Montag, 14. September 2026

Vergebung zuerst




Predigt 24. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg | Manresa 2026

Les: Sir 27,30-28; Röm 14,7-9; Mt 18,21-35.

Ausgangspunkt: Im heutigen Evangelium gibt es einige überraschende Wendungen. Vor allem der Schluss des Gleichnisses, das Jesus erzählt, scheint nicht stimmig zu sein. Denn der gleiche König, der (Vers 27) Mitleid hat, mit seinem Knecht, von Erbarmen ergriffen wird und ein Beispiel dafür gibt, was es bedeutet, Schuld zu vergeben, er wird am Ende (Vers 34) angesichts des unbarmherzigen Knechtes vom Zorn gepackt und fordert die Schuld ein. Er übergibt den Knecht den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Die ganze Schuld meint offenbar die riesige Summe von 10.000 Talenten, um dies es am Anfang ging. Und dass er sie zurückbezahlt, während der im Gefängnis sitzt, ist unrealistisch. So ist diese Aussage das Gericht am Ende tatsächlich erbarmungslos. Sollte Gott zunächst so barmherzig, dann aber so hartherzig sein? Was will uns Jesus eigentlich sagen? Durch die Motive von Zorn und Gericht wird jedenfalls etwas hervorgehoben, was Gott überhaupt nicht will und was seine Ansicht ganz entgegensteht. (vgl. Klaus Berger, Evangelium unseres Herrn Jesus Christus. Meditationen zu den Sonntagsevangelien Lesejahr A, Freiburg 2007, S. 228)

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor einigen Monaten kam nach der Manresa-Messe eine Frau zu mir. Wir standen schon drüben bei einem Glas Wein bei Manresa-Night zusammen, die Heilige Messe war längst vorbei, sie entschuldigte sich, dass sie erst jetzt komme. Ob es Zeit gebe, für Sie zu beten? Sie sah schlimm aus, ganz gebeugt und mit einem geschwollenen Gesicht, die Haut von schweren Krankheiten und Entzündungen gezeichnet. Wir sind dann in die Kirche gegangen, ich habe ein Gebet für Sie gesprochen, und wir haben eine Zeit lang in Stille gemeinsam gebetet, dann habe ich sie eingeladen zum Vaterunser. Sie betete mit mir, ließ jedoch einen Satz aus: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Nach dem Gebet sagte sie mir: Ich kann diesen Satz nicht beten, denn ich kann den Menschen, die mir viel Böses und viel Leid angetan haben, nicht vergeben. Und ich verstehe nicht, warum ich zuerst vergeben soll. Ich verstehe nicht, warum Gott mir nicht vergibt, wenn ich nicht zuvor den anderen Menschen vergeben habe.

Ich habe sie damals erstaunt angeschaut, denn so hatte ich das Vaterunser noch nie verstanden, dass wir zuerst vergeben müssen, damit dann Gott uns auch vergibt. Im Gegenteil, ich habe immer gedacht, dass es so gemeint sei, wie es im heutigen Gleichnis dargestellt wird: Zuerst vergibt uns Gott (hier im Gleichnis der König) unsere Schuld, damit dann auch wir unseren Schuldigern (hier im Gleichnis der Mitknecht) die Schuld vergeben. Gottes Vergebung, Gottes Gnade geht unserem Handeln voraus. Und wie wir Barmherzigkeit von Gott geschenkt bekommen, so sollen auch wir barmherzig mit unseren Mitmenschen umgehen. Das ist doch die Pointe des heutigen Gleichnisses, oder nicht?

Nun, die Frau und ihr Leid, ihr Unheil, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und tatsächlich ist es im Vaterunser anders gemeint, als ich es gedacht habe. Die Frau hatte recht mit ihrer Deutung. Im Griechischen ist das Verhältnis der beiden Teil nicht einfach zu bestimmen, aber offenbar muss der zweite Teil grammatikalisch als Bedingung des ersten angesehen werden. Es heißt also: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern.“

„Das Verhältnis des Nebensatzes zum Hauptsatz genau zu bestimmen ist schwierig. Der Aorist ist angesichts der aramäischen Tempora nicht zu pressen, meint aber bei Matthäus doch wohl im Sinne von 5,23f; 6,14f; 7,1 eine Bedingung. Diese Relation gilt offenbar in der Paränese, wenn aus der Perspektive des Menschen gesprochen wird im Unterschied zur Parabel vom Schalksknecht 18,23-35, wo zwar die Wirksamkeit von Gottes Handeln auch an menschliches Handeln gebunden wird, aber diesem vorausgeht. Die paradoxe Einheit von zuvorkommender Gnade und vom Menschen geforderter Bedingung wird erst zerstört, wenn der Mensch mit seinem Vergeben einen Anspruch begründet, so dass er hoffen kann, dass Gott das menschliche Beispiel nachahmen werde. Wichtig ist auch, dass die Gemeinde, die das Unservater betet, selbstverständlich voraussetzt, dass ihre Glieder auch als Christen noch sündigen und der Vergebung bedürfen.“ (Ulrich Luz, EKK I/1, S. 348)

Zuerst unsere Vergebung und dann die Bitte an Gott um Vergebung. Das wird nicht nur in der heutigen alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 28,2) deutlich, sondern das ist ganz auf der Linie des Matthäus-Evangeliums.

So heißt es in der Bergpredigt: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe“ (Mt 5,23-24). Oder an anderer Stelle: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergibt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.“ (Mt 6,14)

Also: unsere Vergebung zuerst, dann die Vergebung des Vaters. Doch steht das nicht im Widerspruch zur Barmherzigkeit Gottes, der den Sünder rettet und dem verlorenen Schaf nachgeht? Wie bringt der Evangelist Matthäus selbst diesen Unterschied zwischen dem Vaterunser und dem heutigen Gleichnis in seinem Evangelium unter?

Drei Punkte dazu:

1/ Das Vaterunser ist ein Gebet, d.h. es wird von Menschen gesprochen, die sich an Gott richten, die auf ihn vertrauen, die schon von ihm angesprochen oder auf irgendeine Weise innerlich berührt wurden und nun antworten. Zu dieser Antwort gehört auch ein entsprechendes Handeln. Nicht nur zur plappern, sondern auch zu tun. Wer betet, steht schon in einer Beziehung zu Gott. Das Gebet wurde von denen gesprochen, die sich bekehrt haben, die getauft sind. Und im weiteren christlichen Leben ist das menschliche Vergeben tatsächlich die Bedingung für Gottes Vergebung.

Da wir Vergebung von Gott empfangen haben durch sein Kreuz, sollen wir sie weitergeben, um Gott ähnlich zu werden. Wir sollen die Feinde lieben, wie Gott es tut. Dann sind wir seine Kinder. Das Evangelium verkünden, heißt: es leben. Er kommt auf uns zu mit seiner Barmherzigkeit zu, dann sollen wir vergeben, damit seine Vergebung sich ausbreitet und sein Reich unter uns Gegenwart wird. Das ist die Dynamik, um die es geht, und wer diese Dynamik bricht, obwohl ihm schon vergeben wurde, dem ist nicht mehr zu helfen! Mit diesem Paukenschlag endet ja auch das heutige Evangelium, wenn der Knecht, dem die große Schuld vergeben wurde, schließlich vom König doch den Peinigern übergeben und ins Gefängnis geworfen wird – weil er selbst eben nicht vergeben hat, obwohl ihm vergeben worden war.

2/ Die Gemeinde, die das Vaterunser betet, versammelt sich um die Eucharistie. „mein Blut, das für Euch vergossen wird, zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28), so lauten die alten Wandlungsworte. Das Mahl wird zum Zeichen der Vergebung, zum Zeichen des Heils. Und deshalb kann und darf man nicht unversöhnt Abendmahl feiern. Erst einander vergeben und dann gemeinsam beten, denn die Gemeinschaft ist konkret und sichtbar. Das sind die Menschen, die heute Abend hier sind. Das, was wir tun, ist kein frommes Theater, keine Scheinheiligkeit. Wenn es diese Menschen sind, Träger des neuen Bundes, dann braucht es immer wieder die Vergebung untereinander, um glaubwürdig weiterzugeben, was wir empfangen haben.

3/ Die Vergebung begründet eine neue Zeit, weil sie die Altlasten „aus dem Weg“ räumt. Das, was vorher war, ist nicht einfach vergessen, aber es wird verwandelt, es zählt nicht mehr. Dabei schenkt Gott viel mehr, als wir erhoffen. Der Schuldner im Gleichnis bittet um Zeit und erhält Vergebung (Mt 18,26-27). Das Reich Gottes beginnt dann schon jetzt und hier.

Sicherlich: Vergeben ist nicht leicht, und nicht immer gelingt es uns. Manchmal brennt es wie Feuer, wenn wir auf Gegenwehr verzichten, nicht rächen, was uns angetan wurde, sondern den Frieden suchen. Aber genau darum geht es! „Denn nicht meine Versöhnung mit Gott ist die Hauptsache, sondern Gottes Herrschaft und sein Reich. Und dieses wird realisiert, wenn ich Versöhnung weitergebe.“ (Klaus Berger, S. 230)

Wir dürfen Gott nicht zu einem „lieben Gott“ und denken „der tut nichts“. Wir dürfen uns darüber täuschen, wieviel Gott diese Versöhnung gekostet hat. Gott, der uns alles vergeben hat, er ist nicht unfähig und ohnmächtig angesichts der Dinge dieser Welt, sondern Gott liebt uns und möchte uns nicht ohne uns retten. Amen.

 

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