Freitag, 26. Dezember 2025

Licht im Dunkeln

Sonnenuntergang in Hamburg, 24.12.2025

2025 Predigt Weihnachten, Hamburg | Manresa

Les: Jes 52, 7–10; Hebr 1, 1–6; Joh 1,1-18

Das Weihnachtsfest ist ein Lichterfest. Mitten in der dunklen Jahreszeit entzünden wir Kerzen. Wenn die Nacht am längsten ist, schmücken wir den Weihnachtsbaum mit Lichtern, selbst die Einkaufsstraßen erstrahlen in hellem Glanz. Mag sich man sich über ein kommerzialisiertes Fest ärgern, aber dieser Lichterglanz trifft doch bei uns offenbar auf eine sehr tiefe Sehnsucht, auch bei den Menschen, die nicht glauben: Licht, das die Dunkelheit erleuchtet.

Heute gibt es elektrisches Licht überall und zu jeder Zeit; wir brauchen eigentlich keine natürlichen Lichtquellen mehr. Doch das Licht verliert nicht seine Faszination: Ein Sonnenaufgang, ein heller Tag, das Strahlen des Mondes – wie schön ist das! Im neuen Einkaufszentrum in der Hafencity wurde der „Port de lumière“ eröffnet, ein Museum nur aus Licht. Und die modernen Fernsehsendungen und Konzerte, die wir in diesen Tagen anschauen, wären und ohne eine ausgeklügelte Lichttechnik überhaupt nicht mehr zu denken.

Die Römer feierten seit Kaiser Aurelian, d.h. seit dem dritten Jahrhundert nach Christus, zur Wintersonnenwende ein Fest zu Ehren des Sonnengottes „sol invictus“. Es war ein Lichterfest mit öffentlichen Feiern und Spielen. Die Sonne als Licht des Himmels wurde durch einen öffentlichen Kult geehrt. Dies verband sich mit einer Spiritualität, dem Mithras Kult, der angeblich aus Persien stammen sollte. Ein bisschen Exotik reizte religiöse Menschen immer schon.

Die Christen waren anfangs gegen diese Lichtfeste; sie befürchteten eine Verwechslung von Gott und den Götzen. Aber mit der öffentlichen Anerkennung des Christentums und der Kaiser Konstantin verwandelte sich die christliche Ablehnung der römischen Festkultur. Das Lichterfest wurde christianisiert, d.h. übernommen und umgedeutet - und schließlich als ein hohes christliches Fest beansprucht, als das Fest der Geburt Christi.

Denn das Licht zu feiern, war den Christen nicht fremd: Die Christen konnten sich darauf berufen, dass Christus in den biblischen Texten als „das wahre Licht“ (Joh 1,9), bzw. als „die Sonne der Gerechtigkeit“ (vgl. Mal 3,20) bezeichnet wird und dass „das aufstrahlende Licht aus der Höhe“ gekommen ist, „um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lk 1, 78-79), - so heißt es im Benediktus, im Lobgesang des Zacharias über die Geburt Jesu.

Und in seiner Nachfolge werden auch die Christen zu Licht: „Die Gerechten werden im Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne.“ (Mt 13, 43)

Seit dem vierten Jahrhundert wird also das Lichterfest an Weihnachten als das Fest Geburt Jesu gefeiert. Man könnte auch sagen: Deshalb feiern wir Weihnachten im Winter. Spannend ist nun, dass diese Übernahme des Lichtfestes genau zu jener Zeit geschah, als über die Bedeutung und das Wesen von Jesus Christus in der Kirche erbittert gestritten wurde. Es wurde damals in langen philosophischen und theologischen Diskussionen darüber gestritten, wer Jesus Christus eigentlich sei: War er ein Mensch? War er ein Gott? War er ein Gott in menschlicher Gestalt? War er ein Sohn von Gott? Und wenn ja, ein Sohn in dem Sinne, wie wir alle Kinder Gottes sind, oder doch auf besondere Weise?

Was bedeutet Inkarnation bzw. Fleischwerdung? Wir glauben, dass Gott uns in Jesus Christus nahegekommen ist, dass er Mensch wurde. Ist damit verbunden, dass Jesus Christus schon vorher existierte und quasi mit seiner Geburt nur auf diese Erde kam? Oder hat Gott, der Ewige, diesen Menschen erst später als Sohn angenommen, also quasi adoptiert?

Ich weiß nicht, ob sie sich über diese Fragen schon einmal Gedanken gemacht haben. Aber zu Beginn des vierten Jahrhunderts wurde darüber im ganzen Reich gesprochen. Das war ein Thema für jeden Bischof und für jede Gemeinde. Man erzählte sich, dass sogar die Marktfrauen über diese Themen diskutierten. Es gab Reimverse, um die unterschiedlichen theologischen Positionen deutlich zu machen. Die Arianer, d.h. die Theologen, die die Position des Arius vertraten, hatten zum Beispiel gedichtet: ν ποτε τε οκ ν – auf Deutsch: es gab eine Zeit, wo er nicht war.

Kaiser Konstantin meinte, es sei zu viel der Diskussion, die Einheit der Kirche und die Einheit des Reiches sei gefährdet. Und so berief er 325 die Bischöfe nach Nizäa; sie sollten ein Glaubensbekenntnis formulieren. Das war vor nun genau 1700 Jahren.

Die Position der Arianer wurde am Ende verurteilt. Das bedeutet: Die Aussage „es gab eine Zeit, wo er nicht war“ wird als falsch abgelehnt. So steht es geschrieben: Gottes Sohn ist von Ewigkeit her.

Die Auseinandersetzungen hätten schlecht ausgehen können für das Christentum, wenn man nur bei philosophischen und theologischen Streitfragen und Argumenten geblieben wäre. Argumente sind wichtig für den Glauben, aber es braucht auch immer wieder die Rückbesinnung auf die Überlieferung und darauf, dass am Ende nicht alles vollständig in philosophischen Begriffen ausgesagt werden kann. So wie Johannes in seinem Evangelium poetisch formuliert und ganz in Anlehnung an die Sprache der Bibel:

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1, 1-5)

Deshalb fanden die Bischöfe Gott sei Dank auf dem Konzil ein Glaubensbekenntnis, dass auch poetische Sprache verwendet, um das Wesen Christi zu beschreiben. „Licht vom Licht“. Das ist ein Bildwort, dass jedem sofort einleuchtet. Wer schon einmal das Licht einer Kerze weitergegeben hat, weiß, was es bedeutet: „Licht vom Licht“.

Biblische Sprache kennt immer schon poetische Formulierungen. In den Psalmen heißt es zum Beispiel: „In deinem Licht schauen wir das Licht.“ (Psalm 36,10). Wir können an den Sonnenaufgang denken. Das Sonnenlicht hilft uns, etwas zu sehen und zugleich sehen wir die Sonne selbst.

Wie oft bitte ich Gott, um sein Licht um die Dinge meines Lebens neu zu sehen. Und manchmal erkenne ich dann in diesem Licht, mit dem Vertrauen auf seine liebende Barmherzigkeit, auch sein Leben in meinem Leben, seine Gegenwart in meiner Gegenwart und in meinem Alltag., Sein Wirken als das Licht meines Lebens.

Dieses Licht kommt heute in unsere Welt. Es strahlt in unsere Dunkelheit. Das bedeutet: die Dunkelheit, die Sünde der Welt wird vernichtet. Der Retter wird da sein, und uns wird Vergebung schenken. Er richtet uns auf durch seine tröstliche Ankunft. Amen.

Montag, 22. Dezember 2025

Zeichen

 

Imagen de San José dormido. | Crédito: Jeffrey Pioquinto SJ / CC BY 2.0

Predigt Vierter Adventssonntag 2025 – Zeichen

Les: Jes 7, 10–14; Röm 1, 1–7; Mt 1, 18–24

Vor zwölf Jahren, im Februar 2013, wurde Jorge Bergoglio in einer dramatischen Situation der Kirche zum Papst gewählt: Der Vorgänger war zurückgetreten! Die Wahl fand wenige Tage vor dem Fest des heiligen Josef statt. Reiner Zufall? Er wurde am Fest des heiligen Josef eingesetzt. Für Papst Franziskus war es kein Zufall. Er sah darin ein Zeichen. Der heilige Josef sollte das Vorbild für seine Weise der Amtsführung sein: Der aufmerksam sorgende Beschützer, der stille Begleiter, und vor allem auch: der Träumer!

Papst Franziskus erzählte manches Mal, dass auf seinem Schreibtisch die Figur des heiligen Josef zu finden sei, der schlafende Josef, hingestreckt, noch die Sandalen an den Füßen, nur ein Bündel als Kopfkissen, mit einem Mantel bedeckt. Er schiebe ihm manches Gebetsanliegen unter, so sagte er oft.

Der Glaube braucht Zeichen, Signale einer lebendigen Beziehung! So wie es in einer Freundschaft immer mal wieder kleine Zeichen der Aufmerksamkeit braucht, der andere oder die andere sieht mich, ich selbst bin gemeint!

Zeichen oder manche sagen auch Wunder: „An Wundern scheiden sich die Geister. Manche wollen sie überall sehen, andere nirgendwo. Die Bandbreite der menschlichen Erfahrung oder nicht Erfahrung ist groß.“ (Vorwort, Jesuiten 4/2025). Und von Zeichen und Wundern ist eben auch heute in den biblischen Texten die Rede.

Die Lesung aus dem Buch der Propheten Jesaja erinnert an eine konkrete, historische Situation im Jahr 734 v. Chr. Das Königreich Juda ist bedroht, weil König Ahas, der König von Juda, eine unheilvolle Allianz mit dem König von Assur eingehen wollte, gegen die Nachbarn, die Königreiche Syrien und Israel. Trotz der Warnung des Propheten Jesaja geht Ahas diese Allianz ein. So kommt es zum Krieg, den Ahas zwar gewinnt; dafür wird Juda aber für lange Zeit zum Vasallen des assyrischen Reiches.

Es geht also gerade um die Frage, ob König Ahas auf Gott vertrauen will, oder ob er lieber mit dem mächtigen Assyrer gemeinsame Sache machen will, um zu gewinnen. Von dieser Entscheidung steht der König und der Prophet erzählt, dass Gott dem König in dieser Situation gesagt habe, er solle um ein Zeichen bitten. Nach dem Motto: wenn du schon nicht aus dir selbst heraus auf Gott und seine Hilfe für dein Volk vertrauen kannst, dann bitte doch um einen Hinweis darauf, dass sich dieses Vertrauen lohnt. Erbitte dir ein Zeichen!

Doch Ahas ist neunmalklug und sagt: ich werde um nichts bitten und den Herrn nicht versuchen. Er zitiert dabei die Bibel gegen Gott. Denn es steht im Gesetz des Moses ja tatsächlich: „Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht auf die Probe stellen!“ (vgl. Mt 4,7; vgl. Dtn 6,16.) Aber darum geht es ja gar nicht darum, Gott auf die Probe zu stellen. Die Bitte um ein Zeichen ist keine Versuchung Gottes, sondern eben eine Bitte. Doch Ahas will nicht verstehen (Jes 7,12).

Die Antwort und die Klage des Propheten sind deutlich. „Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass sie auch noch meinen Gott ermüdet?“ (Jes 7,13) Das politische Herumgeeiere, die Anbiederung an die Mächtigen, das mangelnde Vertrauen ermüdet die Menschen.

Ja, es ermüdet die Menschen, wenn es keine Orientierung an Gott und seinen Geboten mehr gibt; wenn alle meinen, dass sie ihr Leben nur sich selbst verdanken und sich in jedem Moment ihre eigene Identität selbst geben müssen. Es ermüdet die Menschen, wenn die Regierenden nicht integer sind, sondern an ihre eigene Macht denken. Es ermüdet die Menschen, wenn das Wort „Gott“ zwar im Munde geführt wird, aber das eigene Ego im Zentrum steht.

Und es ermüdet Gott, so der Prophet, wenn dann das mangelnde Vertrauen auf Gott auch noch mit Besserwisserei gegenüber Gott einhergeht; wenn sein Angebot für die Bitte um ein Zeichen abgelehnt wird. Ob unsere Gesellschaft vielleicht deshalb so müde geworden ist, weil wir Gott möglichst aus unserem Leben heraushalten wollen?

Nun, Gott lässt sich nicht einfach kaltstellen, aber er zwingt die Menschen auch nicht, sondern: er gibt ein Zeichen. Hallo Mensch, bist du noch da? Bist du offen für meine Weisung?

Das Zeichen ist das Kind der Jungfrau. „Sie wird ihm den Namen Immanuel geben.“ (Jes 7,14). Historisch gesehen, wurde diese Verheißung auf eine der Frau des Ahas bezogen, die ein Kind bekam und ihm den Namen Hiskija gab. König Hiskija regierte das Land weise, weil er tatsächlich, anders als König Ahas, auf Gott vertraute, d.h. Gott nicht in seinem Leben außenvor ließ.

Matthäus deutet die Verheißung des Propheten Jesaja im Blick auf die Geburt Jesu. Josef hört sie im Traum, diese Weissagung aus einer anderen Zeit.

In dieser Situation ist es genauso wie damals: Gott zwingt Josef nicht, sondern er ermutigt ihm. „Fürchte dich nicht!“. Trau dich. Gott gibt ihm ein Zeichen, dass er auf die Beziehung zu Gott vertrauen kann, egal, was passiert.

Und es ist ziemlich viel passiert, dem armen Josef. Seine junge Verlobte erwartet ein Kind, aber er weiß sicher, dass es nicht von ihm ist. Ehebruch noch vor der Hochzeitsnacht, eine ziemlich beschämende Situation für beide. Doch Josef war gerecht, d.h. er achtete das Gesetz und konnte den Ehebruch nicht einfach akzeptieren. Doch er wollte Maria auch nicht bloßstellen, denn er war menschlich, gütig. So blieb ihm scheinbar nur eine Wahl, nämlich sich in aller Stille von ihr zu trennen.

Und da kommt dieser Traum ins Spiel, eben dieses Zeichen in seinem Leben. Er vertraut Gott, und er vertraut dem Zeichen, dass eben dieses Kind etwas ganz Besonderes ist, vom Heiligen Geist, der Erlöser von Sünde, der Retter für das Volk.

So ein Vertrauen auf Gott macht nicht müde, im Gegenteil ist belebt, es lässt Josef wach werden und für Maria sorgen und für das Kind die Rolle des Vaters, des Beschützers, des liebenden und oft stillen Begleiters übernehmen. So wird Josef selbst zum Zeichen.

Auf Gott vertrauen, auf Jesus Christus als den „Gott mit uns“ vertrauen, das macht uns nicht müde, sondern im Gegenteil, wach und achtsam. Erfüllt uns mit Freude und Dankbarkeit. Es macht uns mutig und lässt uns weitergehen.

Also: Schaut auf die Zeichen! Die Zeichen, die von Gott kommen in eurem Leben und schaut auf die Menschen, die zum Zeichen werden, weil sie ihr Vertrauen auf Gott setzen und von Gott geliebt sind. Schaut Jesus Christus, der uns hier und heute das Zeichen seiner Gegenwart schenkt in der Eucharistie.

Montag, 15. Dezember 2025

Erwartungsmanagement?


2025 Predigt Dritter Adventssonntag A | Hamburg, Manresa

Les: Jes 35, 1–6b.10; Jak 5, 7–10; Mt 11, 2–11

Am ersten Adventssonntag hörten wir die Einladung Jesu, unsere prophetische Gabe zu entdecken: Sehen, was ist! Vor dem Hintergrund der Vision des Jesaja von der Wallfahrt der Völker und vom Frieden (Jes 2,1-5) mahnte Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zu Achtsamkeit und Wachsamkeit: „Haltet euch bereit!“ (Mt 24,44). Ich habe darauf hingewiesen, dass Propheten keine Wahrsager sind, sondern dass sie auf die Gegenwart schauen und darin die Zeichen des heilsamen Handelns Gottes erkennen.

Am zweiten Adventssonntag hörten wir eine weitere große Vision des Propheten Jesaja: der junge Trieb aus der Wurzel, ein König, der die Fülle der Geistesgaben empfängt und der Welt den Frieden bringt. „Er entscheidet für die Armen, wie es recht ist.“ (Jes 11,4).

Und nun heute eine dritte, große Vision des Jesaja: Von der blühenden Wüste, so fruchtbar wie der Libanon und die Ebene Sharon. Rettung wird verheißen und Heilung und Heimkehr. Für diese Rettung und Befreiung gibt es deutliche, untrügliche Zeichen: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Stumme sprechen. Das gibt es doch gar nicht!? Doch! Das sind die Kriterien der neuen, messianischen Zeit!

Nun mag mancher bei so vielen Visionen, bei so wunderbaren Verheißungen im Blick auf die Realität der Welt und des eigenen Lebens denken: Da wird irgendein frommes Zeugs verkündet! Schöne Worte, mehr nicht. Wo ist denn der Frieden? So viele Menschen im Krieg! Wo sind denn die blühenden Landschaften? So viele Klima- und Dürrekatastrophen! Ist das, was Jesaja angekündigt hat und woraus Jesus lebt, wirklich das, worauf wir warten sollen? Oder müssen wir auf einen anderen warten, der Recht und Gerechtigkeit, Frieden und Heil bringt?

Was ist unsere Erwartung?

Es ist ja nicht so, als ob diese Frage des Johannes (Mt 11,3), ob wir auf einen anderen warten müssen, einem Christen von heute völlig fremd wäre. Als ob nicht jede und jeder von uns angesichts der Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen, schon einmal gezweifelt hat, inwieweit die Verheißungen Jesu von Frieden und vom anbrechenden Reich Gottes Wirklichkeit sind. Oder ob das nicht alles einfach eine billige Ver-Tröstung ist?

Noch vor einigen Tagen hat mir z.B. eine Erzieherin aus einer Kindertagesstätte hier in Hamburg von den katastrophalen Zuständen in der Betreuung der Kleinsten erzählt, von Personalmangel, von verantwortungslosen Eltern, von verwahrlosten Kindern, von Hass und Gewalt. Und nicht zuletzt von dem riesigen Einfluss der Medien, schon im Kindergartenalter. Und jeder kennt Geschichten aus seinem Alltag und könnte sie erzählen, wo so viel schief und krumm ist.

Ja, es braucht Geduld und die Bereitschaft Leid als Leid wahrzunehmen, um in diesen Situationen nicht zu verzweifeln! Dazu ermutigen uns die Texte der heutigen Lesungen.

So hören wir heute im Brief des Jakobus: „Haltet geduldig aus!“ – „Macht eure Herzen stark!“ – „Klagt nicht übereinander!“ – „Brüder und Schwestern, im Leiden und in der Geduld, nehmt euch die Propheten zum Vorbild, die im Namen des Herrn gesprochen haben!“ (Jak 5)

Da ist er wieder, der Rat, das Prophetische in uns zu entdecken! Denn das meint doch wohl die Aussage, uns die Propheten als Vorbild zu nehmen, oder nicht?

Die prophetische Gabe entdecken

Was ist ein Prophet? Noch einmal: Propheten sehen, was ist! Sie sehen nicht nur das, was alle sehen, das Entmutigende, das Unheil. Sie klagen nicht nur die Ungerechtigkeit und die Sünde an! Sie sehen auch in alldem die Zeichen von Rettung und Erlösung. Sie sehen Zeichen von Frieden, sie sehen den jungen, kleinen Trieb am Baumstumpf. Sie sehen den Regen, der kommt, sie sehen die Zeichen einer wunderbaren Heilung.

In der vergangenen Woche, am Donnerstag in der Frühmesse, hat eine offensichtlich psychisch stark belastete Frau zum ersten Mal die Lesung übernommen. Und wie sie die Worte des Propheten Jesaja gelesen hat, sind wir alle berührt worden. Das ist für mich ein Zeichen gewesen in dieser Woche.

Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Stumme sprechen. Bin ich bereit, wie die Propheten, auf die Zeichen zu schauen? Traue ich Gott überhaupt zu, dass die Zeichen, die im Namen Jesu geschehen, für mich eine Bedeutung haben? Dass Jesus in unserem Leben Heil und Heilung schenken kann und dass ich mich öffnen kann für seine Zeichen?

Tja, das ist so eine Sache mit der Offenheit und der Erwartung. Erwarten wir eigentlich noch wirklich etwas? Brauchen wir ein Erwartungsmanagement? Wie geht das denn, die Erwartungen erneuern? Und das prophetische, in eigenem Leben entdecken?

Ignatius von Loyola hat dafür eine Haltung oder Einstellung beschrieben, die grundlegend ist in jedem geistlichen Leben, egal, ob man große oder kleine Entscheidungen zu treffen hat. Es ist die Haltung der Gleichmütigkeit, er nennt sie Indifferenz. Das ist keine Gleichgültigkeit und Resignation („es ist eh alles egal!“), sondern eine mutige und zugleich offene, eben erwartungsvolle Haltung, bei der Gottes wirken und mein Mitwirken zusammenkommen.

Manche übersetzen in Differenz mit „engagierte Gelassenheit“. Diese engagierte Gelassenheit nimmt wahr, was ist und verzweifelt doch nicht. Sie setzt sich ein, ohne selbst alles kontrollieren zu wollen. Sie geht mutig voran und weiß, dass Gott doch immer noch andere Wege hat, unser heil zu wirken. Sie ist geduldig und nimmt sich ein Vorbild an den Propheten, von denen Johannes der größte war, weil er Jesus kannte. Wer aber an Jesus glaubt und sein Leben mit ihm gestaltet, ist größer. Amen.

Montag, 1. Dezember 2025

Propheten


Predigt Erster Adventssonntag 2025 - Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein (Joel 3,1)

Les: Jes 2,1-5; Röm 13,11-14; Mt 24,37-44 

Wir haben die erste Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört. Jesaja lebte im achten Jahrhundert vor Christus, am Königshof von Jerusalem, und seine Verkündigung enthielt eine eine politische Botschaft. Besonders bekannt und von großer Bedeutung sind seine messianischen Weissagungen geworden.

1/ Was ist das eigentlich ein Prophet? Haben Sie schon mal einen Propheten getroffen?

Ein Prophet sagt, was ist. Prophetie ist keine Wahrsagerei! Der Prophet schaut nicht in die Glaskugel und sagt die Zukunft voraus, sondern er schaut auf die Gegenwart. Er offenbart, was andere nicht sehen. Er sagt Weisheit. Er sieht in dem, was ist eine andere Dimension.

Propheten verkünden, was sie von Gott erfahren haben. Wenn sie verkünden, was nicht von Gott ist, sind es falsche Propheten.

Propheten sind von Gott berufen, berufene Rufer (Alfons Deisler). Sie rufen zur Umkehr auf, zu Gerechtigkeit, zum Widerspruch gegen die Sünde. Jesaja verkündet die nahende Gerechtigkeit und das nahende Heil. Das bedeutet, seine Botschaft ist auf die Zukunft ausgerichtet, aber er sagt das, was heute schon am Kommen ist. Propheten sagen das „Heute Gottes“ (Jon Sobrino)

2/ Was verkündet ein Prophet?

Jesaja verkündet eine Vision, das, was er „über Juda und Jerusalem geschaut hat.“ Nämlich: die Wallfahrt der Völker nach Jerusalem, zum Berg Zion, zum Tempel.

Die Nationen, d.h. die fremden Völker, sind eingeladen und nehmen Teil am Projekt Gottes mit seinem Volk. Diese Wallfahrt öffnet einen Weg zum Frieden. Die Nationen bilden die „Vereinten Nationen“, mit Gott in der Mitte. Die vielen Völker und das eine Volk Israel und sie leben in Frieden miteinander.

Diese Vision bildet den Rahmen des gesamten Jesaja-Buchs. Und sie klingt in jeder heiligen Messe an, wenn der Priester im Hochgebet über den Kelch spricht: „mein Blut, das für euch und für alle vergossen wurde“. Gemeint ist hier „für euch“, d.h. für das Volk Israel und „für alle“, d.h. für die anderen Völker, die Nationen.

Die Völker verwandeln ihre Waffen in Landgeräte. Schwerter zu Pflugscharen. Lanzen zu Winzermessern. Sie erfüllen damit eigentlich, was von Anfang an als Aufgabe der Menschen vorgesehen war: die Erde zu bauen und sie fruchtbar zu machen.

3/ Was sagt uns das?

Der Prophet ruft zur Wachsamkeit auf. Indem er verdeutlicht, wie in der gegenwärtigen Krise und Ungerechtigkeit eine Verheißung Gottes geschieht, wie die Gerechtigkeit Gottes schon im Kommen ist, d.h. nahe bevorsteht, ruft er auf, die Tiefendimension der Wirklichkeit wahrzunehmen.

Es gibt Krieg und Unfrieden? Ja, das stimmt! Aber es gibt auch das heilvolle und heilbringende Wirken Gottes, der uns jetzt schon entgegenkommt. Seht ihr es nicht?

In gleicher Weise tritt auch Jesus uns heute im Evangelium als Prophet entgegen.

Gegenüber jenen, die essen und trinken und heiraten wie in den Tagen des Noah ruft er zu Wachsamkeit. Und das nicht, weil essen und trinken und heiraten schlecht sind, sondern weil diese Menschen in der Generation des Noah nichts anderes kannten, als essen und trinken und heiraten. Er ruft zur Wachsamkeit und Achtsamkeit. Er mahnt die Jünger so zu leben, dass sie zugleich mit ihrem essen und trinken und heiraten mit der Wiederkunft des Menschensohnes rechnen. Dass sie in allem, was ist, eine tiefere, geistliche Dimension erkennen, eine unscheinbare Bewegung, die nur der sieht, der wirklich wach ist und darauf achtet.

Jesus tritt uns heute als Prophet entgegen, und er lädt uns ein, unsere prophetische Gabe zu entdecken, d.h. wach zu sein, für den Frieden und für die Gerechtigkeit einzustehen und den Verheißungen Gottes zu trauen und entsprechend zu leben.

In unserer Taufe sind wir mit Christus zu Priestern, Königen und Propheten, zu Priesterinnen, Königinnen und Prophetinnen gesalbt worden. Mögen wir diese Berufung leben! Amen.

 Bild: By 18 century icon painter - Iconostasis of Transfiguration church, Kizhi monastery, Karelia, Russia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3235458


Montag, 10. November 2025

Gottesdienst in der Lateranbasilika

Chwalek/v. Hauff / Erzbistum Hamburg

Predigt am Weihetag der Lateranbasilika (9. 11.25): Heilige Orte

Les: Ez 47,1-2.8-9.12; 1Kor 3,9c-11.16-17; Joh 2,13.22

Ende Oktober waren wir mit der GCL in Rom, als Teil der großen Wallfahrt des Erzbistums Hamburg im Heiligen Jahr 2025. Es waren über 500 Erwachsene aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg in die Hauptstadt des christlichen Abendlandes gereist. Dazu 150 Jugendliche und junge Erwachsene. Zum Abschluss der Wallfahrt feierten wir gemeinsam die Heilige Messe in der Lateran-Basilika.

Die Kirche „San Giovanni in Laterano“, dem Allerheiligsten Erlöser geweiht, ist die älteste und wichtigste päpstliche Basilika in Rom. Sie gilt als Mutter und Haupt aller Kirchen. Sie wurde 324, also vor nun 1700 Jahren von Papst Silvester I. eingeweiht. Wir feiern heute ihren Weihetag. 

Die Kirche liegt im Innenstadtbereich an der südöstlichen Seite, nahe der alten Stadtmauer Roms. Ihren Namen erhielt sie von den Stadtpalästen der römischen Adelsfamilie, der Lateran, die sich bis ins vierte Jahrhundert in der Nähe befanden. Nachdem Sieg über Maxentius an der Milvischen Brücke schenkte Kaiser Konstantin als Dank an Gott der römischen Gemeinde ein großes Grundstück, auf dem sich eine Kaserne der kaiserlichen Garde Truppe befand. Er finanzierte zudem den Bau einer Kirche für den Bischof von Rom. 

Sie war von Anfang an groß und großartig: 100 m lang, 55 m breit, im Mittelschiff 16 rote Granitsäulen, dazu jeweils zwei Seitenschiffe, das alles im Stil einer antiken königlichen Versammlungshalle. Sie wurde nach nur drei Jahren Bauzeit eingeweiht. Ihr Baustil wurde bestimmend für alle weiteren christlichen Kultbauten. Unmittelbar angrenzend steht seit dem fünften Jahrhundert ein Baptisterium, d.h. ein eigenes Gebäude für die Taufe von Erwachsenen (und dann zunehmend auch von Kindern). 

Die Kirche wurde mehrfach umgebaut, doch die grundlegende Gestalt lässt sich bis heute bewundern. Es gab von Anfang an große Fenster oben im Mittelschiff, soviel ein indirektes, helles Licht in den prächtig geschmückten Festsaal. Der Außenbau war schmucklos, aber innen waren die Säulen aus rotem Granit, grünem und weißen Marmor. Auch der Fußboden und die Wände waren mit buntem Marmor verkleidet. Im oberen Teil gab es Wandbilder mit biblischen Szenen, Statuen der Apostel und der Engel, vergoldete Holzbalken, eine vergoldete Kassettendecke, in der Apsis ein großes Mosaik.

Die Basilika bot den Monumentalrahmen für eine feierliche Liturgie, die sich in Anlehnung an Formen staatlicher und kaiserlicher Repräsentanz bildete. Mich erfüllt es mit Staunen, wenn ich in diese Kirche komme. Dort werden die wichtigsten Reliquien verehrt: die Häupter der Apostel Petrus und Paulus. Dort residierten vom 4. bis 14. Jahrhundert, also 1000 Jahre lang, die Päpste, bis sie dann zum Petersdom zogen. Dort fanden wichtige Konzilien statt. Dort haben wir ergreifenden Gottesdienst gefeiert mit den Menschen dem Erzbistum Hamburg, zum Abschluss der Wallfahrt.

Doch inwiefern ist dieser Raum heilig? Was bewundern wir und ehren wir? Das Gebäude? Die Menschen? Die Feier? Das, was in mir drin geschieht?

Kirchen sind heraus gehobene Orte, sie sind Freiräume des Gebets und der Nähe Gottes. In gewisser Weise sind sie heilige Orte. Sie unterscheiden Sie sich von der Welt, sie sind sakrale Räume, abgegrenzt vom Profanen. Da latscht nicht jeder einfach so durch den Altarraum. Doch inwiefern sind Kirchen heilige Orte? Inwiefern ist die Lateranbasilika, deren Weihetag wir heute feiern, ein heiliger Ort? 

Kirchen sind keine Tempel! Ein Tempel ist eine Kultstätte, ein abgegrenzter, heiliger Raum, der nur bestimmten Personen vorbehalten ist.

Im Judentum gab es nur einen Tempel, und zwar in Jerusalem. Dort wurde das Allerheiligste aufbewahrt, zudem nur die Priester und nur einmal im Jahr Zugang hatten, dort war die Gegenwart Gottes, dort wurden die Opfer dargebracht. 

Der Prophet Ezechiel sieht in einer Vision den Tempel als heiligen Ort der Gegenwart Gottes. Er kritisiert das Verhalten der Könige Israels, die Unzucht betrieben, d.h. falschen Götzen anhingen. Er sieht deshalb in einer Vision einen neuen Tempel, der nicht mehr neben dem Königspalast steht, sondern auf dem Tempelberg. In ihm zieht die Herrlichkeit Gottes ein. Er bekommt genaue Angaben für den Bau des Tempels, und verkündet: Gott wird für immer dort wohnen. 

Aus diesem Tempel, von der Tempelquelle auf dem Tempelberg, wird dann Wasser fließen, so haben wir es in der Lesung gehört (Ezechiel 47). Es fließt nach Osten und Süden, d.h. in die Wüste hinein. Es fließt in die Araber hinab, d.h. in das Jordantal, und es macht das Tote Meer gesund und heil.

„Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können. Und sehr viele Fische wird es dort geben. Weil dieses Wasser dorthin kommt, werden sie gesund. Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“ (Ez 47, 9) Vom Tempel geht Leben aus.

Jesus hat nicht nur den Missbrauch des Tempels in Jerusalem kritisiert, er hat nicht nur die Händler und Geldwechsler vertrieben. Er hat auch den Tempel als Institution kritisiert. Wenn wir im Johannes-Evangelium lesen: „Er meinte den Tempel seines Leibes.“ (Johannes 2,21), dann ist darin eine sehr grundsätzliche Tempelkritik offenkundig. Auch wenn er selbst zum Tempel ging: Jesus sieht die Gegenwart Gottes in seinem eigenen Leben. Sein Leben ist heilig, von Gottes Liebe erfüllt.

Die Christen glauben: seine Hingabe am Kreuz hat die Opfer des Tempels ein für alle Mal erfüllt. Er hat uns den Weg zu Gott eröffnet. Als er starb, riss der Vorhang des Tempels entzwei. Von nun an braucht es keinen Tempel mehr! Denn Gottes Tempel ist Jesus Christus, und in seiner Nachfolge sind es alle Christen. 

So kann Paulus schreiben: „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Kor3, 16)

Die Kirche, also die Gemeinschaft der Glaubenden, die zum Herrn gehören (kyriake), die Herausgerufen sind, die heilige Versammlung (ekklesia), sie sind der Tempel Gottes! Nicht die Kirche als Bau ist der Tempel, sondern die Menschen!

Bedeutet das nun, dass es keine heiligen Orte ergeben soll, dass wir keine Kirchen als Orte mehr brauchen, dass es nur funktionale Versammlungsraum geben soll, wie wir es bei den Freikirchen sehen?

Das würde bedeuten, dass Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn es hilft uns Menschen, es hilft der Gemeinschaft der Kirche, sich ihrer heiligen Berufung zu erinnern, wenn wir uns in heiligen Räumen versammeln. Es hilft uns, im Leben Raum für Gott zu schaffen, wenn es einen Ort gibt, der für den Gottesdienst reserviert ist. Es hilft uns Menschen, uns an unsere ursprüngliche Heiligkeit zu erinnern. Es hilft uns, die Schönheit des Lebens zu feiern, Gott zu danken und ihn zu loben

Dom kommt vom lateinischen „domus“. Das bedeutet Haus. Es ist das Haus Gottes. Eigentlich braucht Gott ein solches Haus nicht, um bei uns Menschen zu sein, um mitten unter uns zu wohnen, aber es tut uns gut, einen solchen Ort zu haben, wo wir ihm nahekommen können. Die vielen Gotteshäuser inmitten unserer Welt erinnern uns an den Namen Gottes: „Ich bin da“ - ich bin mit euch und für euch da!

Vor einer Woche ging ein Lied aus Hamburg viral, das mit einem Video aus dem Miniatur Wunderland pfiffig inszeniert wurde: Bildschirm-Blick.

«Ich scroll' durch mein Leben, verpasse den Tag. Meine Freunde im Kreis, doch jeder starrt ins Glas. Wir posten Gefühle mit Filter und Glanz. Doch reden? Digga, keine Chance!». 

Kirchen erinnern uns daran, den Blick zu heben. Wie ein Zeigefinger steht der Kirchturm und weist auf den Himmel hin. Wie ein Vorgeschmack auf den Himmel ist die Schönheit mancher Kirchen. 


Sonntag, 5. Oktober 2025

Hochstapler?


Predigt 27C (ursprünglich französisch), Hamburg 2025

Les: Hab 1, 2–3; 2, 2–4; 2 Tim 1, 6–8.13–14; Lk 17, 5–10

Kennen Sie das Imposter-Syndrom? Ich hoffe, Sie kennen es nicht! Menschen, die unter dem Imposter-Syndrom leiden, zweifeln an den eigenen Fähigkeiten und der eigenen Leistung.

Diese Menschen leben oft in einer höheren sozialen Schicht, sie sind erfolgreich, aber sie sind überhaupt nicht zufrieden, sie sind nicht glücklich oder dankbar für ihren Erfolg, weil sie tief im Herzen glauben, dass der Erfolg nicht echt ist.

Sie lehnen daher mehr oder weniger systematisch das Verdienst ihrer Arbeit ab und schreiben den Erfolg ihrer Unternehmungen äußeren Faktoren zu, wie Glück, Beziehungen oder besonderen Umständen.

In manchen Fällen kann eine betroffene Person sich sogar als eine Art Betrüger oder Hochstapler sehen, der seine Kollegen, Freunde und Vorgesetzten täuscht und erwartet, eines Tages entlarvt zu werden.

Die Psychologie gibt Tipps, um Selbstzweifel abzubauen (vgl. Barmer)

  • Erfolge und Fähigkeiten schriftlich festhalten
  • Herausforderungen trotz der Ängste annehmen
  • mit anderen reden und andere Meinungen einholen
  • Komplimente annehmen und einfach mal „Danke“ sagen

Das ist sicherlich sinnvoll als erste Hilfe. Doch Woher kommt dieser Zweifel? Warum fällt es Menschen so schwer, die Selbstwahrnehmung mit der Wahrnehmung anderer zu vereinbaren?

Es handelt sich um ein komplexes Phänomen und es mag viele Ursachen geben, aber ich denke, die Wurzel des Problems liegt darin, zu akzeptieren, ein Mensch zu sein und nicht Gott. Ich bin ein Mensch, mit meinen Talenten und Stärken, meinen Schwächen und Fehlern. Indem ich akzeptiere, dass Gott Gott ist, kann ich als Mensch leben.

Ich muss nicht ständig gelobt werden, denn ich lebe nicht von der Anerkennung anderer. Ich lebe, weil Gott es gewollt hat und weil er mich liebt. Ich habe eine unveräußerliche Würde als Kind Gottes, egal ob ich Erfolg habe oder nicht. Ich muss keine Angst haben, Fehler zu machen, denn Gott kommt mir entgegen und vergibt mir immer, wenn ich mich ihm zuwende. Er zeigt mir den Weg. Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Ja, unser Selbstvertrauen und unser Glaube an diese Liebe Gottes sind manchmal sehr schwach. Und dann können wir mit den Aposteln bitten: „Stärke unseren Glauben!“ (vgl. Lk 17,5) Es wird wichtig sein, anzuerkennen, dass wir Diener sind, wir müssen unsere Aufgaben erfüllen. Wir sind nicht die Herren der Welt oder der Menschen.

Für mich ist das Beispiel dieser demütigen Liebe der heilige Franziskus von Assisi, der am 3. Oktober 1226 gestorben ist. Er lebte „die Weisheit eines Armen“ (vgl. Buch von Eligius Leclerc).

Er lebte nicht, um von den Menschen geliebt und beklatscht zu werden, sondern er lebte in Armut aus Liebe zu Gott und gab diese Liebe an alle seine Nächsten weiter. Er lebte in Armut, damit er in keiner Weise auf sich selbst zählen konnte, sondern alles von Gott erwartete. Er lebte arm, weil es für ihn der Weg war, aus Gottes Reichtum, aus seiner Barmherzigkeit zu schöpfen.

Das ist das Geheimnis des Glaubens: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Gott und uns. Wir sind nicht auf Augenhöhe. Und doch ist er gekommen, um uns zu suchen. Gleichheit und Solidarität können trösten und stärken. Aber sich daran zu erinnern, dass Gott viel größer ist als wir und daher viel mehr Macht und Möglichkeiten hat, kann ebenso stärkend sein (vgl. Mauritius Wilde, CiG 40/2025, S.1)

Zu verstehen, dass Gott sich weder manipulieren noch beanspruchen lässt, kann uns aus unserem engen Horizont herausholen. Das erinnert mich an die Worte eines geistlichen Liedes: „Leben wie Christus, immer der Liebe hingegeben, um seinen Lebensweg in Vertrauen, Kraft und Lobpreis zu gehen.“ Das Lob Gottes macht uns frei!

 

Dienstag, 30. September 2025

Zeitfenster

 Predigt 26. Sonntag im Jahreskreis C, Hamburg | Manresa 2025

„Das Fest der Faulenzer ist vorbei!“ Die Lesung aus dem Buch des Propheten Amos überliefert uns eine prophetische Mahnung. Wer sind die „Faulenzer“, von denen Amos spricht? Bei uns werden so nicht selten die Migranten und die Bürgergeld-Empfänger bezeichnet. Bei Amos sind die Reichen gemeint, die Sorglosen und die Selbstsicheren in Samaria, d.h. der reichen Oberschicht in der Hauptstadt des Nordreiches Israel. 

Amos wendet sich hin zum Königspalast, wo die Bewohner in Luxus schwelgen, während andere im Land schuften und in Armut leben. Er klagt nicht nur die Vergötzung des Reichtums an. Er zeigt die Gewissenlosigkeit derer, die Verantwortung tragen. Denn die Schere zwischen Arm und Reich wird im Land immer größer. Den Reichen wird die Verbannung als Strafe angedroht. Von der Form her ist sie Gerichtsandrohung, vom Inhalt her Totenklage über Israel! 

Seine Anklage ist begründet und konkret:

  • Betten aus Elfenbein, d.h. aus den Stoßzähnen Elefanten, sind ein übertriebener Luxus. 
  • Herumliegen und Faulenzen ist nicht das, was man von der Führungsschicht erwarten sollte. 
  • Lämmer aus der Herde zu holen, ist genau das, was ein guter Hirt nicht macht. Die Lämmer sind das Zukunftskapital, das nicht einfach zur eigenen Lust verbraucht werden darf. 
  • Mastkälber sind geplanter Vorrat durch das Jahr, nicht einfach zum beliebigen Verzehr bestimmt. 
  • Grölen ist der Gesang der Betrunkenen, die sich selbst nicht mehr kontrollieren können. 
  • Der Wunsch, wie der große König David zu sein, zeigt, dass die Angesprochenen jedes Maß an gesunder Selbsteinschätzung verloren haben. 
  • Den Wein aus Opferschalen zu trinken ist nicht nur Völlerei, sondern auch eine Verunglimpfung des Kults. 
  • Das Salben mit Öl dient der eigenen Schönheit.

Amos wendet sich an Menschen, die vor allem den eigenen Vorteil im Blick haben, die sich selbst groß machen, indem sie andere hassen, die Mauern und Paläste bauen, statt Brücken zu errichten, die Macht zelebrieren und willkürlich als Methode einsetzen, die sich als Elite sehen, aber in Wirklichkeit den Untergang herbeiführen. Ist das alles so weit weg?

Ich finde es bemerkenswert, dass in den vergangenen Tagen, nach der Ermordung von Charlie Kirk, mehrere deutsche Bischöfe und Verantwortliche verschiedener Couleur in der Kirche in Deutschland die Trauerfeier für Kirk und die menschenverachtende und willkürliche Politik von Präsident Trump insgesamt kritisiert haben, u.a. Stefan Oster. https://katholisch.de/artikel/64541-bischof-oster-ruegt-trumps-auftritt-bei-trauerfeier-fuer-charlie-kirk Ähnlich Klaus Mertes: https://www.katholisch.de/artikel/64590-jesuit-mertes-kritisiert-kirk-trauerfeier-als-anmassende-veranstaltung

„Ihr, die ihr den Tag des Unheils hinausschieben wollt, führt die Herrschaft der Gewalt dabei.“ (Am 6,3), so heißt es im Kontext dieser Stelle. Amos erwartet nicht, dass er mit seinen Gegenpredigten den Verblendeten die Augen öffnen kann. Doch er hofft wohl auch, „dass das absehbare Desaster nicht zu viele Unschuldige mit in den Abgrund reißt.“ 

*

Im Lukas-Evangelium hörten wir eine Beispiel-Geschichte von einem reichen Mann, dessen Namen nicht genannt wird, und von dem armen Lazarus.

Der Reiche kleidete sich stets mit einem Purpurumhang, wie in Könige tragen, und einer Tunika aus Byssus, feines Leinen oder vielleicht sogar Muschelseide, die aus Ägypten oder Indien importiert wurde. Er gab sich den Freuden des Lebens hin. So ein richtiger Hedonist. Der Arme ist dagegen nicht nur arm, hingeworfen vor die Türe, sondern auch noch krank. Von seiner Kleidung wird nicht geredet. Er ist wohl nackt und hat Geschwüre, die sich durch den Kontakt mit den Straßenkötern weiter entzünden. 

Lazarus wird von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Abraham ist der Vater der Glaubenden und der Beschützer der Gerechten. In Abrahams Schoß zu sein, ist ein jüdisches Bild für die Nähe und Verbundenheit mit Abraham beim messianischen Mahl.

Und dann ist da im Jenseits vom tiefen, unüberwindlichen Abgrund die Rede (Lk 16, 26) zwischen dem Reichen, der in der Unterwelt ist, und Abraham, der in Lazarus Schoß ruht. Über diesen Abgrund kann niemand gelangen, selbst wenn er wollte. 

Dieser Abgrund, diese Kluft ist nicht erst im Himmel entstanden, sondern sie ist schon zu Lebzeiten entstanden. Denn es ist nicht nur die Armut der Armen, die allen Reichtum fragwürdig macht. Die Gefahr, in der der Reiche lebt, besteht schon zu Lebzeiten darin, dass der Reiche nichts anderes mehr sehen kann als seinen Reichtum. Die Kluft entsteht schon hier. Polarisierung gibt es schon hier.

Der Unterschied zum Jenseits ist dann: Die Kluft wird unüberwindlich. Das Schicksal lässt sich dann nicht mehr ändern. 

Auch Jesus findet also – wie Amos – zu einer prophetischen Kritik des Reichtums, von der besonders der Evangelist Lukas Zeugnis gibt. Und er mahnt uns, das „Zeitfenster“, das wir in diesem Leben haben, zu nutzen, um diese Kluft zu überwinden, um hinüberzugelangen.

Nichts, dass wir alle arm werden sollen. Sondern wir sollen darauf achten, dass nicht für den Reichtum Gottes, für seine Liebe und seinen Trost, in unserem Leben kein Raum mehr ist.

Es geht um den wahren Reichtum, um das, was uns wirklich reich bzw. arm macht – in diesem Leben und in dem anderen. So wie es der hl. Basilius, Bischof von Cäsarea in Kappadokien, im 4. Jahrhundert konkret und geistlich zugleich formulierte.

„Dem Hungrigen gehört das Brot, das du zurückhältst, dem Nackten das Kleidungsstück, das du im Schrank verwahrst, dem Barfüßigen der Schuh, der bei dir vergammelt, dem Bedürftigen das Silber, das du vergraben hast. Aber du bist mürrisch und unzugänglich, du gehst jeder Begegnung mit einem Armen aus dem Weg, damit du nicht genötigt wirst, auch nur ein Weniges abzugeben. Du kennst nur die eine Rede: Ich habe nichts und kann nichts geben, denn ich bin arm. Ja, arm bist du wirklich: arm an Liebe, arm an Gottesglauben, arm an ewiger Hoffnung.“ (Basilius von Cäsarea, 4. Jh.)

Was macht uns wirklich reich? Welche Haltung braucht es? Und welche konkreten Taten? „Jesus Christus, der reich war, wurde aus Liebe arm. Und durch seine Armut hat er uns reich gemacht.“ (vgl. 2 Kor 8,9)

Es geht nicht darum, „Alarm“ zu schreiben. Es geht nicht darum, die Kluft zu vergrößern, aber es geht darum, auf das „Zeitfenster“ aufmerksam zu machen, das wir haben. Auf die Entscheidung, in die hinein wir gestellt sind und auf das Vertrauen, dass für jene, die an Gott glauben und danach handeln, wahres Leben in Fülle verheißen ist.


Montag, 22. September 2025

Rettung und Erlösung


Predigt 25. Sonntag im Jahreskreis C, Hamburg | Manresa

Les: Am 8,4-7; 1Tim 2,1-8; Lk 16,1-13

Vor einigen Wochen kam abends, nach der Maresa Messe, eine Frau zu mir. Wir standen noch auf dem Kirchplatz, bei Manresa-Night, mit einem Getränk zusammen. Sie sprach mich an, ob ich mit ihr beten würde. Sie habe es leider nicht zur Messe geschafft. So habe ich die Kirche noch einmal aufgeschlossen und wir haben dort am Taufbecken gebetet. Sie war deutlich, im Gesicht, von einer schweren Krankheit gezeichnet. 

Zunächst haben wir in Stille gebetet und dann laut gemeinsam das Vaterunser. An einer Stelle setzte sie aus: „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Das betete sie nicht mit. Ich habe sie dann gefragt, warum sie das ausgelassen habe. Sie sagte, das könne sie nicht beten, denn es sei so schwer, den Menschen zu vergeben, die ihr schweres Leid und Unrecht zugefügt hätten. Und sie verstehe nicht, warum sie erst anderen vergeben müsse, damit Gott ihr vergebe. Ich war vollkommen erstaunt. Offensichtlich gab es ein Missverständnis. Sie hat das Gebet so verstanden: in dem Maß, wie wir unseren Schuldigern vergeben, vergibt uns auch Gott.

Das steht da nicht. Und das ist auch nicht so gemeint. Es war allerdings schon das zweite Mal, dass ich diesem Missverständnis innerhalb von kurzer Zeit begegnet bin, deshalb erwähne ich es hier. 

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ meint: in dem Maß, wie wir von Gott unsere Schuld vergeben bekommen haben, sollen wir auch anderen, die an uns schuldig geworden sind, vergeben. Also: zuerst ist die Erfahrung der Vergebung durch Gott, der uns entgegenkommt, wie der barmherzige Vater seinem Sohn, bedingungslos und mit offenen Armen. Danach und aus dieser Erfahrung der unbedingten und unwiderruflichen Liebe Gottes mögen auch wir die Kraft und den Mut erhalten, anderen zu vergeben. Das Leistungsdenken: „hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ hat im christlichen Glauben keinen Anhaltspunkt. Wir erlösen uns nicht selbst, sondern bekommen Erlösung und Rettung von Gott geschenkt. Gott streicht die Schuld auf unserem Schuldschein aus, noch bevor wir das bei anderen tun!

*

Ein anderes Missverständnis in den Gebetstexten, mit dem ich vor kurzem konfrontiert wurde: im Hochgebet der Messe heißt es beim Gedenken an die Verstorbenen: „Gedenke unserer Brüder und Schwestern, die entschlafen sind in der Hoffnung, dass sie auferstehen. Nimm sie und alle, die in deiner Gnade aus dieser Welt geschieden sind, in dein Reich auf.“ (Hochgebet II)

Ein junger Mann fragte mich, wer dort gemeint sei, bei diesen Menschen, die „in Gottes Gnade entschlafen sind“. Ob das eine bestimmte, auserwählte Gruppe sei?

Er las diesen Text als eine Einschränkung. Es gibt jene, die an Jesus Christus glauben, die getauft sind, die in der Gemeinschaft der Kirche leben und mit der Hoffnung, dass sie auferstehen. Sie werden als „Schwestern und Brüder“ bezeichnet. Und dann gibt es jene, die in der Gnade Gottes aus dieser Welt geschieden sind. Das ist aber keine Einschränkung, sondern eine Ausweitung!

Denn wer sind jene, die in der Gnade Gottes leben? Das sind doch alle Menschen! So haben wir es heute in der zweiten Lesung aus dem ersten Brief an Timotheus gehört.: „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1Tim 2,4)

Es gibt die Freiheit bei Menschen, dieses Angebot des Heils durch Gott abzulehnen. Aber grundsätzlich gilt die Gnade Gottes allen Menschen! Alle sollen gerettet werden! (vgl. Tit 2,11: die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.)

*

Damit sind wir mitten in der Dynamik der heutigen zweiten Lesung aus dem ersten Brief an Timotheus. Dort geht es um eine „lehrhafte Darlegung von der Rettung aller durch das Trauen in Christus.“ (Baumert, S. 21). Das Trauen Gottes ist das große Thema in diesem Brief, in seiner doppelten Bedeutung: dass Gott den Menschen traut und dass die Menschen Gott trauen. Nicht nur vertrauen, sondern auch ihm etwas zutrauen, - weil Gott selbst sein Vertrauen in die Menschen setzt, seine Gnade und Zuwendung schenkt und dem Menschen etwas zutraut: yes, you can!

„Vertrauenswürdig ist die Botschaft!“, so setzt dieser Briefabschnitt ein, und es geht darum, dass Timotheus und seine Gemeinde aufgefordert werden, um günstige Voraussetzungen für die Annahme von der Rettung aller Menschen zu bitten. Durch Bitte, Lob, Fürbitte und Dank als den vier Formen des Gebets für alle Menschen, besonders für jene, die Verantwortung tragen für die Lebensumstände, unter denen die Gemeinde lebt. Ja, alle sollen gerettet werden und zu Erkenntnis der Wahrheit gelangen (wörtlich: „Wahrheit zu-erkennen“). 

Die Begründung, warum alle Menschen gerettet werden, ist eine dreifache:

  • Es gibt nur einen Gott. D.h. dieser Gott ist ein Gott für alle Menschen.
  • Es gibt nur einen Mittler von Gott zu den Menschen, nämlich Jesus Christus, der sich persönlich eingesetzt hatte, gleichsam als Heilmittel für alle.
  • Es gibt das Zeugnis, in diesem Fall des Paulus, mit seinen eigentümlichen Effekten und Wirkungen, je neu.

„Es geht um den Aufweis, dass die vertrauenswürdige Botschaft von der Rettung aller universale Wirkung hat.“ (Baumert, S. 15). Und eben nicht eingeschränkt wird durch gewisse identitäre Bewegungen und Ansichten.

*

Erlösung und Rettung sind große Worte, und die Übersetzung vom Lösegeld, die wir aus der Einheitsübersetzung (EÜ) gehört haben, führt in die falsche Richtung.

„Christus macht sich nicht zum Lösegeld, das etwa dem Tod oder irgendwelchen Mächten, die den Menschen gefangen halten, bezahlt würde. Erst recht nicht ist an eine Bezahlung unserer Schulden an Gott gedacht, wie wenn Gott unversöhnlich wäre und von seinem Sohn besänftigt werden müsste! Vielmehr geht die Initiative zur Erlösung ja gerade von Gott aus, der einen Mittler geschickt hat, der sich persönlich engagiert und sich den Menschen als Helfer zugewandt hat. […] Wenn der Retter-Gott einen Mittler schickt, um die Menschen aus der Bindung an die Sünde zu lösen, so verkauft er den Mittler nicht an den Tod, sondern steht dieser ganz im Dienst der Lebensvermittlung an die im Tod befangene Menschheit. [Es ist …] Jesu Einsatz gemeint, mit dem er sich in seinem irdischen Leben jeweils den betreffenden Menschen zuwandte, nicht nur punktuell sein Kreuz am Tod oder seine Zuwendung im Sterben. Dies ist immer eine Einladung, als Angebot an die Menschen, selbstverständlich nicht über ihre Köpfe hinweg, sondern in Einbeziehung ihrer Freiheit.“ (Baumert, S. 25)

Dieses Heils-Handeln Gottes, geschieht durch das Zeugnis, immer wieder neu mit seinen eigentümlichen Wirkungen und Effekten, wenn es verkündet wird. Dafür sind wir heute Abend zusammengekommen! 


Literatur: Nobert Baumert / Maria-Irma Seewann, Hirte der Hirten. Übersetzung und Auslegung der Briefe an Timotheus und an Titus, Würzburg (echter) 2019.


Montag, 15. September 2025

Allein, wir sind allein

Brustkreuz von Papst JP II


Kreuzerhöhung - Sonntag, 14.9.2025, Predigt | Hamburg, Manresa

Les: Num 21,4-9; Phil 2, 6–11; Joh 3,13-17

„Die Kreuzwege des Lebens gehen wir immer ganz allein“, so singt Reinhard Mey, der Singer-Songwriter aus der Generation meiner Eltern, den ich als Jugendlicher gerne gehört habe. Ich habe seine Lieder auf der Gitarre nachgespielt. „Über den Wolken“ wird vielen von Ihnen noch vertraut sein. Das Lied „Allein“ aus seinem Album „Farben“ von 1990 ist wohl weniger bekannt. Darin blickt er zurück auf sein Leben, mit Dankbarkeit für Freundschaften und Zuneigung, für gemeinsame Erlebnisse. Und doch erkennt er schmerzlich, dass immer in den besonderen, und intensiven Momenten des Lebens die Einsamkeit an die Türe klopft.

„Allein, wir sind allein“, so heißt es im Refrain, „wir kommen, und wir gehen ganz allein. Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein: die Kreuzwege des Lebens gehen wir immer ganz allein.“

Was sind diese Kreuzwege? Mey beschreibt sie in den Strophen kurz und nachvollziehbar: als kleiner Junge auf dem Schulhof, der wegen seines Aussehens und seiner Noten gemobbt wird; als mutiger Anführer einer politischen Bewegung, bei der sich viele dann im entscheidenden Moment verdünnisieren; als erfolgreicher Musiker, den alle feiern und der am Ende doch nur ein Teil der Musikindustrie ist; als Mensch, der gute Gefährten verliert, und Krankheit und Leid und Tod erfährt.

„Allein, wir sind allein. Wir kommen, und wir gehen ganz allein. Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein: die Kreuzwege des Lebens gehen wir immer ganz allein.“

„Kreuzwege des Lebens“ kennt jede und jeder. Wir erfahren Sie alle in bestimmten Momenten unseres Lebens. Und dann stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen. Reinhard Mey kann bei aller Dankbarkeit für das Leben dem Kreuz letztlich keine positive Seite abgewinnen. Das Kreuz bleibt das Zeichen für Leid, für Gewalt und Grausamkeit, die Jesus erlitten hat. Am Ende bleibt nur die Einsicht, dass der Tod zum Leben gehört. Und eben auch die Einsamkeit des Menschen.

Anders klingt das Lied Nummer 275 aus dem Gotteslob, das Bernhard Schellenberger in den siebziger Jahren als Hymnus für das Stundengebet komponiert hat. Auch dieses Lied spricht von Einsamkeit und Kreuz, aber es stimmt eine ganz andere Tonart an:

„Selig, wem Christus auf dem Weg begegnet, um ihn zu rufen, alles zu verlassen, sein Kreuz zu tragen und in seiner Kirche für ihn zu wirken.“

Diese Verse beschreiben den Trost und das Glück, das sich einstellt, wenn ein Mensch in Leid und Einsamkeit, die Nähe des Auferstandenen erlebt, unterwegs, auf dem Weg. Und dann einen Ruf, einen dreifachen Anruf hört: alles zu verlassen, das Kreuz zu tragen und in der Kirche für ihn zu wirken. Ist es das eigene Kreuz, das ertragen soll oder das Kreuz Christi? Das bleibt an dieser Stelle offen.

Die Kreuzwege sind real, das Leid ist nicht einfach weg, und doch bleibt in dieser Wüstenerfahrung von Einsamkeit und Lebensverlust eine stärkende Kraft, die durch die Gegenwart Christi geschenkt wird. „Christus schenkt ihm (diesem Menschen) durch Leiden Anteil an der Freude.“ Das ist das Geheimnis des Kreuzes, das so schwer zu begreifen ist und das oft so missverstanden wird.

Das Kreuz ist, für sich gesehen, ein Zeichen des Todes. Es ist ein grausames Folterinstrument der römischen Machthaber gewesen, deswegen seiner Unmenschlichkeit nicht für römische Bürger verwendet werden durfte. Es ist ein Zeichen der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun. Es ist ein Zeichen der Unterdrückung und des Hasses.

In dem Moment jedoch, wo ein Mensch auf Hass und Gewalt nicht mit Rache und Vergeltung reagiert, sondern voller Liebe und Vergebung diese Folter erduldet, durchbricht er den Kreislauf des Todes. Und wenn dieser Mensch im Frieden und dem Namen Gottes handelt, wenn er Sünden vergibt und Heilung schenkt, wenn in seinem Handeln Gott selbst gegenwärtig wird, und wenn Menschen ihn bekennen als den Sohn Gottes, dann leuchtet in seinem Sterben die Liebe Gottes auf, die stärker ist als der Tod.

Der römische Hauptmann, der sah, auf welche Weise Jesus am Kreuz starb, nämlich voller Frieden und mit den Worten: „Vater, vergib ihnen …“, dieser Hauptmann bekennt noch im selben Moment ergriffen und erschüttert: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ (Mk 15,39)

Nicht das Kreuz an sich ist das Zeichen des Lebens, sondern durch den Tod Jesu wird das Kreuz zum Zeichen des Lebens, zum großen Pluszeichen unseres Lebens!

Einsamkeit, Leid, Krankheit, Gewalt und Hass bleiben bestehen, aber durch diese Liebe erscheinen sie für den, dem Christus begegnet und der sich in seine Nachfolger rufen lässt, in einem anderen Licht. Einfach deshalb, weil er nicht allein ist auf dem Kreuzweg seines Lebens. Weil er einen Sinn im Leid erkennt, nämlich darin die Liebe zu leben. Das ist das Geheimnis des Kreuzes.

Der heilige Ignatius hat mit seinen Gefährten vor bald 500 Jahren eine neue Gemeinschaft gegründet, um Jesus nachzufolgen. Zunächst wollte er sie „Gesellschaft Mariens“ nennen, weil Maria mit ihrem Ja zu ihrer Berufung, mit ihrem Vertrauen auf Gott und mit der Mitwirkung am Geschenk des Lebens auf besondere Weise Gottes Willen in dieser Welt gelebt habt.

Im Ringen mit den Gefährten um die Art und Weise, den Orden zu gründen, zu sammeln, und gemeinsam auf die Weise der Apostel zu leben, hat sich ihm dann mehr und mehr der Name „Gesellschaft Jesu“ nahe gelegt. Doch Ignatius wusste lange nicht, ob das wirklich der Name sein sollte und ob er mit seinen Satzungen (Konstitutionen) auf dem richtigen Weg sei. Er hat trotz der Gefährten viel Einsamkeit und Angst in dieser Zeit erlebt. Und auf dem Weg nach Rom, wenige Meilen vor der Stadt, hatte er dann in einer Kapelle bei La Storta eine Vision, die er als Bestätigung Gottes angenommen hat. Er sah den kreuztragenden Christus und fühlte sich an seine Seite gestellt. Das war seine Berufung!

Später hörte er auch eine Stimme, die zu Jesus sagte: „Ich will, dass du diesen (gemeint ist Ignatius) zu deinem Diener annimmst.“ Und wie als Antwort den Satz Jesu an ihn selbst: „Ich will, dass du uns dienst.“ Mit Jesus sein, mit dem kreuztragenden Jesus sein, das ist die Freude und die Hoffnung und die Liebe seines Lebens!

„Selig, wem Christus auf dem Weg begegnet, um ihn zu rufen, alles zu verlassen, sein Kreuz zu tragen und in seiner Kirche für ihn zu wirken.“ Amen.

 

Montag, 1. September 2025

Liebe

 


Predigt zur Hochzeit, 30.8.2025

Heute ist ein besonderer Tag, auf den ihr euch lange gefreut habt und für den ihr viel vorbereitet habt. Eure Familie und Freunde sind gekommen, um mit euch den Bund fürs Leben zu feiern. 

Dass ihr beide euch gesucht und gefunden habt, ist schon etwas Besonderes! Es hat mit dem Mut von N. zu tun, aus XY zum Studium nach Deutschland zu kommen! Es hat auch mit der Offenheit von N. zu tun, der mit mehreren Geschwistern und Sprachen aufgewachsen ist.

Vor sechs Jahren habt ihr euch kennengelernt. Ihr lebt seit drei Jahren gemeinsam in Hamburg. Seitdem ist einiges euch geschenkt worden: Ihr habt erlebt, wie erfüllend es sein kann, füreinander und für andere Lebewesen Verantwortung zu übernehmen. Ihr habt entdeckt, wie Liebe und Freundschaft wachsen. Ihr habt im Glauben erkannt, dass unser Leben von Gott getragen und gewollt ist und dass er uns in Jesus Christus seine Freundschaft schenkt. Die Taufe und Firmung von N., vor einigen Monaten hier in dieser Kirche, war ein sichtbares Zeichen dieser Liebe und Freundschaft Gottes für euch beide.

Was bedeutet Liebe für euch? Was bedeutet es, wenn ihr heute in dieser Kirche vor den Altar Gottes tretet, um eure Liebe segnen zu lassen? Es gibt heute in unserer Welt und insbesondere in der europäischen Kultur verschiedene Formen von Beziehungen, verschiedene Weisen zu lieben. Insbesondere in Hamburg kann man alle Formen und Farben treffen.

„Liebe ist Liebe!“, sagen manche Leute und setzen sich für Toleranz ein. Toleranz ist wichtig, niemand soll wegen seiner Orientierung diskriminiert werden! Aber Liebe ist doch wirklich sehr unterschiedlich! Es gibt die treue Liebe, die geduldige Liebe, die stürmische Liebe, die selbstbezogene Liebe, die auf den Genuss ausgerichtete Liebe, die Liebe in einer langen Freundschaft, die Liebe der Eltern zu den Kindern oder der Kinder zu den Eltern, die Liebe, die nicht loslassen kann, die selbstlose Liebe im Dienst an anderen. So viele Formen der Liebe, alle unterschiedlich, alle gut?

Die Auswahl der Lesungen heute zeigt, dass ihr durch den Glauben eine besondere Form der Liebe erkannt habt und gesucht habt. In der Lesung aus dem Buch Hosea ist von einer Liebe die Rede, die mit Gerechtigkeit und Recht, mit Barmherzigkeit und Treue verbunden ist. Das ist die Weise, wie Gott sein Volk Israel liebt. Und wenn das Volk ihn auf diese Weise entsprechend liebt, dann wird es Gott als den Gott des Lebens erkennen.

Es geht um eine innige Vertrautheit in dieser Gottesbeziehung, wie in einem ehelichen Verhältnis, mit Ehrfurcht und Respekt vor dem anderen, mit der Bereitschaft, sein Herz zu öffnen und dem anderen zu dienen. Es geht nicht um Unterordnung oder Herrschaft oder Nutzenoptimierung oder Ansehen oder was auch immer.

Diese Weise einander zu lieben, nennt Jesus ein Gebot. Wir dürfen dieses Wort nicht verwechseln mit Gesetz, sondern eher wie in den zehn Geboten als eine Weisung zum Leben verstehen.

Seine Weisung zum Leben ist, dass wir miteinander in Beziehungen leben, die auf Liebe, Freundschaft und Hingabe gründen. Dabei ist Gott kein Herrscher, der uns straft oder belohnt wie Knechte, sondern in Jesus Christus bietet er uns seine Freundschaft an. „Ich nenne euch nicht mehr, Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was ein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15)

Was bedeutet also Liebe für euch? Was bedeutet es, dass ihr heute vor den Altar Gottes tretet, um eure Liebe segnen zu lassen?

Ich glaube, es ist eine Liebe, die von der Freundschaft Gottes mit den Menschen und besonders von der Freundschaft Gottes in Christus mit euch beiden geprägt ist.

Der heilige Ignatius hat in seinen Exerzitien eine Übung eingefügt, um Liebe zu erlangen. Dort beschreibt er in den Vorbemerkungen, was er mit Liebe meint, was er darunter versteht. Er sagt:

„Zunächst sollte man zwei Dinge beachten. Das erste ist, dass Liebe mehr in Taten als in Worten zum Ausdruck kommen soll.“ (EB 230) Oft stimmen unsere Taten nicht mit der Liebe überein, die wir bekunden. Wir reden viel, aber wenn ich etwas sage, halte ich es auch ein. Und vor allem: mehr tun als reden, das ist wirksamer.

Wie wichtig ist doch die Liebe in unserem Leben! Der heilige Augustinus sagt: „Liebe und tu, was du willst“. Sobald wir uns entschließen, wirklich zu lieben, bleibt das Gesetz für uns zurück, denn alles, was wir tun, wird aus Liebe geschehen. Aber damit diese Liebe so verstanden wird, wie sie ist, muss noch eine weitere Klarstellung erfolgen...

Zweite Anmerkung: „Liebe besteht in der Kommunikation beider Seiten. Das heißt, der Liebende gibt und teilt dem Geliebten, was er hat oder was er kann. Und umgekehrt der Geliebte dem Liebenden. Wenn also der eine Wissen hat, soll er es dem anderen geben, der es nicht hat; wenn er Ehre und Reichtümer hat, soll er sie dem anderen geben, und so weiter.” (EB 231)

Liebe besteht im Mit-Teilen. Vielleicht ist diese Klarstellung noch notwendiger als die erste. Der heilige Ignatius unterscheidet zwischen der Liebe, die man zu etwas zum eigenen Vorteil empfindet; in dieser Liebe liebe ich nur mich selbst. Diese Liebe unterscheidet sich sehr von der Liebe der Güte: bene volere, das Gute wollen, das Gute für den anderen wollen. Es ist typisch für den Menschen, dass er, wenn er den anderen liebt, nicht sich selbst sucht, sondern das Wohl des anderen. Es ist die Liebe der Freundschaft, wenn sie gegenseitig ist, und in unserem spirituellen Leben, gegenüber Gott, wird sie Nächstenliebe genannt.

Man sagt auch, dass Liebe vereinigend ist. Nicht in dem Sinne, dass ich den anderen Menschen vereinnahme! Sondern wenn ich durch diese Liebe ihm Gutes tue, dann bedeutet das, mir selbst in gewisser Weise Gutes zu wünschen, weil die Liebe so stark ist, dass ich mich selbst in dieser Beziehung als den Geliebten erkenne, wenn ich Liebe schenke.

Möge Gott Euch diese Liebe geben und wachsen lassen! Amen.

 

Demut


Predigt 22. Sonntag im Kirchenjahr C – 2025 Kleiner Michel 19 Uhr

Les: Sir 3,17-18.20.28-29; Hebr 12,18-19.22-24a; Lk 14,1.7-14

Im Evangelium nach Lukas lassen sich einige große Linien ausmachen, Themen oder besser: Haltungen, die seine Perspektive auf Jesus Christus und das, was Gott uns mit ihm geschenkt hat, eröffnen. Es sind dabei drei Motive, die immer wiederkehren, wie in einer großen Sinfonie bestimmte Klangfolgen, die auftauchen und den Zusammenhang verdeutlichen. Es sind drei Wort Paare, die jeweils ein Motiv kennzeichnen: suchen und finden, bitten und empfangen, anklopfen und öffnen.

1/ Das bekannteste Motiv ist das vom „suchen und finden“ bzw. „gefunden werden“. Fallen Ihnen spontan einige Gleichnisse dazu ein? Das verlorene Schaf aus der Herde und die verlorene Drachme, die wieder gefunden wird (Lk 15). Der verlorene Sohn, der vom barmherzigen Vater wiedergefunden wird. Und schließlich der Zöllner Zachäus, bei dem Jesus zu Gast ist. Diese Geschichte, am Ende des Weges Jesu nach Jerusalem, endet mit dem Satz: „Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und zu finden, was verloren ist.“ (Lk 19).

Viele Menschen sind auf der Suche nach Glück, nach Sinn, nach Erfüllung. Für Lukas ist es wichtig, dass wir selbst uns auf die Suche begeben, vor allem aber, dass wir von Gott gefunden werden. Uns finden zu lassen, aus der Komfortzone heraus gehen, altes loslassen und sich für Neues öffnen: Das ist die Haltung, die zum Gottes Reich passt.

2/ Das zweite Motiv: „bitten und empfangen“. Dieses Motiv klingt vor allem beim Thema Gebet an. Jesus selbst bittet immer wieder. Er zieht sich zum Gebet zurück. Dass man beharrlich bitten soll, wie ein Freund zu einem Freund spricht, ja sogar wie eine nervige Witwe vor dem Richter oder wie ein sündiger Zöllner, ganz einfach hinten im Tempel, mit einem einfachen Satz: Dazu ermutigt Jesus seine Jünger immer wieder!

Ehrfurcht sollen sie haben, aber keine Scheu. Sie sollen sagen, was notwendig ist. Bitten bedeutet, das zu formulieren, was ich jetzt gerade wünsche und brauche. Viele denken immer: Gott weiß doch eh‘ schon alles! Warum soll ich die Dinge noch extra formulieren? Ja, er weiß es, aber eine Bitte verändert uns, sie öffnet uns, macht uns verletzlich.

Schon einige Male habe ich von meinem Pilgerweg erzählt, als wir im Noviziat ohne Geld gepilgert sind, das war das eine sehr eindrückliche Erfahrung: zu betteln, d.h. andere um das nötigste zu bitten. Das hat Überwindung gekostet, vom stolzen Ross herunter, aber es bringt ihm die Begegnung. Ich habe Menschen kennengelernt, den ich sonst nie begegnet wäre und ich bin in einer Offenheit und Freiheit gekommen, die ich vorher nicht gekannt habe. Wer selbst nichts in den Händen hat, hat die Hände offen für andere.

3/ Und schließlich das dritte Motiv: „anklopfen und öffnen“. „Wenn die Hoffnung leise anklopft“: Hören, wenn Jesus an die Tür des Herzens klopft und ihm dann öffnen. Den Mut haben, selbst hinauszugehen, Begegnungen zu suchen, ohne zu wissen, was passiert. Bei Lukas geht Jesus viele Male zu anderen Menschen und ist bei Ihnen zu Gast. Er war eingeladen, bei seinen Freunden: Martha und Maria, bei Simon, dem Pharisäer. Er war eingeladen bei den Zöllnern und Sündern wie Zachäus oder Levi oder, wie in diesem Abschnitt, bei einem „führenden Pharisäer“. (Lk 14)

Als Jugendliche waren wir oft als Sternsinger unterwegs und haben an Türen geklopft. Die Leute haben uns teilweise erwartet, mit einem heißen Kakao an kalten Regentagen. Teilweise waren sie überrascht. Teilweise haben sie auch die Tür vor uns geschlossen. Anklopfen ist immer ein bisschen mit Mut verbunden und mit Großzügigkeit, sich nämlich auf das einzulassen, was mich dann erwartet.

Drei Motive, drei Haltungen, die nicht dem entsprechen, was wir sonst in dieser Welt lernen und vermeintlich brauchen. Statt zu suchen und zu finden: einfach neu kaufen! Statt zu bitten und zu empfangen: einfach selbst machen! Statt anzuklopfen und geöffnet zu bekommen: einfach mit dem richtigen Schlüssel reingehen! Macht und Können, Wissen und Geld, Selbstbehauptung und Ansehen - darum geht es doch! Wie anders ist da die Lebensweise Jesu?!

Bei dem Besuch im Haus des Pharisäers, von dem wir gerade im Evangelium gehört haben, versucht Jesus deutlich zu machen, um welche Haltungen es im Reich Gottes geht. Er erzählt dazu zwei Gleichnisse. Darin geht es nicht um die Tischsitten, sondern um die Haltungen, die mit der Gastfreundschaft verbunden sind.

Die Gastfreundschaft ist ein privilegierter Ort, an dem wir schon einen Vorgeschmack bekommen von dem, worum es im Reich Gottes geht. Denn bei Begegnungen mit anderen Menschen, wie sie geschehen, wenn wir irgendwo eingeladen sind oder andere einladen, zeigt sich viel von dem, wie wir innerlich unterwegs sind. Es lässt sich nicht verbergen! „Die Demut besteht darin, zu wissen, dass es in dem, was man „ich“ nennt, keinerlei Energiequelle gibt, die es ermöglichen würde, sich zu erheben.“ (Simone Weil, pesanteur et grace)

Hier in der Gemeinde am Kleinen Michel initiiert das Gemeindeteam seit einigen Monaten das Projekt „Gastfreundschaft plus“. Es geht darum, Menschen einzuladen, die sich sonst vielleicht nicht begegnen würden, und einen besonderen Gast, der etwas von seinem Leben erzählt und auf diese Weise das gemeinsame Abendessen bereichert.

Einige Gastmähler haben schon stattgefunden, es können noch weitere folgen. Wenn Sie Interesse daran haben, melden Sie sich gerne beim Gemeindeteam. Dieses Projekt hilft uns vor allem, mal zu überlegen, wen wir einladen möchten, wer auf unserer Gästeliste steht. Sind es nur die, die wir kennen? Oder auch Arme und Krüppel?

Die Haltung, um die es dabei geht, nennt sich „Demut“. Das ist keine falsche Bescheidenheit, sondern das ist Mut zum Dienen. So wie es Jesus und vorgelebt hat. Am Ende seines Lebens, am Sederabend, hat er seine Jünger zum Abendessen eingeladen. Sein Abschied war ein mutiger Dienst für die Menschen, den wir heute Abend wieder feiern. Der hl. Franziskus hat die Eucharistie als das „Sakrament der Demut“ bezeichnet. Dazu sind wir jetzt eingeladen.

Freitag, 1. August 2025

Den Seelen helfen


Predigt am Fest des hl. Ignatius, Hamburg 2025 „Den Seelen helfen“

Les: Jer 20,7–9; 1 Kor 10,31–11,1; Lk 14,25–33

Zusammenfassung: Ignatius hat den Zusammenhang zwischen Spiritualität und Psychologie aufgezeigt, aus seiner eigenen geistlichen Erfahrung heraus.

 

Wenn wir heute, an diesem Festtag, an den hl. Ignatius denken, dann können wir uns daran erinnern, dass Ignatius „den Seelen helfen“ wollte und so –vor nun 500 Jahren - auf den Zusammenhang zwischen Spiritualität und Psychologie hingewiesen hat, lange bevor es diese beiden Forschungs- bzw. Wissenschaftsbereiche gab.

1/ Den Seelen helfen – die Grundintuition und Sendung des hl. Ignatius

Seine Grundintention war es, „den Seelen zu helfen“, d.h. andere zu unterstützen, damit sie psychisch / seelisch gesund und heil werden, innerlich und geistlich wachsen und den Sinn ihres Lebens finden. So steht es in den Satzungen der von ihm gegründeten Ordensgemeinschaft, der Jesuiten: „Das Ziel dieser Gesellschaft ist, sich nicht nur mit der göttlichen Gnade der Rettung und Vervollkommnung der eigenen Seelen zu widmen, sondern sich mit derselben Gnade inständig zu bemühen, zur Rettung und Vervollkommnung der Seele der Nächsten zu helfen.“ (Sa 2).

Sich um das Heil und die Vervollkommnung der eigenen Seele zu sorgen, das ist jedem Christen auferlegt, den Mönchen und Ordensleuten sowieso – das ist also nichts Besonderes. Aber sich den anderen zuwenden und ihnen für ihr Heil und ihre Vervollkommnung der Seele zu helfen, das ist die apostolische Aufgabe, der Existenzgrund der Gesellschaft Jesu und ihr „sehr eigentliches Ziel.“ (Sa 603).

„Den Seelen helfen“ – diese Aufgabe ist von der Erfahrung des Ignatius in Manresa im Jahr 1522 her zu verstehen, wo er fast ein Jahr lang gebetet und gefastet hat, viele Eingebungen und Erkenntnisse hatte, viel Freude und Trost, aber auch viele Abgründe und Traurigkeit erlebte und wo er in seinen geistlichen Fragen und Nöten keine Hilfe bekam. Er fand keinen geeigneten Beichtvater und niemand, der ihm beistehen konnte, um zu verstehen, was in ihm vorging. Er erlebte sehr schwere Zeiten von Trostlosigkeit und Depression bis hin zur Verlorenheit und Selbstmordgedanken. Er hatte Hilfe und Heilung nötig.

Er ging einen sehr steinigen und – wie er im Nachhinein sagte – gnadenvollen Weg, weil ihn Gott selbst belehrte, wie ein Lehrer seinen Schüler. Er hat erkannt, was in der Seele eines Menschen vorgehen kann, der sich auf den Weg zu Gott begibt. Und er wollte, dass diese geistlichen Erfahrungen anderen zugutekommen.

Auf welche Weise wollte er den Seelen helfen? Durch Spiritualität! Dieses Wort wird heute viel verwendet. Für Ignatius meint Spiritualität das persönliche Gebet, die Hinwendung zu Gott in der Stille und im Dienst am Nächsten, an den Armen und Kranken, die geistlichen Gespräche, die Reflexion der eigenen Erfahrungen; kurz: das Wirken des Heiligen Geist in der eigenen Seele und im eigenen Leben zu erkennen und in einer persönlichen Gottesbeziehung zu leben. Gott ist da und er sorgt sich um jede und jeden einzelnen. Die Unterscheidung der Geister ist ihm dabei zu einer hilfreichen und wirksamen Methode geworden.

Selbstverständlich zu dieser Zeit gehörte die religiöse Praxis der Kirche dazu: Ignatius nahm am Leben der Kirche teil, empfing die Sakramente, hielt die Buß- und die Feiertage, respektierte das Lehramt, teilte die grundlegenden christlichen und moralischen Werte. Aber letztlich ging es ihm nicht allein um eine religiöse Praxis und Tradition, sondern es ging ihm um die persönliche geistliche Dimension des Lebens.

2/ Den Seelen helfen – Sendung heute

Der Zusammenhang zwischen Spiritualität und Psychologie wurde in den letzten Jahren in der Wissenschaft genauer untersucht. Seit der Aufklärung und nochmal stärker seit der Begründung der modernen Psychotherapie am Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine große Distanz zwischen diesen beiden Wissenschaftszweigen, ja sogar eine Ablehnung, sich mit der geistlichen Dimension des menschlichen Lebens auseinanderzusetzen. Spiritualität wurde als eine persönliche Meinung und Ansicht, vielleicht noch als eine zeitweise hilfreiche Praxis der Vertröstung angesehen; ihr wurde jedoch keine heilende Wirkung zugeschrieben; jedenfalls keine, die wissenschaftlich relevant war.

Spätestens mit der Erforschung von „spiritual care“, d.h. spirituellen Sorge im Pflegebereich im Krankenhaus, wurde das Thema neu gesetzt. Heute gibt es anerkannte Forschungen darüber, dass Spiritualität, d.h. die persönlich gelebte geistige Dimension des eigenen Lebens, eine heilsame Wirkung hat. So ist z.B. nachgewiesen geworden, dass bei Menschen, die zur Depression neigen, kein anderer Faktor so nachhaltig vor Depression schützt wie eine gelebte Spiritualität. (vgl. Lisa Miller, Das erwachte Gehirn, 2022)

Es bedeutet nicht, dass spirituelle Menschen nicht depressiv werden können oder dass andere Hilfsmittel, wie z.B. Medikamente, gegen Depression nicht helfen würden. Aber viele anerkannte Studien zeigen, dass spirituelle Menschen eher vor Depressionen geschützt sind als andere.

In unserer Welt heute gibt es viele Menschen, die psychologische, seelische Hilfe suchen und Beistand brauchen. Die Zahl der psychisch kranken Kinder und Jugendlichen hat in den letzten Jahren nach Corona in Deutschland erschreckend zugenommen, viele Menschen leider unter Depressionen; in den USA nehmen ein Viertel aller Menschen während ihres Lebens Psychopharmaka, einige über viele Jahre.

Wir können uns fragen: Kann die seelische Not so vieler Menschen nicht vielleicht ein Hinweis darauf sein, dass es an geistlicher Orientierung und schlicht an Spiritualität fehlt? Hat nicht der Verlust der Religion zu einer Sinnkrise geführt, die nun in seelischer Not ihren Ausdruck findet?

Ich sage nicht, dass die fehlende Spiritualität die Ursache für alle seelischen Erkrankungen ist oder dass Spiritualität im Alltag das Allheilmittel sei. Aber könnte es nicht ein wichtiges Heilmittel sein?

3/ Zielgerichtetes und spirituelles Denken verbinden – in aller Freiheit

Spiritualität ist kein Allheilmittel. Es gibt es überall so große Not, nicht nur seelische Not, sondern auch leibliche Not, gerade heute: Die Kriege, vielen Menschen auf der Flucht, der Hunger in Afrika, die Gewalt in Lateinamerika und so fort.

In großer Notlage gilt es, tatkräftig sich einzusetzen und auch für den Leib zu sorgen, wie z.B. mit der Gründung des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in der 1980er Jahren geschah, um den Flüchtlingen aus Vietnam zu helfen, den sogenannten „boat-people“.

Den Jesuiten ist im letzten Jahrhundert immer mehr klar geworden: Vielfach braucht es überhaupt erst eine materielle Grundlage, um sich um geistliche Dinge kümmern zu können. Es braucht das Engagement für Glaube und Gerechtigkeit, für Kultur und Dialog. Den Seelen helfen, das hat oft ganz verschiedene Dimensionen.

Aber trotzdem gilt: Das Augenmerk der Jesuiten soll weiterhin darauf liegen, den Menschen so zu helfen, dass sie sich selbst helfen können, d.h. auch immer die geistliche Dimension im Blick zu haben - und „den Seelen zu helfen“.

Sie sollen also das zielgerichtete, wirksame, rationale Handeln und die spirituelle Dimension in ihrem Tun miteiandern verbinden, ganz so, wie es das Evangelium es heute beschreibt:

Wenn jemand ein Gebäude errichten will, dann betet er nicht zuerst, sondern er rechnet und überlegt er sich, ob seine Mittel reichen, ob er den Bau auch zu Ende bringen kann. Und wenn jemand in eine Auseinandersetzung geht, dann betet er nicht zuerst und sucht nach göttlichen Zeichen, sondern er überlegt sich, ob die Kräfte reichen bzw. ob es nicht bessere, z.B. versöhnlichere Alternativen gibt.

Es gibt viele Dinge im Leben, die brauchen unser zielgerichtetes, rationales Handeln, so wie wir es überall lernen und studieren können bzw. so wie uns die Gesellschaft und der Kapitalismus erziehen. Es ist nicht alles schlecht.

Aber in den entscheidenden Dingen unseres Lebens, in den Fragen nach Sinn und nach Liebe, und wofür ich bereit bin, zu leben, da braucht es auch eine andere Dimension. Wir sollen beides nutzen in der Nachfolge, unsere Spiritualität und unsere Rationalität, in aller Freiheit. Denn wir sind Menschen mit Leib und Seele. Amen.



 

Sonntag, 20. Juli 2025

Gastfreundschaft


Brig, Simplonpass – Gastfreundschaft 

100 Jahre Kapelle der Schwestern von St. Ursula auf dem Simplonpass

Predigt 16 So C 2025 | Les: Gen 18, 1–10a; Kol 1, 24–28; Lk 10, 38–42

1/ Heilige Gastfreundschaft

Gastfreundschaft ist ein hohes Gut, in vielen Kulturen und Religionen. Es bedeutet einen (fremden) Besucher aufzunehmen, zu bewirten und zu beherbergen. In Israel (Lev 19,33-34 / Ex 23,9) wird daran erinnert, dass das Volk in Ägypten selbst in der Fremde gelebt hat. Deshalb soll man den Fremden mit Gastfreundschaft aufnehmen. So wird die Erfahrung der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten zum eigentlichen Grundmotiv der Gastfreundschaft.

Im Neuen Testament wird für Gastfreundschaft das griechische Wort φιλοξενία verwendet. Es bedeutet „Liebe (zum) Fremden“ oder „Fremdenliebe“. Zur Gastfreundschaft wird im Neuen Testament immer wieder ermahnt und ermuntert. Gastfreundschaft wird zu den Werken der Barmherzigkeit gezählt, nämlich Fremde aufzunehmen. 

Was Gastfreundschaft bedeutet, haben wir in der ersten Lesung gehört. Abraham geht seinem unerwarteten und überraschenden Besuch entgegen und empfängt ihn bei sich. Er lässt Wasser holen, so können sie sich die Füße waschen. Er kümmert sich um Essen und Trinken, holt das Beste, was es gibt. Den Gästen gebührt der Ehrenplatz im Schatten. Abraham selbst bediente die Gäste.

Der Jesuit Christoph Theobald beschreibt in seinem Buch „Christentum als Stil“ den christlichen Glauben als „heilige Gastfreundschaft“. Er nimmt Jesus als Vorbild und sagt: „Der Stil Jesu lässt sich als Gastfreundschaft und bedingungslose Bereitschaft, Leute zu empfangen, beschreiben. Im Neuen Testament ist die Gastfreundschaft ein zentrales Thema. Im Brief an die Hebräer findet sich diese großartige Aussage: «Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.» (Hebr 13,2)“

Und weiter: „In der französischen Sprache wird das Wort «hôte» (»Gast») sowohl für den Gastgeber wie für den Gast verwendet. Dieser Doppelsinn ist von tiefer Bedeutung, denn im Bezug zur Gastfreundschaft betont sie eine Symmetrie zwischen dem Gastgeber und dem Gast. Gastfreundschaft meint dann, beim Gast zu Gast sein, denn erstens ist ein Loslassen von sich selbst damit verbunden und zweitens geht es darum, für jedermann da zu sein, hier und jetzt anwesend und gegenwärtig zu sein.“

2/ Der bessere Teil

Im heutigen Evangelium geht es in Auseinandersetzung zwischen Marta und Maria um die Frage, was Gastfreundschaft konkret bedeutet. Jesus kommt in das Haus seiner Freunde. Die eine, Marta, nimmt ihn freundlich auf: Sie sorgt und müht sich um das Essen, um die Getränke, dass alles schön hergerichtet ist, vielleicht um Blumen und Tischschmuck. Die andere, ihre Schwester Maria, setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte ihm zu.

Wer von den beiden lebt nun wirklich die „heilige Gastfreundschaft“? Einerseits Marta, denn sie kann von sich selbst loslassen, bereitet das Essen für den Gast. Anderseits auch Maria, denn sie ist für Jesus da, ist anwesend und gegenwärtig, eröffnet dem Gast den Raum des Zuhörens und der Zuwendung, damit er schenken kann, was er hat: seine Worte, seine Liebe.

Falsch ist es nun, das eine gegen das andere auszuspielen. Beide Teile gehören zur Gastfreundschaft, eben auch die Offenheit und Bereitschaft zu empfangen und zuzuhören. Darin findet die Gastfreundschaft ihren Sinn. Ohne diese Offenheit wird das Sorgen der Gastfreundschaft zur Selbstbeschäftigung. 

In dem Moment, als sich Marta darüber beklagt, dass Maria ihr die ganze Arbeit allein überlässt, ist die Waage schon gekippt. Für Marta scheint die „notwendige“ häusliche Arbeit das eigentlich Wichtige, das Entscheidende bei der Gastfreundschaft zu sein. Diesen Fehler korrigiert Jesus, wenn er sagt, dass der andere Teil der „notwendige“ Teil ist, nämlich die Offenheit und die Bereitschaft, den Gast zu empfangen. Das ist der „gute Teil“ den Maria gewählt hat; nicht als ob der Teil von Marta schlecht wäre. Aber es ist der wichtige Teil, der entscheidende Teil, „bessere Teil“, wie es früher in der Einheitsübersetzung hieß (EU 1980).

3/ Leib und Geist

Zum geistlichen Leben gehört beides „ora et labora“. Abgesehen davon, dass es die höchste Kunst ist, wenn die tätige Nächstenliebe selbst zum Gebet wird („contemplativus in actione“). Aber auch dann wird es auch immer wieder Zeiten von Sorge und Mühe geben, neben der Hingabe und der Freude in der Beziehung zu Jesus.

Manchmal wird das geistliche Leben mehr „ora“ sein, manchmal mehr „labora“. Das Entscheidende aber ist das „et“, dass eben im eigenen Leben beides vorkommt. 

Denn wir Menschen sind Leib und Geist. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Sicherlich kommt es im geistlichen Leben vor allem auf die geistliche Beziehung zu Jesus an. Wir sollen auf ihn hören. Die Aufmerksamkeit des Herzens, die geistliche Offenheit, das ist der eigentliche Sinn des Glaubenslebens. Aber dazu braucht es eben auch die Sorge und die Mühe, die leibliche Anstrengung. 

Abbas Agathon sagte: „Der Mensch gleicht einem Baum. Das Blattwerk bedeutet Mühsal (labor) des Leibes, die Frucht bedeutet die innere Aufmerksamkeit. Im Hinblick auf diese Frucht müssten wir uns vollkommen der Aufmerksamkeit des Herzens hingeben. Aber der Schutz und die Kraft der Blätter, d.h. der leiblichen Anstrengungen, sind nicht minder notwendig.“ (Apophtegmata 8, zitiert nach: Louf, André, In uns betet der Geist (Beten heute 5), Einsiedeln, Trier 1989)

Zitate aus: Christoph Theobald, Es lohnt sich Europäer zu sein: https://www.kath.ch/newsd/es-lohnt-sich-europaeer-zu-sein/