Sonntag, 28. Januar 2024

Macht und Vollmacht


Predigt Vierter Sonntag im Jahreskreis B, Manresa | Hamburg

1/ Mose und Jesus

„Einen Propheten wie mich wird der Herr aus unserem Volk, unter unsern Geschwistern, erstehen lassen.“ (Dtn 18, 15). Mose blickt am Ende seines Lebens auf die Geschehnisse des Exodus zurück. Er erinnert sich an die Machttaten Gottes: Wie er von Gott berufen wurde, um als Mittler zwischen Gott und seinem Volk den Willen des Herrn zu verkünden. Mose hat als Prophet nur das verkündigt, was Gott ihm geboten hat, er durfte nichts Eigenes hinzufügen. Denn der Prophet hat Macht nicht aus sich selbst, sondern von Gott. Er hat Macht, damit er seine Fähigkeiten zum Nutzen des Volkes und im Sinne Gottes einsetzt. 

Jesus verkündete in der Synagoge von Kafarnaum und „lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“ Er setzte seine Macht ein, und sie wirkte heilsam. Er befreite einen Menschen, der von einem unreinen Geist besessen war. Gleich zu Beginn seines öffentlichen Auftretens fragten sich die Leute: „Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.“ (Mk 1,27)

2/ Macht und Vollmacht

Macht ist, so Hannah Arendt, „die menschliche Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.“ Macht ist daher etwas anderes als Zwang oder Gewalt, denn sie gründet in dem Einverständnis und der Freiheit des anderen, der diese Macht als rechtmäßig (legitim) anerkennt und entsprechend handelt. Macht ist nicht in sich gut oder schlecht. Sie ist in gewisser Weise notwendig, um das menschliche Zusammenleben zu gestalten. 

Viele Menschen fühlen sich gerade ohnmächtig angesichts der vielen Probleme bei uns und weltweit. Was kann ich persönlich eigentlich angesichts von Krieg und Klimakrise etwas tun? Wie kann ich in meinem Umfeld etwas verändern? Welche Möglichkeiten habe ich, auf die große Welt-Politik einzuwirken. Manche fordern ein Machtwort des Bundeskanzlers.

Bemerkenswert, dass viele in Deutschland gerade neu den Wert der Demokratie entdecken: Demokratie bedeutet: alle Macht geht vom Volke aus. Diese Macht ist Gabe und Aufgabe zugleich, sie gilt zu verteidigen und zu nutzen, um unser Zusammenleben einvernehmlich zu gestalten. So demonstrierten heute hier in Hamburg mehr als 60.000 Menschen „Für Vielfalt und unsere Demokratie“!

Macht kann allerdings auch missbraucht werden. Dann wird sie zum Zwang, der mit Gewalt versucht, den Gehorsam durchzusetzen. Noch einmal Hannah Arendt: „Wo Gewalt gebraucht wird, um Gehorsam zu erzwingen, hat Autorität immer schon versagt.“

Autorität leitet sich aus dem lateinischen “auctoritas“ ab: von „auctor“ – „Urheber“. Dies deutet darauf hin, dass es Autorität nicht unab¬hängig von der Person gibt. Nur ein authentischer glaubwürdig Mensch hat Autorität. Möglicher¬weise kommt das Wort auctoritas aber auch vom lateinischen „augeo“ – „wachsen lassen“. Ein Mensch, der Autorität hat, lässt andere wachsen und groß werden. Er hält nicht an seiner Macht fest, sondern ermöglicht anderen, Macht zu übernehmen. Er teilt seine Macht, und er erhält dadurch Autorität. 

Auch hier gibt es Fehlformen: ein Mensch, der Macht ausübt, aber keine Autorität hat, wird nicht selten autoritär und zwingt anderen seinen Willen auf.

Und Vollmacht? Vollmacht ist eine geliehene oder übertragene Macht. Sie können einer Person eine Vollmacht geben, dann kann sie in Ihrem Namen sprechen oder handeln. Mose hat als Prophet zum Beispiel hat von Gott die Vollmacht erhalten, in seinem Namen zu reden. 

3/ Macht, Autorität, Vollmacht im Namen Gottes

Gibt es das? Gibt es so etwas in der Kirche? Sollen wir es anerkennen? Der verstorbene Kölner Kardinal Meißner hat einmal gesagt, in der Kirche gäbe es keine Macht, sondern nur Vollmacht. Wer ihn kennt, weiß, dass er häufig sehr autoritär regiert hat. Das macht sein Wort nicht besonders glaubwürdig. Aber stimmt es sachlich? Oder ist es ein Ideal, dass es in der Kirche keine Macht gibt, sondern nur Vollmacht?

In der katholischen Kirche ist jede Macht mit einem Amt verbunden, für das ein Mensch berufen wird, dass er also, nach dem Glauben der Kirche, nicht aus eigenem Willen übernimmt, sondern aus Gottes Willen. Ein Bischof kandidiert nicht, er macht keine Wahlwerbung, sondern er wird von Gott auserwählt. Er hat eine geliehene und übertragene Macht, für deren Ausübung er vor seinem Schöpfer und Erlöser Rechenschaft wird ablegen müssen, davon bin ich überzeugt! 

Doch aus dieser Sicht von Berufung und Erwählung zu folgern, es gäbe in der Kirche keine Macht, sondern nur Vollmacht, ist ein Trugschluss – und es ist insofern naiv, als in der Kirche nicht selten sehr weltliche Dinge in der Ausübung und Organisation notwendig sind und die Einheit der Kirche gerade jener menschlichen Fähigkeit bedarf, im Einvernehmen mit anderen zu handeln. Also Macht in guter Weise auszuüben.

Und es ist insofern gefährlich, weil eben auch in der Kirche Macht missbraucht wurde und wird. Nicht nur in der katholischen, sondern, wie wir nun wissen, auch in der evangelischen Kirche. Es ist gut, wenn wir dafür aufmerksam werden! Fatal wird es allerdings dann, wenn die Verantwortlichen in der Kirche ihre Macht leugnen, beziehungsweise die Vollmacht, die ihnen mit ihrem Dienstamt übertragen wurde, nicht zum Wohl der Menschen nutzen.

4/ „… befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ (Röm 8,21)

Macht hat mit Freiheit zu tun. Was die Menschen seit jeher an Jesus fasziniert hat, ist seine göttliche Vollmacht, die Menschen freizumachen. „Er lehrte sie, wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“ Er lehrt und heilt, er befreit die Menschen von aller Unreinheit und „verkündet eine neue Lehre, der sogar die unreinen Geister gehorchen.“

Was ist das Besondere an Jesus? Dass er mit seinem ganzen Leben auf die Kraft und Macht Gottes hinweist, selbst in der tiefsten Ohnmacht seines Lebens am Kreuz, und so die Menschen befreit von der Last des Todes und der Sünde. „Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe,“ so hat die Seinen gelehrt, zu beten. Es geht ihm nicht um sich selbst, sondern um die Macht und Größe Gottes, um seine Herrlichkeit. Deshalb ist „der Heilige Gottes“, weil er auf Gott selbst hinweist und Gottes Liebe zu uns in seinem Leben erfahrbar wird: selbst in der Dunkelheit und Ohnmacht unseres Lebens, wenn wir allein sind und scheinbar mit niemandem zusammen handeln und dem Einvernehmen wirken können.

Daran dürfen wir uns erinnern, wenn wir jetzt gleich Eucharistie feiern, für das Leben und den Tod und die Auferstehung Jesu danke, der den Tod ein für alle Mal besiegt hat. „Denn dein, Gott, ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Amen.“


Montag, 22. Januar 2024

Sogleich

 


Predigt Dritter Sonntag im Jahreskreis B | Manresa - „sogleich“
Les: Jon 3,1-10; 1Kor 7,29-31; Mk 1,14-20

Am vergangenen Dienstag fand der zweite Abend in der Reihe mehr vom Leben statt, zu dem junge Erwachsene eingeladen sind. Der Titel lautete: „Jein ist keine Antwort“. Es ging um Tipps und Methoden zur Entscheidungsfindung aus der ignatianischen Spiritualität. Wie auch beim ersten Abend war eine schöne Gruppe zusammengekommen, und es gab einen lebendigen und inspirierenden Austausch.

Der erste Schritt der Entscheidungsfindung, so haben wir gesagt, ist die Frage für sich zu beantworten, ob eine Entscheidung ansteht. Diese Frage stelle ich mir besonders dann, wenn ich verwirrt bin oder unter großem Druck stehe. Ist es notwendig, jetzt, sogleich, eine Entscheidung zu treffen? Manchmal trage ich einen Gedanken schon lange mit mir herum, oder ich spüre in einem guten Sinn, dass eine Veränderung möglich ist. Dann ist es richtig, den nächsten Schritt zu gehen, um zu einer Entscheidung zu kommen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Entscheidung? Wann ist der Moment etwas nicht mehr aufzuschieben, sondern zu verändern? Wann ist die Situation geeignet, für ein gutes Wort, ein offenes Herz, den nächsten Schritt? Oft braucht es so etwas, wie ein inneren Impuls, um die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen; die Erfahrung, dass die Zeit reif ist.

Was mich am Evangelium des heutigen Sonntags fasziniert, ist die Bereitschaft der ersten Jünger Jesu, ihm sogleich nachzufragen. Jesus hat, so der Evangelist Markus, in Galilei gerade erst mit der öffentlichen Verkündigung begonnen. Er geht noch allein umher und spricht vom Reich Gottes, das schon nahegekommen ist, von der Umkehr und eben davon, dass die Zeit erfüllt ist, d.h. reif ist für eine Entscheidung.

Jesus sieht Simon und Andreas. Sie hören seinen Ruf: „Auf! Mir nach!“ – „Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach.“ Jakobus und Johannes genauso. Jesus sieht sie an, „sogleich rief er sie“, und sie ließen alles zurück, Familie und Beruf, und folgten ihm nach.

Gibt es das? Kann es so gewesen sein? Schon der Evangelist Lukas baut uns eine Brücke, wenn er vor der Berufung des Simon die Antritt Rede Jesu in Nazareth und eine erste Heilung in Kafarnaum umsetzt. Simon kannte Jesus, es war kein Blinder Gehorsam. Aber das ist auch nicht das, was Markus hier sagen will: mit fliegenden Fahnen, unüberlegt, überstürzt. Im Gegenteil: für Markus ist es der rechte Moment für Simon, weil Jesus ihn gesehen hat, ihn angesehen hat. Weil die Beziehung stimmt. Weil der innere Impuls da ist

Woher kommt dieser innere Impuls, die Gelegenheit zu ergreifen, aufzustehen, in diesem Moment zu sprechen, zu handeln, beziehungsweise eine Entscheidung zu treffen?

In der Lesung aus dem Buch Jona war von einer kollektiven Entscheidung die Rede. Das Volk aus der Megacity Ninive entscheidet sich samt König, auf den Ruf des Propheten Jona zu hören und umzukehren. Sie rufen ein Fasten aus, ziehen Bußgewänder an. Der König lässt das nochmals per Dekret verkünden: „Sie sollen mit aller Kraft zu Gott rufen, und jeder soll umkehren von seinem bösen Weg und von der Gewalt, die an seinen Händen klebt.“

Woher kommt der Impuls? Ich glaube, er findet sich kurz vorher in dem Wort: „und die Leute von Ninive glaubten Gott.“ Gott glauben: Das meint nicht einfach nur glauben, dass es Gott gibt. Das meint auch nicht nur, Gott zu glauben, im Sinne von: annehmen, dass er nicht lügt, dass er die Wahrheit spricht. Sondern es meint (mit alldem und darüber hinaus), ihm zu vertrauen, sein Leben auf ihn zu setzen, und zu glauben, dass dieser Gott, der mich geschaffen hat, etwas Gutes für mich und mein Volk will und die Geschichte zu einem guten Ende führt. Dass das alles einen Sinn hat.

Vorgestern haben viele Menschen in Hamburg gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Rechtsextremismus und für eine demokratische Gesellschaft demonstriert. Angesichts der Gewalt auf allen Seiten und den Polarisierung sah es lange so aus, als würde die schweigende Mehrheit machtlos zusehen. Doch irgendwann gab es diesen Impuls, aufzustehen und sich zu zeigen, für Zusammenhalt, einzutreten, bei allen unterschiedlichen Meinungen, die man angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen haben kann. Woher kam der Impuls? Ich glaube, dass die Menschen neues Vertrauen gefunden haben, dass es sich lohnt, für unsere Verfassung und die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten. Dass es Sinn hat!

Sicherlich ist eine Entscheidung zur Nachfolge Jesu damals wie heute mit Kosten verbunden. Für Jakobus und Johannes bedeutete es, die Familie und die Firma des Vaters zu verlassen. Auch für uns heute ist das Leben in der Nachfolge Jesu nicht nur Glück und unbeschwerte Zeit. Es gibt Schwierigkeiten, Auseinandersetzung mit anderen und vielleicht auch manchmal eine Traurigkeit in mir selbst.

Da hilft mir das Wort Jesu an Simon und Andreas, er werde sie zu „Menschenfischern“ machen. Oft hat man das Wort missverstanden, als ob Menschen gegen ihren Willen im Glauben gefangen werden sollen. Das ist sicherlich nicht gemeint. Ich denke, es geht mehr darum, dass auch das Leben mit der Nachfolge mit Mühe und mit Arbeit zu tun hat. Fischer stehen mit Wurfnetzen oft knietief stundenlang im Wasser, um wieder und wieder zu versuchen, die Netze auszuwerfen. Sie müssen früh aufstehen oder über Nacht arbeiten. Es ist körperlich anstrengend, es geht auf den Rücken, gebückt den schweren Fang zu heben. Und es braucht viel Geduld, die Netze zu säubern, wenn sie mal wieder verheddert bzw. voller Tang und Unrat sind. Kein Zuckerschlecken dieser Beruf. Und doch eine schöne Mühe, verbunden mit der Natur und dem Wasser für die Nahrung der Menschen zu sorgen. Und vor allem: hier und jetzt den Moment zu ergreifen, achtsam zu sein, wach und aufmerksam zu wissen, wann der richtige Moment gekommen ist, das Netz aus dem Wasser zu ziehen.

Angesichts der Ewigkeit und Größe, der Zeitlosigkeit Gottes kann man sich fragen, welche Bedeutung es hat, ob wir uns im richtigen Moment entscheiden oder nicht. Doch Jesus sagt: ja, der Moment ist da, die Zeit ist erfüllt. Deine Entscheidung ist bedeutsam, weil unser Gott ein Gott der Geschichte ist. Er schenkt Sinn und im Vertrauen auf ihn findest du den Impuls, zu handeln.

In einem Gedicht von Joseph Whelan SJ, das auch der ehemalige Generalobere der Jesuiten, Pedro Arrupe SJ, zitiert hat, ist dies schön zusammengefasst: „Nothing is more practical than finding God, than falling in Love in a quite absolute, final way. What you are in love with, what seizes your imagination, will affect everything. It will decide what will get you out of bed in the morning, what you do with your evenings, how you spend your weekends, what you read, whom you know, what breaks your heart, and what amazes you with joy and gratitude. Fall in Love, stay in love, and it will decide everything. “

https://www.ignatianspirituality.com/ignatian-prayer/prayers-by-st-ignatius-and-others/fall-in-love/

21.1.2024

 

 

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Vergessen?!


Predigt Weihnachten 2023 – am Tag | Manresa, Hamburg

Les: Joh 1,1-18

Wenn ein Kind geboren wird, die Eltern sich über die Geburt des Kindes freuen und für es sorgen, dann geben Sie ihm einen Namen. Es mag sein, dass es verschiedene Vorschläge und Ideen gab, welchen Namen sie dem Kind geben würden, doch bald nach der Geburt einigen sie sich, wie das Kind heißen soll. 

Es ist unvorstellbar, dass sie diesen Namen vergessen werden, so, als ob sie eines Tages aufwachen und das Kind sehen und plötzlich nicht mehr wissen, wie es heißt. „Sag mal, weißt du noch, wie unser Kind heißt? Welchen Namen haben wir ihm denn gegeben? Es kann nicht selbst reden, sonst könnten wir es ja fragen!“ Dieser Gedanke ist völlig unvorstellbar, er klingt absurd. Vgl. https://www.der-postillon.com/2013/12/eltern-vergessen-namen-ihres-kindes.html (3.12.13)

Denn erstens kann man zwar viel vergessen, aber den Namen des eigenen Kindes zu vergessen? Das kann man sich niemand so richtig vorstellen. „Kann denn eine Frau, ihr Kind vergessen?“, so fragt der Prophet Jesaja, „eine Mutter ihren leiblichen Sohn?“ (Jes 49,15). Zweitens gibt es andere Menschen um die Eltern herum, die von dem Kind wissen und seinen Namen kennen. Eine der ersten Fragen an eine Mutter mit ihrem Neugeborenen ist doch natürlicherweise immer: „Na, wie heißt das Kleine denn?“ Und schließlich gibt es hier bei uns das Geburtsregister, in das der Name des Kindes eingetragen wird. Außerdem das Taufbuch der Pfarrei, das seit über 200 Jahren systematisch geführt wird, meist noch handschriftlich wird in schönen Lettern der Name des Kindes eingetragen, unauslöschlich. 

Der Name des Kindes, das Maria und Josef in dieser Nacht geboren wurde, ist: Immanuel, wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Friedensfürst“, so der Prophet Jesaja in seiner Verheißung, die gestern Abend als Lesung hier verkündet wurde (Jes 9,5). Und so heißt es auch im Evangelium nach Matthäus: „Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, sie werden ihm den Namen Immanuel geben, d.h. übersetzt Gott mit uns.“ (Mt 1,23) Josef gibt ihm den Namen Jesus, wie es ihm der Engel im Traum befohlen hatte, das bedeutet Gott rettet. (Mt 1,25)

Im Evangelium, dass wir heute, am Weihnachtstag, gehört haben, dem Prolog des Johannes, taucht der Name erst ganz am Schluss auf, im vorletzten Vers, so, als habe der Evangelist ihn versteckt. Er spricht vom „Wort Gottes“, vom „Leben und Licht der Menschen“, vom „Licht in der Finsternis“, vom „wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet“, von ihm, „der in die Welt kam“, die ihm gehört, vom „Wort, das unter uns zelte“ und Wohnung nahm, von der „Fülle“, von der „Gnade“, von der „Wahrheit“, und dann, wie nebenbei, in der Gegenüberstellung zu Mose, der Name „Jesus Christus“. „Der Einzige, der Gott ist, und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ 

Johannes versteckt diesen Namen (vgl. Apg 4,12) in seinem Prolog, er enthält ihn uns vor, er steigert die Spannung für die Hörer, die doch wissen möchten, um wen es sich handelt. Das passt zum Duktus seines Evangeliums, in dem uns schrittweise, pädagogisch, die Identität und die Sendung des Gottes Sohnes enthüllt wird. In sieben Zeichen bzw. Wundern offenbart Jesus seine Herrlichkeit.

Ein erstes Zeichen wirkt Jesus in Kana in Galiläa bei einer Hochzeit, obwohl seine Stunde noch nicht gekommen ist. (Joh 2,4). Weitere Zeichen folgen. Ein letztes Zeichen ist die Auferweckung des Lazarus (Joh 11). Diese Zeichen führen zum Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu, das selbst kein Zeichen ist, sondern erfahrene Wirklichkeit.

Warum nennt Johannes diesen Namen nur versteckt, wie beiläufig? Hat er ihn vergessen? Für den Evangelisten Johannes ist das unvorstellbar! Wer einmal den Weg mit Jesus gegangen ist, wer ihn kennen gelernt hat, wer seine Herrlichkeit gesehen hat und nicht nur die Wunder, die er getan hat, der wird seinen Namen, der kann seinen Namen nicht mehr vergessen.

Der Name „Jesus Christus“ bezeichnet das Wort Gottes. Das Wort Gottes ist eine Person. Der Name hat eine Bedeutung, wie wir gesehen haben, aber er weist auf eine tiefere Wirklichkeit hin nämlich, die Person, das Leben dieses Menschen, in dem Gott allen Menschen nah gekommen ist. Johannes ist vielleicht vorsichtig mit diesem Namen, denn der Name kann uns ablenken von der Person. Titel sind nur Schall und Rauch, sie können missverstanden werden. Jesus ist der Christus, der Messias, aber eben gerade nicht in diesem Sinne, wie ihn viele erwartet haben.

Und was ist mit uns heute? Ist es vorstellbar, dass wir diesen Namen vergessen? Viele Menschen in Hamburg können mit der Person Jesus Christus nichts mehr anfangen, obwohl sie in einer christlichen Umgebung aufgewachsen sind. Sie feiern Weihnachten wie ein heidnisches Lichterfest. Sie stehen vor dem Kreuz und wissen nicht, dass sie ihn, das lebendige Wort, ansprechen können. Sie glauben nicht, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist - auch für sie! Es ist, als sei ihnen ein Kind geboren, über das sie sich freuen, aber sie stehen davor und haben den Namen vergessen, können ihn nicht ansprechen 

Es ist unvorstellbar, dass wir diesen Namen vergessen: Denn erstens lieben wir Jesus Christus. Er ist das Wichtigste in unserem Leben! Zweitens gibt es, Gott sei Dank, andere Menschen, die seinen Namen kennen und die uns zur Not daran erinnern können, selbst wenn wir ihn einmal vergessen sollten. Drittens gibt es die Bibel, die Heiligen Schriften, die Überlieferung, in denen der Name aufgeschrieben ist. Seit bald 2000 Jahren haben Menschen Zeugnis abgelegt und aufgeschrieben, was dieser Name für Sie bedeutet. Wenn Sie in den nächsten Tagen nicht mehr sicher sind, wie das Kind in der Krippe heißt: schauen Sie doch einfach mal nach!


Sonntag, 24. Dezember 2023

Hier und Heute


Predigt Heilige Nacht, Hamburg-Steilshoop

An Weihnachten fällt uns vielleicht manchmal auf, wie unterschiedlich die Menschen sind und wie unterschiedlich sie Weihnachten feiern. Es gibt unterschiedliche Weihnachtstypen.

Es gibt Menschen, die gerne in Erinnerungen schwelgen, von früheren Zeiten erzählen, die alten Bilder rauskramen und dankbar auf das schauen, was früher einmal war. Sie sind manchmal auch ein wenig traurig, dass es nicht mehr so ist wie früher. Früher war es besser sagen sie dann, oder: die guten, alten Zeiten. Loriot hat das in seinem Weihnachtsstück so schon aufs Korn genommen: „Früher war mehr Lametta!“, so heißt dort.

Sicherlich ist Weihnachten ein schöner Moment, um sich an die alten Zeiten zu erinnern und sich bewusst zu machen, was man schon alles erlebt hat: Wie viele Weihnachten man selbst schon in dieser Wohnung oder in diesem Haus, wo man jetzt ist, verbracht hat. An die bekannten Lieder denken, die oft gesungen wurden.

Aber wenn man die Lieder nicht mehr singt, sondern nur noch daran denkt, wie es war, dann wird es schwer, weil wir dann vor allem daran denken, dass es nicht so ist wie damals. Liebe Menschen sind nicht mehr dabei, andere sind dazu gekommen, wir selbst haben uns verändert. Es ist einfach nicht so, wie früher!

Es gibt auch jene Menschen, die gerne in der Zukunft schwelgen. Die in Gedanken immer schon einen Schritt voraus sind, die große und schöne Ideale haben und davon reden, was man alles machen könnte und sollte, wo wir nächstes Jahr Weihnachten vielleicht sein werden, was wir machen werden, wer schon bald zu Besuch kommt, was noch alles zu tun ist und so weiter. Das sind Menschen, die sich freuen können und einsetzen, und die manchmal aber auch etwas unruhig sind und kaum still sitzen und den Moment genießen können. 

Und dann gibt es jene Menschen, die im Heute leben. Sie sind dankbar sind für das, was früher war, sie freuen sich auf das, was bald sein wird. Sie sind aber vor allem wach und achtsam für das, was gerade geschieht. Sie fühlen sich wohl in ihrer Haut, obwohl nicht alles perfekt ist. Sie können die kleinen Unzulänglichkeiten, die eigenen und die Unzulänglichkeiten der anderen, mit Großzügigkeit übersehen und nehmen mit jedem Atemzug etwas von diesem besonderen Augenblick wahr, von der Freude, von dem Lächeln im Gesicht des anderen, von dem Klang der Stimme, von dem Duft der Kerzen und so weiter. 

Das sind Menschen, die wissen, dass ihnen die Zeit jetzt und hier geschenkt ist. Sie leben in der Gegenwart. Sie müssen nicht im Mittelpunkt stehen, aber sie erleben, dass sie selbst dabei sind, dass sie selbst gemeint sind, wenn andere mit ihnen sprechen.

Ich stelle mir vor, dass die Hirten auf dem Feld vor Bethlehem solche Menschen waren, die ganz in der Gegenwart lebten: Sie achteten auf ihre Schafe und auf sich selbst, sie beobachten das Wetter, die Wolken am Himmel und die Sterne. Sie liebten die Einsamkeit der Nacht, aber auch die Gemeinschaft am Feuer. Und genau zu diesen Menschen, so berichtet der Evangelist Lukas, sprach der Engel. Er verkündete Ihnen die Weihnachtsbotschaft: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.“

In der Erzählung ist dieser Satz ein Zitat, das in einem bestimmten Moment der Weltgeschichte gesprochen wurde: Damals „als Quirinus Statthalter von Syrien war.“ (Lk 2,2). Also vor 2000 Jahren. Das haben die Engel damals so gesagt beziehungsweise das haben die Hürten damals so gehört: „Heute ist euch der Retter geboren.“

Aber wenn man das Lukas-Evangelium weiter liest, dann wird man irgendwann über dieses „heute“ stolpern. Denn das Wort kommt noch fünfmal im Evangelium vor, immer wird es an entscheidender Stelle einem anderen Menschen gesagt.

1. Als Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth in der Synagoge aus den Heiligen Schriften vorliest, von dem Gesalbten Gottes, der den Armen eine frohe Botschaft bringt und den Gefangenen Befreiung verkündet, da sagt er: „Heute hat sich das Schriftwort, dass ihr soeben gehört habt, erfüllt.“ (Lk 4,21)

2. Und als Jesus in Galiläa einen Gelähmten heilt und ihm die Sünden vergibt, da sagen die Leute anschließend: „Heute haben wir Unglaubliches gesehen.“ (Lk 5,26)

3. Und als Jesus den Zöllner Zachäus trifft, da sagt Jesus zu ihm: „Heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein.“ (Lk 19,5) 

4. Und beim Abschied von Zachäus sagt er: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“ (Lk 19,9)

5. Ganz am Ende des Evangeliums, als Jesus zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt wird, da sagt er zu dem einen neben sich, der seine Schuld bereut: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43)

So viel „heute“ an den entscheidenden Wendepunkten des Evangeliums, das ist schon etwas auffällig, oder nicht? Da scheint Absicht dahinter zu sein. 

Es ist so, als ob der Evangelist zu uns sprechen würde, zu uns hier in St. Johannis in Hamburg, heute, an Weihnachten 2023! Als ob der Evangelist Lukas und die Engel für uns heute hier eine Botschaft haben. 

Eine aktuelle Botschaft, wir sollen sie uns sagen lassen. Das, was damals in Bethlehem begann, soll für uns, hier und jetzt, ein Heilsweg werden, wo die die Armen Zuspruch erfahren, wo die Trauernden getröstet werden, wo die Sünder Vergebung erfahren und neu anfangen können. Unsere Bereitschaft zur Umkehr soll geweckt, und unser Vertrauen in Gott soll gestärkt werden

In manchen Weihnachtsliedern wird das dann so ausgedrückt, als würde Jesus heute „in uns“ geboren. In dem bekannten Weihnachtslied „Jauchzet, ihr Himmel“ von Gerhard Tersteegen (Gotteslob Nr. 251,7) heißt es z.B. in der letzten Strophe: „Süßer Immanuel, werd auch in mir nur nun geboren. Komm doch, mein Heiland, denn ohne dich bin ich verloren. Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir, der du mich liebend erkoren.“

Das ist natürlich in einem übertragenen Sinn gemeint, dass Jesus in uns geboren wird. Aber dass wir in einem Platz in unserem Leben einräumen, dass wir seine Gegenwart glaubend und hoffend und liebend erwarten, das ist schon in einem ganz realen Sinn so gemeint.

Christen glauben. Sie erinnern sich an die Heilsgeschichte Gottes mit dem Volk Israel und mit Jesus Christus vor 2000 Jahren und sie vertrauen darauf, dass sie ein Teil dieser Heils Geschichte sind.

Christen hoffen. Sie denken an die Zukunft. Sie rechnen mit der Wiederkunft Gottes am Ende der Zeiten zum Heil für alle Menschen.

Christen lieben: Sie leben in der Gegenwart und sind achtsam für das, was so um sie herum und in ihnen geschieht. Sie genießen den Augenblick, weil sie wissen, dass diese Zeit erfüllt ist, von Gottes Gegenwart, die er uns in seinem Sohn schon geschenkt hat.

Weihnachten: Gott ist jetzt und heute und hier für uns gegenwärtig wird durch Jesus Christus. Er ist da. Gott mit uns. Immanuel. Grund unserer Freude. Und der wahre Friede für die Menschen auf Erden. Hier und jetzt! 


Dienstag, 28. November 2023

Du kannst einmalig sein! Du sollst ein Segen sein für andere!

 


Vergangene Woche war ich mit einer Gruppe von Priestern in der Otto-Dix-Ausstellung in den Deichtorhallen. Beeindruckende Kunst des 20. Jahrhunderts, in vielem fremd und verstörend. Dix zeigt nicht die Schönheit des Lebens, sondern seine Abgründe. Wir wurden gemeinsam durch die Ausstellung geführt, von einem Künstler aus Altona, der bislang offenbar wenig Kontakt mit „Kirchenleuten“ hatte. Er war manchmal unsicher, was er uns zumuten könnte. Bei einem Bild jedoch war er sicher, dass wir es mit uns anschauen wollte, denn es war für ihn selbst bedeutsam. Das Bild hat den Titel „Vanitas“. Es sind zwei nackte Frauen zu sehen sind: eine fröhliche, hübsche, naive junge Frau und eine hässliche, gebeugte, abgemagerte, alte Frau. Die Jugend und der Tod, nebeneinander. Vgl. https://de.wahooart.com/@@/8XYNLX-Otto-Dix-Vanitas-(Jugend-und-Alter)

In seiner Erläuterung wies er darauf hin, dass es im Leben eines jeden Menschen einen Moment gäbe, der unausweichlich sei; bei dem man nicht wählen könne, ob es jetzt gerade passe; bei dem es keine zweite Chance gäbe; wo niemand sich entschuldigen oder dispensieren könne, nämlich der Tod. Der Tod steht als eine unausweichliche Lebensrealität und Wahrheit vor uns. Und alle Jugend sei nur deshalb so anziehend und verführerisch, weil sie vergänglich ist angesichts des Todes.

Ja, das stimmt, wir Menschen gehen auf den Tod zu, und niemand kann ihm ausweichen. Sicherlich ist der Tod eines jeden Menschen unwiderruflich. Im bestimmten Religionen glauben die Menschen zwar, dass sie in irgendeiner Form wieder geboren werden, sei es als Mensch oder in einer anderen Lebensform. Trotzdem kennen auch diese Menschen das Gefühl von Vergänglichkeit. Und wir als Christen glauben: Wir leben nur einmal. „Du hast nur ein Leben!“

Wenn ich allerdings die zeitliche Dimension unseres Lebens wirklich ernst nehme, dann ist doch eigentlich jeder Moment unwiderruflich und unwiederbringlich, oder nicht? Sicherlich kann ich manches im Leben mehrfach tun: ich kann ein schönes Konzert ein zweites Mal hören, ich kann ein gutes Buch ein zweites Mal lesen, ich kann einen guten Freund ein zweites Mal besuchen. Aber was ich im Lebe tue oder sage oder nicht tue und nicht sage - rückgängig kann ich es nicht machen.

Das Evangelium am heutigen, letzten Sonntag im Kirchenjahr stellt uns das Ende der Welt und das Weltgericht vor Augen. Es macht deutlich: Das irdische Leben in einer christlichen Perspek­tive ist einmalig und zugleich vergänglich.

Dies wird im Bild vom König ausgeführt, der auf dem Thron der Herrlichkeit sitzt. Dieser König, so heißt es, wird handeln wie ein Hirt, der Schafe und Ziegen scheidet. Das Kriterium der Entscheidung des Königs wird nachträglich genannt, als Begründung für das, was die beiden Gruppen empfangen oder nicht empfangen: das ewige Leben. Die Strafe, von der dort die Rede ist, oder auch das Feuer, ist meiner Meinung ein Bild für den Mangel an ewigem Leben bzw. das Fehlen des ewigen Lebens. Es bedeutet, das ewige Leben nicht zu empfangen.

Die Gerechtigkeit, von der in der Bibel die Rede ist, ist also nicht ein abstrakter Begriff oder eine allgemeinen Norm, sondern es ist ein Handeln, das Beziehung stiftet und dem entspricht, was Gott für alle Menschen möchte: Leben, Leben in Fülle, ewiges Leben.

Mit dem Bild des gerechten Königs (und ich betone: es ist ein Bild!) wird uns hier und heute eine Orientierung gegeben. Denn es ist klar, wer dieser König ist, der am Ende richtet: Es ist der Menschensohn, d.h. Jesus Christus selbst.

Jesus Christus allerdings begegnet uns nicht erst im Tod. Wir haben schon seit einiger Zeit von ihm über Gott gehört. „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18) Und er ruft uns schon heute zur Umkehr und zu einer neuen Lebensweise, und zwar vermittelt durch die Menschen, mit denen er sich solidarisiert: die Hungernden, die Obdachlosen, die Kranken, die Gefangenen, die Geflüchteten, die Geringsten.

Damit aber, so meine ich, relativiert der Glaube den Tod, weil deutlich wird, dass der Tod in einem größeren Zusammenhang steht, dass es immer um das eigene Leben geht, in dem eigentlich jeder Moment zählt, in dem ich getan oder nicht getan habe, worauf es ankommt. Christlich gilt sicherlich: „Du hast nur ein Leben!“ Aber zugleich heißt es: „Du kannst hören, wer du sein kannst!“ „Du kannst einmalig sein!“ „Du sollst ein Segen sein für andere!“

Wie wäre es, jeden Tag zu leben, als wäre es der letzte? Steve Jobs sagte einmal: „Lebt man jeden Tag, als wäre es der letzte, dann liegt man eines Tages damit richtig.“ Vgl. Steve Jobs bei seiner Rede in Stanford: https://www.ohwr.de/uploads/media/Steve_Jobs_Rede_Stanford_2005.pdf

Vielleicht halten es manche für morbide, wenn ich die Texte des Evangeliums als eine Vergegen­wärtigung des Todes deute. Doch ich sehe darin eine hilfreiche Übung, bei der wir die Angst vor dem Tod verlieren können, weil wir den Moment des Lebens wertschätzen lernen - und die Gegenwart Gottes darin in Jesus Christus.

In der Ignatianischen Spiritualität hört man oft, man solle „Gott suchen und finden in allen Dingen.“ Das ist gut und richtig. Aber wie zeigt sich Gott uns denn? Zeigt er sich uns in einer Blume oder in einem schönen Sonnenaufgang? Mag sein! In jedem Fall aber zeigt er sich uns in seinem Sohn, der sein Leben aus Liebe für andere hin gibt und uns auffordert, es an unserer Stelle genauso zu tun.

Ignatius selbst begegnete Gott nicht anders als durch Jesus Christus. Er betet zu Christus wie zu einem Freund. Bei seiner Vision in La Storta (vor Rom) hört er die Worte von Jesus Christus am Kreuz, der zu ihm sagt: „Ich will, dass du uns dienst!“ Dieses „uns“ ist Gott, der Dreieine, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dieses „uns“ ist auf den Dienst an den Menschen verwiesen: „uns dienen“, indem du den Menschen dienst.

Das Fest Christkönig am Ende des Kirchenjahres ist im Grunde für uns da, um uns im Angesicht des Gekreuzigten an unseren eigenen Tod zu erinnern - und an die Einmaligkeit und Schönheit unseres Lebens. Und um uns in diesen Dialog mit Christus am Kreuz zu führen, in dem er selbst uns fragen lässt, „wiederum, in dem ich mich selbst anschaue: das, was ich für Christus getan habe; das, was ich für Christus tue; das, was ich für Christus tun soll.“ (EB 53)

Dienstag, 14. November 2023

Öl für die Lampen

Magdeburger Dom, kluge junge Frauen

 Predigt 32 So A | Hamburg

Les: Weish 6,12-16; 1Thess 4,13-18; Mt 25,1-13

Vor einigen Tagen berichtete Dana Rosa, eine junge Frau aus Berlin, auf TikTok von ihrer Arbeitssuche. Sie hat Tränen in den Augen, ihre Stimme zittert, sie ist fassungslos und schluchzt. Sie klagt über ihr Leben: Man habe ihr immer gesagt, sie müsse studieren, dann finde sie einen besser bezahlten Job. Doch jetzt erwartet man von ihr eine 40 Stunden-Woche. Ich zitiere aus dem Video:

„Da sind Leute, die wollen dir 36.000 Euro brutto im Jahr geben – als Vollzeitangestellte, aber du kriegst auch 30 Tage im Jahr Urlaub“, berichtet sie sichtbar schockiert. „Das Schlimmste ist, die 30 Tage sind ja noch viel – im Jahr! Wir reden hier von einem ganzen Jahr! Ich weiß jetzt wirklich nicht, wie man überleben soll. Das bedeutet keine Freizeit, man sieht sich nicht mal, weil man nur arbeiten geht. Und am Wochenende wartet auf mich dann ein Haushalt und ein Einkauf, auf mich warten dann irgendwelche Freunde, die mich auch mal wiedersehen wollen, für die ich eigentlich gar keine Energie mehr hab, weil ich die ganze Zeit nur arbeiten bin. Und dann fängt alles wieder von vorne an.“

Ein einzelnes dummes Mädchen der „Generation Z“, das nie zu arbeiten gelernt hat und einen Nerven¬zusammenbruch erleidet, weil es Angst hat, dass es mit der Arbeitsbelastung nicht fertig wird? Oder ist diese Angst und dieses Gefühl von Überlastung nicht viel weiter verbreitet, als wir meinen? Die Diskussionen um eine die „work-life-balance“ zeigen, dass es nicht einfach ist seinen Platz zu finden. Denn gehört die Arbeit etwa nicht zum Leben?

Jeder wird aus der eigenen Familie oder aus dem Freundeskreis Menschen kennen, die an Arbeits-Überlastung leiden. Einige haben einen burn-out, d.h. sie haben keine Kraft mehr zum Leben. Das ist eine Krankheit, schlimm, für die Menschen selbst und für die Angehörigen, die oft hilflos dabei stehen und selbst mit gutem Willen ihnen nichts von ihrer Kraft und ihrem Lebensmut abgeben können.

Ein Mitbruder aus Göttingen, den ich sehr schätze, ein begnadeter Seelsorger und Pfarrer, engagiert und solidarisch, kreativ und geistlich, ist seit dem Sommer in Therapie. Er hat zu viel gearbeitet. Er sagte am Telefon: Es fühlt sich an, wie wenn ein Loch im Segel ist. Es geht gar nichts mehr.

An diese Menschen habe ich gedacht, als ich das heutige Evangelium las von den jungen Frauen, die kein Öl mehr haben. Sie möchten – wie die anderen auch - zur Hochzeit gehen, zur der sie eingeladen sind, aber im entscheidenden Moment fehlt der Sprit. Und der lässt sich offensichtlich auch nicht einfach besorgen oder teilen. 

Sie haben kein Öl mehr. Im Evangelium werden sie als dumme junge Frauen bezeichnet. Sie haben nicht vorgesorgt wie die anderen, die klugen jungen Frauen. In welcher Weise sind sie klug? In welchem Sinn haben sie vorgesorgt? 

Das „Öl“ für die Lampen steht im Gleichnis für die Ressourcen des Glaubens. Die einen haben auf sie geachtet, die anderen nicht. Diese Ressourcen helfen, um in das Reich Gottes einzutreten und darin zu leben. Auf die Bedeutung dieser Ressourcen habe ich schon im Rahmen der Predigtreihe vor einem Monat hingewiesen. Hier werden einige dieser Ressourcen konkret benannt. Welche sind es?

1/ Die klugen jungen Frauen leben in der Freude auf das, was kommt. Der Glaube ist wie die Vorfreude auf eine Hochzeit. Oder wie der kleine Löffel bei einem guten Essen, den manche den Propheten nennen, weil er vom Nachtisch kündet: Das Beste kommt noch! Diese Freude zeigt sich z.B. in der Hoffnung auf Frieden für alle. Wenn ich es angesichts der angespannten Weltlage und der immer neuen Katastrophenmeldungen in den Nachrichten mit der Angst zu tun bekomme, dann kann es sein, dass ich diese Hoffnung verliere und ich es Gott nicht mehr zutraue, dass er die Welt zu einem guten Ende führt. Dann geht mir das Öl aus. (zeitliche Dimension)

2/ Die klugen junge Frauen leben in der Achtsamkeit sowohl in der Beziehung zu Gott wie zu anderen Menschen, weil sie die Gegenwart nicht aus dem Blick verlieren. Ihr Warten ist nicht einfach ein Absitzen der Zeit. Nicht wie ein Mensch, der einfach alles auf morgen verschiebt und nichts mehr tut. Es ist andererseits auch nicht so, dass sie krampfhaft wach bleiben und fromme Höchstleistungen vollbringen. Das Gleichnis erzählt: Alle zehn schlafen ein, als die Zeit lang wird. Christlicher Glaube ist nicht angestrengte Verbissenheit, sondern Gelassenheit: ein waches Gespür dafür, wann ich bereit sein muss: Wenn es gilt ein Geschenk der Liebe anzunehmen oder die Chance zu sehen, ganz für einen anderen Menschen da zu sein. (mitmenschliche Dimension)

3/ Die klugen jungen Frauen leben schließlich in der Bereitschaft, ein kleines bisschen mehr zu tragen, als es auf den ersten Blick nötig erscheint, nämlich auch noch die Krüge mit dem Öl mitzunehmen. Das war nicht angenehm für sie. Doch sie sind sich bewusst, dass nicht alles im Leben eine reine Freude ist, dass es auch Durststrecken und Kreuzwege gibt und dass das Leben trotzdem einen Sinn hat. (mitleidendene Dimension)

Das bedeutet keinesfalls, dass man alles ertragen soll. Opfer braucht es keine mehr, seit der Herr sich für uns hingegeben hat. Wir sollen nicht alles tragen, sondern müssen etwas zurücklassen, müssen uns abzugrenzen. Aber die Liebe hat auch etwas mit Leidenschaft zu tun hat, weil wir den Glauben in zerbrechlichen Gefäßen tragen, weil wir Menschen sind und die Sünde in dieser Welt noch ihre Macht hat.

Seit Monaten werden wir mit Tod und Leid konfrontiert – vor allem durch Bilder aus Israel und der Ukraine. Die Menschen, die Zuflucht suchen, können nicht alle aufgenommen werden. Kann ich in dieser Situation etwas mehr tragen als es mir gerade bequem erscheint? Einen kleinen Krug Öl mehr?

Ich habe keine Lösung für Dana Rosa anzubieten und ich will ihr keinen Ratschlag geben, was sie tun soll. Vielleicht ist ein Vollzeitjob im Büro einfach nicht das richtige für sie. Vielleicht gibt es etwas, wo sie glücklich wird, wo sie eine Tätigkeit findet und erfüllt und gut leben kann. Ich würde die Angst nicht einfach übergehen. 

Und auch bei einem Burn-out kann ich Ihnen hier keine einfache Lösung bieten. Das entscheidende Kriterium für ein erfülltes und gutes Leben ist es aber, so bin ich überzeugt, dass ich einen Sinn finde, dass ich eine Orientierung finde, dass ich eine Ahnung davon bekomme, wofür sich das alles lohnt.

Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei Tugenden, Grundhaltungen, die wir entdecken und in die wir uns einüben können, sind Ressourcen des Glaubens, das Öl in unseren Lampen auf dem Weg zur Hochzeit. Ich hoffe, wir sehen uns - beim Fest! Und bis dahin: Im Gebet verbunden!




Dienstag, 3. Oktober 2023

„Warum nicht?“

Predigt 26. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg 2023

Die Ressource: „innere Freiheit“

Les: Phil 2,1-11; Mt 21,28-32

Predigt: Liebe Geschwister im Glauben,

im Rahmen der Predigtreihe haben ihnen an den vergangenen Sonntagen drei Predigerinnen jeweils eine Ressource vorgestellt, die ihnen Kraft und Mut im Glauben gibt: Sr. Klarissa die Ressource des Suchens nach dem eigenen Weg, Martina Altendorf die Vergebung, Barbara Viehoff den Perspektivwechsel. Heute möchte ich eine Ressource vorstellen, die mir Kraft und Mut im Glauben gibt: die „innere Freiheit“.

Wir haben im Moment Besuch von einem älteren Herrn, ein Bekannter von Pater Mehring, der nach einigen Irrungen und Wirrungen im Leben schließlich Religionslehrer geworden ist und darin seine Berufung gefunden hat. Er erzählte beim Abendessen, auf welch ungewöhnlichem Weg er dazu gekommen ist. Die Geschichte endete damit, dass all die Ereignisse und Begegnungen ihm deutlich gemacht haben, dass der „oberste Chef“, so drückte er sich aus, „es so gewollt habe“. Das habe ihm eine große innere Freiheit gegeben in diesem Beruf.

Das Evangelium, dass wir gerade gehört haben, ist in diesem Sinne auch eine Berufungsgeschichte. Der Vater ruft nacheinander seine zwei Söhne und bittet sie: geh und arbeite heute im Weinberg. Die Antworten der beiden fallen unterschiedlich aus. Der eine sagt „nein“, geht dann aber doch. Der andere sagt „ja“, geht aber nicht. Die Antwort auf die Frage, wer den Willen des Vaters getan hat, ist jedoch einhellig: Der erste ist schließlich der Einzige, der etwas getan hat.

Ist die Pointe der Erzählung also, dass es mehr auf die Taten ankommt und als auf die frommen Worte? Dies bestreiten weder die Hohepriester noch die Ältesten der Juden, mit den Jesus diskutiert. Ignatius von Loyola würde sagen, dass man die Liebe mehr in die Taten als in die Worte legen soll. In dem Punkt sind sie sich doch offenbar einig. Worum geht es bei diesem Gleichnis dann eigentlich?

Eine kleine Zwischenfrage an Sie mag uns helfen: Welcher der beiden Söhne, denken Sie, war am Ende des Tages glücklicher? […] Derjenige, der den Tag gearbeitet hat – oder der andere?

Das Gleichnis vom willigen und vom unwilligen Sohn hebt, so denke ich, vor allem auf die innerliche Veränderung ab, auf das, was beim Einzelnen innerlich geschieht: auf die Umkehr und die Reue, auf die Einsicht und die Wirkung, die damit zu tun hat, dass man auf das Recht-behalten-wollen, verzichtet. Das ist, glaube ich, der entscheidende Punkt in dieser Geschichte - und auch bei der Frage nach der Berufung und der inneren Freiheit.

Berufung ist die Wahrnehmung, dass ich etwas tue, was nicht nur auf meinem eigenen Mist gewachsen ist; dass ich geführt werde von Gott, auf einem Weg, den ich mir selbst nicht vorgestellt oder ausgesucht habe und den ich doch selbst gewählt habe. Berufung ist die schrittweise Erkenntnis, dass die einzelnen Puzzle-Teile meines Lebens doch irgendwie zusammengehören und dass es einen größeren Sinn gibt, den Gott für mich kennt und mir zu deuten hilft.

Es geht bei Berufung nicht in erster Linie um die Reue des Sohnes. Diese spielt sicherlich in einem Moment auch eine Rolle: Dass er sich gedacht hat, mehr noch, dass er gespürt hat: „Meine Antwort war nicht okay.“ Ich könnte dem Vater im Weinberg heute einmal helfen. Warum mich der Vater bittet, das ist gut möglich und mir bricht kein Zacken aus der Krone. Es geht bei Berufung eher um die Einsicht, dass auch eine andere Antwort möglich geworden gewesen wäre - und um das Vertrauen, dass ich es wagen könnte.

„Pourqoui non?“ - „Warum nicht?“ Diese Frage steht unter einem Marienbild, dass bis heute in der Kapelle der heimatlichen Burg derer von Loyola hängt. Die Frage ist erfunden die Antwort Mariens auf die Botschaft des Engels, ob sie bereit ist, ein Kind zu erwarten, ob sie bereit ist, die Mutter Gottes zu werden. Warum nicht? Das wird auch die Antwort des ehrgeizigen, jungen Basken Inigo sein, als er in sich den Ruf spürt, eine Wallfahrt nach Jerusalem zu unternehmen, allein und zu Fuß.

Warum nicht? Das ist eine Antwort auf eine mögliche Berufung. Was braucht es dafür, um eine solche Antwort geben zu können? Man soll nicht naiv zu allem „ja“ und „amen“ sagen; nicht jeden Dienst übernehmen, den andere einem antragen; nicht auf jeden Zug aufspringen, egal wohin er fährt.

Drei Dinge sind wichtig, um gut unterscheiden zu können.

1/ Es braucht das grundlegende Vertrauen, dass der, der mich ruft, es gut mit mir meint. Er ist der Vater, und ich bin sein geliebter Sohn, seine geliebte Tochter. Ich bin von ihm gesehen und in seinen Augen wertvoll.

2/ Es braucht die Offenheit, dass Veränderung möglich ist, dass ich in den Augen Gottes wachsen kann. Er traut mir etwas zu, und ich kann „hören, wer ich sein kann“.

3/ Es braucht die Hoffnung auf eine größere Gerechtigkeit, auf einen größeren Sinn, der Orientierung schenkt. Manche nennen das Werte. Ich würde es eher Demut nennen; weil es nämlich um die Bereitschaft geht, auf das Recht-behalten-wollen und das Bescheid-Wissen zu verzichten und einfach zu dienen, ohne die erste Geige zu spielen.

Das hört sich vielleicht etwas abstrakt oder kompliziert an: Vertrauen, Offenheit für Veränderung, Hoffnung auf eine größere Gerechtigkeit, aber ich sehe darin tatsächlich die drei Grundbausteine einer Berufung, auf die sich bauen lässt.

Wenn sie es kürzer und einfacher haben möchten: neu anfangen ist möglich. Im Glauben sind wir alle Anfänger, weil Gott neu mit uns anfängt, jeden Tag. Und es kommt auf deine Antwort an, nicht nur im Wort, sondern auch in der Tat.

Ganz schön beschreibt Paulus diese Haltung in dem Brief an die Gemeinde in Philippi. In Philippi, im Norden Griechenlands, an der Grenze zu Mazedonien, liegt eine von Paulus gegründete Gemeinde. Es ist seine Lieblingsgemeinde, zu der er eine besonders enge Beziehung hatte. Die Gemeinde ist im Evangelium verwurzelt. Die Botschaft vom „Trauen Gottes“ ist klar, aber es gibt Probleme bei der Umsetzung, es gibt Auseinandersetzungen untereinander.

In dieser Situation bringt er die Berufung des Christ-Seins auf einen zentralen Punkt: dem anderen den Vorrang einräumen bzw. aufs Recht-behalten-wollen zu verzichten. (vgl. Norbert Baumert, Der Weg des Trauens, Paulus neu gelesen, Würzburg, 2009).

Paulus ist in Gefangenschaft und er wünscht sich von der Gemeinde, die er sehr schätzt, ein Zeichen der Ermutigung und des Trostes. Und er bittet sie: „Macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig. Dass ihr nicht aus Streitsucht und nicht aus Prahlerei heraus handelt. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“

„Eines Sinnes sein“, das bedeutet nicht eine Gleichschaltung der Gedanken, sondern eine gemeinsame Ausrichtung: in der gleichen Liebe zu Gott ein gutes Miteinander pflegen: ohne Rivalitätsdenken, ohne Missgunst und Neid. Und dabei jeweils die anderen so einschätzen, dass sie vor euch selbst den Vorrang haben. Ganz selbstverständlich im alltäglichen Umgang miteinander schlicht und ohne gekünstelte Manieren! Eine innere Haltung den anderen gegenüber.

Achtung: nicht Höherbewertung! Nicht den anderen für besser halten. Es geht nicht ums Urteilen „der andere ist moralisch besser als ich“ – das Urteilen ist allein Gottes Sache. Es geht um Zuvorkommenheit, um Respekt, dem anderen den Vorrang zu geben.

Konkret: dem anderen das größere Tortenstück zu überlassen. Oder in der Kommunität bereit zu sein, auch einmal das Klo zu putzen. Oder im Gemeinderat dem anderen den Vorsitz zu überlassen. Oder beim Dank einmal nicht an erster Stelle genannt zu werden. Das kratzt am Ego. Darum geht es.

Das setzt gerade das Wissen um die eigene Würde voraus! Nur wenn ich nichts verteidigen muss, weil ich in Gott geborgen bin, nur wenn ich keine Angst mehr habe um mich selbst, kann ich anderen den Vortritt lassen, kann ich aufhören Recht behalten zu müssen.

Die Interessen der anderen berücksichtigen, d.h. eine andere Perspektive einnehmen. Und zwar aufgrund der eigenen Christusbeziehung dem anderen Vorrang zu geben. Und auch die eigenen Schwächen einzugestehen. In der Schwachheit werden wir einander Geschwister!

Das bedeutet nicht, immer zurückzustehen und sich zu verkriechen. Das Beispiel Jesu ist angezielt. Der hat sich nicht vorgedrängelt, er kannte allerdings klare Worte und deutliche Positionen. Er hat seinen Platz eingenommen als Lehrer, als Meister!

Selbstverständlich: Gott hat immer den Vorrang. Sein Auftrag an den Menschen hat Vorrang. Keine falsche Unterwürfigkeit und Duckmäuserei. Aber in der Entschiedenheit eine bestimmte Haltung der Freiheit, um die geht es hier. Um eine Haltung des Dienens, vgl. Lk 22,27b („Ich bin unter euch als einer der dient.“)

Das Beispiel Jesu wird dabei leitend (vgl. V5): So habt ihr bei Euch und unter Euch die Gesinnung, die man „in Christus Jesus“ haben sollte. Das heißt nicht: dieselbe Gesinnung haben wie Christus (sich kreuzigen lassen), sondern es heißt eine der eigenen Christusbeziehung entsprechende, angemessene Gesinnung zu haben: Wenn ich in Beziehung zu Christus stehe, dann der andere doch auch! Seine Freunde sind auch meine Freunde, oder nicht?

Wie sich also Jesus Christus als Mensch unter Menschen verhielt (vgl. V6): „Er, der in seinem irdischen Leben von Gottes Wesensgestalt war -, hat es nicht (triumphierend) wie einen Raub betrachtet, sich so zu verhalten, wie es Gott entspricht, sondern hat sich selbst völlig zurückgenommen“, d.h. er hat darauf verzichtet, seine göttliche Macht zu gebrauchen – obwohl er es hätte tun können.

Einige, die diese Stelle gut kennen, hören dort von der Übersetzung her eine zeitliche Reihenfolge: als ob der Sohn, vor aller Zeit beim Vater, bei der Menschwerdung gesagt hat: naja, dann lasse ich das Gott-Sein mal für eine kurze Zeit bleiben und werde Mensch und gehe auf die Erde. Jesus als ein Avatar, der jetzt unter den Bedingungen des Menschseins agiert, d.h. nicht Gott ist, und dann wieder zu Gott zurückkehrt und seine Kräfte wiederbekommt.

Nein, das ist nicht gemeint bei Paulus. Ausgangspunkt ist wörtlich „Christus Jesus“, d.h. der konkrete, historische Mensch Jesus von Nazareth. Der ist schon Mensch und Gott zugleich und dann hat er auf etwas verzichtet. Er hat etwas losgelassen in seinem Leben. Kenosis ist also nicht, dass Jesus sich seiner Gottheit bei der Menschwerdung oder beim Sterben entäußert hätte, sondern es ist der Verzicht des Menschen Jesus auf die Ausübung seiner göttlichen Macht, besonders in seiner letzten Phase, in der Hingabe seines Menschseins in den Tod.

Der Satz „er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich“ ist nicht eine Abfolge. Richtig übersetzen müsste man dort mit einer zeitlichen Nachordnung: „er nahm sich zurück, nachdem er eine Sklavengestalt ergriffen hatte.“ D.h. er war schon als Mensch geboren und hat dann auf etwas verzichtet: In der entscheidenden Konfrontation der Menschen mit seiner Sendung verzichtet er bewusst auf alle göttliche Wunderkraft und auf alle menschlichen Machtmittel (Besitz, Anhängerschaft, Beziehungen, Verhandlungen, etc.) – und vertraut allein auf die Liebe.

Das ist Berufung meines Erachtens: neu anfangen, aufs Recht behalten wollen verzichten, bereit sein zu dienen – und zu vertrauen, nur auf die Kraft der Liebe, nicht auf menschliche Machtmittel. Das schenkt innere Freiheit. Warum nicht?