Donnerstag, 28. Dezember 2023

Vergessen?!


Predigt Weihnachten 2023 – am Tag | Manresa, Hamburg

Les: Joh 1,1-18

Wenn ein Kind geboren wird, die Eltern sich über die Geburt des Kindes freuen und für es sorgen, dann geben Sie ihm einen Namen. Es mag sein, dass es verschiedene Vorschläge und Ideen gab, welchen Namen sie dem Kind geben würden, doch bald nach der Geburt einigen sie sich, wie das Kind heißen soll. 

Es ist unvorstellbar, dass sie diesen Namen vergessen werden, so, als ob sie eines Tages aufwachen und das Kind sehen und plötzlich nicht mehr wissen, wie es heißt. „Sag mal, weißt du noch, wie unser Kind heißt? Welchen Namen haben wir ihm denn gegeben? Es kann nicht selbst reden, sonst könnten wir es ja fragen!“ Dieser Gedanke ist völlig unvorstellbar, er klingt absurd. Vgl. https://www.der-postillon.com/2013/12/eltern-vergessen-namen-ihres-kindes.html (3.12.13)

Denn erstens kann man zwar viel vergessen, aber den Namen des eigenen Kindes zu vergessen? Das kann man sich niemand so richtig vorstellen. „Kann denn eine Frau, ihr Kind vergessen?“, so fragt der Prophet Jesaja, „eine Mutter ihren leiblichen Sohn?“ (Jes 49,15). Zweitens gibt es andere Menschen um die Eltern herum, die von dem Kind wissen und seinen Namen kennen. Eine der ersten Fragen an eine Mutter mit ihrem Neugeborenen ist doch natürlicherweise immer: „Na, wie heißt das Kleine denn?“ Und schließlich gibt es hier bei uns das Geburtsregister, in das der Name des Kindes eingetragen wird. Außerdem das Taufbuch der Pfarrei, das seit über 200 Jahren systematisch geführt wird, meist noch handschriftlich wird in schönen Lettern der Name des Kindes eingetragen, unauslöschlich. 

Der Name des Kindes, das Maria und Josef in dieser Nacht geboren wurde, ist: Immanuel, wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Friedensfürst“, so der Prophet Jesaja in seiner Verheißung, die gestern Abend als Lesung hier verkündet wurde (Jes 9,5). Und so heißt es auch im Evangelium nach Matthäus: „Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, sie werden ihm den Namen Immanuel geben, d.h. übersetzt Gott mit uns.“ (Mt 1,23) Josef gibt ihm den Namen Jesus, wie es ihm der Engel im Traum befohlen hatte, das bedeutet Gott rettet. (Mt 1,25)

Im Evangelium, dass wir heute, am Weihnachtstag, gehört haben, dem Prolog des Johannes, taucht der Name erst ganz am Schluss auf, im vorletzten Vers, so, als habe der Evangelist ihn versteckt. Er spricht vom „Wort Gottes“, vom „Leben und Licht der Menschen“, vom „Licht in der Finsternis“, vom „wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet“, von ihm, „der in die Welt kam“, die ihm gehört, vom „Wort, das unter uns zelte“ und Wohnung nahm, von der „Fülle“, von der „Gnade“, von der „Wahrheit“, und dann, wie nebenbei, in der Gegenüberstellung zu Mose, der Name „Jesus Christus“. „Der Einzige, der Gott ist, und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ 

Johannes versteckt diesen Namen (vgl. Apg 4,12) in seinem Prolog, er enthält ihn uns vor, er steigert die Spannung für die Hörer, die doch wissen möchten, um wen es sich handelt. Das passt zum Duktus seines Evangeliums, in dem uns schrittweise, pädagogisch, die Identität und die Sendung des Gottes Sohnes enthüllt wird. In sieben Zeichen bzw. Wundern offenbart Jesus seine Herrlichkeit.

Ein erstes Zeichen wirkt Jesus in Kana in Galiläa bei einer Hochzeit, obwohl seine Stunde noch nicht gekommen ist. (Joh 2,4). Weitere Zeichen folgen. Ein letztes Zeichen ist die Auferweckung des Lazarus (Joh 11). Diese Zeichen führen zum Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu, das selbst kein Zeichen ist, sondern erfahrene Wirklichkeit.

Warum nennt Johannes diesen Namen nur versteckt, wie beiläufig? Hat er ihn vergessen? Für den Evangelisten Johannes ist das unvorstellbar! Wer einmal den Weg mit Jesus gegangen ist, wer ihn kennen gelernt hat, wer seine Herrlichkeit gesehen hat und nicht nur die Wunder, die er getan hat, der wird seinen Namen, der kann seinen Namen nicht mehr vergessen.

Der Name „Jesus Christus“ bezeichnet das Wort Gottes. Das Wort Gottes ist eine Person. Der Name hat eine Bedeutung, wie wir gesehen haben, aber er weist auf eine tiefere Wirklichkeit hin nämlich, die Person, das Leben dieses Menschen, in dem Gott allen Menschen nah gekommen ist. Johannes ist vielleicht vorsichtig mit diesem Namen, denn der Name kann uns ablenken von der Person. Titel sind nur Schall und Rauch, sie können missverstanden werden. Jesus ist der Christus, der Messias, aber eben gerade nicht in diesem Sinne, wie ihn viele erwartet haben.

Und was ist mit uns heute? Ist es vorstellbar, dass wir diesen Namen vergessen? Viele Menschen in Hamburg können mit der Person Jesus Christus nichts mehr anfangen, obwohl sie in einer christlichen Umgebung aufgewachsen sind. Sie feiern Weihnachten wie ein heidnisches Lichterfest. Sie stehen vor dem Kreuz und wissen nicht, dass sie ihn, das lebendige Wort, ansprechen können. Sie glauben nicht, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist - auch für sie! Es ist, als sei ihnen ein Kind geboren, über das sie sich freuen, aber sie stehen davor und haben den Namen vergessen, können ihn nicht ansprechen 

Es ist unvorstellbar, dass wir diesen Namen vergessen: Denn erstens lieben wir Jesus Christus. Er ist das Wichtigste in unserem Leben! Zweitens gibt es, Gott sei Dank, andere Menschen, die seinen Namen kennen und die uns zur Not daran erinnern können, selbst wenn wir ihn einmal vergessen sollten. Drittens gibt es die Bibel, die Heiligen Schriften, die Überlieferung, in denen der Name aufgeschrieben ist. Seit bald 2000 Jahren haben Menschen Zeugnis abgelegt und aufgeschrieben, was dieser Name für Sie bedeutet. Wenn Sie in den nächsten Tagen nicht mehr sicher sind, wie das Kind in der Krippe heißt: schauen Sie doch einfach mal nach!


Sonntag, 24. Dezember 2023

Hier und Heute


Predigt Heilige Nacht, Hamburg-Steilshoop

An Weihnachten fällt uns vielleicht manchmal auf, wie unterschiedlich die Menschen sind und wie unterschiedlich sie Weihnachten feiern. Es gibt unterschiedliche Weihnachtstypen.

Es gibt Menschen, die gerne in Erinnerungen schwelgen, von früheren Zeiten erzählen, die alten Bilder rauskramen und dankbar auf das schauen, was früher einmal war. Sie sind manchmal auch ein wenig traurig, dass es nicht mehr so ist wie früher. Früher war es besser sagen sie dann, oder: die guten, alten Zeiten. Loriot hat das in seinem Weihnachtsstück so schon aufs Korn genommen: „Früher war mehr Lametta!“, so heißt dort.

Sicherlich ist Weihnachten ein schöner Moment, um sich an die alten Zeiten zu erinnern und sich bewusst zu machen, was man schon alles erlebt hat: Wie viele Weihnachten man selbst schon in dieser Wohnung oder in diesem Haus, wo man jetzt ist, verbracht hat. An die bekannten Lieder denken, die oft gesungen wurden.

Aber wenn man die Lieder nicht mehr singt, sondern nur noch daran denkt, wie es war, dann wird es schwer, weil wir dann vor allem daran denken, dass es nicht so ist wie damals. Liebe Menschen sind nicht mehr dabei, andere sind dazu gekommen, wir selbst haben uns verändert. Es ist einfach nicht so, wie früher!

Es gibt auch jene Menschen, die gerne in der Zukunft schwelgen. Die in Gedanken immer schon einen Schritt voraus sind, die große und schöne Ideale haben und davon reden, was man alles machen könnte und sollte, wo wir nächstes Jahr Weihnachten vielleicht sein werden, was wir machen werden, wer schon bald zu Besuch kommt, was noch alles zu tun ist und so weiter. Das sind Menschen, die sich freuen können und einsetzen, und die manchmal aber auch etwas unruhig sind und kaum still sitzen und den Moment genießen können. 

Und dann gibt es jene Menschen, die im Heute leben. Sie sind dankbar sind für das, was früher war, sie freuen sich auf das, was bald sein wird. Sie sind aber vor allem wach und achtsam für das, was gerade geschieht. Sie fühlen sich wohl in ihrer Haut, obwohl nicht alles perfekt ist. Sie können die kleinen Unzulänglichkeiten, die eigenen und die Unzulänglichkeiten der anderen, mit Großzügigkeit übersehen und nehmen mit jedem Atemzug etwas von diesem besonderen Augenblick wahr, von der Freude, von dem Lächeln im Gesicht des anderen, von dem Klang der Stimme, von dem Duft der Kerzen und so weiter. 

Das sind Menschen, die wissen, dass ihnen die Zeit jetzt und hier geschenkt ist. Sie leben in der Gegenwart. Sie müssen nicht im Mittelpunkt stehen, aber sie erleben, dass sie selbst dabei sind, dass sie selbst gemeint sind, wenn andere mit ihnen sprechen.

Ich stelle mir vor, dass die Hirten auf dem Feld vor Bethlehem solche Menschen waren, die ganz in der Gegenwart lebten: Sie achteten auf ihre Schafe und auf sich selbst, sie beobachten das Wetter, die Wolken am Himmel und die Sterne. Sie liebten die Einsamkeit der Nacht, aber auch die Gemeinschaft am Feuer. Und genau zu diesen Menschen, so berichtet der Evangelist Lukas, sprach der Engel. Er verkündete Ihnen die Weihnachtsbotschaft: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.“

In der Erzählung ist dieser Satz ein Zitat, das in einem bestimmten Moment der Weltgeschichte gesprochen wurde: Damals „als Quirinus Statthalter von Syrien war.“ (Lk 2,2). Also vor 2000 Jahren. Das haben die Engel damals so gesagt beziehungsweise das haben die Hürten damals so gehört: „Heute ist euch der Retter geboren.“

Aber wenn man das Lukas-Evangelium weiter liest, dann wird man irgendwann über dieses „heute“ stolpern. Denn das Wort kommt noch fünfmal im Evangelium vor, immer wird es an entscheidender Stelle einem anderen Menschen gesagt.

1. Als Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth in der Synagoge aus den Heiligen Schriften vorliest, von dem Gesalbten Gottes, der den Armen eine frohe Botschaft bringt und den Gefangenen Befreiung verkündet, da sagt er: „Heute hat sich das Schriftwort, dass ihr soeben gehört habt, erfüllt.“ (Lk 4,21)

2. Und als Jesus in Galiläa einen Gelähmten heilt und ihm die Sünden vergibt, da sagen die Leute anschließend: „Heute haben wir Unglaubliches gesehen.“ (Lk 5,26)

3. Und als Jesus den Zöllner Zachäus trifft, da sagt Jesus zu ihm: „Heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein.“ (Lk 19,5) 

4. Und beim Abschied von Zachäus sagt er: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“ (Lk 19,9)

5. Ganz am Ende des Evangeliums, als Jesus zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt wird, da sagt er zu dem einen neben sich, der seine Schuld bereut: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43)

So viel „heute“ an den entscheidenden Wendepunkten des Evangeliums, das ist schon etwas auffällig, oder nicht? Da scheint Absicht dahinter zu sein. 

Es ist so, als ob der Evangelist zu uns sprechen würde, zu uns hier in St. Johannis in Hamburg, heute, an Weihnachten 2023! Als ob der Evangelist Lukas und die Engel für uns heute hier eine Botschaft haben. 

Eine aktuelle Botschaft, wir sollen sie uns sagen lassen. Das, was damals in Bethlehem begann, soll für uns, hier und jetzt, ein Heilsweg werden, wo die die Armen Zuspruch erfahren, wo die Trauernden getröstet werden, wo die Sünder Vergebung erfahren und neu anfangen können. Unsere Bereitschaft zur Umkehr soll geweckt, und unser Vertrauen in Gott soll gestärkt werden

In manchen Weihnachtsliedern wird das dann so ausgedrückt, als würde Jesus heute „in uns“ geboren. In dem bekannten Weihnachtslied „Jauchzet, ihr Himmel“ von Gerhard Tersteegen (Gotteslob Nr. 251,7) heißt es z.B. in der letzten Strophe: „Süßer Immanuel, werd auch in mir nur nun geboren. Komm doch, mein Heiland, denn ohne dich bin ich verloren. Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir, der du mich liebend erkoren.“

Das ist natürlich in einem übertragenen Sinn gemeint, dass Jesus in uns geboren wird. Aber dass wir in einem Platz in unserem Leben einräumen, dass wir seine Gegenwart glaubend und hoffend und liebend erwarten, das ist schon in einem ganz realen Sinn so gemeint.

Christen glauben. Sie erinnern sich an die Heilsgeschichte Gottes mit dem Volk Israel und mit Jesus Christus vor 2000 Jahren und sie vertrauen darauf, dass sie ein Teil dieser Heils Geschichte sind.

Christen hoffen. Sie denken an die Zukunft. Sie rechnen mit der Wiederkunft Gottes am Ende der Zeiten zum Heil für alle Menschen.

Christen lieben: Sie leben in der Gegenwart und sind achtsam für das, was so um sie herum und in ihnen geschieht. Sie genießen den Augenblick, weil sie wissen, dass diese Zeit erfüllt ist, von Gottes Gegenwart, die er uns in seinem Sohn schon geschenkt hat.

Weihnachten: Gott ist jetzt und heute und hier für uns gegenwärtig wird durch Jesus Christus. Er ist da. Gott mit uns. Immanuel. Grund unserer Freude. Und der wahre Friede für die Menschen auf Erden. Hier und jetzt! 


Dienstag, 28. November 2023

Du kannst einmalig sein! Du sollst ein Segen sein für andere!

 


Vergangene Woche war ich mit einer Gruppe von Priestern in der Otto-Dix-Ausstellung in den Deichtorhallen. Beeindruckende Kunst des 20. Jahrhunderts, in vielem fremd und verstörend. Dix zeigt nicht die Schönheit des Lebens, sondern seine Abgründe. Wir wurden gemeinsam durch die Ausstellung geführt, von einem Künstler aus Altona, der bislang offenbar wenig Kontakt mit „Kirchenleuten“ hatte. Er war manchmal unsicher, was er uns zumuten könnte. Bei einem Bild jedoch war er sicher, dass wir es mit uns anschauen wollte, denn es war für ihn selbst bedeutsam. Das Bild hat den Titel „Vanitas“. Es sind zwei nackte Frauen zu sehen sind: eine fröhliche, hübsche, naive junge Frau und eine hässliche, gebeugte, abgemagerte, alte Frau. Die Jugend und der Tod, nebeneinander. Vgl. https://de.wahooart.com/@@/8XYNLX-Otto-Dix-Vanitas-(Jugend-und-Alter)

In seiner Erläuterung wies er darauf hin, dass es im Leben eines jeden Menschen einen Moment gäbe, der unausweichlich sei; bei dem man nicht wählen könne, ob es jetzt gerade passe; bei dem es keine zweite Chance gäbe; wo niemand sich entschuldigen oder dispensieren könne, nämlich der Tod. Der Tod steht als eine unausweichliche Lebensrealität und Wahrheit vor uns. Und alle Jugend sei nur deshalb so anziehend und verführerisch, weil sie vergänglich ist angesichts des Todes.

Ja, das stimmt, wir Menschen gehen auf den Tod zu, und niemand kann ihm ausweichen. Sicherlich ist der Tod eines jeden Menschen unwiderruflich. Im bestimmten Religionen glauben die Menschen zwar, dass sie in irgendeiner Form wieder geboren werden, sei es als Mensch oder in einer anderen Lebensform. Trotzdem kennen auch diese Menschen das Gefühl von Vergänglichkeit. Und wir als Christen glauben: Wir leben nur einmal. „Du hast nur ein Leben!“

Wenn ich allerdings die zeitliche Dimension unseres Lebens wirklich ernst nehme, dann ist doch eigentlich jeder Moment unwiderruflich und unwiederbringlich, oder nicht? Sicherlich kann ich manches im Leben mehrfach tun: ich kann ein schönes Konzert ein zweites Mal hören, ich kann ein gutes Buch ein zweites Mal lesen, ich kann einen guten Freund ein zweites Mal besuchen. Aber was ich im Lebe tue oder sage oder nicht tue und nicht sage - rückgängig kann ich es nicht machen.

Das Evangelium am heutigen, letzten Sonntag im Kirchenjahr stellt uns das Ende der Welt und das Weltgericht vor Augen. Es macht deutlich: Das irdische Leben in einer christlichen Perspek­tive ist einmalig und zugleich vergänglich.

Dies wird im Bild vom König ausgeführt, der auf dem Thron der Herrlichkeit sitzt. Dieser König, so heißt es, wird handeln wie ein Hirt, der Schafe und Ziegen scheidet. Das Kriterium der Entscheidung des Königs wird nachträglich genannt, als Begründung für das, was die beiden Gruppen empfangen oder nicht empfangen: das ewige Leben. Die Strafe, von der dort die Rede ist, oder auch das Feuer, ist meiner Meinung ein Bild für den Mangel an ewigem Leben bzw. das Fehlen des ewigen Lebens. Es bedeutet, das ewige Leben nicht zu empfangen.

Die Gerechtigkeit, von der in der Bibel die Rede ist, ist also nicht ein abstrakter Begriff oder eine allgemeinen Norm, sondern es ist ein Handeln, das Beziehung stiftet und dem entspricht, was Gott für alle Menschen möchte: Leben, Leben in Fülle, ewiges Leben.

Mit dem Bild des gerechten Königs (und ich betone: es ist ein Bild!) wird uns hier und heute eine Orientierung gegeben. Denn es ist klar, wer dieser König ist, der am Ende richtet: Es ist der Menschensohn, d.h. Jesus Christus selbst.

Jesus Christus allerdings begegnet uns nicht erst im Tod. Wir haben schon seit einiger Zeit von ihm über Gott gehört. „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18) Und er ruft uns schon heute zur Umkehr und zu einer neuen Lebensweise, und zwar vermittelt durch die Menschen, mit denen er sich solidarisiert: die Hungernden, die Obdachlosen, die Kranken, die Gefangenen, die Geflüchteten, die Geringsten.

Damit aber, so meine ich, relativiert der Glaube den Tod, weil deutlich wird, dass der Tod in einem größeren Zusammenhang steht, dass es immer um das eigene Leben geht, in dem eigentlich jeder Moment zählt, in dem ich getan oder nicht getan habe, worauf es ankommt. Christlich gilt sicherlich: „Du hast nur ein Leben!“ Aber zugleich heißt es: „Du kannst hören, wer du sein kannst!“ „Du kannst einmalig sein!“ „Du sollst ein Segen sein für andere!“

Wie wäre es, jeden Tag zu leben, als wäre es der letzte? Steve Jobs sagte einmal: „Lebt man jeden Tag, als wäre es der letzte, dann liegt man eines Tages damit richtig.“ Vgl. Steve Jobs bei seiner Rede in Stanford: https://www.ohwr.de/uploads/media/Steve_Jobs_Rede_Stanford_2005.pdf

Vielleicht halten es manche für morbide, wenn ich die Texte des Evangeliums als eine Vergegen­wärtigung des Todes deute. Doch ich sehe darin eine hilfreiche Übung, bei der wir die Angst vor dem Tod verlieren können, weil wir den Moment des Lebens wertschätzen lernen - und die Gegenwart Gottes darin in Jesus Christus.

In der Ignatianischen Spiritualität hört man oft, man solle „Gott suchen und finden in allen Dingen.“ Das ist gut und richtig. Aber wie zeigt sich Gott uns denn? Zeigt er sich uns in einer Blume oder in einem schönen Sonnenaufgang? Mag sein! In jedem Fall aber zeigt er sich uns in seinem Sohn, der sein Leben aus Liebe für andere hin gibt und uns auffordert, es an unserer Stelle genauso zu tun.

Ignatius selbst begegnete Gott nicht anders als durch Jesus Christus. Er betet zu Christus wie zu einem Freund. Bei seiner Vision in La Storta (vor Rom) hört er die Worte von Jesus Christus am Kreuz, der zu ihm sagt: „Ich will, dass du uns dienst!“ Dieses „uns“ ist Gott, der Dreieine, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dieses „uns“ ist auf den Dienst an den Menschen verwiesen: „uns dienen“, indem du den Menschen dienst.

Das Fest Christkönig am Ende des Kirchenjahres ist im Grunde für uns da, um uns im Angesicht des Gekreuzigten an unseren eigenen Tod zu erinnern - und an die Einmaligkeit und Schönheit unseres Lebens. Und um uns in diesen Dialog mit Christus am Kreuz zu führen, in dem er selbst uns fragen lässt, „wiederum, in dem ich mich selbst anschaue: das, was ich für Christus getan habe; das, was ich für Christus tue; das, was ich für Christus tun soll.“ (EB 53)

Dienstag, 14. November 2023

Öl für die Lampen

Magdeburger Dom, kluge junge Frauen

 Predigt 32 So A | Hamburg

Les: Weish 6,12-16; 1Thess 4,13-18; Mt 25,1-13

Vor einigen Tagen berichtete Dana Rosa, eine junge Frau aus Berlin, auf TikTok von ihrer Arbeitssuche. Sie hat Tränen in den Augen, ihre Stimme zittert, sie ist fassungslos und schluchzt. Sie klagt über ihr Leben: Man habe ihr immer gesagt, sie müsse studieren, dann finde sie einen besser bezahlten Job. Doch jetzt erwartet man von ihr eine 40 Stunden-Woche. Ich zitiere aus dem Video:

„Da sind Leute, die wollen dir 36.000 Euro brutto im Jahr geben – als Vollzeitangestellte, aber du kriegst auch 30 Tage im Jahr Urlaub“, berichtet sie sichtbar schockiert. „Das Schlimmste ist, die 30 Tage sind ja noch viel – im Jahr! Wir reden hier von einem ganzen Jahr! Ich weiß jetzt wirklich nicht, wie man überleben soll. Das bedeutet keine Freizeit, man sieht sich nicht mal, weil man nur arbeiten geht. Und am Wochenende wartet auf mich dann ein Haushalt und ein Einkauf, auf mich warten dann irgendwelche Freunde, die mich auch mal wiedersehen wollen, für die ich eigentlich gar keine Energie mehr hab, weil ich die ganze Zeit nur arbeiten bin. Und dann fängt alles wieder von vorne an.“

Ein einzelnes dummes Mädchen der „Generation Z“, das nie zu arbeiten gelernt hat und einen Nerven¬zusammenbruch erleidet, weil es Angst hat, dass es mit der Arbeitsbelastung nicht fertig wird? Oder ist diese Angst und dieses Gefühl von Überlastung nicht viel weiter verbreitet, als wir meinen? Die Diskussionen um eine die „work-life-balance“ zeigen, dass es nicht einfach ist seinen Platz zu finden. Denn gehört die Arbeit etwa nicht zum Leben?

Jeder wird aus der eigenen Familie oder aus dem Freundeskreis Menschen kennen, die an Arbeits-Überlastung leiden. Einige haben einen burn-out, d.h. sie haben keine Kraft mehr zum Leben. Das ist eine Krankheit, schlimm, für die Menschen selbst und für die Angehörigen, die oft hilflos dabei stehen und selbst mit gutem Willen ihnen nichts von ihrer Kraft und ihrem Lebensmut abgeben können.

Ein Mitbruder aus Göttingen, den ich sehr schätze, ein begnadeter Seelsorger und Pfarrer, engagiert und solidarisch, kreativ und geistlich, ist seit dem Sommer in Therapie. Er hat zu viel gearbeitet. Er sagte am Telefon: Es fühlt sich an, wie wenn ein Loch im Segel ist. Es geht gar nichts mehr.

An diese Menschen habe ich gedacht, als ich das heutige Evangelium las von den jungen Frauen, die kein Öl mehr haben. Sie möchten – wie die anderen auch - zur Hochzeit gehen, zur der sie eingeladen sind, aber im entscheidenden Moment fehlt der Sprit. Und der lässt sich offensichtlich auch nicht einfach besorgen oder teilen. 

Sie haben kein Öl mehr. Im Evangelium werden sie als dumme junge Frauen bezeichnet. Sie haben nicht vorgesorgt wie die anderen, die klugen jungen Frauen. In welcher Weise sind sie klug? In welchem Sinn haben sie vorgesorgt? 

Das „Öl“ für die Lampen steht im Gleichnis für die Ressourcen des Glaubens. Die einen haben auf sie geachtet, die anderen nicht. Diese Ressourcen helfen, um in das Reich Gottes einzutreten und darin zu leben. Auf die Bedeutung dieser Ressourcen habe ich schon im Rahmen der Predigtreihe vor einem Monat hingewiesen. Hier werden einige dieser Ressourcen konkret benannt. Welche sind es?

1/ Die klugen jungen Frauen leben in der Freude auf das, was kommt. Der Glaube ist wie die Vorfreude auf eine Hochzeit. Oder wie der kleine Löffel bei einem guten Essen, den manche den Propheten nennen, weil er vom Nachtisch kündet: Das Beste kommt noch! Diese Freude zeigt sich z.B. in der Hoffnung auf Frieden für alle. Wenn ich es angesichts der angespannten Weltlage und der immer neuen Katastrophenmeldungen in den Nachrichten mit der Angst zu tun bekomme, dann kann es sein, dass ich diese Hoffnung verliere und ich es Gott nicht mehr zutraue, dass er die Welt zu einem guten Ende führt. Dann geht mir das Öl aus. (zeitliche Dimension)

2/ Die klugen junge Frauen leben in der Achtsamkeit sowohl in der Beziehung zu Gott wie zu anderen Menschen, weil sie die Gegenwart nicht aus dem Blick verlieren. Ihr Warten ist nicht einfach ein Absitzen der Zeit. Nicht wie ein Mensch, der einfach alles auf morgen verschiebt und nichts mehr tut. Es ist andererseits auch nicht so, dass sie krampfhaft wach bleiben und fromme Höchstleistungen vollbringen. Das Gleichnis erzählt: Alle zehn schlafen ein, als die Zeit lang wird. Christlicher Glaube ist nicht angestrengte Verbissenheit, sondern Gelassenheit: ein waches Gespür dafür, wann ich bereit sein muss: Wenn es gilt ein Geschenk der Liebe anzunehmen oder die Chance zu sehen, ganz für einen anderen Menschen da zu sein. (mitmenschliche Dimension)

3/ Die klugen jungen Frauen leben schließlich in der Bereitschaft, ein kleines bisschen mehr zu tragen, als es auf den ersten Blick nötig erscheint, nämlich auch noch die Krüge mit dem Öl mitzunehmen. Das war nicht angenehm für sie. Doch sie sind sich bewusst, dass nicht alles im Leben eine reine Freude ist, dass es auch Durststrecken und Kreuzwege gibt und dass das Leben trotzdem einen Sinn hat. (mitleidendene Dimension)

Das bedeutet keinesfalls, dass man alles ertragen soll. Opfer braucht es keine mehr, seit der Herr sich für uns hingegeben hat. Wir sollen nicht alles tragen, sondern müssen etwas zurücklassen, müssen uns abzugrenzen. Aber die Liebe hat auch etwas mit Leidenschaft zu tun hat, weil wir den Glauben in zerbrechlichen Gefäßen tragen, weil wir Menschen sind und die Sünde in dieser Welt noch ihre Macht hat.

Seit Monaten werden wir mit Tod und Leid konfrontiert – vor allem durch Bilder aus Israel und der Ukraine. Die Menschen, die Zuflucht suchen, können nicht alle aufgenommen werden. Kann ich in dieser Situation etwas mehr tragen als es mir gerade bequem erscheint? Einen kleinen Krug Öl mehr?

Ich habe keine Lösung für Dana Rosa anzubieten und ich will ihr keinen Ratschlag geben, was sie tun soll. Vielleicht ist ein Vollzeitjob im Büro einfach nicht das richtige für sie. Vielleicht gibt es etwas, wo sie glücklich wird, wo sie eine Tätigkeit findet und erfüllt und gut leben kann. Ich würde die Angst nicht einfach übergehen. 

Und auch bei einem Burn-out kann ich Ihnen hier keine einfache Lösung bieten. Das entscheidende Kriterium für ein erfülltes und gutes Leben ist es aber, so bin ich überzeugt, dass ich einen Sinn finde, dass ich eine Orientierung finde, dass ich eine Ahnung davon bekomme, wofür sich das alles lohnt.

Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei Tugenden, Grundhaltungen, die wir entdecken und in die wir uns einüben können, sind Ressourcen des Glaubens, das Öl in unseren Lampen auf dem Weg zur Hochzeit. Ich hoffe, wir sehen uns - beim Fest! Und bis dahin: Im Gebet verbunden!




Dienstag, 3. Oktober 2023

„Warum nicht?“

Predigt 26. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg 2023

Die Ressource: „innere Freiheit“

Les: Phil 2,1-11; Mt 21,28-32

Predigt: Liebe Geschwister im Glauben,

im Rahmen der Predigtreihe haben ihnen an den vergangenen Sonntagen drei Predigerinnen jeweils eine Ressource vorgestellt, die ihnen Kraft und Mut im Glauben gibt: Sr. Klarissa die Ressource des Suchens nach dem eigenen Weg, Martina Altendorf die Vergebung, Barbara Viehoff den Perspektivwechsel. Heute möchte ich eine Ressource vorstellen, die mir Kraft und Mut im Glauben gibt: die „innere Freiheit“.

Wir haben im Moment Besuch von einem älteren Herrn, ein Bekannter von Pater Mehring, der nach einigen Irrungen und Wirrungen im Leben schließlich Religionslehrer geworden ist und darin seine Berufung gefunden hat. Er erzählte beim Abendessen, auf welch ungewöhnlichem Weg er dazu gekommen ist. Die Geschichte endete damit, dass all die Ereignisse und Begegnungen ihm deutlich gemacht haben, dass der „oberste Chef“, so drückte er sich aus, „es so gewollt habe“. Das habe ihm eine große innere Freiheit gegeben in diesem Beruf.

Das Evangelium, dass wir gerade gehört haben, ist in diesem Sinne auch eine Berufungsgeschichte. Der Vater ruft nacheinander seine zwei Söhne und bittet sie: geh und arbeite heute im Weinberg. Die Antworten der beiden fallen unterschiedlich aus. Der eine sagt „nein“, geht dann aber doch. Der andere sagt „ja“, geht aber nicht. Die Antwort auf die Frage, wer den Willen des Vaters getan hat, ist jedoch einhellig: Der erste ist schließlich der Einzige, der etwas getan hat.

Ist die Pointe der Erzählung also, dass es mehr auf die Taten ankommt und als auf die frommen Worte? Dies bestreiten weder die Hohepriester noch die Ältesten der Juden, mit den Jesus diskutiert. Ignatius von Loyola würde sagen, dass man die Liebe mehr in die Taten als in die Worte legen soll. In dem Punkt sind sie sich doch offenbar einig. Worum geht es bei diesem Gleichnis dann eigentlich?

Eine kleine Zwischenfrage an Sie mag uns helfen: Welcher der beiden Söhne, denken Sie, war am Ende des Tages glücklicher? […] Derjenige, der den Tag gearbeitet hat – oder der andere?

Das Gleichnis vom willigen und vom unwilligen Sohn hebt, so denke ich, vor allem auf die innerliche Veränderung ab, auf das, was beim Einzelnen innerlich geschieht: auf die Umkehr und die Reue, auf die Einsicht und die Wirkung, die damit zu tun hat, dass man auf das Recht-behalten-wollen, verzichtet. Das ist, glaube ich, der entscheidende Punkt in dieser Geschichte - und auch bei der Frage nach der Berufung und der inneren Freiheit.

Berufung ist die Wahrnehmung, dass ich etwas tue, was nicht nur auf meinem eigenen Mist gewachsen ist; dass ich geführt werde von Gott, auf einem Weg, den ich mir selbst nicht vorgestellt oder ausgesucht habe und den ich doch selbst gewählt habe. Berufung ist die schrittweise Erkenntnis, dass die einzelnen Puzzle-Teile meines Lebens doch irgendwie zusammengehören und dass es einen größeren Sinn gibt, den Gott für mich kennt und mir zu deuten hilft.

Es geht bei Berufung nicht in erster Linie um die Reue des Sohnes. Diese spielt sicherlich in einem Moment auch eine Rolle: Dass er sich gedacht hat, mehr noch, dass er gespürt hat: „Meine Antwort war nicht okay.“ Ich könnte dem Vater im Weinberg heute einmal helfen. Warum mich der Vater bittet, das ist gut möglich und mir bricht kein Zacken aus der Krone. Es geht bei Berufung eher um die Einsicht, dass auch eine andere Antwort möglich geworden gewesen wäre - und um das Vertrauen, dass ich es wagen könnte.

„Pourqoui non?“ - „Warum nicht?“ Diese Frage steht unter einem Marienbild, dass bis heute in der Kapelle der heimatlichen Burg derer von Loyola hängt. Die Frage ist erfunden die Antwort Mariens auf die Botschaft des Engels, ob sie bereit ist, ein Kind zu erwarten, ob sie bereit ist, die Mutter Gottes zu werden. Warum nicht? Das wird auch die Antwort des ehrgeizigen, jungen Basken Inigo sein, als er in sich den Ruf spürt, eine Wallfahrt nach Jerusalem zu unternehmen, allein und zu Fuß.

Warum nicht? Das ist eine Antwort auf eine mögliche Berufung. Was braucht es dafür, um eine solche Antwort geben zu können? Man soll nicht naiv zu allem „ja“ und „amen“ sagen; nicht jeden Dienst übernehmen, den andere einem antragen; nicht auf jeden Zug aufspringen, egal wohin er fährt.

Drei Dinge sind wichtig, um gut unterscheiden zu können.

1/ Es braucht das grundlegende Vertrauen, dass der, der mich ruft, es gut mit mir meint. Er ist der Vater, und ich bin sein geliebter Sohn, seine geliebte Tochter. Ich bin von ihm gesehen und in seinen Augen wertvoll.

2/ Es braucht die Offenheit, dass Veränderung möglich ist, dass ich in den Augen Gottes wachsen kann. Er traut mir etwas zu, und ich kann „hören, wer ich sein kann“.

3/ Es braucht die Hoffnung auf eine größere Gerechtigkeit, auf einen größeren Sinn, der Orientierung schenkt. Manche nennen das Werte. Ich würde es eher Demut nennen; weil es nämlich um die Bereitschaft geht, auf das Recht-behalten-wollen und das Bescheid-Wissen zu verzichten und einfach zu dienen, ohne die erste Geige zu spielen.

Das hört sich vielleicht etwas abstrakt oder kompliziert an: Vertrauen, Offenheit für Veränderung, Hoffnung auf eine größere Gerechtigkeit, aber ich sehe darin tatsächlich die drei Grundbausteine einer Berufung, auf die sich bauen lässt.

Wenn sie es kürzer und einfacher haben möchten: neu anfangen ist möglich. Im Glauben sind wir alle Anfänger, weil Gott neu mit uns anfängt, jeden Tag. Und es kommt auf deine Antwort an, nicht nur im Wort, sondern auch in der Tat.

Ganz schön beschreibt Paulus diese Haltung in dem Brief an die Gemeinde in Philippi. In Philippi, im Norden Griechenlands, an der Grenze zu Mazedonien, liegt eine von Paulus gegründete Gemeinde. Es ist seine Lieblingsgemeinde, zu der er eine besonders enge Beziehung hatte. Die Gemeinde ist im Evangelium verwurzelt. Die Botschaft vom „Trauen Gottes“ ist klar, aber es gibt Probleme bei der Umsetzung, es gibt Auseinandersetzungen untereinander.

In dieser Situation bringt er die Berufung des Christ-Seins auf einen zentralen Punkt: dem anderen den Vorrang einräumen bzw. aufs Recht-behalten-wollen zu verzichten. (vgl. Norbert Baumert, Der Weg des Trauens, Paulus neu gelesen, Würzburg, 2009).

Paulus ist in Gefangenschaft und er wünscht sich von der Gemeinde, die er sehr schätzt, ein Zeichen der Ermutigung und des Trostes. Und er bittet sie: „Macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig. Dass ihr nicht aus Streitsucht und nicht aus Prahlerei heraus handelt. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“

„Eines Sinnes sein“, das bedeutet nicht eine Gleichschaltung der Gedanken, sondern eine gemeinsame Ausrichtung: in der gleichen Liebe zu Gott ein gutes Miteinander pflegen: ohne Rivalitätsdenken, ohne Missgunst und Neid. Und dabei jeweils die anderen so einschätzen, dass sie vor euch selbst den Vorrang haben. Ganz selbstverständlich im alltäglichen Umgang miteinander schlicht und ohne gekünstelte Manieren! Eine innere Haltung den anderen gegenüber.

Achtung: nicht Höherbewertung! Nicht den anderen für besser halten. Es geht nicht ums Urteilen „der andere ist moralisch besser als ich“ – das Urteilen ist allein Gottes Sache. Es geht um Zuvorkommenheit, um Respekt, dem anderen den Vorrang zu geben.

Konkret: dem anderen das größere Tortenstück zu überlassen. Oder in der Kommunität bereit zu sein, auch einmal das Klo zu putzen. Oder im Gemeinderat dem anderen den Vorsitz zu überlassen. Oder beim Dank einmal nicht an erster Stelle genannt zu werden. Das kratzt am Ego. Darum geht es.

Das setzt gerade das Wissen um die eigene Würde voraus! Nur wenn ich nichts verteidigen muss, weil ich in Gott geborgen bin, nur wenn ich keine Angst mehr habe um mich selbst, kann ich anderen den Vortritt lassen, kann ich aufhören Recht behalten zu müssen.

Die Interessen der anderen berücksichtigen, d.h. eine andere Perspektive einnehmen. Und zwar aufgrund der eigenen Christusbeziehung dem anderen Vorrang zu geben. Und auch die eigenen Schwächen einzugestehen. In der Schwachheit werden wir einander Geschwister!

Das bedeutet nicht, immer zurückzustehen und sich zu verkriechen. Das Beispiel Jesu ist angezielt. Der hat sich nicht vorgedrängelt, er kannte allerdings klare Worte und deutliche Positionen. Er hat seinen Platz eingenommen als Lehrer, als Meister!

Selbstverständlich: Gott hat immer den Vorrang. Sein Auftrag an den Menschen hat Vorrang. Keine falsche Unterwürfigkeit und Duckmäuserei. Aber in der Entschiedenheit eine bestimmte Haltung der Freiheit, um die geht es hier. Um eine Haltung des Dienens, vgl. Lk 22,27b („Ich bin unter euch als einer der dient.“)

Das Beispiel Jesu wird dabei leitend (vgl. V5): So habt ihr bei Euch und unter Euch die Gesinnung, die man „in Christus Jesus“ haben sollte. Das heißt nicht: dieselbe Gesinnung haben wie Christus (sich kreuzigen lassen), sondern es heißt eine der eigenen Christusbeziehung entsprechende, angemessene Gesinnung zu haben: Wenn ich in Beziehung zu Christus stehe, dann der andere doch auch! Seine Freunde sind auch meine Freunde, oder nicht?

Wie sich also Jesus Christus als Mensch unter Menschen verhielt (vgl. V6): „Er, der in seinem irdischen Leben von Gottes Wesensgestalt war -, hat es nicht (triumphierend) wie einen Raub betrachtet, sich so zu verhalten, wie es Gott entspricht, sondern hat sich selbst völlig zurückgenommen“, d.h. er hat darauf verzichtet, seine göttliche Macht zu gebrauchen – obwohl er es hätte tun können.

Einige, die diese Stelle gut kennen, hören dort von der Übersetzung her eine zeitliche Reihenfolge: als ob der Sohn, vor aller Zeit beim Vater, bei der Menschwerdung gesagt hat: naja, dann lasse ich das Gott-Sein mal für eine kurze Zeit bleiben und werde Mensch und gehe auf die Erde. Jesus als ein Avatar, der jetzt unter den Bedingungen des Menschseins agiert, d.h. nicht Gott ist, und dann wieder zu Gott zurückkehrt und seine Kräfte wiederbekommt.

Nein, das ist nicht gemeint bei Paulus. Ausgangspunkt ist wörtlich „Christus Jesus“, d.h. der konkrete, historische Mensch Jesus von Nazareth. Der ist schon Mensch und Gott zugleich und dann hat er auf etwas verzichtet. Er hat etwas losgelassen in seinem Leben. Kenosis ist also nicht, dass Jesus sich seiner Gottheit bei der Menschwerdung oder beim Sterben entäußert hätte, sondern es ist der Verzicht des Menschen Jesus auf die Ausübung seiner göttlichen Macht, besonders in seiner letzten Phase, in der Hingabe seines Menschseins in den Tod.

Der Satz „er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich“ ist nicht eine Abfolge. Richtig übersetzen müsste man dort mit einer zeitlichen Nachordnung: „er nahm sich zurück, nachdem er eine Sklavengestalt ergriffen hatte.“ D.h. er war schon als Mensch geboren und hat dann auf etwas verzichtet: In der entscheidenden Konfrontation der Menschen mit seiner Sendung verzichtet er bewusst auf alle göttliche Wunderkraft und auf alle menschlichen Machtmittel (Besitz, Anhängerschaft, Beziehungen, Verhandlungen, etc.) – und vertraut allein auf die Liebe.

Das ist Berufung meines Erachtens: neu anfangen, aufs Recht behalten wollen verzichten, bereit sein zu dienen – und zu vertrauen, nur auf die Kraft der Liebe, nicht auf menschliche Machtmittel. Das schenkt innere Freiheit. Warum nicht?

Montag, 21. August 2023

Worüber man nicht reden kann

Predigt 20. So Jahreskreis A 2023, Manresa 19 Uhr - Hamburg zu Mt 15,21-28

„Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen“, so sagt der Philosoph Ludwig Wittgenstein. 

Die Geschichte von der Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau gehört zu den irritierenden und für mich zunächst unverständlichen Erzählungen im Evangelium des Matthäus: Eine Frau hat eine kranke Tochter. Es ist offenbar eine schwere Krankheit, die das Kind am Leben hindert. Und sie bittet Jesus um Erbarmen. „eleison me, Kyrie“ – genauso, wie wir am Beginn der heiligen Messe bitten: „erbarme dich meiner, o Herr.“ Und sie nennt ihn respektvoll „Sohn Davids“, d.h. sie zeigt, dass sie weiß, dass er nicht zu ihrem Volk gehört, sondern ein Jude ist. Die Reaktion Jesu ist abweisend: „Der aber antwortete ihr nicht ein Wort.“ Schweigen. Jesus, warum sprichst du nicht mit ihr? Warum antwortest du ihr nicht? Das wäre doch wohl das Mindeste an Respekt, dass du ihr gegenüber zeigen mögest! 

Sie wird stehen gelassen, aber sie schreit hinter Jesus und seinen Jüngern hier. Sie lässt sich nicht abweisen. Ob sie das Wort Jesu an seine Jünger gehört hat, wissen wir nicht. Er signalisiert ihr jedenfalls deutlich: Ich kann bzw. will für dich nichts tun. Das ist nicht mein Auftrag. It’s not my Job. Dazu habe ich nicht die göttliche Vollmacht. Heilen kann ich nur in Israel. Nicht bei den anderen Völkern, die nicht an Gott glauben. Denn das ist ja der entscheidende Unterschied zwischen den Juden und den Kanal nähern und den anderen Völkern, die dort wohnen: Gott.

Glauben Sie an Gott? Eine erwartbare Frage in der Kirche, mögen Sie denken. Ja, klar, glaube ich an Gott. Sonst wäre ich doch nicht hier. Das bekennen wir in der Taufe, im Glaubensbekenntnis, das ist doch wohl das Mindeste. Aber so simpel ist die Frage nicht. Denn Christen Glauben an einen Gott. Ein Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und der in allem und über alles ist. Das bedeutet zugleich, dass es keine anderen Götter geben kann: keine hinduistischen Götter, keine Naturgötter, keine griechischen Götter, keine römischen Götter - die sind alle nur ausgedacht, von Menschen gemacht. 

Die Philosophen haben das schon immer gewusst, „dass es im Grunde nur eine höchste Macht, nur einen Gott oder einen Geist, eine Schöpferkraft im Kosmos geben kann, auch wenn sie mit Rücksicht auf damalige Sitte und Tradition die Verehrung mehrerer Götter gebilligt haben. Bei fast allen Philosophen mit Ausnahme der Schule Epikurs herrscht Einigkeit, dass es eine Vorsehung gibt, und dass sie auf eine Schöpfungskraft zurückgeht, weil die Welt ohne diese eine Schöpfermacht nicht hätte entstehen und ohne deren Leitung nicht fortbestehen könnte.“ (Marco Kunz, Konstantin 2021, S. 23-24)

Mit dem, was wir meinen, wenn wir „Gott“ sagen, z.B. „Güte“, „Allmacht“, etc., ist logisch verbunden, dass ist nicht viele gibt. Um diesen Schritt kommt man nicht herum. Wir sind für die Religionsfreiheit: jeder Mensch hat das Recht, seinen Gott anzubieten, da soll es keinen Zwang geben! Aber die katholische Kirche ist genauso überzeugt davon, dass nicht jeder nach seiner Fassung selig werden kann.

Wenn wir von Gott reden, dann werden wir ihn nie ganz begreifen oder verstehen, sonst wäre es nicht Gott. „Si comprehendis, non est Deus“, hat der heilige Augustinus gesagt. Aber es ist auch nicht alles egal was man über Gott sagt. 

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor bald 60 Jahren hat die katholische Kirche die anderen Religionen anerkannt und in ihnen „Strahlen der Wahrheit“ gefunden. Das bedeutet, dass auch Menschen in einer anderen Religion gerettet werden können, d.h. in den Himmel kommen können, dass auch in anderen Religionen etwas von Gott erkannt worden ist, wenn auch nicht in dem Maße, wie im christlichen Glauben. 

„Auch die Menschen, die das Evangelium noch nicht empfangen haben, gehören auf verschiedene Weise zum Volk Gottes. Das gilt in erster Linie von jenem Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleisch nach geboren ist (Röm 9, 4–5). Gott liebt dieses Volk um der Väter willen und weil er es erwählt hat; Gott nimmt seine Gaben und eine einmal ergangene Berufung nicht zurück (Röm 11, 28–29). Sein Heilswille umfasst aber auch alle, die ihn als ihren Schöpfer anerkennen. Unter ihnen sind besonders die Muslim zu nennen, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den gnädigen und barmherzigen Gott, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird. Aber auch den anderen, die in Schatten und Bildern Gott suchen, auch ihnen ist er nahe, da er allen Wesen Leben und Atem und alles gibt (Apg 17, 25–28); er ist ihr Erlöser, er will, dass alle Menschen gerettet werden (1 Tim 2, 4).“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Über die Kirche – Lumen gentium 16)

Manche mögen diese inklusive Haltung („im Grunde meinen Sie alle auch unseren Gott“) überheblich nennen; und seit vielen Jahren gibt es andere Modelle, die diskutiert werden. Aber ich glaube, in Bezug auf die Gottesfrage, kommt man nicht um her, entweder einen Gott zu bekennen oder mehrere. Tertium non datur.

Der Monotheismus von Judentum, Christentum und Islam hat deshalb eine ganz eigene Dynamik. Manche behaupten, er führe zur Gewalt. Denn mit der Voraussetzung von einem Gott ist zugleich auch die Annahme begründet, dass es eine Wahrheit gibt, nur eine. Ob der Mensch diese Wahrheit vollständig begreifen und erfassen kann, ist nochmals eine andere Frage, aber eine Wahrheit bedeutet: es gibt nicht mehrere Wahrheiten, keine Paralleluniversen, keine Beliebigkeit von Meinungen. 

Zurück zum Evangelium und dem demonstrativen Schweigen Jesu. Ich stelle es mir so vor, dass Jesus in dem Moment mit der Frau, die einen anderen Gott anbietet, nicht über den Gottesglauben diskutieren wollte. Er sah ihre Not, die kranke Tochter, ihre Verzweiflung und wollte sie nicht fragen: sag mal, glaubst du eigentlich an unseren Gott oder an einen anderen? Und wie geht das für dich zusammen? Darum: „worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Die überraschende Wendung der Geschichte bei Matthäus ist nun, dass Jesus mit seiner Bemerkung über den Glauben der Frau plötzlich einen anderen Fokus gibt: „Dein Glaube ist groß!“ (V28). Es geht plötzlich in dieser Situation nicht mehr um die Frage, zu welchem Volk jemand gehört, welcher Gott der richtige ist, sondern um den Glauben der Frau, beziehungsweise welcher Glaube, d.h. welche Haltung gegenüber Gott - wer auch immer er/sie/es ist, die richtige ist. Damit ist die Frage nach Gott nicht gelöst und sie wird auch sich weiterhin stellen, aber die Perspektive hat sich verändert und es wird Begegnung möglich, das Gemeinsame tritt in der Mitte.

Ganz ähnlich schon beim Propheten Jesaja, der für die Endzeit eine gemeinsame Wallfahrt von Menschen aus verschiedenen Völkern, d.h. verschiedenen Religionen, nach Jerusalem vorhersagt. Wobei Jesaja davon ausgeht, dass am Ende alle nicht nur Recht und Gerechtigkeit achten, sondern auch den einen Gott anbeten: „Und die Fremden, die sich dem HERRN anschließen, um ihm zu dienen und den Namen des HERRN zu lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen und die an meinem Bund festhalten, sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets.“

Zwei Dinge gibt nehme ich mit dem heutigen Evangelium:

1/ Es braucht den richtigen Moment, um über religiöse Fragen zu sprechen. „An welchem Gott glaubst du?“ Diese Frage sollte man nicht als erstes diskutieren, wenn Menschen in Not sind, sondern in dem Moment darüber lieber schweigen. Und helfen, wenn es möglich ist. Und manchmal ist mehr möglich, als ich denke.

2/ Es kann hilfreich sein, die Fragen nach Gott mal in Ruhe zu besprechen. Hilfreicher noch ist es allerdings, sie auch einmal mit anderen zu besprechen, die aus einer anderen Religion sind. Und wahrzunehmen, wie groß ihr Glaube ist, und wenn er nicht zu Gewalt, sondern zu Heilung führt, darüber zu staunen und Gott zu danken. 


Dienstag, 15. August 2023

Gekrönt

Predigt Mariä Himmelfahrt Hamburg 2023

St. Marien-Dom Hamburg / Foto: A.Lechtape

Im St. Marien-Dom zu Hamburg, der Kathedralkirche des Erzbistums, unweit von hier, findet sich in der Apsis, an der Decke, über dem Altar, ein großes Mosaik. Es zeigt auf Goldgrund in strahlenden Farben die Krönung Mariens im Himmel. Jesus und Maria sitzen nebeneinander auf einer Thronbank, in festlichen Gewändern, Jesus hat ein Buch in der einen Hand – und in der anderen eine Krone, die er seiner Mutter aufsetzt. Um sie herum ein Sternenkranz und rechts und links Engel, die jeweils ein Weihrauchfass schwenken. „assumpta est Maria in coelum“ - aufgenommen ist Maria in den Himmel. 

Das kostbare Mosaik zeigt drei wesentliche Aspekte unseres Glaubens: 

1/ Es zeigt die besondere Würde der Gottesmutter und die liebevolle Zuwendung und den Respekt ihres Sohnes. Ihr irdisches Leben, ihre Mitwirkung in der Heilsgeschichte werden von ihm anerkannt und gewürdigt. Ihr Leben wird vollendet und gekrönt durch Aufnahme in die Gemeinschaft des Himmels.

2/ Es zeigt, was wir als Christen erwarten: Dass wir dereinst, wenn Christus in Ewigkeit herrscht, mit ihm und in der Gemeinschaft der Heiligen im Himmel an der ewigen Freude teilhaben werden. So wie Maria jetzt schon in den Himmel aufgenommen wurde, mit Leib und Seele, so wird es auch uns verheißen.

3/ Es zeigt schließlich, wer wirklich herrscht. Nicht die Könige und Fürsten der Erde, sondern die Königin des Himmels ist die, zu der wir aufschauen. Sie ist unsere Orientierung. Sie ist mächtig. Deshalb brauchen wir unseren Glauben im Alltag nicht zu verteidigen. „Wer die Verteidigung des Gottes übernimmt, den er verehrt, der bekennt damit die Ohnmacht dieses Gottes!“ (Kunz, Konstantin, S. 44). Wer allerdings weiß, dass Gott in Jesus Christus herrscht und dass Maria als Himmelskönigin bei Gott für uns eintritt, der braucht keine Angst zu haben, was auch immer geschieht.

Mariä Himmelfahrt war deshalb schon immer ein besonderes Fest; auch ein politisches Fest! Das wird auch bei diesem Mosaik deutlich. Es wirkt nämlich älter als es tatsächlich ist. 

Heute vor 133 Jahren, am 15. August 1890, erfolgte in Hamburg die Grundsteinlegung von St. Marien durch den Osnabrücker Bischof Bernhard Höting. Die durch die industrielle Revolution rasch wachsende Freie und Hansestadt Hamburg hatte einen neuen Kirchenbau durch die Katholiken lange abgelehnt, nun sollte er im Hinterhof eines Waisenhauses und mit Hilfe einer Crowd-Funding-Aktion ermöglicht werden. Der Bischof wollte eine Kirche im „ruhig und gemessen wirkenden romanischen Stil“ errichten, um einerseits einen eigenen Akzent zu setzen, aber auch historische Kontinuität zu betonen. Die zwei Türme sollten an den Bremer Dom erinnern, den der hl. Ansgar hatte errichten lassen.

Der katholische Reichstagsabgeordnete Ludwig Windthorst, führender Repräsentant der Zentrums¬partei und Antagonist Bismarcks, hatte sich für das Projekt eingesetzt. Unter anderem ermunterte er die Hamburger Katholiken, sich nicht mit einer kleinen Lösung zufrieden zu geben. Er schrieb: „Hamburg ist das Tor Deutschlands zur Welt. Die Deutschen, welche in die Welt hinausgehen, hier sprechen sie das letzte Gebet auf deutschem Boden. Es muss ein Tempel gebaut werden katholischen Glaubens, der allen Nationen imponiert. Die Kirche muss Marienkirche heißen – stella maris.“

Der Bau schritt rasch voran, schon im September 1891 konnte Richtfest gefeiert werden. Doch die Gestaltung des Innenraums fehlte. 30 Jahre nach der Kirchweihe wurde der Kunstmaler Eduard Goldkuhle aus Wiedenbrück beauftragt, die Ausmalung der St. Marien-Kirche vorzunehmen. Der Künstler gestaltete Szenen aus dem Marienleben. Beherrschend war die Krönung Mariens auf Goldgrund in der Apsis - als ein Wandbild. 

Fünfzig Jahre nach der Kirchweihe, 1943, sollte dieses große Wandbild durch ein Mosaik ersetzt werden. Beauftragt wurde die Mayer'sche Hofkunstanstalt in München. Zwar war das Mosaik noch im gleichen Jahr versandfertig verpackt, wegen des großen Bombenangriffs auf Hamburg blieb es vorerst aber in München und wurde erst 1948 angebracht. Das kostbare Mosaik ist also nun 75 Jahre alt. Unmittelbar nach dem Krieg, inmitten einer vernarbten Stadt, hat es seine Wirkung sicherlich nicht verfehlt. 

Das Mosaik lehnt sich in Bildaufbau, Stil und Technik an das Apsis-Mosaik von Santa Maria Maggiore in Rom an, das Jacopo Torriti im Mittelalter (1295) als Zusammenfassung der Mosaikzyklen des fünften Jahrhunderts geschaffen hatte. 

Ist es Zufall, dass in diesen Tagen im St. Marien-Dom eine Ausstellung von Königinnen und Königen gezeigt wird – kleine Holzfiguren des Bildhauers Ralf Knoblauch? Es sind schlichte Schnitzereien, aufrechtstehend, mit einem weißen Hemd oder Kleid und einer schwarzen Hose und mit einer Krone. Sie erinnern an die Würde eines jeden Menschen, die ihm von Gott zukommt; und an die Würde, die wir als Getaufte haben, in der Gemeinschaft mit Christus, der König ist, Prophet und Priester.

Vielen Menschen wird heute ihre Würde abgesprochen; viele Menschen erleben, dass sie in ihrer Würde nicht respektiert werden. Viele Menschen leben unter unwürdigen Bedingungen, sei es in der Arbeit oder in den Beziehungen, sei es im Krieg.

Maria, aufgenommen in den Himmel, ihr Leben gekrönt wird von Gott – diese Fest ist eben auch immer schon ein politisches Fest, weil es uns nicht nur an die Würde der Gottesmutter erinnert; weil es uns nicht nur an unsere eigene Hoffnung erinnert, dass wir dereinst im Himmel leben werden; sondern, weil es uns auch jetzt schon an unsere Würde als Menschen und als Christen erinnert, weil wir schon jetzt in der Gemeinschaft mit Gott leben, Christus nachfolgen, auf seine Mutter als Himmelskönigin schauen. Wir haben als Christen eine Würde, die wir vielleicht manchmal vergessen und nicht leben. 

„Du krönst uns mit Barmherzigkeit!“ (Ps 103,4) Wenn wir uns dieser Würde bewusstwerden, dann können wir aufrecht stehen und für andere eintreten. Und unseren Glauben mit Freude bekennen.