Freitag, 26. Dezember 2025

Licht im Dunkeln

Sonnenuntergang in Hamburg, 24.12.2025

2025 Predigt Weihnachten, Hamburg | Manresa

Les: Jes 52, 7–10; Hebr 1, 1–6; Joh 1,1-18

Das Weihnachtsfest ist ein Lichterfest. Mitten in der dunklen Jahreszeit entzünden wir Kerzen. Wenn die Nacht am längsten ist, schmücken wir den Weihnachtsbaum mit Lichtern, selbst die Einkaufsstraßen erstrahlen in hellem Glanz. Mag sich man sich über ein kommerzialisiertes Fest ärgern, aber dieser Lichterglanz trifft doch bei uns offenbar auf eine sehr tiefe Sehnsucht, auch bei den Menschen, die nicht glauben: Licht, das die Dunkelheit erleuchtet.

Heute gibt es elektrisches Licht überall und zu jeder Zeit; wir brauchen eigentlich keine natürlichen Lichtquellen mehr. Doch das Licht verliert nicht seine Faszination: Ein Sonnenaufgang, ein heller Tag, das Strahlen des Mondes – wie schön ist das! Im neuen Einkaufszentrum in der Hafencity wurde der „Port de lumière“ eröffnet, ein Museum nur aus Licht. Und die modernen Fernsehsendungen und Konzerte, die wir in diesen Tagen anschauen, wären und ohne eine ausgeklügelte Lichttechnik überhaupt nicht mehr zu denken.

Die Römer feierten seit Kaiser Aurelian, d.h. seit dem dritten Jahrhundert nach Christus, zur Wintersonnenwende ein Fest zu Ehren des Sonnengottes „sol invictus“. Es war ein Lichterfest mit öffentlichen Feiern und Spielen. Die Sonne als Licht des Himmels wurde durch einen öffentlichen Kult geehrt. Dies verband sich mit einer Spiritualität, dem Mithras Kult, der angeblich aus Persien stammen sollte. Ein bisschen Exotik reizte religiöse Menschen immer schon.

Die Christen waren anfangs gegen diese Lichtfeste; sie befürchteten eine Verwechslung von Gott und den Götzen. Aber mit der öffentlichen Anerkennung des Christentums und der Kaiser Konstantin verwandelte sich die christliche Ablehnung der römischen Festkultur. Das Lichterfest wurde christianisiert, d.h. übernommen und umgedeutet - und schließlich als ein hohes christliches Fest beansprucht, als das Fest der Geburt Christi.

Denn das Licht zu feiern, war den Christen nicht fremd: Die Christen konnten sich darauf berufen, dass Christus in den biblischen Texten als „das wahre Licht“ (Joh 1,9), bzw. als „die Sonne der Gerechtigkeit“ (vgl. Mal 3,20) bezeichnet wird und dass „das aufstrahlende Licht aus der Höhe“ gekommen ist, „um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lk 1, 78-79), - so heißt es im Benediktus, im Lobgesang des Zacharias über die Geburt Jesu.

Und in seiner Nachfolge werden auch die Christen zu Licht: „Die Gerechten werden im Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne.“ (Mt 13, 43)

Seit dem vierten Jahrhundert wird also das Lichterfest an Weihnachten als das Fest Geburt Jesu gefeiert. Man könnte auch sagen: Deshalb feiern wir Weihnachten im Winter. Spannend ist nun, dass diese Übernahme des Lichtfestes genau zu jener Zeit geschah, als über die Bedeutung und das Wesen von Jesus Christus in der Kirche erbittert gestritten wurde. Es wurde damals in langen philosophischen und theologischen Diskussionen darüber gestritten, wer Jesus Christus eigentlich sei: War er ein Mensch? War er ein Gott? War er ein Gott in menschlicher Gestalt? War er ein Sohn von Gott? Und wenn ja, ein Sohn in dem Sinne, wie wir alle Kinder Gottes sind, oder doch auf besondere Weise?

Was bedeutet Inkarnation bzw. Fleischwerdung? Wir glauben, dass Gott uns in Jesus Christus nahegekommen ist, dass er Mensch wurde. Ist damit verbunden, dass Jesus Christus schon vorher existierte und quasi mit seiner Geburt nur auf diese Erde kam? Oder hat Gott, der Ewige, diesen Menschen erst später als Sohn angenommen, also quasi adoptiert?

Ich weiß nicht, ob sie sich über diese Fragen schon einmal Gedanken gemacht haben. Aber zu Beginn des vierten Jahrhunderts wurde darüber im ganzen Reich gesprochen. Das war ein Thema für jeden Bischof und für jede Gemeinde. Man erzählte sich, dass sogar die Marktfrauen über diese Themen diskutierten. Es gab Reimverse, um die unterschiedlichen theologischen Positionen deutlich zu machen. Die Arianer, d.h. die Theologen, die die Position des Arius vertraten, hatten zum Beispiel gedichtet: ν ποτε τε οκ ν – auf Deutsch: es gab eine Zeit, wo er nicht war.

Kaiser Konstantin meinte, es sei zu viel der Diskussion, die Einheit der Kirche und die Einheit des Reiches sei gefährdet. Und so berief er 325 die Bischöfe nach Nizäa; sie sollten ein Glaubensbekenntnis formulieren. Das war vor nun genau 1700 Jahren.

Die Position der Arianer wurde am Ende verurteilt. Das bedeutet: Die Aussage „es gab eine Zeit, wo er nicht war“ wird als falsch abgelehnt. So steht es geschrieben: Gottes Sohn ist von Ewigkeit her.

Die Auseinandersetzungen hätten schlecht ausgehen können für das Christentum, wenn man nur bei philosophischen und theologischen Streitfragen und Argumenten geblieben wäre. Argumente sind wichtig für den Glauben, aber es braucht auch immer wieder die Rückbesinnung auf die Überlieferung und darauf, dass am Ende nicht alles vollständig in philosophischen Begriffen ausgesagt werden kann. So wie Johannes in seinem Evangelium poetisch formuliert und ganz in Anlehnung an die Sprache der Bibel:

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1, 1-5)

Deshalb fanden die Bischöfe Gott sei Dank auf dem Konzil ein Glaubensbekenntnis, dass auch poetische Sprache verwendet, um das Wesen Christi zu beschreiben. „Licht vom Licht“. Das ist ein Bildwort, dass jedem sofort einleuchtet. Wer schon einmal das Licht einer Kerze weitergegeben hat, weiß, was es bedeutet: „Licht vom Licht“.

Biblische Sprache kennt immer schon poetische Formulierungen. In den Psalmen heißt es zum Beispiel: „In deinem Licht schauen wir das Licht.“ (Psalm 36,10). Wir können an den Sonnenaufgang denken. Das Sonnenlicht hilft uns, etwas zu sehen und zugleich sehen wir die Sonne selbst.

Wie oft bitte ich Gott, um sein Licht um die Dinge meines Lebens neu zu sehen. Und manchmal erkenne ich dann in diesem Licht, mit dem Vertrauen auf seine liebende Barmherzigkeit, auch sein Leben in meinem Leben, seine Gegenwart in meiner Gegenwart und in meinem Alltag., Sein Wirken als das Licht meines Lebens.

Dieses Licht kommt heute in unsere Welt. Es strahlt in unsere Dunkelheit. Das bedeutet: die Dunkelheit, die Sünde der Welt wird vernichtet. Der Retter wird da sein, und uns wird Vergebung schenken. Er richtet uns auf durch seine tröstliche Ankunft. Amen.

Montag, 22. Dezember 2025

Zeichen

 

Imagen de San José dormido. | Crédito: Jeffrey Pioquinto SJ / CC BY 2.0

Predigt Vierter Adventssonntag 2025 – Zeichen

Les: Jes 7, 10–14; Röm 1, 1–7; Mt 1, 18–24

Vor zwölf Jahren, im Februar 2013, wurde Jorge Bergoglio in einer dramatischen Situation der Kirche zum Papst gewählt: Der Vorgänger war zurückgetreten! Die Wahl fand wenige Tage vor dem Fest des heiligen Josef statt. Reiner Zufall? Er wurde am Fest des heiligen Josef eingesetzt. Für Papst Franziskus war es kein Zufall. Er sah darin ein Zeichen. Der heilige Josef sollte das Vorbild für seine Weise der Amtsführung sein: Der aufmerksam sorgende Beschützer, der stille Begleiter, und vor allem auch: der Träumer!

Papst Franziskus erzählte manches Mal, dass auf seinem Schreibtisch die Figur des heiligen Josef zu finden sei, der schlafende Josef, hingestreckt, noch die Sandalen an den Füßen, nur ein Bündel als Kopfkissen, mit einem Mantel bedeckt. Er schiebe ihm manches Gebetsanliegen unter, so sagte er oft.

Der Glaube braucht Zeichen, Signale einer lebendigen Beziehung! So wie es in einer Freundschaft immer mal wieder kleine Zeichen der Aufmerksamkeit braucht, der andere oder die andere sieht mich, ich selbst bin gemeint!

Zeichen oder manche sagen auch Wunder: „An Wundern scheiden sich die Geister. Manche wollen sie überall sehen, andere nirgendwo. Die Bandbreite der menschlichen Erfahrung oder nicht Erfahrung ist groß.“ (Vorwort, Jesuiten 4/2025). Und von Zeichen und Wundern ist eben auch heute in den biblischen Texten die Rede.

Die Lesung aus dem Buch der Propheten Jesaja erinnert an eine konkrete, historische Situation im Jahr 734 v. Chr. Das Königreich Juda ist bedroht, weil König Ahas, der König von Juda, eine unheilvolle Allianz mit dem König von Assur eingehen wollte, gegen die Nachbarn, die Königreiche Syrien und Israel. Trotz der Warnung des Propheten Jesaja geht Ahas diese Allianz ein. So kommt es zum Krieg, den Ahas zwar gewinnt; dafür wird Juda aber für lange Zeit zum Vasallen des assyrischen Reiches.

Es geht also gerade um die Frage, ob König Ahas auf Gott vertrauen will, oder ob er lieber mit dem mächtigen Assyrer gemeinsame Sache machen will, um zu gewinnen. Von dieser Entscheidung steht der König und der Prophet erzählt, dass Gott dem König in dieser Situation gesagt habe, er solle um ein Zeichen bitten. Nach dem Motto: wenn du schon nicht aus dir selbst heraus auf Gott und seine Hilfe für dein Volk vertrauen kannst, dann bitte doch um einen Hinweis darauf, dass sich dieses Vertrauen lohnt. Erbitte dir ein Zeichen!

Doch Ahas ist neunmalklug und sagt: ich werde um nichts bitten und den Herrn nicht versuchen. Er zitiert dabei die Bibel gegen Gott. Denn es steht im Gesetz des Moses ja tatsächlich: „Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht auf die Probe stellen!“ (vgl. Mt 4,7; vgl. Dtn 6,16.) Aber darum geht es ja gar nicht darum, Gott auf die Probe zu stellen. Die Bitte um ein Zeichen ist keine Versuchung Gottes, sondern eben eine Bitte. Doch Ahas will nicht verstehen (Jes 7,12).

Die Antwort und die Klage des Propheten sind deutlich. „Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass sie auch noch meinen Gott ermüdet?“ (Jes 7,13) Das politische Herumgeeiere, die Anbiederung an die Mächtigen, das mangelnde Vertrauen ermüdet die Menschen.

Ja, es ermüdet die Menschen, wenn es keine Orientierung an Gott und seinen Geboten mehr gibt; wenn alle meinen, dass sie ihr Leben nur sich selbst verdanken und sich in jedem Moment ihre eigene Identität selbst geben müssen. Es ermüdet die Menschen, wenn die Regierenden nicht integer sind, sondern an ihre eigene Macht denken. Es ermüdet die Menschen, wenn das Wort „Gott“ zwar im Munde geführt wird, aber das eigene Ego im Zentrum steht.

Und es ermüdet Gott, so der Prophet, wenn dann das mangelnde Vertrauen auf Gott auch noch mit Besserwisserei gegenüber Gott einhergeht; wenn sein Angebot für die Bitte um ein Zeichen abgelehnt wird. Ob unsere Gesellschaft vielleicht deshalb so müde geworden ist, weil wir Gott möglichst aus unserem Leben heraushalten wollen?

Nun, Gott lässt sich nicht einfach kaltstellen, aber er zwingt die Menschen auch nicht, sondern: er gibt ein Zeichen. Hallo Mensch, bist du noch da? Bist du offen für meine Weisung?

Das Zeichen ist das Kind der Jungfrau. „Sie wird ihm den Namen Immanuel geben.“ (Jes 7,14). Historisch gesehen, wurde diese Verheißung auf eine der Frau des Ahas bezogen, die ein Kind bekam und ihm den Namen Hiskija gab. König Hiskija regierte das Land weise, weil er tatsächlich, anders als König Ahas, auf Gott vertraute, d.h. Gott nicht in seinem Leben außenvor ließ.

Matthäus deutet die Verheißung des Propheten Jesaja im Blick auf die Geburt Jesu. Josef hört sie im Traum, diese Weissagung aus einer anderen Zeit.

In dieser Situation ist es genauso wie damals: Gott zwingt Josef nicht, sondern er ermutigt ihm. „Fürchte dich nicht!“. Trau dich. Gott gibt ihm ein Zeichen, dass er auf die Beziehung zu Gott vertrauen kann, egal, was passiert.

Und es ist ziemlich viel passiert, dem armen Josef. Seine junge Verlobte erwartet ein Kind, aber er weiß sicher, dass es nicht von ihm ist. Ehebruch noch vor der Hochzeitsnacht, eine ziemlich beschämende Situation für beide. Doch Josef war gerecht, d.h. er achtete das Gesetz und konnte den Ehebruch nicht einfach akzeptieren. Doch er wollte Maria auch nicht bloßstellen, denn er war menschlich, gütig. So blieb ihm scheinbar nur eine Wahl, nämlich sich in aller Stille von ihr zu trennen.

Und da kommt dieser Traum ins Spiel, eben dieses Zeichen in seinem Leben. Er vertraut Gott, und er vertraut dem Zeichen, dass eben dieses Kind etwas ganz Besonderes ist, vom Heiligen Geist, der Erlöser von Sünde, der Retter für das Volk.

So ein Vertrauen auf Gott macht nicht müde, im Gegenteil ist belebt, es lässt Josef wach werden und für Maria sorgen und für das Kind die Rolle des Vaters, des Beschützers, des liebenden und oft stillen Begleiters übernehmen. So wird Josef selbst zum Zeichen.

Auf Gott vertrauen, auf Jesus Christus als den „Gott mit uns“ vertrauen, das macht uns nicht müde, sondern im Gegenteil, wach und achtsam. Erfüllt uns mit Freude und Dankbarkeit. Es macht uns mutig und lässt uns weitergehen.

Also: Schaut auf die Zeichen! Die Zeichen, die von Gott kommen in eurem Leben und schaut auf die Menschen, die zum Zeichen werden, weil sie ihr Vertrauen auf Gott setzen und von Gott geliebt sind. Schaut Jesus Christus, der uns hier und heute das Zeichen seiner Gegenwart schenkt in der Eucharistie.

Montag, 15. Dezember 2025

Erwartungsmanagement?


2025 Predigt Dritter Adventssonntag A | Hamburg, Manresa

Les: Jes 35, 1–6b.10; Jak 5, 7–10; Mt 11, 2–11

Am ersten Adventssonntag hörten wir die Einladung Jesu, unsere prophetische Gabe zu entdecken: Sehen, was ist! Vor dem Hintergrund der Vision des Jesaja von der Wallfahrt der Völker und vom Frieden (Jes 2,1-5) mahnte Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zu Achtsamkeit und Wachsamkeit: „Haltet euch bereit!“ (Mt 24,44). Ich habe darauf hingewiesen, dass Propheten keine Wahrsager sind, sondern dass sie auf die Gegenwart schauen und darin die Zeichen des heilsamen Handelns Gottes erkennen.

Am zweiten Adventssonntag hörten wir eine weitere große Vision des Propheten Jesaja: der junge Trieb aus der Wurzel, ein König, der die Fülle der Geistesgaben empfängt und der Welt den Frieden bringt. „Er entscheidet für die Armen, wie es recht ist.“ (Jes 11,4).

Und nun heute eine dritte, große Vision des Jesaja: Von der blühenden Wüste, so fruchtbar wie der Libanon und die Ebene Sharon. Rettung wird verheißen und Heilung und Heimkehr. Für diese Rettung und Befreiung gibt es deutliche, untrügliche Zeichen: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Stumme sprechen. Das gibt es doch gar nicht!? Doch! Das sind die Kriterien der neuen, messianischen Zeit!

Nun mag mancher bei so vielen Visionen, bei so wunderbaren Verheißungen im Blick auf die Realität der Welt und des eigenen Lebens denken: Da wird irgendein frommes Zeugs verkündet! Schöne Worte, mehr nicht. Wo ist denn der Frieden? So viele Menschen im Krieg! Wo sind denn die blühenden Landschaften? So viele Klima- und Dürrekatastrophen! Ist das, was Jesaja angekündigt hat und woraus Jesus lebt, wirklich das, worauf wir warten sollen? Oder müssen wir auf einen anderen warten, der Recht und Gerechtigkeit, Frieden und Heil bringt?

Was ist unsere Erwartung?

Es ist ja nicht so, als ob diese Frage des Johannes (Mt 11,3), ob wir auf einen anderen warten müssen, einem Christen von heute völlig fremd wäre. Als ob nicht jede und jeder von uns angesichts der Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen, schon einmal gezweifelt hat, inwieweit die Verheißungen Jesu von Frieden und vom anbrechenden Reich Gottes Wirklichkeit sind. Oder ob das nicht alles einfach eine billige Ver-Tröstung ist?

Noch vor einigen Tagen hat mir z.B. eine Erzieherin aus einer Kindertagesstätte hier in Hamburg von den katastrophalen Zuständen in der Betreuung der Kleinsten erzählt, von Personalmangel, von verantwortungslosen Eltern, von verwahrlosten Kindern, von Hass und Gewalt. Und nicht zuletzt von dem riesigen Einfluss der Medien, schon im Kindergartenalter. Und jeder kennt Geschichten aus seinem Alltag und könnte sie erzählen, wo so viel schief und krumm ist.

Ja, es braucht Geduld und die Bereitschaft Leid als Leid wahrzunehmen, um in diesen Situationen nicht zu verzweifeln! Dazu ermutigen uns die Texte der heutigen Lesungen.

So hören wir heute im Brief des Jakobus: „Haltet geduldig aus!“ – „Macht eure Herzen stark!“ – „Klagt nicht übereinander!“ – „Brüder und Schwestern, im Leiden und in der Geduld, nehmt euch die Propheten zum Vorbild, die im Namen des Herrn gesprochen haben!“ (Jak 5)

Da ist er wieder, der Rat, das Prophetische in uns zu entdecken! Denn das meint doch wohl die Aussage, uns die Propheten als Vorbild zu nehmen, oder nicht?

Die prophetische Gabe entdecken

Was ist ein Prophet? Noch einmal: Propheten sehen, was ist! Sie sehen nicht nur das, was alle sehen, das Entmutigende, das Unheil. Sie klagen nicht nur die Ungerechtigkeit und die Sünde an! Sie sehen auch in alldem die Zeichen von Rettung und Erlösung. Sie sehen Zeichen von Frieden, sie sehen den jungen, kleinen Trieb am Baumstumpf. Sie sehen den Regen, der kommt, sie sehen die Zeichen einer wunderbaren Heilung.

In der vergangenen Woche, am Donnerstag in der Frühmesse, hat eine offensichtlich psychisch stark belastete Frau zum ersten Mal die Lesung übernommen. Und wie sie die Worte des Propheten Jesaja gelesen hat, sind wir alle berührt worden. Das ist für mich ein Zeichen gewesen in dieser Woche.

Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Stumme sprechen. Bin ich bereit, wie die Propheten, auf die Zeichen zu schauen? Traue ich Gott überhaupt zu, dass die Zeichen, die im Namen Jesu geschehen, für mich eine Bedeutung haben? Dass Jesus in unserem Leben Heil und Heilung schenken kann und dass ich mich öffnen kann für seine Zeichen?

Tja, das ist so eine Sache mit der Offenheit und der Erwartung. Erwarten wir eigentlich noch wirklich etwas? Brauchen wir ein Erwartungsmanagement? Wie geht das denn, die Erwartungen erneuern? Und das prophetische, in eigenem Leben entdecken?

Ignatius von Loyola hat dafür eine Haltung oder Einstellung beschrieben, die grundlegend ist in jedem geistlichen Leben, egal, ob man große oder kleine Entscheidungen zu treffen hat. Es ist die Haltung der Gleichmütigkeit, er nennt sie Indifferenz. Das ist keine Gleichgültigkeit und Resignation („es ist eh alles egal!“), sondern eine mutige und zugleich offene, eben erwartungsvolle Haltung, bei der Gottes wirken und mein Mitwirken zusammenkommen.

Manche übersetzen in Differenz mit „engagierte Gelassenheit“. Diese engagierte Gelassenheit nimmt wahr, was ist und verzweifelt doch nicht. Sie setzt sich ein, ohne selbst alles kontrollieren zu wollen. Sie geht mutig voran und weiß, dass Gott doch immer noch andere Wege hat, unser heil zu wirken. Sie ist geduldig und nimmt sich ein Vorbild an den Propheten, von denen Johannes der größte war, weil er Jesus kannte. Wer aber an Jesus glaubt und sein Leben mit ihm gestaltet, ist größer. Amen.

Montag, 1. Dezember 2025

Propheten


Predigt Erster Adventssonntag 2025 - Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein (Joel 3,1)

Les: Jes 2,1-5; Röm 13,11-14; Mt 24,37-44 

Wir haben die erste Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört. Jesaja lebte im achten Jahrhundert vor Christus, am Königshof von Jerusalem, und seine Verkündigung enthielt eine eine politische Botschaft. Besonders bekannt und von großer Bedeutung sind seine messianischen Weissagungen geworden.

1/ Was ist das eigentlich ein Prophet? Haben Sie schon mal einen Propheten getroffen?

Ein Prophet sagt, was ist. Prophetie ist keine Wahrsagerei! Der Prophet schaut nicht in die Glaskugel und sagt die Zukunft voraus, sondern er schaut auf die Gegenwart. Er offenbart, was andere nicht sehen. Er sagt Weisheit. Er sieht in dem, was ist eine andere Dimension.

Propheten verkünden, was sie von Gott erfahren haben. Wenn sie verkünden, was nicht von Gott ist, sind es falsche Propheten.

Propheten sind von Gott berufen, berufene Rufer (Alfons Deisler). Sie rufen zur Umkehr auf, zu Gerechtigkeit, zum Widerspruch gegen die Sünde. Jesaja verkündet die nahende Gerechtigkeit und das nahende Heil. Das bedeutet, seine Botschaft ist auf die Zukunft ausgerichtet, aber er sagt das, was heute schon am Kommen ist. Propheten sagen das „Heute Gottes“ (Jon Sobrino)

2/ Was verkündet ein Prophet?

Jesaja verkündet eine Vision, das, was er „über Juda und Jerusalem geschaut hat.“ Nämlich: die Wallfahrt der Völker nach Jerusalem, zum Berg Zion, zum Tempel.

Die Nationen, d.h. die fremden Völker, sind eingeladen und nehmen Teil am Projekt Gottes mit seinem Volk. Diese Wallfahrt öffnet einen Weg zum Frieden. Die Nationen bilden die „Vereinten Nationen“, mit Gott in der Mitte. Die vielen Völker und das eine Volk Israel und sie leben in Frieden miteinander.

Diese Vision bildet den Rahmen des gesamten Jesaja-Buchs. Und sie klingt in jeder heiligen Messe an, wenn der Priester im Hochgebet über den Kelch spricht: „mein Blut, das für euch und für alle vergossen wurde“. Gemeint ist hier „für euch“, d.h. für das Volk Israel und „für alle“, d.h. für die anderen Völker, die Nationen.

Die Völker verwandeln ihre Waffen in Landgeräte. Schwerter zu Pflugscharen. Lanzen zu Winzermessern. Sie erfüllen damit eigentlich, was von Anfang an als Aufgabe der Menschen vorgesehen war: die Erde zu bauen und sie fruchtbar zu machen.

3/ Was sagt uns das?

Der Prophet ruft zur Wachsamkeit auf. Indem er verdeutlicht, wie in der gegenwärtigen Krise und Ungerechtigkeit eine Verheißung Gottes geschieht, wie die Gerechtigkeit Gottes schon im Kommen ist, d.h. nahe bevorsteht, ruft er auf, die Tiefendimension der Wirklichkeit wahrzunehmen.

Es gibt Krieg und Unfrieden? Ja, das stimmt! Aber es gibt auch das heilvolle und heilbringende Wirken Gottes, der uns jetzt schon entgegenkommt. Seht ihr es nicht?

In gleicher Weise tritt auch Jesus uns heute im Evangelium als Prophet entgegen.

Gegenüber jenen, die essen und trinken und heiraten wie in den Tagen des Noah ruft er zu Wachsamkeit. Und das nicht, weil essen und trinken und heiraten schlecht sind, sondern weil diese Menschen in der Generation des Noah nichts anderes kannten, als essen und trinken und heiraten. Er ruft zur Wachsamkeit und Achtsamkeit. Er mahnt die Jünger so zu leben, dass sie zugleich mit ihrem essen und trinken und heiraten mit der Wiederkunft des Menschensohnes rechnen. Dass sie in allem, was ist, eine tiefere, geistliche Dimension erkennen, eine unscheinbare Bewegung, die nur der sieht, der wirklich wach ist und darauf achtet.

Jesus tritt uns heute als Prophet entgegen, und er lädt uns ein, unsere prophetische Gabe zu entdecken, d.h. wach zu sein, für den Frieden und für die Gerechtigkeit einzustehen und den Verheißungen Gottes zu trauen und entsprechend zu leben.

In unserer Taufe sind wir mit Christus zu Priestern, Königen und Propheten, zu Priesterinnen, Königinnen und Prophetinnen gesalbt worden. Mögen wir diese Berufung leben! Amen.

 Bild: By 18 century icon painter - Iconostasis of Transfiguration church, Kizhi monastery, Karelia, Russia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3235458


Montag, 10. November 2025

Gottesdienst in der Lateranbasilika

Chwalek/v. Hauff / Erzbistum Hamburg

Predigt am Weihetag der Lateranbasilika (9. 11.25): Heilige Orte

Les: Ez 47,1-2.8-9.12; 1Kor 3,9c-11.16-17; Joh 2,13.22

Ende Oktober waren wir mit der GCL in Rom, als Teil der großen Wallfahrt des Erzbistums Hamburg im Heiligen Jahr 2025. Es waren über 500 Erwachsene aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg in die Hauptstadt des christlichen Abendlandes gereist. Dazu 150 Jugendliche und junge Erwachsene. Zum Abschluss der Wallfahrt feierten wir gemeinsam die Heilige Messe in der Lateran-Basilika.

Die Kirche „San Giovanni in Laterano“, dem Allerheiligsten Erlöser geweiht, ist die älteste und wichtigste päpstliche Basilika in Rom. Sie gilt als Mutter und Haupt aller Kirchen. Sie wurde 324, also vor nun 1700 Jahren von Papst Silvester I. eingeweiht. Wir feiern heute ihren Weihetag. 

Die Kirche liegt im Innenstadtbereich an der südöstlichen Seite, nahe der alten Stadtmauer Roms. Ihren Namen erhielt sie von den Stadtpalästen der römischen Adelsfamilie, der Lateran, die sich bis ins vierte Jahrhundert in der Nähe befanden. Nachdem Sieg über Maxentius an der Milvischen Brücke schenkte Kaiser Konstantin als Dank an Gott der römischen Gemeinde ein großes Grundstück, auf dem sich eine Kaserne der kaiserlichen Garde Truppe befand. Er finanzierte zudem den Bau einer Kirche für den Bischof von Rom. 

Sie war von Anfang an groß und großartig: 100 m lang, 55 m breit, im Mittelschiff 16 rote Granitsäulen, dazu jeweils zwei Seitenschiffe, das alles im Stil einer antiken königlichen Versammlungshalle. Sie wurde nach nur drei Jahren Bauzeit eingeweiht. Ihr Baustil wurde bestimmend für alle weiteren christlichen Kultbauten. Unmittelbar angrenzend steht seit dem fünften Jahrhundert ein Baptisterium, d.h. ein eigenes Gebäude für die Taufe von Erwachsenen (und dann zunehmend auch von Kindern). 

Die Kirche wurde mehrfach umgebaut, doch die grundlegende Gestalt lässt sich bis heute bewundern. Es gab von Anfang an große Fenster oben im Mittelschiff, soviel ein indirektes, helles Licht in den prächtig geschmückten Festsaal. Der Außenbau war schmucklos, aber innen waren die Säulen aus rotem Granit, grünem und weißen Marmor. Auch der Fußboden und die Wände waren mit buntem Marmor verkleidet. Im oberen Teil gab es Wandbilder mit biblischen Szenen, Statuen der Apostel und der Engel, vergoldete Holzbalken, eine vergoldete Kassettendecke, in der Apsis ein großes Mosaik.

Die Basilika bot den Monumentalrahmen für eine feierliche Liturgie, die sich in Anlehnung an Formen staatlicher und kaiserlicher Repräsentanz bildete. Mich erfüllt es mit Staunen, wenn ich in diese Kirche komme. Dort werden die wichtigsten Reliquien verehrt: die Häupter der Apostel Petrus und Paulus. Dort residierten vom 4. bis 14. Jahrhundert, also 1000 Jahre lang, die Päpste, bis sie dann zum Petersdom zogen. Dort fanden wichtige Konzilien statt. Dort haben wir ergreifenden Gottesdienst gefeiert mit den Menschen dem Erzbistum Hamburg, zum Abschluss der Wallfahrt.

Doch inwiefern ist dieser Raum heilig? Was bewundern wir und ehren wir? Das Gebäude? Die Menschen? Die Feier? Das, was in mir drin geschieht?

Kirchen sind heraus gehobene Orte, sie sind Freiräume des Gebets und der Nähe Gottes. In gewisser Weise sind sie heilige Orte. Sie unterscheiden Sie sich von der Welt, sie sind sakrale Räume, abgegrenzt vom Profanen. Da latscht nicht jeder einfach so durch den Altarraum. Doch inwiefern sind Kirchen heilige Orte? Inwiefern ist die Lateranbasilika, deren Weihetag wir heute feiern, ein heiliger Ort? 

Kirchen sind keine Tempel! Ein Tempel ist eine Kultstätte, ein abgegrenzter, heiliger Raum, der nur bestimmten Personen vorbehalten ist.

Im Judentum gab es nur einen Tempel, und zwar in Jerusalem. Dort wurde das Allerheiligste aufbewahrt, zudem nur die Priester und nur einmal im Jahr Zugang hatten, dort war die Gegenwart Gottes, dort wurden die Opfer dargebracht. 

Der Prophet Ezechiel sieht in einer Vision den Tempel als heiligen Ort der Gegenwart Gottes. Er kritisiert das Verhalten der Könige Israels, die Unzucht betrieben, d.h. falschen Götzen anhingen. Er sieht deshalb in einer Vision einen neuen Tempel, der nicht mehr neben dem Königspalast steht, sondern auf dem Tempelberg. In ihm zieht die Herrlichkeit Gottes ein. Er bekommt genaue Angaben für den Bau des Tempels, und verkündet: Gott wird für immer dort wohnen. 

Aus diesem Tempel, von der Tempelquelle auf dem Tempelberg, wird dann Wasser fließen, so haben wir es in der Lesung gehört (Ezechiel 47). Es fließt nach Osten und Süden, d.h. in die Wüste hinein. Es fließt in die Araber hinab, d.h. in das Jordantal, und es macht das Tote Meer gesund und heil.

„Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können. Und sehr viele Fische wird es dort geben. Weil dieses Wasser dorthin kommt, werden sie gesund. Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“ (Ez 47, 9) Vom Tempel geht Leben aus.

Jesus hat nicht nur den Missbrauch des Tempels in Jerusalem kritisiert, er hat nicht nur die Händler und Geldwechsler vertrieben. Er hat auch den Tempel als Institution kritisiert. Wenn wir im Johannes-Evangelium lesen: „Er meinte den Tempel seines Leibes.“ (Johannes 2,21), dann ist darin eine sehr grundsätzliche Tempelkritik offenkundig. Auch wenn er selbst zum Tempel ging: Jesus sieht die Gegenwart Gottes in seinem eigenen Leben. Sein Leben ist heilig, von Gottes Liebe erfüllt.

Die Christen glauben: seine Hingabe am Kreuz hat die Opfer des Tempels ein für alle Mal erfüllt. Er hat uns den Weg zu Gott eröffnet. Als er starb, riss der Vorhang des Tempels entzwei. Von nun an braucht es keinen Tempel mehr! Denn Gottes Tempel ist Jesus Christus, und in seiner Nachfolge sind es alle Christen. 

So kann Paulus schreiben: „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Kor3, 16)

Die Kirche, also die Gemeinschaft der Glaubenden, die zum Herrn gehören (kyriake), die Herausgerufen sind, die heilige Versammlung (ekklesia), sie sind der Tempel Gottes! Nicht die Kirche als Bau ist der Tempel, sondern die Menschen!

Bedeutet das nun, dass es keine heiligen Orte ergeben soll, dass wir keine Kirchen als Orte mehr brauchen, dass es nur funktionale Versammlungsraum geben soll, wie wir es bei den Freikirchen sehen?

Das würde bedeuten, dass Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn es hilft uns Menschen, es hilft der Gemeinschaft der Kirche, sich ihrer heiligen Berufung zu erinnern, wenn wir uns in heiligen Räumen versammeln. Es hilft uns, im Leben Raum für Gott zu schaffen, wenn es einen Ort gibt, der für den Gottesdienst reserviert ist. Es hilft uns Menschen, uns an unsere ursprüngliche Heiligkeit zu erinnern. Es hilft uns, die Schönheit des Lebens zu feiern, Gott zu danken und ihn zu loben

Dom kommt vom lateinischen „domus“. Das bedeutet Haus. Es ist das Haus Gottes. Eigentlich braucht Gott ein solches Haus nicht, um bei uns Menschen zu sein, um mitten unter uns zu wohnen, aber es tut uns gut, einen solchen Ort zu haben, wo wir ihm nahekommen können. Die vielen Gotteshäuser inmitten unserer Welt erinnern uns an den Namen Gottes: „Ich bin da“ - ich bin mit euch und für euch da!

Vor einer Woche ging ein Lied aus Hamburg viral, das mit einem Video aus dem Miniatur Wunderland pfiffig inszeniert wurde: Bildschirm-Blick.

«Ich scroll' durch mein Leben, verpasse den Tag. Meine Freunde im Kreis, doch jeder starrt ins Glas. Wir posten Gefühle mit Filter und Glanz. Doch reden? Digga, keine Chance!». 

Kirchen erinnern uns daran, den Blick zu heben. Wie ein Zeigefinger steht der Kirchturm und weist auf den Himmel hin. Wie ein Vorgeschmack auf den Himmel ist die Schönheit mancher Kirchen. 


Sonntag, 5. Oktober 2025

Hochstapler?


Predigt 27C (ursprünglich französisch), Hamburg 2025

Les: Hab 1, 2–3; 2, 2–4; 2 Tim 1, 6–8.13–14; Lk 17, 5–10

Kennen Sie das Imposter-Syndrom? Ich hoffe, Sie kennen es nicht! Menschen, die unter dem Imposter-Syndrom leiden, zweifeln an den eigenen Fähigkeiten und der eigenen Leistung.

Diese Menschen leben oft in einer höheren sozialen Schicht, sie sind erfolgreich, aber sie sind überhaupt nicht zufrieden, sie sind nicht glücklich oder dankbar für ihren Erfolg, weil sie tief im Herzen glauben, dass der Erfolg nicht echt ist.

Sie lehnen daher mehr oder weniger systematisch das Verdienst ihrer Arbeit ab und schreiben den Erfolg ihrer Unternehmungen äußeren Faktoren zu, wie Glück, Beziehungen oder besonderen Umständen.

In manchen Fällen kann eine betroffene Person sich sogar als eine Art Betrüger oder Hochstapler sehen, der seine Kollegen, Freunde und Vorgesetzten täuscht und erwartet, eines Tages entlarvt zu werden.

Die Psychologie gibt Tipps, um Selbstzweifel abzubauen (vgl. Barmer)

  • Erfolge und Fähigkeiten schriftlich festhalten
  • Herausforderungen trotz der Ängste annehmen
  • mit anderen reden und andere Meinungen einholen
  • Komplimente annehmen und einfach mal „Danke“ sagen

Das ist sicherlich sinnvoll als erste Hilfe. Doch Woher kommt dieser Zweifel? Warum fällt es Menschen so schwer, die Selbstwahrnehmung mit der Wahrnehmung anderer zu vereinbaren?

Es handelt sich um ein komplexes Phänomen und es mag viele Ursachen geben, aber ich denke, die Wurzel des Problems liegt darin, zu akzeptieren, ein Mensch zu sein und nicht Gott. Ich bin ein Mensch, mit meinen Talenten und Stärken, meinen Schwächen und Fehlern. Indem ich akzeptiere, dass Gott Gott ist, kann ich als Mensch leben.

Ich muss nicht ständig gelobt werden, denn ich lebe nicht von der Anerkennung anderer. Ich lebe, weil Gott es gewollt hat und weil er mich liebt. Ich habe eine unveräußerliche Würde als Kind Gottes, egal ob ich Erfolg habe oder nicht. Ich muss keine Angst haben, Fehler zu machen, denn Gott kommt mir entgegen und vergibt mir immer, wenn ich mich ihm zuwende. Er zeigt mir den Weg. Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Ja, unser Selbstvertrauen und unser Glaube an diese Liebe Gottes sind manchmal sehr schwach. Und dann können wir mit den Aposteln bitten: „Stärke unseren Glauben!“ (vgl. Lk 17,5) Es wird wichtig sein, anzuerkennen, dass wir Diener sind, wir müssen unsere Aufgaben erfüllen. Wir sind nicht die Herren der Welt oder der Menschen.

Für mich ist das Beispiel dieser demütigen Liebe der heilige Franziskus von Assisi, der am 3. Oktober 1226 gestorben ist. Er lebte „die Weisheit eines Armen“ (vgl. Buch von Eligius Leclerc).

Er lebte nicht, um von den Menschen geliebt und beklatscht zu werden, sondern er lebte in Armut aus Liebe zu Gott und gab diese Liebe an alle seine Nächsten weiter. Er lebte in Armut, damit er in keiner Weise auf sich selbst zählen konnte, sondern alles von Gott erwartete. Er lebte arm, weil es für ihn der Weg war, aus Gottes Reichtum, aus seiner Barmherzigkeit zu schöpfen.

Das ist das Geheimnis des Glaubens: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Gott und uns. Wir sind nicht auf Augenhöhe. Und doch ist er gekommen, um uns zu suchen. Gleichheit und Solidarität können trösten und stärken. Aber sich daran zu erinnern, dass Gott viel größer ist als wir und daher viel mehr Macht und Möglichkeiten hat, kann ebenso stärkend sein (vgl. Mauritius Wilde, CiG 40/2025, S.1)

Zu verstehen, dass Gott sich weder manipulieren noch beanspruchen lässt, kann uns aus unserem engen Horizont herausholen. Das erinnert mich an die Worte eines geistlichen Liedes: „Leben wie Christus, immer der Liebe hingegeben, um seinen Lebensweg in Vertrauen, Kraft und Lobpreis zu gehen.“ Das Lob Gottes macht uns frei!

 

Dienstag, 30. September 2025

Zeitfenster

 Predigt 26. Sonntag im Jahreskreis C, Hamburg | Manresa 2025

„Das Fest der Faulenzer ist vorbei!“ Die Lesung aus dem Buch des Propheten Amos überliefert uns eine prophetische Mahnung. Wer sind die „Faulenzer“, von denen Amos spricht? Bei uns werden so nicht selten die Migranten und die Bürgergeld-Empfänger bezeichnet. Bei Amos sind die Reichen gemeint, die Sorglosen und die Selbstsicheren in Samaria, d.h. der reichen Oberschicht in der Hauptstadt des Nordreiches Israel. 

Amos wendet sich hin zum Königspalast, wo die Bewohner in Luxus schwelgen, während andere im Land schuften und in Armut leben. Er klagt nicht nur die Vergötzung des Reichtums an. Er zeigt die Gewissenlosigkeit derer, die Verantwortung tragen. Denn die Schere zwischen Arm und Reich wird im Land immer größer. Den Reichen wird die Verbannung als Strafe angedroht. Von der Form her ist sie Gerichtsandrohung, vom Inhalt her Totenklage über Israel! 

Seine Anklage ist begründet und konkret:

  • Betten aus Elfenbein, d.h. aus den Stoßzähnen Elefanten, sind ein übertriebener Luxus. 
  • Herumliegen und Faulenzen ist nicht das, was man von der Führungsschicht erwarten sollte. 
  • Lämmer aus der Herde zu holen, ist genau das, was ein guter Hirt nicht macht. Die Lämmer sind das Zukunftskapital, das nicht einfach zur eigenen Lust verbraucht werden darf. 
  • Mastkälber sind geplanter Vorrat durch das Jahr, nicht einfach zum beliebigen Verzehr bestimmt. 
  • Grölen ist der Gesang der Betrunkenen, die sich selbst nicht mehr kontrollieren können. 
  • Der Wunsch, wie der große König David zu sein, zeigt, dass die Angesprochenen jedes Maß an gesunder Selbsteinschätzung verloren haben. 
  • Den Wein aus Opferschalen zu trinken ist nicht nur Völlerei, sondern auch eine Verunglimpfung des Kults. 
  • Das Salben mit Öl dient der eigenen Schönheit.

Amos wendet sich an Menschen, die vor allem den eigenen Vorteil im Blick haben, die sich selbst groß machen, indem sie andere hassen, die Mauern und Paläste bauen, statt Brücken zu errichten, die Macht zelebrieren und willkürlich als Methode einsetzen, die sich als Elite sehen, aber in Wirklichkeit den Untergang herbeiführen. Ist das alles so weit weg?

Ich finde es bemerkenswert, dass in den vergangenen Tagen, nach der Ermordung von Charlie Kirk, mehrere deutsche Bischöfe und Verantwortliche verschiedener Couleur in der Kirche in Deutschland die Trauerfeier für Kirk und die menschenverachtende und willkürliche Politik von Präsident Trump insgesamt kritisiert haben, u.a. Stefan Oster. https://katholisch.de/artikel/64541-bischof-oster-ruegt-trumps-auftritt-bei-trauerfeier-fuer-charlie-kirk Ähnlich Klaus Mertes: https://www.katholisch.de/artikel/64590-jesuit-mertes-kritisiert-kirk-trauerfeier-als-anmassende-veranstaltung

„Ihr, die ihr den Tag des Unheils hinausschieben wollt, führt die Herrschaft der Gewalt dabei.“ (Am 6,3), so heißt es im Kontext dieser Stelle. Amos erwartet nicht, dass er mit seinen Gegenpredigten den Verblendeten die Augen öffnen kann. Doch er hofft wohl auch, „dass das absehbare Desaster nicht zu viele Unschuldige mit in den Abgrund reißt.“ 

*

Im Lukas-Evangelium hörten wir eine Beispiel-Geschichte von einem reichen Mann, dessen Namen nicht genannt wird, und von dem armen Lazarus.

Der Reiche kleidete sich stets mit einem Purpurumhang, wie in Könige tragen, und einer Tunika aus Byssus, feines Leinen oder vielleicht sogar Muschelseide, die aus Ägypten oder Indien importiert wurde. Er gab sich den Freuden des Lebens hin. So ein richtiger Hedonist. Der Arme ist dagegen nicht nur arm, hingeworfen vor die Türe, sondern auch noch krank. Von seiner Kleidung wird nicht geredet. Er ist wohl nackt und hat Geschwüre, die sich durch den Kontakt mit den Straßenkötern weiter entzünden. 

Lazarus wird von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Abraham ist der Vater der Glaubenden und der Beschützer der Gerechten. In Abrahams Schoß zu sein, ist ein jüdisches Bild für die Nähe und Verbundenheit mit Abraham beim messianischen Mahl.

Und dann ist da im Jenseits vom tiefen, unüberwindlichen Abgrund die Rede (Lk 16, 26) zwischen dem Reichen, der in der Unterwelt ist, und Abraham, der in Lazarus Schoß ruht. Über diesen Abgrund kann niemand gelangen, selbst wenn er wollte. 

Dieser Abgrund, diese Kluft ist nicht erst im Himmel entstanden, sondern sie ist schon zu Lebzeiten entstanden. Denn es ist nicht nur die Armut der Armen, die allen Reichtum fragwürdig macht. Die Gefahr, in der der Reiche lebt, besteht schon zu Lebzeiten darin, dass der Reiche nichts anderes mehr sehen kann als seinen Reichtum. Die Kluft entsteht schon hier. Polarisierung gibt es schon hier.

Der Unterschied zum Jenseits ist dann: Die Kluft wird unüberwindlich. Das Schicksal lässt sich dann nicht mehr ändern. 

Auch Jesus findet also – wie Amos – zu einer prophetischen Kritik des Reichtums, von der besonders der Evangelist Lukas Zeugnis gibt. Und er mahnt uns, das „Zeitfenster“, das wir in diesem Leben haben, zu nutzen, um diese Kluft zu überwinden, um hinüberzugelangen.

Nichts, dass wir alle arm werden sollen. Sondern wir sollen darauf achten, dass nicht für den Reichtum Gottes, für seine Liebe und seinen Trost, in unserem Leben kein Raum mehr ist.

Es geht um den wahren Reichtum, um das, was uns wirklich reich bzw. arm macht – in diesem Leben und in dem anderen. So wie es der hl. Basilius, Bischof von Cäsarea in Kappadokien, im 4. Jahrhundert konkret und geistlich zugleich formulierte.

„Dem Hungrigen gehört das Brot, das du zurückhältst, dem Nackten das Kleidungsstück, das du im Schrank verwahrst, dem Barfüßigen der Schuh, der bei dir vergammelt, dem Bedürftigen das Silber, das du vergraben hast. Aber du bist mürrisch und unzugänglich, du gehst jeder Begegnung mit einem Armen aus dem Weg, damit du nicht genötigt wirst, auch nur ein Weniges abzugeben. Du kennst nur die eine Rede: Ich habe nichts und kann nichts geben, denn ich bin arm. Ja, arm bist du wirklich: arm an Liebe, arm an Gottesglauben, arm an ewiger Hoffnung.“ (Basilius von Cäsarea, 4. Jh.)

Was macht uns wirklich reich? Welche Haltung braucht es? Und welche konkreten Taten? „Jesus Christus, der reich war, wurde aus Liebe arm. Und durch seine Armut hat er uns reich gemacht.“ (vgl. 2 Kor 8,9)

Es geht nicht darum, „Alarm“ zu schreiben. Es geht nicht darum, die Kluft zu vergrößern, aber es geht darum, auf das „Zeitfenster“ aufmerksam zu machen, das wir haben. Auf die Entscheidung, in die hinein wir gestellt sind und auf das Vertrauen, dass für jene, die an Gott glauben und danach handeln, wahres Leben in Fülle verheißen ist.