Montag, 10. Mai 2021

Freunde Jesu

Predigt Manresa Hamburg  - Sechster Sonntag der Osterzeit B - 9.5.2021

Biblische Bezugstexte: Apg 10; 1Joh 4; Joh 15,9-17

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine kleine persönliche Vorbemerkung: Dieses Evangelium gehört zu den prägenden Erlebnissen in meiner Jugend. Der Pfarrer meiner Heimatgemeinde las es bei seiner Verabschiedung vor. Er hatte die Gemeinde aufgebaut und fast 30 Jahre geleitet. Nun ging er in den Ruhestand und hatte sich für seine letzte Messe diesen Text ausgesucht. „Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.“ Ich kann mich unter anderem so genau daran erinnern, weil die Messe damals auf VHS aufgezeichnet wurde und ich sie mir später noch einmal angesehen habe. 

Wenn wir auf die gegenwärtige Zeit schauen, so gibt es ein Thema aus dem heutigen Evangelium, das viele Menschen umtreibt. Eine aktuelle Umfrage von Forsa, was Kinder in der Corona-Krise beschäftigt, zeigt, wonach sie sich am meisten sehnen: 76 % gaben an, dass sie ihre Freunde vermissen, den Kontakt zu Gleichaltrigen. Freundschaft gehört zu der tiefen Sehnsucht, die wir in uns tragen. Die Bibel bringt sie mit Jesus in Verbindung, wie wir es gerade im Evangelium gehört haben. „Ich habe euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Johannes 15, 15)

Es gibt so viele verschiedene Formen von Freundschaft, ja vielleicht so viele Formen wie wir Freunde haben. Es gibt Schulfreunde und Facebook-Freunde, Studienfreunde und Mitbrüder, mit denen ich befreundet bin, Pfadfinderfreunde und so weiter. Keine Freundschaft ist wie die andere. Hadwig Müller schreibt in einem Text, den Gerrit Spallek in seinem wöchentlichen Bibel Impuls geteilt hat: „Freundschaft steht im Singular. Sie gründet in nichts anderem als in diesen beiden Menschen. Keine Freundschaft ohne zwei Gesichter, die nicht aufhören, einander voll Neugier anzuschauen, angezogen von dem unauslöschlichen Fünkchen Fremdheit im anderen.“ (zit. n. Lebendige Seelsorge 71. Jahrgang 5/2020, S. 328 – 331) 

An welche Freundinnen und Freunde denken Sie? Für wen möchten Sie heute Abend beten?

Jesus nennt uns seine Freunde. Das ist unerhört - und die Jünger wussten es! Petrus spricht davon in seiner Predigt in Caesarea, aus der wir in der ersten Lesung gehört haben. Dort sagt er:

„Gott hat uns beauftragt, dem Volk zu verkünden und zu bezeugen: Jesus ist der von Gott eingesetzt der Richter der Lebenden und der Toten. Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt.“ (Apg 10,42)

Jesus ist der von Gott eingesetzte Richter, er ist der Sohn Gottes, er vergibt die Sünden - und ihr seid seine Freunde! Welch ein Privileg! Welch ein Geschenk! Welch eine Freiheit und Freude! Das ist die eigentliche Pointe: Jesus ist nicht irgendein Freund, es ist die Freundschaft meines Lebens, die mich freispricht von meiner Schuld.

Es ist eine Erfahrung der Intimität mit Gott, die uns durch Jesus eröffnet wird, tagtäglich. Gott hat sich in Jesus Christus selbst mitgeteilt. Jesus bringt uns nicht nur vor Gottes Angesicht, wie es die Propheten getan haben, sondern ergibt uns Zugang zu Gott, da er selbst in ihm wohnt. 

Christus begleitet ausnahmslos jeden von uns, er geht den Weg mit uns, er geht an unserer Seite. Der Richter ist unser Freund - und zwar zurecht, weil er es so gewollt hat. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“

Es kann sein, dass uns diese Botschaft innerlich berührt und eine tiefe Freude und Sehnsucht in uns wachruft und uns öffnet für die Menschen um uns, die auch eine tiefe Sehnsucht nach Freundschaft in sich tragen. 

„Ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht.“ Das bedeutet: nicht auf dem Sofa sitzen bleiben, nicht in den bekannten Zirkeln die Kontakte pflegen, von denen man hofft, dass sie einem irgendwann einmal nützlich sein können, sondern hinausgehen: auf die Menschen zu, die noch keine Freunde Jesu sind, aber trotzdem einen Glauben in sich tragen.

Der Freundschaft mit Jesus entspricht deshalb in besonderer Weise die Gastfreundschaft anderen Menschen gegenüber. 

Gastfreundschaft meint im Deutschen zunächst die Tugend, den anderen als Gast freundschaftlich aufzunehmen, d.h. Gastfreundschaft als Gastgeber gewähren. Eigentlich meint es aber genauso auch die andere Bewegung und Erfahrung: Gast sein, als Gast beim anderen eintreten und als Gast dem Gastgeber die Freundschaft anzubieten. Denn Freundschaft ist immer beidseitig.

Der Gastgeber nimmt den Gast in sein Haus auf und gewährt im Schutz. Er lässt ihn eintreten in das, was ihm zu eigen ist und eröffnet ihm etwas von seinem Leben. Der Gast lässt sich auf die Begegnung ein, er interessiert sich für das Leben des anderen und liefert sich ihm aus in seiner Verletzlichkeit und Bedürftigkeit. 

Und dort, wo wir unsere Schwäche, unsere Verletzlichkeit und Bedürftigkeit zeigen können, werden wir viel leichter zu Brüdern und Schwestern, als wenn meinen, uns gegenseitig unsere Stärke beweisen zu müssen. Gastfreundschaft macht also eine Begegnung möglich, in der das Wirken Gottes im eigenen Leben entdeckt werden kann. 

Jesus selber hat Gastfreundschaft gelebt. Er war immer wieder bei Menschen zu Gast, die ihn aufgenommen haben: Maria und Martha, Simon der Pharisäer, Matthäus/Levi, Zachäus, und so weiter. Nach seinem Tod und seiner Auferstehung haben die Jünger genauso gelebt. Sie sind umhergezogen und wurden gastfreundlich aufgenommen. Mission als heilige Gastfreundschaft!

Es ist nach Corona an der Zeit, dass wir uns gegenseitig besuchen! In den Anweisungen für das Leben im Alltag der Christen im Hebräerbrief heißt es: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ (Hebr 13,2)

Nach Corona ist die Zeit, dass wir uns einladen. Jetzt schon können wir uns darauf vorbereiten, in dem wir die Freundschaft mit Jesus wirklich leben, ihn bei uns aufnehmen und unser Leben von ihm gestalten lassen, d.h. uns der Erwählung durch ihn und seine Freundschaft bewusst werden. Amen.

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Mission als heilige Gastfreundschaft - „Der in der Diaspora lebende Christ […] nimmt die geistliche Situation seiner Zeitgenossen erst dann richtig wahr, wenn er diese aus seiner unerhörten, durch Christus eröffneten Erfahrung der Intimität Gottes betrachtet, die in ihm auch die Sehnsucht wachruft, das, was er tagtäglich erfährt, mit „Jedermann“ zu teilen, und dies vor allem bei anderen in einer jeweils unerwarteten Gestalt zu erspüren.“ (Vgl. Christoph Theobald, Christentum als Stil. Für ein zeitgemäßes Glaubensverständnis in Europa, Freiburg 2018, S. 106-107).


Sonntag, 25. April 2021

Canisius


In diesen Tagen feiern wir den Gedenktag des heiligen Petrus Canisius (27.4.) und seinen 500. Geburtstag. Bisher erschien mir dieser „Apostel der Deutschen“, den man in der antimodernistisch-kulturkämpferischen Kirche 1925 heiliggesprochen hat, eher als eine ernste, dunkle Gestalt, und mit seinen Katechismen heillos überholt. Nun habe ich mich etwas mehr mit diesem „Wanderer zwischen den Welten“ (Moosbrugger), dem „Unermüdlichen“ (Emonet) und dem Patron unserer neuen Provinz ECE beschäftigt und kann eine gewisse Begeisterung nicht verbergen. Drei Aspekte möchte ich hervorheben.

1 – Seine Prägung in Köln

Peter Kanis wurde am 8. Mai 1521 in Nijmegen geboren, an jenem Tag, als Martin Luther mit der Reichsacht belegt wurde. Nijmegen war auf politischer und wirtschaftlicher Ebene nach Deutschland hin orientiert und gehörte zur Diözese Köln. So war es naheliegend, dass der junge Mann zum Studium nach Köln ging. Mit 14 Jahren, im Januar 1536, schrieb er sich in Köln an der philosophischen Fakultät ein. Er bestand dort in den nächsten Jahren rasch die Examina in Philosophie. 

Die Studienzeit in Köln, die Begegnungen mit Priestern von großer Herzensbildung und profunden theologischen Kenntnissen und das religiöse Umfeld der devotio moderna, haben ihn geprägt: Anfangs wohnte er wohnte bei St. Gereon in einer Priestergemeinschaft: den „Brüdern vom Gemeinsamen Leben“, geleitet von Nicolaus von Esch. Sie standen in engem Kontakt mit der Kölner Kartause, deren Prior Gerhard Kalckbrenner und Subprior Johannes Justus Landsberg prominente Vertreter der Herz-Jesu-Frömmigkeit waren. Petrus Canisius fand in Köln zu seiner affektiv geprägten, christozentrischen und biblisch fundierten Spiritualität.

1539 ging er zum Kirchenrechtsstudium an die Universität Löwen, kam jedoch schon bald nach Köln zurück. Er wollte in die Kartause eintreten, konnte sich aber nicht recht dazu entschließen. Er studierte weiter Theologie in Köln. Über einen spanischen Mitstudenten hörte er vom gerade neu gegründeten Jesuitenorden und von Peter Faber, einem der ersten Jesuiten, der gerade in Mainz Vorlesungen hielt. So reiste er im April 1543 nach Mainz, um Faber zu treffen. Er war fasziniert von ihm, seiner Spiritualität und seiner Art und Weise der Seelsorge. Nachdem er bei Peter Faber in Mainz die Geistlichen Übungen gemacht hatte, trat er unmittelbar danach, am 8. Mai 1543, in die Gesellschaft Jesu ein.

Zurück in Köln, bereitete er die Errichtung einer ersten Niederlassung der Jesuiten in Deutschland vor. Als der Kölner Erzbischof Hermann von Wied jedoch 1545 zur Reformation überlief, die Niederlassung untersagte und versuchte, die Ankunft weiterer Jesuiten in Köln zu verhindern, wurde es dem Domkapitel zu viel. Die Kölner Geistlichkeit entsandte Petrus Canisius (mit 23 Jahren!), um beim Kaiser Hilfe zu suchen. Dieser war bereit, die Kölner Angelegenheit im katholischen Sinne zu lösen: Hermann von Wied wurde zuerst formell abgesetzt und dann aus der Stadt Köln vertrieben, ein neuer Erzbischof wurde installiert; das „heilige Köln“ (so Petrus Canisius in einem Brief an seinen Mitbruder Leonard von Kessel vom 20.8.1547) war für den Katholizismus gerettet.

2 – Seine Prägung in Italien

Mindestens ebenso sehr wie die lange Zeit in Köln, hat ihn die kurze Zeit in Italien geprägt: 1547 bekam er vom Bischof von Augsburg den Auftrag, nach Italien zu reisen, um dort als Theologe am sogenannten „Trienter Konzil“ teilzunehmen. In Bologna, wo das Konzil tagte, begegnete er zum ersten Mal den Jesuiten Claude Le Jay, Diego Laínez und Alfonso Salmerón, d.h. der Gründergeneration des Ordens. Als im Sommer 1547 das Konzil unterbrochen wurde und weil er die brütende Hitze Italiens offenbar schlecht vertrug, wollte er rasch wieder zurück nach Köln: Lieber sterben wolle er, als in Italien leben; am liebsten aber nach Deutschland zurück – so hieß es. Doch Ignatius rief ihn zu sich nach Rom. Er verbrachte ein halbes Jahr in der Jesuiten¬niederlassung und in der Seelsorge mit einfachen Menschen. Im Nachhinein beschrieb er, wie wertvoll diese Zeit für ihn war: „diesen Hort der Weisheit, diesen Ort, wo Demut eingeübt und praktiziert wird, und diese Schule des Gehorsams und aller Tugenden.“ (Briefe I, S. 254f.) 

Ignatius sendete ihn im Gehorsam noch weiter nach Süden: Im Jahr 1548 sollte in Messina auf Sizilien ein Kolleg gegründet werden – das erste seiner Art. Als Lehrer und Erzieher zu wirken und eine Bildungseinrichtung zu leiten, war für Ignatius und die ersten Jesuiten, die als Wanderprediger in Armut leben wollten, zunächst nicht im Blick. Die Stadtväter von Messina wollten jedoch partout eine öffentliche Schule für ihre halbwüchsigen Buben, um sie für die zukünftigen Aufgaben in Politik und Gesellschaft besser ausbilden zu lassen. Die Finanzierung durch die öffentliche Hand war gesichert und der spanische Vizekönig von Sizilien unterstützte das Anliegen. Nach längeren Überlegungen rang sich Ignatius dazu durch und schickte eine Gruppe von Mitbrüdern. Es sollte ein Experiment werden, das Geschichte schrieb.

Zehn Jesuiten aus Rom fanden sich bereit, nach Sizilien zu gehen und dort „jedwede Arbeit zu übernehmen, die ihnen zufallen sollte“. Darunter war auch Jeronimo Nadal (1507-1580), den sie als ihren Oberen wählten, und eben auch Canisius. Wie genau der Unterricht in Messina organisiert wurde und wie der Schulbetrieb lief, wäre ein eigenes Kapitel. Wichtig ist an der Stelle nur, dass Canisius für die pädagogische Oberaufsicht als Studienpräfekt zuständig war und selbst Rhetorik unterrichtete, auch wenn er sich selbst nicht für einen guten Redner hielt.

Es wurde eine gesegnete Zeit. Die Kunde, dass die Jesuiten nun in Süditalien öffentlich unterrichteten und offenbar außerordentlich gute Lehrer waren, verbreitete sich rasch. Auch andere Orte wollten ein Jesuiten-Kolleg. Die Schulen wurden ein Erfolgsmodell, das Canisius auch in seine Heimat importierte. Er war direkt oder indirekt an der Gründung von achtzehn Kollegien im deutschen Sprachraum beteiligt. Die Erfahrungen Messina wirkten nachhaltig und haben ihn fürs Leben geprägt: der apostolische Eifer der jungen und begabten Mitbrüder aus den verschiedenen Ländern Europas, das gemeinsame Leben und Wirken als Gefährten Jesu. Als er im Sommer 1549 nach Rom zurückkam, legte er die feierlichen Gelübde ab; als der achte Jesuit überhaupt.

3- Seine Liebe zur Kirche in Deutschland - und seine Sorge 

Die Enttäuschung über die religiösen Zustände in Deutschland wird in den Briefen, die Petrus Canisius an die Mitbrüder schreibt, immer wieder deutlich, ob aus Ingolstadt, Wien oder anderswo. Es gab z.B. in Wien kaum noch Priester (seit 20 Jahren keine Priesterweihe im Bistum!), die Praxis des religiösen Lebens war in weiten Teilen zusammengebrochen, ebenso wie das Interesse für religiöse Traditionen. Viele Katholiken starben ohne priesterlichen Beistand. Eine gute Predigt erwartete man vergeblich.

Aber Canisius gab nicht auf. Er wusste, was die Leute an den Jesuiten schätzten: die Seelsorge und die Predigten, ihren ernsthaften, glaubwürdigen Lebensstil, die Härte gegenüber sich selbst, ihr Versuch, bescheiden und arm zu leben, die Unentgeltlichkeit ihrer Lehrveranstaltungen und ihre Unbestechlichkeit.

Gerade deshalb war es ihm wichtig die mitbrüderliche Gemeinschaft zu erhalten und zu fördern. Er hielt die Spannungen zwischen Mitbrüdern geduldig aus und betete für jene, die die Gemeinschaft verließen. Zudem war er als Provinzial der Oberdeutschen Provinz für die Leitung der Kommunitäten verantwortlich.

Als Petrus Canisius 1557 den Kölner Mitbrüdern einen Besuch abstatte und die Kommunität Richtung Worms verließ, war er befremdet angesichts des zurückhaltenden und unterkühlten Gebarens seiner Gastgeber und ihrer wenig herzlichen und spröden Art, von denen Abschied zu nehmen, die zu einer Reise aufbrachten. So ließ der dem Oberen der Kommunität, Leonard Kesse, folgende Ermahnung zukommen: 

„Ich wünsche, dass alle Unsrigen, wenn die Abreise von Mitbrüdern ansteht, sich umarmen. Mich befremdete es, dass man – sei es durch Ihre oder sei es durch meine Schuld – sich beim Abschied so unpersönlich gebärdete und so wenig seiner Zuneigung zu den anderen Mitbrüdern nach außen hin Ausdruck verlieh, wo dich die mitbrüderliche Nächstenliebe nach äußeren Zeichen verlangt. Ich denke, man muss die Mitbrüder auf brüderlichere Weise behandeln. Ich beklage mich nicht und klage Sie auch nicht an, es mir gegenüber an Rücksicht fehlen gelassen zu haben. Aber ich möchte Sie einfach nur dazu anhalten, Ihren Mitbrüdern eher mit italienischer Liebenswürdigkeit als mit deutscher Unterkühltheit zu begegnen – sei es, wenn Sie zu Ihnen kommen, oder sei es, wenn es gilt, sich von Ihnen zu verabschieden.“ (Briefe II, S. 142) 


Sonntag, 18. April 2021

Espinal

Jesuitas Acústicos: Gastar la vida

Luis Espinal SJ - Bildquelle: Jesuits Ireland

nach einem Text von Luis Espinal SJ (1932-1980): Das Leben verschwenden

Oh, Herr Jesus, wir haben Angst, unser Leben zu verschwenden, aber du hast uns das Leben gegeben, um es hinzugeben, nicht um es in steriler Selbstsucht zu sparen. Sein Leben zu verschwenden heißt, für andere zu arbeiten, auch wenn sie uns nie bezahlen, nicht einmal einen Gefallen tun. Sein Leben zu verschwenden heißt, sich hineinzuwerfen und auch zu scheitern. Sein Leben zu verschwenden, heißt vielleicht, wenn nötig die eigenen Schiffe für die Menschen zu verbrennen.

Das Leben gibt sich nicht mit großen Gesten noch mit falscher Theatralik. Das Leben gibt sich mit Einfachheit und ohne Werbung. Wie Wasser aus der Quelle und die Mutter, die ihr Kind säugt; wie der arbeitende Bauer schwitzt.

Die Zukunft ist ein Rätsel, sie verliert sich im Nebel, denn in der Nacht bist du da, ohne zu schlafen, du vergießt tausende Tränen, denn in der Nacht bist du da, ohne zu schlafen, du vergießt tausende Tränen, denn in der Nacht bist du da.

Text: Luis Espinal SJ, Oraciones a quemarropa (1980) – bearbeitet von Jesuitas Acusticos (2020) – ins Deutsche übertragen von Christian Modemann SJ (2021)

 

Samstag, 3. April 2021

Klagelieder

Einführung zur Lesung der Klagelieder 

im ökumenischen Forum am Karsamstag 2021

Der Karsamstag ist von jeher ein stiller Tag, ohne liturgische Feier. In den Klöstern werden nur die Tagzeiten gebetet. Dazu gehört am Karsamstag auch die Lesung aus den Klageliedern, die in der Tradition dem Propheten Jeremias zugeschrieben werden – und zwar aufgrund der Einleitung, die man in der griechischen Übersetzung des Textes findet.

Dort heißt es (vgl. 2Chr 35,25): „Es geschah, nachdem Israel weggeführt war in Gefangenschaft und Juda zur Wüste geworden, da setzte sich der Prophet Jeremia weinend danieder; so klagte er über Jerusalem und sprach.“ 

Die Klagelieder bringen in vielfältiger Weise die Not, das Leid und den Schrecken der Eroberung und der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. zum Ausdruck. Neben der Stimme eines Einzelnen des Erzählers kommt in den Liedern die weiblich personifizierte Stadt Jerusalem beziehungsweise die Tochter Zion zu Wort, die wie eine klagende Frau der Bevölkerung ihre Stimme gibt.

Das Bekenntnis der eigenen Schuld und das Vertrauen auf Gott werden in den Klageliedern benannt, vor allem aber wird Gott selbst angeklagt. Wo angesichts von unermesslichem Leid theologische Erklärungen versagen, wird die Klage vorgetragen – mit einer festen, kunstvoll gestalteten poetischen Form.

Die Klagelieder wollen nicht Gott in Frage stellen, sondern sie wollen Gott die Frage stellen. In der Form des Gebets sprechen die Menschen Gott an, ihn der alles geschaffen hat und in seinen Händen hält – ist er nicht auch verantwortlich für das Böse und das Leid, das geschieht? Warum lässt er es zu?

Zu der Klage gehört im Angesicht Gottes auch der schonungslose Blick auf das eigene Volk, die eigene Gemeinschaft, die Schuld, das Versagen, die Fehler und Sünden der eigenen Glaubensgemeinschaft. Dabei geht es nicht um Rache oder Strafe. Der Beter ringt darum, Gottes Gerechtigkeit zu erkennen – und zugleich nicht aufzuhören, auf seine Zuwendung zu vertrauen.

Der Text der Klagelieder steht im Kontext des Alten Testaments. Für sich allein wäre er unverständlich. Wir Christen lesen ihn zudem mit den Texten des Neues Testaments am Karsamstag, nach der Erinnerung an den Tod Jesu am Kreuz. Die Klagelieder deuten das Leiden und Sterben Jesu. Seine Hingabe aus Liebe ist für uns die Antwort Gottes auf die Frage, die ihm in den Klageliedern gestellt wird. 

Es ist jedoch nicht so, dass Christen nun schon alles begriffen haben – und nicht mehr klagen dürften. Denn Gottes Antwort in Jesus Christus übersteigt unser Begreifen und lässt uns weiter fragen und klagen, allerdings auf eine andere Weise: Zusammen mit Christus, der am Kreuz fragt und klagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Braucht es also heute noch die Klagelieder? Gerade heute! Überall auf der Welt werden Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt. Viele Christen werden verfolgt: in Indien, in einigen afrikanischen Ländern, in Süd- und Ostasien. Seit mehr als 10 Jahren herrscht Krieg in Syrien, die Kinder leiden besonders.

Bei uns in Deutschland gibt es Schuld - in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft, die zu Ungerechtigkeit führt. Die Pandemie verschärft diese Situation und bringt Leid über die Menschen. Der evangelische Ratsvorsitzende Bedford-Strohm spricht von der „Seeleninzidenz“, von den Auswirkungen der Pandemie auf das seelische Leben, das sich in psychischen Krankheiten und Gewalterfahrungen zeigt. 

Der Text der Klagelieder fordert uns heraus und er fordert Gott heraus. Es ist keine leichte Botschaft, keine Botschaft des lieben Gotts („der ist lieb, der tut nichts“). Es ist ein Text, der uns am Ende hoffentlich nicht sprachlos hinterlässt.

Wir werden die fünf Kapitel szenisch lesen, jeweils unterbrochen von etwas Musik. Der Erzähler wird von Georg Franitza und von mir, Christian Modemann, gelesen. Hannah Hufnagel liest die Stadt Jerusalem bzw. die Tochter Zion und Christian Stürznickel den Propheten Jeremia.

Wir beginnen und schließen jeweils mit einem Vers als Responsorium. Er lautet „Vor den Pforten der Unterwelt rette, o Herr, mein Leben.“ – Ich spreche ihn jeweils vor und Sie können die Wiederholung mitsprechen: „Vor den Pforten der Unterwelt rette, o Herr, mein Leben.“ 


Freitag, 26. März 2021

Ein Zelt der Begegnung


GCL Welttag 25.3.2021

Kleiner Michel, Hamburg - Predigt

„Die beeindruckende geistliche Erfahrung des Welttreffens 2018 von Buenos Aires fand in einem Zelt statt – einem großen, weißen Zelt inmitten eines armen Viertels einer lateinamerikanischen Peripherie. Im Zelt hatten wir das Gefühl, dass die Fähigkeit und Aufgabe der GCL darin besteht, Unterscheidungsprozesse zu ermöglichen und zu begleiten.“ – so liest man es in der letzten Ausgabe von „GCL intern“. Dort bietet Daniela Frank eine Zusammenfassung des Impulses des GCL-Weltvorstands zum heutigen Welttag. Er greift erneut das Anliegen der „Unterscheidung in Gemeinschaft“ auf – und erzählt dabei, wie nebenbei vom erfahrenen Raum der gemeinschaftlichen Unterscheidung – im Zelt.

Zelte sind Orte, die für eine bestimmte Zeit aufgebaut werden und vor Regen und Sonne schützen. Ich selbst übernachte gerne in einem Zelt. Es kann heimelig und gemütlich sein, wenn der Regen auf das Dach prasselt. Ich fühle mich geborgen – und mir ist gleichzeitig bewusst, dass ich nicht für immer bleiben kann, sondern weitergehen muss.
 
Das Zelt hat in der Geschichte des Volkes Gottes eine große Bedeutung. Die Bundeslade des Herrn wohnte in einem Zelt. Das Zelt mit der Bundeslade wird zum Ort der Gottesbegegnung. Es ergab sich so, denn Gott war seinem Volk unterwegs begegnet – und jedes Jahr zum Passahfest erinnerte man sich an diese befreiende Zeit des Auszugs. Gott verbietet David durch den Propheten Natan, ihm ein Haus oder einen Tempel zu bauen. Im Gegenteil verheißt er David: Ich werde Dir ein Haus bauen, das Bestand hat.
Im Johannes-Prolog wird die Menschwerdung Jesu mit dem Bild des Zeltes gedeutet: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1, 14) – wörtlich „zeltete unter uns“. Den Sohn Gottes, den die Jungfrau Maria empfängt, das Wort Gottes, wurde gegenwärtig in dieser Welt – für eine begrenzte Zeit und auf eine vergängliche Weise, nämlich als Mensch. In der Begegnung mit ihm begegnetet die Menschen Gott selbst. Dort „wohnte“ Gott unter den Menschen.
Dieses einmalige Ereignis in der Geschichte der Menschheit zeigt: Gott wirkt in dieser Welt. Ich möchte nicht sagen, „Gott handelt“, denn „handeln“ ist etwas Menschliches, das oft mit einer bestimmten, begrenzten Absicht zu tun hat und mit Geben und Nehmen zu tun hat. Der Handel ist eine Form des Handelns; es gibt neben dem „Handel“ noch viele andere, auch selbstlose Formen des Handelns von Menschen, Gott sei Dank; aber das Wort „handeln“ scheint mir doch für Gott nicht angemessen.
Er wirkt in dieser Welt. Das macht deutlich: Es ist nicht einfach ein Gott, der die Welt am Anfang gut geschaffen hat, dann kam leider die Sünde in die Welt, alles geht seinen Gang und er sieht mit verschränkten Armen vom Himmel her zu, wie das alles vor sich geht. Eine solche Vorstellung bezeichnet man als Deismus; ich sage gerne der „Uhrmachergott“ – er hat die Welt wie eine Uhr einmal aufgezogen und dann läuft die Geschichte einfach ab und er schaut zu. So ist Gott nicht. Das ist keine christliche Gottesvorstellung!
Einer der das in besonderer Weise begriffen hat, ist der heilige Ignatius von Loyola. In seiner Betrachtung der Menschwerdung, die zum heutigen Fest der Verkündigen passt, lässt er den Betenden die Dreifaltigkeit Gottes schauen, wie sie auf die Erde schaut – und dann in die Geschichte eintritt: „Wie die drei Göttlichen Personen die ganze Fläche oder das gesamte Erdenrund voll von Menschen überschauten und, sehend wie alle zur Hölle abstiegen, in ihrer Ewigkeit beschlossen, dass die zweite Person sich zum Menschen mache, um das Menschengeschlecht zu retten, und, als die Fülle der Zeit gekommen war, den Engel Gabriel zu Unserer Herrin sandten.“ (EB 102)
Doch selbst, wenn man das anerkennt, dass Gott einmal vor 2000 Jahren in einer unübertroffenen Weise durch die Geburt, durch das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu in dieser Welt gewirkt hat, so kann man sich trotzdem fragen, ob er heute noch wirkt. Ob seine Gegenwart in dieser Welt und in meinem Leben spürbar und erfahrbar ist – gerade angesichts der viele schrecklichen Entwicklungen in dieser Welt, angesichts der weltweiten Ungerechtigkeit und Armut und der ökologischen Katastrophen. Hat er nicht sein Zelt unter uns schon längst abgebrochen?
Der Glaube hält sich dabei weiterhin ganz an Jesus Christus – und gerade deshalb hat das Fest seiner Menschwerdung (das Fest der Verkündigung unseres Herrn an Maria!) so eine große Bedeutung für uns. Gott wirkt durch Jesus Christus – auch wenn er nicht mehr unter den Menschen als ein Mensch lebt, so hat der Vater seinen Jüngern doch seinen Geist gesandt.
Das Wirken Gottes ist ein geistiges Handeln. Gott schraubt nicht an seiner Schöpfung herum wie ein Handwerker, sondern er ist Liebe und wirkt durch die Liebe in seinen Geschöpfen. Und zwar auf eine Weise ganz besonders: Durch den Glauben an Jesus Christus befreit er sie von Angst und Schuld und schenkt Leben in Fülle.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ – so sagt es der Apostel Paulus. Freiheit besteht eben nicht nur darin, dass ich wählen kann, welche Farbe mein Auto hat und ob ich gerne Pommes esse. Freiheit besteht auch in der Freiheit von Angst und Sünde, von dem, was mich von Gott absondert und in der Freiheit das zu tun, was dem Leben dient und worin Freude und Heil zu finden sind.
Wer so befreit durchs Leben geht, der erkennt das Wirken Gottes in allem. Ignatius beschreibt das am Ende der Exerzitien in der Betrachtung „um Liebe zu erlangen“. Sie ist ganz vom Wirken Gottes in dieser Welt geprägt: In der Schöpfung, in mir, in allen Elementen, und in einer andauernden Beziehung wirkt Gott auf eine geistige Weise. Er verschenkt sich – so erkennt Ignatius - wie die Strahlen der Sonne und wie der Quell des Wassers.
Der Weltvorstand der GCL ermutigt die Mitglieder, inmitten der Wirklichkeit von Not ein Zelt aufzustellen, einen Ort der Gottesbegegnung zu schaffen. Das möchte ich gerne unterstützen. Dafür können wir uns die Frage stellen, wo die GCL in Hamburg dies schon tut und wo sie es möglichweise noch tun möchte und kann. Entscheidend für diesen Anstoß ist aber die lebendige Erinnerung daran, dass Gott unter uns sein Zelt aufgeschlagen hat. Und dass wir selbst durch die Geistkraft mit ihm, dem Menschgewordenen, verbunden sind.

"Wir haben hier keine bleibende Stadt", Schlusslied aus der Sankt Georgener Messe (1993)
Text: Eugen Eckert, Musik: Herbert Heine

„Wir müssen in unseren Herzen eine Leidenschaft für die Botschaft des Evangeliums von Christi Freude, Einheit, Frieden und Liebe spüren“, so heißt es in dem Text am Schluss. Und weiter: „Wir wollen uns gemeinsam im Geist freuen. Wie Maria und Ignatius möchten wir offen und aufmerksam sein für die Bewegungen des Heiligen Geistes in unseren Herzen und verfügbar sein, um zu antworten: zu vertiefen, zu teilen und weiterzugehen.“

Montag, 21. Dezember 2020

Wo wohnt Gott?




Predigt Vierter Adventssonntag B

 - Wo wohnt Gott? (Lk 1,26-38)

Vor Weihnachten beten wir darum, dass Gott in diese Welt kommen möge. Doch, wenn er kommt: Wo wird er bleiben? Manche sagen, Gott befinde sich an bestimmten Orten, an denen man ihm begegnen und zu ihm beten kann. Andere sagen, Gott sei überall und nirgends, d.h. an dem einen Ort ebenso gegenwärtig wie an jedem anderen. Wo wohnt Gott? Die Lesungen des heutigen Tages erzählen von der Suche nach der Gegenwart Gottes in dieser Welt.

1 König David wohnt in einem Haus aus Zedernholz. Die Lade Gottes wohnt in einem Zelt. Die Bundeslade ist der Holzkasten, in dem früher einmal die Steintafeln mit den Zehn Geboten aufbewahrt wurden. Sie erinnert an den Bund Gottes mit seinem Volk Israel und ist eine Gegenstand der Verehrung gewesen, eine innen wie außen mit Gold überzogene Truhe aus Akazienholz, der Ort seiner Gegenwart.

David möchte für die Lade Gottes ein Haus bauen. Er hat es gut gemeint, er wollte Gott etwas Gutes tun und ihm einen Tempel bauen. Aber Gott weist den Vorschlag zurück. Warum? Zwei Gründe halte ich für möglich.

a Nicht der Mensch macht Pläne für Gott, sondern Gott macht Pläne für den Menschen und zum Heil der Menschen. Wir müssen nicht Gott etwas Gutes tun, sondern er tut uns Gutes. Gott befiehlt den Menschen, etwas zu tun; nicht umgekehrt. So wie er den jungen Hirten David erwählt hat, um dem Volk Frieden zu schenken, so wird er ihm und seine Nachkommenschaft erwählen, um das Volk auf die Ankunft des Messias vorzubereiten. „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor.“ (Jes 11,1). Ein Wortspiel im hebräischen Text: Denn „Haus“ bedeutet im Hebräischen zugleich Tempel bzw. Palast wie auch Dynastie.

b Die Bundeslade wird der „Thronschemel“ Gottes (Ps 132,7) genannt, denn sie ist der Ort, an dem Gott in seinem Volk auf verborgene Weise „wohnt“. Er erscheint dort in seiner „Herrlichkeit“ (hebräisch kabod, griechisch doxa). Die „Herrlichkeit“ ist der Glanz der Heiligkeit Gottes, die Dynamik seines Wesens, d.h. die Art und Weise, wie Gott in seinem Volk gegenwärtig ist. Der Diebstahl der Lade wurde als Verlust der „Herrlichkeit“ gesehen (1 Sam 4,21f.).

Herrlichkeit hat ursprünglich etwas mit Gewicht zu tun, mit Wucht. Die Bedeutung, die einer Person zukommt, der ihr zuggedachte Respekt, ihre Ehre. Aber anders als bei Gold oder Diamanten, deren Wert wird in Unzen oder Karat gemessen wird, bezeichnet Herrlichkeit nicht den vergänglichen Reichtum einer Person, sondern ihre wirkliche Pracht, den Glanz und die Schönheit, den ewigen Reichtum.

Jesaja schaut die Herrlichkeit Gottes in Gestalt von verzehrendem Feuer und Heiligkeit, die jegliche Unreinheit der Kreatur, ihre Vergänglichkeit und ihre Nichtigkeit bloßlegt – aber nicht, um sie zu zerstören, sondern um sie wieder aufzurichten. „Steh auf, werde licht, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des HERRN geht strahlend auf über dir.“ (Jes 60,1) – so sagt der Prophet Jesaja zum Volk. Von der Herrlichkeit Gottes geht ein Licht aus, das Israel und die Völker erleuchtet.

Von der Herrlichkeit geht Frieden aus, Glück, Heiligkeit – ihre Wirkungen sind für die Menschen in unterschiedlicher Weise erfahrbar und wahrnehmbar. Die Herrlichkeit ist aber von den Menschen nicht zu begreifen oder festzulegen. Sie ist frei und unverfügbar. Deshalb ist es gut, dass es keinen Tempel gibt. Gott wohnt unter den Menschen, aber er dieser Ort ist nicht aus Stein oder Holz, es ist kein Palast, sondern ein Zelt, der er lässt sich nicht durch die Menschen festlegen, festsetzen. Seine Wohnung ist deshalb arm, weil sie eigentlich immer auch woanders sein kann; wo wir es nicht vermuten.

2 Von dieser Herrlichkeit ist auch bei Paulus die Rede. Die zweite Lesung ist der eine Schlusssatz des Briefs an die Römer, ein bisschen verschachtelt und kompliziert. Es gibt nur ein Hauptwort in diesem Satz, auf das alles zuläuft: Ehre (griechisch doxa). „Ihm, dem einen, weisen Gott, sei Ehre – durch Jesus Christus in alle Ewigkeit.“ Herrlichkeit oder Ehre gehört zu den Grundworten unseres Glaubens.

3 Und auch im Evangelium kommt es vor, wenn auch etwas versteckt. Es wird uns berichtet, dass Gott selbst sich einen Ort aussucht, um bei den Menschen zu wohnen. Lukas beschreibt die besondere Erwählung Mariens als Ort der Gegenwart Gottes, wie sie sonst nur bestimmten Propheten und Königen zukommt: „Der Herr ist mit Dir.“ (vgl. 2 Sam 5,10).

Als Maria diesen Gruß des Engels hörte, „erschrak sie über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.“ (Lk 1, 29) Das Erschrecken und Überlegen ist ein Erstaunen, eine Ehrfurcht. Maria nimmt im Glauben wahr, dass es sich bei diesem Gruß um eine besondere Zuwendung des unbegreiflichen Gottes handelt, der große Dinge tut und das Niedrige erhöht. Jemand anderes hätte den Gruß vielleicht höflich und freundlich erwidert und wäre weitergegangen: „Ei, was für ein netter Gruß. Ja, mit ihnen auch, schönen Tag noch, alles Gute, auf Wiedersehen.“ Maria aber empfindet und erfährt die Gegenwart Gottes in ihrem Leben. Durch sie soll ein Kind geboren werden, das „heilig“ und „Sohn Gottes“ genannt wird (Lk 1,35).

Und wie soll das geschehen? Der Engel sagt: „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Lk 1,35). Die „Kraft des Höchsten“ ist eine Erscheinungsweise der Herrlichkeit Gottes. Gott wird Mensch in Maria, dem jungen Mädchen aus Nazareth in Galiläa vor 2000 Jahren, und zwar so, dass die Menschen seine Gegenwart wahrnehmen können! Und seine Herrlichkeit leuchtet über ihr auf. Gott selbst macht sich begreifbar und angreifbar in Jesus Christus. Gott wird Mensch und, wie der Evangelist Johannes sagt, „wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14) Er hat unter uns gewohnt, so wörtlich Johannes: „gezeltet“ (Joh 1,14).

4 Wo bleibt Gott? In Jesus Christus. Das ist die einfache und klare Antwort des christlichen Bekenntnisses. Und wir fügen hinzu: Alle, die auf Jesus vertrauen und ihm nachfolgen, werden zur Wohnung Gottes: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.“ (Joh 14, 23; vgl. 1 Kor 3,16) Gott ist uns näher als wir uns selbst! Du bist der Ort, an dem Gott wohnen möchte! So beten wir heute im Tagesgebet: „Gieße deine Gnade in unsere Herzen.“ Du bist eine Herrlichkeit Gottes. Sagen Sie sich das einmal! Ich bin …

5 Diese Wochen und Monate der Pandemie führen dazu, dass wir zu Hause bleiben müssen. Wir sollen Kontakte reduzieren und erleben Ausgangsbeschränkungen. Es wird deutlich, wie bedeutsam die eigene Wohnung ist. Ist die Wohnung groß genug? Gibt es Platz zum Schlafen, Essen, Arbeiten, Spielen, Lachen? Gibt es einen Platz zum Beten und zum Nachdenken? Gibt es Platz zum Leben?

Immer wenn es eng wird, geraten wir unter Druck. Einige Familien leben auf 60 oder 70 Quadratmetern, das kann leicht zu Spannungen führen. Bei manchen stehen viele Dinge herum, die unnötig sind. Kann ich Platz machen für Neues? Ist es ein schöner Ort, wo ich gerne bin? Ist es ein Ort, an dem die Tür für Gott öffnen kann, denn er kommt bald.

Gott, der Zeit und Raum übersteigt, offenbart sich in Raum und Zeit. Seine Weise bei uns zu sein ist seine Herrlichkeit. Das sind Momente, in denen ich spüre, dass ich lebendig bin, in denen ich Kraft und Stärke spüre, Freundschaft und Liebe, Zuwendung, Freude, Frieden. Das sind Erfahrungen, die sich nicht allein durch menschliche Pläne und Anstrengung erreichen lassen. Das sind Momente, in denen wir spüren, dass ein Licht aufleuchtet, etwas Gutes entsteht, Verstehen und Verzeihen möglich wird.

Wo wohnt Gott? Er wohnt dort, wo man ihn einlässt. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser Woche vor Weihnachten in Ihrer Wohnung die Tür für Gott öffnen können. Dass es bei Ihnen zu Hause Platz für das Leben gibt. Amen.

Dienstag, 17. November 2020

Talente und Sichtweisen

 Predigt Sonntag 15.11.2020 (33 Sonntag im Jahreskreis A), Hamburg

Liebe Schwestern und Brüder,

vor zehn Tagen wurde in Amerika ein neuer Präsident gewählt. Mehrere Tage haben wir in den Nachrichten die Hochrechnungen verfolgen können, bis schließlich vor einer Woche der Wahlsieger verkündet wurde. Noch immer gibt es kein amtliches Endergebnis und das Ringen um den Wechsel im Weißen Haus geht weiter. Die Situation stellt uns persönlich vor die Entscheidung, wem wir glauben: Dem Amtsinhaber, der von Wahlbetrug spricht und behauptet, er habe die Wahl gewonnen; alles andere sei eine Kampagne der Medien gegen ihn? Oder dem Herausforderer, der dem die Staatschefs aller Länder zum Wahlsieg gratulieren und der als Präsident aller Amerikaner verspricht, die Nation zu einen? Wer ist glaubwürdig? Wem vertraue ich? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen, man muss sich doch nur die Wahlstimmen anschauen; die Wirklichkeit ist doch – Zählung um Zählung - offensichtlich. Entscheidend sind doch die Fakten: derjenige sollte Präsident werden, der nach dem amerikanischen Wahlrecht gewonnen hat. Es kommt doch nur auf die Stimmen bzw. die Wahlmänner und -frauen an. Einfach mal hinschauen!

Die gleiche Frage stellt sich meines Erachtens auch im Blick auf das heutige Evangelium. Dort geht es um drei Diener (Knechte, Sklaven), die von ihrem Herrn, der auf Reisen ging, ein großes Vermögen anvertraut bekamen. Ein Talent entsprach damals 60 Minen, eine Mine 1000 Denaren und ein Denar war der Tagelohn eines Arbeiters. Das heißt ein Talent entsprach dem Lohn für 30 Jahre Arbeit! Wenn man das auf heute überträgt, geht es bei den acht Talenten, die verteilt werden, um etwa 4 bis 5 Millionen Euro, die an die drei Diener verteilt werden. Dabei ist klar: Das Geld wird nicht verschenkt, sondern anvertraut. Es gehört dem Herrn. Ihr bekommt es für einen bestimmte Zeit und könnt damit wirtschaften.

Nach langer Zeit kommt der Herr zurück, rechnet ab, verlangt Rechenschaft. Zwei haben gut gewirtschaftet und jeweils das Vermögen verdoppelt. Diese beiden lobt der Herr: „Sehr gut, du treuer und tüchtiger Diener.“ Er verspricht ihnen, er werde ihnen ein größeres Vermögen anvertrauen und vor allem lädt er sie ein, teilzunehmen an einem Fest: Mit ihm zu sein und teilzuhaben an seiner Freude! „Komm, nimm teil, am Freudenfest deines Herrn.“

Diese beiden würden also von ihrem Herrn sagen: Das ist ein großzügiger, unternehmungslustiger, lebendiger, wohlwollender Herr, der seinen Diener einiges zutraut, sie groß werden lässt, sie lobt, Anerkennung schenkt.

Einer hat schlecht gewirtschaftet. Er hat das Geld zwar nicht verloren, aber er hat auch nichts dazu gewonnen. Denn er ist auf Nummer sicher gegangen und hat das Geld vergraben. Das war zur damaligen Zeit eine nicht unübliche, aber eben doch wenig kreative und produktive Methode, um Geld aufzubewahren. Als er von seinem Herrn zur Rede gestellt wird, rechtfertigt er sich und sich die Schuld für seine Mutlosigkeit nicht bei sich, sondern beim Herrn. Er sagt es offen: Er hatte Angst vor Verlust und Versagen. Die Ursache dieser Angst sieht er beim Herrn selbst, den er als streng und ungerecht beschreibt. Er wird vom Herrn bestraft, indem er ihm das Vermögen abnimmt und ihn hinauswirft, in die „äußerste Finsternis“. Die Begründung für solch drastisches Verhalten? „Du bist böse und träge!“, so sagt ihm der Herr.

Dieser Diener würde als von seinem Herrn sagen – und er tut es expressis verbis in der Geschichte: Das ist ein strenger Mann, hart und unbarmherzig. Ich habe es vorher gewusst und war deshalb ärgerlich und ängstlich-träge im Umgang mit dem anvertrauten Vermögen. Dieser Herr, der Druck ausübt und Leistung fordert, der wiederkommt und abrechet, der macht mir Angst.

Zwei so unterschiedliche Sichtweisen auf den gleichen Herrn? Kann das sein? Wer ist glaubwürdig? Wem vertraue ich? Den beiden ersten Dienern oder dem dritten? Welche Kriterien gibt es, um das zu entscheiden?

In der Geschichte nimmt der Dialog mit dem dritten Diener den größten Raum ein, das Interesse der Parabel liegt eindeutig auf seiner Person. Er wird uns als eine Gestalt angeboten, mit der wir uns vielleicht sogar identifizieren können. Aber am Ende wird er bestraft und hinausgeworfen. Was für eine verstörende Geschichte!

Das Gleichnis ist widerständig und irritierend und man kann es leicht missverstehen. Zwei meines Erachtens falsche Interpretationen möchte ich nennen.

Bertold Brecht hat in seiner Dreigroschenoper dieses Gleichnis als Rechtfertigung von Ausbeutung und Profit scharf kritisiert. Mit welcher Wirtschafts-Methode haben die beiden ersten Diener einen Gewinn von 100% machen können? Wohl wahrscheinlich mit dem Handel von Waren und der Spekulation mit Land. Und die Moral des Gleichnisses scheint eine Heiligsprechung des kapitalistischen Systems zu sein: Wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Das soll die Verkündigung Jesu sein? Dagegen protestiert Brecht. Aber meines Erachtens trifft er damit nicht den Kern der Aussage des Evangeliums.

Zugegeben: In diesem Gleichnis protestiert Jesus nicht gegen die Ungerechtigkeit, gegen die Armut. Und er benutzt als Bildebene mit dem Geld, mit den Talenten, einen Vergleich aus der Wirtschafts-Welt von Handel und Spekulation. Aber es geht ihm, so meine ich, um etwas anderes als um Wirtschaftshandeln.

Das zweite Missverständnis ist die verbreitete Deutung im Sinne der individuellen Selbst­ver­wirklichung. Eine Aktualisierung der Parabel in einem Religionsbuch für Siebtklässler lautet: „Du bist sprachbegabt! Warum lernst du nie deine Vokabeln? Du verstehst die Fragen! Warum machst du keine Hausaufgaben? Du hast gute Gedanken! Warum arbeitest du nicht mit? ... Beweg dich! Mach was aus dir! Nutze die Möglichkeiten! Alles liegt an dir!“ (aus: Dasein. Wege ins Leben 7, Unterrichtswerk für den Evangelischen Religionsunterricht an der Hauptschule, von Werner Haußmann (u.a.), Frankfurt a. M. 2001, 26.) Diese Deutung liegt ganz im Trend: Nutze deine Zeit. Jede und jeder hat Talente und Begabungen. Nutze sie. Dem einen ist viel gegeben, dem anderen weniger; es kommt nur darauf an, was Du daraus machst.

Diese Botschaft ist keine ungewöhnliche Ermutigung, sondern unterstützt nur das von der Gesellschaft geforderte Leistungsdenken: Du kannst Leistung bringen, dann tu es auch. Es dient alles deinem eigenen Erfolg und Fortschritt. Wenn ich das Gleichnis so verstehe, dann ist die Bestrafung des dritten Dieners für Menschen mit Angst vor Verlust und Versagen nur eine weitere Bedrohung. Auch diese Interpretation, meine ich, trifft die Aussageabsicht Jesu nicht.

Worum geht es denn dann? Ich komme nochmals zur Ausgangsfrage zurück: Wer ist glaubwürdig in dieser Geschichte? Wem vertraue ich? Es stehen sich wie gesagt, zwei Sichtweisen auf den Herrn gegenüber: Ein großzügiger, wohlwollender, Gemeinschaft stiftender Herr und ein strenger, harter, unbarmherziger Herr. Welche Sichtweise ist richtig?

Genau wie bei der Wahl in Amerika lädt Jesus uns ein: Einfach mal hinschauen, was wirklich ist. Entscheidend sind doch die Fakten. Wach werden und die Realität wahrnehmen. Der dritte Diener, um den es hier geht, hat doch ein riesiges Vermögen anvertraut bekommen. Und er zweimal sehen können, wie der Herr gegenüber den anderen Dienern reagiert: Großzügig, wohlwollend, gütig, nicht vorwurfsvoll, kleinlich. Was er schenkt ist: Teilhaben an der Freude.

Und dann kommt er an die Reihe und behauptet einfach das Gegenteil. Schon merkwürdig, oder? Ja, zugegeben, er hat Angst. Aber warum denn? Weil er in seiner Sichtweise gefangen ist. Er ist nicht fähig oder bereit auf die Wirklichkeit zu schauen. In dem Maß jedoch, indem er sich der Wirklichkeit verschließt und in Selbstrechtfertigung verfällt, glaubt er mehr seiner eigenen Angst als dem Verhalten des Herrn.

Das Gleichnis spaltet! Es konfrontiert uns mit unserer Sichtweise auf Gott und auf das Leben. „Wir kommen, wohin wir schauen.“ (Heinrich Spaemann)

Wenn ich auf die offensichtliche Großzügigkeit und Güte Gottes schaue, erscheint mir die Welt, mein Leben, meine Begabungen, unsere Freundschaften als ein riesiger Schatz, der mir anvertraut ist und mit dem ich kreativ und produktiv umgehen kann.

Wenn ich aber Angst habe vor Gott, einen strafenden Gott vor Augen habe, gegenüber dem ich Leistung bringen muss, dann werde ich mit dieser Angst fast jedes Verhalten rechtfertigen können. Dann werde ich mich immer tiefer in mir selbst eingraben. Dann wird alles Gute, was ich tagtäglich von geschenkt bekomme, was ich erlebe, nur von dieser Angst davon geprägt sein. Dann werde ich nur auf die Mängel und die Ungerechtigkeit schauen und niemals den vermeintlichen Ansprüchen gerecht werden. Letztendlich wird mir alles aus den Händen genommen. Es bleibt nur die Angst und ich verfalle in Bosheit und Trägheit.

Das Gleichnis ist keine Einladung zum „Positiv Thinking“: Du musst nur positiv denken, dann wird alles gut. Es ist mehr eine Mahnung zum Blick auf die ganze Wirklichkeit, auf Gottes im Kern gute Schöpfung, auf die Menschen, das Leben, das uns vertraut ist. Es ist eine Einladung, die Augen auf zu machen, die Wirklichkeit wahr zu nehmen und die Angst loszulassen kann – mich auf Gott hin los zu lassen. Dass diese Sichtweise folgen hat für mein Verhalten, das brauche ich nicht zu erwähnen, oder?

„Das ist die Wahrheit unseres Lebens: Dass wir immer viel mehr geschenkt bekommen als wir geben.“ (Teresa Forcades)