Montag, 29. Mai 2023

Pfingsten 2023


Predigt Pfingsten 2023 – Energiewende der Kirche

Es gibt Bibeltexte, die man schon so oft gehört hat, deren Bedeutung sich aber nicht recht erschließt. So ist es mir mit dem Pfingstereignis aus der Apostelgeschichte gegangen. Wie oft habe ich sie bei Pfingstlagern, bei Firmungen etc. gehört. Doch erst in diesen Tagen ist mir neu bewusst und anschaulich geworden, was sie verbirgt. Und zwar just, als ich sie auf Französisch las. In der fremden Sprache klangen die vertrauten Worte anders, neu. Ich habe gehört, welch eine bestürzend, erschütternde und faszinierende Erfahrung dort beschrieben wird. 

„Plötzlich entstand ein lautes Geräusch vom Himmel, wie einherfahrendes, gewaltiges Schnaufen. Und es erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“ Das Haus bebt von diesem Brausen, eine gewaltige Erschütterung, die nicht aus der Erde kommt, sondern von oben. Was ist das? Die Freunde Jesu, die 50 Tage nach dem Osterfest an einem Ort versammelt sind, unter sich, stehen noch ganz am Anfang. Der große Kreis der Apostel, der Jüngerinnen und Jünger, beginnt gerade erst zu verstehen, was die Auferstehung Jesu für sie bedeutet. 

Johannes schildert die gleiche Erfahrung der Jünger mit anderen Worten, schon am Osterfest selbst: Die Jünger sind aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen, an einem Ort. Sie sind furchtsam, verunsichert und scheinbar ohnmächtig angesichts der massiven Ablehnung ihrer Glaubens-Erfahrungen mit Jesus. Das wird nun durch Jesus selbst gewandelt: Der Auferstandene begegnet ihnen in dieser Situation der Furcht und der Angst und wünscht Ihnen den Frieden: Friede sei mit euch!

Der Friede, den Jesus, seinen Jüngern wünscht, ist dabei weniger die Einladung, die Juden nicht mehr zu fürchten, als vielmehr die die Basis, um ihrer Erfahrung zu trauen, dass Jesus lebt; dass derjenige, den sie als Sohn Gottes erkannt haben, den Tod ein für alle Mal besiegt hat; dass der Tod nicht mehr das letzte Wort hat, sondern dass Gott es endgültig und unwiderruflich gut mit uns meint; dass er uns Leben schenkt, Leben in Fülle; dass uns nichts mehr von Gott trennen kann. 

Lukas, in der Apostelgeschichte, beschreibt also diese Erfahrung der Erschütterung und der Furcht, der scheinbaren Ohnmacht der Jünger, „als der Tag des Pfingstfestes in seiner Fülle gekommen war“. Was meint er damit? 

Das Pfingstfest, Schawuot, ist für die Juden die Erinnerung an die Übergabe der Gesetzestafeln an Mose. Das neue Pfingstfest (im Jahr 30) bestätigt nun auf wundersame Weise die Erfahrung der Auferstehung, dass der Tod nicht mehr das letzte Wort hat, durch die Übergabe eines neuen Gesetzes, das nicht auf Steintafeln geschrieben ist, sondern in das Herz der Menschen gelegt ist, die Jesus nachfolgen. Es bestätigt die neue Art zu glauben, die fortan nicht mehr an eine bestimmte Sprache gebunden ist, sondern in jeder Sprache Gottes große Taten verkündet.

„Zungen wie von Feuer“, d.h. nicht Feuer, sondern Sprachbegabung kommt auf die Jünger, diese verteilt sich wie Feuer, rasend schnell, gewaltig, unglaublich kraftvoll und verzehrend. Und die Jünger reden dann in anderen „Zungen“, d.h. in anderen Sprachen, so dass jeder in Jerusalem sie in seiner Sprache versteht. Die Reaktion der Menschen: Fassungslosigkeit, Staunen.

Oft hat man die Pfingstgeschichte als Umkehrung der Sprachverwirrung von Babel gedeutet. Oder als Erfüllung der Verheißung des Propheten Joël von der Ausgießung des Geistes Gottes über allen Menschen. Das ist sicherlich beides richtig. Aber ebenso kann man darin die „Übergabe“ der Botschaft Jesu an seine Jünger sehen. Ihnen wird der Geist Gottes gegeben, um daraus zu leben und Jesu Botschaft zu verkünden. Die furchtsamen Jünger, die sich angesichts der unfassbaren Ereignisse und ihrer scheinbaren Ohnmacht verkrochen haben, wird eine neue Kraft und Vollmacht geschenkt: das Wort zu verkünden, die Sünden zu vergeben (was nur Gott kann!), für das Leben einzutreten, gegen alle Mächte des Todes Stand zu halten. 

Viele Menschen in unserer Gesellschaft heute sind verunsichert. Sie fühlen sich angesichts der globalen Krisen ohnmächtig. Es ist ja nicht nur ein Reformstau in Deutschland, es sind weltweite Erschütterungen. Ich selbst weiß kaum noch, was ich mit meinen eigenen kleinen Möglichkeiten Gutes ausrichten kann. Wie soll ich mich engagieren? Alle reden davon, dass sich grundlegend etwas ändern muss, aber jeder zieht sich zurück in das eigene kleine Glück, furchtsam, mutlos, friedlos.

In dieser Situation spricht mich die Pfingsterzählung an, mitten in meiner Erschütterung. Sie ermutigt und sie ermächtigt mich. Es ist keine Selbstermächtigung, sondern eine Ermächtigung, die mir in der Nachfolge Jesu zugesagt wird. Selbstwirksamkeit wird verheißen, wenn ich seinen Spuren folge, und Leben in Fülle. 

Es sind tatsächlich für mich die schönsten und wichtigsten Erfahrungen im Glauben, die ich machen durfte: Wenn ich in anderen Ländern (und in anderen Sprachen!) Menschen begegnet bin, die offenbar eine ähnliche Erfahrung im Glauben machen durften: dass mit Jesus und in seiner Liebe das Leben stärker ist als der Tod. Und ich habe erlebt, wie sie diese Erfahrung befähigt und ermächtigt, die Welt zu gestalten, zu verändern, ein bisschen besser zu machen für alle. Ob ich an die Frauen bei der Marienprozession in Bachajon denke, an den Diakon und seine Sorge um die Ärmsten und Schwachen, an den Lehrer in Papua, die Jugendlichen in Argentinien. Überall Menschen, die von Gottes Geist bewegt, mutig und kraftvoll, sich für andere einsetzen. Wie cool ist das denn? 



Freitag, 5. Mai 2023

Hör auf die Stimme! Christ:in-Sein als Übungsweg


 Predigt Vierter Ostersonntag A – Hamburg, 30.4.2023

„Gott hat Jesus zum Herrn und Christus gemacht.“ (Apg 2,36) Das ist die entscheidende Aussage des Petrus: Jesus lebt! Ihr habt ihn gekreuzigt, aber Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht. Das ist die Nachricht, zu der jeder, der sie hört, Stellung nehmen muss. 

Allen wird das Heil angeboten: „Euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne.“ Viele nahmen das Wort an, so heißt es, „und sie ließen sich taufen. An diesem Tag wurden ihrer Gemeinschaft etwa 3000 Menschen hinzugefügt.“ (Apg 2,41). Eine beeindruckende Zahl: 3000 Menschen, die sich taufen ließen! 

Solche Zahlen kennen wir sonst nur noch aus den Erzählungen der großen Missionare. Franz-Xaver etwa verkündete, als er 1542 in Südindien ankam, den christlichen Glauben, lehrte die Menschen die Zehn Gebote und das Glaubensbekenntnis, betete mit ihnen das "Vater unser". Es gab schon Missionare vor ihm, und seine Botschaft kam offenbar an. Angeblich taufte er 20.000-30.000 Menschen in den zwei Jahren, die er dort lebte. 

Von solchen Zahlen sind wir in Europa weit entfernt. In unserer Pfarrei hier in Hamburg wurden an Ostern acht Erwachsene getauft und gefirmt. Sie haben sich etwa ein Jahr darauf vorbereitet und ich durfte sie zusammen mit einigen Ehrenamtlichen begleiten. Ein intensiver Weg der Suche und Übung, manchmal auch der Auseinandersetzung und des Ringens. Um zu erkennen: Jesus ist der Herr und der Christus!

Es ist heute in unserer Kultur keineswegs mehr selbstverständlich, sich zu Christus zu bekennen, umzukehren, sein Leben neu auszurichten: glaubend und hoffend und liebend auf Gott zu vertrauen. Deshalb braucht es, so bin ich überzeugt, gerade heute eine Einübung ins Christ-Sein und gewisse grundlegende Kenntnisse, damit jemand mit gutem Gewissen sagen kann, ja ich glaube. Die Zeit bis zur Taufe wird Katechumenat genannt. In Deutschland dauerte es etwa ein Jahr, in Frankreich zwei Jahre. 

Die evangelische Kirche in Deutschland geht nun neue Wege. In Hamburg gibt es die Ritualagentur „St. Moment“, in der man sich spontan taufen lassen kann. Bei einer „Pop-up-Taufe“ werden Kinder und Erwachsene nach einem Vorgespräch und der Wahl eines Taufspruchs getauft: Keine Bedingungen, kein Vorwissen, keine Katechese (vgl. NKiZ 17/2023, 30.4.2023, S. 2: Taufe ohne Tamtam).

Manche finden so den Weg zur Kirche, die sich lange nicht getraut haben, nach der Taufe zu fragen. Ist das eine Rückkehr zu den Wurzeln? Sollte es das auch in der katholischen Kirche geben? Ich meine nicht, aus drei Gründen.

1/ Die Taufvorbereitung ist keine Hürde. Es geht nicht darum, einen Zaun zu ziehen und den Weg in die Kirche möglichst schwierig zu machen. Die Vorbereitung auf die Taufe ist eine Zeit, um im Glauben zu wachsen. Vor der Taufe sollen erwachsene Menschen den Glauben und die Kirche kennen lernen, sie sollen erfahren können, was Gebet bedeutet, in der Bibel lesen, Gemeinschaft erleben, grundlegende Kenntnisse erwerben und eine Praxis im Glauben einüben. Es geht um Reflexion und um einfache Schritte in der „Kunst zu glauben“.

Seit einiger Zeit übe ich mich im Qigong. Wöchentlich eine Stunde mit Anleitung, darüber hinaus Aufgaben für zu Hause. Im Tun geschieht etwas und vertieft sich eine Erfahrung, die ohne Übung nicht möglich ist. Erst dann kann ich sagen, was Qigong für mich bedeutet. 

Christ-Werden und Christ-Sein ist auch ein Übungs-Weg. „Der neue Weg“ - so werden die Christen in der Apostelgeschichte genannt. Dieser Weg ist mit der Taufe sicherlich nicht zu Ende, aber ich muss mich mit anderen auf den Weg machen, um zu erkennen, was diese neue Lebensweise für mich bedeutet

2/ Die Taufe ist kein Zaubertrank. Die Taufe ist das grundlegende Sakrament der Liebe Gottes. Durch die Taufe wird uns alle Schuld vergeben, durch die Taufe werden wir mit Christus verbunden. Durch die Erinnerung an seinen Tod und seine Auferstehung und durch die Taufe werden wir Teil der Gemeinschaft der Glaubenden. Die Taufe ist keine Magie, kein Hokuspokus, durch den jemand plötzlich ein anderer Mensch wird. Ich glaube: Die Taufe ist wirksam, sie erlöst und sie heiligt, aber dies geschieht im Glauben. Taufe ist kein Wunderwasser, denn alles, was geschieht, geschieht an uns selbst, nicht an uns vorbei. Der ganze Mensch mit Leib und Seele steht dabei in der Dynamik des Glaubens. Er wird in die Freiheit geführt. Die Freiheit ist Gabe und Aufgabe. Diese Freiheit baut auf der Freiheit des Menschen auf. Gott handelt nicht an uns vorbei, sondern aufgrund unserer Freiheit und unseres Glaubens. 

3/ Die Gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Die Kirche ist kein Verein, bei dem ich auf eine bestimmte Zeit Mitglied werde und Beitrag bezahle, sondern eine Gemeinschaft, um auf Jesus Christus zu hören, seine Stimme zu erkennen und wieder zu erkennen, gemeinsam hinauszugehen, eine neue Form zu leben zu finden, sich zu unterstützen. Das bedeutet: Die Kirche ist nicht für sich selbst da, sondern sie soll helfen, zu glauben. Und sie ist nicht aus sich heraus Kirche, sondern aus dem Auftrag Jesu.

„Prüft die Stimme!“, sagt uns Jesus; prüft das Wort und den Klang! Die Stimme Jesu ist unverwechselbar. Er ist das wahre Wort, er ist der gute Hirt. Diese Prüfung will geübt und immer wieder eingeübt werden. Die Taufe ist der Eintritt in die Kirche, die Verbindung mit Jesus Christus, der die Tür ist. Er führt uns zu Gott und zum Leben in Fülle. Amen.


Montag, 17. April 2023

Österliche Freude


Predigt Zweiter Sonntag in der Osterzeit 2023 Manresa - Hamburg

Nächstes Wochenende hoffe ich, treffe ich mich mit Studienfreunden. Wir kennen uns schon lange, haben vor bald 30 Jahren in Münster gemeinsam mit dem Studium begonnen, prägende Erfahrungen miteinander geteilt. Inzwischen sind fast alle verheiratet, Eltern von Kindern, die bald schon die Schule abschließen werden. Sie haben andere Erfahrungen gemacht, eine andere Perspektive und Lebenswirklichkeit als ich. Und ich bin, ehrlich gesagt, etwas aufgeregt, wenn ich daran denke, diese Gruppe wiederzusehen. Ob wir an die Erlebnisse von damals anknüpfen können? Ob wir uns gut verstehen werden? Ob ich verstehen kann, was sie in den letzten Monaten, in Corona und danach, als Familie erlebt haben? 

Es ist meine Freundschaft mit den anderen, aber diese Freundschaft lebt aus den Begegnungen, sie braucht die anderen. Freundschaft geht nicht allein, und doch ist es meine Beziehung zum Freund, die nie gleich ist. Jede Freundschaft ist anders.

Vielleicht ging es dem Apostel Thomas ähnlich. Er war einer der Zwölf, die mit Jesus in Galiläa unterwegs gewesen waren, er gehörte zum Kreis der engen Freunde Jesu, war mit Ihnen nach Jerusalem unterwegs, hat ihn in den letzten Lebensstunden begleitet. Danach ging jeder seiner Wege. Einige blieben in Jerusalem, andere gingen nach Emmaus, nach Kafarnaum, nach bei Betsaida und so weiter. Dann gab es da diese Geschichten von Auferstehung, von Begegnung mit dem Herrn. Manche sagten, er lebe. „Wir haben den Herrn gesehen!“

Eine Woche nach dem großen Fest der Juden waren sie wieder in Jerusalem versammelt, und diesmal war Thomas dabei. Sie teilten viele gemeinsame Erfahrungen, doch Thomas, so stelle ich mir vor, war sich nicht sicher, ob er verstehen könnte, was sie in der letzten Woche erlebt hatten, als der Herr angeblich bei Ihnen war. 

Der Glaube ist etwas Persönliches, aber erlebt aus dem Zeugnis der anderen und aus den Begegnungen. Jeder glaubt selbst, aber keiner glaubt er allein. Glaube geht nicht allein, es ist eine Beziehung mit Gott durch Jesus Christus, im Heiligen Geist. Doch jeder Glaube ist anders, jede Freundschaft ist anders. Wie der verstorbene Papst Benedikt gesagt hat: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt!“ und „Wer glaubt, ist nicht allein.“

Glaube lebt in einer kreativen Spannung von Individualität und Gemeinschaft in der Kirche, vom persönlichen Beten und vom gemeinsamen Gotteslob, von eigenem Engagement und gemeinsamen Wirken, von Entschiedenheit und Überzeugung und vom Hören auf die anderen. Denn es ist der gleiche Geist, der in allem wirkt!

Diese Überzeugung, dass es der gleiche Geist ist, der in allen wirkt, diesen Glauben konkret zu leben – das ist nicht so einfach. Nicht in der Kirche, nicht in der Ordensgemeinschaft, nicht in der Gemeinde. Was ist denn, wenn es unterschiedliche Ansichten gibt? Wenn ich das, was die anderen sagen, nicht teile? Wenn ich andere Erfahrungen und Überzeugungen habe? Kann es sein, dass Gott, dem einen dies und dem anderen das sagt?

„Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.“ (Apg 2,44) An anderer Stelle in der Apostelgeschichte heißt es: „Sie waren ein Herz und eine Seele.“ (Apg 4,32) Das ist sicher eine Idealisierung! Aber irgendwie scheint es ja schon eine Einmütigkeit zu gegeben zu haben: eine Gemeinschaft, bei der das Individuum nicht aufgelöst wird. 

Christlich gesehen ist der Satz: „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ vollkommen falsch. Aber es gilt eben auch nicht: „Du bist alles, deine Gemeinschaft ist nichts.“ Irgendetwas dazwischen?

3/ Was ist das Kriterium in der Spannung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft? Das Kriterium der Entscheidung ist, so hören wir es in dieser diesen Ostertagen sehr deutlich, die Freude! Das ist ein persönliches Gefühl bei jedem und jeder einzelnen, das in der Gemeinschaft geschenkt wird. 

„Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ (Joh 20,20) Die Jünger „hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens.“ (Apg 2,46) Gott behütet euch durch den Glauben, „deshalb seid voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht eine Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst.“ (1Petr 3,6) „Ihr habt ihn nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht, aber glaubt an ihn und jubelt in unaussprechlicher Freude.“ (1Petr 3,8) Und schließlich Thomas: Er sprach: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20, 28). Ich stelle mir vor, dass er das in unsagbare Freude getan hat: „Mein Herr und mein Gott.“

Die Nachricht „Jesus lebt!“ stieß bei Außenstehenden, aber auch bei den Jüngern selbst auch Zweifel. Thomas hatte seine Fragen. Jesus hat ihn ernst genommen, er hat den Zweifler gesucht und gefunden. Er hat ihm geholfen, aber das Wagnis des Glaubens, der als persönlicher Glaube in Gemeinschaft lebt, hat er dem Jünger nicht abgenommen. „Glaube ist keine Ideologie, sondern Glaube ist die Freundschaft mit dem Herrn, die wir leben und die uns drängt, anderen zu begegnen.“ (Czerny/Baron) Die Freude ist wie ein Wegweiser auf diesem Weg, ein Kompass im Glauben, in der Freundschaft mit Jesus. Amen.


Dienstag, 11. April 2023

Da gingen ihnen die Augen auf


Predigt Ostermontag 2023 – Manresa | Hamburg – „Da gingen ihnen die Augen auf!“ 

In Piemont, sagt man, laufen die Menschen beim ersten Osterläuten zum Brunnen in der Mitte des Dorfes. Dort waschen sie sich die Augen aus. Die Ich-will-dich-haben-Augen. Die Machen-wir-ein-Geschäft-Augen. Die Geh-mir-aus-den-Augen-Augen. Sie wollen Osteraugen bekommen. Darum waschen sie die kalten, die gierigen, die listigen, die misstrauischen Blicke fort. Sie spülen die Schleier der Angst weg. Und das kalte Wasser, sagt man, schwemmt heraus den Dreck eines langen Jahres. Sie heben den Kopf und schauen sich mit guten Augen an. (Bernhard Langenstein)

Nicht alle Menschen glauben an Jesus Christus. Manche möchten es nicht. Andere möchten es, aber versuchen vergeblich, einen Zugang zu finden. Einige haben einen gleichsam natürlichen Glauben, können sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, nicht zu glauben. Für wieder andere ist der Glaube mit Zweifeln und mit Dunkelheit verbunden, ein manchmal mühsames Unterfangen. 

Der Glaube verändert unsere Sicht auf die Welt. Das scheint mir offensichtlich. Wer glaubt vertraut. Wer glaubt, ist nicht allein. Wer glaubt, lebt aus der Dankbarkeit, dass er sich nicht selbst das Leben verdankt. Wer glaubt, findet, wer er sein kann, in der Beziehung mit Gott, mit Jesus Christus.

Der Glaube ist eine Tugend. Was bedeutet das? Er wird uns einerseits geschenkt, wir können ihn nicht machen. Andererseits aber bedarf für unsere Zustimmung, unsere Suchens und Übens, er ist eine Einstellung und Sichtweise, die entwickelt und entfaltet werden will. Um im Bild aus Piemont zu bleiben: was sind die Augen, die wir als Menschen haben? Was ist das Wasser, dass unseren Blick wäscht? Und was sind die Hände, die waschen? Oder anders gefragt: Was ist natürlich gegeben? Was ist übernatürlich? Und was ist unser Anteil am Glauben als eine Handlung?

Glaube ist nicht machbar. Es nicht ein Ding, dass ich mit dem Einsatz von Mitteln, durch Überlegungen und Entscheidungen, durch eigenen Willen einfach herstellen kann. Glaube bedarf allerdings unserer Zustimmung. Er ist wie alles, was wächst und sich entwickelt, ein lebendiges, komplexes Geschehen. Viele Einflüsse und Faktoren spielen eine Rolle. Eben auch unsere Disposition, unsere Einstellung unser Mittun. Wenn jemand nicht glaubt, weil er nicht will, weil es ihn einfach nicht interessiert, dann kommt er nicht in den Himmel. Irgendetwas dazwischen? Die Theologen sagen: Glaube ist Gnade und Freiheit!

1/ Glaube ist Gnade. Die christliche Verkündigung wird im Glauben „nicht als Menschenwort, sondern - was es in Wahrheit ist - als Gotteswort angenommen“ (1Thess 2,13). Der letzte Grund der Glaubenszustimmung sind nicht menschliche Beweisgründe, sondern es ist Gott selbst in seinem Zeugnis, in seiner Zuwendung. Dabei werden die menschliche Einsicht und die menschliche Vernunft nicht ausgeschaltet, sondern aktiviert.

2/ Glaube ist Freiheit. Kein Mensch muss glauben. Wir haben die Möglichkeit, uns zu entscheiden. Wir können Gründe suchen und finden, Argumente abwägen und vor der Vernunft und dem Gewissen prüfen. Wenn es etwas unglaubwürdig vorkommt, dann sollen wir vorsichtig sein. Glaube ist kein blindes Vertrauen. Vorsicht, vor allen Versuchen der Vereinnahmung, die uns letztlich für dumm verkaufen wollen! 

3/ Glaube, ist etwas, das Kopf, Herz und Hand in Beziehung bringt und eine Kohärenz im Leben bewirkt. Dabei geht es eigentlich nicht um die Mitteilung von irgendwelchen göttlichen Wahrheiten, Werten oder moralischen Ansichten, die verstehen und halten soll, sondern die Offenbarung Gottes ist eine Selbst-Mitteilung. Gott teilt nicht nur irgendetwas von sich mit, dass ich für wahr halten soll, sondern er teilt sich selbst mit und schenkt sich in Jesus Christus den Menschen. Darin besteht das Evangelium.

Genau wie wir es gerade in der Erzählung von Lukas über die Jüngern gehört haben, die nach Emmaus wandern. Sie können nicht glauben und verstehen, dass Jesus auferstanden ist. Sie sehen nicht, dass er mit ihnen unterwegs ist und zu ihnen spricht, bis sie sich beim Brechen des Brotes an das Geschehen in Jerusalem beim Abendmahl erinnern und an sein Leben, das er hingegeben hat; wie er sich selbst hingegeben hat. Erst in diesem Moment gingen in die Augen auf, und sie erkannten ihn (V 31). 

Der letzte und eigentliche Grund des Glaubens ist somit das Evangelium selbst. Es bringt sein eigenes Licht mit, dass wir mit den Augen des Glaubens sehen können. 

Die „Augen des Glaubens“ sind eine Metapher. Diese Formulierung will darauf hinweisen, dass es natürliche Anhaltspunkte oder Ähnlichkeiten mit dem natürlichen Sehen unserer Vernunft gibt. Gleichzeitig macht sie deutlich, das ist tatsächlich um eine andere, gnadenhafte, d.h. geschenkte Haltung und Lebensweise geht, in der das unbedingte Vertrauen und die Einsicht etwas ermöglichen, was weit über unsere Vorstellungen hinaus reicht. 

Ich glaube, dass diese Art und Weise des Sehens mit den Augen des Glaubens, vor allem im Dialog und in der Gemeinschaft möglich wird. Wenn wir miteinander unterwegs sind und anderen von unseren Erfahrungen erzählen. Und dabei spüren, dass sich das Gespräch öffnet für eine neue Sichtweise, eine Dimension des Lebens, die unser Herz öffnet und Vertrauen, Sinn, Freude, Hoffnung, Liebe ermöglicht, weil wir die Nähe Jesu „sehen“.

Der verstorbene Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, hat es so ausgedrückt: „Ich wünsche uns Osteraugen, die im Tod bis zum Leben, in der Schuld bis zur Vergebung, in der Trennung bis zur Einheit, in den Wunden bis zur Herrlichkeit, im Menschen bis zu Gott, in Gott bis zum Menschen, im Ich bis zum Du zu sehen vermögen. Und dazu alle österliche Kraft!“


Montag, 10. April 2023

Vom Sehen zum Glauben

Sonnenaufgang


Predigt Ostersonntag A 2023 – Manresa | Hamburg – mit Erwachsentaufe

Les: Apg 10, 34a.37-43; Kol 3,1-4; Joh 20,1-18 – „Vom Sehen zum Glauben“

Du Gott des Lebens. Durch deinen Sohn Jesus Christus hast du das Dunkel des Todes für immer erhält. Weck uns auf. Erhelle unseren Verstand. Er leuchte die Augen unseres Herzens. Lass uns aufschauen zu deinem Licht. Damit wir erkennen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.


1/ Ostern ist das Fest der Erinnerung. 

Die ersten Christen haben sich gegenseitig erzählt, was sie in diesen Tagen, als Jesus in Jerusalem gekreuzigt wurde, erlebt haben und was danach geschah. 

In der Lesung aus der Apostelgeschichte haben wir gehört, wie Petrus in seinen Predigten in Caesarea am Meer damals gepredigt hat. Es ist im Grunde nur eine Aufzählung von Ereignissen und Deutungen, die er in Erinnerung ruft. „Wir sind Zeugen für all das, was Gott in Jesus Christus zum Heil der Menschen gewirkt hat.“

Ich kann mir gut vorstellen, wie die Jünger Jesu, abends beim Sonnenuntergang zusammen saßen, bei einem guten Glas Wein, und sich immer wieder erzählten, was sie damals erlebt hatten. Gemeinsame Erinnerungen. Petrus und Johannes zum Beispiel, von denen wir im Evangelium gehört haben. Sie werden es den anderen erzählt haben, wie sie am ersten Tag nach dem Sabbat früh morgens von Maria Magdalena aufgescheucht wurden, weil sie das Grab leer vorfand, weil der Leichnam verschwunden war. Wie sie damals zum Grab liefen, der eine schneller, der andere langsamer, auf das eine Ziel zu, auf der Suche nach Jesus. Und wie sie am leeren Grab standen und viele Fragen hatten. Und wieder nach Hause gingen, irritiert, wenn nicht sogar verstört. 

Petrus war es gewesen, der als erster hinein ging, obwohl er später kam. Johannes war schneller als Petrus, aber er geht nach Petrus hinein, und er sah und glaubte. Er weiß nicht mehr als Petrus, er weiß noch nichts von der Auferstehung, aber er ahnt oder vertraut. Ein Beispiel für uns. Er öffnet sich innerlich für Gott, der Leben schenkt. So verstehe ich „er sah und glaubte“.

Ostern ist das Fest der Erinnerung. Wie Petrus und Johannes nach Ostern von ihrem Weg zu Jesus erzählt haben, vom Weg zum Grab vom Weg, vom Sehen zum Glauben, so können auch sie, die heute getauft werden, erzählen: von ihrem Weg zum Glauben, der eine schneller, der andere langsamer, von ihrer Suche nach der Bedeutung Jesu in ihrem Leben, in der Gemeinschaft der Kirche. 

Wenn Menschen zu mir kommen und nach der Taufe fragen, dann beginne ich das Gespräch meist so: „Was hat sie hergeführt?“ Dann erzählen Sie von den Wegen, von den Begegnungen und Menschen, von der Suche und ihrer Hoffnung. Wie es einen Moment gab in ihrem Leben, bei fast allen, wo sie vom Sehen zum Glauben kamen, obwohl sie noch nicht alles in den Heiligen Schrift verstehen oder deuten konnten. 

Ostern ist das Fest der Erinnerung. Heute an ihrer Taufe, bringen Sie auch ihre Glaubensgeschichte mit, wie der Herr sie geführt hat, bis hierher, an ihrer Seite war, und sie wussten es nicht.

2/ Ostern ist das Fest der Verwandlung. 

Maria Magdalena hat das als erste erkannt und verstanden, erfahren. Sie stand am Grab und weinte, voller Trauer und gefangen im Schmerz des Abschieds, traurig; vielleicht traurig über das, was alles hätte in ihrem Leben anders sein können; oder traurig über das, was alles in ihrem Leben mit Jesus noch hätte alles geschehen können und nicht mehr sein würde; oder einfach traurig über den schmerzvollen Tod des geliebten Menschen. Doch in dem der Herr sie beim Namen ruft, erkennt sie seine Stimme, erkennt sie ihn als den Lebendigen. Sie sieht ihn, sie lebt in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. 

In der Taufe wird Ihnen alle Schuld vergeben. Da geschieht Verwandlung. Das, was vorher war, wird gewandelt, weil der Schmutz abgewaschen wird und das Bad der Reinigung den neuen Menschen erstrahlen lässt. 

Wie viele Menschen haben sich in ihrer Geschichte und ihrer Traurigkeit verfangen. Sie denken an all das, was hätte sein können, besser sein können, anders sein können. Sie sehen nicht das Gute, das Leben, das sie geschenkt bekommen, sondern sie verlieren sich in Traurigkeit und Einsamkeit und Angst. Sünde ist all das, was uns von Gott absondert, was uns vom Leben trennt.

In der Taufe sagt Gott: Das soll nicht mehr zwischen uns stehen. Er ruft dich beim Namen, und du darfst antworten, Rabbuni, ja ich glaube. Da geschieht innerlich Verwandlung!

3/ Ostern ist das Fest der „ersten Generation“. 

Die ersten Christen waren sich sehr bewusst, dass in ihrem Leben etwas sehr Besonderes stattgefunden hat. Paulus sagt es im Kolosserbrief, aus dem wir gerade auch die Lesung gehört haben, so: „Christus ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.“ Was meint er damit? Mit Jesus beginnt etwas Neues! Alle, die mit Christus leben, haben Anteil an dieser neuen Schöpfung, dem Reich Gottes, wie Jesus es auch genannt hat. 

„Ihr seid mit Christus auferweckt.“ „Ihr seid gestorben.“ „Euer Leben ist in Gott.“ - Deutlicher geht es nicht! Paulus will zeigen, dass jetzt schon etwas Neues begonnen hat. Die Christen damals, Petrus und Johannes, Maria Magdalena und all die anderen, waren sich dessen bewusst. Ihnen war klar: Sie gehörten nicht zur letzten Generation, die noch etwas mit Jesus erlebt hat und die noch hätte etwas ändern können an der Gewalt und der Zerstörung, an der Friedlosigkeit der Welt, sondern sie gehörten zur „ersten Generation“, die etwas miterlebt hat, das Leben für viele schenkt. Diese erste Generation kann etwas ändern an der Gewalt und der Zerstörung, an der Friedlosigkeit und Ungerechtigkeit der Welt, weil für sie das neue Leben schon begonnen hat, mit Jesu Auferstehung. 

Klar, es ist noch nicht für alle sichtbar. Irgendwann wird es offenbar in „Herrlichkeit“, d.h. mit Pauken und Trompeten, vor aller Welt, für alle offensichtlich. Doch jetzt schon hat es begonnen, weil Jesus zum Vater geht. 

Für sie, die heute getauft werden, ist dieses Fest hoffentlich nicht das Ende Ihres Glaubensweges, sondern erst der Anfang. Sie werden hinein getauft, in eine Kirche, die alles andere als Glanz und Gloria verbreitet, die nicht machtvoll Auftritt, die sich der eigenen Sünden bewusst ist und hoffentlich daran lernt, die um Vergebung bitten muss, die sich verändert und Antworten neu suchen muss; in einer Welt, in der die christliche Kultur nicht mehr selbstverständlich ist und in der Gewalt und Zerstörung herrschen. Doch ohne Angst (sie erinnern sich: Verwandlung!), dürfen Sie in der Kirche beginnen, in der Gemeinschaft der Glaubenden bezeugen, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass das neue Leben mit Jesus begonnen hat. Ostern ist das Fest der „ersten Generation“! Und wir gehören dazu, jetzt wo wir uns erinnern und verwandeln lassen. Amen.


Montag, 23. Januar 2023

Veränderung möglich?



22.1.2023 - Predigt 3. Sonntag im Jahreskreis A, Manresa – Hamburg

Les: Jes 8,23b-9,3; 1 Kor 1,10-13.17; Mt 4,12-23

"Gregor Eisenhower, geboren 1960, hat Germanistik und Philosophie studiert. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin und schreibt Nachruf, unter anderem für den Tagesspiegel. Ja, sie haben richtig gehört: seit über zehn Jahren schreibt Gregor Eisenhower, Nachrufe. Nicht auf berühmte Männer und Frauen der Zeitgeschichte, sondern auf ganz normale Menschen. Er sagt, es sei eine Aufgabe, die sein Leben veränderte. Seine Besuche in den Leben der anderen zeigten ihm, was am Ende wichtig ist, und zählt: nicht die Karrierestationen oder die Urlaube, nicht die Sonne, nicht. Die Summe des ersparten oder des vergoldeten bringen unser Leben auf den Punkt, sondern unsere Bindungen zu anderen Menschen und unser Verhältnis zu uns selbst."

Er hat ein Buch über seine Arbeit geschrieben, es heißt: "Die zehn wichtigsten Fragen des Lebens". Darin ermutigt er, die Leser, "Rechenschaft abzulegen, bevor es zu spät ist. Denn es gibt keine Chance, es das nächste Mal besser zu machen!" (Klappentext)

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was denn die zehn wichtigsten Fragen des Lebens nach Eisenhauer sind, doch vielleicht lohnt es sich, selbst zu überlegen: Was würde ich einen Menschen fragen, wenn ich sein Leben in einem kurzen Artikel oder Nachruf beschreiben sollte? Welche Frage, die ich für wichtig erachte, würde ich mir selbst über mein Leben stellen? Wie gesagt, Eisenhower hat entdeckt, dass es vor allem Fragen sind, bei denen es um unsere Bindungen zu anderen Menschen und um das Verhältnis zu uns selbst geht. 

Ich selbst würde unter meinen zehn wichtigsten Fragen notieren: Was bedeutet Umkehr für dich? Oder: Ist Veränderung möglich?

Diese Frage beschäftigt mich schon lange, sie ergibt sich unmittelbar aus dem heutigen Evangelium. Zwischen dem Bericht von dem Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa, zwischen den Zitaten aus dem Propheten Jesaja und der Erfüllung der alten Verheißung, zwischen den Berufungserzählungen ersten Jünger, den beiden Brüderpaaren, Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes, ist fast unscheinbar das erste öffentliche Wort der Jesus-Verkündigung eingefügt: „Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Mt 4,17) Jesus nimmt die prophetische Verkündigung Johannes des Täufers wortwörtlich auf (vgl. Mt 3,2: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“)

1/ Umkehr 

Metanoia, ursprünglich Sinnesänderung, bezeichnet (einerseits) eine Ablehnung der Sünde, ein Bereuen. Diese Reue, die sich auf die Vergangenheit richtet, geht gewöhnlich zusammen mit einer Bekehrung, durch die sich der Mensch (andererseits) Gott zu wendet und zu einem neuen Leben verpflichtet. Diese beider einander ergänzenden Seiten in ein und derselben Bewegung des Herzens werden im biblischen Wortgebrauch nicht immer unterschieden. Bereuen und bekehren sind die notwendige Voraussetzung, um das Heil zu empfangen, dass durch das Reich Gottes gebracht wird. 

Der Umkehr-Ruf Johannes des Täufers wird wieder, wie gesagt, aufgenommen von Jesus, aber auch von seinen Jüngern, später auch von Paulus.

„Kehrt um“ ist also nicht nur ein moralischer Appell. Tatsächlich hört man Ähnliches in diesen Tagen in wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Fragen immer wieder: Wir müssen uns Leben ändern, wenn wir das Klima schützen wollen, wenn wir gerechtere Lebensbedingungen für alle schaffen wollen, etc. Das stimmt. Wir müssen heute, in der „Zeitenwende“ sogar die friedenspolitische Agenda neu denken. Da ist viel Umdenken notwendig.

Bereuen hat manchmal auch mit Scham zu tun, über eine Handlung, ein Wort oder einen Gedanken, die ich am liebsten ungeschehen machen würde. 

Doch das Umdenken bei Jesus hat noch eine Dimension mehr. Es geht nicht nur um eine Kehrtwende im Sinne des Bereuens, sondern es geht eine Bekehrung im Sinne der Ausrichtung und des Denkens.

„Metanoiete!“ – verändert Euer Denken, das bedeutet wortwörtlich: Denkt darüber hinaus, denkt größer. Denkt größer vom Menschen und vor allem: Denkt größer von Gott. Traut ihm etwas zu, lasst ihn in euere Leben hinein, denn er ist schon nahegekommen – sein Reich ist schon nahegekommen. Traut ihm Vergebung zu, Erbarmen. Er hat tausend Mal mehr Möglichkeiten, Euer Leben zum Guten zu wenden, als ihr selbst machen und planen können. 

In Evangelii Gaudium (EG 178) schreibt Papst Franziskus: „Der Heilige Geist verfügt über einen für den göttlichen Geist typischen unendlichen Erfindungsreichtum und findet die Mittel, um die Knoten der menschlichen Angelegenheiten zu lösen, einschließlich der kompliziertesten und undurchdringlichsten.“ 

Deshalb – weil es auch um das Gottesbild geht - ist der zweite Teil der Botschaft genauso wichtig: Das Himmelreich ist nahe! 

2/ Himmelreich

Matthäus sagt „Himmelreich“ statt Gottesreich, um nach jüdischem Brauch den ehrfurchtgebietenden Namen Gottes durch einen bildhaften Ausdruck zu umschreiben. „Himmelreich“ bezeichnet das Königtum Gottes über das erwählte Volk und durch dieses Volk über die Welt. Diese Vorstellung bildete bereits das Zentrum des Alten Testaments; nun steht sie im Mittelpunkt der Verkündigung Jesu. Das Himmelreich umfasst ein Reich von Menschen, die mit Gott verbunden sind, deren Gott wahrhaft König sein wird, weil seine Königsherrschaft von Ihnen in der Erkenntnis und der Liebe anerkannt wird. 

Dieses Königtum wurde durch den Aufstand der Sünde infrage gestellt, durch eine souveräne Tat Gottes und seines Messias soll es wieder hergestellt werden. Diese Tat verkündet Jesus, wie Johannes der Täufer, als „nahegekommen“. Und er vollzieht sie, nicht in Form einer kriegerischen, nationalistischen Erhebung, wie es die Masse des Volkes erwartete, sondern auf eine ganz unkriegerische Weise, als Menschensohn und als Gottesknecht, durch sein Erlösungswerk, das die Menschen dem Herrschaftsbereich Satans, des Widersachers, entreißt. 

Vor der endgültigen, eschatologischen Verwirklichung, bei der die Erwählten in der Freude des himmlischen Festmahls beim Vater leben werden, fängt das Gottes Reich klein und unauffällig, geheimnisvoll, unter Widerständen an. Es erscheint als eine Realität, die bereits angebrochen ist und sich äußert in Jesu heilendem und befreienden Handeln, und die sich langsam auf Erden, durch die Kirche, entfaltet. 

In dieser Zeit gegenwärtig als das Reich des Menschensohnes Jesus Christus, wird es in der ganzen Welt durch die apostolische Sendung verkündet. Beim Endgericht wird das Reich Gottes durch die glorreiche Wiederkunft Christi endgültig aufgerichtet und dem Vater zurückgegeben. Bis dahin zeigt es sich als reine Gnade, die von den Geringen und von denen, die sich selbst entsagen, angenommen, von den Hochmütigen und Selbstsüchtigen aber verworfen wird. Eingang findet man nur mit dem hochzeitlichen Gewand des neuen Lebens. Es gibt solche, die ausgeschlossen werden. Man muss wachen, um bereit zu sein, wenn es unversehens kommen wird. 

„Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Diese Botschaft hören die Menschen in Kafarnaum, am See von Genezareth, in der Provinz, in Dithmarschen. Das ist für Matthäus wichtig, ebenso wie die nähere Beschreibung der Menschen, die Jesus zuerst und vor allem anspricht: Fischer, einfache, stinkende, arbeitende Menschen, die verwurzelt sind mit der Erde und doch eine große Sehnsucht im Herzen tragen, nach dem Licht, nach der Begegnung mit Gott, nach Befreiung und Erlösung.

Es gibt eine Art und Weise zu leben, wenn ich umkehre, d.h. bereue, loslasse und mich auf Gott ausrichte, mich Neuem zuwende, die eine unfassbare Freiheit und Freude beinhaltet. Das hören bzw. erahnen die Fischer am See von Genezareth in ihrem Alltag. Und das fasziniert sie so, dass sie alles liegen und stehen lassen und Jesus folgen. Ein Anruf – eine Berufung, die Mut macht, die herausfordert, die verändert – zuerst unser Gottesbild und dann unser Menschenbild und vor allem das Bild von uns selbst. Denn wenn Gott größer wird, dann werden wir nicht kleiner. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Gottes Möglichkeiten unsere Freiheit beschneiden würde. Im Gegenteil: Die Freiheit Gottes und die Freiheit des Menschen wachsen im gleichen Maße. 

Wo möchte ich umkehren, größer denken, anders denken? Wo ahne ich im Herzen, dass eine Veränderung eine größere Freiheit und eine größere Freude bedeuten kann? Wo bin ich bereit, etwas loszulassen, um etwas Neues zu beginnen? Diese Fragen – so scheint mir – gehören zu den wichtigsten Fragen im Leben eines Menschen. Und wie glücklich dürfen wir sein, dass Jesus sie uns heute stellt.


Montag, 26. Dezember 2022

Das Medium ist die Botschaft




2022 Predigt Weihnachten – am Tag, Manresa - Hamburg

Les: Jes 52,7-10; Hebr 1,1-6; Joh 1,1-18 

Den Weihnachtsgruß auf schönen Karten verbinden mehrere Freunde von mir gerne mit einem Jahres-Rückblick. So erhalte ich auf ein oder zwei Seiten ihre Reflektion über das, was ihnen in den vergangenen Monaten wichtig geworden ist. Ich bin dankbar, dass ich so an den Ereignissen und Erfahrungen teilhaben darf. Vor allem freue ich mich über die Dankbarkeit und die Wertschätzung des Lebens und der Begegnungen, die ihnen geschenkt wurden, die in diesen Rückblicken deutlich wird.

Mit einem Rückblick, der auf ein oder zwei Seiten das Wesentliche der Erfahrungen zusammenfasst, haben wir es auch beim heutigen Evangelium am Weihnachtsfest zu tun. Es ist der Prolog des Johannes-Evangeliums, der in kondensierten Worten schon alles anklingen lässt, was der Evangelist dann im Weiteren als Erzählungen entfalten wird. 

Es ist wie ein Überblick über die Heilsgeschichte – vom Beginn der Schöpfung bis heute. Er spricht von der Friedensbotschaft, die der Welt überbracht wird – und auf welche Art und Weise diese Botschaft überbracht wird.

„Im Anfang war das Wort.“ Von Beginn an liebt Gott diese Welt, er ist der Schöpfer, schenkt Licht und Leben. Alles ist durch sein Wort geworden. Gott liebt die Menschen und er tritt mit ihnen in Beziehung. Auf welche Art und Weise? Lange Zeit haben die Propheten sein Wort überliefert. Mose hat dem Volk das Gesetz gegeben. Johannes hat glaubwürdig davon gesprochen, wie Gott auf die Menschen zukommt und was die Menschen tun sollen, damit sie seine Botschaft hören können. 

Im Brief an die Hebräer heißt es: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern (und Müttern) gesprochen durch die Propheten.“ – Gott hat durch Mose, durch Jesaja, Jeremiah, Ezechiel, Daniel, usw. gesprochen. Sie alle waren Träger des Wortes, Boten der Freude, Vermittler der Gnade, Zeugen der Wahrheit. Ich bin mir sicher, dass diese Menschen eine besondere Beziehung zu Gott hatten, dass Gott sich Ihnen im Gebet offenbart hat, dass sie etwas von seiner Größe und seinem Heil erfahren haben und so anderen weitergeben konnten.

Nun, in der Mitte der Zeiten, wird die gleiche Botschaft allerdings auf eine neue Art vermittelt, nämlich durch den Sohn. „Am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt.“ Das Wort, das Licht und Leben schenkt, wird nicht mehr nur überbracht, sondern es wird konkret erfahrbar, es „ist Fleisch geworden“. „Das Medium ist die Botschaft“, so könnte man sagen.

Warum spricht der Johannes-Prolog vom „Fleisch“? Warum sagt er nicht einfach das Wort ist „Mensch“ geworden? Das kommt wohl daher, dass zu der Zeit, in der dieser Text entstand, die Menschlichkeit, Jesu, seine Existenz in Fleisch und Blut, seine Geburt und seinen Tod, Gegenstand von Kontroversen und Bestreitung waren. Einige behaupteten wohl, das Wort Gottes habe sich nur einen menschlichen Umhang übergezogen, eine sterbliche Hülle angenommen, die keine weitere Bedeutung hatte. 

Johannes sieht in Leben, Tod und Auferstehung Jesu, in seinem Dienst und in seinem Wirken, Gott selbst am Werk, präsentisch, vor Ort, berührbar, verständlich, nahe, ansprechbar. Gott und Mensch, ihr beide atmet die gleiche Luft. Gott macht sich verletzlich, er lässt sich anstecken von den Krankheiten und Nöten der Menschen, ohne dass er aufhört, Gott zu sein, Gnade und Wahrheit zu schenken. 

Ich möchte Ihnen zum Verständnis einen Vergleich anbieten: Im vergangenen Jahr stellte sich im Blick auf die Treffen in der Gemeinde bzw. in der Glaubens¬information oder in der GCL häufig die Frage: online oder in Präsenz? Vielleicht kennen Sie diese Frage auch aus ihrem persönlichen oder beruflichen Umfeld. Die neuen Videotools haben es möglich gemacht, dass wir uns für ein digitales Treffen verabreden, bei dem jeder zu Hause vor seinem Bildschirm sitzt und die anderen Teilnehmer sehen und hören kann. Das funktioniert meist gut, nur selten gibt es noch Unterbrechungen oder Ausfälle. Fast jeder von Ihnen wird im vergangenen Jahr schon einmal an einer solchen Videokonferenz teilgenommen haben. 

Es ist nicht das gleiche „online“ oder „in Präsenz“, beides hat Vor- und Nachteile. Aber wie groß der Unterschied tatsächlich ist, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Der Vorteil einer Videokonferenz: sie ist für alle zugänglich, unabhängig von den Anfahrts¬wegen. Das spart Zeit und Geld. Vor allem junge Eltern, die sonst ein Baby¬sitter besorgen müssten, können abends zu Hause bleiben und trotzdem an einem Gemeinde-Treffen teilnehmen. Es gibt keine Gefahr, sich anzustecken oder zu verletzen. Jeder atmet die eigene Luft und bleibt bei sich. Ein Austausch von Gedanken, Worten, Bildern ist möglich, ein Gespräch in Kleingruppen lässt sich leicht organi¬sieren. Tatsächlich nutzen die meisten von uns diese Möglichkeiten gern, auch zum Beispiel für ein Familien oder Freunde treffen über weite Distanzen hinweg, wenn ein Teil der Familie zum Beispiel in einem anderen Land wohnt. 

Der Vorteil der Treffen an einem physischen Ort: es gibt einen Hinweg und einen Rückweg, bei dem man sich innerlich auf das Treffen vorbereiten beziehungsweise die Gedanken sortieren kann. Das entschleunigt, denn ich kann normalerweise weniger Verabredungen treffen. Außerdem gibt es die Möglichkeiten für Begegnungen am Rande: die informellen Gespräche zwischen Tür und Angel, kurze Verabredungen oder Nachfragen, die Möglichkeit für Zweiergespräche. Vor allem kann ich die Körpersprache wahrnehmen, die Mimik und Gestik, die Blicke, die Anspannung und die kleinen Bewegungen. Ich komme leichter in einen Dialog, ich kann riechen, schmecken, fühlen, Begeisterung wahrnehmen. Jeder atmet die gleiche Luft und macht sich verletzlich. 

Online ist nicht Präsenz. Wie gesagt, für manche ist der Unterschied nicht so bedeutend. Für andere schon. Die Information ist doch eigentlich die gleiche, oder?

Für Johannes wird mit der Geburt Jesu deutlich, dass Gott die Menschen nicht mehr nur informiert. Bisher kannten sie Gott aus Botschaften und über die Entfernung hinweg. Die Propheten haben die Begegnung auf Distanz ermöglicht. An Weihnachten feiern wir, das sein Wort in Raum und Zeit, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, erfahrbar, berührbar wurde. Dass bestimmte Menschen zu diesem Treffen eingeladen wurden und dabei waren. Sie haben die gleiche Luft geatmet wie der Sohn.

Sie können sagen: Das ist nur ein kleiner Unterschied, es ist eigentlich dieselbe Botschaft! Das stimmt. Doch für das Johannesevangelium ist klar: Dieses Licht, bei dem Botschaft und Medium identisch sind, vermag es, jeden Menschen zu erleuchten. Jeden, auch Dich und mich. Und so wechselt im Text das Subjekt und die Leser des Evangeliums werden hineingenommen in diese Kommunikation: „Er hat unter uns gewohnt. Wir haben seine Herrlichkeit geschaut. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade.“ Wir alle. Du und ich. Wir sind hineingenommen in diese Begegnung. Hier und jetzt. 

Das ist eine Zeitenwende. Denn wenn wir dieser Gegenwart Gottes in Jesus Christus vertrauen, dann wir die Begegnung mit ihm für uns nicht nur zu einer Information. Sondern dann geschieht in uns selbst und durch uns in dieser Welt eine sichtbare und spürbare Veränderung.

„Jesus ist gekommen,“ so sagte der verstorbene Bischof Klaus Hemmerle, „Jesus ist wirklich gekommen, aufgebrochen aus dem Herzen Gottes selbst, her zu uns. Indem er es annahm, Mensch zu sein, nahm er uns an, so wie wir sind, und nahm zugleich an unserer Stelle und für uns Gott an, die ganze, alles fordernde Wucht eines heiligen Willens.“

Das Wort wird, wenn wir es hören und danach leben, in einem übertragenen Sinn auch in uns Fleisch - in uns und in unserem Handeln. Es wird neu Wirklichkeit, konkret erfahrbar, dort wo Menschen danach leben.