Dienstag, 1. Juni 2021

Ein Gott in drei Personen

Predigt Dreifaltigkeitssonntag 2021 

Das Hochfest Dreifaltigkeit, das wir heute feiern, scheint auf den ersten Blick ein geheimnisvolles, theologisches, vielleicht sogar abstraktes Fest zu sein. Die Lesungen zum heutigen Tag sind jedoch voller Dynamik. Das wird allein schon an den Verben deutlich: Es sind Aufforderungen, das Wirken und Handeln Gottes wahrzunehmen und darin mitzuwirken. 

Zunächst in der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Deuteronomium: „forsche nach“ – „erkenne“ – „nimm dir zu Herzen“ (Dtn 4)

In der Beziehung zu Gott spielt das subjektive Gefühl eine große Rolle, das Empfinden, aber eben auch der Verstand, die Tatsachen, die Geschichte, die Welt und das was uns darin widerfährt. 

Wer ist Gott? Die Ereignisse der Vergangenheit bestätigen für Israel, dass der Gott des Bundes nicht nur die anderen Götter übertrifft, sondern dass es letztlich nur einen Gott gibt, einzigartig. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde. Das ist unser Bekenntnis! „Es gibt keinen anderen Gott!“ Das Entscheidende dieses Bekenntnisses zeigt sich in der täglichen Treue zu seinem Wort. 

Wie ist das möglich - in einer Welt mit vielfältigen religiösen Bekenntnissen, mit Religionsfreiheit und religiöser Toleranz als Grundvoraussetzung des Zusammenlebens, mit der Betonung der individuellen Verantwortung eines jeden für seinen Glauben? 

Darauf antworten die beiden neutestamentlichen Lesungen. So finden sich auch im Evangelium drei entscheidende Verben: „geht zu allen Völkern und macht zu Jüngern“ – „tauft sie“ – „lehrt sie zu befolgen“ (Mt 28)

Diese letzten Verse im Matthäusevangelium werden meist als „Missionsbefehl“ bezeichnet. Geht es Jesus tatsächlich darum, alle Menschen zu „Christen“ zu machen? Und wenn ja, kann man so etwas heutzutage in einer pluralen Welt noch allen Ernstes vortragen? 

Schauen wir zunächst auf den Text. Es geht nach Matthäus offensichtlich darum, die Botschaft des Evangeliums in die ganze Welt hinauszutragen, zu allen Völkern, und die Menschen darin zu unterweisen. Das ist der eigentliche Sinn von „zu Jüngern machen“, wörtlich „zu Schülern machen“, also: unterrichten, erklären, verdeutlichen. 

Und jene, die unterrichtet wurden und dann Schüler geworden sind, diese sollen die Freunde Jesu taufen. Mit anderen Worten: Nicht alle Menschen sollen getauft werden, sondern von allen Menschen jene, die - nachdem sie die Botschaft des Evangeliums kennen gelernt haben – sich entschieden haben und Schüler geworden sind. Und nicht nur taufen, sondern - das ist das dritte Verb, der dritte Schritt – „sie lehren alles zu befolgen, was Jesus geboten hat.“ Wenn Christ dann richtig, so würde ich frei übersetzen. Wer an Jesus glaubt, der soll auch so handeln (vgl. Joh 13,34; 14,21).

Diese vitale Verbindung zwischen Glauben und Praxis findet sich auch im Brief an die Römer. Drei Verben: „sich vom Geist leiten lassen“ – „sich nicht fürchten müssen“ – „Kinder und Erben sein“ (Röm 8)

Die Gebote Jesu halten beziehungsweise befolgen – erst darin kommt die Taufe in ihre volle Bedeutung. Als Getaufte und als Getaufter tritt die Glaubende bzw. der Glaubende ein in die Beziehung zum Vater, in die Beziehung zu Jesus als dem Bruder, in die Beziehung zum Geist in ihm beziehungsweise in ihr. 

Romano Guardini hat einmal gesagt: Der im Gebet gewachsene Christ wird in dem Maß, in dem sich ihm das trinitarische Geheimnis erschließt, eine besondere Beziehung wahrnehmen mit dem Vater, mit dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Diese Beziehung hängt an dem Bekenntnis zum einen und einzigen Gott. In diesem Bekenntnis Gott zeigt Gott selbst sich uns in verschiedenen Personen oder Gesichtern. So wie man z.B. sagt, dass eine Stadt verschiedene Gesichter habe. Hamburg hat verschiedene Gesichter, jeder von uns kennt einige davon. 

Dieses Bekenntnis an den einen und einzigen Gott schließt nicht in Dialog mit anderen Religionen aus. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Kirche viel von anderen Religionen gelernt und erkennt auch in anderen Religionen „Strahlen der Wahrheit“, wie es im Zweiten Vatikanischen Konzil heißt. 

Das Bekenntnis zu Gott bedeutet auch, dass ich nicht Gott bin und nicht über andere Menschen und ihren Glauben urteile. Ich kann sie als Brüder und Schwestern annehmen, auch wenn sie einen anderen Glauben haben. Ich bin ein Mensch und habe eine begrenzte Perspektive. Ich kenne nicht die ganze Wahrheit, aber ich glaube, Wesentliches erfasst zu haben. So heißt es im Zweiten Vatikanischen Konzil: Niemand besitzt die Wahrheit, sondern die Wahrheit muss in einem Dialog gesucht werden (DH 3); „… und anders erhebt die Wahrheit nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt.“ (DH 1)

Mit den Muslimen teilen wir das Bekenntnis zum einen und einzigen Gott, dem Schöpfer und dem Richter. Wir glauben an diesen einen und einzigen Gott! So heißt es dort: „Der Heilswille umfasst auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslim, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird.“ (LG 16). 

In besonderer Weise teilen wir den Glauben an den einen und einzigen Gott mit den Juden: „Jenes Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleisch nach geboren ist.“ (LG 16) 

Bekennen wir gemeinsam den Glauben an den einen und einzigen Gott in drei Personen.


Mittwoch, 26. Mai 2021

Glaubende


Predigt – Pfingsten 2021

Manresa - Kleiner Michel, Hamburg, 19 Uhr

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor einigen Tagen ging ich abends spazieren, als mich unvermittelt ein Junge ansprach, etwa zehn Jahre alt. Er fragte mich ängstlich, mit seinem Mobiltelefon in der Hand: „Haben Sie Guthaben?“ Er wollte dringend telefonieren. Ich tippte die Nummer ein, die er mir mühsam diktierte. Offenbar war Deutsch nicht seine Muttersprache. Er konnte dann mit seinen Kumpels sprechen, die er verloren hatte und bald wieder treffen wollte. Später noch sah ich sie dann an einer Straßenecke stehen, die älteren Kumpels mit Zigarette im Mund.

Um mit dem Handy telefonieren oder per Whats app kommunizieren zu können, braucht man entweder Guthaben oder einen Vertrag, in jedem Fall einen Vorschuss. Wer kein Konto oder keine Kreditkarte hat oder sein Guthaben nicht im Voraus einbezahlt, der ist von der Kommunikation ausgeschlossen.

Gilt das nicht in Bezug auf jede Art Kommunikation unter uns Menschen, dass wir einen gewissen Vorschuss geben und einsetzen müssen, damit Verständigung möglich ist? Die Frage scheint mir bedeutsam im Blick auf die gegenwärtige Situation in der Welt, im Blick auf den Glauben allgemein und im Blick auf das Pfingstfest, das wir heute feiern.

1. Glauben heißt Vertrauen

Der französische Anthropologe Emil Benveniste weist darauf hin, dass es in unseren Sprachen eine große Bedeutungsvielfalt der Worte des Glaubens gibt. Wir sagen z.B.: „Ich glaube, dass es morgen regnet.“ – oder: „Ich glaube daran, dass Dortmund deutscher Meister wird.“ – oder: „Ich glaube Dir.“

Der Begriff des „Geglaubten“ (frz. croyance) in der Religion und der „Forderung“ (frz. crédit) in der Wirtschaft lassen sich nach Benveniste auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen: den Tausch oder Austausch (échange) zwischen den Menschen und möglicherweise mit einer Gottheit als Ausdruck menschlicher Verwundbarkeit.

Im Deutschen wird diese gemeinsame Wurzel z.B. deutlich, wenn wir von einem „Gläubiger“ sprechen – das ist derjenige, der einen Kredit gewährt, im Unterschied zu einem „Glaubenden“ – das ist derjenige, der Gott Vertrauen schenkt.

Der Mensch ist in seiner Verwundbarkeit dem Leben ausgesetzt. Wir Menschen sind als verletzliche Wesen in diese Welt geworfen. Wir leben, indem wir dieser Welt mithilfe eines Urvertrauens begegnen. Ein Kleinkind zum Beispiel muss in gewissem Sinne ein „zweites Mal“ geboren werden, nämlich der Sprache und der Kultur, die es umgeben, und zuallererst seinen Eltern Vertrauen schenken. Es kann nicht vorher die Glaubwürdigkeit beziehungsweise die Kreditwürdigkeit seiner Eltern prüfen. Wir schulden unseren Eltern und unserem kulturellen Umfeld Vertrauen. Und wenn wir es geben, dann wird dieses Umfeld zu einer Quelle einer Kreativität. Das bedeutet, das erst durch das Grundvertrauen in das Leben die Subjektwerdung ermöglicht wird.

Genauso geben wir als Erwachsene unserer Kultur, unserer Gesellschaft und unserem Staat Vertrauen, zum Beispiel in die Ausbildung unserer Kinder, in die Übertragung bestimmter legitimer Gewalt etc., ohne dass wir die Lehrer und Polizisten im Einzelnen vorher hätten prüfen können.

Es gibt also bei allen Menschen, ob sie gläubig sind oder nicht, einen elementaren Akt, eine Energie, einen „Mut zum Sein“ in der Form des Grundvertrauens, nämlich als ein Vertrauen in das Leben, in das Geheimnis unserer Existenz – mit der Hoffnung, damit nicht zum Verlierer zu werden, sondern am Ende mehr zurückzubekommen.

Glaube ist ursprünglich etwas, was alle Menschen teilen. Er zeigt sich, wenn Menschen offen wahrnehmen, dass sie verwundbar sind. Er zeigt sich, wenn sie nach Orientierung in der Welt suchen und nach dem Sinn des Lebens fragen, ohne darüber verfügen zu können.

Glaube ist also zunächst nicht der Glaube an Gott oder an Jesus Christus, sondern die Haltung eines Menschen, dem Leben „Kredit“ zu geben. In der Hoffnung, dass das Leben sein Versprechen hält und es Wert ist, es zu leben, ermutigt der Glaube in den schwierigen Momenten eine gewisse Haltung zu bewahren. Dieser Glaube trägt unsere Beziehungen.

2. Pfingsten als Gabe des Heiligen Geistes an die Glaubenden

Christen teilen diese Erfahrung des Glaubens als Vertrauen in das Leben mit Nicht-Christen. Zusätzlich erleben und deuten Christen den eigenen Glauben im Rückblick oft als einen Akt der Selbstenteignung oder der Hingabe. Sie lassen dem Geheimnis das erste Wort und sagen etwa: „Das Geheimnis zieht mich an, schafft in mir Vertrauen und erlaubt es mir – in meiner Verwundbarkeit - in Wahrheit „ich“ zu sagen.“

Das feiern wir an Pfingsten: Gott hat die Apostel (und in Jesu Nachfolge auch uns) mit dem Heiligen Geist beschenkt, der in uns glaubt und betet und uns in Leben führt. Mit anderen Worten: Das Vertrauen und den Glauben, den wir schenken, haben wir in Wahrheit nicht aus uns selbst, sondern von Gott. Wir haben ein Guthaben, mit dem wir mit Gott kommunizieren können, das ist riesig, weil es von ihm selbst gegeben ist.

3. Pfingsten als Wunder der Kommunikation

Die Frage nach dem Glauben und dem Vertrauen ist schließlich auch in unserem Alltag von großer Bedeutung. In unserer täglichen Kommunikation braucht es diesen Vertrauensvorschuss, genauer: das Bemühen, den anderen gut verstehen zu wollen, weil ich darauf vertraue, dass es sich lohnt, weil er etwas Gutes sagen möchte.

Der heilige Ignatius nennt das in seinen Exerzitien „die Aussage des anderen zu retten“: Jeder gute Christ soll zunächst einmal bereit sein, die gute Aussageabsicht des anderen anzunehmen und versuchen, ihn zu verstehen – und nicht gleich zu verdammen. Und wenn man etwas schlecht versteht, dann frage man nach bzw. verbessere den anderen mit Liebe. (vgl. EB 22)

Ich erlebe in diesen Zeiten der digitalen Kommunikation sehr viele Missverständnisse, die leicht zu Misstrauen und Missgunst werden. Wie schnell habe ich in einer E-Mail den Unterton nicht richtig verstanden? Wie schnell deutet jemand etwas hinein in meine schnell geschriebene Antwort, das gar nicht so gemeint war?

Pfingsten feiern wir die Gabe des Geistes Jesu an seine Jünger, die sie dazu befähigte, Zeuginnen und Zeugen zu sein. Die Apostelgeschichte berichtet, dass sie es wie ein Wunder erfahren haben, dass eine Verständigung unter den Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen möglich war: „Sie hörten sie in fremden Sprachen reden“ – „Denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden“ – „Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?“ - „Wir hören Sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“

Sie konnten es, weil sie sich selbst bewusst geworden sind, welch großes Guthaben sie von Gott geschenkt bekommen haben. Halleluja!

Montag, 24. Mai 2021

Bekehrung geschieht im Dialog

Videobotschaft von Papst Franziskus 

an die Teilnehmenden des online-Gebets „Pilgern mit Ignatius" anlässlich des Ignatiusjahres am 23. Mai 2021




Liebe Freunde!

Gerne schließe ich mich diesem Gebet zum Ignatianischen Jahr an, zum Fest der Bekehrung des heiligen Ignatius. Ich hoffe, dass alle, die sich von Ignatius und der ignatianischen Spiritualität inspirieren lassen, dieses Jahr wirklich als eine Erfahrung der Umkehr erleben können.

In Pamplona, vor 500 Jahren, wurden alle weltlichen Träume des Ignatius in einem Augenblick zerschlagen. Die Kanonenkugel, die ihn verwundete, veränderte den Lauf seines Lebens und den Lauf der Welt. Scheinbar kleine Dinge können wichtig sein. Diese Kanonenkugel bedeutete auch, dass Ignatius in seinen Lebensträumen scheiterte. Aber Gott hatte einen größeren Traum für ihn. Gottes Traum für Ignatius war nicht auf Ignatius zentriert. Es ging darum, den Seelen zu helfen. Es war ein Traum von Erlösung, ein Traum, in die ganze Welt hinauszugehen, begleitet von Jesus, demütig und arm.

Bekehrung ist eine tägliche Angelegenheit; sie geschieht selten ein für alle Mal. Ignatius' Bekehrung begann in Pamplona, aber sie endete dort nicht. Sein ganzes Leben lang bekehrte er sich, Tag für Tag, und das bedeutet: Sein ganzes Leben lang stellte er Christus ins Zentrum. Und er tat dies durch die Unterscheidung. Unterscheidung besteht nicht darin, es immer von Anfang an richtig zu machen, sondern darin, zu navigieren, einen Kompass zu haben, um sich auf den Weg machen zu können, der viele Kurven und Wendungen hat, aber uns immer vom Heiligen Geist leiten zu lassen, der uns zur Begegnung mit dem Herrn führt.

Auf dieser irdischen Pilgerreise begegnen wir anderen, so wie Ignatius es in seinem Leben tat. Diese anderen sind Zeichen, die uns helfen, den Kurs zu halten, und die uns einladen, uns jedes Mal aufs Neue zu bekehren. Es sind Geschwister, es sind Situationen - und Gott spricht auch durch sie zu uns. Lassen Sie uns auf andere hören. Lassen Sie uns in den Situationen lesen. Lasst uns Wegweiser für andere sein, auch wir zeigen den Weg Gottes. Bekehrung findet immer im Dialog statt, im Dialog mit Gott, im Dialog mit anderen, im Dialog mit der Welt.

Ich bete, dass alle, die sich von der ignatianischen Spiritualität inspirieren lassen, diesen Weg gemeinsam als ignatianische Familie beschreiten mögen. Und ich bete, dass viele andere den Reichtum dieser Spiritualität entdecken, die Gott Ignatius gegeben hat.

Ich segne Sie von Herzen, dass dieses Jahr wirklich eine Inspiration sein möge, in die Welt hinauszugehen, um Seelen zu helfen und alles neu zu sehen in Christus. Und auch eine Inspiration, sich helfen zu lassen. Niemand rettet sich selbst: Entweder wir werden in Gemeinschaft gerettet oder wir werden gar nicht gerettet. Keiner lehrt den anderen den Weg, nur Jesus hat uns den Weg gelehrt. Wir helfen uns gegenseitig, diesen Weg zu finden und zu gehen.

Und möge der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist Sie segnen. Amen.

Übersetzung aus dem spanischen Original: Christian Modemann SJ 

Montag, 10. Mai 2021

Freunde Jesu

Predigt Manresa Hamburg  - Sechster Sonntag der Osterzeit B - 9.5.2021

Biblische Bezugstexte: Apg 10; 1Joh 4; Joh 15,9-17

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine kleine persönliche Vorbemerkung: Dieses Evangelium gehört zu den prägenden Erlebnissen in meiner Jugend. Der Pfarrer meiner Heimatgemeinde las es bei seiner Verabschiedung vor. Er hatte die Gemeinde aufgebaut und fast 30 Jahre geleitet. Nun ging er in den Ruhestand und hatte sich für seine letzte Messe diesen Text ausgesucht. „Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.“ Ich kann mich unter anderem so genau daran erinnern, weil die Messe damals auf VHS aufgezeichnet wurde und ich sie mir später noch einmal angesehen habe. 

Wenn wir auf die gegenwärtige Zeit schauen, so gibt es ein Thema aus dem heutigen Evangelium, das viele Menschen umtreibt. Eine aktuelle Umfrage von Forsa, was Kinder in der Corona-Krise beschäftigt, zeigt, wonach sie sich am meisten sehnen: 76 % gaben an, dass sie ihre Freunde vermissen, den Kontakt zu Gleichaltrigen. Freundschaft gehört zu der tiefen Sehnsucht, die wir in uns tragen. Die Bibel bringt sie mit Jesus in Verbindung, wie wir es gerade im Evangelium gehört haben. „Ich habe euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Johannes 15, 15)

Es gibt so viele verschiedene Formen von Freundschaft, ja vielleicht so viele Formen wie wir Freunde haben. Es gibt Schulfreunde und Facebook-Freunde, Studienfreunde und Mitbrüder, mit denen ich befreundet bin, Pfadfinderfreunde und so weiter. Keine Freundschaft ist wie die andere. Hadwig Müller schreibt in einem Text, den Gerrit Spallek in seinem wöchentlichen Bibel Impuls geteilt hat: „Freundschaft steht im Singular. Sie gründet in nichts anderem als in diesen beiden Menschen. Keine Freundschaft ohne zwei Gesichter, die nicht aufhören, einander voll Neugier anzuschauen, angezogen von dem unauslöschlichen Fünkchen Fremdheit im anderen.“ (zit. n. Lebendige Seelsorge 71. Jahrgang 5/2020, S. 328 – 331) 

An welche Freundinnen und Freunde denken Sie? Für wen möchten Sie heute Abend beten?

Jesus nennt uns seine Freunde. Das ist unerhört - und die Jünger wussten es! Petrus spricht davon in seiner Predigt in Caesarea, aus der wir in der ersten Lesung gehört haben. Dort sagt er:

„Gott hat uns beauftragt, dem Volk zu verkünden und zu bezeugen: Jesus ist der von Gott eingesetzt der Richter der Lebenden und der Toten. Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt.“ (Apg 10,42)

Jesus ist der von Gott eingesetzte Richter, er ist der Sohn Gottes, er vergibt die Sünden - und ihr seid seine Freunde! Welch ein Privileg! Welch ein Geschenk! Welch eine Freiheit und Freude! Das ist die eigentliche Pointe: Jesus ist nicht irgendein Freund, es ist die Freundschaft meines Lebens, die mich freispricht von meiner Schuld.

Es ist eine Erfahrung der Intimität mit Gott, die uns durch Jesus eröffnet wird, tagtäglich. Gott hat sich in Jesus Christus selbst mitgeteilt. Jesus bringt uns nicht nur vor Gottes Angesicht, wie es die Propheten getan haben, sondern ergibt uns Zugang zu Gott, da er selbst in ihm wohnt. 

Christus begleitet ausnahmslos jeden von uns, er geht den Weg mit uns, er geht an unserer Seite. Der Richter ist unser Freund - und zwar zurecht, weil er es so gewollt hat. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“

Es kann sein, dass uns diese Botschaft innerlich berührt und eine tiefe Freude und Sehnsucht in uns wachruft und uns öffnet für die Menschen um uns, die auch eine tiefe Sehnsucht nach Freundschaft in sich tragen. 

„Ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht.“ Das bedeutet: nicht auf dem Sofa sitzen bleiben, nicht in den bekannten Zirkeln die Kontakte pflegen, von denen man hofft, dass sie einem irgendwann einmal nützlich sein können, sondern hinausgehen: auf die Menschen zu, die noch keine Freunde Jesu sind, aber trotzdem einen Glauben in sich tragen.

Der Freundschaft mit Jesus entspricht deshalb in besonderer Weise die Gastfreundschaft anderen Menschen gegenüber. 

Gastfreundschaft meint im Deutschen zunächst die Tugend, den anderen als Gast freundschaftlich aufzunehmen, d.h. Gastfreundschaft als Gastgeber gewähren. Eigentlich meint es aber genauso auch die andere Bewegung und Erfahrung: Gast sein, als Gast beim anderen eintreten und als Gast dem Gastgeber die Freundschaft anzubieten. Denn Freundschaft ist immer beidseitig.

Der Gastgeber nimmt den Gast in sein Haus auf und gewährt im Schutz. Er lässt ihn eintreten in das, was ihm zu eigen ist und eröffnet ihm etwas von seinem Leben. Der Gast lässt sich auf die Begegnung ein, er interessiert sich für das Leben des anderen und liefert sich ihm aus in seiner Verletzlichkeit und Bedürftigkeit. 

Und dort, wo wir unsere Schwäche, unsere Verletzlichkeit und Bedürftigkeit zeigen können, werden wir viel leichter zu Brüdern und Schwestern, als wenn meinen, uns gegenseitig unsere Stärke beweisen zu müssen. Gastfreundschaft macht also eine Begegnung möglich, in der das Wirken Gottes im eigenen Leben entdeckt werden kann. 

Jesus selber hat Gastfreundschaft gelebt. Er war immer wieder bei Menschen zu Gast, die ihn aufgenommen haben: Maria und Martha, Simon der Pharisäer, Matthäus/Levi, Zachäus, und so weiter. Nach seinem Tod und seiner Auferstehung haben die Jünger genauso gelebt. Sie sind umhergezogen und wurden gastfreundlich aufgenommen. Mission als heilige Gastfreundschaft!

Es ist nach Corona an der Zeit, dass wir uns gegenseitig besuchen! In den Anweisungen für das Leben im Alltag der Christen im Hebräerbrief heißt es: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ (Hebr 13,2)

Nach Corona ist die Zeit, dass wir uns einladen. Jetzt schon können wir uns darauf vorbereiten, in dem wir die Freundschaft mit Jesus wirklich leben, ihn bei uns aufnehmen und unser Leben von ihm gestalten lassen, d.h. uns der Erwählung durch ihn und seine Freundschaft bewusst werden. Amen.

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Mission als heilige Gastfreundschaft - „Der in der Diaspora lebende Christ […] nimmt die geistliche Situation seiner Zeitgenossen erst dann richtig wahr, wenn er diese aus seiner unerhörten, durch Christus eröffneten Erfahrung der Intimität Gottes betrachtet, die in ihm auch die Sehnsucht wachruft, das, was er tagtäglich erfährt, mit „Jedermann“ zu teilen, und dies vor allem bei anderen in einer jeweils unerwarteten Gestalt zu erspüren.“ (Vgl. Christoph Theobald, Christentum als Stil. Für ein zeitgemäßes Glaubensverständnis in Europa, Freiburg 2018, S. 106-107).


Sonntag, 25. April 2021

Canisius


In diesen Tagen feiern wir den Gedenktag des heiligen Petrus Canisius (27.4.) und seinen 500. Geburtstag. Bisher erschien mir dieser „Apostel der Deutschen“, den man in der antimodernistisch-kulturkämpferischen Kirche 1925 heiliggesprochen hat, eher als eine ernste, dunkle Gestalt, und mit seinen Katechismen heillos überholt. Nun habe ich mich etwas mehr mit diesem „Wanderer zwischen den Welten“ (Moosbrugger), dem „Unermüdlichen“ (Emonet) und dem Patron unserer neuen Provinz ECE beschäftigt und kann eine gewisse Begeisterung nicht verbergen. Drei Aspekte möchte ich hervorheben.

1 – Seine Prägung in Köln

Peter Kanis wurde am 8. Mai 1521 in Nijmegen geboren, an jenem Tag, als Martin Luther mit der Reichsacht belegt wurde. Nijmegen war auf politischer und wirtschaftlicher Ebene nach Deutschland hin orientiert und gehörte zur Diözese Köln. So war es naheliegend, dass der junge Mann zum Studium nach Köln ging. Mit 14 Jahren, im Januar 1536, schrieb er sich in Köln an der philosophischen Fakultät ein. Er bestand dort in den nächsten Jahren rasch die Examina in Philosophie. 

Die Studienzeit in Köln, die Begegnungen mit Priestern von großer Herzensbildung und profunden theologischen Kenntnissen und das religiöse Umfeld der devotio moderna, haben ihn geprägt: Anfangs wohnte er wohnte bei St. Gereon in einer Priestergemeinschaft: den „Brüdern vom Gemeinsamen Leben“, geleitet von Nicolaus von Esch. Sie standen in engem Kontakt mit der Kölner Kartause, deren Prior Gerhard Kalckbrenner und Subprior Johannes Justus Landsberg prominente Vertreter der Herz-Jesu-Frömmigkeit waren. Petrus Canisius fand in Köln zu seiner affektiv geprägten, christozentrischen und biblisch fundierten Spiritualität.

1539 ging er zum Kirchenrechtsstudium an die Universität Löwen, kam jedoch schon bald nach Köln zurück. Er wollte in die Kartause eintreten, konnte sich aber nicht recht dazu entschließen. Er studierte weiter Theologie in Köln. Über einen spanischen Mitstudenten hörte er vom gerade neu gegründeten Jesuitenorden und von Peter Faber, einem der ersten Jesuiten, der gerade in Mainz Vorlesungen hielt. So reiste er im April 1543 nach Mainz, um Faber zu treffen. Er war fasziniert von ihm, seiner Spiritualität und seiner Art und Weise der Seelsorge. Nachdem er bei Peter Faber in Mainz die Geistlichen Übungen gemacht hatte, trat er unmittelbar danach, am 8. Mai 1543, in die Gesellschaft Jesu ein.

Zurück in Köln, bereitete er die Errichtung einer ersten Niederlassung der Jesuiten in Deutschland vor. Als der Kölner Erzbischof Hermann von Wied jedoch 1545 zur Reformation überlief, die Niederlassung untersagte und versuchte, die Ankunft weiterer Jesuiten in Köln zu verhindern, wurde es dem Domkapitel zu viel. Die Kölner Geistlichkeit entsandte Petrus Canisius (mit 23 Jahren!), um beim Kaiser Hilfe zu suchen. Dieser war bereit, die Kölner Angelegenheit im katholischen Sinne zu lösen: Hermann von Wied wurde zuerst formell abgesetzt und dann aus der Stadt Köln vertrieben, ein neuer Erzbischof wurde installiert; das „heilige Köln“ (so Petrus Canisius in einem Brief an seinen Mitbruder Leonard von Kessel vom 20.8.1547) war für den Katholizismus gerettet.

2 – Seine Prägung in Italien

Mindestens ebenso sehr wie die lange Zeit in Köln, hat ihn die kurze Zeit in Italien geprägt: 1547 bekam er vom Bischof von Augsburg den Auftrag, nach Italien zu reisen, um dort als Theologe am sogenannten „Trienter Konzil“ teilzunehmen. In Bologna, wo das Konzil tagte, begegnete er zum ersten Mal den Jesuiten Claude Le Jay, Diego Laínez und Alfonso Salmerón, d.h. der Gründergeneration des Ordens. Als im Sommer 1547 das Konzil unterbrochen wurde und weil er die brütende Hitze Italiens offenbar schlecht vertrug, wollte er rasch wieder zurück nach Köln: Lieber sterben wolle er, als in Italien leben; am liebsten aber nach Deutschland zurück – so hieß es. Doch Ignatius rief ihn zu sich nach Rom. Er verbrachte ein halbes Jahr in der Jesuiten¬niederlassung und in der Seelsorge mit einfachen Menschen. Im Nachhinein beschrieb er, wie wertvoll diese Zeit für ihn war: „diesen Hort der Weisheit, diesen Ort, wo Demut eingeübt und praktiziert wird, und diese Schule des Gehorsams und aller Tugenden.“ (Briefe I, S. 254f.) 

Ignatius sendete ihn im Gehorsam noch weiter nach Süden: Im Jahr 1548 sollte in Messina auf Sizilien ein Kolleg gegründet werden – das erste seiner Art. Als Lehrer und Erzieher zu wirken und eine Bildungseinrichtung zu leiten, war für Ignatius und die ersten Jesuiten, die als Wanderprediger in Armut leben wollten, zunächst nicht im Blick. Die Stadtväter von Messina wollten jedoch partout eine öffentliche Schule für ihre halbwüchsigen Buben, um sie für die zukünftigen Aufgaben in Politik und Gesellschaft besser ausbilden zu lassen. Die Finanzierung durch die öffentliche Hand war gesichert und der spanische Vizekönig von Sizilien unterstützte das Anliegen. Nach längeren Überlegungen rang sich Ignatius dazu durch und schickte eine Gruppe von Mitbrüdern. Es sollte ein Experiment werden, das Geschichte schrieb.

Zehn Jesuiten aus Rom fanden sich bereit, nach Sizilien zu gehen und dort „jedwede Arbeit zu übernehmen, die ihnen zufallen sollte“. Darunter war auch Jeronimo Nadal (1507-1580), den sie als ihren Oberen wählten, und eben auch Canisius. Wie genau der Unterricht in Messina organisiert wurde und wie der Schulbetrieb lief, wäre ein eigenes Kapitel. Wichtig ist an der Stelle nur, dass Canisius für die pädagogische Oberaufsicht als Studienpräfekt zuständig war und selbst Rhetorik unterrichtete, auch wenn er sich selbst nicht für einen guten Redner hielt.

Es wurde eine gesegnete Zeit. Die Kunde, dass die Jesuiten nun in Süditalien öffentlich unterrichteten und offenbar außerordentlich gute Lehrer waren, verbreitete sich rasch. Auch andere Orte wollten ein Jesuiten-Kolleg. Die Schulen wurden ein Erfolgsmodell, das Canisius auch in seine Heimat importierte. Er war direkt oder indirekt an der Gründung von achtzehn Kollegien im deutschen Sprachraum beteiligt. Die Erfahrungen Messina wirkten nachhaltig und haben ihn fürs Leben geprägt: der apostolische Eifer der jungen und begabten Mitbrüder aus den verschiedenen Ländern Europas, das gemeinsame Leben und Wirken als Gefährten Jesu. Als er im Sommer 1549 nach Rom zurückkam, legte er die feierlichen Gelübde ab; als der achte Jesuit überhaupt.

3- Seine Liebe zur Kirche in Deutschland - und seine Sorge 

Die Enttäuschung über die religiösen Zustände in Deutschland wird in den Briefen, die Petrus Canisius an die Mitbrüder schreibt, immer wieder deutlich, ob aus Ingolstadt, Wien oder anderswo. Es gab z.B. in Wien kaum noch Priester (seit 20 Jahren keine Priesterweihe im Bistum!), die Praxis des religiösen Lebens war in weiten Teilen zusammengebrochen, ebenso wie das Interesse für religiöse Traditionen. Viele Katholiken starben ohne priesterlichen Beistand. Eine gute Predigt erwartete man vergeblich.

Aber Canisius gab nicht auf. Er wusste, was die Leute an den Jesuiten schätzten: die Seelsorge und die Predigten, ihren ernsthaften, glaubwürdigen Lebensstil, die Härte gegenüber sich selbst, ihr Versuch, bescheiden und arm zu leben, die Unentgeltlichkeit ihrer Lehrveranstaltungen und ihre Unbestechlichkeit.

Gerade deshalb war es ihm wichtig die mitbrüderliche Gemeinschaft zu erhalten und zu fördern. Er hielt die Spannungen zwischen Mitbrüdern geduldig aus und betete für jene, die die Gemeinschaft verließen. Zudem war er als Provinzial der Oberdeutschen Provinz für die Leitung der Kommunitäten verantwortlich.

Als Petrus Canisius 1557 den Kölner Mitbrüdern einen Besuch abstatte und die Kommunität Richtung Worms verließ, war er befremdet angesichts des zurückhaltenden und unterkühlten Gebarens seiner Gastgeber und ihrer wenig herzlichen und spröden Art, von denen Abschied zu nehmen, die zu einer Reise aufbrachten. So ließ der dem Oberen der Kommunität, Leonard Kesse, folgende Ermahnung zukommen: 

„Ich wünsche, dass alle Unsrigen, wenn die Abreise von Mitbrüdern ansteht, sich umarmen. Mich befremdete es, dass man – sei es durch Ihre oder sei es durch meine Schuld – sich beim Abschied so unpersönlich gebärdete und so wenig seiner Zuneigung zu den anderen Mitbrüdern nach außen hin Ausdruck verlieh, wo dich die mitbrüderliche Nächstenliebe nach äußeren Zeichen verlangt. Ich denke, man muss die Mitbrüder auf brüderlichere Weise behandeln. Ich beklage mich nicht und klage Sie auch nicht an, es mir gegenüber an Rücksicht fehlen gelassen zu haben. Aber ich möchte Sie einfach nur dazu anhalten, Ihren Mitbrüdern eher mit italienischer Liebenswürdigkeit als mit deutscher Unterkühltheit zu begegnen – sei es, wenn Sie zu Ihnen kommen, oder sei es, wenn es gilt, sich von Ihnen zu verabschieden.“ (Briefe II, S. 142) 


Sonntag, 18. April 2021

Espinal

Jesuitas Acústicos: Gastar la vida

Luis Espinal SJ - Bildquelle: Jesuits Ireland

nach einem Text von Luis Espinal SJ (1932-1980): Das Leben verschwenden

Oh, Herr Jesus, wir haben Angst, unser Leben zu verschwenden, aber du hast uns das Leben gegeben, um es hinzugeben, nicht um es in steriler Selbstsucht zu sparen. Sein Leben zu verschwenden heißt, für andere zu arbeiten, auch wenn sie uns nie bezahlen, nicht einmal einen Gefallen tun. Sein Leben zu verschwenden heißt, sich hineinzuwerfen und auch zu scheitern. Sein Leben zu verschwenden, heißt vielleicht, wenn nötig die eigenen Schiffe für die Menschen zu verbrennen.

Das Leben gibt sich nicht mit großen Gesten noch mit falscher Theatralik. Das Leben gibt sich mit Einfachheit und ohne Werbung. Wie Wasser aus der Quelle und die Mutter, die ihr Kind säugt; wie der arbeitende Bauer schwitzt.

Die Zukunft ist ein Rätsel, sie verliert sich im Nebel, denn in der Nacht bist du da, ohne zu schlafen, du vergießt tausende Tränen, denn in der Nacht bist du da, ohne zu schlafen, du vergießt tausende Tränen, denn in der Nacht bist du da.

Text: Luis Espinal SJ, Oraciones a quemarropa (1980) – bearbeitet von Jesuitas Acusticos (2020) – ins Deutsche übertragen von Christian Modemann SJ (2021)

 

Samstag, 3. April 2021

Klagelieder

Einführung zur Lesung der Klagelieder 

im ökumenischen Forum am Karsamstag 2021

Der Karsamstag ist von jeher ein stiller Tag, ohne liturgische Feier. In den Klöstern werden nur die Tagzeiten gebetet. Dazu gehört am Karsamstag auch die Lesung aus den Klageliedern, die in der Tradition dem Propheten Jeremias zugeschrieben werden – und zwar aufgrund der Einleitung, die man in der griechischen Übersetzung des Textes findet.

Dort heißt es (vgl. 2Chr 35,25): „Es geschah, nachdem Israel weggeführt war in Gefangenschaft und Juda zur Wüste geworden, da setzte sich der Prophet Jeremia weinend danieder; so klagte er über Jerusalem und sprach.“ 

Die Klagelieder bringen in vielfältiger Weise die Not, das Leid und den Schrecken der Eroberung und der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. zum Ausdruck. Neben der Stimme eines Einzelnen des Erzählers kommt in den Liedern die weiblich personifizierte Stadt Jerusalem beziehungsweise die Tochter Zion zu Wort, die wie eine klagende Frau der Bevölkerung ihre Stimme gibt.

Das Bekenntnis der eigenen Schuld und das Vertrauen auf Gott werden in den Klageliedern benannt, vor allem aber wird Gott selbst angeklagt. Wo angesichts von unermesslichem Leid theologische Erklärungen versagen, wird die Klage vorgetragen – mit einer festen, kunstvoll gestalteten poetischen Form.

Die Klagelieder wollen nicht Gott in Frage stellen, sondern sie wollen Gott die Frage stellen. In der Form des Gebets sprechen die Menschen Gott an, ihn der alles geschaffen hat und in seinen Händen hält – ist er nicht auch verantwortlich für das Böse und das Leid, das geschieht? Warum lässt er es zu?

Zu der Klage gehört im Angesicht Gottes auch der schonungslose Blick auf das eigene Volk, die eigene Gemeinschaft, die Schuld, das Versagen, die Fehler und Sünden der eigenen Glaubensgemeinschaft. Dabei geht es nicht um Rache oder Strafe. Der Beter ringt darum, Gottes Gerechtigkeit zu erkennen – und zugleich nicht aufzuhören, auf seine Zuwendung zu vertrauen.

Der Text der Klagelieder steht im Kontext des Alten Testaments. Für sich allein wäre er unverständlich. Wir Christen lesen ihn zudem mit den Texten des Neues Testaments am Karsamstag, nach der Erinnerung an den Tod Jesu am Kreuz. Die Klagelieder deuten das Leiden und Sterben Jesu. Seine Hingabe aus Liebe ist für uns die Antwort Gottes auf die Frage, die ihm in den Klageliedern gestellt wird. 

Es ist jedoch nicht so, dass Christen nun schon alles begriffen haben – und nicht mehr klagen dürften. Denn Gottes Antwort in Jesus Christus übersteigt unser Begreifen und lässt uns weiter fragen und klagen, allerdings auf eine andere Weise: Zusammen mit Christus, der am Kreuz fragt und klagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Braucht es also heute noch die Klagelieder? Gerade heute! Überall auf der Welt werden Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt. Viele Christen werden verfolgt: in Indien, in einigen afrikanischen Ländern, in Süd- und Ostasien. Seit mehr als 10 Jahren herrscht Krieg in Syrien, die Kinder leiden besonders.

Bei uns in Deutschland gibt es Schuld - in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft, die zu Ungerechtigkeit führt. Die Pandemie verschärft diese Situation und bringt Leid über die Menschen. Der evangelische Ratsvorsitzende Bedford-Strohm spricht von der „Seeleninzidenz“, von den Auswirkungen der Pandemie auf das seelische Leben, das sich in psychischen Krankheiten und Gewalterfahrungen zeigt. 

Der Text der Klagelieder fordert uns heraus und er fordert Gott heraus. Es ist keine leichte Botschaft, keine Botschaft des lieben Gotts („der ist lieb, der tut nichts“). Es ist ein Text, der uns am Ende hoffentlich nicht sprachlos hinterlässt.

Wir werden die fünf Kapitel szenisch lesen, jeweils unterbrochen von etwas Musik. Der Erzähler wird von Georg Franitza und von mir, Christian Modemann, gelesen. Hannah Hufnagel liest die Stadt Jerusalem bzw. die Tochter Zion und Christian Stürznickel den Propheten Jeremia.

Wir beginnen und schließen jeweils mit einem Vers als Responsorium. Er lautet „Vor den Pforten der Unterwelt rette, o Herr, mein Leben.“ – Ich spreche ihn jeweils vor und Sie können die Wiederholung mitsprechen: „Vor den Pforten der Unterwelt rette, o Herr, mein Leben.“