Predigt 25. Sonntag im Jahreskreis A 2026, Hamburg | Manresa
Les: Jes 55, 6 – 9; Phil 1, 20ad–24.27a; Mt 20,1 – 16
Gerade lese ich ein Buch des deutschen Archäologen Gabriel
Zuchtriegel. Er leitet seit fünf Jahren die Ausgrabungen in Pompeji und nun ein
Buch veröffentlicht, in dem er aufgrund der Forschungsergebnisse das Leben in
Pompeji im Sommer des Jahres 79 n. Chr. beschreibt, d.h. das Leben in dieser
Stadt, kurz bevor sie durch den Ausbruch des Vesuvs im Herbst dieses Jahres
zerstört und buchstäblich ausgelöscht wurde. Es heißt: Pompejis letzter Sommer.
Als die Götter die Welt verließen (Propyläen 2025).
Die Asche begrub damals alles unter sich: Häuser, Tempel,
Plätze, Menschen, Tiere. Nichts blieb am Leben. Die besondere Konstellation der
Ereignisse und die Zusammensetzung der Asche hat jedoch dazu geführt, dass man
bis heute erstaunlich viel ausgraben und entdecken kann. Es wurde ein Moment
der Geschichte festgehalten.
Das Buch führt den Leser in eine Welt im Umbruch. Die Ausgrabungen
und Zeichnungen in Pompeji offenbaren, dass die vertrauten Götter jener Zeit
ihre Macht über die Menschen verloren haben. Es gibt zwar noch Tempel, es gibt Feiern,
man opfert noch den Göttern, aber die Welt in Pompeji ist schon vor dem
Erdbeben aus den Fugen geraten. Es war keine antike ruhige Stadt in vorbildlicher
guter Ordnung, so wie wir es seit dem 19. Jahrhundert gelesen haben. Unter der
Oberfläche brodelt es gewaltig.
Sklaven und Politiker, Prostituierte und Künstler,
Gladiatoren und Straßenkinder: es war eine Welt zwischen Angst und Aufbruch,
eine rohe und gewalttätige Gesellschaft, die in manchen Details ihre Schönheit
und Menschlichkeit offenbart, wo man es am wenigsten erwartet. In dieser Zeit
zerbricht das Römische Reich und das Christentum wird der Bezugspunkt einer
völlig veränderten Welt - so lautet die These von Zuchtriegel; und nicht erst
300 Jahre später am Ende der Antike.
Tatsächlich waren die Briefe von Paulus und die Evangelien wohl
schon damals in Umlauf. Das Matthäus Evangelium, aus dem wir gerade gehört
haben, war wenige Jahre zuvor entstanden: Eine kleine jüdische Sekte macht von
sich reden, die in einem Wanderprediger den Retter der Welt erkennt.
Die Christen bekommen viel Aufmerksamkeit unter der
einfachen Bevölkerung. Vor allem die Armen und die Unterdrückten, die
Prostituierten und die Tagelöhner, interessieren für diese Botschaft. Sie redet
von einer neuen Weltordnung, in der die Letzten die Ersten sein werden und in
der Gottes Güte wichtiger ist als das gesellschaftliche Ansehen oder die
geleisteten Opfer im Tempel.
Es gibt für die Christen keine Tempel. Man versammelt sich
im Haus und liest in der Schrift, bricht das Brot miteinander. Und redet von
einer Welt, in der Vergebung und Barmherzigkeit sogar denen gelten, die sich
erst spät, quasi in letzter Stunde bekehren; in der Gottes Gerechtigkeit
offenbar so ganz anders ist als die römische Rechtsordnung, die tagtäglich zu erleben
war.
Darum geht es in den heutigen Lesungen: Um diese neue
Perspektive:
/ Wir glauben an einen Gott, der den Menschen entgegenkommt.
„Sucht den Herrn, er lässt sich finden.“, so haben wir in der ersten Lesung gehört.
Das bedeutet, es gibt eine Zeit, in der Gott sich nicht verbirgt oder völlig
unerreichbar im Himmel thront, sondern in der er sich offenbart und sich aktiv
den Menschen zuwendet, in der er nahe ist und sich finden lässt. Und das ist
heute!
/Wir glauben, an einen Gott der Umkehr und Neuanfang
ermöglicht, weil er barmherzig ist und Verzeihung schenkt.
/ Wir glauben an einen Gott, der gerecht ist und gütig
zugleich und er deshalb so ganz anders handelt als es unseren menschlichen
Rechtsordnungen und Vorstellungen entspricht.
/ Wir glauben an einen Gott, der das Leben schenken will und
uns über den Tod hinaus in sein Leben rettet und der deshalb, ob im Leben oder
im Sterben uns nah ist, Heil schenkt.
Welch radikal neue Sichtweise dies für die griechisch-römische
Welt damals bedeutete, davon erzählt wie gesagt, dieses Buch.
Denn damals halten die meisten Menschen wohl so etwas wie
Gott oder eine höhere Macht irgendwie für existent, aber letztlich für das
Leben bedeutungslos.
Es gibt eine gut funktionierende Wirtschaft, die
ordentlichen Profit einbringt und den Reichen ein luxuriöses Leben ermöglicht.
Dabei gehören frei gelebte Sexualität, Konsum, Genuss, mystische
Orgien, oder brutale Spiele als wesentlicher Bestandteil zur Alltagskultur. Die
anderen schauen halt, wie sie durchkommen, und genau an diese wendet sich die
christliche Botschaft.
Zuchtriegel deutet immer wieder an, dass die Geschichte von
Pompeji seiner Meinung nach etwas mit uns zu tun hat, weil wir in einer
ähnlichen Situation der Unruhe und des radikalen Umbruchs stehen auch in
religiöser Hinsicht. Das macht das Buch spannend zu lesen. Es würde sich
lohnen, darüber ausführlicher nachzudenken.
Für heute Abend können wir versuchen nachzuvollziehen, wie die
christliche Botschaft wohl in einer solchen Lebenssituation gewirkt hat. Und
wir können versuchen, die Freude dieser Menschen nachzuempfinden, für die mit
dem Evangelium eine neue Perspektive eröffnet wird, in der sie nicht mehr Angst
haben müssen, im Leben zu kurz zu kommen.
Noch ein zweiter Gedanke zum heutigen Evangelium:
In dieser Zeit, in der das Evangelium geschrieben wurde
(70-80 n. Chr.), kamen viele Menschen neu in die Gemeinden, teilweise frisch Bekehrte,
teilweise Gottesfürchtige, die sich schon lange mit dem Judentum beschäftigt
haben. Sie alle haben den Aufruf gehört: „Sucht den Herrn, er lässt sich
finden. Ruft ihn an, er ist nah.“
Das war für die wachsenden Gemeinden damals eine enorme
Herausforderung. Wie ist das, wenn plötzlich so viele neue in die Gemeinde
kommen, sich taufen lassen, zum Glauben finden. Möglicherweise Menschen, die die
das jüdische Gesetz nicht richtig kennen, die überlieferten Riten und Gebräuche
nicht praktizieren.
Menschen, die neue Fragen stellen, Interesse haben, glauben
möchten, dazugehören wollen, die nicht schon immer da waren und beim Fest das
Kuchenbuffet organisiert haben. Das bringt Unruhe in die Gemeinden. Welches
Recht haben Sie?
Schenkt Gott Ihnen genauso seine Güte und Gnade, obwohl sie
vielleicht früher sehr frevelhaft gelebt haben und eben noch nicht so lange
jeden Sonntag zur Kirche gehen wie die anderen?
Vielleicht auch das eine Perspektive auf das Evangelium. Und
vielleicht versuchen wir heute Abend auch diese Freude nachzuvollziehen; die
Freude jener, für die sich mit dem Glauben eine neue Perspektive eröffnet.
Und beten wir darum, dass wir immer wieder zu diesem neuen
Perspektivwechsel bereit sind. Amen.

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