Montag, 26. Oktober 2026

Gott lieben - wie geht das?

 


Predigt 30. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg | Manresa

Les: Ex 22,20-26; 1Thess 1,5c-10; Mt 22,34-40

1. Liebst du?

Liebst du? Lieben Sie? Wen lieben Sie im Moment? Ihren Mann, Ihre Frau, Ihre Schwester, Ihren Bruder, Ihren Freund oder Ihre Freundin?

Wenn wir lieben, dann lieben wir immer eine Person. Man kann nicht allein lieben. Gewiss, man kann auch sich selbst lieben. Hoffen wir, dass das nicht die einzige Person bleibt, die wir lieben. Liebe gilt immer jemandem. Denn Liebe ist Beziehung.

Liebe ist nicht in erster Linie ein Gefühl. Denn wenn sie nur ein Gefühl wäre, wie könnte man sie dann gebieten? Und doch spricht Jesus vom großen Gebot der Liebe.

Liebe ist zunächst eine Haltung, eine Lebensweise gegenüber den anderen und gegenüber Gott. Vielleicht beginnt Liebe mit einer inneren Entscheidung, zu vertrauen. Mir gefällt der französische Ausdruck „faire confiance“ – Vertrauen schenken. Im Deutschen könnte man übersetzen: „ins Vertrauen gehen“. Damit beginnt die Liebe. Und dann folgt daraus das konkrete Tun des Guten gegenüber den anderen.

2. Jesus und sein Gebot der Liebe

Im Johannesevangelium gibt Jesus seinen Jüngern in den Abschiedsreden vor seinem Tod dieses Gebot: „Liebt einander!“ (Joh 15,12)

Er spricht zunächst nicht von der Liebe zu Gott, sondern nur von der Liebe zu den Mitmenschen. Denn für den Evangelisten Johannes ist klar: Wir können Gott, den wir nicht sehen, nicht lieben, wenn wir unseren Bruder oder unsere Schwester, die wir sehen, nicht lieben.

„Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4,20–21)

Das Johannes-Evangelium erzählt die Geschichte der Liebe Gottes. Diese Liebe beginnt nicht erst mit Jesus; aber in Jesus wird sie sichtbar wie nie zuvor: einzigartig, endgültig und unwiderruflich.

„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,16)

Man kann das Johannesevangelium unter dieser einen Frage lesen: Was bedeutet das große Gebot der Liebe?

Am Ende des Evangeliums steht die Frage des Auferstandenen an Simon Petrus: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ Und Simon weiß kaum, wie er antworten soll.

3. Wie kann man zu lieben anfangen? Wie kann man lieben lernen?

Was ist das Zeichen oder Symbol der Liebe? Das Herz. Das Herz ist ein zentrales Organ des Menschen. Schon seit der Antike wird ihm sowohl in körperlicher als auch in symbolischer Hinsicht große Bedeutung beigemessen. Es gilt als das leibliche, seelische und geistige Zentrum der menschlichen Person.

Schon lange vor dem Kleinen Prinzen wissen wir: Man sieht nur mit dem Herzen gut, denn das Wesentliche am Menschen ist für die Augen unsichtbar. Das Herz ist die Mitte des Menschen. Hier begegnen sich Denken und Fühlen; hier reifen die wichtigsten Entscheidungen des Lebens.

Das Herz ist nicht nur ein Muskel, der das Blut durch die Gefäße des Körpers pumpt. Es ist offensichtlich weit mehr. So wird das Herz zum Symbol der Liebe. Manche Menschen lassen sich ein Herz in stilisierter Form tätowieren oder stellen es mit ihren Händen dar, wenn sie Freude oder Liebe empfinden. Woher diese abstrakte Form mit ihren beiden Rundungen und der charakteristischen Spitze genau stammt, wissen wir nicht. Sie scheint jedoch bereits im dritten oder vierten Jahrtausend vor Christus existiert zu haben, wie archäologische Funde aus dem alten Persischen Reich nahelegen.

Das Herz als „Ort“ des Glaubens und der Liebe ist daher im übertragenen Sinn „der Ort der Aufrichtigkeit, an dem man weder täuschen noch sich verstellen kann“ (Dilexit nos 5). Wenn man anfangen will zu lieben, dann soll man auf das Herz hören.

In der Bibel kommt das Wort „Herz“ mehr als 500-mal vor. Es ist der Ort des Denkens und der Entscheidung. (Die Gefühle werden mit den Nieren verbunden!)

In der katholischen Kirche gibt es die Verehrung des Herzens Jesu. Sie war vor allem im letzten Jahrhundert verbreitet, auch in dieser Kirche hängt ein „Herz-Jesu“-Bild am Eingang. Die Verehrung seines Herzens ist allerdings schon viel älter.

Besonders bekannt wurde die Verehrung und Anbetung des Herzens durch Margerite Marie Alacoque, eine Ordensschwester aus Paray-le-Monial, im 17. Jahrhundert. Sie erfuhr die Liebe Gottes in Jesus Christus durch eine Vision von einem brennenden Herzen, das mit einer Dornenkrone gekrönt war. Das Herz als Symbol der barmherzigen Liebe Gottes. In jeder Eucharistiefeier erinnern wir uns an diese Liebe, der wir auf eine persönliche Art und Weise begegnen und die unser Leben verändern kann.

Wir können zu liebenden Menschen werden! Das ist die Verheißung, das ist die frohe Botschaft bei diesem Doppelgebot der Liebe. „Bilde unser Herz nach deinem Herzen!“

Lieben: Das heißt, mit einem offenen Herzen zu leben, Gott zu vertrauen und den Menschen Gutes zu tun. In der Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern wird die Liebe zu Gott sichtbar. Und in der Liebe Gottes entdecken wir, wer wir selbst sind.

Montag, 12. Oktober 2026

Festmahl



Predigt zum 28. Sonntag im Jahreskreis A 2026, Hamburg | Manresa

Les Jes 25,6-10a; Phil 4, 12–14.19–20; Mt 22, 1–14

Heute werden uns zwei Einladungen zu einem Festmahl vor Augen gestellt: eine in der ersten Lesung aus dem Propheten Jesaja und eine im Evangelium nach Matthäus.

Auf den ersten Blick scheinen sie sehr ähnlich zu sein, doch es gibt wichtige Unterschiede.

In der ersten Lesung hören wir von einer Vision der Güte des Herrn: ein Fest mit köstlichen Speisen und erlesenen Weinen. Diejenigen, die diese Worte zuerst hörten, und jene, die sie später in der Heiligen Schrift lasen, verstanden sich selbstverständlich als Gäste dieses Mahls. Doch die Einladung reicht noch viel weiter.

Der Prophet spricht nicht nur vom Heil Israels, sondern vom Heil aller Völker: „Der Herr der Heerscharen wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl bereiten.“

Zunächst lenkt der Text unsere Aufmerksamkeit auf Speise und Wein als sichtbare Zeichen von Gottes Großzügigkeit. Dann richtet er den Blick auf die Eingeladenen und auf den Ort des Festes: den Berg des Herrn, den Zion, Jerusalem. Die Völker werden gemeinsam mit Israel zum Wallfahrtsort Gottes ziehen und dort vor ihm feiern.

Wenn der Priester in der Eucharistie die Wandlungsworte spricht: „Das ist der Kelch meines Blutes ... das für euch und für viele vergossen wird“, dann erinnern diese Worte an die Vision des Jesaja. Die „vielen“ stehen dabei nicht im Gegensatz zu Israel. Vielmehr sind sie die vielen Völker, die gemeinsam mit Israel auf den heiligen Berg Gottes gerufen werden.

Es ist eine Vision des Friedens. Die Völker kommen gemeinsam mit dem geliebten Volk Israel zusammen. Gott tröstet alle Menschen: „Er wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen.“ Er nimmt jede Last und jede Schmach von der ganzen Erde hinweg.

Es ist eine Vision von Harmonie und Offenheit: „Er zerreißt die Hülle, die alle Völker verhüllt, und das Tuch, das über alle Nationen gebreitet ist.“

Es ist eine Vision von Freiheit und ewigem Leben: „Den Tod vernichtet er für immer.“

Diese Vision ist noch nicht vollständig Wirklichkeit geworden. Doch eines Tages wird sie sich erfüllen. Dann werden die Menschen sagen: „Seht, das ist unser Gott, auf ihn haben wir gehofft, dass er uns rette.“

Als Christen hoffen wir tatsächlich auf das Heil aller Menschen. Wir glauben, dass Gott will, dass einst alle Völker ihn erkennen. Wir glauben, dass wir ihn von Angesicht zu Angesicht schauen werden. Und wir glauben, dass diese Hoffnung nicht vergeblich ist. Gemeinsam mit der jüdischen Tradition und mit Israel trägt der christliche Glaube eine umfassende Zukunftsvision in sich: eine Vision von Einheit, Versöhnung und Liebe.

Dann kommen wir zum Evangelium.

Zunächst scheint die Botschaft sehr ähnlich zu sein. Viele Menschen werden zum Hochzeitsmahl des Königssohnes eingeladen. Doch das Gleichnis enthält auch schwierige Elemente: Der König wird zornig, sendet seine Truppen aus, zerstört die Stadt und bestraft den Mann ohne Hochzeitsgewand. Eine Vision von Frieden und Harmonie? Es scheint doch ein recht schwieriges Festmahl zu sein, nicht wahr?

Wie können wir dieses Gleichnis verstehen? Ich glaube, dass es wirklich eine Frohe Botschaft ist.

 

 

 

1. Die Einladung gilt heute

Die Einladung des Königs ist nicht nur eine Vision für die Zukunft. Sie richtet sich an uns hier und heute. Das verändert vieles.

Wir müssen entscheiden, ob wir die Einladung annehmen oder ablehnen. Wir stehen vor einem Augenblick der Entscheidung. Wir befinden uns in einem geistlichen Kampf.

Die Vision von Frieden und Einheit wurde nicht aufgegeben. Sie bleibt unser Glaube und unsere Hoffnung. Doch seit Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, hat die Einladung bereits begonnen. Gottes Liebe ruft jeden von uns dazu auf, in den konkreten Umständen dieses Lebens zu antworten.

Viele Menschen in unserer Stadt und in unserem Land nehmen diese Einladung nicht an. Einige wenden sich ganz vom Glauben ab. Wie Jesus sagt: „Sie kümmerten sich nicht darum; der eine ging auf seinen Acker, der andere in sein Geschäft.“ Das ist unsere Wirklichkeit, obwohl die Einladung allen gilt.

2. Die Einladung darf von uns niemals erzwungen werden

Die Einladung des Königs richtete sich zunächst an Menschen, die sie nicht annahmen. Zur Zeit der Apostel nahmen viele in Israel die Einladung Jesu nicht an. Andere nahmen sie an, Gute wie Böse. So ist es auch heute. Jesus kam besonders, um die Armen und Sünder zu rufen. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“

Doch es ist nicht unsere Aufgabe, andere zu richten oder zu bestrafen. Ebenso wenig ist es unsere Aufgabe, jemanden zum Evangelium zu zwingen. Wir müssen die Freiheit jedes Menschen achten.

Wenn jemand sich entscheidet, kein Christ zu werden, ist das kein Grund, ihn zu verurteilen. Die Religionsfreiheit ist ein fundamentales Menschenrecht, und das zu Recht.

Doch wir stehen dennoch in diesem geistlichen Kampf. Die Vision der Einheit bleibt bestehen. Aber wenn wir das Evangelium wirklich leben, wird nicht jeder uns zustimmen. Auch heute leiden Christen in vielen Teilen der Welt wegen ihres Glaubens Verfolgung und Tod: in Nigeria, Indien, Syrien und anderswo.

Dabei müssen wir vorsichtig sein. Wenn Menschen Sie ablehnen, bedeutet das nicht automatisch, dass Sie heilig sind. Wenn Sie jedoch ernsthaft nach Heiligkeit streben, besteht immer die Möglichkeit, dass manche Menschen Sie zurückweisen.

 

3. Wer die Einladung annimmt, muss das Hochzeitsgewand tragen

Wer die Einladung annimmt, wer Christ wird und am Hochzeitsmahl des Lammes teilhat, muss das entsprechende Hochzeitsgewand tragen. Dieses Gewand steht für ein Leben, das der Würde dieser Einladung entspricht.

Wer von Gott gerufen ist, kann und darf wählen, diesem Weg zu folgen! (vgl. Mt 22, 14) Wenn Sie getauft sind, an Jesus Christus glauben und zur Kirche gehören, dann sind Sie berufen, als Christ zu leben. Sie bemühen sich, die Gebote zu halten. Sie lieben Gott und den Nächsten.

Das bedeutet nicht, dass Sie vollkommen sind. Doch wenn Sie versagen und der Herr Sie zur Rechenschaft ruft, dürfen Sie nicht schweigen. Sie sollen ehrlich vor ihn treten, Ihre Sünden bekennen und um Vergebung bitten.

Denn das Hochzeitsgewand ist nicht die Vollkommenheit. Das Hochzeitsgewand ist ein Herz, das bereit ist zur Umkehr, ein Herz, das immer wieder neu „Ja“ zu Gottes Einladung sagt.