Montag, 12. Januar 2026

Gerechtigkeit und Recht

Predigt 2026 Taufe des Herrn, Hamburg | Manresa

Les: Jes 42, 5a.1-4.6-7; Psalm 29; Apg 10, 34-38; Mt 3, 13–17

In den letzten Wochen wird viel über das Völkerrecht gesprochen. Indem sich die Nationen verpflichten, bestimmte Rechte untereinander einzuhalten, soll damit eine gewisse Form von Gerechtigkeit hergestellt werden, um den Frieden zu sichern. Durch die aktuellen Kriege und die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konflikte wird die bisherige Rechtsordnung allerdings immer wieder gebrochen. Es stellt sich deshalb andauernd die Frage: Ist das richtig, so zu handeln? Ist das gerecht? Ist das moralisch menschlich ethisch vertretbar?

Die Entführung von Präsident Maduro zum Beispiel: Das ist ein Verbrecher, der sein Volk unterdrückt und ausgebeutet hat, der schlimmste Gewalt zu verantworten hat. Aber die Entführung durch die USA widerspricht dem Völkerrecht; die kriegerische Gewalt, die auch Unschuldige trifft. (vgl. Statement von P Martin Maier SJ) Ist das die Weise von Gerechtigkeit, die wir brauchen? Wird diese Form der Rechtsordnung den Menschen helfen? Heizt das nicht nur die Spirale der Gewalt weiter an? Was ist richtig? Was sollen wir in Europa jetzt tun?

Heute, am Ende der Weihnachtszeit, feiern wir noch einmal den Neuanfang, den Gott mit dieser Welt in Jesus Christus gewagt und geliebt habt. Die Verheißung des Alten Bundes sind in Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Gott tröstet sein Volk und schenkt ihm Vergebung. Er eröffnet ihm einen Weg in die Freiheit und lässt es seine Herrlichkeit schauen. Ja, die Geburt Jesu bereitet wirklich Freude, damals wie heute, denn Gott sagt ja zu dieser Welt und schenkt uns seine Gegenwart.

In den Texten des heutigen Sonntags ist davon die Rede, dass Gott uns seine Gegenwart in Gerechtigkeit schenkt. Die Grundlage dieser neuen Lebensweise mit Gott besteht darin, dass wir ihn als unseren Gott anerkennen; dass wir keine Götzen verehren und uns nicht selbst an die Stelle Gottes setzen. Denn so lautet die Botschaft des Propheten Jesaja: „Alle selbst ernannten Götter sind Nichtse.“ (Jes 41,29), „Denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und zu dir sagt: fürchte dich nicht; ich habe dir geholfen.“ (Jes 41,13)

Wenn diese Grundlage von Wahrheit und Gottesfurcht klar ist, dann werden Gerechtigkeit und Frieden entstehen können. Gott wirkt in dieser Welt, indem er durch einen Menschen den Völkern und Nationen das Recht bringt. Der Gottesknecht, von dem in der Lesung, aus dem Propheten Jesaja gehört haben, ist eine Gestalt, die Gott aus Gerechtigkeit gerufen hat und die wirklich das Recht bringt. [Auch der Hauptmann Cornelius (vgl. Apg 10), der nicht zum jüdischen Volk gehörte, war so eine Gestalt, ein Gerechter, eine Gottesfürchtiger, den Gott aus Gerechtigkeit gerufen hat.]

Gottes Gerechtigkeit, seine Macht, ist jedoch anders als die Macht und die Gerechtigkeit der Herrscher dieser Welt: „Er schreit nicht und lärmt nicht. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ (Jes 42,2-3) Er nimmt sich der Armen und Schwachen an, er hilft den Unterdrückten. 

Selbst wenn er dabei auch Widerstand trifft, so geht er nicht mit Gewalt vor. Er gibt aber auch nicht auf. Er bleibt standhaft. Er selbst „verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf Erden das Recht begründet hat.“ (Jes 42.4)

Das ist für uns schwer zu verstehen. Wir denken, es müsste jemand kommen, der mit Gewalt aufräumt und Recht schafft. Doch Gott schafft das Recht, indem er in Liebe wirkt, Grenzen überwindet, Freiheit schenkt. Dieser Gottesknecht ist jetzt kein Softie. Die Orientierung an dem einzig wahren Gott bleibt der Anspruch und der Maßstab. Aber die Weise, wie das Recht umgesetzt wird, ist eben anders. 

Selbst Johannes der Täufer kann das nicht begreifen. Er hat das bevorstehende Gericht Gottes verkündet und als einzige Rettung die notwendige Umkehr und Reinigung aller Menschen vorgestellt. Und dann kommt Jesus und will sich von ihm taufen lassen! Es ist merkwürdig: Gott lässt sich auf diese Welt ein, und er sucht den Menschen bis hinein in die Dynamik der Sünde. Er bietet ihm Vergebung an. Was ist das für eine Gerechtigkeit? Johannes versteht es nicht. Doch Jesus ermutigt ihn: „Lass es nur zu. Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.“ (Mt 3,13)

Die Frage, wie nun die erhoffte Gerechtigkeit und das Königtum des Gesalbten in dieser Welt zu verstehen ist, haben die Propheten auf unterschiedliche Art zu beschreiben versucht. Allen gemeinsam ist die Vorstellung vom Bund mit Gott, der eine neue Weise des Zusammenlebens darstellt, die größer ist als irdisches Machtgeklüngel. Und Jesus ermöglicht diesen Bund neu.

Auch das Völkerrecht und viele Verfassungen verweisen auf Gott, als eine höhere Instanz, damit wir uns immer daran erinnern, dass wir nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Während im Mittelalter sich viele Könige und Herrscher Europas als „von Gottes Gnaden“ eingesetzt sahen, und es noch in der Präambel des Grundgesetzes heißt: „Im Bewusstsein unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen“, ist die Gegenwart voll von Machthabern, die aus sich selbst heraus regieren.

Das Kriterium für Gerechtigkeit ist also, ob sie Gott als Gott anerkennt. Sein Bund mit den Menschen ist die Weise wie Gott in dieser Welt Recht wirkt und gegenwärtig ist. Jesus hat diesen Bund mit Gott persönlich in seiner Taufe erfahren, als ich ihm der Himmel öffnete. Er hat uns den neuen Bund in seinem Blut geschenkt. Wir feiern diesen Bund im Sakrament des Altares. Möge dieser Bund unser Handeln und das Handeln vieler Menschen im neuen Jahr prägen und so Gerechtigkeit und Frieden wachsen.

Vgl. Text von "Dein sind die Himmel" (Joseph Gabriel Rheinberger), dem Offertorium von Weihnachten: „Dein sind die Himmel, und dein ist die Erde; du hast der Welten Kreis, hast die Fülle der Erde fest begründet; Gerechtigkeit und der Wahrheit Kraft sind die Pfeiler deines Thrones.“

Gute Hinweise und Auslegung der Texte im Podcast in principio 

Sonntag, 4. Januar 2026

Wohnung gesucht!

 


Predigt 2. Sonntag der Weihnachtszeit: Wohnung gesucht, Hamburg, 4.1.26

Les: Sir 24, 1–2.8–12 (1–12); Eph 1, 3–6.15–18; Joh 1, 1–5.9–14

1/ Wohnung suchen

Zum Krippenspiel am Heiligen Abend gehört die Herbergssuche. Maria und Josef, unterwegs in Bethlehem, bekommen keine Wohnung. Es ist einfach kein Platz für sie da. So fängt die Geschichte an. Und dann, schon kurze Zeit nach der Geburt, müssen sie schon wieder eine neue Bleibe finden. Denn nach der Huldigung durch die Sterndeuter fliehen Maria und Joseph mit dem Neugeborenen nach Ägypten, wie Joseph ist im Traum geboten worden war. Herodes wollte das Kind, den neugeborenen König der Juden, töten.

Weltweit sind mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele wie nie zuvor: Sie haben keine Wohnung. Im vergangenen Jahr sind die Zahlen zwar leicht zurückgegangen, aber allein im Sudan sind mehr als 12 Millionen Menschen durch Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben worden und entwurzelt. „Meistens sind es Krieg und Gewalt, die Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Immer dabei ist die Angst um das eigene Leben und das Leben und das Wohlergehen der Kinder, der Familie, von Freunden.“ (UN-Bericht)

Hier in Hamburg gibt es viele Flüchtlinge, die bleiben möchten und eine Wohnung suchen. Es gibt viele Obdachlose, die keine Wohnung haben. Und es gibt Menschen, die wegen des Wohnungsmangels und der hohen Mieten keine passende Wohnung finden. Einen Ort zu haben, eine Wohnung, in der man bleiben kann, eine Heimat, das gehört zu den Grundbedürfnissen von Menschen. Jeder Mensch sollte eine Wohnung haben.

Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie eine gute Wohnung gefunden. Ist es ein Ort, wo sie gerne sind. Ist Hamburg die Stadt, in der sie bleiben möchten? Oder werden Sie demnächst umziehen?

So sehr wir nach einem Ort suchen, an dem wir sein können, so selten gelingt uns das vollständig. „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl!“, singt Herbert Grönemeyer. Und Bernhard Schlink, ein deutscher Schriftsteller, behauptet: „Heimat ist Utopie“. Er meint: Heimat ist gar kein Ort, sondern eine Vorstellung, eine Idee, die wir niemals erleben werden. Denn immer sind wir überall ein bisschen fremd. Ist das nicht merkwürdig?

2/ Gott sucht eine Wohnung

Heute in der Lesung haben wir von der Weisheit Gottes gehört, die einen Ort sucht, wo sie sich niederlassen kann, wo sie bleiben und wohnen kann. (Jesus Sirach 24, 1-12)

Gott gebietet der Weisheit, sich in Jakob bzw. Israel niederzulassen, und dort ihr Zelt aufzuschlagen. Auf Zion, im heiligen Zelt, dort soll die Weisheit Gott dienen.

Zwar wird die Weisheit in Jerusalem wohnen, aber: „sie schlug Wurzeln“, so heißt es dort „in einem ruhmreichen Volk“. D.h. letztendlich ist es nicht die Stadt, sondern letztendlich sind die Menschen es, die der Weisheit Heimat geben. Gott hat mehr Interesse an den Menschen als an irgendeiner tollen Wohnung für seine Weisheit oder einem besonderen Tempel.

Im Evangelium ist die Rede davon, dass Gott selbst bei seinem Volk wohnen möchte. Als „das ewige Wort“ kommt er zu den Menschen. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihm nicht auf.“ (Joh 1,11). Das Wort Gottes sucht einen Ort, um zu bleiben, aber es wird abgelehnt! Gott findet keine Wohnung! Und das nicht, weil die Mietpreise zu hoch sind, sondern einfach deshalb, weil es offenbar Menschen gibt, die zwar sein Volk sind, aber sein Wort nicht hören wollen. Es gab aber auch Menschen, die ihn aufnahmen - und die wurden zu Schwestern und Brüdern, zu Kindern Gottes.

3/ Gott zeltet unter uns

Der Johannes-Prolog erzählt feierlich: „Das Wort erschien in einem Menschen und wohnte bei uns.“ (Joh 1,14; Übersetzung Berger). Wörtlich heißt es dort: „Es zeltete bei uns“. Gott sei Dank, das Wort hat seinen Platz gefunden! Es lebt mitten unter uns, und es wirkt mitten unter uns! Aber seine Art und Weise, wie es da ist, wie es wohnt, ist vorübergehend, wie in einem Zelt, nicht für ewig. Das ist wirklich ein Segen, dass Gott mit uns ist. Aber wir haben ihn nicht wie ein Besitz, wir können ihn nicht festhalten. Er wohnt wie in einem Zelt. Er ist sozusagen vorübergehend da.

Wenn wir sein Wort hören, darauf achten, es befolgen, danach leben, ihm Raum geben in unserem Leben, es ehren, es anbeten, es weitersagen, dann wird es bei uns bleiben! Und dann haben auch wir einen Ort zu bleiben, eine Ruhestätte, eine heilige Wohnung.

Am Ende kommt es doch nicht darauf an, ob wir eine schöne Wohnung hier auf der Erde haben, ob wir ein großes Haus haben oder eine kleine Mietwohnung. Am Ende ist es doch entscheidend, ob wir in Verbindung sind, mit Gott und in der Beziehung mit ihm bleiben.

Das ist der Ort, wo ich gerne bin: bei ihm und bei den Menschen, die an ihn glauben! Dort finde ich Ruhe. Dort kann ich Wurzeln schlagen. Dort finde ich Zuversicht und Freude und Geborgenheit.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir,“ so heißt es im Hebräerbrief (Hebr 13,14). Wir Menschen sind und bleiben Pilger auf dem Weg zu einer ewigen Heimat. Wir vertrauen darauf, dass Jesus dort im Himmel für uns eine Wohnung vorbereitet hat, so wie er gesagt hat: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ (Joh 14)

Für heute aber dürfen wir dankbar sein, dass wir eine gute Wohnung haben. Und wir dürfen feiern, dass Gottes Wort bei uns Wohnung nimmt. Wir sollen uns einsetzen für Menschen, die keine Wohnung haben. Vor allem aber sollen wir Gott selbst in unserem Leben Raum geben, denn er möchte in unserer Mitte wohnen. Er hat uns seinen Namen genannt: „ich bin da“ (Ex 3). So können auch wir sagen: „hier bin ich“ (1Sam 3)

Freitag, 2. Januar 2026

Maria


Neujahr 2026, Hamburg 19 Uhr | Manresa-Messe – Maria

Les: Num 6, 22–27; Gal 4, 4–7; Lk 2, 16–21

1/ Das neue Jahr beginnen

Viele Menschen nutzen den Übergang ins neue Jahr für eine Rückschau auf das vergangene Jahr. Was war wichtig im vergangenen Jahr? Welche Ereignisse haben mich geprägt, haben mich berührt? Die Ereignisse des vergangenen Jahres anschauen bedeutet auch: sie deuten, gewichten und vor allem sich daran erinnern, es vielleicht auch jemand anderem zu erzählen.

Wir führen dabei die Erzählung des eigenen Lebens weiter. Wir versuchen, den roten Faden zu finden, die Ereignisse zu einer Geschichte verknüpfen; wir tun es im Vertrauen darauf, dass unser Leben einen Sinn hat, d.h. nicht nur einen Wert, sondern auch eine Orientierung, eine Richtung. 

Manche Menschen haben eine Begabung darin, die guten Dinge hervorzuheben, die eigene Perspektive in der Art zu vermitteln, wie sie sich für das, was geschehen ist, begeistern können, dankbar sind. Vor einigen Tagen habe ich z.B. einen Film über 20 Jahre Miniaturwunderland gesehen. Die Gründer-Zwillinge Gerrit und Fredrik Braun und den Modellbahnbauer Stephan Hertz haben eine Begabung, die Begeisterung für das, was sie erlebt haben zu vermitteln. Andere Menschen schauen eher traurig und enttäuscht auf das Vergangene, sehen die Schwierigkeiten, in denen wir stehen, im persönlichen Leben, in der Gesellschaft, in der Welt.

Es heißt manchmal: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Der Satz ist falsch, insofern wir uns viele Dinge in unserem Leben nicht aussuchen und nicht in der Hand haben. Der Satz ist richtig, insofern es entscheidend darauf ankommt, wie und auf welche Weise wir selbst mit dem umgehen, was uns im Leben begegnet.

Das eigene Herz sprechen zu lassen und mit dem Licht Gottes auf das schauen, was ist, was wir erleben und erleiden – das ist die Aufgabe von Propheten und wohl auch von jedem von uns. Denn wir gestalten unser Leben. Wir geben ihm eine „lebendige Gestalt“ (vgl. Brüske, Martin / Meuser, Bernhard / Reemts, Christiana (Hg.): Urworte des Evangeliums. Für einen neuen Anfang in der katholischen Kirche. Freiburg/Basel/Wien 2025, S.13).

Viel zu oft nehme ich die Dinge und Begegnungen als Selbstverständlichkeit und vergesse darüber zu staunen. Viel zu oft vergesse ich, mich dem Wirken Gottes in mir u öffnen. In diesem Jahr will ich mich immer neu von Gott begeistern und beeindrucken lassen. 

2/ Maria hat ihrem Leben Gestalt gegeben

„Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. “ (Lk 2,19), so haben wir gerade im Evangelium gehört. Maria erinnert sich an die Ereignisse der Geburt und der ersten Tage im Leben ihres Sohnes. Wie war es, als die Hirten wieder gegangen waren? Wie kam es, dass sich die Nachricht von seiner Geburt so rasch verbreitete? Wie habe ich die kleine, bescheidene Feier der Beschneidung erlebt, als wir dem Neugeborenen einen Namen gaben, so wie es sich für einen kleinen jüdischen Jungen gehört? 

Christen sehen die Mutter Christi als ein Vorbild an. „Sie verehren sie mit Zuneigung und Bewunderung, denn da die Gnade uns Christus ähnlich macht, ist Maria der vollkommenste Ausdruck dieses ihres Wirkens, das unsere Menschlichkeit verwandelt.“ (Vgl. Mater populi fidelis 1) 

Wir sehen Maria aber auch als die die Mutter des gläubigen Volkes Gottes heute. Sie hat heute einen Einfluss auf uns als erlöste Menschen an der Seite Christi. Sie ist heute für uns nicht nur ein Vorbild für die Art und Weise, wie sie damals am Heilswerk mitgewirkt hat, in dem sie Gottes Wirken in ihrem Leben Raum gab. Sondern sie führt uns auch heute zu Jesus Christus. 

Für mich sind es einige Marienbilder, die mich begleiten und daran erinnern. Zuallererst die älteste Marienstatue nördlich der Alpen, die sich in meinem Heimatbistum in der Kathedrale von Essen befindet. Die „Mutter vom guten Rat“. Sie weist uns darauf hin: Was er euch sagt, das tut! (vgl. Joh 2)

Oder die Marienikone im Noviziat, die „Muttergottes vom Zeichen“. Es ist die berühmte Ikone der orthodoxen Kirche, die Maria mit zum Gebet erhobenen Händen darstellt, wobei das Jesuskind auf ihrer Brust zu sehen ist, was ein "Zeichen" für ihre Mutterschaft ist. So wird sie als Schutzpatronin angerufen.

Oder die Mutter mit dem geneigten Haupt, ein Bild, vor dem viele Jesuiten in der Gefangenschaft in Portugal beteten; das auf geheimnisvolle Weise vor bald 100 Jahren zurück nach Deutschland kam. 

Andere haben andere Bilder oder Orte, die sie auf besondere Weise mit dem Wirken Marias verbinden, für viele sind es die berühmten Wallfahrtsorte: Guadalupe, Lourdes, Fatima, Tschenstochau, Medugorje.

Immer ist das Wirken Mariens daran zu erkennen, dass es uns näher zu Jesus Christus führt und das Werk der Erlösung, das allein durch ihn geschehen, tiefer zu verstehen und in unserem Leben wirksam werden zu lassen: Konkret, durch die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen und durch eine Annahme unserer selbst.

3/ Die geistliche Mutterschaft

Wie wird Maria in geistlicher Hinsicht für uns zur Mutter? Eine Antwort könnte sein: Indem wir wie Maria und mit Maria zu Hörenden werden. Denn das ist die Grundhaltung jedes gläubigen Lebens. Der Glaube kommt vom Hören, so schreibt der Apostel Paulus (vgl. Röm). Es ist der Gehorsam auf Gott, durch den wir wirklich frei werden. 

„Maria bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.“ Darum geht es beim inneren Hören, darum geht es beim Gehorsam. Selten ist es so, dass wir so etwas wie einen Telefonanruf von Gott bekommen und dann genau wissen, was zu tun ist. Das gibt es auch, ich will es nicht ausschließen.

Meist ist jedoch so, dass es Zeit braucht, dass wir Zeit zum Nachdenken und inneren Verkosten brauchen; mit den Gefühlen, mit dem Verstand; dass wir die Ereignisse und Begegnungen, die Worte der Menschen und die Worte Gottes aus der Bibel bewahren und im Herzen erwägen müssen, um zu einer Klarheit und Entscheidung zu kommen, was zu tun ist.

Dieses Erwägen geschieht auf der Basis des Vertrauens, dass Gott uns liebt wie seinen Sohn, dass er uns durch ihn etwas Gutes vorbereitet hat und wir es ergreifen und realisieren dürfen, „damit wir die Sohnschaft erlangen.“ Es geschieht im Vertrauen auf den Geist seines Sohnes in unseren Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Das ist der Geist der Freiheit, als Kinder Gottes zu leben.

Freitag, 26. Dezember 2025

Licht im Dunkeln

Sonnenuntergang in Hamburg, 24.12.2025

2025 Predigt Weihnachten, Hamburg | Manresa

Les: Jes 52, 7–10; Hebr 1, 1–6; Joh 1,1-18

Das Weihnachtsfest ist ein Lichterfest. Mitten in der dunklen Jahreszeit entzünden wir Kerzen. Wenn die Nacht am längsten ist, schmücken wir den Weihnachtsbaum mit Lichtern, selbst die Einkaufsstraßen erstrahlen in hellem Glanz. Mag sich man sich über ein kommerzialisiertes Fest ärgern, aber dieser Lichterglanz trifft doch bei uns offenbar auf eine sehr tiefe Sehnsucht, auch bei den Menschen, die nicht glauben: Licht, das die Dunkelheit erleuchtet.

Heute gibt es elektrisches Licht überall und zu jeder Zeit; wir brauchen eigentlich keine natürlichen Lichtquellen mehr. Doch das Licht verliert nicht seine Faszination: Ein Sonnenaufgang, ein heller Tag, das Strahlen des Mondes – wie schön ist das! Im neuen Einkaufszentrum in der Hafencity wurde der „Port de lumière“ eröffnet, ein Museum nur aus Licht. Und die modernen Fernsehsendungen und Konzerte, die wir in diesen Tagen anschauen, wären und ohne eine ausgeklügelte Lichttechnik überhaupt nicht mehr zu denken.

Die Römer feierten seit Kaiser Aurelian, d.h. seit dem dritten Jahrhundert nach Christus, zur Wintersonnenwende ein Fest zu Ehren des Sonnengottes „sol invictus“. Es war ein Lichterfest mit öffentlichen Feiern und Spielen. Die Sonne als Licht des Himmels wurde durch einen öffentlichen Kult geehrt. Dies verband sich mit einer Spiritualität, dem Mithras Kult, der angeblich aus Persien stammen sollte. Ein bisschen Exotik reizte religiöse Menschen immer schon.

Die Christen waren anfangs gegen diese Lichtfeste; sie befürchteten eine Verwechslung von Gott und den Götzen. Aber mit der öffentlichen Anerkennung des Christentums und der Kaiser Konstantin verwandelte sich die christliche Ablehnung der römischen Festkultur. Das Lichterfest wurde christianisiert, d.h. übernommen und umgedeutet - und schließlich als ein hohes christliches Fest beansprucht, als das Fest der Geburt Christi.

Denn das Licht zu feiern, war den Christen nicht fremd: Die Christen konnten sich darauf berufen, dass Christus in den biblischen Texten als „das wahre Licht“ (Joh 1,9), bzw. als „die Sonne der Gerechtigkeit“ (vgl. Mal 3,20) bezeichnet wird und dass „das aufstrahlende Licht aus der Höhe“ gekommen ist, „um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lk 1, 78-79), - so heißt es im Benediktus, im Lobgesang des Zacharias über die Geburt Jesu.

Und in seiner Nachfolge werden auch die Christen zu Licht: „Die Gerechten werden im Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne.“ (Mt 13, 43)

Seit dem vierten Jahrhundert wird also das Lichterfest an Weihnachten als das Fest Geburt Jesu gefeiert. Man könnte auch sagen: Deshalb feiern wir Weihnachten im Winter. Spannend ist nun, dass diese Übernahme des Lichtfestes genau zu jener Zeit geschah, als über die Bedeutung und das Wesen von Jesus Christus in der Kirche erbittert gestritten wurde. Es wurde damals in langen philosophischen und theologischen Diskussionen darüber gestritten, wer Jesus Christus eigentlich sei: War er ein Mensch? War er ein Gott? War er ein Gott in menschlicher Gestalt? War er ein Sohn von Gott? Und wenn ja, ein Sohn in dem Sinne, wie wir alle Kinder Gottes sind, oder doch auf besondere Weise?

Was bedeutet Inkarnation bzw. Fleischwerdung? Wir glauben, dass Gott uns in Jesus Christus nahegekommen ist, dass er Mensch wurde. Ist damit verbunden, dass Jesus Christus schon vorher existierte und quasi mit seiner Geburt nur auf diese Erde kam? Oder hat Gott, der Ewige, diesen Menschen erst später als Sohn angenommen, also quasi adoptiert?

Ich weiß nicht, ob sie sich über diese Fragen schon einmal Gedanken gemacht haben. Aber zu Beginn des vierten Jahrhunderts wurde darüber im ganzen Reich gesprochen. Das war ein Thema für jeden Bischof und für jede Gemeinde. Man erzählte sich, dass sogar die Marktfrauen über diese Themen diskutierten. Es gab Reimverse, um die unterschiedlichen theologischen Positionen deutlich zu machen. Die Arianer, d.h. die Theologen, die die Position des Arius vertraten, hatten zum Beispiel gedichtet: ν ποτε τε οκ ν – auf Deutsch: es gab eine Zeit, wo er nicht war.

Kaiser Konstantin meinte, es sei zu viel der Diskussion, die Einheit der Kirche und die Einheit des Reiches sei gefährdet. Und so berief er 325 die Bischöfe nach Nizäa; sie sollten ein Glaubensbekenntnis formulieren. Das war vor nun genau 1700 Jahren.

Die Position der Arianer wurde am Ende verurteilt. Das bedeutet: Die Aussage „es gab eine Zeit, wo er nicht war“ wird als falsch abgelehnt. So steht es geschrieben: Gottes Sohn ist von Ewigkeit her.

Die Auseinandersetzungen hätten schlecht ausgehen können für das Christentum, wenn man nur bei philosophischen und theologischen Streitfragen und Argumenten geblieben wäre. Argumente sind wichtig für den Glauben, aber es braucht auch immer wieder die Rückbesinnung auf die Überlieferung und darauf, dass am Ende nicht alles vollständig in philosophischen Begriffen ausgesagt werden kann. So wie Johannes in seinem Evangelium poetisch formuliert und ganz in Anlehnung an die Sprache der Bibel:

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1, 1-5)

Deshalb fanden die Bischöfe Gott sei Dank auf dem Konzil ein Glaubensbekenntnis, dass auch poetische Sprache verwendet, um das Wesen Christi zu beschreiben. „Licht vom Licht“. Das ist ein Bildwort, dass jedem sofort einleuchtet. Wer schon einmal das Licht einer Kerze weitergegeben hat, weiß, was es bedeutet: „Licht vom Licht“.

Biblische Sprache kennt immer schon poetische Formulierungen. In den Psalmen heißt es zum Beispiel: „In deinem Licht schauen wir das Licht.“ (Psalm 36,10). Wir können an den Sonnenaufgang denken. Das Sonnenlicht hilft uns, etwas zu sehen und zugleich sehen wir die Sonne selbst.

Wie oft bitte ich Gott, um sein Licht um die Dinge meines Lebens neu zu sehen. Und manchmal erkenne ich dann in diesem Licht, mit dem Vertrauen auf seine liebende Barmherzigkeit, auch sein Leben in meinem Leben, seine Gegenwart in meiner Gegenwart und in meinem Alltag., Sein Wirken als das Licht meines Lebens.

Dieses Licht kommt heute in unsere Welt. Es strahlt in unsere Dunkelheit. Das bedeutet: die Dunkelheit, die Sünde der Welt wird vernichtet. Der Retter wird da sein, und uns wird Vergebung schenken. Er richtet uns auf durch seine tröstliche Ankunft. Amen.

Montag, 22. Dezember 2025

Zeichen

 

Imagen de San José dormido. | Crédito: Jeffrey Pioquinto SJ / CC BY 2.0

Predigt Vierter Adventssonntag 2025 – Zeichen

Les: Jes 7, 10–14; Röm 1, 1–7; Mt 1, 18–24

Vor zwölf Jahren, im Februar 2013, wurde Jorge Bergoglio in einer dramatischen Situation der Kirche zum Papst gewählt: Der Vorgänger war zurückgetreten! Die Wahl fand wenige Tage vor dem Fest des heiligen Josef statt. Reiner Zufall? Er wurde am Fest des heiligen Josef eingesetzt. Für Papst Franziskus war es kein Zufall. Er sah darin ein Zeichen. Der heilige Josef sollte das Vorbild für seine Weise der Amtsführung sein: Der aufmerksam sorgende Beschützer, der stille Begleiter, und vor allem auch: der Träumer!

Papst Franziskus erzählte manches Mal, dass auf seinem Schreibtisch die Figur des heiligen Josef zu finden sei, der schlafende Josef, hingestreckt, noch die Sandalen an den Füßen, nur ein Bündel als Kopfkissen, mit einem Mantel bedeckt. Er schiebe ihm manches Gebetsanliegen unter, so sagte er oft.

Der Glaube braucht Zeichen, Signale einer lebendigen Beziehung! So wie es in einer Freundschaft immer mal wieder kleine Zeichen der Aufmerksamkeit braucht, der andere oder die andere sieht mich, ich selbst bin gemeint!

Zeichen oder manche sagen auch Wunder: „An Wundern scheiden sich die Geister. Manche wollen sie überall sehen, andere nirgendwo. Die Bandbreite der menschlichen Erfahrung oder nicht Erfahrung ist groß.“ (Vorwort, Jesuiten 4/2025). Und von Zeichen und Wundern ist eben auch heute in den biblischen Texten die Rede.

Die Lesung aus dem Buch der Propheten Jesaja erinnert an eine konkrete, historische Situation im Jahr 734 v. Chr. Das Königreich Juda ist bedroht, weil König Ahas, der König von Juda, eine unheilvolle Allianz mit dem König von Assur eingehen wollte, gegen die Nachbarn, die Königreiche Syrien und Israel. Trotz der Warnung des Propheten Jesaja geht Ahas diese Allianz ein. So kommt es zum Krieg, den Ahas zwar gewinnt; dafür wird Juda aber für lange Zeit zum Vasallen des assyrischen Reiches.

Es geht also gerade um die Frage, ob König Ahas auf Gott vertrauen will, oder ob er lieber mit dem mächtigen Assyrer gemeinsame Sache machen will, um zu gewinnen. Von dieser Entscheidung steht der König und der Prophet erzählt, dass Gott dem König in dieser Situation gesagt habe, er solle um ein Zeichen bitten. Nach dem Motto: wenn du schon nicht aus dir selbst heraus auf Gott und seine Hilfe für dein Volk vertrauen kannst, dann bitte doch um einen Hinweis darauf, dass sich dieses Vertrauen lohnt. Erbitte dir ein Zeichen!

Doch Ahas ist neunmalklug und sagt: ich werde um nichts bitten und den Herrn nicht versuchen. Er zitiert dabei die Bibel gegen Gott. Denn es steht im Gesetz des Moses ja tatsächlich: „Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht auf die Probe stellen!“ (vgl. Mt 4,7; vgl. Dtn 6,16.) Aber darum geht es ja gar nicht darum, Gott auf die Probe zu stellen. Die Bitte um ein Zeichen ist keine Versuchung Gottes, sondern eben eine Bitte. Doch Ahas will nicht verstehen (Jes 7,12).

Die Antwort und die Klage des Propheten sind deutlich. „Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass sie auch noch meinen Gott ermüdet?“ (Jes 7,13) Das politische Herumgeeiere, die Anbiederung an die Mächtigen, das mangelnde Vertrauen ermüdet die Menschen.

Ja, es ermüdet die Menschen, wenn es keine Orientierung an Gott und seinen Geboten mehr gibt; wenn alle meinen, dass sie ihr Leben nur sich selbst verdanken und sich in jedem Moment ihre eigene Identität selbst geben müssen. Es ermüdet die Menschen, wenn die Regierenden nicht integer sind, sondern an ihre eigene Macht denken. Es ermüdet die Menschen, wenn das Wort „Gott“ zwar im Munde geführt wird, aber das eigene Ego im Zentrum steht.

Und es ermüdet Gott, so der Prophet, wenn dann das mangelnde Vertrauen auf Gott auch noch mit Besserwisserei gegenüber Gott einhergeht; wenn sein Angebot für die Bitte um ein Zeichen abgelehnt wird. Ob unsere Gesellschaft vielleicht deshalb so müde geworden ist, weil wir Gott möglichst aus unserem Leben heraushalten wollen?

Nun, Gott lässt sich nicht einfach kaltstellen, aber er zwingt die Menschen auch nicht, sondern: er gibt ein Zeichen. Hallo Mensch, bist du noch da? Bist du offen für meine Weisung?

Das Zeichen ist das Kind der Jungfrau. „Sie wird ihm den Namen Immanuel geben.“ (Jes 7,14). Historisch gesehen, wurde diese Verheißung auf eine der Frau des Ahas bezogen, die ein Kind bekam und ihm den Namen Hiskija gab. König Hiskija regierte das Land weise, weil er tatsächlich, anders als König Ahas, auf Gott vertraute, d.h. Gott nicht in seinem Leben außenvor ließ.

Matthäus deutet die Verheißung des Propheten Jesaja im Blick auf die Geburt Jesu. Josef hört sie im Traum, diese Weissagung aus einer anderen Zeit.

In dieser Situation ist es genauso wie damals: Gott zwingt Josef nicht, sondern er ermutigt ihm. „Fürchte dich nicht!“. Trau dich. Gott gibt ihm ein Zeichen, dass er auf die Beziehung zu Gott vertrauen kann, egal, was passiert.

Und es ist ziemlich viel passiert, dem armen Josef. Seine junge Verlobte erwartet ein Kind, aber er weiß sicher, dass es nicht von ihm ist. Ehebruch noch vor der Hochzeitsnacht, eine ziemlich beschämende Situation für beide. Doch Josef war gerecht, d.h. er achtete das Gesetz und konnte den Ehebruch nicht einfach akzeptieren. Doch er wollte Maria auch nicht bloßstellen, denn er war menschlich, gütig. So blieb ihm scheinbar nur eine Wahl, nämlich sich in aller Stille von ihr zu trennen.

Und da kommt dieser Traum ins Spiel, eben dieses Zeichen in seinem Leben. Er vertraut Gott, und er vertraut dem Zeichen, dass eben dieses Kind etwas ganz Besonderes ist, vom Heiligen Geist, der Erlöser von Sünde, der Retter für das Volk.

So ein Vertrauen auf Gott macht nicht müde, im Gegenteil ist belebt, es lässt Josef wach werden und für Maria sorgen und für das Kind die Rolle des Vaters, des Beschützers, des liebenden und oft stillen Begleiters übernehmen. So wird Josef selbst zum Zeichen.

Auf Gott vertrauen, auf Jesus Christus als den „Gott mit uns“ vertrauen, das macht uns nicht müde, sondern im Gegenteil, wach und achtsam. Erfüllt uns mit Freude und Dankbarkeit. Es macht uns mutig und lässt uns weitergehen.

Also: Schaut auf die Zeichen! Die Zeichen, die von Gott kommen in eurem Leben und schaut auf die Menschen, die zum Zeichen werden, weil sie ihr Vertrauen auf Gott setzen und von Gott geliebt sind. Schaut Jesus Christus, der uns hier und heute das Zeichen seiner Gegenwart schenkt in der Eucharistie.

Montag, 15. Dezember 2025

Erwartungsmanagement?


2025 Predigt Dritter Adventssonntag A | Hamburg, Manresa

Les: Jes 35, 1–6b.10; Jak 5, 7–10; Mt 11, 2–11

Am ersten Adventssonntag hörten wir die Einladung Jesu, unsere prophetische Gabe zu entdecken: Sehen, was ist! Vor dem Hintergrund der Vision des Jesaja von der Wallfahrt der Völker und vom Frieden (Jes 2,1-5) mahnte Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zu Achtsamkeit und Wachsamkeit: „Haltet euch bereit!“ (Mt 24,44). Ich habe darauf hingewiesen, dass Propheten keine Wahrsager sind, sondern dass sie auf die Gegenwart schauen und darin die Zeichen des heilsamen Handelns Gottes erkennen.

Am zweiten Adventssonntag hörten wir eine weitere große Vision des Propheten Jesaja: der junge Trieb aus der Wurzel, ein König, der die Fülle der Geistesgaben empfängt und der Welt den Frieden bringt. „Er entscheidet für die Armen, wie es recht ist.“ (Jes 11,4).

Und nun heute eine dritte, große Vision des Jesaja: Von der blühenden Wüste, so fruchtbar wie der Libanon und die Ebene Sharon. Rettung wird verheißen und Heilung und Heimkehr. Für diese Rettung und Befreiung gibt es deutliche, untrügliche Zeichen: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Stumme sprechen. Das gibt es doch gar nicht!? Doch! Das sind die Kriterien der neuen, messianischen Zeit!

Nun mag mancher bei so vielen Visionen, bei so wunderbaren Verheißungen im Blick auf die Realität der Welt und des eigenen Lebens denken: Da wird irgendein frommes Zeugs verkündet! Schöne Worte, mehr nicht. Wo ist denn der Frieden? So viele Menschen im Krieg! Wo sind denn die blühenden Landschaften? So viele Klima- und Dürrekatastrophen! Ist das, was Jesaja angekündigt hat und woraus Jesus lebt, wirklich das, worauf wir warten sollen? Oder müssen wir auf einen anderen warten, der Recht und Gerechtigkeit, Frieden und Heil bringt?

Was ist unsere Erwartung?

Es ist ja nicht so, als ob diese Frage des Johannes (Mt 11,3), ob wir auf einen anderen warten müssen, einem Christen von heute völlig fremd wäre. Als ob nicht jede und jeder von uns angesichts der Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen, schon einmal gezweifelt hat, inwieweit die Verheißungen Jesu von Frieden und vom anbrechenden Reich Gottes Wirklichkeit sind. Oder ob das nicht alles einfach eine billige Ver-Tröstung ist?

Noch vor einigen Tagen hat mir z.B. eine Erzieherin aus einer Kindertagesstätte hier in Hamburg von den katastrophalen Zuständen in der Betreuung der Kleinsten erzählt, von Personalmangel, von verantwortungslosen Eltern, von verwahrlosten Kindern, von Hass und Gewalt. Und nicht zuletzt von dem riesigen Einfluss der Medien, schon im Kindergartenalter. Und jeder kennt Geschichten aus seinem Alltag und könnte sie erzählen, wo so viel schief und krumm ist.

Ja, es braucht Geduld und die Bereitschaft Leid als Leid wahrzunehmen, um in diesen Situationen nicht zu verzweifeln! Dazu ermutigen uns die Texte der heutigen Lesungen.

So hören wir heute im Brief des Jakobus: „Haltet geduldig aus!“ – „Macht eure Herzen stark!“ – „Klagt nicht übereinander!“ – „Brüder und Schwestern, im Leiden und in der Geduld, nehmt euch die Propheten zum Vorbild, die im Namen des Herrn gesprochen haben!“ (Jak 5)

Da ist er wieder, der Rat, das Prophetische in uns zu entdecken! Denn das meint doch wohl die Aussage, uns die Propheten als Vorbild zu nehmen, oder nicht?

Die prophetische Gabe entdecken

Was ist ein Prophet? Noch einmal: Propheten sehen, was ist! Sie sehen nicht nur das, was alle sehen, das Entmutigende, das Unheil. Sie klagen nicht nur die Ungerechtigkeit und die Sünde an! Sie sehen auch in alldem die Zeichen von Rettung und Erlösung. Sie sehen Zeichen von Frieden, sie sehen den jungen, kleinen Trieb am Baumstumpf. Sie sehen den Regen, der kommt, sie sehen die Zeichen einer wunderbaren Heilung.

In der vergangenen Woche, am Donnerstag in der Frühmesse, hat eine offensichtlich psychisch stark belastete Frau zum ersten Mal die Lesung übernommen. Und wie sie die Worte des Propheten Jesaja gelesen hat, sind wir alle berührt worden. Das ist für mich ein Zeichen gewesen in dieser Woche.

Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Stumme sprechen. Bin ich bereit, wie die Propheten, auf die Zeichen zu schauen? Traue ich Gott überhaupt zu, dass die Zeichen, die im Namen Jesu geschehen, für mich eine Bedeutung haben? Dass Jesus in unserem Leben Heil und Heilung schenken kann und dass ich mich öffnen kann für seine Zeichen?

Tja, das ist so eine Sache mit der Offenheit und der Erwartung. Erwarten wir eigentlich noch wirklich etwas? Brauchen wir ein Erwartungsmanagement? Wie geht das denn, die Erwartungen erneuern? Und das prophetische, in eigenem Leben entdecken?

Ignatius von Loyola hat dafür eine Haltung oder Einstellung beschrieben, die grundlegend ist in jedem geistlichen Leben, egal, ob man große oder kleine Entscheidungen zu treffen hat. Es ist die Haltung der Gleichmütigkeit, er nennt sie Indifferenz. Das ist keine Gleichgültigkeit und Resignation („es ist eh alles egal!“), sondern eine mutige und zugleich offene, eben erwartungsvolle Haltung, bei der Gottes wirken und mein Mitwirken zusammenkommen.

Manche übersetzen in Differenz mit „engagierte Gelassenheit“. Diese engagierte Gelassenheit nimmt wahr, was ist und verzweifelt doch nicht. Sie setzt sich ein, ohne selbst alles kontrollieren zu wollen. Sie geht mutig voran und weiß, dass Gott doch immer noch andere Wege hat, unser heil zu wirken. Sie ist geduldig und nimmt sich ein Vorbild an den Propheten, von denen Johannes der größte war, weil er Jesus kannte. Wer aber an Jesus glaubt und sein Leben mit ihm gestaltet, ist größer. Amen.

Montag, 1. Dezember 2025

Propheten


Predigt Erster Adventssonntag 2025 - Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein (Joel 3,1)

Les: Jes 2,1-5; Röm 13,11-14; Mt 24,37-44 

Wir haben die erste Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört. Jesaja lebte im achten Jahrhundert vor Christus, am Königshof von Jerusalem, und seine Verkündigung enthielt eine eine politische Botschaft. Besonders bekannt und von großer Bedeutung sind seine messianischen Weissagungen geworden.

1/ Was ist das eigentlich ein Prophet? Haben Sie schon mal einen Propheten getroffen?

Ein Prophet sagt, was ist. Prophetie ist keine Wahrsagerei! Der Prophet schaut nicht in die Glaskugel und sagt die Zukunft voraus, sondern er schaut auf die Gegenwart. Er offenbart, was andere nicht sehen. Er sagt Weisheit. Er sieht in dem, was ist eine andere Dimension.

Propheten verkünden, was sie von Gott erfahren haben. Wenn sie verkünden, was nicht von Gott ist, sind es falsche Propheten.

Propheten sind von Gott berufen, berufene Rufer (Alfons Deisler). Sie rufen zur Umkehr auf, zu Gerechtigkeit, zum Widerspruch gegen die Sünde. Jesaja verkündet die nahende Gerechtigkeit und das nahende Heil. Das bedeutet, seine Botschaft ist auf die Zukunft ausgerichtet, aber er sagt das, was heute schon am Kommen ist. Propheten sagen das „Heute Gottes“ (Jon Sobrino)

2/ Was verkündet ein Prophet?

Jesaja verkündet eine Vision, das, was er „über Juda und Jerusalem geschaut hat.“ Nämlich: die Wallfahrt der Völker nach Jerusalem, zum Berg Zion, zum Tempel.

Die Nationen, d.h. die fremden Völker, sind eingeladen und nehmen Teil am Projekt Gottes mit seinem Volk. Diese Wallfahrt öffnet einen Weg zum Frieden. Die Nationen bilden die „Vereinten Nationen“, mit Gott in der Mitte. Die vielen Völker und das eine Volk Israel und sie leben in Frieden miteinander.

Diese Vision bildet den Rahmen des gesamten Jesaja-Buchs. Und sie klingt in jeder heiligen Messe an, wenn der Priester im Hochgebet über den Kelch spricht: „mein Blut, das für euch und für alle vergossen wurde“. Gemeint ist hier „für euch“, d.h. für das Volk Israel und „für alle“, d.h. für die anderen Völker, die Nationen.

Die Völker verwandeln ihre Waffen in Landgeräte. Schwerter zu Pflugscharen. Lanzen zu Winzermessern. Sie erfüllen damit eigentlich, was von Anfang an als Aufgabe der Menschen vorgesehen war: die Erde zu bauen und sie fruchtbar zu machen.

3/ Was sagt uns das?

Der Prophet ruft zur Wachsamkeit auf. Indem er verdeutlicht, wie in der gegenwärtigen Krise und Ungerechtigkeit eine Verheißung Gottes geschieht, wie die Gerechtigkeit Gottes schon im Kommen ist, d.h. nahe bevorsteht, ruft er auf, die Tiefendimension der Wirklichkeit wahrzunehmen.

Es gibt Krieg und Unfrieden? Ja, das stimmt! Aber es gibt auch das heilvolle und heilbringende Wirken Gottes, der uns jetzt schon entgegenkommt. Seht ihr es nicht?

In gleicher Weise tritt auch Jesus uns heute im Evangelium als Prophet entgegen.

Gegenüber jenen, die essen und trinken und heiraten wie in den Tagen des Noah ruft er zu Wachsamkeit. Und das nicht, weil essen und trinken und heiraten schlecht sind, sondern weil diese Menschen in der Generation des Noah nichts anderes kannten, als essen und trinken und heiraten. Er ruft zur Wachsamkeit und Achtsamkeit. Er mahnt die Jünger so zu leben, dass sie zugleich mit ihrem essen und trinken und heiraten mit der Wiederkunft des Menschensohnes rechnen. Dass sie in allem, was ist, eine tiefere, geistliche Dimension erkennen, eine unscheinbare Bewegung, die nur der sieht, der wirklich wach ist und darauf achtet.

Jesus tritt uns heute als Prophet entgegen, und er lädt uns ein, unsere prophetische Gabe zu entdecken, d.h. wach zu sein, für den Frieden und für die Gerechtigkeit einzustehen und den Verheißungen Gottes zu trauen und entsprechend zu leben.

In unserer Taufe sind wir mit Christus zu Priestern, Königen und Propheten, zu Priesterinnen, Königinnen und Prophetinnen gesalbt worden. Mögen wir diese Berufung leben! Amen.

 Bild: By 18 century icon painter - Iconostasis of Transfiguration church, Kizhi monastery, Karelia, Russia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3235458