Sonntag, 17. Mai 2026

Bekenntnisse

Predigt Siebter Sonntag der Osterzeit A, Hamburg | Manresa

Ständig Bekenntnisse, in Social Media oder in persönlichen Gesprächen: Menschen bekennen sich, wohin sie in Urlaub fahren oder was ihr liebster Fußballverein ist. Sie bekennen sich zur Demokratie oder zu ihrem Zweifel an den demokratischen Parteien. Daniel Haas bekennt sich zum Katholizismus. Der Katholikentag in Würzburg bekennt sich gegen Hass und Gewalt. Menschen bekennen sich zu ihrer sexuellen Identität oder zu ihrer Ernährungsweise, zu bestimmten Musikrichtungen oder zum Fahrrad als ihrem Transportmittel der Wahl. Woher kommt diese Leidenschaft zum Bekenntnis? 

Es könnte damit zusammenhängen, was der Philosoph Charles Taylor als ein spezifisches Merkmal säkularisierter westlicher Gesellschaften in den Blick nimmt: eine Kultur der Authentizität.

Bekenntnisse sind individuelle Mitteilungen, die auf die Besonderheit des eigenen Selbstseins hinweisen. Zugleich weisen sie über das Individuum hinaus: Mein Bekenntnis zum Vegetarismus hat Vorbilder und mit ihm gehöre ich einer Gruppe an, die meine Identität mitbestimmt. Häufig gibt es dazu passende Verhaltensweisen.

Das eigene Bekenntnis kann auch ein religiöses Bekenntnis sein. Meist wird es dann Zeugnis genannt und beschreibt das eigene Selbstverständnis. So wird es besonders in stärker individualisierten Religionsformen im Bereich freikirchlicher Frömmigkeit gelebt, wo die persönlichen Zeugnisse, wie Gott im eigenen Leben gewirkt hat, emphatisch vorgetragen werden.

Bei uns in der katholischen Tradition hat das religiöse Bekenntnis seinen klassischen Ort im Gottesdienst. Es ist ein Text, den wir gemeinsam beten, z.B. das Apostolische Glaubensbekenntnis oder das Nizäno-Konstantinopolintanum, das sogenannte Große Glaubensbekenntnis. Doch es gibt eine merkwürdige Spannung zwischen dem traditionellen christlichen Glaubensbekenntnis und der Kultur der Authentizität. Das hat meines Erachtens zwei Gründe.

Zum einen ist das Glaubensbekenntnis ein festgefügter Text, über den in der Glaubensgeschichte immer wieder intensiv gerungen wurde. Dieser Text darf nicht einfach verändert oder den eigenen Erfahrungen oder Wünschen angepasst werden. Sie besitzen einen hohen Verbindlichkeitsgrad, der mir persönlich erst einmal vorgegeben ist. In einer Kultur, die individuelle Selbstverwirklichung zum höchsten Wert erhebt, erscheinen solche universalen Ansprüche verdächtig. Du folgst Vorgaben, die Dir sagen, wie und wodurch ihr Leben zur Vollendung kommen wird?

Zum anderen sind die Worte, die darin vorkommen, nicht ohne Weiteres verständlich. Sie gleichen Codewörtern, die nicht mehr übersetzbar sind. Die Erosion religiöser Grundbegriffe ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sogar vermeintlich selbst-verständliche Ausdrücke wie „Nächstenliebe“ oder „Seelsorge" erklärungs-bedürftig werden.

Wer sich religiös bekennt, muss sich heute daher rechtfertigen: Ist das wirklich deine eigene Überzeugung oder nur übernommene Tradition? Die Unterstellung lautet: Religiöse Menschen haben sich nicht selbst gefunden, sondern wurden gefunden und das erscheint als Defizit. Das gilt insbesondere im Blick auf die katholische Tradition.

Der Glaube als individuelle Überzeugung gewinnt in den letzten Jahren an Bedeutung, während sein öffentlicher Ausdruck auf Zurückhaltung stößt. Christlich-religiös zu sein bedeutet heute, sich erklären zu müssen als Teil einer Minderheit in einer Gesellschaft von Distanzierten. Das verlangt Mut, insbesondere von jungen Menschen, in einem Umfeld wie in Hamburg.

Diese Herausforderung bewirkt nun paradoxerweise, dass religiöse Bekenntnisse identitätsstiftende Wirkung haben können, und zwar nicht nur in Form der Abgrenzung nach außen. Sie machen sichtbar, wofür ein Mensch steht und welche Werte sein Leben tragen. In einer pluralen Gesellschaft können sie Orientierung geben, sowohl nach innen wie nach außen. Wer sich religiös bekennt, weiß eher, worauf er vertraut, und kann aus dieser Klarheit heraus handeln. Jedoch kann die Funktion der Identitätsstiftung die Spannung nicht relativieren, in der sie zur Kultur der Authentizität steht.

Wie sollen wir also mit dieser Spannung gut umgehen? Ich glaube, das Evangelium heute gibt uns einen wichtigen Hinweis.

Im Evangelium spricht Jesus zu uns in Form eines Bekenntnisses. Es ist ein Gebet Jesu, das der Evangelist Johannes uns überliefert, das sogenannte hohepriesterliche Gebet. Unmittelbar vor seinem Tod, nach dem Abschied von seinen Jüngern, in der Nacht der Verlassenheit, spricht Jesus dieses Gebet. Voller Liebe zu seinen Jüngerinnen und Jüngern, voller Dankbarkeit und Hoffnung, bittet er seinen Vater für alle, der Gott ihm anvertraut hat, denn sie leben in dieser Welt.

Worum er genau bittet, wird in dem Abschnitt, den wir gehört haben, noch nicht deutlich. Das wird später genannt. Was aber schon deutlich wird: Das Gebet beginnt mit einem großen Bekenntnis. Jesus bekennt sich zu seinem Vater. Jesus bekennt sich zu seiner Sendung, zu seinem Auftrag. Jesus bekennt sich zu den Menschen, die Gott ihm anvertraut hat, und die Gottes Wort bewahrt haben.

Dieses Bekenntnis hat eine Wirkung auf uns, wenn wir es hören – und das hat der Evangelist ohne Zweifel beabsichtigt - insofern in diesem Bekenntnis für uns etwas von der Herrlichkeit, d.h. der Schönheit und der Bedeutung Gottes für Jesus und damit auch für uns deutlich wird. Um diesen Begriff kreist der Text. Wir können es auch mit Ausstrahlung, Bedeutung übersetzen.

Als die Engel bei den Hirten auf den Feldern die Geburt Jesu verkündeten, da sprachen sie: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade. Diese Ehre, diese Schönheit, das ist auf Griechisch das gleiche Wort wie die Herrlichkeit, von der Jesus hier spricht. Jesus vertraut auf etwas, was ihm von Gott geschenkt wird – und gleichzeitig lebt er es authentisch und findet darin seinen eigenen Auftrag.

Wir dürfen das ruhig auf uns übertragen und das Bekenntnis Jesu in seiner Form als Gebet als ein Vorbild nehmen: Denn wenn ein religiöses Bekenntnis die Beziehungsdimension zu Gott deutlich macht, sprich: wenn ein religiöses Bekenntnis ein Gebet wird, dann behält es eine dialogische Form. Die Bekenntnisse des hl. Augustinus sind übrigens nicht ohne Grund auch in dieser Form geschrieben, als Gebet.

Denn das Bekenntnis als Gebet bzw. das Gebet als Bekenntnis ist klar und bleibt doch offen. Es ist Ausdruck einer existenziellen Suche. Es bringt zum Ausdruck, dass die Inhalte des christlichen Bekenntnisses wie Wegmarken einer authentischen Ausdrucksform des Christseins sind, das in Dankbarkeit das Erlebte anerkennt, ohne zu einer markanten und autoritätsförmigen Bekennerhaftigkeit bzw. einer Form von „Gottesprotzerei“ (Elias Canetti) zu werden. Es ermöglicht anderen, mit den betenden Menschen über die identitätsstiftenden Gründe des Lebens ins Gespräch zu kommen. Wer sich religiös als Beter bekennt, ermöglicht anderen, eigene Haltungen zu reflektieren und sich darüber auszutauschen.

Worauf es ankommt? Auf eine Balance zwischen der individuellen Annahme des religiösen Bekenntnisses einerseits und der Einbindung in eine Glaubensgemeinschaft andererseits.

Ein christliches Bekenntnis ist immer etwas sehr Persönliches. Es geht um Deutung, Erfahrung, Entscheidung. Das kann einem niemand abnehmen. Der Glaube ist etwas Persönliches. Auf die Frage, wie viele Wege gibt es zu Gott, hat Papst Benedikt XVI. gesagt, so viele, wie es Menschen gibt. Ein religiöses Bekenntnis ist immer auch etwas Gemeinschaftliches: Niemand kann alleine glauben. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Wir brauchen die anderen, um unseren Glauben leben zu können.

In diesem Sinne: Bekennen wir gemeinsam unseren Glauben!

Wichtige Anregungen und Zitate aus: Johannes Lorenz: Im Schatten der Authentizität. Was vom religiösen Bekenntnis bleibt, in: Julia Knop, Bernhard Knorn, Paul Schroffner, Yauheniya Danilovich (Hg.), 1700 Jahre Konzil von Nizäa. Vom Ereignis zur Rezeption, Quaestiones disputatae 352, Freiburg (Herder) 2026, S. 21-27.

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