Predigt Siebter Sonntag der Osterzeit A, Hamburg | Manresa
Ständig Bekenntnisse, in Social Media oder in persönlichen Gesprächen: Menschen bekennen sich, wohin sie in Urlaub fahren oder was ihr liebster Fußballverein ist. Sie bekennen sich zur Demokratie oder zu ihrem Zweifel an den demokratischen Parteien. Daniel Haas bekennt sich zum Katholizismus. Der Katholikentag in Würzburg bekennt sich gegen Hass und Gewalt. Menschen bekennen sich zu ihrer sexuellen Identität oder zu ihrer Ernährungsweise, zu bestimmten Musikrichtungen oder zum Fahrrad als ihrem Transportmittel der Wahl. Woher kommt diese Leidenschaft zum Bekenntnis?
Es könnte damit zusammenhängen,
was der Philosoph Charles Taylor als ein spezifisches Merkmal säkularisierter
westlicher Gesellschaften in den Blick nimmt: eine Kultur der Authentizität.
Bekenntnisse sind individuelle
Mitteilungen, die auf die Besonderheit des eigenen Selbstseins hinweisen.
Zugleich weisen sie über das Individuum hinaus: Mein Bekenntnis zum
Vegetarismus hat Vorbilder und mit ihm gehöre ich einer Gruppe an, die meine
Identität mitbestimmt. Häufig gibt es dazu passende Verhaltensweisen.
Das eigene Bekenntnis kann auch ein
religiöses Bekenntnis sein. Meist wird es dann Zeugnis genannt und beschreibt
das eigene Selbstverständnis. So wird es besonders in stärker
individualisierten Religionsformen im Bereich freikirchlicher Frömmigkeit gelebt,
wo die persönlichen Zeugnisse, wie Gott im eigenen Leben gewirkt hat, emphatisch
vorgetragen werden.
Bei uns in der katholischen
Tradition hat das religiöse Bekenntnis seinen klassischen Ort im Gottesdienst. Es
ist ein Text, den wir gemeinsam beten, z.B. das Apostolische Glaubensbekenntnis
oder das Nizäno-Konstantinopolintanum, das sogenannte Große Glaubensbekenntnis.
Doch es gibt eine merkwürdige Spannung zwischen dem traditionellen christlichen
Glaubensbekenntnis und der Kultur der Authentizität. Das hat meines Erachtens
zwei Gründe.
Zum einen ist das
Glaubensbekenntnis ein festgefügter Text, über den in der Glaubensgeschichte
immer wieder intensiv gerungen wurde. Dieser Text darf nicht einfach verändert
oder den eigenen Erfahrungen oder Wünschen angepasst werden. Sie besitzen einen
hohen Verbindlichkeitsgrad, der mir persönlich erst einmal vorgegeben ist. In
einer Kultur, die individuelle Selbstverwirklichung zum höchsten Wert erhebt,
erscheinen solche universalen Ansprüche verdächtig. Du folgst Vorgaben, die Dir
sagen, wie und wodurch ihr Leben zur Vollendung kommen wird?
Zum anderen sind die Worte, die
darin vorkommen, nicht ohne Weiteres verständlich. Sie gleichen Codewörtern,
die nicht mehr übersetzbar sind. Die Erosion religiöser Grundbegriffe ist
mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sogar vermeintlich selbst-verständliche
Ausdrücke wie „Nächstenliebe“ oder „Seelsorge" erklärungs-bedürftig
werden.
Wer sich religiös bekennt, muss
sich heute daher rechtfertigen: Ist das wirklich deine eigene Überzeugung oder
nur übernommene Tradition? Die Unterstellung lautet: Religiöse Menschen haben
sich nicht selbst gefunden, sondern wurden gefunden und das erscheint als
Defizit. Das gilt insbesondere im Blick auf die katholische Tradition.
Der Glaube als individuelle
Überzeugung gewinnt in den letzten Jahren an Bedeutung, während sein öffentlicher
Ausdruck auf Zurückhaltung stößt. Christlich-religiös zu sein bedeutet heute,
sich erklären zu müssen als Teil einer Minderheit in einer Gesellschaft von
Distanzierten. Das verlangt Mut, insbesondere von jungen Menschen, in einem
Umfeld wie in Hamburg.
Diese Herausforderung bewirkt nun
paradoxerweise, dass religiöse Bekenntnisse identitätsstiftende Wirkung haben
können, und zwar nicht nur in Form der Abgrenzung nach außen. Sie machen
sichtbar, wofür ein Mensch steht und welche Werte sein Leben tragen. In einer
pluralen Gesellschaft können sie Orientierung geben, sowohl nach innen wie nach
außen. Wer sich religiös bekennt, weiß eher, worauf er vertraut, und kann aus
dieser Klarheit heraus handeln. Jedoch kann die Funktion der Identitätsstiftung
die Spannung nicht relativieren, in der sie zur Kultur der Authentizität steht.
Wie sollen wir also mit dieser
Spannung gut umgehen? Ich glaube, das Evangelium heute gibt uns einen wichtigen
Hinweis.
Im Evangelium spricht Jesus zu
uns in Form eines Bekenntnisses. Es ist ein Gebet Jesu, das der Evangelist
Johannes uns überliefert, das sogenannte hohepriesterliche Gebet. Unmittelbar
vor seinem Tod, nach dem Abschied von seinen Jüngern, in der Nacht der
Verlassenheit, spricht Jesus dieses Gebet. Voller Liebe zu seinen Jüngerinnen
und Jüngern, voller Dankbarkeit und Hoffnung, bittet er seinen Vater für alle,
der Gott ihm anvertraut hat, denn sie leben in dieser Welt.
Worum er genau bittet, wird in
dem Abschnitt, den wir gehört haben, noch nicht deutlich. Das wird später
genannt. Was aber schon deutlich wird: Das Gebet beginnt mit einem großen
Bekenntnis. Jesus bekennt sich zu seinem Vater. Jesus bekennt sich zu seiner
Sendung, zu seinem Auftrag. Jesus bekennt sich zu den Menschen, die Gott ihm
anvertraut hat, und die Gottes Wort bewahrt haben.
Dieses Bekenntnis hat eine
Wirkung auf uns, wenn wir es hören – und das hat der Evangelist ohne Zweifel
beabsichtigt - insofern in diesem Bekenntnis für uns etwas von der
Herrlichkeit, d.h. der Schönheit und der Bedeutung Gottes für Jesus und damit
auch für uns deutlich wird. Um diesen Begriff kreist der Text. Wir können es
auch mit Ausstrahlung, Bedeutung übersetzen.
Als die Engel bei den Hirten auf
den Feldern die Geburt Jesu verkündeten, da sprachen sie: Ehre sei Gott in der
Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade. Diese Ehre, diese
Schönheit, das ist auf Griechisch das gleiche Wort wie die Herrlichkeit, von
der Jesus hier spricht. Jesus vertraut auf etwas, was ihm von Gott geschenkt
wird – und gleichzeitig lebt er es authentisch und findet darin seinen eigenen
Auftrag.
Wir dürfen das ruhig auf uns
übertragen und das Bekenntnis Jesu in seiner Form als Gebet als ein Vorbild
nehmen: Denn wenn ein religiöses Bekenntnis die Beziehungsdimension zu Gott
deutlich macht, sprich: wenn ein religiöses Bekenntnis ein Gebet wird, dann behält
es eine dialogische Form. Die Bekenntnisse des hl. Augustinus sind übrigens
nicht ohne Grund auch in dieser Form geschrieben, als Gebet.
Denn das Bekenntnis als Gebet bzw.
das Gebet als Bekenntnis ist klar und bleibt doch offen. Es ist Ausdruck einer
existenziellen Suche. Es bringt zum Ausdruck, dass die Inhalte des christlichen
Bekenntnisses wie Wegmarken einer authentischen Ausdrucksform des Christseins
sind, das in Dankbarkeit das Erlebte anerkennt, ohne zu einer markanten und
autoritätsförmigen Bekennerhaftigkeit bzw. einer Form von „Gottesprotzerei“
(Elias Canetti) zu werden. Es ermöglicht anderen, mit den betenden Menschen über
die identitätsstiftenden Gründe des Lebens ins Gespräch zu kommen. Wer sich
religiös als Beter bekennt, ermöglicht anderen, eigene Haltungen zu
reflektieren und sich darüber auszutauschen.
Worauf es ankommt? Auf eine
Balance zwischen der individuellen Annahme des religiösen Bekenntnisses einerseits
und der Einbindung in eine Glaubensgemeinschaft andererseits.
Ein christliches Bekenntnis ist
immer etwas sehr Persönliches. Es geht um Deutung, Erfahrung, Entscheidung. Das
kann einem niemand abnehmen. Der Glaube ist etwas Persönliches. Auf die Frage,
wie viele Wege gibt es zu Gott, hat Papst Benedikt XVI. gesagt, so viele, wie
es Menschen gibt. Ein religiöses Bekenntnis ist immer auch etwas
Gemeinschaftliches: Niemand kann alleine glauben. Die Bibel ist nicht vom
Himmel gefallen. Wir brauchen die anderen, um unseren Glauben leben zu können.
In diesem Sinne: Bekennen wir
gemeinsam unseren Glauben!
Wichtige Anregungen und Zitate aus: Johannes Lorenz: Im Schatten der Authentizität. Was vom religiösen Bekenntnis bleibt, in: Julia Knop, Bernhard Knorn, Paul Schroffner, Yauheniya Danilovich (Hg.), 1700 Jahre Konzil von Nizäa. Vom Ereignis zur Rezeption, Quaestiones disputatae 352, Freiburg (Herder) 2026, S. 21-27.
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