Montag, 21. September 2026

Perspektivwechsel


 

Predigt 25. Sonntag im Jahreskreis A 2026, Hamburg | Manresa

Les: Jes 55, 6 – 9; Phil 1, 20ad–24.27a; Mt 20,1 – 16

Gerade lese ich ein Buch des deutschen Archäologen Gabriel Zuchtriegel. Er leitet seit fünf Jahren die Ausgrabungen in Pompeji und nun ein Buch veröffentlicht, in dem er aufgrund der Forschungsergebnisse das Leben in Pompeji im Sommer des Jahres 79 n. Chr. beschreibt, d.h. das Leben in dieser Stadt, kurz bevor sie durch den Ausbruch des Vesuvs im Herbst dieses Jahres zerstört und buchstäblich ausgelöscht wurde. Es heißt: Pompejis letzter Sommer. Als die Götter die Welt verließen (Propyläen 2025).

Die Asche begrub damals alles unter sich: Häuser, Tempel, Plätze, Menschen, Tiere. Nichts blieb am Leben. Die besondere Konstellation der Ereignisse und die Zusammensetzung der Asche hat jedoch dazu geführt, dass man bis heute erstaunlich viel ausgraben und entdecken kann. Es wurde ein Moment der Geschichte festgehalten.

Das Buch führt den Leser in eine Welt im Umbruch. Die Ausgrabungen und Zeichnungen in Pompeji offenbaren, dass die vertrauten Götter jener Zeit ihre Macht über die Menschen verloren haben. Es gibt zwar noch Tempel, es gibt Feiern, man opfert noch den Göttern, aber die Welt in Pompeji ist schon vor dem Erdbeben aus den Fugen geraten. Es war keine antike ruhige Stadt in vorbildlicher guter Ordnung, so wie wir es seit dem 19. Jahrhundert gelesen haben. Unter der Oberfläche brodelt es gewaltig.

Sklaven und Politiker, Prostituierte und Künstler, Gladiatoren und Straßenkinder: es war eine Welt zwischen Angst und Aufbruch, eine rohe und gewalttätige Gesellschaft, die in manchen Details ihre Schönheit und Menschlichkeit offenbart, wo man es am wenigsten erwartet. In dieser Zeit zerbricht das Römische Reich und das Christentum wird der Bezugspunkt einer völlig veränderten Welt - so lautet die These von Zuchtriegel; und nicht erst 300 Jahre später am Ende der Antike.

Tatsächlich waren die Briefe von Paulus und die Evangelien wohl schon damals in Umlauf. Das Matthäus Evangelium, aus dem wir gerade gehört haben, war wenige Jahre zuvor entstanden: Eine kleine jüdische Sekte macht von sich reden, die in einem Wanderprediger den Retter der Welt erkennt.

Die Christen bekommen viel Aufmerksamkeit unter der einfachen Bevölkerung. Vor allem die Armen und die Unterdrückten, die Prostituierten und die Tagelöhner, interessieren für diese Botschaft. Sie redet von einer neuen Weltordnung, in der die Letzten die Ersten sein werden und in der Gottes Güte wichtiger ist als das gesellschaftliche Ansehen oder die geleisteten Opfer im Tempel.

Es gibt für die Christen keine Tempel. Man versammelt sich im Haus und liest in der Schrift, bricht das Brot miteinander. Und redet von einer Welt, in der Vergebung und Barmherzigkeit sogar denen gelten, die sich erst spät, quasi in letzter Stunde bekehren; in der Gottes Gerechtigkeit offenbar so ganz anders ist als die römische Rechtsordnung, die tagtäglich zu erleben war.

Darum geht es in den heutigen Lesungen: Um diese neue Perspektive:

/ Wir glauben an einen Gott, der den Menschen entgegenkommt. „Sucht den Herrn, er lässt sich finden.“, so haben wir in der ersten Lesung gehört. Das bedeutet, es gibt eine Zeit, in der Gott sich nicht verbirgt oder völlig unerreichbar im Himmel thront, sondern in der er sich offenbart und sich aktiv den Menschen zuwendet, in der er nahe ist und sich finden lässt. Und das ist heute!

/Wir glauben, an einen Gott der Umkehr und Neuanfang ermöglicht, weil er barmherzig ist und Verzeihung schenkt.

/ Wir glauben an einen Gott, der gerecht ist und gütig zugleich und er deshalb so ganz anders handelt als es unseren menschlichen Rechtsordnungen und Vorstellungen entspricht.

/ Wir glauben an einen Gott, der das Leben schenken will und uns über den Tod hinaus in sein Leben rettet und der deshalb, ob im Leben oder im Sterben uns nah ist, Heil schenkt.

Welch radikal neue Sichtweise dies für die griechisch-römische Welt damals bedeutete, davon erzählt wie gesagt, dieses Buch.

Denn damals halten die meisten Menschen wohl so etwas wie Gott oder eine höhere Macht irgendwie für existent, aber letztlich für das Leben bedeutungslos.

Es gibt eine gut funktionierende Wirtschaft, die ordentlichen Profit einbringt und den Reichen ein luxuriöses Leben ermöglicht.

Dabei gehören frei gelebte Sexualität, Konsum, Genuss, mystische Orgien, oder brutale Spiele als wesentlicher Bestandteil zur Alltagskultur. Die anderen schauen halt, wie sie durchkommen, und genau an diese wendet sich die christliche Botschaft.

Zuchtriegel deutet immer wieder an, dass die Geschichte von Pompeji seiner Meinung nach etwas mit uns zu tun hat, weil wir in einer ähnlichen Situation der Unruhe und des radikalen Umbruchs stehen auch in religiöser Hinsicht. Das macht das Buch spannend zu lesen. Es würde sich lohnen, darüber ausführlicher nachzudenken.

Für heute Abend können wir versuchen nachzuvollziehen, wie die christliche Botschaft wohl in einer solchen Lebenssituation gewirkt hat. Und wir können versuchen, die Freude dieser Menschen nachzuempfinden, für die mit dem Evangelium eine neue Perspektive eröffnet wird, in der sie nicht mehr Angst haben müssen, im Leben zu kurz zu kommen.


 

Noch ein zweiter Gedanke zum heutigen Evangelium:

In dieser Zeit, in der das Evangelium geschrieben wurde (70-80 n. Chr.), kamen viele Menschen neu in die Gemeinden, teilweise frisch Bekehrte, teilweise Gottesfürchtige, die sich schon lange mit dem Judentum beschäftigt haben. Sie alle haben den Aufruf gehört: „Sucht den Herrn, er lässt sich finden. Ruft ihn an, er ist nah.“

Das war für die wachsenden Gemeinden damals eine enorme Herausforderung. Wie ist das, wenn plötzlich so viele neue in die Gemeinde kommen, sich taufen lassen, zum Glauben finden. Möglicherweise Menschen, die die das jüdische Gesetz nicht richtig kennen, die überlieferten Riten und Gebräuche nicht praktizieren.

Menschen, die neue Fragen stellen, Interesse haben, glauben möchten, dazugehören wollen, die nicht schon immer da waren und beim Fest das Kuchenbuffet organisiert haben. Das bringt Unruhe in die Gemeinden. Welches Recht haben Sie?

Schenkt Gott Ihnen genauso seine Güte und Gnade, obwohl sie vielleicht früher sehr frevelhaft gelebt haben und eben noch nicht so lange jeden Sonntag zur Kirche gehen wie die anderen?

Vielleicht auch das eine Perspektive auf das Evangelium. Und vielleicht versuchen wir heute Abend auch diese Freude nachzuvollziehen; die Freude jener, für die sich mit dem Glauben eine neue Perspektive eröffnet.

Und beten wir darum, dass wir immer wieder zu diesem neuen Perspektivwechsel bereit sind. Amen.

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