Montag, 28. April 2025

Ostern 2025


Predigt 2. Sonntag der Osterzeit C | Hamburg 2025

Les: Apg 5,12-16; Offb 1,9-11a.12-13.17-19; Joh 20,19-31

„Was für ein Osterfest!“, so schrieb mir eine Bekannte in den vergangenen Tagen. Mit dem Tod von Papst Franziskus am Ostermontag und dem Abschied von Erzbischof Werner bleiben diese Tage im heiligen Jahr hier in Hamburg für viele Menschen sicherlich in besonderer Erinnerung. Ostern 2025 - drei Gedanken dazu.

1/ persönlich und gemeinschaftlich

Vielleicht haben manche dieses kleine Video vom Mittwoch gesehen, von Schwester Geneviève Jeanningros, 82 Jahre, eine „kleine Schwester“ aus Frankreich, die mit Papst Franziskus seit vielen Jahren befreundet war und an seinem Sarg Abschied nehmen wollte. Ein blaues Ordensgewand, ein abgesetzter Rucksack, ein Taschentuch in den Händen, viel mehr sieht man nicht von ihr, aber man erkennt ihre Liebe. Sie lebte jahrelang unter Zirkusleuten, Obdachlosen, Transgender-Menschen und begleitete sie oft zur Audienz beim Papst. Sie stand am Sarg, offensichtlich laut Protokoll völlig deplatziert, hielt sich nicht an die Reihenfolge und betete. Nachher sagte sie, Franziskus sei für sie ein Vater, ein Bruder, ein Freund gewesen, und sie wollte ihm noch einmal die Menschen bringen, die ihr anvertraut sind.

Abschied, Dankbarkeit, Trauer, Freude über das neue Leben, das uns mit dem Tod und der Auferstehung Jesu geschenkt wurde, das hat stets eine gemeinschaftliche und eine persönliche Dimension!

Im Johannes-Evangelium, aus dem wir gerade gehört haben, ist die Erscheinung Jesu vor allen Jüngern am Osterabend gerahmt von zwei ganz persönlichen Begegnungen mit dem Auferstandenen. Am Morgen mit Maria von Magdala am Grab und am Sonntag nach einer Woche mit Thomas, dem Zwilling, der am Osterabend nicht dabei gewesen war. Aber auch diese beiden persönlichen Erfahrungen haben etwas mit der Gemeinschaft zu tun: Maria von Magdala geht zu den Jüngern und bringt Ihnen die Osterbotschaft. Die Begegnung mit Thomas, die persönliche Hinwendung an ihn, und wie Jesus auf seine Fragen und seine Zweifel eingeht, geschieht mitten unter den anderen.

Das ist vielleicht die erste Botschaft, die wir heute Abend hören dürfen: im Tod und im Leben, beim Abschied, in der Trauer, in der Dankbarkeit, in der Freude - in allem, was wir als bedeutsam in unserer Gottes Beziehung ansehen, brauchen wir die anderen. Ostererfahrung wird nicht im stillen Kämmerlein zuteil. Es gibt an Ostern keine private Erbauung im Wohnzimmer. Auch wenn Gebet oft in Stille geschieht, auch wenn wir manchmal den Rückzug brauchen, auch die Einsamkeit und selbst wenn wir in Trauer uns einsam und verlassen fühlen: es ist das Bild von der Versammlung der Jüngerinnen und Jünger und Jesus in ihrer Mitte (V19 und V26!), das uns Ostern werden lässt, d.h. Begegnung mit dem Herrn schenkt.

2/ Wunder und Wunden

Das Wunder der Auferstehung ist für Thomas durch die Erzählung der anderen Jünger nicht nachvollziehbar. Was wir an Ostern feiern, übersteigt unseren Verstand. Ein Mensch mit einem Leib, der durch verschlossene Türen gehen kann? Im Zentrum der Erzählung aus dem Johannes Evangelium steht aber nicht das Wunderhafte, sondern vielmehr das Wunderbare: die Wirkungen der Auferstehung. Der Auferstandene schenkt Frieden, Vergebung, Freude.

Thomas erkennt den Herrn an seinen Wunden. Die Auferstehung ist kein Wunder, dass einen reinen, neuen Leib erzeugt, sondern es bleiben die Male der Nägel, die Seitenwunde, die Erfahrungen und das Leid bestehen und werden doch verwandelt. „Durch seine heiligen Wunden, die leuchten in Herrlichkeit, behüte und bewahre uns Gott der Herr“, so beten wir beim Entzünden der Osterkerze.

Das Leid ist nicht weggewischt, aber das Leiden am Leiden ist vorüber und genau das schenkt Trost. [Etymologisch gibt es zwischen Wunder und Wunden keine Verbindung, inhaltlich aber offenbar schon].

3/ anhauchen und empfangen

Und ein dritter Gedanke: die Erfahrung des auferstandenen Jesus ist damit verbunden, dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger anhauchte. Diese Anhauchung erinnert an das erste Anhauchen Gottes bei Erschaffung des Menschen, so wie im Buch Genesis erzählt wird: „Gott, blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7) Diese erste Hauchung war durch die freiwillig begangenen Sünden ausgelöscht worden. Nun schenkt Jesus seinen Jüngern neues Leben und er befreit sie aus der Bedrängnis.

Ob nun diese Anschauung selbst schon die Geistgabe ist (durch Jesus Christus), oder ob es die Vorbereitung auf die Geistgabe von oben ist (von Gott Vater), darum ist viel gestritten worden. In jedem Fall ist es ein Akt der Neuschöpfung: neues Leben wird geschenkt. Das neue Leben gründet dem Tod und in der Hingabe Jesu, wird im sehenden Erkennen angeeignet und im Sündennachlass weiter geschenkt. Leben empfangen und weitergeben. Das ist unser Dienst. Halleluja! Was für ein Osterfest!

Dienstag, 22. April 2025

Franziskus


Zum Tod von Papst Franziskus.

Erinnern Sie sich an den 13. März 2013? Es war der Tag der Wahl von Papst Franziskus. Am Abend trat er auf den Balkon und begrüßte nach seiner Wahl die Gläubigen auf dem Petersplatz. Ich war damals in Argentinien und ich habe das Erstaunen und die Ratlosigkeit der Mitbrüder erlebt, was diese Wahl bedeuten wird für die Kirche und für unsere Ordensgemeinschaft.

Ich bin ihm persönlich nie begegnet, aber vielen seiner Weggefährten und ich habe viele seiner Schriften mit großem Gewinn gelesen, aus seiner Zeit als Jesuit, und aus seiner Zeit als Papst. Ich denke an einen wahren Vater, ein herausforderndes Vorbild, und einen Verbündeten im Gebet.

An dem Abend nach seiner Wahl 2013, als er die Gläubigen auf dem Petersplatz begrüßte, finden wir in seinen ersten Worten bereits zwei wesentliche Dimensionen seines Dienstes: die Bedeutung des gemeinsamen Gehens, Bischof und Volk, auf einem Weg der Brüderlichkeit, Liebe, des Vertrauens und der Hoffnung; und die Zentralität des Gebets, insbesondere des Fürbittgebets.

a/ Die weltweite Bischofssynode und der Aufmerksamkeit gegenüber der Synodalität als konstitutive Dimension des Kirche-Seins, zeigt deutlich dieses „gemeinsame Gehen“. Dies vermindert in keiner Weise den Primat des Petrus oder die Verantwortung der Bischöfe; im Gegenteil, es ermöglicht, diese Verantwortung mit der bewussten Teilnahme aller Getauften, des Gottesvolkes auf dem Weg, auszuüben, indem die Anwesenheit und das Wirken des Herrn durch seinen Heiligen Geist im Leben der kirchlichen Gemeinschaft erkannt werden.

b/ Die Einladung zum Gebet, die er in jener Nacht allen Gläubigen machte, ist in unserer Erinnerung fest verankert: „Lasst uns gemeinsam beten, Bischof und Volk. Ich bitte euch, für mich zu beten, dass der Herr mich segnen möge.“ Während seines Pontifikats schloss er stets seine Reden, einschließlich des Angelus am Sonntag, mit derselben Einladung: „Bitte vergesst nicht, für mich zu beten.“ Er hörte nie auf, uns daran zu erinnern, wie das Gebet aus dem Vertrauen auf Gott und der Vertrautheit mit Ihm geboren wird. Im Gebet können wir das Geheimnis des Lebens der Heiligen entdecken.

Wenn er uns Jesuiten ansprach, betonte er stets die Bedeutung, in unserem Leben und unserer Mission genügend Raum für das Gebet und die Aufmerksamkeit auf die geistliche Erfahrung zu reservieren. In seinem Brief vom 6. Februar 2019, in dem er seine Zustimmung und Bestätigung der Universalen Apostolischen Präferenzen mitteilte, schrieb er an unseren Generaloberen: „Die erste Präferenz (den Weg zu Gott durch die Geistlichen Übungen und die Unterscheidung zu zeigen) ist entscheidend, weil sie die Grundvoraussetzung für die Beziehung des Jesuiten zum Herrn voraussetzt, in einem persönlichen und gemeinschaftlichen Leben des Gebets und der Unterscheidung. […] Ohne diese betende Haltung werden die anderen Präferenzen keine Früchte tragen.“

Papst Franziskus hatte einen wachen Blick auf das Geschehen in der Welt, um allen ein Wort der Hoffnung zu bieten. Die außergewöhnlichen Enzykliken „Laudato Si'“ (2015) und „Fratelli tutti“ (2020) offenbaren eine klare Analyse des Zustands der Menschheit und zeigen gleichzeitig im Licht des Evangeliums die Wege auf, die Ursachen so vieler Ungerechtigkeiten zu beseitigen und Versöhnung zu fördern.

Für Papst Franziskus war der Dialog miteinander, zwischen politischen Gegnern oder zwischen Religionen und Kulturen das Mittel, um Frieden und soziale Stabilität zu fördern, ein Umfeld gegenseitigen Verstehens zu schaffen, sich füreinander zu sorgen und einander solidarisch zu unterstützen.

Unvergesslich ist mir der Abend des Gebets, zu dem er angesichts der Corona-Pandemie im März 2020 aufrief und er selbst auf dem leeren Petersplatz stand

Vorbildlich ist für mich seine ständige Sorge um den Frieden angesichts von Intoleranz und Kriegen, die das internationale Zusammenleben bedrohen und unermessliches Leid unter den Wehrlosesten verursachen

Prophetisch wirkte sein Mitgefühl mit den vielen weltweit Vertriebenen, insbesondere jenen Menschen, die gezwungen sind, ihr Leben zu riskieren, indem sie das Mittelmeer überqueren.

Wir trauern, zusammen mit vielen Menschen auf der Erde, Katholiken und andere, über das Ende des irdischen Lebens von Papst Franziskus. Wir tun dies aus einem tiefen Mitgefühl und mit der festen Hoffnung auf die Auferstehung, weil unser Herr Jesus den Menschen die Tür zum ewigen Leben geöffnet hat. Wir beklagen den Tod eines Mannes, der sich in den Dienst der Universalkirche stellte und das Petrusamt mehr als 12 Jahre lang ausübte. Als Jesuiten nehmen wir Abschied von einem Mitbruder, mit dem wir dasselbe geistliche Charisma teilten und dieselbe Art, unserem Herrn Jesus Christus nachzufolgen.

Wir sind von seinem Abschied bewegt, und dennoch entspringt eine tiefe Dankbarkeit aus unserem Herzen gegenüber Gott, dem Vater, reich an Barmherzigkeit, für so viel Gutes, das wir durch den Dienst eines ganzen Lebens empfangen haben, und für die Weise, wie Papst Franziskus die Kirche während seines Pontifikats geführt hat, in Gemeinschaft und Kontinuität mit seinen Vorgängern, im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Der Herr schenke ihm die ewige Ruhe - und das ewige Licht leuchte ihm. Herr, lass ihn ruhen in Frieden. Amen.

 

Bewegung


Predigt Ostersonntag 2025 | Hamburg -
Ostern bringt in Bewegung

Les: Apg 10,34a.37-43; Kol 3,1-3 oder 1Kor 5,6b-8; Joh 20,1-18

1/ Bewegung

Da ist etwas in Bewegung gekommen. Das Evangelium vom Ostermorgen berichtet zunächst von Maria, die am frühen Morgen, kurz nachdem sie entdeckt hatte, dass der Stein nicht mehr vor dem Grab lag, zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger lief, um Ihnen davon zu berichten. Dann laufen diese beiden Jünger zum Grab, der eine schneller als der andere. Sie beugen sich vor bzw. gehen in das Grab hinein und sehen - nichts. Nur die Leinenbinden und das Schweißtuch. Sie gehen wieder nach Hause zurück.

Maria geht zum Grab, beugt sich hinein und sieht die Engel, wendet sich um, sieht Jesus und er kennt ihn nicht. Sie spricht mit ihm und denkt, es sei der Gärtner, bis er sie beim Namen ruft. Da erkennt sie ihn. Sie geht zu den anderen Jüngern und erzählt Ihnen, was er ihr gesagt hat.

Ostern bringt in Bewegung. Nach dem Karfreitag, an dem die Frauen mit der Mutter Jesu beim Kreuz standen, in ihrer Trauer verharren und dabeibleiben konnten; und nach dem Karsamstag, an dem mit dem erschreckenden Tod alles zum Stillstand gekommen ist, geschieht nun plötzlich Aufbruch, Umwendung, Bewegung.

Jesus Christus, der am Kreuz starb und begraben wurde, er lebt! Der im Tod war hat den Tod überwunden! Die trauernde Maria (ihr Blick ist von Tränen getrübt), wendet sich um und hört den Klang der Stimme, die sie beim Namen ruft. Und dann erkennt sie ihn, der ihr Leben verwandelt, weil seines verwandelt ist.

2/ world changing

Kurz vor Ostern bekam ich eine E-Mail-Nachricht von einem Mann, der heute Abend getauft wird, mit dem Betreff „world changing“. In dieser E-Mail berichtet er von den Bewegungen und Veränderungen, die in seinem Leben in den vergangenen Monaten mit der Vorbereitung auf die Taufe geschehen sind. Und vielleicht geht es nicht nur ihm so, vielleicht werden auch anderen von Ihnen sagen: Meine Welt hat sich verändert; oder: ich habe einen neuen Blick auf die Dinge, oder: meine Haltung zum Leben hat sich verändert, ausgehend von der Dankbarkeit für das Leben und für alles das, was in Ihrem Leben geschieht, ohne, dass sie das selbst vollständig begreifen können.

Ich denke, sie alle, die heute getauft werden oder in die Kirche aufgenommen und gefirmt werden, werden auf die ein oder andere Weise sagen, dass sich bei Ihnen in den vergangenen Monaten etwas verändert hat. Es ist etwas in Bewegung gekommen, in ihnen, um sie herum, mit ihnen. Diese Veränderungen haben damit zu tun, dass sie sich auf die Suche gemacht haben und sich haben ansprechen lassen.

3/ Berufung

Am Anfang des Wirkens Jesu im Johannesevangelium steht die Berufung seiner Jünger mit der einfachen Frage: „Was sucht ihr?“ (Joh 1,35) Und der gleichen Fragen begegnen wir am Ende, im Osterevangelium, noch einmal. Jesus fragt Maria Magdalena: „Wen suchst du?“ (Joh 20,15) Es ist die gleiche Frage, und doch ist sie anders, verändert. Bei den Jüngern, hier bei Maria Magdalena, ist aus der unpersönlichen Sinnsuche („was suchst du?“) eine persönliche Beziehung zu einem Menschen geworden („Wen suchst du?“)

Und wie ist das bei Ihnen? Auch Sie haben etwas bzw. jemanden gesucht, sonst hätten Sie sich nicht auf den Kurs und die Vorbereitung eingelassen. Sie haben sich diese Frage stellen lassen und in den vergangenen Monaten versucht, darauf eine Antwort zu geben. Vielleicht hat sich auch bei Ihnen diese Frage in den letzten Monaten verändert. Was würden Sie heute auf diese Frage antworten? Was oder wen suchst Du?

Die Hinwendung zu Jesus Christus, die sie heute vollziehen, ist die Antwort auf Ihre Berufung. Taufe ist Berufung! Sie werden auf den Namen des dreieinen Gottes getauft- und mit ihrem Namen gerufen und gesalbt.

4/ Wandlung

Ostern ist etwas in Bewegung gekommen. Es verwandelt sich etwas. Veränderung ist nicht immer leicht, manchmal ist sie mit Trauer mit Abschied und Neubeginn, manchmal auch mit Mühe verbunden. Tatsächlich reicht das, was wir an Ostern feiern, viel tiefer, als wir verstehen können. Jesus ist bis in die Tiefen des Todesreiches hinabgestiegen. Ostern bedeutet neues Leben, aber nicht so, wie man im Computerspiel ein neues Leben bekommt und einfach von vorne beginnt. Ostern ist eine Transformation, eine Verwandlung von Leben.

Das Bild vom Schmetterling ist bekannt. Es wird oft genommen, um dieses neue Leben zu verdeutlichen: wie die Raupe sich einpuppt und dann aus dem Kokon der neue Schmetterling schlüpft, so ist auch das neue, das ewige Leben, das Jesus vom Vater geschenkt wird, eine ganz neue Wirklichkeit und nicht einfach eine Fortsetzung des gleichen.

Erst vor kurzem habe ich erfahren, wie das mit der Raupe eigentlich geschieht. Sie wird nicht einfach umgebaut, so hatte ich gedacht, so einen aus einem Bein ein Flügel wird oder so, sondern die Raupe löst sich im Kokonvölkern ständig auf, es ist nur noch eine flüssige Masse vorhanden und aus der DNA entsteht dann ein neuer Schmetterling wunderbar

Auch die Wandlung und Transformation, die mit dem Glauben verbunden ist, um als neue Menschen zu leben, ist schwieriger, manchmal aufreibender Weg. Unsere Sicht verändert sich, unser Blick unser Verstehen. Und oft erahnen wir nur, was es bedeutet, dass Gott sich aus Liebe für uns hingegeben hat. Amen.

Samstag, 19. April 2025

Frömmigkeit der Tröstung

Predigt Karfreitag 2025 | Hamburg-Langenhorn


Jahr für Jahr vergegenwärtigen wir uns am Karfreitag mit den Lesungen aus dem Propheten Jesaja, aus dem Hebräerbrief und aus dem Johannes Evangelium das Leiden unseres Herrn Jesus Christus. Im Detail hören wir von der Verhaftung, dem Verhör, der Verurteilung und der Hinrichtung bis zum Tod.

Dabei wissen wir: Die Leidensgeschichte ist mehr als ein bloßer Bericht. Sie ist Deutung und Verkündigung. Sie sagt nicht nur, was geschah, sondern auch warum und wozu es geschah. Aber was bedeutet sie für uns? Hilft es uns, wenn wir sie jedes Jahr von neuem lesen und hören und uns das Geschehen vorstellen? Verändert sich dadurch irgendetwas? Verändert sich dadurch etwas an dem, was damals geschah, so furchtbar und grausam, vor bald 2000 Jahren (im Jahr 30). Verändert sich dadurch etwas in unserer Welt heute, am Krieg in der Ukraine, im Heiligen Land, im Sudan oder Kongo, oder wo sonst gerade Menschen brutal und grausam hingerichtet werden? Verändert sich dadurch etwas in unserem persönlichen Leben hier in Hamburg, in relativer Sicherheit und Frieden, vielleicht aber auch mit Sorgen und Konflikten fragen und Krankheiten belastet?

In seiner Enzyklika „Dilexit nos“ (über die menschliche und göttliche Liebe des Herzens Jesu), erschienen im Oktober letzten Jahres, hat Papst Franziskus dazu einige wichtige Hinweise gegeben. Diesen Gedanken möchte ich gerne heute aufnehmen. Er schreibt über eine einfache und intensive Frömmigkeit, die von Anfang an zum praktisch gelebten Glauben gehörte und die sich über die Jahrhunderte erhalten hat: die Frömmigkeit der Tröstung (DN 151ff.). Was ist damit gemeint?

Viele Menschen suchen Trost. In den letzten Jahren machen sich Gefühle wie Ohnmacht, Wut, Trauer, und Betroffenheit breit. Müdigkeit stellt sich ein. Das Wort „mütend“ beschreibt dieses Gefühl, müde und wütend zu sein. Es herrscht Trostbedarf oder anders gesagt: Wir leiden an Trostlosigkeit. Der australische Umwelt-Philosoph Albrecht Glenn hat dazu einen Begriff geformt: er nennt es Solastalgie („so wie Allergie“). Das ist die Trauer und das Gefühl des Verlorenseins, der Schmerz über den Verlust der Heimat und der Umwelt.

Was kann uns trösten in diesen Zeiten? Und wir möchten ja nicht vertröstet werden, sondern wir möchten echten Trost, der sich gut von falschem Trost unterscheidet, dadurch, dass er tatsächlich etwas bewirkt.

Trost ist, so die klassische Definition von Georg Simmel, „das merkwürdige Erlebnis, dass zwar das Leiden bestehen bleibt, aber sozusagen das Leiden am Leiden aufgehoben wird.“

Und damit sind wir mittendrin in dem, was Christen heute am Karfreitag feiern. Karfreitag ist der Moment, um Jesus zu trösten. Sich daran zu erinnern, dass sein Leiden bestehen bleibt, aber zugleich das Leiden am Leiden aufgehoben wird.

Wir versuchen heute Jesus zu trösten, um auch selbst darin Trost zu finden und mit dem Trost, mit dem wir getröstet werden, auch andere zu trösten.

1/ Jesus trösten

Wir hören die Leidensgeschichte und meditieren die Selbsthingabe Jesus am Kreuz. Wir können versuchen, in diesen Momenten, die wir erinnern, Jesus Trost zu spenden. Es geht dabei nicht in erster Linie um Sühne oder Opfer oder Wiedergutmachung, sondern ganz schlicht um ein liebendes Verlangen, das im Herz des Menschen entsteht, wenn ein geliebter Mensch leidet. Der Wunsch, bei ihm sein zu wollen und ihn eben zu trösten.

Das mag sich merkwürdig anhören, wenn wir 2000 Jahre später mit Hilfe unserer Erinnerung versuchen, Zeit und Raum überwinden, um bei Jesus zu sein. Aber wer schon einmal geliebt hat, ahnt etwas von dieser Kraft der Liebe. Wirkliche Liebe ist keine Einbildung, sondern eine Beziehung, die Raum und Zeit überwinden kann. Die Beziehung zu Gott bzw. die Beziehung Gottes zu uns, seine liebende Zuwendung geschieht durch Raum und Zeit hindurch bis zu uns heute und hier.

Jesus ist am Kreuz für unsere Sünden gestorben. Das bedeutet doch, dass er sein Leben für zukünftige Sünden hingegeben hat. Und so wie seine Vergebung von damals, uns heute erreicht, so erreicht auch unsere Liebe und unser Glaube sein verwundetes Herz durch die Zeiten hindurch. (DN 153)

Die Lieder „O Haupt voll Blut und Wunden“ (GL 289) oder „Wir danken Dir, Herr Jesu Christ“ (GL 297) sind ein Ausdruck dieser Frömmigkeit der Tröstung. Die Zuwendung zu Jesus ist viel mehr als ein bloßes Erinnern, sondern eine wirkliche Verbundenheit. (DN 154, vgl. KKK 1085). Wir treten mit dem lebendigen, auferstandenen, vollkommen glücklichen Christus in Beziehung und versuchen ihn zugleich in seinem Leiden zu trösten. (DN 155)

Papst Franziskus schreibt zu der Frage, wie das möglich sein kann: „Bedenken wir, dass das auferstandene Herz Jesu seine Wunde als ständige Erinnerung bewahrt und dass das Wirken der Gnade eine Erfahrung hervorruft, die sich nicht vollständig im chronologischen Augenblick erschöpft. Diese beiden Überzeugungen erlauben uns die Annahme, dass wir es mit einem mystischen Weg zu tun haben, der alle Bemühungen der Vernunft übersteigt und das ausdrückt, was das Wort Gottes selbst uns nahelegt: „Er hat uns geliebt“. (DN 155)

2/ Getröstet werden

Jesus trösten bedeutet also, dass ich, der Mensch, der heute lebt, mit der Erinnerung der Ereignisse in Jerusalem erlebe, wie Christus das Kreuz für die Menschen trägt, wie es sich abmüht, leidet, den Hass für uns Menschen trägt, damit wir heute leben können. Und damit mich von ihm trösten lasse, der auch in seinem Leiden mich anschaut, mich kennt, für mich da ist.

3/ Andere trösten

Trost gehört also in die Beziehung zu Gott und zu Jesus Christus hinein und hat so gleich auch eine soziale Dimension. Wir dürfen anderen Menschen in ihrem Leiden beistehen, so dass das Leiden am Leiden aufgehoben wird und Menschen trotz Krankheit, Tod, Angst und Bedrängnis in ihrem Leben einen Sinn erkennen. „Tröstet, tröstet mein Volk“ (Jes 40,1) so ruft der Prophet Jesaja uns zu. (DN 162).

Die Frage, warum wir die Leidensgeschichte hören, führt uns also zu der Frage: Wie kann ich andere trösten? Denn der Weg Jesu zeigt uns vor allem: Wir brauchen keine dabei keine Angst haben. Wir dürfen das Loslassen üben, auch die Angst loslassen, die Wut und die Müdigkeit, uns nicht daran festhalten, sondern an der Zuwendung Gottes und auf ihn vertrauen, am Ende des Tages, am Ende des Lebens, am Ende der Welt.

Und wenn ich konkret wissen möchte, wie ich andere Menschen trösten kann, dann helfen vielleicht diese zwei Fragen bzw. Schritte vorher:

a/ Wie kann ich Jesus trösten?

b/ Wie möchte ich selbst getröstet werden? Was gibt mir Trost?

Wie es Paulus im zweiten Brief an die Korinther schreibt: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.“ (2 Kor 1,3-5) Amen.

Montag, 31. März 2025

Freiheit



Predigt Vierter Fastensonntag C 2025 | Hamburg „Freiheit“ 

Les: Jos 5,9a.10-12; 2Kor 5,17-21; Lk 15,1-3.11-32

1/ Freiheit

« Liberté toujours ! » Obwohl ich kein Raucher bin, hat mich diese Werbung einer französischen Zigarettenmarke immer auf eigenartige Weise angesprochen. Freiheit! Dieser Ruf, dieser Schrei von so vielen Menschen, die unterdrückt und geknechtet werden. Freiheit! Die Sehnsucht von Menschen, die in Zuständen und Situationen leben, aus denen sie ausbrechen möchten. Der Ruf schallt durch die Geschichte. Freiheit ist für die Deutschen das höchste Gut!

Doch was ist Freiheit eigentlich? Die Möglichkeit zu tun und zu lassen, was ich möchte? Auf der Liste der Länder mit der höchsten „persönlichen Freiheit“ steht Deutschland (Platz 8) gut dar, unter den ersten 10 in der Welt! Dabei zählen vor allem die Selbstbestimmungsrechte, Meinungs- und Informationszugang und die Toleranz in der Gesellschaft als Indikatoren. Aber es ist klar: Grenzenlosigkeit gefährdet die Freiheit. Es braucht Sicherheit und Ordnung, um Freiheit zu wahren, denn wenn alles toleriert wird, dann zahlt man am Ende mit der Freiheit.

Freiheit hat zwei Bedeutungen: In der negativen Bedeutung, der „Freiheit von“, bezeichnet Freiheit eine Unabhängigkeit, die Ablehnung von Zwang und Fremdbestimmung, die Negation von Einmischung und Bevormundung. Die positive Fähigkeit hingegen, „Freiheit zu“, besteht in der Fähigkeit, sich selbst Ziele zu setzen und Mittel zu wählen, also in der Fähigkeit zur Selbstbestimmung, die ein Leben nach den eigenen Vorstellungen erlaubt. Religionsfreiheit z.B. ist nicht nur eine Freiheit „von der Religion“ (niemand muss glauben), sondern auch eine Freiheit „für die Religion“ (jeder kann glauben).

Der christliche Glaube will in die Freiheit führen. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, so schreibt Paulus an die Galater (Gal 5,1). Dabei wird deutlich: Christliche Freiheit ist etwas, das wir schon haben, das aber zugleich noch vor uns liegt, etwas woraufhin wir leben.

2/ Pessach in Gilgal

In der ersten Lesung aus dem Buch Josua haben wir von dem Fest der Israeliten nach dem Einzug in das verheißene Land gehört. Die Paschafeier in Gilgal bildet in dieser Erzählung, die erst viele Jahre später entstanden ist, den Abschluss der Wüstenwanderung und den Neuanfang im Land Kanaan.

Nach der Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten, nach der vierzigjährigen Wüstenwanderung und der Verkündung des Gesetzes durch Mose, kommt das Volk nun unter Josua am Jordan und im gelobten Land an. Von denen, die damals aufgebrochen sind, lebt kaum jemand mehr; alle die Jahre hindurch haben sie jedoch die Erinnerung an den Aufbruch wachgehalten, an jene letzte Nacht in Ägypten, die Nacht des Vorübergangs.

„Pessach“ oder (griechisch:) „Pascha“ ist bis heute das Hauptfest des Judentums und es ist mit der Erinnerung an den Exodus verbunden, des Auszugs aus Ägypten. Es stellt die Grundlage der religiösen Identität der Juden dar. Ich möchte versuchen, es zu deuten und besser zu verstehen, worum es bei diesem Fest der Befreiung geht.

Der Name und der Termin des Festes, die Vollmondnacht des Frühlingsmonats Nisan, geht auf ein Frühlingsfest der Nomaden zurück, die in dieser Nacht zum Schutz vor Dämonen die Eingänge der Zelte mit Blut bestrichen und ein Opfermahl abhielten. Das Fest wurde später mit dem Fest der ungesäuerten Brote, dem Mazzotfest, verbunden, bei dem das Gedenken an den Auszug aus Ägypten im Mittelpunkt stand.

Das Pessach-Mahl selbst findet nach einer bestimmten Ordnung in der Familie statt. Dieses Mahl bildet den Kern des Festes und wird auch „Seder“ genannt. Es findet in der Familie am Vorabend des 15. Nisan statt. Es gibt bestimmte Speisen, wie z.B. ungesäuerte Brote, Bitterkräuter oder Fruchtmus, und es wird aus der Pessach-Haggada gelesen, die den Auszug aus Ägypten erzählt. Es werden Lieder gesungen, Gebete gesprochen.

In der letzten Nacht in Ägypten, vor ihrem Auszug und ihrer Befreiung, schlachteten die Israeliten in den Familien oder Nachbarschaften ein Lamm, nahmen etwas von dem Blut und bestrichen damit die Türpfosten und den Türsturz an den Häusern, in denen man aß. Das Fleisch sollte über dem Feuer gebraten sein, zusammen mit ungesäuertem Brot und Bitterkräutern sollten sie es essen. Nichts durften sie übriglassen. Wenn etwas übrig war, sollten sie es im Feuer verbrennen! (vgl. Ex 12)

Das Verb „passach“ bedeutet im Hebräischen „vorübergehen“ bzw. „verschonen“. Es wird im Buch Exodus gedeutet als „Vorübergang“ des Herrn“ in seiner doppelten Bedeutung: zum einen als Gegenwart des Herrn, der am Haus ganz nahe vorbeigeht, und zum anderen als Verschonung vor dem Strafgericht des Herrn, das vorübergeht, das für die Menschen im Haus eben nicht eintritt.

Das Buch Josua, das viele Jahre später erst geschrieben wurde, deutet dieses Fest bei Gilgal nun als das erste „richtige“ Pessach-Fest, denn zum ersten Mal kann für das ungesäuerte Brot das selbst geerntete und geröstete Getreide genutzt werden. [Die Vorbereitungen für dieses Fest begannen schon am 10. Tag des Monats (Jos 4,19; vgl. Ex 12,3)] Und dann gibt es kein Manna mehr, „denn sie aßen in jenem Jahr von der Ernte des Landes Kanaan.“ (Jos 5,12).

Gilgal ist der Ort der Wende. Die Wüstenwanderung ist zu Ende. Der Weg der Befreiung findet sein Ende. Die ägyptische Schande (besser: Schmach bzw. Verhöhnung), ist endgültig vorbei, die Sklaverei ist beendet. Nun, mit der Landnahme, ist die Freiheit da, will sie gelebt werden!

3/ Das Pascha-Mysterium

Der Tod Jesu wird im Neuen Testament vom Pessachfest gedeutet, nicht nur, weil er sich im zeitlichen Kontext eines Pessachfestes in Jerusalem ereignete. Die synoptischen Evangelien stellen das letzte Mal Jesu mit seinen Jüngern als Pascha-Mahl dar und dabei Jesus in der Funktion des Hausvaters mit seinen Jüngern. Nach dem Johannesevangelium ist es etwas anders: Jesus stirbt am Nachmittag, bevor das Pascha-Mahl gefeiert wird, am Rüsttag des Paschafestes, d.h. zu jener Zeit, in der die Lämmer geschlachtet werden. Das bedeutet: Jesus ist das Paschalamm. Wie diesem wird ihm kein Knochen zerbrochen (Joh 19,36; vgl. Ex 12,36); schon am Anfang hatte Johannes der Täufer ihn als Lamm Gottes bezeichnet (Joh 1,36).

„Bei diesem Abendmahl hat sich niemand einen Platz verdient, alle waren eingeladen, oder besser gesagt, sie wurden von Jesu brennendem Wunsch angezogen, dieses Pascha mit ihnen zu essen: Er weiß, dass er das Paschalamm ist, er weiß, dass er das Pascha ist.“ (DD 4)

Ostern ist für uns Christen das neue Pessach-Fest. Es ist das Fest der Befreiung! Wir werden nicht aus der Sklaverei in Ägypten befreit, sondern aus der Sklaverei der Sünde. Wir werden aus der Unterdrückung des Bösen befreit. Wir werden der Angst vor dem Tod entrissen und in das neue gelobte Land, in das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens geführt.

Dieser Vorübergang des Herrn, seine Gegenwart und seine Gnade, dass er eben sein Strafgericht nicht ausführt, findet genau dann statt, wenn wir uns mit Gott versöhnen lassen und die Versöhnung für andere erbitten. Kurz: wenn wir seine Barmherzigkeit annehmen und weitergeben.

Wie der jüngere Sohn, der zum Vater heimkehrt und sein Erbarmen empfängt. Und wie der ältere Sohn, der die Vergebung des Vaters für den anderen Sohn hoffentlich mit Freude und Dankbarkeit angenommen hat, so sind auch wir eingeladen, das Erbarmen und die Versöhnung zu empfangen und zu schenken. Das ist der Weg in die Freiheit!

Versöhnung ist der Weg - doch entscheidend für die Freiheit ist auch, was danach kommt! Denn die Freiheit will gelebt werden. Der Weg in die Freiheit führt dazu, immer mehr eigene Entscheidungen zu treffen; nicht nur aus der Sklaverei der Sünde zu entkommen, sondern auch die Freiheit in Verantwortung zu leben; gute Früchte der Gottesliebe und der Nächstenliebe hervorzubringen und zu genießen.

Dann kann das kommende Osterfest zu einem wirklichen Pessach für uns werden, wenn wir in Weisheit und Klugheit und Solidarität mit Gottes Hilfe handeln, um ein gutes Leben zu führen, zusammen mit anderen. Also: Freiheit wird gelebt, wenn wir das Leben selbst in die Hand nehmen und diese Freiheit gestalten!

4/ Liturgie als Teilhabe am Pascha-Mysterium

Der Gottesdienst, den wir am Sonntag feiern, ist unsere Teilnahme an dem Pascha-Mysterium, die Vergegenwärtigung unserer Befreiung. Die Liturgie ist „das Staunen darüber, dass sich uns der Heilsplan Gottes im Pascha Jesu offenbart hat (vgl. Eph 1,3–14), dessen Wirksamkeit uns in der Feier der „Geheimnisse“, d. h. der Sakramente, weiterhin erreicht.“ (DD 25).

„Unsere erste Begegnung mit seinem Pascha ist das Ereignis, das das Leben von uns allen, die wir an Christus glauben, kennzeichnet: unsere Taufe. Es ist nicht ein geistiges Festhalten an seinen Gedanken oder das Unterschreiben eines von Ihm auferlegten Verhaltenskodex: es ist das Eintauchen in sein Leiden, seinen Tod, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt.“ (DD 12)

Und danach geht es weiter: „Der Augenblick der feiernden Handlung ist der Ort, an dem das Pascha-Mysterium durch das Gedächtnis vergegenwärtigt wird, damit (wir,) die Getauften es durch ihre Teilnahme in ihrem Leben erfahren können.“ (DD 49).

Zitate: Apostolisches Schreiben DESIDERIO DESIDERAVI von Papst Franziskus über die liturgische Bildung des Volkes Gottes (29. Juni 2022)

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Herr, du kennst meinen Weg, den Weg, der hinter mir liegt, und den, der vor mir liegt. Du begleitest mich in jedem Augenblick. Du bist immer für mich da. Was erwartest du von mir? Weil du mich führst, kann ich versuchen, mich selbst zu führen, dass meine Augen und Ohren unterscheiden lernen, dass meine Hände anderen helfen lernen, dass mein Denken das Richtige findet, dass mein Herz das Rechte entscheiden lernt. Weil du mich führst, will ich meinen Weg versuchen. (Charles de Foucauld) https://ein-gebet.de/herr-du-kennst-meinen-weg/

Montag, 10. März 2025

Versuchungen


Predigt 1. Sonntag der Fastenzeit (C) – (9.3.25)

Les: Dtn 26,4-10; Röm 10,8-13; Lk 4,1-13

Zu Beginn der Fastenzeit hören wir von Schlüsselerfahrungen auf dem geistlichen Weg. Bei Jesus werden diese Erfahrungen durch die Situation von Einsamkeit und Hunger in der Wüste verstärkt, aber ich glaube, sie gehören auf die ein oder andere Weise zu jedem geistlichen Weg, zu unserem Weg zu Gott. Es geht um Versuchungen.

Was sind Versuchungen eigentlich? „Versuchungen sind Motivationen, d.h. innere Kräfte, die Gedanken und Emotionen gleichermaßen stark beeinflussen und die der Bewegung des Fortschritts auf dem Weg zu Gott entgegengesetzt sind.“ (János Lukács, Ignatian Formation. The inspiration of the Constitutions, Leominster 2016, S. 115.)

Jesus begegnet drei Versuchungen. Es sind keine zarten Versuchungen, sondern es sind wesentliche Versuchungen. Bei Jesus sind es Fragen im Blick auf seine Identität, die der Teufel, wörtlich der „diabolos“, d.h. der Durcheinanderbringer, stellt und ihn so zu verwirren sucht. Gerade erst war Jesus bei der Taufe durch Johannes als der geliebte Sohn Gottes offenbar geworden. Er, der Mensch unter Menschen, stammt von Gott und ist mit dem Heiligen Geist begabt. Doch was bedeutet das für sein Leben? Der Teufel versucht nun, ihn falsche Konsequenzen ziehen zu lassen und ihn davon zu überzeugen, dass er alles könne, alles besitze oder ihm alle Ehre zukommen.

Bei Lukas finden Sie interessanterweise eine andere Reihenfolge als bei Matthäus, d.h. Lukas gibt den Versuchungen offenbar eine andere Gewichtung; er hat sie unterschiedlich erfahren, die heftigste Versuchung steht jeweils am Schluss.

a/ Die erste Versuchung für den von Gott geliebten Sohn: diesen Stein zu Brot werden lassen. Die Idee: Ich will, dass die Dinge jetzt genauso werden, wie ich es gerade will. Ich brauche jetzt Brot, dann soll Stein werden zu Brot. Aus der Angst, im Leben zu kurz zu kommen, entsteht der Wunsch, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, so wie ich es jetzt will. Doch anstelle des eigenen Willens, können wir Gottes Willen tun. Das ist der richtige und heilvolle Weg, nämlich seinen Willen tun, an seinem Werk mitwirken.

b/ Die zweite Versuchung für den von Gott geliebten Sohn: alle Reiche des Erdkreises zu bekommen. Die Idee: haben und besitzen. Materieller Reichtum schafft Macht und Herrlichkeit. Deshalb: alles besitzen. Aus der Angst, im Leben nicht genug zu bekommen, entsteht die Tendenz, den Hals nicht voll zu kriegen. Doch statt immer mehr zu besitzen, können wir Gott dienen. Denn sein Reich kommt. Vor ihm allein sollen wir uns niederwerfen.

c/ Die dritte Versuchung für den von Gott, geliebten Sohn: sich oben vom Rand des Tempels hinabzustürzen. Der große Bungee-Sprung ohne Netz und doppelten Boden. Die Engel fangen ihn auf. Der Applaus wäre ihm sicher. Aus der Angst, nicht gesehen zu werden, entsteht die Tendenz, die eigene Ehre zu suchen und damit letztlich Gott selbst zu versuchen und auf die Probe zu stellen. Das ist für Lukas die schwerwiegende Versuchung. Doch statt des eigenen Ansehens, können wir Gottes Ehre suchen!

Die drei Versuchungen beziehen sich auf Grunddimensionen unseres Lebens und unseres Glaubens. Deshalb beten wir auch im Vaterunser und sozusagen in umgekehrter Reihenfolge zu den bei Lukas dargestellten Versuchungen: dein Name werde geheiligt (dir gebührt die Ehre) - dein Reich komme (dir gehört der Erdkreis, dir will ich dienen) - dein Wille geschehe (deinen willen möchte ich tun).

Wir beten auf diese Weise, denn wir stehen in einem geistlichen Kampf! Wir alle, jeden Tag neu: ob wir Gott vertrauen und seinen Willen tun oder nur uns selbst vertrauen und für uns selbst leben.

Manche Gläubige tun sich heute schwer, vom Teufel zu sprechen, weil wir doch an Gott glauben. Das ist richtig: wir glauben an Gott, und wir dürfen nicht an den Teufel glauben!

Vom Bösen oder vom Teufel zu sprechen, hilft uns, Erfahrungen wahrzunehmen und benennen zu können von Verwirrung, von Motivationen und Kräften, die uns vom Weg Gottes abbringen, die der menschlichen Natur entgegenstehen, die wir alle kennen. Und die eben nicht nur aus uns selbst kommen.

Wenn wir vom Teufel reden, dann sagen wir: das kommt nicht von mir, das kommt von außen. Es geht eben gerade nicht um Schuldzuweisung oder Grübeleien, wo das Böse herkommt, sondern es geht darum, dass ich damit umgehen lerne, dass es „auf“ und „ab“ im Glauben gibt; so wie es Regen und Sturm, Sonne und Wind beim Wetter gibt.

Also: Versuchungen gehören zum geistlichen Weg dazu, entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Ob wir die Richtung auf Gott hin beibehalten, uns an seinem Wort festhalten, so wie es Jesus tut, wenn er aus der Schrift zitiert und aus dem Vertrauen auf Gott lebt.

In der Zeit der Vorbereitung auf die Taufe gibt es bei aller Freude über den neu entdeckten Glauben, über die Gemeinschaft der Kirche, über das Licht im Leben, auch die Herausforderungen und Versuchungen. Gerade wenn jemand auf dem Weg zu Gott Fortschritte macht, scheint der Widerstand manchmal größer zu werden! Aber wie steht es in Hamburg auf einem Leihfahrrad: „Gegenwind formt den Charakter!“

Die Kirche wusste schon sehr früh, dass Menschen in diesem Moment, im Zugehen auf die Taufe, besonders des Gebets bedürfen und der Unterstützung durch die Gläubigen. So gibt es die Salbung der Katechumenen. Sie ist seit dem vierten Jahrhundert bezeugt, zuerst bei Cyrill von Jerusalem.

Das ist eine Salbung vor der Taufe; nicht zu verwechseln mit der heiligen Salbung mit dem Chrisam nach der Taufe. Die Salbung vor der Taufe soll die Katechumenen auf dem Weg zur Taufe schützen vor den Versuchungen und den Angriffen des Bösen.

Dieses Zeichen kann auch uns, die wir schon getauft sind, daran erinnern, dass wir als Kinder Gottes leben sollen und aus der Kraft des Heiligen Geistes, trotz allem, was dem entgegensteht und uns nur vor Gott niederwerfen sollen. Denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in alle Ewigkeit. Amen.

Montag, 24. Februar 2025

Zwischenraum



Predigt 7C 23.2.2025 Hamburg Manresa

Les: 1Sam 26, 2-23; 1Kor 15, 45–49; Lk 6, 27–38.

Vor einigen Tagen habe ich ein Foto aus Finnland gesehen. Es zeigt Menschen, die vor einem Wahllokal warten. So wie Sie es vielleicht auch heute gemacht haben. Das Besondere auf dem Foto: die Menschen stehen draußen in der Schlange mit großem Abstand, etwa 20 Menschen sind es. Die Beobachtung: jede Kultur hat ihre Eigenheiten, und in Finnland gehört es offenbar dazu, mehr Abstand („personal space“) voneinander zu halten als in anderen Ländern.

Näher und Distanz sind Teil des menschlichen Lebens. Keiner kann allein leben; aber wir sind und bleiben Individuen, mit einer eigenen Geschichte und einer Persönlichkeit und mit einer persönlichen Verantwortung. Alle Menschen sehnen sich in einer gewissen Weise nach Anerkennung und nach Nähe, nach Gemeinschaft. Gleichzeitig brauchen wir unseren Freiraum, unsere Freiheit, unseren Abstand, und der ist von Kultur zu Kultur, von Mensch zu Mensch verschieden. Haben Sie schon einmal bemerkt, dass Ihnen im Gespräch jemand zu nahegekommen ist? Oder dass sie vielleicht sich mehr Nähe gewünscht hätten? Wie viel Distanz brauche ich selbst? Wieviel Nähe bin ich bereit, zuzulassen?

Aggression ist eine schlechte Weise der Annäherung. Aggredere bedeutet im Lateinischen: nahe herangehen. Man nähert sich, um den anderen zu bedrohen oder um ihm zu schaden. In diesen Tagen haben wir viel Aggression erlebt. In der Ferne, im Heiligen Land oder in der Ukraine, aber auch auf andere Weise bei uns im Wahlkampf. Gerade in den letzten Tagen ist mir aufgefallen, wie viele Wahlplakate beschmiert sind, die Gesichter verunstaltet. Auch das ist eine Form von Aggression. 

Eine gute Weise der Annäherung ist es, sich einander die Hand zu reichen. Wenn Kandidaten zum Beispiel nach der Wahl aufeinander zugehen, sich gegenseitig gratulieren, die Wahl anerkennen und sich Gedanken darüber machen, wie sie fort an Zusammenleben können. Denn darum geht es doch: wir wollen leben, und das können wir nur miteinander. Nicht gegeneinander!

Von Nähe und Distanz und einer guten Weise der Annäherung erzählen uns die heutigen biblischen Texte. Sie sind das Wort Gottes für uns.

Die Lesung aus dem ersten Samuel-Buch ist ein Meisterstück orientalischer Erzählkunst. Das Buch berichtet, wie David anstelle von Saul zum König aufsteigt. Es geht um Macht und Konkurrenz zwischen Männern, aber auch um die Frage, was es braucht, um ein guter König zu sein, und wer wirklich dazu berufen ist. 

Die biblische David-Geschichte ist keine Heldenverehrung, sie spart nicht mit Kritik an David. Aber David ist eben von Gott trotz seiner Schattenseiten auserwählt als Nachfolger von Saul; und er nimmt diese Berufung und Verantwortung an. Die Erzählung beschreibt, wie Auseinandersetzungen um die Macht ausgetragen werden sollen. Das Leben des Gegners ist wertvoll, weil das Leben in den Augen Gottes wertvoll ist.

Schauen wir auf Nähe und Distanz: David nähert sich dem Heerlager Sauls. Er nährt sich Saul, er könnte ihn mit einem einzigen Stoß mit dem Speer töten. Doch er respektiert die Grenze, die Sauls Leben und seine körperliche Unversehrtheit schützt.

Das ist der Unterschied zu einem Gewalttäter, der diese Grenze überschreitet. Psychologen sagen: Oft sind Gewalttäter aggressionsgehemmte Typen. Denn nur wer die Fähigkeit zum Konflikt und zur Auseinandersetzung entwickelt, kann für sich auch die Grenzen setzen und respektieren.

David geht, nachdem er sich Saul genähert hat, auf Distanz zum König. „David ging auf die andere Seite hinüber und stellte sich in großer Entfernung auf den Gipfel des Berges, so dass ein Zwischenraum zwischen Ihnen war.“ (1Sam 26,13). Zudem ruft er im Morgengrauen dann zunächst den Heerführer Abner an und spricht Saul nicht direkt selbst an, obwohl er weiß, dass Saul zuhört. Dieser Teil wurde in der heutigen Lesung gekürzt. Saul erkennt dann die Stimme Davids und er erkennt, dass David sein Leben kostbar war und er selbst falsch gehandelt hat, indem er David töten wollte. Es kommt zu einem Segen des Königs für David, Rache weicht der Versöhnung.

*

Im Evangelium aus der Feldrede bei Lukas stellt Jesus dar, wie er sich das Zusammenleben der Menschen vorstellt. Es geht zunächst einmal um das Zusammenleben des Volkes Israel, als des von Gott auserwählten Volkes; dann aber auch um das Zusammenleben von Völkern allgemein. Jesus zeigt eine neue Form, Nähe und Distanz zu leben.

Die Feindesliebe, die er beschreibt, ist gerade nicht nur eine unrealistische Vision, eine ferne Utopie, sondern sie zeigt meines Erachtens eine Haltung auf, wie wir in der Nähe miteinander gleichzeitig eine gute Distanz leben können. Die Feldrede ist meines Erachtens ganz praktische Lebensweisung.

Wir kennen das alle: Konflikte, Ärger, die Gedanken kreisen, ich bin verletzt worden, habe Unrecht erlitten, oder gesehen, wie Unrecht geschehen ist. Das kann ich nicht so stehen lassen! Das kann ich nicht akzeptieren! Hass und Wut entstehen. Und dann? Lieben? Wie soll das möglich sein?

Liebt eure Feinde, das ist die Perspektive, das Ziel. Und der erste konkrete Schritt dazu: segnen und beten! In dem ich den anderen oder die andere der Barmherzigkeit Gottes anempfehle, schaffe ich eine Distanz zwischen uns. Ich muss kein Urteil sprechen: du, Gott, wirst das Urteil sprechen! Ich kann nicht mehr: jetzt bist du dran, Gott! Ich will, dass es der anderen Person gut geht, dass sie lebt, aber ich werde mich nicht mehr darum kümmern, das sollst bitte du machen, Gott! Ein Segen ist immer ein Abschied und ein Abschied schafft Distanz!

Die andere Wange hinhalten oder auch das Hemd zu geben, wenn um den Mantel gebeten wird, ist vielleicht auf den ersten Blick wieder eine Form der Annäherung bzw. Aggression, die die Grenze der Gewaltfreiheit respektiert. Auf den zweiten Blick jedoch wird meine eigene Freiheit deutlich, anders zu handeln, als der Gegner es erwartet.

Das Gestohlene nicht zurückzufordern bedeutet, eine Form der Distanz zu allen irdischen Gütern zu schaffen, die letztlich nur relativen Wert haben.

Nicht richten, nicht verurteilen, Schuld erlassen, alles das schafft immer wieder Distanz. Es entsteht ein Zwischenraum, in dem Kommunikation möglich ist, in dem Gott wirken kann und Veränderung und Einsicht wachsen.

Das ist wirklich Glück, die „Lücke“ zu finden! Diesen Blick nach oben zu wagen: „euer Lohn wird groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein“. Und Gottes Blick wahrzunehmen, „denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen“.

Nähe und Distanz gehören zum Leben. Jesus zeigt uns einen Weg, wie wir auf gute Weise miteinander leben können, durch Barmherzigkeit und Vergebung. Wie Nähe und Distanz zwischen immer mehr Menschen auf dieser Erde auf eine gute Weise möglich ist. Wie wir gleichzeitig bei uns selbst bleiben und mit anderen Menschen in Beziehung treten können: Indem wir uns nach dem Bild des Himmlischen gestalten und formen lassen. Amen.