Predigt 22. Sonntag im Jahreskreis A 2026, Hamburg |
Manresa
In meinem Sommerurlaub in Litauen habe ich auch den „Berg
der Kreuze“ angeschaut, das ist eine Erhebung außerhalb der Stadt Šiauliai. Mitten in der Landschaft, zwischen flachen Wiesen und Feldern,
erhebt sich ein Hügel, auf dem in uralten Zeiten wohl schon eine Burg oder
Festung war, und auf den Menschen dann irgendwann einzelne Kreuze gestellt
haben, um für die Verstorbenen zu beten. So wie es in Bayern Wegkreuze gibt an ausgewählten Orten, an den Menschen sich im Gebet an Gott
wenden.
Dieser Hügel mitten in Litauen wurde nun nach dem Zweiten
Weltkrieg ein Ort des Totengedenkens für die vielen Litauer, die aus
politischen und religiösen Gründen verfolgt und umgebracht wurden. In der Zeit
der Besetzung Litauens durch die sowjetische Armee, d.h. nach dem Zweiten
Weltkrieg, sind viele Litauer in den Wider-stand gegangen; sie wurden gefangen
genommen, gefoltert, verschleppt, getötet. Tausende kamen in sowjetische
Arbeitslager nach Sibirien. Das Land verlor über 10 Prozent seiner Bevölkerung
durch Deportation und Hinrichtungen, Hunderttausende von Menschen!
Für jene Menschen, die in der Ferne starben und kein Grab
hatten, wurden dort, auf diesem Berg, Kreuze aufgestellt. Das gefiel den
stalinistischen Machthaber selbstverständlich nicht. Sie ließen den Hügel räumen,
die Kreuze niedermachen. Doch schon am nächsten Tag standen sie wieder da, mehr
Kreuze als zuvor. Das wiederholte sich. Nach einigen vergeblichen Versuchen hat
das Regime dann die Kreuze stehen lassen, der Hügel wurde zum Sinnbild des
sinnlosen Terrors und zugleich des beharrlichen Widerstands der Litauer, für
ihre Freiheit und ihren christlichen Glauben an ein Leben nach dem Tod, an die
Erlösung vom Bösen, durch das Kreuz.
Noch heute kommen Menschen und stellen Kreuze auf, nicht
mehr nur als Erinnerung an einen geliebten Menschen, sondern auch als Dank für
eine bestandene Prüfung, für die Geburt eines Kindes und so weiter. Es ist
völlig überwältigend, wenn man durch diesen Wald an Kreuzen geht. Das Kreuz,
das Ärgernis (skandalon) des Todes; für Christen das Symbol des Lebens, der
Rettung, der Erlösung.
Die Texte des heutigen Sonntags rufen uns in die Nachfolge von Jesus Christus, der in seiner Schwachheit gekreuzigt wurde und aus der Kraft Gottes lebt. Und sie machen deutlich, dass diese Nachfolge unter Umständen kein Spaziergang, kein Zucker-schlecken, ist, sondern mit handfesten körperlichen und psychischen Nachteilen ein hergeht.
Der Prophet Jeremia erfährt es so: Eigentlich wollte ich diese
Berufung nicht. Ich habe es zwar zugelassen, als Prophet in den Dienst Gottes
zu treten, aber ich tue es nicht gerne. Ich soll „Gewalt und Unterdrückung“
rufen, aber das kommt nicht gut an, und ich werde verhöhnt. Ich werde zum Spott.
Später wird berichtet, wie Jeremia tatsächlich von einem Priester körperlich
misshandelt wurde, der diesen Propheten unschädlich machen wollte.
Jeremia ist sich jedoch bewusst, dass er eigentlich keine
Alternative hat. Denn wenn er seinen Auftrag, seine Berufung, verweigert, das
Feuer anzukündigen, dass Jerusalem verzehren wird, dann brennt es in seinem
Inneren und wird zur Qual für ihn. Er muss seinem Auftrag folgen und Gottes
willen tun. Ein höchst verstörender Text, oder nicht?
Auch die zweite Lesung aus dem Römerbrief ist keine leichte
Kost: Paulus ermutigt die Gemeinde in Rom, ihre Leiber als Opfergabe dazu zu
bringen. Die Darbringung, die Hingabe an Gott, das sei ihr „Gottesdienst“.
Doch Vorsicht! Paulus spricht hier nicht davon, dass alle
Menschen Märtyrer werden sollen. Im Gegenteil! Ergibt zwei wichtige Hinweise,
die wir nicht überhören dürfen:
1/ Erstens spricht er von einer lebendigen Opfergabe. Im Tempel-Kult
wird eine Opfergabe zunächst getötet und dann als Opfer verbrannt, das ist ein
Schlachtopfer. Er sagt hier „eine lebendige Opfergabe“. Das bedeutet: So lebendig,
wie ihr jetzt seid, in eurer Lebenssituation, so sollt ihr euch Gott übergeben.
2/ Und der zweite wichtige Hinweis: diese Hingabe ist ein „geistiger
Gottesdienst“, wörtlich „vernunftgemäßer Gottesdienst“. D.h. es geht hier nicht
um ein blutiges Opfer, sondern um eine Hingabe in geistiger Hinsicht: also
meine Gedanken, meine Gefühle, meine Wünsche, Antriebe, dass alles Gott
hinzugeben und zu sagen: „nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“
Wie das gehen kann? Auch dafür gibt Paulus einen Hinweis:
das geht so, dass man das eigene Denken nicht dieser Welt anpasst, sondern sich
verwandeln lässt durch die „Erneuerung des Denkens“. „Kehrt um!“, hat Jesus
gesagt. „Verändert euer Denken!“ „Denkt größer von Gott!“ „Traut ihm etwas zu!“.
Das war der Anfang seiner Botschaft (vgl. Mk 1). Und Paulus führt es eben jetzt
aus und sagt der Gemeinde in Rom: „Meint nicht, ihr wisst schon jetzt ganz
genau, was für alle und für jeden gut ist!“
Die Sowjets wussten ganz genau, was für die Litauer gut ist:
der stalinistische Kommunismus ohne Gott. Wo alle gleich sind und einige
gleicher. Totalitarismus.
Die Christen rufen dazu auf, das Denken zu erneuern und zu
prüfen und zu erkennen, was jeweils in diesem Moment, an diesem Ort, für diese
Person, das richtige ist, was der Wille Gottes ist.
Das bedeutet: ich weiß nicht von vornherein und vor allem
nicht für jemand anderen, was der Wille Gottes ist. Ich weiß, dass Gott das
Gute will, das Wohlgefällige, das Vollkommene. Aber wie genau, auf welchem Weg
er dieses Ziel für die Menschen erreichen wird? Keine Ahnung. Das muss ich
immer wieder neu suchen und verstehen.
Deshalb der Gottesdienst: deshalb immer wieder alles an Gott
übergeben, mein Leben hingeben im Vertrauen darauf, dass er alles zum Guten
führt.
Es ist nicht die Aufgabe des eigenen Denkens, die Verneinung
der Vernunft, der blinde Gehorsam, um den es hier geht. Im Gegenteil! Es geht
um einen „vernunftgemäßen Gottesdienst.“ Es geht um Liebe und Hingabe. Es geht
um die Bereitschaft, auch eigene Grenzen und Fehler anzuerkennen, es geht um
Demut und Dankbarkeit, um die Erlösung für das Leben.
Das ist nicht einfach zu verstehen. Auch Petrus versteht es
zunächst nicht. Als Jesus davon redet, dass er Leid und Tod erfahren wird,
möchte Petrus, dies verhindern. Total verständlich und nachvollziehbar. Er
sieht nicht, was daran gut sein soll. Aber Jesus fährt ihn an. „Weg, Satan, tritt
hinter mich. Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen
wollen.“ (Mt 16, 23; andere Übersetzung)
Das ist ja auch für uns eine Frage: Ist es der Wille Gottes,
dass er seinen eigenen Sohn bis ans Kreuz führt? Gott will doch das Gute, das
Wohlgefällige, das Vollkommene. Soll das Kreuz Jesu tatsächlich für uns das
Gute, das Vollkomme sein!?
Wie schwer ist es, den Willen Gottes zu erkennen. In der
Nachfolge Jesu dürfen wir es lernen. Wenn wir ihm nachfolgen, unser Kreuz
annehmen, sein Leben leben, unser Leben auf ihn setzen, es hingeben, werden wir
es gewinnen. Das ist die Verheißung, das Versprechen.
Für mich bringt ein Gebet, dass der selige Pater Rupert Mayer
SJ oft gebetet hat, der auch im Widerstand gegen ein totalitäres Regime stand.
Es ist diese Haltung der Demut und der Dankbarkeit, die darin besonders schön
zum Ausdruck kommt:
Herr, wie Du willst, soll mir geschehn
und wie Du willst, so will ich gehn –
hilf, Deinen Willen nur verstehn.
Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit
und wann Du willst, bin ich bereit
heut und in alle Ewigkeit.
Herr, was du willst, das nehm’ ich hin,
und was Du willst, ist mir Gewinn.
Genug, dass ich Dein Eigen bin.
Herr, weil Du‘s willst, drum ist es gut
und weil Du‘s willst, drum hab ich Mut.
Mein Herz in Deinen Händen ruht.
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