Freitag, 4. September 2026

Schatz

 


Predigt zum Schuljahresbeginn – Mitarbeitende in den katholischen Schulen des Erzbistums Hamburg, Hl. Messe im Kleinen Michel, 3.9.2026

Lesungen: 2 Kor 4, 1–2.5–7 (Dr. Haep); Lk 22, 24–30 (P. Modemann SJ)

Liebe Lehrer.innen, liebe Betreuer.innen, liebe Mitarbeiter.innen der Schulabteilung - und alle, die an und für Schule im Erzbistum Hamburg beruflich tätig sind!

Die Texte, die Sie gehört haben, sind die Lesungen zum Fest des hl. Gregor, den die Kirche heute feiert. Sie passen gut zum heutigen Tag und so haben wir sie im Vorbereitungsteam ausgewählt. Ich möchte zu der ersten Lesung etwas sagen.

Was machen Sie mit einem Schatz? Wo tun Sie ihn hin? Was ist dafür der passende Ort? Hoffentlich haben Sie in den vergangenen Wochen, seit dem Beginn des Schuljahres, schon ein paar Schätze sammeln können, die sie gerne aufbewahren möchten: schöne Momente mit den Schülerinnen und Schülern, herausragende Gespräche mit den Kolleg.innen, Ereignisse, die sie bewahren möchten.

Nach den Ferien haben Sie den Dienst wieder aufgenommen: viel organisieren, neue Kinder empfangen, neue Kolleginnen und Kollegen begrüßen, Elterngespräche führen, etc. Es gibt Bauvorhaben, viele schöne Projekte. Aber gab es etwas, das Sie besonders berührt oder bewegt hat? Oder vielleicht einfach nur zwischendurch das Gefühl, dass Sie morgens gerne aufgestanden sind, oder dass Sie da genau richtig sind, wo Sie gerade sind?

Das sind doch Schätze! Also: Wo tun Sie diese Schätze hin? Was ist Ihre „Schatztruhe“? Denn normalerweise gibt es für einen Schatz es eine wertvolle Umhüllung, so dass für mich und für andere auf den ersten Blick klar wird: das ist besonders, wertvoll, es soll bewahrt werden. [Schatztruhe]

Der Apostel Paulus spricht in seiner Lesung auch von einem Schatz. Wir haben es gerade gehört. Einen Schatz, den wir allerdings nicht einer Truhe, sondern in zerbrechlichen, alltäglichen Gefäßen tragen [Tasse].

A.     Was ist dieser Schatz?

Zunächst einmal: Was ist dieser Schatz, von dem Paulus spricht? Paulus erklärt und fängt am Anfang an: Als Gott die Welt erschuf, und das Licht und die Finsternis, und Himmel und Erde, auf der es Menschen geben sollte. Menschen, wie Du und ich, die eine besondere Erfahrung machen dürfen, die Erfahrung, dass sie von Gott grundlegend geliebt sind. Das ist der Schatz, um den es geht.

Ich glaube, wir Menschen haben eine dreifache Berufung:

1/ Die erste Berufung ist die Berufung zum Mensch-Sein. Wir alle sind berufen als Menschen zu leben, in dieser Welt. Wir sind ins Leben gekommen, weil Gott es gewollt hat.

Diese Berufung teilen wir mit allen Menschen dieser Welt. Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, das ist unsere unverlierbare Würde. Dafür stehen die Könige, wenn wir sie nun auf Reisen durch die katholischen Schulen schicken: für die „königliche“ Würde eines jeden Menschen, vor aller Leistung und trotz aller Schuld. Diese Würde für uns selbst und für andere zu respektieren und sie zu leben, dafür tragen wir die Verantwortung.

2/ Die zweite Berufung ist die Berufung zum Christ-Sein. Sie haben wir durch den Glauben und die Taufe erhalten und wir teilen Sie mit allen Christen. Wir sind berufen, als Kinder Gottes zu leben. So heißt es im Johannes-Prolog „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1). Auch das ist eine Verantwortung, denn diese Macht ist vor allem ein Dienst für andere. Durch die Salbung haben Christen Anteil an dem königlichen, priesterlichen und prophetischen Amt Christi: Mit Christus, dem wahren König, werden sie sein Königreich leben.

3/ Und dann gibt es noch die ganz persönliche Berufung, je individuell und einzigartig, die wir im Laufe unseres Lebens hoffentlich entdecken und leben. Vielleicht ist ihr Beruf so eine Berufung, vielleicht ist ein besonderer Aspekt des Glaubens, eine Begabung, usw. Wer diese eigene Berufung lebt und wer das Leben nicht nur für sich selbst lebt, sondern in Beziehung mit anderen, der erhält tatsächlich etwas so Wertvolles - wie einen Schatz.

Paulus hat dies erfahren, und er kann bezeugen: dieser Schöpfergott, der am Anfang das Licht erschaffen hat, er selbst ist in unseren Herzen aufgeleuchtet.

Für ihn war es tatsächlich ein Moment der Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus, als er innerlich ein helles Licht sah, zunächst um ihn selbst zu erleuchten (Apg 9). Diese Erfahrung bleibt jedoch nicht singulär, auch andere haben solche Erfahrungen gemacht, ein Licht wie eine Sonne, um dann auch zu leuchten für jene, zu denen sie gesandt wurden. Und das trotz seiner Situation der Verfolgung, der Verleumdung, der Beschimpfung, die er nicht unerwähnt lässt.

Menschlich gesprochen ist es die Erkenntnis des Glaubens, des Vertrauens. Theologisch gesprochen ist es die Herrlichkeit Gottes, die in einem Menschen aufleuchtet.

Wer das Alte Testament kennt: Paulus spielt hier, auf die Erfahrung des Moses an. Er war Gott begegnet, und dann strahlte sein Gesicht, so dass er danach ein Tuch über sein Gesicht legen musste (Ex 34).

Man erkennt das Licht, die „Erkenntnis-Herrlichkeit“, jedoch nur mit den Augen des Geistes. („Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“) Die Herrlichkeit Gottes bleibt irdischen und verblendeten Augen verhüllt. Denn der Ort der Erleuchtung ist eben das Herz.

Das Leuchten wird nach außen sichtbar, durch das Tun und das Sein. Und dann wird jede Person zu einem Gesicht Christi, zum „Antlitz Christi“. Wer ist das also Antlitz Christi? Ihr seid das Antlitz Christi! Das ist die Pointe bei Paulus.

Also: der Schatz ist dieses Leuchten in den Menschen, die erfahren haben, dass Gott sie liebt, das ist die Herrlichkeit Gottes in Ihnen. Paulus schreibt diese Worte an die Gemeinde in Korinth, aber er spricht von einer allgemeinen Glaubenserfahrung. In einem weiteren Sinn spricht Paulus also alle Christen an.

B.     Warum tragen wir ihn in zerbrechlichen Gefäßen?

Paulus sagt nun, dass dieser Schatz in einem gewöhnlichen Alltagsgefäß aufbewahrt wird, indem man ihn nicht vermutet. Es geht nicht so sehr darum, dass dieses Gefäß zerbrechen könnte, dann würde es seine Funktion als Gefäß gar nicht mehr erfüllen. Sondern: Es ist ein normales, alltägliches, unansehnliches Gefäß, obwohl es doch ein besonders kostbarer Schatz ist.

Betont Paulus dies, weil er sagen will, dass wir nicht perfekt sein müssen, um diesen Schatz zu empfangen? Dass es nicht um eine goldene, makellose Schatztruhe geht, wenn Gott diesen Schatz schenkt?

Betont er, dass es ein Schatz ist, der im Alltag gelebt werden will, d.h. der nicht nur für sonntags oder für besondere Momente aufbewahrt werden soll, sondern für jeden Tag? Dass es ein Schatz ist, der allen Menschen zukommen möge, nicht nur den Reichen.

Paulus nennt einen Grund. Er sagt: „So soll deutlich werden, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“. Das meint: Wenn wir aus dem Glauben an Gott leben, dann wird dieser Schatz in uns, in unserem Alltag, eine Kraft entfalten, die über unsere Begrenzungen hinausgeht. Diese Kraft entfaltet sich in uns, damit wir uns für die Würde aller und für das Reich Gottes einzusetzen können. Diese Kraft steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir selbst durch unsere Ausbildung, unsere Klugheit, unsere eigenen Ressourcen usw. vermögen.

Das meint nicht, dass wir über unsere Kräfte hinaus arbeiten sollen, dass wir uns selbst ausbeuten, völlig verausgaben! Sondern es meint, dass Gottes Kraft stärker ist als die Bedrängnis und dass wir, indem wir aus seiner Kraft leben, mehr erwarten dürfen, als wir Gott (und uns selbst?) je zugetraut hätten: Dass wir im Dienst am Ende selbst bedient werden (Lk 22,24!)

Ich wünsche Ihnen, dass Sie im neuen Schuljahr, dass Sie immer wieder mal einen Schatz finden, ihn in die Truhe oder besser, das Gefäß, legen. Dass Sie Ihre Berufung leben können in ihrem Dienst, trotz Widerständen und Herausforderungen und dass Sie das innere Leuchten, die Herrlichkeit Gottes, der Sie liebt, der Sie geschaffen, erlöst und geheiligt hat, auch für andere ausstrahlen mögen. Amen.

Den Gedanken der dreifachen Berufung habe von Herbert Alphonso SJ, Die persönliche Berufung, Münsterschwarzach 92020, übernommen. Seine Idee stammt aus dem Gedicht von T. S. Eliot „The Naming of Cats“.


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