Stadtmuseum Kaunas, Personen
Predigt 21. Sonntag im Jahreskreis A, 23.8.2026 – Hamburg | Manresa
Les: Jes 22,19-23; Röm 11,33-36; Mt 16, 13-20
Wer bin ich? Diese Frage gehört
zu einem geistlichen Leben, vielleicht sogar zum Erwachsenwerden überhaupt
dazu. Wer bin ich? Mehr als der Name, das Alter der Beruf, die Herkunft! Wenn
diese Frage ernsthaft zulässt und in sich hinein hört, der erfährt meist. Die
Antwort ist gar nicht so einfach.
„Wer bin ich? Und wenn ja, wie
viele?“, so lautet der Titel einer erfolgreichen Philosophie-Geschichte von
Richard David Precht. Tatsächlich ist diese Frage so alt wie die Menschheit. „Erkenne
dich selbst!“, so stand es schon als Inschrift über dem Orakel von Delphi. Es
geht darum, ein Bewusstsein über sich selbst zu finden und zu formulieren: ein
Selbstbewusstsein! Noch mehr: es geht darum, mit dieser Wirklichkeit dann auch
zu leben, sich selbst anzunehmen, so wie man ist. Denn es gibt keinen anderen!
Es geht nicht um die Ideale und
Wünsche (wer ich gerne wäre), sondern um die Wirklichkeit (wer ich bin), hier
und heute. Dazu gehören zwar auch äußere Merkmale: Haarfarbe, Schuhgröße,
Körperbau, etc. Eigentlich aber das, was mich innerlich ausmacht. Mein
Charakter, die Begabungen, Erfahrungen, Erinnerungen, auch die Wünsche,
Sehnsucht und Träume. Ebenso meine Gedanken, Gefühle, mein Wille, Gedächtnis,
Verstand, kurz: meine Persönlichkeit.
Wer bin ich? Kann ich das jemals
abschließend sagen? Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden, so
Sören Kirkegaard. Versuchen sollte ich es jedenfalls!
Wer bin ich? Diese Frage stellt
Jesus seinen Jüngern weit weg von seiner Heimat, in Cäsarea Philippi. „Wer
sagen die Leute, dass ich bin?“ Und dann: Wer bin ich für euch? „Ihr aber, für
wen haltet ihr mich?“ (Matthäus 16,15)
Wir dürfen davon ausgehen, dass
Jesus wusste, wer er ist. Er hat es gewagt, sich diese Frage schon früh zu
stellen. Bei der Taufe am Jordan und durch die Versuchung in der Wüste ist es
ihm klar geworden, so berichten es die Evangelien: „Du bist mein geliebter
Sohn, an dem ich Gefallen habe.“, so hört er es durch göttliche Stimme. Die
Ereignisse und Erfahrungen unterwegs, auch die Gespräche mit den Jüngern helfen
ihm, seine Sendung und Identität immer besser zu verstehen. Petrus sagt ihm
nun, wer er ist, obwohl Jesus es schon vorher wusste. Das Wichtigste im Leben
kann man sich nicht selbst sagen. Es muss mir gesagt werden.
Auch die Jünger damals stellten
sich, so denke ich, diese Frage: Wer bin ich? Petrus selbst bekommt einen
Hinweis von Jesus für seine Antwort darauf, mit den zwei Bildern: Fels und
Schlüssel. Das eine beschreibt wohl seine Persönlichkeit, seinen Charakter, so
wie er von Gott geschaffen, beziehungsweise wie er geworden ist. Eine
Persönlichkeit, die tief gründet, stabil ist, beständig und kräftig.
Und das andere beschreibt wohl
seine Berufung, seine Aufgabe: zu binden und zu lösen. Das meint Menschen den
Weg in den Himmel zu öffnen, aufzutun. Oder etwas zu erschließen, eine
geistliche Welt zu eröffnen, die sie noch nicht kannten. Wir alle brauchen
Hilfe auf dem Weg in den Himmel. Menschen, die uns Hinweise geben, wo es lang
gehen könnte, und wo auch nicht! Und dann auch Menschen, die uns ganz konkret,
die Vergebung und Erlösung zusagen, die wir von Jesus Christus geschenkt
bekommen haben, die Befreiung. Das Wichtigste im Leben kann man sich wie gesagt
nicht selbst sagen.
Jesus, Petrus, … und ich? Das
Evangelium heute lädt uns ein, uns diese Frage „wer bin ich?“ mutig und ohne
Angst zu stellen. In sich hineinzulauschen, sie vielleicht auch mal anderen
Menschen zu stellen. Wer bin ich? Vielleicht gibt es darauf eine Antwort,
vielleicht gibt es aber auch mehrere Antworten, die immer wieder neu zu finden
sind. So ist es jedenfalls bei mir. Ich würde nicht sagen, dass sich diese
Frage ein für alle Mal erledigt hat. Und trotzdem ist sie lebensnotwendig.
Für mich sind drei Aspekte bei
der Antwort wichtig, und die möchte ich Ihnen heute Abend gerne noch mitgeben:
1/ Ich bin von Gott geschaffen
und geliebt. Wie jeder Mensch, von Gott unendlich geliebt. Es ist die Liebe des
göttlichen Vaters, in die hinein ich geschaffen bin, mit meinen Begabungen und
Talenten, mit meinen Schwächen und Grenzen. Und deshalb darf ich mich so
annehmen, wie ich bin. D.h. nicht, dass ich auch versuchen soll Dinge zu ändern,
zu wachsen, dranzubleiben. Aber ich werde zum Beispiel niemals ein großer
Sportler werden oder einen Ballkünstler. Das ist mir nicht gegeben. Dafür habe
ich andere Begabungen. Ich kann nicht gut sehen, brauche eine Brille. Aber ich
kann gut hören. So ist das halt. Ich bin geschaffen und geliebt.
2/ Ich bin von Gott erlöst durch
Jesus Christus. Es gibt in meinem Leben Schuld und Sünde; Verhalten, das ich
bereue und das mir leidtut, das ich selbst nicht auf mich nehmen brauche,
sondern mir abnehmen lassen kann; das meinen Weg nicht mehr hindern muss, weil
Jesus es übernommen hat. Ich darf es loslassen. Das ist das Geschenk des
Glaubens.
Es gibt keine Erlösung ohne
Wahrheit, die Wahrheit über mich selbst finden und zulassen und zugeben – alles
dem Herrn hinhalten, nicht verstecken. Und dann auch anderen zu vergeben. Gott
anbeten, das geht nur, wenn ich keinen Groll gegen Gott habe, wenn ich nicht
denke, dass Gott alle liebt, aber ich zu kurz gekommen bin. Insofern hängen
Erlösung und die Annahme der Liebe Gottes ganz eng zusammen.
3/ Ich bin ein Tempel des Heiligen
Geistes. Es gibt eine Berufung für ein jeden und eine jede von uns. Wir dürfen
aus der Liebe Gottes in und in seinem Geist leben und seine Liebe zu uns und in
uns an andere weitergeben.
Ich fasse zusammen. Wer bin ich?
Ich lebe in der Liebe des Vaters, durch Jesus Christus, erlöst, als ein Tempel
des Heiligen Geistes.
Das klingt jetzt vielleicht noch
ein bisschen abstrakt oder allgemein, aber wenn ich diese Frage „wer bin ich?“
wirklich zulasse und in diesen drei Dimensionen, die ich genannt habe,
weiterdenke, dann wird das schon sehr konkret im Zusammensein mit den anderen.
So, wie es für Petrus konkret
geworden ist: von Gott, geliebt und geschaffen als der Fels und vom Heiligen
Geist mit einer Berufung, anderen im Glauben den Weg zum Himmel zu eröffnen.
Der zweite Aspekt der Erlösung
fehlt interessanterweise heute im Evangelium. Es ist die Erzählung des Evangeliums
selbst, die darauf hinführt. Wir sind in Kapitel 16 des Evangeliums, auf dem
halben Weg nach Jerusalem, bis ans Kreuz. Die Jünger mussten die Erlösung durch
Jesus und mit ihm erst noch erleben. Wir wissen darum und uns wird das
Geheimnis der Erlösung heute Abend neu geschenkt in der Eucharistie.
Wer bin ich? Vielleicht kann ich
heute sagen: Ich bin ein Mensch, der von Jesus eingeladen wurde, mit ihm heute
Abend Kreuz und Auferstehung zu feiern, auf dem Weg in den Himmel. Amen
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Zur Lesung Jes 22 (Bibelwerk):
Schebna war unter König Hiskija
(725-697 v. Chr.) Palastvorsteher, also im höchsten Amt hinter dem König
selbst. An ihn ergeht durch den Propheten Jesja eine sehr klare Ansage JHWHs:
„Du, Schebna, verlierst deinen Posten und dafür werde ich Eljakim, meinen
Knecht, einsetzen.“ Die Begründung der Absetzung Schebnas kann man nachlesen.
Offensichtlich hat Schebna mehr auf sich selbst und seine eigene Stärke als auf
Gott vertraut. Er baute sich selbst ein Grab als ewige Heimat, anstatt bei Gott
Heimat zu suchen. Ein klassischer Fall von Hochmut, der bekanntlich vor dem
Fall kommt. Deshalb erfolgt in die Urteilsverkündigung, die wir gehört haben: Sein
Nachfolger Eljakim wird sehr positiv als „mein Knecht“ eingeführt, als einer,
der sich von Gott in Dienst nehmen lässt. Alle Machtinsignien gehen auf Eljakim
über: vom Gewand bis zum Schlüssel.
Eljakim leitete als Knecht Gottes
die Geschicke Jerusalems zur Ehre für sein Vaterhaus. Doch auch Eljakim konnte
dem Gewicht der Verantwortung nicht auf Dauer standhalten. Eljakim scheiterte
an der Last seines eigenen Clans, der sich viel von ihm und seiner Stellung
versprachen, und an all den vielen Besitztümern und anderem Kleinkram, die an
ihm ziehen und ihn beschwerten.