Montag, 21. August 2023

Worüber man nicht reden kann

Predigt 20. So Jahreskreis A 2023, Manresa 19 Uhr - Hamburg zu Mt 15,21-28

„Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen“, so sagt der Philosoph Ludwig Wittgenstein. 

Die Geschichte von der Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau gehört zu den irritierenden und für mich zunächst unverständlichen Erzählungen im Evangelium des Matthäus: Eine Frau hat eine kranke Tochter. Es ist offenbar eine schwere Krankheit, die das Kind am Leben hindert. Und sie bittet Jesus um Erbarmen. „eleison me, Kyrie“ – genauso, wie wir am Beginn der heiligen Messe bitten: „erbarme dich meiner, o Herr.“ Und sie nennt ihn respektvoll „Sohn Davids“, d.h. sie zeigt, dass sie weiß, dass er nicht zu ihrem Volk gehört, sondern ein Jude ist. Die Reaktion Jesu ist abweisend: „Der aber antwortete ihr nicht ein Wort.“ Schweigen. Jesus, warum sprichst du nicht mit ihr? Warum antwortest du ihr nicht? Das wäre doch wohl das Mindeste an Respekt, dass du ihr gegenüber zeigen mögest! 

Sie wird stehen gelassen, aber sie schreit hinter Jesus und seinen Jüngern hier. Sie lässt sich nicht abweisen. Ob sie das Wort Jesu an seine Jünger gehört hat, wissen wir nicht. Er signalisiert ihr jedenfalls deutlich: Ich kann bzw. will für dich nichts tun. Das ist nicht mein Auftrag. It’s not my Job. Dazu habe ich nicht die göttliche Vollmacht. Heilen kann ich nur in Israel. Nicht bei den anderen Völkern, die nicht an Gott glauben. Denn das ist ja der entscheidende Unterschied zwischen den Juden und den Kanal nähern und den anderen Völkern, die dort wohnen: Gott.

Glauben Sie an Gott? Eine erwartbare Frage in der Kirche, mögen Sie denken. Ja, klar, glaube ich an Gott. Sonst wäre ich doch nicht hier. Das bekennen wir in der Taufe, im Glaubensbekenntnis, das ist doch wohl das Mindeste. Aber so simpel ist die Frage nicht. Denn Christen Glauben an einen Gott. Ein Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und der in allem und über alles ist. Das bedeutet zugleich, dass es keine anderen Götter geben kann: keine hinduistischen Götter, keine Naturgötter, keine griechischen Götter, keine römischen Götter - die sind alle nur ausgedacht, von Menschen gemacht. 

Die Philosophen haben das schon immer gewusst, „dass es im Grunde nur eine höchste Macht, nur einen Gott oder einen Geist, eine Schöpferkraft im Kosmos geben kann, auch wenn sie mit Rücksicht auf damalige Sitte und Tradition die Verehrung mehrerer Götter gebilligt haben. Bei fast allen Philosophen mit Ausnahme der Schule Epikurs herrscht Einigkeit, dass es eine Vorsehung gibt, und dass sie auf eine Schöpfungskraft zurückgeht, weil die Welt ohne diese eine Schöpfermacht nicht hätte entstehen und ohne deren Leitung nicht fortbestehen könnte.“ (Marco Kunz, Konstantin 2021, S. 23-24)

Mit dem, was wir meinen, wenn wir „Gott“ sagen, z.B. „Güte“, „Allmacht“, etc., ist logisch verbunden, dass ist nicht viele gibt. Um diesen Schritt kommt man nicht herum. Wir sind für die Religionsfreiheit: jeder Mensch hat das Recht, seinen Gott anzubieten, da soll es keinen Zwang geben! Aber die katholische Kirche ist genauso überzeugt davon, dass nicht jeder nach seiner Fassung selig werden kann.

Wenn wir von Gott reden, dann werden wir ihn nie ganz begreifen oder verstehen, sonst wäre es nicht Gott. „Si comprehendis, non est Deus“, hat der heilige Augustinus gesagt. Aber es ist auch nicht alles egal was man über Gott sagt. 

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor bald 60 Jahren hat die katholische Kirche die anderen Religionen anerkannt und in ihnen „Strahlen der Wahrheit“ gefunden. Das bedeutet, dass auch Menschen in einer anderen Religion gerettet werden können, d.h. in den Himmel kommen können, dass auch in anderen Religionen etwas von Gott erkannt worden ist, wenn auch nicht in dem Maße, wie im christlichen Glauben. 

„Auch die Menschen, die das Evangelium noch nicht empfangen haben, gehören auf verschiedene Weise zum Volk Gottes. Das gilt in erster Linie von jenem Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleisch nach geboren ist (Röm 9, 4–5). Gott liebt dieses Volk um der Väter willen und weil er es erwählt hat; Gott nimmt seine Gaben und eine einmal ergangene Berufung nicht zurück (Röm 11, 28–29). Sein Heilswille umfasst aber auch alle, die ihn als ihren Schöpfer anerkennen. Unter ihnen sind besonders die Muslim zu nennen, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den gnädigen und barmherzigen Gott, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird. Aber auch den anderen, die in Schatten und Bildern Gott suchen, auch ihnen ist er nahe, da er allen Wesen Leben und Atem und alles gibt (Apg 17, 25–28); er ist ihr Erlöser, er will, dass alle Menschen gerettet werden (1 Tim 2, 4).“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Über die Kirche – Lumen gentium 16)

Manche mögen diese inklusive Haltung („im Grunde meinen Sie alle auch unseren Gott“) überheblich nennen; und seit vielen Jahren gibt es andere Modelle, die diskutiert werden. Aber ich glaube, in Bezug auf die Gottesfrage, kommt man nicht um her, entweder einen Gott zu bekennen oder mehrere. Tertium non datur.

Der Monotheismus von Judentum, Christentum und Islam hat deshalb eine ganz eigene Dynamik. Manche behaupten, er führe zur Gewalt. Denn mit der Voraussetzung von einem Gott ist zugleich auch die Annahme begründet, dass es eine Wahrheit gibt, nur eine. Ob der Mensch diese Wahrheit vollständig begreifen und erfassen kann, ist nochmals eine andere Frage, aber eine Wahrheit bedeutet: es gibt nicht mehrere Wahrheiten, keine Paralleluniversen, keine Beliebigkeit von Meinungen. 

Zurück zum Evangelium und dem demonstrativen Schweigen Jesu. Ich stelle es mir so vor, dass Jesus in dem Moment mit der Frau, die einen anderen Gott anbietet, nicht über den Gottesglauben diskutieren wollte. Er sah ihre Not, die kranke Tochter, ihre Verzweiflung und wollte sie nicht fragen: sag mal, glaubst du eigentlich an unseren Gott oder an einen anderen? Und wie geht das für dich zusammen? Darum: „worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Die überraschende Wendung der Geschichte bei Matthäus ist nun, dass Jesus mit seiner Bemerkung über den Glauben der Frau plötzlich einen anderen Fokus gibt: „Dein Glaube ist groß!“ (V28). Es geht plötzlich in dieser Situation nicht mehr um die Frage, zu welchem Volk jemand gehört, welcher Gott der richtige ist, sondern um den Glauben der Frau, beziehungsweise welcher Glaube, d.h. welche Haltung gegenüber Gott - wer auch immer er/sie/es ist, die richtige ist. Damit ist die Frage nach Gott nicht gelöst und sie wird auch sich weiterhin stellen, aber die Perspektive hat sich verändert und es wird Begegnung möglich, das Gemeinsame tritt in der Mitte.

Ganz ähnlich schon beim Propheten Jesaja, der für die Endzeit eine gemeinsame Wallfahrt von Menschen aus verschiedenen Völkern, d.h. verschiedenen Religionen, nach Jerusalem vorhersagt. Wobei Jesaja davon ausgeht, dass am Ende alle nicht nur Recht und Gerechtigkeit achten, sondern auch den einen Gott anbeten: „Und die Fremden, die sich dem HERRN anschließen, um ihm zu dienen und den Namen des HERRN zu lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen und die an meinem Bund festhalten, sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets.“

Zwei Dinge gibt nehme ich mit dem heutigen Evangelium:

1/ Es braucht den richtigen Moment, um über religiöse Fragen zu sprechen. „An welchem Gott glaubst du?“ Diese Frage sollte man nicht als erstes diskutieren, wenn Menschen in Not sind, sondern in dem Moment darüber lieber schweigen. Und helfen, wenn es möglich ist. Und manchmal ist mehr möglich, als ich denke.

2/ Es kann hilfreich sein, die Fragen nach Gott mal in Ruhe zu besprechen. Hilfreicher noch ist es allerdings, sie auch einmal mit anderen zu besprechen, die aus einer anderen Religion sind. Und wahrzunehmen, wie groß ihr Glaube ist, und wenn er nicht zu Gewalt, sondern zu Heilung führt, darüber zu staunen und Gott zu danken. 


Dienstag, 15. August 2023

Gekrönt

Predigt Mariä Himmelfahrt Hamburg 2023

St. Marien-Dom Hamburg / Foto: A.Lechtape

Im St. Marien-Dom zu Hamburg, der Kathedralkirche des Erzbistums, unweit von hier, findet sich in der Apsis, an der Decke, über dem Altar, ein großes Mosaik. Es zeigt auf Goldgrund in strahlenden Farben die Krönung Mariens im Himmel. Jesus und Maria sitzen nebeneinander auf einer Thronbank, in festlichen Gewändern, Jesus hat ein Buch in der einen Hand – und in der anderen eine Krone, die er seiner Mutter aufsetzt. Um sie herum ein Sternenkranz und rechts und links Engel, die jeweils ein Weihrauchfass schwenken. „assumpta est Maria in coelum“ - aufgenommen ist Maria in den Himmel. 

Das kostbare Mosaik zeigt drei wesentliche Aspekte unseres Glaubens: 

1/ Es zeigt die besondere Würde der Gottesmutter und die liebevolle Zuwendung und den Respekt ihres Sohnes. Ihr irdisches Leben, ihre Mitwirkung in der Heilsgeschichte werden von ihm anerkannt und gewürdigt. Ihr Leben wird vollendet und gekrönt durch Aufnahme in die Gemeinschaft des Himmels.

2/ Es zeigt, was wir als Christen erwarten: Dass wir dereinst, wenn Christus in Ewigkeit herrscht, mit ihm und in der Gemeinschaft der Heiligen im Himmel an der ewigen Freude teilhaben werden. So wie Maria jetzt schon in den Himmel aufgenommen wurde, mit Leib und Seele, so wird es auch uns verheißen.

3/ Es zeigt schließlich, wer wirklich herrscht. Nicht die Könige und Fürsten der Erde, sondern die Königin des Himmels ist die, zu der wir aufschauen. Sie ist unsere Orientierung. Sie ist mächtig. Deshalb brauchen wir unseren Glauben im Alltag nicht zu verteidigen. „Wer die Verteidigung des Gottes übernimmt, den er verehrt, der bekennt damit die Ohnmacht dieses Gottes!“ (Kunz, Konstantin, S. 44). Wer allerdings weiß, dass Gott in Jesus Christus herrscht und dass Maria als Himmelskönigin bei Gott für uns eintritt, der braucht keine Angst zu haben, was auch immer geschieht.

Mariä Himmelfahrt war deshalb schon immer ein besonderes Fest; auch ein politisches Fest! Das wird auch bei diesem Mosaik deutlich. Es wirkt nämlich älter als es tatsächlich ist. 

Heute vor 133 Jahren, am 15. August 1890, erfolgte in Hamburg die Grundsteinlegung von St. Marien durch den Osnabrücker Bischof Bernhard Höting. Die durch die industrielle Revolution rasch wachsende Freie und Hansestadt Hamburg hatte einen neuen Kirchenbau durch die Katholiken lange abgelehnt, nun sollte er im Hinterhof eines Waisenhauses und mit Hilfe einer Crowd-Funding-Aktion ermöglicht werden. Der Bischof wollte eine Kirche im „ruhig und gemessen wirkenden romanischen Stil“ errichten, um einerseits einen eigenen Akzent zu setzen, aber auch historische Kontinuität zu betonen. Die zwei Türme sollten an den Bremer Dom erinnern, den der hl. Ansgar hatte errichten lassen.

Der katholische Reichstagsabgeordnete Ludwig Windthorst, führender Repräsentant der Zentrums¬partei und Antagonist Bismarcks, hatte sich für das Projekt eingesetzt. Unter anderem ermunterte er die Hamburger Katholiken, sich nicht mit einer kleinen Lösung zufrieden zu geben. Er schrieb: „Hamburg ist das Tor Deutschlands zur Welt. Die Deutschen, welche in die Welt hinausgehen, hier sprechen sie das letzte Gebet auf deutschem Boden. Es muss ein Tempel gebaut werden katholischen Glaubens, der allen Nationen imponiert. Die Kirche muss Marienkirche heißen – stella maris.“

Der Bau schritt rasch voran, schon im September 1891 konnte Richtfest gefeiert werden. Doch die Gestaltung des Innenraums fehlte. 30 Jahre nach der Kirchweihe wurde der Kunstmaler Eduard Goldkuhle aus Wiedenbrück beauftragt, die Ausmalung der St. Marien-Kirche vorzunehmen. Der Künstler gestaltete Szenen aus dem Marienleben. Beherrschend war die Krönung Mariens auf Goldgrund in der Apsis - als ein Wandbild. 

Fünfzig Jahre nach der Kirchweihe, 1943, sollte dieses große Wandbild durch ein Mosaik ersetzt werden. Beauftragt wurde die Mayer'sche Hofkunstanstalt in München. Zwar war das Mosaik noch im gleichen Jahr versandfertig verpackt, wegen des großen Bombenangriffs auf Hamburg blieb es vorerst aber in München und wurde erst 1948 angebracht. Das kostbare Mosaik ist also nun 75 Jahre alt. Unmittelbar nach dem Krieg, inmitten einer vernarbten Stadt, hat es seine Wirkung sicherlich nicht verfehlt. 

Das Mosaik lehnt sich in Bildaufbau, Stil und Technik an das Apsis-Mosaik von Santa Maria Maggiore in Rom an, das Jacopo Torriti im Mittelalter (1295) als Zusammenfassung der Mosaikzyklen des fünften Jahrhunderts geschaffen hatte. 

Ist es Zufall, dass in diesen Tagen im St. Marien-Dom eine Ausstellung von Königinnen und Königen gezeigt wird – kleine Holzfiguren des Bildhauers Ralf Knoblauch? Es sind schlichte Schnitzereien, aufrechtstehend, mit einem weißen Hemd oder Kleid und einer schwarzen Hose und mit einer Krone. Sie erinnern an die Würde eines jeden Menschen, die ihm von Gott zukommt; und an die Würde, die wir als Getaufte haben, in der Gemeinschaft mit Christus, der König ist, Prophet und Priester.

Vielen Menschen wird heute ihre Würde abgesprochen; viele Menschen erleben, dass sie in ihrer Würde nicht respektiert werden. Viele Menschen leben unter unwürdigen Bedingungen, sei es in der Arbeit oder in den Beziehungen, sei es im Krieg.

Maria, aufgenommen in den Himmel, ihr Leben gekrönt wird von Gott – diese Fest ist eben auch immer schon ein politisches Fest, weil es uns nicht nur an die Würde der Gottesmutter erinnert; weil es uns nicht nur an unsere eigene Hoffnung erinnert, dass wir dereinst im Himmel leben werden; sondern, weil es uns auch jetzt schon an unsere Würde als Menschen und als Christen erinnert, weil wir schon jetzt in der Gemeinschaft mit Gott leben, Christus nachfolgen, auf seine Mutter als Himmelskönigin schauen. Wir haben als Christen eine Würde, die wir vielleicht manchmal vergessen und nicht leben. 

„Du krönst uns mit Barmherzigkeit!“ (Ps 103,4) Wenn wir uns dieser Würde bewusstwerden, dann können wir aufrecht stehen und für andere eintreten. Und unseren Glauben mit Freude bekennen.

Montag, 5. Juni 2023

Orientierung mit dem Kompass


Predigt 2023 – Dreifaltigkeit 
Les: Ex 34, 4b.5–6.8–9; 2 Kor 13, 11–13; Joh 3, 16–18

Menschen suchen Orientierung in ihrem Leben, in der Welt. Der Glaube schenkt Orientierung. Er ist wie ein Kompass auf unserem Weg. Genauer: Gott selbst schenkt Orientierung durch Jesus Christus, im Heiligen Geist. Das feiern wir am Dreifaltigkeitssonntag. Gott ist einer – und er ist unsere Orientierung. Christen beten seit jeher „ad orientem“, d.h. nach Osten hin: orientiert auf den Lebendigen, der uns das Leben schenkt.

Heute, am Dreifaltigkeitssonntag, möchte ich zu zwei Fragen Stellung beziehen, die mir immer wieder in Glaubensgesprächen und Kursen gestellt werden und die beide mit unserem Gottesbild, mit dem christlichen Gottes-Verständnis zu tun haben.

1/ Die erste Frage betrifft das Gottesbild im Alten und im Neuen Testament. Der Gott, den Jesus Vater nennt und von dem er sagt, dass er den Heiligen Geist senden wird, ist ein Gott, der uns durch Liebe rettet. Oft stellt man nun den Gott der Liebe des Neuen Testaments dem Gott der Furcht im Alten Testament gegenüber. Doch das ist falsch. Gott ist derselbe. Wir, die Menschen, allerdings erkennen ihn mehr und mehr. Im Laufe der Geschichte schreiten wir voran zu einem besseren Verständnis Gottes bis hin zur endgültigen und unwiderruflichen Offenbarung Gottes in Jesus Christus.

Es gibt im Alten Testament verschiedene Gottesbilder, die nebeneinander stehen, auch Bilder, die uns verstören, von der Gewalt Gottes, der die Feinde besiegt und Ehrfurcht gebietend auftritt. In Ps 29 z.B. wird erzählt, wie die Stimme des Herrn donnert, voller Kraft die Zedern zerbricht und die Wüste beben lässt.

In der Lesung haben wir vom Gottesbild des Mose aus dem Buch Exodus gehört: „Der Herr ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue.“ So hat sich Gott dem Mose am Sinai offenbart. Mose hat Gott als einen barmherzigen und gnädigen Gott erfahren, dessen Treue zu seinem Volk bestimmender ist als seinen Zorn. Dieser Gott, der sich den Menschen zu wendet und bei Ihnen ist, begleitet sein Volk auf seinem Weg in die Freiheit. JHWH ist sein Name. „Ich bin da“ - mit euch und für euch da und ich weiß, dass nur die Liebe und die Vergebung eure harten Herzen erreichen.

Im Verlauf der Heilsgeschichte erkennt das Volk Israel seinen Gott mehr und mehr. Schon bei den Propheten, wie bei Jesaja, wird ein Gottesbild entfaltet, das Jesus dann aufnehmen und mit seinem eigenen Leben so bezeugen wird, dass darin für die Menschen Gott als eindeutig für den Menschen entschiedene Liebe erfahrbar wird.

Doch Jesus bietet eine Lesart, eine Interpretation und Vertiefung des Gottesbildes Israel an: in Gott ist nur Licht und keine Dunkelheit. Gott will nur und immer das Gute für den Menschen, er ist ihm in Liebe zugeneigt.

Man sollte also nicht das Gottesbild des AT und des NT gegenüberstellen, sondern im AT selbst gibt es verschiedene Gottesbilder. Jesus vertieft und hebt eines hervor. Ohne das AT ist das NT nicht zu verstehen. Wir lesen das AT vom NT und entdeckten, wie zum Beispiel hier bei Mose, was auch Jesus über Gott gesagt hat.

2/ Die zweite Frage betrifft die Inspiration der Bibel. Wir glauben: Die Bibel ist inspiriert, d.h. die Texte wurden von menschlichen Verfassern, unter dem Anhauch des Heiligen Geistes geschrieben. Es sind Erfahrungen von Menschen mit Gott. Insofern kann man sagen: Gott ist der Autor der Bibel, im Heiligen Geist.

Eine Frau fragte mich vor kurzem: Jesus hat den Heiligen Geist verheißen und gesendet, das bedeutet doch: der Heilige Geist kommt erst nach Jesus. Wenn Jesus weg ist, dann sendet er den Heiligen Geist. So sagt es Jesus tatsächlich als Trost für seine Jünger! Aber das bedeutet nicht, dass es den Heiligen Geist nicht schon vorher gab.

Gott ist dreifaltig von Beginn an: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Doch was bedeutet von Beginn an? Gott ist nicht erst Vater beziehungsweise Sohn in dem Moment, als Jesus Christus als Mensch geboren wird, sondern vor der Erschaffung der Welt.

Nun ist allerdings sein die Zeit und die Ewigkeit. Das heißt: die Zeit ist geschaffen. Gott ist ewig und in diesem Sinne zeitlos. Aber er ist in seinem Sohn in die Zeit gekommen. Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, und er wurde Mensch, hat Fleisch angenommen. Der Sohn ist derselbe beim Vater und als Mensch auf der Erde, Gott. Der Geist ist derselbe, bei der Erschaffung der Welt, im Leben Jesu, nach der Auferstehung, als Beistand der Jünger.

Alle Schriften der Bibel haben Gott Vater Sohn und Geist als Autor. Deshalb sind auch alle Schriften in der Bibel inspiriert, nicht nur die neutestamentlichen Schriften. Und sie alle sind inspiriert, auch wenn sie unterschiedlich sind, weil sie Erfahrungen von Menschen mit Gott widerspiegeln.

3/Welche Bedeutung hat das nun für uns Menschen, dass Gott sich im Verlauf der Heilsgeschichte offenbart und endgültig in Jesus Christus - als der Gott, der die Welt so sehr geliebt hat? Und welche Bedeutung hat es für uns, dass Gott als Heiliger Geist die Schrift inspiriert hat und uns in ihr begegnet?

Gott wirkt für uns immer als der eine und dreifaltige Gott, der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist. Gott ist einer, ein Wesen. Es ist nicht, so dass erst der Vater etwas wirkt, ein anderes Mal der Sohn, und ein anderes Mal der Geist. Es gibt keine göttliche Arbeitsteilung, keinen Schichtdienst im Himmel. Wenn wir zu den unterschiedlichen Personen beten, mal zum Vater, mal zum Sohn, mal zum Heiligen Geist, dann ist das unsere Sichtweise oder Perspektive auf Gott.

Gott wirkt als der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist, und er wirkt unsichtbar in Liebe. Man kann es vielleicht mit dem Kompass vergleichen. Es gibt ein großes, unsichtbares und für uns Menschen, nicht mit unseren Sinnen wahrnehmbares Magnetfeld der Erde. Das wirkt auf eine Kompassnadel, die selbst im Grunde ein kleiner Magnet ist und ein Magnetfeld hat. Im Magnetfeld der Erde richtet sie sich aus. Die Analogie ist: Gott ist diese Magnetkraft, der Sohn das Magnetfeld, dass diese Kraft vermittelt und der Heilige Geist in uns die Kompassnadel, d.h. der Magnet in uns, der in Wechselwirkung steht und uns ausrichtet auf Gott hin.

Das ist jetzt nur ein unvollkommener und technischer Vergleich, aber er macht deutlich: der Vater wirkt durch den Sohn im Heiligen Geist. Der Vater wirkt nicht ohne den Sohn und die Weise ist die der Anziehung der Attraktivität, der Gnade, der Zuwendung, der Liebe.

Der Evangelist Johannes macht dieses Wirken in seinen Bildern besonders deutlich: lieben und schenken beziehungsweise senden. Das sind die Verben, das ist die Weise des Wirkens der Dreifaltigkeit in dieser Welt, für uns im Glauben. Wenn wir uns darauf einlassen, werden wir gerichtet, ausgerichtet auf ihn hin. Amen.

Montag, 29. Mai 2023

Pfingsten 2023


Predigt Pfingsten 2023 – Energiewende der Kirche

Es gibt Bibeltexte, die man schon so oft gehört hat, deren Bedeutung sich aber nicht recht erschließt. So ist es mir mit dem Pfingstereignis aus der Apostelgeschichte gegangen. Wie oft habe ich sie bei Pfingstlagern, bei Firmungen etc. gehört. Doch erst in diesen Tagen ist mir neu bewusst und anschaulich geworden, was sie verbirgt. Und zwar just, als ich sie auf Französisch las. In der fremden Sprache klangen die vertrauten Worte anders, neu. Ich habe gehört, welch eine bestürzend, erschütternde und faszinierende Erfahrung dort beschrieben wird. 

„Plötzlich entstand ein lautes Geräusch vom Himmel, wie einherfahrendes, gewaltiges Schnaufen. Und es erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“ Das Haus bebt von diesem Brausen, eine gewaltige Erschütterung, die nicht aus der Erde kommt, sondern von oben. Was ist das? Die Freunde Jesu, die 50 Tage nach dem Osterfest an einem Ort versammelt sind, unter sich, stehen noch ganz am Anfang. Der große Kreis der Apostel, der Jüngerinnen und Jünger, beginnt gerade erst zu verstehen, was die Auferstehung Jesu für sie bedeutet. 

Johannes schildert die gleiche Erfahrung der Jünger mit anderen Worten, schon am Osterfest selbst: Die Jünger sind aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen, an einem Ort. Sie sind furchtsam, verunsichert und scheinbar ohnmächtig angesichts der massiven Ablehnung ihrer Glaubens-Erfahrungen mit Jesus. Das wird nun durch Jesus selbst gewandelt: Der Auferstandene begegnet ihnen in dieser Situation der Furcht und der Angst und wünscht Ihnen den Frieden: Friede sei mit euch!

Der Friede, den Jesus, seinen Jüngern wünscht, ist dabei weniger die Einladung, die Juden nicht mehr zu fürchten, als vielmehr die die Basis, um ihrer Erfahrung zu trauen, dass Jesus lebt; dass derjenige, den sie als Sohn Gottes erkannt haben, den Tod ein für alle Mal besiegt hat; dass der Tod nicht mehr das letzte Wort hat, sondern dass Gott es endgültig und unwiderruflich gut mit uns meint; dass er uns Leben schenkt, Leben in Fülle; dass uns nichts mehr von Gott trennen kann. 

Lukas, in der Apostelgeschichte, beschreibt also diese Erfahrung der Erschütterung und der Furcht, der scheinbaren Ohnmacht der Jünger, „als der Tag des Pfingstfestes in seiner Fülle gekommen war“. Was meint er damit? 

Das Pfingstfest, Schawuot, ist für die Juden die Erinnerung an die Übergabe der Gesetzestafeln an Mose. Das neue Pfingstfest (im Jahr 30) bestätigt nun auf wundersame Weise die Erfahrung der Auferstehung, dass der Tod nicht mehr das letzte Wort hat, durch die Übergabe eines neuen Gesetzes, das nicht auf Steintafeln geschrieben ist, sondern in das Herz der Menschen gelegt ist, die Jesus nachfolgen. Es bestätigt die neue Art zu glauben, die fortan nicht mehr an eine bestimmte Sprache gebunden ist, sondern in jeder Sprache Gottes große Taten verkündet.

„Zungen wie von Feuer“, d.h. nicht Feuer, sondern Sprachbegabung kommt auf die Jünger, diese verteilt sich wie Feuer, rasend schnell, gewaltig, unglaublich kraftvoll und verzehrend. Und die Jünger reden dann in anderen „Zungen“, d.h. in anderen Sprachen, so dass jeder in Jerusalem sie in seiner Sprache versteht. Die Reaktion der Menschen: Fassungslosigkeit, Staunen.

Oft hat man die Pfingstgeschichte als Umkehrung der Sprachverwirrung von Babel gedeutet. Oder als Erfüllung der Verheißung des Propheten Joël von der Ausgießung des Geistes Gottes über allen Menschen. Das ist sicherlich beides richtig. Aber ebenso kann man darin die „Übergabe“ der Botschaft Jesu an seine Jünger sehen. Ihnen wird der Geist Gottes gegeben, um daraus zu leben und Jesu Botschaft zu verkünden. Die furchtsamen Jünger, die sich angesichts der unfassbaren Ereignisse und ihrer scheinbaren Ohnmacht verkrochen haben, wird eine neue Kraft und Vollmacht geschenkt: das Wort zu verkünden, die Sünden zu vergeben (was nur Gott kann!), für das Leben einzutreten, gegen alle Mächte des Todes Stand zu halten. 

Viele Menschen in unserer Gesellschaft heute sind verunsichert. Sie fühlen sich angesichts der globalen Krisen ohnmächtig. Es ist ja nicht nur ein Reformstau in Deutschland, es sind weltweite Erschütterungen. Ich selbst weiß kaum noch, was ich mit meinen eigenen kleinen Möglichkeiten Gutes ausrichten kann. Wie soll ich mich engagieren? Alle reden davon, dass sich grundlegend etwas ändern muss, aber jeder zieht sich zurück in das eigene kleine Glück, furchtsam, mutlos, friedlos.

In dieser Situation spricht mich die Pfingsterzählung an, mitten in meiner Erschütterung. Sie ermutigt und sie ermächtigt mich. Es ist keine Selbstermächtigung, sondern eine Ermächtigung, die mir in der Nachfolge Jesu zugesagt wird. Selbstwirksamkeit wird verheißen, wenn ich seinen Spuren folge, und Leben in Fülle. 

Es sind tatsächlich für mich die schönsten und wichtigsten Erfahrungen im Glauben, die ich machen durfte: Wenn ich in anderen Ländern (und in anderen Sprachen!) Menschen begegnet bin, die offenbar eine ähnliche Erfahrung im Glauben machen durften: dass mit Jesus und in seiner Liebe das Leben stärker ist als der Tod. Und ich habe erlebt, wie sie diese Erfahrung befähigt und ermächtigt, die Welt zu gestalten, zu verändern, ein bisschen besser zu machen für alle. Ob ich an die Frauen bei der Marienprozession in Bachajon denke, an den Diakon und seine Sorge um die Ärmsten und Schwachen, an den Lehrer in Papua, die Jugendlichen in Argentinien. Überall Menschen, die von Gottes Geist bewegt, mutig und kraftvoll, sich für andere einsetzen. Wie cool ist das denn? 



Freitag, 5. Mai 2023

Hör auf die Stimme! Christ:in-Sein als Übungsweg


 Predigt Vierter Ostersonntag A – Hamburg, 30.4.2023

„Gott hat Jesus zum Herrn und Christus gemacht.“ (Apg 2,36) Das ist die entscheidende Aussage des Petrus: Jesus lebt! Ihr habt ihn gekreuzigt, aber Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht. Das ist die Nachricht, zu der jeder, der sie hört, Stellung nehmen muss. 

Allen wird das Heil angeboten: „Euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne.“ Viele nahmen das Wort an, so heißt es, „und sie ließen sich taufen. An diesem Tag wurden ihrer Gemeinschaft etwa 3000 Menschen hinzugefügt.“ (Apg 2,41). Eine beeindruckende Zahl: 3000 Menschen, die sich taufen ließen! 

Solche Zahlen kennen wir sonst nur noch aus den Erzählungen der großen Missionare. Franz-Xaver etwa verkündete, als er 1542 in Südindien ankam, den christlichen Glauben, lehrte die Menschen die Zehn Gebote und das Glaubensbekenntnis, betete mit ihnen das "Vater unser". Es gab schon Missionare vor ihm, und seine Botschaft kam offenbar an. Angeblich taufte er 20.000-30.000 Menschen in den zwei Jahren, die er dort lebte. 

Von solchen Zahlen sind wir in Europa weit entfernt. In unserer Pfarrei hier in Hamburg wurden an Ostern acht Erwachsene getauft und gefirmt. Sie haben sich etwa ein Jahr darauf vorbereitet und ich durfte sie zusammen mit einigen Ehrenamtlichen begleiten. Ein intensiver Weg der Suche und Übung, manchmal auch der Auseinandersetzung und des Ringens. Um zu erkennen: Jesus ist der Herr und der Christus!

Es ist heute in unserer Kultur keineswegs mehr selbstverständlich, sich zu Christus zu bekennen, umzukehren, sein Leben neu auszurichten: glaubend und hoffend und liebend auf Gott zu vertrauen. Deshalb braucht es, so bin ich überzeugt, gerade heute eine Einübung ins Christ-Sein und gewisse grundlegende Kenntnisse, damit jemand mit gutem Gewissen sagen kann, ja ich glaube. Die Zeit bis zur Taufe wird Katechumenat genannt. In Deutschland dauerte es etwa ein Jahr, in Frankreich zwei Jahre. 

Die evangelische Kirche in Deutschland geht nun neue Wege. In Hamburg gibt es die Ritualagentur „St. Moment“, in der man sich spontan taufen lassen kann. Bei einer „Pop-up-Taufe“ werden Kinder und Erwachsene nach einem Vorgespräch und der Wahl eines Taufspruchs getauft: Keine Bedingungen, kein Vorwissen, keine Katechese (vgl. NKiZ 17/2023, 30.4.2023, S. 2: Taufe ohne Tamtam).

Manche finden so den Weg zur Kirche, die sich lange nicht getraut haben, nach der Taufe zu fragen. Ist das eine Rückkehr zu den Wurzeln? Sollte es das auch in der katholischen Kirche geben? Ich meine nicht, aus drei Gründen.

1/ Die Taufvorbereitung ist keine Hürde. Es geht nicht darum, einen Zaun zu ziehen und den Weg in die Kirche möglichst schwierig zu machen. Die Vorbereitung auf die Taufe ist eine Zeit, um im Glauben zu wachsen. Vor der Taufe sollen erwachsene Menschen den Glauben und die Kirche kennen lernen, sie sollen erfahren können, was Gebet bedeutet, in der Bibel lesen, Gemeinschaft erleben, grundlegende Kenntnisse erwerben und eine Praxis im Glauben einüben. Es geht um Reflexion und um einfache Schritte in der „Kunst zu glauben“.

Seit einiger Zeit übe ich mich im Qigong. Wöchentlich eine Stunde mit Anleitung, darüber hinaus Aufgaben für zu Hause. Im Tun geschieht etwas und vertieft sich eine Erfahrung, die ohne Übung nicht möglich ist. Erst dann kann ich sagen, was Qigong für mich bedeutet. 

Christ-Werden und Christ-Sein ist auch ein Übungs-Weg. „Der neue Weg“ - so werden die Christen in der Apostelgeschichte genannt. Dieser Weg ist mit der Taufe sicherlich nicht zu Ende, aber ich muss mich mit anderen auf den Weg machen, um zu erkennen, was diese neue Lebensweise für mich bedeutet

2/ Die Taufe ist kein Zaubertrank. Die Taufe ist das grundlegende Sakrament der Liebe Gottes. Durch die Taufe wird uns alle Schuld vergeben, durch die Taufe werden wir mit Christus verbunden. Durch die Erinnerung an seinen Tod und seine Auferstehung und durch die Taufe werden wir Teil der Gemeinschaft der Glaubenden. Die Taufe ist keine Magie, kein Hokuspokus, durch den jemand plötzlich ein anderer Mensch wird. Ich glaube: Die Taufe ist wirksam, sie erlöst und sie heiligt, aber dies geschieht im Glauben. Taufe ist kein Wunderwasser, denn alles, was geschieht, geschieht an uns selbst, nicht an uns vorbei. Der ganze Mensch mit Leib und Seele steht dabei in der Dynamik des Glaubens. Er wird in die Freiheit geführt. Die Freiheit ist Gabe und Aufgabe. Diese Freiheit baut auf der Freiheit des Menschen auf. Gott handelt nicht an uns vorbei, sondern aufgrund unserer Freiheit und unseres Glaubens. 

3/ Die Gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Die Kirche ist kein Verein, bei dem ich auf eine bestimmte Zeit Mitglied werde und Beitrag bezahle, sondern eine Gemeinschaft, um auf Jesus Christus zu hören, seine Stimme zu erkennen und wieder zu erkennen, gemeinsam hinauszugehen, eine neue Form zu leben zu finden, sich zu unterstützen. Das bedeutet: Die Kirche ist nicht für sich selbst da, sondern sie soll helfen, zu glauben. Und sie ist nicht aus sich heraus Kirche, sondern aus dem Auftrag Jesu.

„Prüft die Stimme!“, sagt uns Jesus; prüft das Wort und den Klang! Die Stimme Jesu ist unverwechselbar. Er ist das wahre Wort, er ist der gute Hirt. Diese Prüfung will geübt und immer wieder eingeübt werden. Die Taufe ist der Eintritt in die Kirche, die Verbindung mit Jesus Christus, der die Tür ist. Er führt uns zu Gott und zum Leben in Fülle. Amen.


Montag, 17. April 2023

Österliche Freude


Predigt Zweiter Sonntag in der Osterzeit 2023 Manresa - Hamburg

Nächstes Wochenende hoffe ich, treffe ich mich mit Studienfreunden. Wir kennen uns schon lange, haben vor bald 30 Jahren in Münster gemeinsam mit dem Studium begonnen, prägende Erfahrungen miteinander geteilt. Inzwischen sind fast alle verheiratet, Eltern von Kindern, die bald schon die Schule abschließen werden. Sie haben andere Erfahrungen gemacht, eine andere Perspektive und Lebenswirklichkeit als ich. Und ich bin, ehrlich gesagt, etwas aufgeregt, wenn ich daran denke, diese Gruppe wiederzusehen. Ob wir an die Erlebnisse von damals anknüpfen können? Ob wir uns gut verstehen werden? Ob ich verstehen kann, was sie in den letzten Monaten, in Corona und danach, als Familie erlebt haben? 

Es ist meine Freundschaft mit den anderen, aber diese Freundschaft lebt aus den Begegnungen, sie braucht die anderen. Freundschaft geht nicht allein, und doch ist es meine Beziehung zum Freund, die nie gleich ist. Jede Freundschaft ist anders.

Vielleicht ging es dem Apostel Thomas ähnlich. Er war einer der Zwölf, die mit Jesus in Galiläa unterwegs gewesen waren, er gehörte zum Kreis der engen Freunde Jesu, war mit Ihnen nach Jerusalem unterwegs, hat ihn in den letzten Lebensstunden begleitet. Danach ging jeder seiner Wege. Einige blieben in Jerusalem, andere gingen nach Emmaus, nach Kafarnaum, nach bei Betsaida und so weiter. Dann gab es da diese Geschichten von Auferstehung, von Begegnung mit dem Herrn. Manche sagten, er lebe. „Wir haben den Herrn gesehen!“

Eine Woche nach dem großen Fest der Juden waren sie wieder in Jerusalem versammelt, und diesmal war Thomas dabei. Sie teilten viele gemeinsame Erfahrungen, doch Thomas, so stelle ich mir vor, war sich nicht sicher, ob er verstehen könnte, was sie in der letzten Woche erlebt hatten, als der Herr angeblich bei Ihnen war. 

Der Glaube ist etwas Persönliches, aber erlebt aus dem Zeugnis der anderen und aus den Begegnungen. Jeder glaubt selbst, aber keiner glaubt er allein. Glaube geht nicht allein, es ist eine Beziehung mit Gott durch Jesus Christus, im Heiligen Geist. Doch jeder Glaube ist anders, jede Freundschaft ist anders. Wie der verstorbene Papst Benedikt gesagt hat: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt!“ und „Wer glaubt, ist nicht allein.“

Glaube lebt in einer kreativen Spannung von Individualität und Gemeinschaft in der Kirche, vom persönlichen Beten und vom gemeinsamen Gotteslob, von eigenem Engagement und gemeinsamen Wirken, von Entschiedenheit und Überzeugung und vom Hören auf die anderen. Denn es ist der gleiche Geist, der in allem wirkt!

Diese Überzeugung, dass es der gleiche Geist ist, der in allen wirkt, diesen Glauben konkret zu leben – das ist nicht so einfach. Nicht in der Kirche, nicht in der Ordensgemeinschaft, nicht in der Gemeinde. Was ist denn, wenn es unterschiedliche Ansichten gibt? Wenn ich das, was die anderen sagen, nicht teile? Wenn ich andere Erfahrungen und Überzeugungen habe? Kann es sein, dass Gott, dem einen dies und dem anderen das sagt?

„Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.“ (Apg 2,44) An anderer Stelle in der Apostelgeschichte heißt es: „Sie waren ein Herz und eine Seele.“ (Apg 4,32) Das ist sicher eine Idealisierung! Aber irgendwie scheint es ja schon eine Einmütigkeit zu gegeben zu haben: eine Gemeinschaft, bei der das Individuum nicht aufgelöst wird. 

Christlich gesehen ist der Satz: „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ vollkommen falsch. Aber es gilt eben auch nicht: „Du bist alles, deine Gemeinschaft ist nichts.“ Irgendetwas dazwischen?

3/ Was ist das Kriterium in der Spannung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft? Das Kriterium der Entscheidung ist, so hören wir es in dieser diesen Ostertagen sehr deutlich, die Freude! Das ist ein persönliches Gefühl bei jedem und jeder einzelnen, das in der Gemeinschaft geschenkt wird. 

„Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ (Joh 20,20) Die Jünger „hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens.“ (Apg 2,46) Gott behütet euch durch den Glauben, „deshalb seid voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht eine Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst.“ (1Petr 3,6) „Ihr habt ihn nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht, aber glaubt an ihn und jubelt in unaussprechlicher Freude.“ (1Petr 3,8) Und schließlich Thomas: Er sprach: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20, 28). Ich stelle mir vor, dass er das in unsagbare Freude getan hat: „Mein Herr und mein Gott.“

Die Nachricht „Jesus lebt!“ stieß bei Außenstehenden, aber auch bei den Jüngern selbst auch Zweifel. Thomas hatte seine Fragen. Jesus hat ihn ernst genommen, er hat den Zweifler gesucht und gefunden. Er hat ihm geholfen, aber das Wagnis des Glaubens, der als persönlicher Glaube in Gemeinschaft lebt, hat er dem Jünger nicht abgenommen. „Glaube ist keine Ideologie, sondern Glaube ist die Freundschaft mit dem Herrn, die wir leben und die uns drängt, anderen zu begegnen.“ (Czerny/Baron) Die Freude ist wie ein Wegweiser auf diesem Weg, ein Kompass im Glauben, in der Freundschaft mit Jesus. Amen.


Dienstag, 11. April 2023

Da gingen ihnen die Augen auf


Predigt Ostermontag 2023 – Manresa | Hamburg – „Da gingen ihnen die Augen auf!“ 

In Piemont, sagt man, laufen die Menschen beim ersten Osterläuten zum Brunnen in der Mitte des Dorfes. Dort waschen sie sich die Augen aus. Die Ich-will-dich-haben-Augen. Die Machen-wir-ein-Geschäft-Augen. Die Geh-mir-aus-den-Augen-Augen. Sie wollen Osteraugen bekommen. Darum waschen sie die kalten, die gierigen, die listigen, die misstrauischen Blicke fort. Sie spülen die Schleier der Angst weg. Und das kalte Wasser, sagt man, schwemmt heraus den Dreck eines langen Jahres. Sie heben den Kopf und schauen sich mit guten Augen an. (Bernhard Langenstein)

Nicht alle Menschen glauben an Jesus Christus. Manche möchten es nicht. Andere möchten es, aber versuchen vergeblich, einen Zugang zu finden. Einige haben einen gleichsam natürlichen Glauben, können sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, nicht zu glauben. Für wieder andere ist der Glaube mit Zweifeln und mit Dunkelheit verbunden, ein manchmal mühsames Unterfangen. 

Der Glaube verändert unsere Sicht auf die Welt. Das scheint mir offensichtlich. Wer glaubt vertraut. Wer glaubt, ist nicht allein. Wer glaubt, lebt aus der Dankbarkeit, dass er sich nicht selbst das Leben verdankt. Wer glaubt, findet, wer er sein kann, in der Beziehung mit Gott, mit Jesus Christus.

Der Glaube ist eine Tugend. Was bedeutet das? Er wird uns einerseits geschenkt, wir können ihn nicht machen. Andererseits aber bedarf für unsere Zustimmung, unsere Suchens und Übens, er ist eine Einstellung und Sichtweise, die entwickelt und entfaltet werden will. Um im Bild aus Piemont zu bleiben: was sind die Augen, die wir als Menschen haben? Was ist das Wasser, dass unseren Blick wäscht? Und was sind die Hände, die waschen? Oder anders gefragt: Was ist natürlich gegeben? Was ist übernatürlich? Und was ist unser Anteil am Glauben als eine Handlung?

Glaube ist nicht machbar. Es nicht ein Ding, dass ich mit dem Einsatz von Mitteln, durch Überlegungen und Entscheidungen, durch eigenen Willen einfach herstellen kann. Glaube bedarf allerdings unserer Zustimmung. Er ist wie alles, was wächst und sich entwickelt, ein lebendiges, komplexes Geschehen. Viele Einflüsse und Faktoren spielen eine Rolle. Eben auch unsere Disposition, unsere Einstellung unser Mittun. Wenn jemand nicht glaubt, weil er nicht will, weil es ihn einfach nicht interessiert, dann kommt er nicht in den Himmel. Irgendetwas dazwischen? Die Theologen sagen: Glaube ist Gnade und Freiheit!

1/ Glaube ist Gnade. Die christliche Verkündigung wird im Glauben „nicht als Menschenwort, sondern - was es in Wahrheit ist - als Gotteswort angenommen“ (1Thess 2,13). Der letzte Grund der Glaubenszustimmung sind nicht menschliche Beweisgründe, sondern es ist Gott selbst in seinem Zeugnis, in seiner Zuwendung. Dabei werden die menschliche Einsicht und die menschliche Vernunft nicht ausgeschaltet, sondern aktiviert.

2/ Glaube ist Freiheit. Kein Mensch muss glauben. Wir haben die Möglichkeit, uns zu entscheiden. Wir können Gründe suchen und finden, Argumente abwägen und vor der Vernunft und dem Gewissen prüfen. Wenn es etwas unglaubwürdig vorkommt, dann sollen wir vorsichtig sein. Glaube ist kein blindes Vertrauen. Vorsicht, vor allen Versuchen der Vereinnahmung, die uns letztlich für dumm verkaufen wollen! 

3/ Glaube, ist etwas, das Kopf, Herz und Hand in Beziehung bringt und eine Kohärenz im Leben bewirkt. Dabei geht es eigentlich nicht um die Mitteilung von irgendwelchen göttlichen Wahrheiten, Werten oder moralischen Ansichten, die verstehen und halten soll, sondern die Offenbarung Gottes ist eine Selbst-Mitteilung. Gott teilt nicht nur irgendetwas von sich mit, dass ich für wahr halten soll, sondern er teilt sich selbst mit und schenkt sich in Jesus Christus den Menschen. Darin besteht das Evangelium.

Genau wie wir es gerade in der Erzählung von Lukas über die Jüngern gehört haben, die nach Emmaus wandern. Sie können nicht glauben und verstehen, dass Jesus auferstanden ist. Sie sehen nicht, dass er mit ihnen unterwegs ist und zu ihnen spricht, bis sie sich beim Brechen des Brotes an das Geschehen in Jerusalem beim Abendmahl erinnern und an sein Leben, das er hingegeben hat; wie er sich selbst hingegeben hat. Erst in diesem Moment gingen in die Augen auf, und sie erkannten ihn (V 31). 

Der letzte und eigentliche Grund des Glaubens ist somit das Evangelium selbst. Es bringt sein eigenes Licht mit, dass wir mit den Augen des Glaubens sehen können. 

Die „Augen des Glaubens“ sind eine Metapher. Diese Formulierung will darauf hinweisen, dass es natürliche Anhaltspunkte oder Ähnlichkeiten mit dem natürlichen Sehen unserer Vernunft gibt. Gleichzeitig macht sie deutlich, das ist tatsächlich um eine andere, gnadenhafte, d.h. geschenkte Haltung und Lebensweise geht, in der das unbedingte Vertrauen und die Einsicht etwas ermöglichen, was weit über unsere Vorstellungen hinaus reicht. 

Ich glaube, dass diese Art und Weise des Sehens mit den Augen des Glaubens, vor allem im Dialog und in der Gemeinschaft möglich wird. Wenn wir miteinander unterwegs sind und anderen von unseren Erfahrungen erzählen. Und dabei spüren, dass sich das Gespräch öffnet für eine neue Sichtweise, eine Dimension des Lebens, die unser Herz öffnet und Vertrauen, Sinn, Freude, Hoffnung, Liebe ermöglicht, weil wir die Nähe Jesu „sehen“.

Der verstorbene Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, hat es so ausgedrückt: „Ich wünsche uns Osteraugen, die im Tod bis zum Leben, in der Schuld bis zur Vergebung, in der Trennung bis zur Einheit, in den Wunden bis zur Herrlichkeit, im Menschen bis zu Gott, in Gott bis zum Menschen, im Ich bis zum Du zu sehen vermögen. Und dazu alle österliche Kraft!“