Montag, 21. September 2026

Perspektivwechsel


 

Predigt 25. Sonntag im Jahreskreis A 2026, Hamburg | Manresa

Les: Jes 55, 6 – 9; Phil 1, 20ad–24.27a; Mt 20,1 – 16

Gerade lese ich ein Buch des deutschen Archäologen Gabriel Zuchtriegel. Er leitet seit fünf Jahren die Ausgrabungen in Pompeji und nun ein Buch veröffentlicht, in dem er aufgrund der Forschungsergebnisse das Leben in Pompeji im Sommer des Jahres 79 n. Chr. beschreibt, d.h. das Leben in dieser Stadt, kurz bevor sie durch den Ausbruch des Vesuvs im Herbst dieses Jahres zerstört und buchstäblich ausgelöscht wurde. Es heißt: Pompejis letzter Sommer. Als die Götter die Welt verließen (Propyläen 2025).

Die Asche begrub damals alles unter sich: Häuser, Tempel, Plätze, Menschen, Tiere. Nichts blieb am Leben. Die besondere Konstellation der Ereignisse und die Zusammensetzung der Asche hat jedoch dazu geführt, dass man bis heute erstaunlich viel ausgraben und entdecken kann. Es wurde ein Moment der Geschichte festgehalten.

Das Buch führt den Leser in eine Welt im Umbruch. Die Ausgrabungen und Zeichnungen in Pompeji offenbaren, dass die vertrauten Götter jener Zeit ihre Macht über die Menschen verloren haben. Es gibt zwar noch Tempel, es gibt Feiern, man opfert noch den Göttern, aber die Welt in Pompeji ist schon vor dem Erdbeben aus den Fugen geraten. Es war keine antike ruhige Stadt in vorbildlicher guter Ordnung, so wie wir es seit dem 19. Jahrhundert gelesen haben. Unter der Oberfläche brodelt es gewaltig.

Sklaven und Politiker, Prostituierte und Künstler, Gladiatoren und Straßenkinder: es war eine Welt zwischen Angst und Aufbruch, eine rohe und gewalttätige Gesellschaft, die in manchen Details ihre Schönheit und Menschlichkeit offenbart, wo man es am wenigsten erwartet. In dieser Zeit zerbricht das Römische Reich und das Christentum wird der Bezugspunkt einer völlig veränderten Welt - so lautet die These von Zuchtriegel; und nicht erst 300 Jahre später am Ende der Antike.

Tatsächlich waren die Briefe von Paulus und die Evangelien wohl schon damals in Umlauf. Das Matthäus Evangelium, aus dem wir gerade gehört haben, war wenige Jahre zuvor entstanden: Eine kleine jüdische Sekte macht von sich reden, die in einem Wanderprediger den Retter der Welt erkennt.

Die Christen bekommen viel Aufmerksamkeit unter der einfachen Bevölkerung. Vor allem die Armen und die Unterdrückten, die Prostituierten und die Tagelöhner, interessieren für diese Botschaft. Sie redet von einer neuen Weltordnung, in der die Letzten die Ersten sein werden und in der Gottes Güte wichtiger ist als das gesellschaftliche Ansehen oder die geleisteten Opfer im Tempel.

Es gibt für die Christen keine Tempel. Man versammelt sich im Haus und liest in der Schrift, bricht das Brot miteinander. Und redet von einer Welt, in der Vergebung und Barmherzigkeit sogar denen gelten, die sich erst spät, quasi in letzter Stunde bekehren; in der Gottes Gerechtigkeit offenbar so ganz anders ist als die römische Rechtsordnung, die tagtäglich zu erleben war.

Darum geht es in den heutigen Lesungen: Um diese neue Perspektive:

/ Wir glauben an einen Gott, der den Menschen entgegenkommt. „Sucht den Herrn, er lässt sich finden.“, so haben wir in der ersten Lesung gehört. Das bedeutet, es gibt eine Zeit, in der Gott sich nicht verbirgt oder völlig unerreichbar im Himmel thront, sondern in der er sich offenbart und sich aktiv den Menschen zuwendet, in der er nahe ist und sich finden lässt. Und das ist heute!

/Wir glauben, an einen Gott der Umkehr und Neuanfang ermöglicht, weil er barmherzig ist und Verzeihung schenkt.

/ Wir glauben an einen Gott, der gerecht ist und gütig zugleich und er deshalb so ganz anders handelt als es unseren menschlichen Rechtsordnungen und Vorstellungen entspricht.

/ Wir glauben an einen Gott, der das Leben schenken will und uns über den Tod hinaus in sein Leben rettet und der deshalb, ob im Leben oder im Sterben uns nah ist, Heil schenkt.

Welch radikal neue Sichtweise dies für die griechisch-römische Welt damals bedeutete, davon erzählt wie gesagt, dieses Buch.

Denn damals halten die meisten Menschen wohl so etwas wie Gott oder eine höhere Macht irgendwie für existent, aber letztlich für das Leben bedeutungslos.

Es gibt eine gut funktionierende Wirtschaft, die ordentlichen Profit einbringt und den Reichen ein luxuriöses Leben ermöglicht.

Dabei gehören frei gelebte Sexualität, Konsum, Genuss, mystische Orgien, oder brutale Spiele als wesentlicher Bestandteil zur Alltagskultur. Die anderen schauen halt, wie sie durchkommen, und genau an diese wendet sich die christliche Botschaft.

Zuchtriegel deutet immer wieder an, dass die Geschichte von Pompeji seiner Meinung nach etwas mit uns zu tun hat, weil wir in einer ähnlichen Situation der Unruhe und des radikalen Umbruchs stehen auch in religiöser Hinsicht. Das macht das Buch spannend zu lesen. Es würde sich lohnen, darüber ausführlicher nachzudenken.

Für heute Abend können wir versuchen nachzuvollziehen, wie die christliche Botschaft wohl in einer solchen Lebenssituation gewirkt hat. Und wir können versuchen, die Freude dieser Menschen nachzuempfinden, für die mit dem Evangelium eine neue Perspektive eröffnet wird, in der sie nicht mehr Angst haben müssen, im Leben zu kurz zu kommen.


 

Noch ein zweiter Gedanke zum heutigen Evangelium:

In dieser Zeit, in der das Evangelium geschrieben wurde (70-80 n. Chr.), kamen viele Menschen neu in die Gemeinden, teilweise frisch Bekehrte, teilweise Gottesfürchtige, die sich schon lange mit dem Judentum beschäftigt haben. Sie alle haben den Aufruf gehört: „Sucht den Herrn, er lässt sich finden. Ruft ihn an, er ist nah.“

Das war für die wachsenden Gemeinden damals eine enorme Herausforderung. Wie ist das, wenn plötzlich so viele neue in die Gemeinde kommen, sich taufen lassen, zum Glauben finden. Möglicherweise Menschen, die die das jüdische Gesetz nicht richtig kennen, die überlieferten Riten und Gebräuche nicht praktizieren.

Menschen, die neue Fragen stellen, Interesse haben, glauben möchten, dazugehören wollen, die nicht schon immer da waren und beim Fest das Kuchenbuffet organisiert haben. Das bringt Unruhe in die Gemeinden. Welches Recht haben Sie?

Schenkt Gott Ihnen genauso seine Güte und Gnade, obwohl sie vielleicht früher sehr frevelhaft gelebt haben und eben noch nicht so lange jeden Sonntag zur Kirche gehen wie die anderen?

Vielleicht auch das eine Perspektive auf das Evangelium. Und vielleicht versuchen wir heute Abend auch diese Freude nachzuvollziehen; die Freude jener, für die sich mit dem Glauben eine neue Perspektive eröffnet.

Und beten wir darum, dass wir immer wieder zu diesem neuen Perspektivwechsel bereit sind. Amen.

Montag, 14. September 2026

Vergebung zuerst




Predigt 24. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg | Manresa 2026

Les: Sir 27,30-28; Röm 14,7-9; Mt 18,21-35.

Ausgangspunkt: Im heutigen Evangelium gibt es einige überraschende Wendungen. Vor allem der Schluss des Gleichnisses, das Jesus erzählt, scheint nicht stimmig zu sein. Denn der gleiche König, der (Vers 27) Mitleid hat, mit seinem Knecht, von Erbarmen ergriffen wird und ein Beispiel dafür gibt, was es bedeutet, Schuld zu vergeben, er wird am Ende (Vers 34) angesichts des unbarmherzigen Knechtes vom Zorn gepackt und fordert die Schuld ein. Er übergibt den Knecht den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Die ganze Schuld meint offenbar die riesige Summe von 10.000 Talenten, um dies es am Anfang ging. Und dass er sie zurückbezahlt, während der im Gefängnis sitzt, ist unrealistisch. So ist diese Aussage das Gericht am Ende tatsächlich erbarmungslos. Sollte Gott zunächst so barmherzig, dann aber so hartherzig sein? Was will uns Jesus eigentlich sagen? Durch die Motive von Zorn und Gericht wird jedenfalls etwas hervorgehoben, was Gott überhaupt nicht will und was seine Ansicht ganz entgegensteht. (vgl. Klaus Berger, Evangelium unseres Herrn Jesus Christus. Meditationen zu den Sonntagsevangelien Lesejahr A, Freiburg 2007, S. 228)

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor einigen Monaten kam nach der Manresa-Messe eine Frau zu mir. Wir standen schon drüben bei einem Glas Wein bei Manresa-Night zusammen, die Heilige Messe war längst vorbei, sie entschuldigte sich, dass sie erst jetzt komme. Ob es Zeit gebe, für Sie zu beten? Sie sah schlimm aus, ganz gebeugt und mit einem geschwollenen Gesicht, die Haut von schweren Krankheiten und Entzündungen gezeichnet. Wir sind dann in die Kirche gegangen, ich habe ein Gebet für Sie gesprochen, und wir haben eine Zeit lang in Stille gemeinsam gebetet, dann habe ich sie eingeladen zum Vaterunser. Sie betete mit mir, ließ jedoch einen Satz aus: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Nach dem Gebet sagte sie mir: Ich kann diesen Satz nicht beten, denn ich kann den Menschen, die mir viel Böses und viel Leid angetan haben, nicht vergeben. Und ich verstehe nicht, warum ich zuerst vergeben soll. Ich verstehe nicht, warum Gott mir nicht vergibt, wenn ich nicht zuvor den anderen Menschen vergeben habe.

Ich habe sie damals erstaunt angeschaut, denn so hatte ich das Vaterunser noch nie verstanden, dass wir zuerst vergeben müssen, damit dann Gott uns auch vergibt. Im Gegenteil, ich habe immer gedacht, dass es so gemeint sei, wie es im heutigen Gleichnis dargestellt wird: Zuerst vergibt uns Gott (hier im Gleichnis der König) unsere Schuld, damit dann auch wir unseren Schuldigern (hier im Gleichnis der Mitknecht) die Schuld vergeben. Gottes Vergebung, Gottes Gnade geht unserem Handeln voraus. Und wie wir Barmherzigkeit von Gott geschenkt bekommen, so sollen auch wir barmherzig mit unseren Mitmenschen umgehen. Das ist doch die Pointe des heutigen Gleichnisses, oder nicht?

Nun, die Frau und ihr Leid, ihr Unheil, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und tatsächlich ist es im Vaterunser anders gemeint, als ich es gedacht habe. Die Frau hatte recht mit ihrer Deutung. Im Griechischen ist das Verhältnis der beiden Teil nicht einfach zu bestimmen, aber offenbar muss der zweite Teil grammatikalisch als Bedingung des ersten angesehen werden. Es heißt also: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern.“

„Das Verhältnis des Nebensatzes zum Hauptsatz genau zu bestimmen ist schwierig. Der Aorist ist angesichts der aramäischen Tempora nicht zu pressen, meint aber bei Matthäus doch wohl im Sinne von 5,23f; 6,14f; 7,1 eine Bedingung. Diese Relation gilt offenbar in der Paränese, wenn aus der Perspektive des Menschen gesprochen wird im Unterschied zur Parabel vom Schalksknecht 18,23-35, wo zwar die Wirksamkeit von Gottes Handeln auch an menschliches Handeln gebunden wird, aber diesem vorausgeht. Die paradoxe Einheit von zuvorkommender Gnade und vom Menschen geforderter Bedingung wird erst zerstört, wenn der Mensch mit seinem Vergeben einen Anspruch begründet, so dass er hoffen kann, dass Gott das menschliche Beispiel nachahmen werde. Wichtig ist auch, dass die Gemeinde, die das Unservater betet, selbstverständlich voraussetzt, dass ihre Glieder auch als Christen noch sündigen und der Vergebung bedürfen.“ (Ulrich Luz, EKK I/1, S. 348)

Zuerst unsere Vergebung und dann die Bitte an Gott um Vergebung. Das wird nicht nur in der heutigen alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 28,2) deutlich, sondern das ist ganz auf der Linie des Matthäus-Evangeliums.

So heißt es in der Bergpredigt: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe“ (Mt 5,23-24). Oder an anderer Stelle: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergibt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.“ (Mt 6,14)

Also: unsere Vergebung zuerst, dann die Vergebung des Vaters. Doch steht das nicht im Widerspruch zur Barmherzigkeit Gottes, der den Sünder rettet und dem verlorenen Schaf nachgeht? Wie bringt der Evangelist Matthäus selbst diesen Unterschied zwischen dem Vaterunser und dem heutigen Gleichnis in seinem Evangelium unter?

Drei Punkte dazu:

1/ Das Vaterunser ist ein Gebet, d.h. es wird von Menschen gesprochen, die sich an Gott richten, die auf ihn vertrauen, die schon von ihm angesprochen oder auf irgendeine Weise innerlich berührt wurden und nun antworten. Zu dieser Antwort gehört auch ein entsprechendes Handeln. Nicht nur zur plappern, sondern auch zu tun. Wer betet, steht schon in einer Beziehung zu Gott. Das Gebet wurde von denen gesprochen, die sich bekehrt haben, die getauft sind. Und im weiteren christlichen Leben ist das menschliche Vergeben tatsächlich die Bedingung für Gottes Vergebung.

Da wir Vergebung von Gott empfangen haben durch sein Kreuz, sollen wir sie weitergeben, um Gott ähnlich zu werden. Wir sollen die Feinde lieben, wie Gott es tut. Dann sind wir seine Kinder. Das Evangelium verkünden, heißt: es leben. Er kommt auf uns zu mit seiner Barmherzigkeit zu, dann sollen wir vergeben, damit seine Vergebung sich ausbreitet und sein Reich unter uns Gegenwart wird. Das ist die Dynamik, um die es geht, und wer diese Dynamik bricht, obwohl ihm schon vergeben wurde, dem ist nicht mehr zu helfen! Mit diesem Paukenschlag endet ja auch das heutige Evangelium, wenn der Knecht, dem die große Schuld vergeben wurde, schließlich vom König doch den Peinigern übergeben und ins Gefängnis geworfen wird – weil er selbst eben nicht vergeben hat, obwohl ihm vergeben worden war.

2/ Die Gemeinde, die das Vaterunser betet, versammelt sich um die Eucharistie. „mein Blut, das für Euch vergossen wird, zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28), so lauten die alten Wandlungsworte. Das Mahl wird zum Zeichen der Vergebung, zum Zeichen des Heils. Und deshalb kann und darf man nicht unversöhnt Abendmahl feiern. Erst einander vergeben und dann gemeinsam beten, denn die Gemeinschaft ist konkret und sichtbar. Das sind die Menschen, die heute Abend hier sind. Das, was wir tun, ist kein frommes Theater, keine Scheinheiligkeit. Wenn es diese Menschen sind, Träger des neuen Bundes, dann braucht es immer wieder die Vergebung untereinander, um glaubwürdig weiterzugeben, was wir empfangen haben.

3/ Die Vergebung begründet eine neue Zeit, weil sie die Altlasten „aus dem Weg“ räumt. Das, was vorher war, ist nicht einfach vergessen, aber es wird verwandelt, es zählt nicht mehr. Dabei schenkt Gott viel mehr, als wir erhoffen. Der Schuldner im Gleichnis bittet um Zeit und erhält Vergebung (Mt 18,26-27). Das Reich Gottes beginnt dann schon jetzt und hier.

Sicherlich: Vergeben ist nicht leicht, und nicht immer gelingt es uns. Manchmal brennt es wie Feuer, wenn wir auf Gegenwehr verzichten, nicht rächen, was uns angetan wurde, sondern den Frieden suchen. Aber genau darum geht es! „Denn nicht meine Versöhnung mit Gott ist die Hauptsache, sondern Gottes Herrschaft und sein Reich. Und dieses wird realisiert, wenn ich Versöhnung weitergebe.“ (Klaus Berger, S. 230)

Wir dürfen Gott nicht zu einem „lieben Gott“ und denken „der tut nichts“. Wir dürfen uns darüber täuschen, wieviel Gott diese Versöhnung gekostet hat. Gott, der uns alles vergeben hat, er ist nicht unfähig und ohnmächtig angesichts der Dinge dieser Welt, sondern Gott liebt uns und möchte uns nicht ohne uns retten. Amen.

 

Freitag, 4. September 2026

Schatz

 


Predigt zum Schuljahresbeginn – Mitarbeitende in den katholischen Schulen des Erzbistums Hamburg, Hl. Messe im Kleinen Michel, 3.9.2026

Lesungen: 2 Kor 4, 1–2.5–7 (Dr. Haep); Lk 22, 24–30 (P. Modemann SJ)

Liebe Lehrer.innen, liebe Betreuer.innen, liebe Mitarbeiter.innen der Schulabteilung - und alle, die an und für Schule im Erzbistum Hamburg beruflich tätig sind!

Die Texte, die Sie gehört haben, sind die Lesungen zum Fest des hl. Gregor, den die Kirche heute feiert. Sie passen gut zum heutigen Tag und so haben wir sie im Vorbereitungsteam ausgewählt. Ich möchte zu der ersten Lesung etwas sagen.

Was machen Sie mit einem Schatz? Wo tun Sie ihn hin? Was ist dafür der passende Ort? Hoffentlich haben Sie in den vergangenen Wochen, seit dem Beginn des Schuljahres, schon ein paar Schätze sammeln können, die sie gerne aufbewahren möchten: schöne Momente mit den Schülerinnen und Schülern, herausragende Gespräche mit den Kolleg.innen, Ereignisse, die sie bewahren möchten.

Nach den Ferien haben Sie den Dienst wieder aufgenommen: viel organisieren, neue Kinder empfangen, neue Kolleginnen und Kollegen begrüßen, Elterngespräche führen, etc. Es gibt Bauvorhaben, viele schöne Projekte. Aber gab es etwas, das Sie besonders berührt oder bewegt hat? Oder vielleicht einfach nur zwischendurch das Gefühl, dass Sie morgens gerne aufgestanden sind, oder dass Sie da genau richtig sind, wo Sie gerade sind?

Das sind doch Schätze! Also: Wo tun Sie diese Schätze hin? Was ist Ihre „Schatztruhe“? Denn normalerweise gibt es für einen Schatz es eine wertvolle Umhüllung, so dass für mich und für andere auf den ersten Blick klar wird: das ist besonders, wertvoll, es soll bewahrt werden. [Schatztruhe]

Der Apostel Paulus spricht in seiner Lesung auch von einem Schatz. Wir haben es gerade gehört. Einen Schatz, den wir allerdings nicht einer Truhe, sondern in zerbrechlichen, alltäglichen Gefäßen tragen [Tasse].

A.     Was ist dieser Schatz?

Zunächst einmal: Was ist dieser Schatz, von dem Paulus spricht? Paulus erklärt und fängt am Anfang an: Als Gott die Welt erschuf, und das Licht und die Finsternis, und Himmel und Erde, auf der es Menschen geben sollte. Menschen, wie Du und ich, die eine besondere Erfahrung machen dürfen, die Erfahrung, dass sie von Gott grundlegend geliebt sind. Das ist der Schatz, um den es geht.

Ich glaube, wir Menschen haben eine dreifache Berufung:

1/ Die erste Berufung ist die Berufung zum Mensch-Sein. Wir alle sind berufen als Menschen zu leben, in dieser Welt. Wir sind ins Leben gekommen, weil Gott es gewollt hat.

Diese Berufung teilen wir mit allen Menschen dieser Welt. Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, das ist unsere unverlierbare Würde. Dafür stehen die Könige, wenn wir sie nun auf Reisen durch die katholischen Schulen schicken: für die „königliche“ Würde eines jeden Menschen, vor aller Leistung und trotz aller Schuld. Diese Würde für uns selbst und für andere zu respektieren und sie zu leben, dafür tragen wir die Verantwortung.

2/ Die zweite Berufung ist die Berufung zum Christ-Sein. Sie haben wir durch den Glauben und die Taufe erhalten und wir teilen Sie mit allen Christen. Wir sind berufen, als Kinder Gottes zu leben. So heißt es im Johannes-Prolog „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1). Auch das ist eine Verantwortung, denn diese Macht ist vor allem ein Dienst für andere. Durch die Salbung haben Christen Anteil an dem königlichen, priesterlichen und prophetischen Amt Christi: Mit Christus, dem wahren König, werden sie sein Königreich leben.

3/ Und dann gibt es noch die ganz persönliche Berufung, je individuell und einzigartig, die wir im Laufe unseres Lebens hoffentlich entdecken und leben. Vielleicht ist ihr Beruf so eine Berufung, vielleicht ist ein besonderer Aspekt des Glaubens, eine Begabung, usw. Wer diese eigene Berufung lebt und wer das Leben nicht nur für sich selbst lebt, sondern in Beziehung mit anderen, der erhält tatsächlich etwas so Wertvolles - wie einen Schatz.

Paulus hat dies erfahren, und er kann bezeugen: dieser Schöpfergott, der am Anfang das Licht erschaffen hat, er selbst ist in unseren Herzen aufgeleuchtet.

Für ihn war es tatsächlich ein Moment der Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus, als er innerlich ein helles Licht sah, zunächst um ihn selbst zu erleuchten (Apg 9). Diese Erfahrung bleibt jedoch nicht singulär, auch andere haben solche Erfahrungen gemacht, ein Licht wie eine Sonne, um dann auch zu leuchten für jene, zu denen sie gesandt wurden. Und das trotz seiner Situation der Verfolgung, der Verleumdung, der Beschimpfung, die er nicht unerwähnt lässt.

Menschlich gesprochen ist es die Erkenntnis des Glaubens, des Vertrauens. Theologisch gesprochen ist es die Herrlichkeit Gottes, die in einem Menschen aufleuchtet.

Wer das Alte Testament kennt: Paulus spielt hier, auf die Erfahrung des Moses an. Er war Gott begegnet, und dann strahlte sein Gesicht, so dass er danach ein Tuch über sein Gesicht legen musste (Ex 34).

Man erkennt das Licht, die „Erkenntnis-Herrlichkeit“, jedoch nur mit den Augen des Geistes. („Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“) Die Herrlichkeit Gottes bleibt irdischen und verblendeten Augen verhüllt. Denn der Ort der Erleuchtung ist eben das Herz.

Das Leuchten wird nach außen sichtbar, durch das Tun und das Sein. Und dann wird jede Person zu einem Gesicht Christi, zum „Antlitz Christi“. Wer ist das also Antlitz Christi? Ihr seid das Antlitz Christi! Das ist die Pointe bei Paulus.

Also: der Schatz ist dieses Leuchten in den Menschen, die erfahren haben, dass Gott sie liebt, das ist die Herrlichkeit Gottes in Ihnen. Paulus schreibt diese Worte an die Gemeinde in Korinth, aber er spricht von einer allgemeinen Glaubenserfahrung. In einem weiteren Sinn spricht Paulus also alle Christen an.

B.     Warum tragen wir ihn in zerbrechlichen Gefäßen?

Paulus sagt nun, dass dieser Schatz in einem gewöhnlichen Alltagsgefäß aufbewahrt wird, indem man ihn nicht vermutet. Es geht nicht so sehr darum, dass dieses Gefäß zerbrechen könnte, dann würde es seine Funktion als Gefäß gar nicht mehr erfüllen. Sondern: Es ist ein normales, alltägliches, unansehnliches Gefäß, obwohl es doch ein besonders kostbarer Schatz ist.

Betont Paulus dies, weil er sagen will, dass wir nicht perfekt sein müssen, um diesen Schatz zu empfangen? Dass es nicht um eine goldene, makellose Schatztruhe geht, wenn Gott diesen Schatz schenkt?

Betont er, dass es ein Schatz ist, der im Alltag gelebt werden will, d.h. der nicht nur für sonntags oder für besondere Momente aufbewahrt werden soll, sondern für jeden Tag? Dass es ein Schatz ist, der allen Menschen zukommen möge, nicht nur den Reichen.

Paulus nennt einen Grund. Er sagt: „So soll deutlich werden, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“. Das meint: Wenn wir aus dem Glauben an Gott leben, dann wird dieser Schatz in uns, in unserem Alltag, eine Kraft entfalten, die über unsere Begrenzungen hinausgeht. Diese Kraft entfaltet sich in uns, damit wir uns für die Würde aller und für das Reich Gottes einzusetzen können. Diese Kraft steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir selbst durch unsere Ausbildung, unsere Klugheit, unsere eigenen Ressourcen usw. vermögen.

Das meint nicht, dass wir über unsere Kräfte hinaus arbeiten sollen, dass wir uns selbst ausbeuten, völlig verausgaben! Sondern es meint, dass Gottes Kraft stärker ist als die Bedrängnis und dass wir, indem wir aus seiner Kraft leben, mehr erwarten dürfen, als wir Gott (und uns selbst?) je zugetraut hätten: Dass wir im Dienst am Ende selbst bedient werden (Lk 22,24!)

Ich wünsche Ihnen, dass Sie im neuen Schuljahr, dass Sie immer wieder mal einen Schatz finden, ihn in die Truhe oder besser, das Gefäß, legen. Dass Sie Ihre Berufung leben können in ihrem Dienst, trotz Widerständen und Herausforderungen und dass Sie das innere Leuchten, die Herrlichkeit Gottes, der Sie liebt, der Sie geschaffen, erlöst und geheiligt hat, auch für andere ausstrahlen mögen. Amen.

Den Gedanken der dreifachen Berufung habe von Herbert Alphonso SJ, Die persönliche Berufung, Münsterschwarzach 92020, übernommen. Seine Idee stammt aus dem Gedicht von T. S. Eliot „The Naming of Cats“.