Donnerstag, 29. Januar 2026

Berufung

Predigt Zweiter Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg | Manresa (nicht gehalten)

Les: Jes 49, 3.5-6; 1Kor 1,1-3; Joh 1,29-34

Am vergangenen Dienstagabend begann die Reihe zur Lectio divina. Einmal in der Woche treffen wir uns hier am Kleinen Michel, um gemeinsam in der Bibel zu lesen. In diesem Jahr sind vier Abende zum Johannes Evangelium geplant unter dem Titel: „Evangelium der Dialoge“. Am ersten Abend ging es genau um diese Stelle aus dem Johannes-Evangelium, die wir gerade gehört haben, die Begegnung von Johannes dem Täufer mit Jesus.

Johannes sieht Jesus auf sich zukommen und bezeugt ihn als den, den er gesucht hat, auf den er gewartet hat. Ob er Jesus schon vorher begegnet ist? Ob Jesus vorher schon von Johannes getauft worden war? Das alles wird nicht erzählt, wir können es annehmen. Das Entscheidende ist für den Evangelisten Johannes offenbar die Begegnung der beiden, nachdem für Johannes klar geworden ist, um den es sich handelt.

Inwiefern ist diese Textstelle eigentlich an Dialog? Hier spricht allein Johannes der Täufer, unterbrochen nur von einem kurzen Einschub des Evangelisten. Zu wem spricht Johannes eigentlich? Und worauf hört Johannes? Das ist doch die Voraussetzung für einen Dialog, von Kommunikation, das man zuhört und antwortet.

Johannes antwortet mit seinem Zeugnis offensichtlich auf eine Frage, die ihm von den Priestern und Leviten aus Jerusalem gestellt worden war: „Wer bist du?“ (Joh 1, 19) Wer bist du eigentlich, dass du hier in der Wüste mit Wasser taufst, zur Umkehr, zur Vergebung der Sünden? Wer bist du, dass Du hier den Messias erwartest? 

Er wird sich diese Frage, vielleicht selbst du manches Mal bestellt haben, so wie jeder von uns: wer bist du? Er wird den Zweifel gekannt haben, ob das, was er tut, richtig ist. Aber er wird auch diesen inneren Ruf, diese Sehnsucht und Motivation gekannt haben, dem Willen Gottes mit seinem Leben zu entsprechen, d.h. seine Berufung zu leben.

Die eigene Berufung zu finden, das ist nicht leicht. Manche von uns haben schon früh entdeckt, was „ihr Ding“ ist, was ihre Begabung ist, woran sie Freude haben. Der eine wollte schon als Kind Arzt werden, eine andere wusste schon immer, dass Lehrerin genau das richtige ist, oder dass sie Jura studieren wird. Jemand möchte Musiker werden, so viele Berufungen. Auch die Berufung als Christ zu leben und sich taufen zu lassen.

Der Gottesknecht, von dem wir bei Jesaja gehört haben, kannte seine Berufung schon früh: „Der Herr, der mich schon im Mutterleib von zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob heimführe und Israel bei ihm versammelt werde.“ (Jes 49,5) - vom Mutterleib an! Andere haben ihre Berufung erst später gefunden: entweder haben sie länger gebraucht, um sie zu entdecken, oder sie hat sich nochmals verändert. Sie schulen um, wagen den Quereinstieg. 

So auch der Gottesknecht übrigens: Er entdeckt, dass sich seine Berufung geändert hat: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen, damit mein Heil bis ans Ende der Erde reicht.“ (Jes 49, 6)

Und wie war das nun bei Johannes dem Täufer? Er beschreibt seine Berufung in kurzen, prägnanten Worten. Er hat seine Berufung von Gott erhalten, nämlich mit Wasser zu taufen. Er hat diese Berufung nicht für sich selbst, sondern damit der Messias „Israel offenbart wird“ (Joh 1,31), damit Israel mit dem heiligen Geist getauft wird (Joh 1,33).

Also noch einmal die Frage: Wenn es sich hier um einen Dialog handelt, zu wem spricht Johannes da eigentlich? 

Johannes spricht über Jesus, den er erkennt als den Erwählten, als den Sohn Gottes, als den, den er angekündigt hat. Und in dieser Freude, dass er gefunden hat, was er gesucht hat, spricht er zu den Menschen um ihn herum; wer auch immer da gerade am Jordan bei ihm steht. In einem übertragenen Sinn spricht er zu uns; wer auch immer da gerade bei uns ist! Er bezeugt es für uns!

Und auf wen hört er? In geistlicher Hinsicht würde ich sagen: er hört auf sein Herz! Er erkennt den Geist, er sieht die Zuwendung Gottes, weil er selbst diese Zuwendung als ein Wort erfahren hat. Und er spürt die Freude darüber, dass das, worauf er erhofft hat, sich erfüllt. Das sind gute Zeichen einer echten Berufung: wenn das eigene Herz, wenn der Geist, wenn das Wort Gottes, das mir gesagt, wird in Übereinstimmung kommen.

Berufung ist manchmal so ein „Containerbegriff“. Bei allem, was man nicht erklären kann oder will, sagt man: das ist halt Berufung. Beispiel. 

Für Johannes den Täufer erfüllt sich seine Berufung in diesem Moment. Es ist ein Moment der Freude. Er erlebt das, worauf er gehofft hat, wofür er gelebt hat. Und er gibt Zeugnis davon. Er erzählt anderen davon. Haben Sie schon einmal mit anderen über ihre Berufung gesprochen?


Montag, 12. Januar 2026

Gerechtigkeit und Recht

Predigt 2026 Taufe des Herrn, Hamburg | Manresa

Les: Jes 42, 5a.1-4.6-7; Psalm 29; Apg 10, 34-38; Mt 3, 13–17

In den letzten Wochen wird viel über das Völkerrecht gesprochen. Indem sich die Nationen verpflichten, bestimmte Rechte untereinander einzuhalten, soll damit eine gewisse Form von Gerechtigkeit hergestellt werden, um den Frieden zu sichern. Durch die aktuellen Kriege und die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konflikte wird die bisherige Rechtsordnung allerdings immer wieder gebrochen. Es stellt sich deshalb andauernd die Frage: Ist das richtig, so zu handeln? Ist das gerecht? Ist das moralisch menschlich ethisch vertretbar?

Die Entführung von Präsident Maduro zum Beispiel: Das ist ein Verbrecher, der sein Volk unterdrückt und ausgebeutet hat, der schlimmste Gewalt zu verantworten hat. Aber die Entführung durch die USA widerspricht dem Völkerrecht; die kriegerische Gewalt, die auch Unschuldige trifft. (vgl. Statement von P Martin Maier SJ) Ist das die Weise von Gerechtigkeit, die wir brauchen? Wird diese Form der Rechtsordnung den Menschen helfen? Heizt das nicht nur die Spirale der Gewalt weiter an? Was ist richtig? Was sollen wir in Europa jetzt tun?

Heute, am Ende der Weihnachtszeit, feiern wir noch einmal den Neuanfang, den Gott mit dieser Welt in Jesus Christus gewagt und geliebt habt. Die Verheißung des Alten Bundes sind in Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Gott tröstet sein Volk und schenkt ihm Vergebung. Er eröffnet ihm einen Weg in die Freiheit und lässt es seine Herrlichkeit schauen. Ja, die Geburt Jesu bereitet wirklich Freude, damals wie heute, denn Gott sagt ja zu dieser Welt und schenkt uns seine Gegenwart.

In den Texten des heutigen Sonntags ist davon die Rede, dass Gott uns seine Gegenwart in Gerechtigkeit schenkt. Die Grundlage dieser neuen Lebensweise mit Gott besteht darin, dass wir ihn als unseren Gott anerkennen; dass wir keine Götzen verehren und uns nicht selbst an die Stelle Gottes setzen. Denn so lautet die Botschaft des Propheten Jesaja: „Alle selbst ernannten Götter sind Nichtse.“ (Jes 41,29), „Denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und zu dir sagt: fürchte dich nicht; ich habe dir geholfen.“ (Jes 41,13)

Wenn diese Grundlage von Wahrheit und Gottesfurcht klar ist, dann werden Gerechtigkeit und Frieden entstehen können. Gott wirkt in dieser Welt, indem er durch einen Menschen den Völkern und Nationen das Recht bringt. Der Gottesknecht, von dem in der Lesung, aus dem Propheten Jesaja gehört haben, ist eine Gestalt, die Gott aus Gerechtigkeit gerufen hat und die wirklich das Recht bringt. [Auch der Hauptmann Cornelius (vgl. Apg 10), der nicht zum jüdischen Volk gehörte, war so eine Gestalt, ein Gerechter, eine Gottesfürchtiger, den Gott aus Gerechtigkeit gerufen hat.]

Gottes Gerechtigkeit, seine Macht, ist jedoch anders als die Macht und die Gerechtigkeit der Herrscher dieser Welt: „Er schreit nicht und lärmt nicht. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ (Jes 42,2-3) Er nimmt sich der Armen und Schwachen an, er hilft den Unterdrückten. 

Selbst wenn er dabei auch Widerstand trifft, so geht er nicht mit Gewalt vor. Er gibt aber auch nicht auf. Er bleibt standhaft. Er selbst „verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf Erden das Recht begründet hat.“ (Jes 42.4)

Das ist für uns schwer zu verstehen. Wir denken, es müsste jemand kommen, der mit Gewalt aufräumt und Recht schafft. Doch Gott schafft das Recht, indem er in Liebe wirkt, Grenzen überwindet, Freiheit schenkt. Dieser Gottesknecht ist jetzt kein Softie. Die Orientierung an dem einzig wahren Gott bleibt der Anspruch und der Maßstab. Aber die Weise, wie das Recht umgesetzt wird, ist eben anders. 

Selbst Johannes der Täufer kann das nicht begreifen. Er hat das bevorstehende Gericht Gottes verkündet und als einzige Rettung die notwendige Umkehr und Reinigung aller Menschen vorgestellt. Und dann kommt Jesus und will sich von ihm taufen lassen! Es ist merkwürdig: Gott lässt sich auf diese Welt ein, und er sucht den Menschen bis hinein in die Dynamik der Sünde. Er bietet ihm Vergebung an. Was ist das für eine Gerechtigkeit? Johannes versteht es nicht. Doch Jesus ermutigt ihn: „Lass es nur zu. Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.“ (Mt 3,13)

Die Frage, wie nun die erhoffte Gerechtigkeit und das Königtum des Gesalbten in dieser Welt zu verstehen ist, haben die Propheten auf unterschiedliche Art zu beschreiben versucht. Allen gemeinsam ist die Vorstellung vom Bund mit Gott, der eine neue Weise des Zusammenlebens darstellt, die größer ist als irdisches Machtgeklüngel. Und Jesus ermöglicht diesen Bund neu.

Auch das Völkerrecht und viele Verfassungen verweisen auf Gott, als eine höhere Instanz, damit wir uns immer daran erinnern, dass wir nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Während im Mittelalter sich viele Könige und Herrscher Europas als „von Gottes Gnaden“ eingesetzt sahen, und es noch in der Präambel des Grundgesetzes heißt: „Im Bewusstsein unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen“, ist die Gegenwart voll von Machthabern, die aus sich selbst heraus regieren.

Das Kriterium für Gerechtigkeit ist also, ob sie Gott als Gott anerkennt. Sein Bund mit den Menschen ist die Weise wie Gott in dieser Welt Recht wirkt und gegenwärtig ist. Jesus hat diesen Bund mit Gott persönlich in seiner Taufe erfahren, als ich ihm der Himmel öffnete. Er hat uns den neuen Bund in seinem Blut geschenkt. Wir feiern diesen Bund im Sakrament des Altares. Möge dieser Bund unser Handeln und das Handeln vieler Menschen im neuen Jahr prägen und so Gerechtigkeit und Frieden wachsen.

Vgl. Text von "Dein sind die Himmel" (Joseph Gabriel Rheinberger), dem Offertorium von Weihnachten: „Dein sind die Himmel, und dein ist die Erde; du hast der Welten Kreis, hast die Fülle der Erde fest begründet; Gerechtigkeit und der Wahrheit Kraft sind die Pfeiler deines Thrones.“

Gute Hinweise und Auslegung der Texte im Podcast in principio 

Sonntag, 4. Januar 2026

Wohnung gesucht!

 


Predigt 2. Sonntag der Weihnachtszeit: Wohnung gesucht, Hamburg, 4.1.26

Les: Sir 24, 1–2.8–12 (1–12); Eph 1, 3–6.15–18; Joh 1, 1–5.9–14

1/ Wohnung suchen

Zum Krippenspiel am Heiligen Abend gehört die Herbergssuche. Maria und Josef, unterwegs in Bethlehem, bekommen keine Wohnung. Es ist einfach kein Platz für sie da. So fängt die Geschichte an. Und dann, schon kurze Zeit nach der Geburt, müssen sie schon wieder eine neue Bleibe finden. Denn nach der Huldigung durch die Sterndeuter fliehen Maria und Joseph mit dem Neugeborenen nach Ägypten, wie Joseph ist im Traum geboten worden war. Herodes wollte das Kind, den neugeborenen König der Juden, töten.

Weltweit sind mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele wie nie zuvor: Sie haben keine Wohnung. Im vergangenen Jahr sind die Zahlen zwar leicht zurückgegangen, aber allein im Sudan sind mehr als 12 Millionen Menschen durch Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben worden und entwurzelt. „Meistens sind es Krieg und Gewalt, die Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Immer dabei ist die Angst um das eigene Leben und das Leben und das Wohlergehen der Kinder, der Familie, von Freunden.“ (UN-Bericht)

Hier in Hamburg gibt es viele Flüchtlinge, die bleiben möchten und eine Wohnung suchen. Es gibt viele Obdachlose, die keine Wohnung haben. Und es gibt Menschen, die wegen des Wohnungsmangels und der hohen Mieten keine passende Wohnung finden. Einen Ort zu haben, eine Wohnung, in der man bleiben kann, eine Heimat, das gehört zu den Grundbedürfnissen von Menschen. Jeder Mensch sollte eine Wohnung haben.

Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie eine gute Wohnung gefunden. Ist es ein Ort, wo sie gerne sind. Ist Hamburg die Stadt, in der sie bleiben möchten? Oder werden Sie demnächst umziehen?

So sehr wir nach einem Ort suchen, an dem wir sein können, so selten gelingt uns das vollständig. „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl!“, singt Herbert Grönemeyer. Und Bernhard Schlink, ein deutscher Schriftsteller, behauptet: „Heimat ist Utopie“. Er meint: Heimat ist gar kein Ort, sondern eine Vorstellung, eine Idee, die wir niemals erleben werden. Denn immer sind wir überall ein bisschen fremd. Ist das nicht merkwürdig?

2/ Gott sucht eine Wohnung

Heute in der Lesung haben wir von der Weisheit Gottes gehört, die einen Ort sucht, wo sie sich niederlassen kann, wo sie bleiben und wohnen kann. (Jesus Sirach 24, 1-12)

Gott gebietet der Weisheit, sich in Jakob bzw. Israel niederzulassen, und dort ihr Zelt aufzuschlagen. Auf Zion, im heiligen Zelt, dort soll die Weisheit Gott dienen.

Zwar wird die Weisheit in Jerusalem wohnen, aber: „sie schlug Wurzeln“, so heißt es dort „in einem ruhmreichen Volk“. D.h. letztendlich ist es nicht die Stadt, sondern letztendlich sind die Menschen es, die der Weisheit Heimat geben. Gott hat mehr Interesse an den Menschen als an irgendeiner tollen Wohnung für seine Weisheit oder einem besonderen Tempel.

Im Evangelium ist die Rede davon, dass Gott selbst bei seinem Volk wohnen möchte. Als „das ewige Wort“ kommt er zu den Menschen. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihm nicht auf.“ (Joh 1,11). Das Wort Gottes sucht einen Ort, um zu bleiben, aber es wird abgelehnt! Gott findet keine Wohnung! Und das nicht, weil die Mietpreise zu hoch sind, sondern einfach deshalb, weil es offenbar Menschen gibt, die zwar sein Volk sind, aber sein Wort nicht hören wollen. Es gab aber auch Menschen, die ihn aufnahmen - und die wurden zu Schwestern und Brüdern, zu Kindern Gottes.

3/ Gott zeltet unter uns

Der Johannes-Prolog erzählt feierlich: „Das Wort erschien in einem Menschen und wohnte bei uns.“ (Joh 1,14; Übersetzung Berger). Wörtlich heißt es dort: „Es zeltete bei uns“. Gott sei Dank, das Wort hat seinen Platz gefunden! Es lebt mitten unter uns, und es wirkt mitten unter uns! Aber seine Art und Weise, wie es da ist, wie es wohnt, ist vorübergehend, wie in einem Zelt, nicht für ewig. Das ist wirklich ein Segen, dass Gott mit uns ist. Aber wir haben ihn nicht wie ein Besitz, wir können ihn nicht festhalten. Er wohnt wie in einem Zelt. Er ist sozusagen vorübergehend da.

Wenn wir sein Wort hören, darauf achten, es befolgen, danach leben, ihm Raum geben in unserem Leben, es ehren, es anbeten, es weitersagen, dann wird es bei uns bleiben! Und dann haben auch wir einen Ort zu bleiben, eine Ruhestätte, eine heilige Wohnung.

Am Ende kommt es doch nicht darauf an, ob wir eine schöne Wohnung hier auf der Erde haben, ob wir ein großes Haus haben oder eine kleine Mietwohnung. Am Ende ist es doch entscheidend, ob wir in Verbindung sind, mit Gott und in der Beziehung mit ihm bleiben.

Das ist der Ort, wo ich gerne bin: bei ihm und bei den Menschen, die an ihn glauben! Dort finde ich Ruhe. Dort kann ich Wurzeln schlagen. Dort finde ich Zuversicht und Freude und Geborgenheit.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir,“ so heißt es im Hebräerbrief (Hebr 13,14). Wir Menschen sind und bleiben Pilger auf dem Weg zu einer ewigen Heimat. Wir vertrauen darauf, dass Jesus dort im Himmel für uns eine Wohnung vorbereitet hat, so wie er gesagt hat: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ (Joh 14)

Für heute aber dürfen wir dankbar sein, dass wir eine gute Wohnung haben. Und wir dürfen feiern, dass Gottes Wort bei uns Wohnung nimmt. Wir sollen uns einsetzen für Menschen, die keine Wohnung haben. Vor allem aber sollen wir Gott selbst in unserem Leben Raum geben, denn er möchte in unserer Mitte wohnen. Er hat uns seinen Namen genannt: „ich bin da“ (Ex 3). So können auch wir sagen: „hier bin ich“ (1Sam 3)

Freitag, 2. Januar 2026

Maria


Neujahr 2026, Hamburg 19 Uhr | Manresa-Messe – Maria

Les: Num 6, 22–27; Gal 4, 4–7; Lk 2, 16–21

1/ Das neue Jahr beginnen

Viele Menschen nutzen den Übergang ins neue Jahr für eine Rückschau auf das vergangene Jahr. Was war wichtig im vergangenen Jahr? Welche Ereignisse haben mich geprägt, haben mich berührt? Die Ereignisse des vergangenen Jahres anschauen bedeutet auch: sie deuten, gewichten und vor allem sich daran erinnern, es vielleicht auch jemand anderem zu erzählen.

Wir führen dabei die Erzählung des eigenen Lebens weiter. Wir versuchen, den roten Faden zu finden, die Ereignisse zu einer Geschichte verknüpfen; wir tun es im Vertrauen darauf, dass unser Leben einen Sinn hat, d.h. nicht nur einen Wert, sondern auch eine Orientierung, eine Richtung. 

Manche Menschen haben eine Begabung darin, die guten Dinge hervorzuheben, die eigene Perspektive in der Art zu vermitteln, wie sie sich für das, was geschehen ist, begeistern können, dankbar sind. Vor einigen Tagen habe ich z.B. einen Film über 20 Jahre Miniaturwunderland gesehen. Die Gründer-Zwillinge Gerrit und Fredrik Braun und den Modellbahnbauer Stephan Hertz haben eine Begabung, die Begeisterung für das, was sie erlebt haben zu vermitteln. Andere Menschen schauen eher traurig und enttäuscht auf das Vergangene, sehen die Schwierigkeiten, in denen wir stehen, im persönlichen Leben, in der Gesellschaft, in der Welt.

Es heißt manchmal: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Der Satz ist falsch, insofern wir uns viele Dinge in unserem Leben nicht aussuchen und nicht in der Hand haben. Der Satz ist richtig, insofern es entscheidend darauf ankommt, wie und auf welche Weise wir selbst mit dem umgehen, was uns im Leben begegnet.

Das eigene Herz sprechen zu lassen und mit dem Licht Gottes auf das schauen, was ist, was wir erleben und erleiden – das ist die Aufgabe von Propheten und wohl auch von jedem von uns. Denn wir gestalten unser Leben. Wir geben ihm eine „lebendige Gestalt“ (vgl. Brüske, Martin / Meuser, Bernhard / Reemts, Christiana (Hg.): Urworte des Evangeliums. Für einen neuen Anfang in der katholischen Kirche. Freiburg/Basel/Wien 2025, S.13).

Viel zu oft nehme ich die Dinge und Begegnungen als Selbstverständlichkeit und vergesse darüber zu staunen. Viel zu oft vergesse ich, mich dem Wirken Gottes in mir u öffnen. In diesem Jahr will ich mich immer neu von Gott begeistern und beeindrucken lassen. 

2/ Maria hat ihrem Leben Gestalt gegeben

„Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. “ (Lk 2,19), so haben wir gerade im Evangelium gehört. Maria erinnert sich an die Ereignisse der Geburt und der ersten Tage im Leben ihres Sohnes. Wie war es, als die Hirten wieder gegangen waren? Wie kam es, dass sich die Nachricht von seiner Geburt so rasch verbreitete? Wie habe ich die kleine, bescheidene Feier der Beschneidung erlebt, als wir dem Neugeborenen einen Namen gaben, so wie es sich für einen kleinen jüdischen Jungen gehört? 

Christen sehen die Mutter Christi als ein Vorbild an. „Sie verehren sie mit Zuneigung und Bewunderung, denn da die Gnade uns Christus ähnlich macht, ist Maria der vollkommenste Ausdruck dieses ihres Wirkens, das unsere Menschlichkeit verwandelt.“ (Vgl. Mater populi fidelis 1) 

Wir sehen Maria aber auch als die die Mutter des gläubigen Volkes Gottes heute. Sie hat heute einen Einfluss auf uns als erlöste Menschen an der Seite Christi. Sie ist heute für uns nicht nur ein Vorbild für die Art und Weise, wie sie damals am Heilswerk mitgewirkt hat, in dem sie Gottes Wirken in ihrem Leben Raum gab. Sondern sie führt uns auch heute zu Jesus Christus. 

Für mich sind es einige Marienbilder, die mich begleiten und daran erinnern. Zuallererst die älteste Marienstatue nördlich der Alpen, die sich in meinem Heimatbistum in der Kathedrale von Essen befindet. Die „Mutter vom guten Rat“. Sie weist uns darauf hin: Was er euch sagt, das tut! (vgl. Joh 2)

Oder die Marienikone im Noviziat, die „Muttergottes vom Zeichen“. Es ist die berühmte Ikone der orthodoxen Kirche, die Maria mit zum Gebet erhobenen Händen darstellt, wobei das Jesuskind auf ihrer Brust zu sehen ist, was ein "Zeichen" für ihre Mutterschaft ist. So wird sie als Schutzpatronin angerufen.

Oder die Mutter mit dem geneigten Haupt, ein Bild, vor dem viele Jesuiten in der Gefangenschaft in Portugal beteten; das auf geheimnisvolle Weise vor bald 100 Jahren zurück nach Deutschland kam. 

Andere haben andere Bilder oder Orte, die sie auf besondere Weise mit dem Wirken Marias verbinden, für viele sind es die berühmten Wallfahrtsorte: Guadalupe, Lourdes, Fatima, Tschenstochau, Medugorje.

Immer ist das Wirken Mariens daran zu erkennen, dass es uns näher zu Jesus Christus führt und das Werk der Erlösung, das allein durch ihn geschehen, tiefer zu verstehen und in unserem Leben wirksam werden zu lassen: Konkret, durch die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen und durch eine Annahme unserer selbst.

3/ Die geistliche Mutterschaft

Wie wird Maria in geistlicher Hinsicht für uns zur Mutter? Eine Antwort könnte sein: Indem wir wie Maria und mit Maria zu Hörenden werden. Denn das ist die Grundhaltung jedes gläubigen Lebens. Der Glaube kommt vom Hören, so schreibt der Apostel Paulus (vgl. Röm). Es ist der Gehorsam auf Gott, durch den wir wirklich frei werden. 

„Maria bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.“ Darum geht es beim inneren Hören, darum geht es beim Gehorsam. Selten ist es so, dass wir so etwas wie einen Telefonanruf von Gott bekommen und dann genau wissen, was zu tun ist. Das gibt es auch, ich will es nicht ausschließen.

Meist ist jedoch so, dass es Zeit braucht, dass wir Zeit zum Nachdenken und inneren Verkosten brauchen; mit den Gefühlen, mit dem Verstand; dass wir die Ereignisse und Begegnungen, die Worte der Menschen und die Worte Gottes aus der Bibel bewahren und im Herzen erwägen müssen, um zu einer Klarheit und Entscheidung zu kommen, was zu tun ist.

Dieses Erwägen geschieht auf der Basis des Vertrauens, dass Gott uns liebt wie seinen Sohn, dass er uns durch ihn etwas Gutes vorbereitet hat und wir es ergreifen und realisieren dürfen, „damit wir die Sohnschaft erlangen.“ Es geschieht im Vertrauen auf den Geist seines Sohnes in unseren Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Das ist der Geist der Freiheit, als Kinder Gottes zu leben.