrone gekrönt war. Das Herz als Symbol der barmherzigen Liebe Gottes. In
jeder Eucharistiefeier erinnern wir uns an diese Liebe, der wir auf eine
persönliche Art und Weise begegnen und die unser Leben verändern kann.
Wir können zu liebenden Menschen werden! Das ist die
Verheißung, das ist die frohe Botschaft bei diesem Doppelgebot der Liebe.
„Bilde unser Herz nach deinem Herzen!“
Lieben: Das heißt, mit einem offenen Herzen zu leben, Gott
zu vertrauen und den Menschen Gutes zu tun. In der Liebe zu unseren Brüdern und
Schwestern wird die Liebe zu Gott sichtbar. Und in der Liebe Gottes entdecken
wir, wer wir selbst sind.
