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Mittwoch, 19. August 2020

Ignatiusfest 2020

 

Ignatiusfest 31.7.2020 in Hamburg, Kleiner Michel 19 Uhr – Predigt
Thema: Welchen Sinn hat es, sich an den Tod eines Menschen zu erinnern?

Liebe Schwestern und Brüder,

in einer Jesuitenkommunität gibt es manchmal interessante, ungewöhnliche Gespräche. Vor einigen Wochen sprachen wir beim Mittagessen darüber, wie Ignatius 1556 in Rom eigentlich gestorben sei. Ob er bei seinem Tod alleine war und ob er die Sterbesakrament bzw. den päpstlichen Segen, um den er gebeten hatte, am Ende erhalten hat oder nicht. Wir waren in diesem letzten Punkt unterschied­licher Meinung – mein Oberer und ich. Und so nahmen wir anschließend, beim Kaffee, eines der dicken Bücher aus dem Regal und schauten nach.

Ignatius von Loyola lebte seit der offiziellen Anerkennung der Gesellschaft Jesu im Jahr 1540 als ihr allgemeiner Oberer (Generaloberer) in Rom. Im Jahr 1550 verschlechterte sich sein Gesundheits­zustand, so dass er um Ablösung bat, er blieb jedoch weiterhin im Amt. 1556 ging es ihm abermals sehr schlecht. Man vermutet heute, dass er unter Gallenkoliken litt, die jedoch nicht richtig behandelt wurden. Auch ein Aufenthalt im Landhaus in den Bergen vor Rom Anfang Juli 1556 brachte keine Besserung, so dass man ihn am 27. Juli wieder nach Rom brachte, in das Haus der Gesellschaft Jesu neben der Kirche „Il Gesu“. Er wurde von zwei Ärzten betreut, die davon ausgingen, dass er zumindest diesen Sommer noch überleben werde. Er war 64 Jahre alt.

Am Morgen des 30. Juli bat er seinen Sekretär Polanco um die Sterbesakramente und um einen päpstlichen Segen für sich und Lainez, der ebenfalls krank war. Das ist umso bemerkenswerter, da er wusste, dass der damalige Papst Paul VI. ihm nicht wohl gesonnen war. Polanco hatte an dem Tag noch viel zu tun, einige Briefe nach Spanien mussten fertig gestellt werden, und so fragte er Ignatius, ob er auch am nächsten Tage gehen könne, um den Segen zu erbitten. Ignatius war einverstanden und nach einer Beratung mit den Ärzten entschied man so.

In der Nacht auf den 31. Juli verschlechterte sich jedoch der Gesundheitszustand des Ignatius, so dass Polanco noch im Morgengrauen zum Vatikan lief, um den Segen des Papstes zu erbitten. Als er dann zurückkam, war Ignatius schon gestorben. Es gab also den päpstlichen Segen, jedoch kam er zu spät an – insofern hatten wir beide Recht, mein Mitbruder und ich.

Polanco schrieb über den Tod des Ignatius: „Er verließ diese Welt in der gewöhnlichsten Weise.“ Ignatius war bei seinem Tod nicht allein, zwei Mitbrüder waren bei ihm und haben mit ihm gebetet; aber er starb ohne letzte Ölung und ohne den päpstlichen Segen erhalten zu haben.

Soweit die Geschichte. Doch: Welchen Sinn hat es, sich an den Tod eines Menschen zu erinnern? Warum feiern wir heute den Todestag des Ignatius? Hilft uns das Nachdenken über den Tod in irgendeiner Weise für unser Leben? Der Tod als das Ende des Lebens – kann er uns ein „Bruder“ werden, wie es der hl. Franziskus einmal ausgedrückt hat? „Bruder Tod“?

Es gibt meines Erachtens zwei wesentliche Gründe, warum wir uns an den Tod eines Menschen erinnern. Erstens für unser eigenes Leben und zweitens für die Beziehung mit anderen Menschen und mit Gott.

1. Das Nachdenken über den Tod hilft uns für unser eigenes Leben

Steve Jobs, der Erfinder und Gründer einer bekannten Computermarke, erzählte einmal vor Studenten, dass er als Jugendlicher ein Zitat gelesen habe, das ihn Zeit seines Lebens beeindruckte: „Wenn Du jeden Tag so lebst, als wäre es dein letzter, wird es höchstwahrscheinlich irgendwann richtig sein.“ Er sagte, er habe seither sein Handeln von der Frage leiten lassen, ob er das, was er sich vorgenommen habe, auch tun würde, selbst wenn es sein letzter Tag wäre: „Mich zu erinnern, dass ich bald tot sein werde, war für mich das wichtigste Werkzeug, das mir geholfen hat, all diese großen Entscheidungen im Leben zu treffen. Denn fast alles – alle äußeren Erwartungen, der ganze Stolz, die ganze Angst vor dem Versagen und der Scham – diese Dinge fallen einfach weg angesichts des Todes und lassen nur übrig, was wirklich wichtig ist. Sich zu erinnern, dass man sterben wird, ist der beste Weg, den ich kenne, um der Falle zu entgehen und zu glauben, man hätte etwas zu verlieren. Du bist vollkommen nackt. Es gibt keinen Grund, um nicht seinem Herzen zu folgen.“

Steve Jobs beschreibt eine ganz ähnliche Einsicht, wie sie offenbar auch der hl. Ignatius in den Geistlichen Übungen vermitteln wollte: Der Hinweis findet sich im Exerzitienbuch im Kontext der Wahlüberlegungen, d.h. jener Übungen, die geeignet sind, einem Menschen zu helfen, in seinem Leben eine gute und gesunde Entscheidung zu treffen bzw. seine Lebensform zu wählen. Dort heißt es, man möge aus der Perspektive vom Ende des eigenen Lebens auf sein Leben heute schauen. „Als wäre ich in meiner Todesstunde, die Form und das Maß erwägen, die ich dann in der Weise der gegenwärtigen Wahl eingehalten haben wollte. Und indem ich mich nach jener richte, soll ich in allem meinen Entschluss treffen.“ [EB 186]

2. Das Nachdenken über den Tod hilft uns in der Beziehung mit anderen Menschen und mit Gott

Gestern habe ich am Requiem für Johannes Siebner in Berlin teilgenommen. Er war der Leiter der Jesuiten für die deutsche Provinz und starb vor zwei Wochen nach schwerer Krankheit. Ich habe mit ihm einige Jahre in Bonn gelebt und gearbeitet. Er hat sein Leben im Dienst für die Menschen hingegeben. Die Erinnerung an seinen Tod verbindet uns Jesuiten und viele andere untereinander. Vor allem aber verbindet uns die Erinnerung an seinen Tod mit dem tragenden Grund seines Lebens: mit Jesus Christus, der aus Liebe zu uns Menschen gelebt hat. Jesus hat uns durch seine Hingabe gezeigt: Wir sind unbedingt von Gott geliebte Menschen.

Wenn wir an einen geliebten Menschen denken, dann erinnern wir uns an bestimmte Situationen, an gewisse Verhaltensweisen oder Ratschläge. Die Erinnerung führt dazu, dass wir miteinander verbunden bleiben und diese Menschen in uns bleibend gegenwärtig sind. Wenn wir uns an einen Menschen erinnern, der selbst auf besonders intensive Weise mit Jesus verbunden war, dann erinnern wir uns zugleich auch an Jesus und sind mit ihm verbunden. Die Kirche nennt diese Verbundenheit untereinander die „Gemeinschaft der Heiligen“.

Ob uns das Nachdenken über den Tod eines Menschen im Leben hilft oder nicht, das liegt nun m.E. vor allem daran, wie man sich an den Tod eines Menschen erinnert. Ob mit Schrecken und Schuldgefühlen, mit Verdrängung oder Bitterkeit – oder mit Liebe und Dankbarkeit. Nur mit einer inneren Freiheit und mit Liebe können wir diese Verbundenheit erleben: „Die Liebe öffnet die Augen und ermöglicht uns, den Wert eines Menschen zu sehen.“ (Papst Franziskus, AL 128) Das gilt im Leben - und auch darüber hinaus.

Wenn wir uns heute mit dem hl. Ignatius an einen Menschen erinnern, der auf besondere Weise mit Jesus verbunden war, dann lasst uns Gott um diese Liebe bitten! Gott möge die Liebe zu Ignatius in unseren Herzen entzünden, damit das Andenken an seinen Tod uns helfe: für unser eigenes Leben gute Entscheidungen zu treffen und in der Beziehung zu den anderen Menschen. Und vor allem wollen wir bitten, dass diese Liebe zu Ignatius unsere Gemeinschaft im Glauben stärke – es ist der Glaube an Jesus Christus, der für Dich und mich Mensch geworden und gestorben ist. Amen.

Montag, 15. Oktober 2018

Sonntagspredigt auf Spanisch

Heute, am Vorabend der Heiligsprechung von Oscar Romero und sechs anderen Glaubenzeugen, Männern und Frauen, habe ich das erste Mal eine Sonntagspredigt aus spanisch frei gehalten. Am Ende bin ich auf das große Ereignis eingegangen, das Evangelium Mk 10,17-30 war wie für diese Gelegenheit ausgesucht.  

San Romero de América, 2018

"Die Kirche feiert heute die Heiligsprechung von Oscar Romero und vier weiterer Männer und Frauen. Oscar Romero war Erzbischof von San Salvador, Märtyrer und Glaubenszeuge. Er hat seine Berufung in der Nachfolge Jesu auf vorbildliche Weise gelebt und bezeugt. Zunächst war ein guter Bischof, der allerdings in sehr traditionellen Bahnen dachte. Doch als im März 1977 drei Männer in seiner Diözese ermordet werden, unter ihnen der Jesuit Rutilio Grande, weil sie sich für die Gerechtigkeit und für die Armen eingesetzt haben, kommt es bei Romero zu einer Bekehrung. Er tritt öffentlich für die Armen und gegen die Gewalt ein, und er unterstützt Menschen, die die soziale Situation des Landes verbessern wollen. Auf diesem Weg der gewaltlosen Liebe wird er 1980 während der hl. Messe am Altar von Männern erschossen, die im Auftrag der Mächtigen und Reichen gehandelt haben. Sein Glaubenszeugnis ist für uns Christen weltweit ein Grund großer Freude und Dankbarkeit. Er ist Jesus nachgefolgt, (1) in Freiheit, in der Liebe zu den Armen und in Armut, (2) mit einer Sehnsucht nach Gerechtigkeit und dem Reich Gottes und (3) in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern unter Verfolgungen. Möge er heute zusammen mit den anderen für uns eintreten, dass jeder von uns seine Berufung findet und ihr in Treue folgen möge. Amen."


Sonntag, 8. Juli 2018

Predigt AKO-Fest 2018

Aloisius Foyer 1 
Liebe Kollegsgemeinschaft, liebe Schwestern und Brüder,
in diesem Jahr feiern wir mit dem AKO-Fest den 450. Geburtstag unseres Kollegs­patrons, des hl. Aloisius von Gonzaga. Er wurde am 9. März 1568 im Norden Italiens als erster Sohn des Grafen von Castiglione geboren. Er war ein begabter junger Mann und lebte in bewegten Zeiten. In seinem kurzen und intensiven Leben zeigte er eine überraschende Offenheit für Gott und bezeugte mit seinem Dienst an den Kranken, was Nächstenliebe bedeutet. Die Kirche sieht in ihm ein Vorbild der Jugend und ehrt ihn als Schutzpatron der AIDS-Kranken.
Aloisius - ein Vorbild? So ernst und unnahbar, wie er euch als Marmorfigur jeden Tag im Foyer begegnet, so dass man sich fragt, ob er wohl jemals gelacht hat? Oder so nobel, wie er auf der Medaille begegnet, die bis zum letzten Jahr an alle Abiturienten zusammen mit dem Zeugnis ausgeteilt wurde, ganz der Adelige mit seinem Wahlspruch „ad majora natus sum“ – ich bin zu Größerem geboren. Aloisius als ein Vorbild für heute?
Es ist interessant zu hören, was junge Menschen in Klasse 8 im Religions­unterricht als ihre Vorbilder benennen: Viele Schüler sagten, dass ihre Eltern ihre Vorbilder seien, die ihnen Kraft und Orien­tierung geben. Andere nannten berühmte Persönlichkeiten, Sängerinnen (Lena Meyer-Landrut zum Beispiel) oder aktuelle Fußballstars. Viele konnten jedoch kein Vorbild finden, in einer Zeit, die schwierig und unüber­sichtlich wird. Das ist m.E. ein wichtiger Hinweis für die Eltern und Pädagogen heute: Denn ich bin überzeugt, dass es wichtig ist für die Bildung und Erziehung von jungen Menschen, dass es neben den Eltern auch andere überzeugende, glaubwürdige Vorbilder gibt.
Erziehung gelingt doch nicht, in dem wir den Kindern Gesetze beibringen, was sie zu tun und zu lassen haben, um erfolgreich zu sein, Zucht und Ordnung, ihren Willen brechen – sondern Erziehung gelingt durch das Vorbild des Erziehenden, durch eine Perspektive, die eröffnet wird, durch ein Ziel, für das ich mich öffne, durch einen Meister, an dem ich mich orientieren kann – pädagogisch gesprochen am Modell. Um es mit Albert Einstein zu sagen: „Es gibt keine andere vernünftige Erziehung, als Vorbild zu sein – und wenn’s nicht anders geht, ein abschreckendes.“
Auch Aloisius suchte zu seiner Zeit als junger Mann ein Vorbild – und er fand keines. Das ist vielleicht der entscheidende Punkt seines Lebens. Er wuchs in einer christlichen Familie auf. Seine Mutter betete mit ihm, sein Vater las ihm die Briefe der Jesuitenmissionare aus aller Welt vor. Tatsächlich aber war seine Umgebung, sein zu Hause und der florentinische Hof, an dem er als Page aufwuchs, vor allem an Reichtum, Ehre und Macht orientiert. Es ging um Geld, um Sex, um Ehrgeiz, um Gewalt. Sein Vater war der Spielsucht verfallen, weswegen Aloisius mehrfach Briefe an seine Verwandtschaft schreiben musste, sie mögen die Schulden begleichen. Aloisius, der Sohn des Markgrafen, der Prinz des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, sollte lernen, ein mächtiger Mann zu werden. Aber das alles reizte ihn nicht, im Gegenteil, es ekelte ihn an. Er hatte im Gebet und im Glauben an Jesus Christus etwas ganz anderes, tieferes, schöneres gefunden, das ihn faszinierte. Die Lebensweise Jesu zog ihn an, dafür wollte er sein Leben hingeben. Gegen den Widerstand seines Vaters setze er es durch, dass er in den Jesuitenorden eintreten durfte.
In mancher Hinsicht ist die religiöse Suche des jungen Aloisius übertrieben. Er fastete regelmäßig, besonders mittwochs und freitags, dann nahm er nur Wasser und Brot zu sich. Er betete viele Stunden, stand nachts auf und kniete vor seinem Bett stundenlang auf dem kalten Steinboden. Schon mit neun Jahren legte er das Gelübde der Keuschheit ab, d.h. dass er sein ganzes Leben lang keinen Sex haben wollte. Wenn eine junge Frau in seine Nähe kam, schaute er sie nicht an. Total verklemmt würden wir heute sagen. Tatsächlich was dieses Verhalten selbst für die damalige Zeit ungewöhnlich streng, umso mehr als er offenbar ein feuriges italienisches Temperament hatte. Doch diese Strenge zeigt, wie sehr er auf der Suche war und wie wenig er bei dieser Suche gute Ratgeber und Begleiter hatte. Einer der wenigen, die ihn verstanden und unterstützten war der Bischof von Mailand, Karl Borromäus, bei dem er im Alter von 12 Jahren zu ersten heiligen Kommunion ging. Vorher hatte niemand daran gedacht. Aloisius hat die Kurve gekriegt. In der Ordensgemeinschaft, im Studium und im Dienst am Nächsten, in der Pflege der Pestkranken, hat er seine Aufgabe, seine Berufung gefunden. Das hat ihn froh gemacht und so konnte er mit 23 Jahren sterben.
Ja, Aloisius ist ein Vorbild für die Jugend. In seiner Offenheit für Gott, in seiner inneren Freiheit und in seiner tätigen Nächstenliebe. Vor allem aber, glaube ich, ist er für die Eltern und Pädagogen eine lebendige Mahnung, dass junge Menschen gute Vorbilder brauchen, wenn sie ihre Berufung und ihren Weg finden wollen.
Erstens mahnt er uns, dass wir den jungen Menschen zuhören sollen. Wie können wir besser verstehen, was sie sagen wollen? Wie können wir ihnen helfen, im Glauben und in der Liebe zu Christus zu wachsen, wenn „sie sich mit einem ähnlichen Mut wie Aloisius den Idolen der dominierenden Kultur entgegenstellen“ möchten. Wie können wir die Jugendlichen ermutigen, alle Arten von Angst und Zorn in unserer Gesellschaft zu überwinden, um hilfs­bedürftigen Menschen Aufnahme, Vertrauen und Mitgefühl auszudrücken? Wenn es darum geht, zu unterscheiden, was im Leben wichtig ist, braucht neben der Kenntnis von Regeln und Gesetzen eine grundlegende Orientierung und Herzens­bildung; das wird dann schnell ganz konkret.
Zweitens mahnt er uns, die große Würde und Berufung der jungen Menschen ernst zu nehmen. „Ad majora natus sum“ – damit ist eben nicht Reichtum, Ehre und Macht gemeint, sondern im Gegenteil: die eigene Berufung, die wir finden und leben können - das ist etwas Größeres. Kurt Hahn, ein Reformpädagoge des letzten Jahrhunderts hat es in einem der sieben Salemer Gesetze so ausgedrückt: „Erlöst die Söhne reicher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl der Privilegiert­heit.“ Ich bin zu größerem geboren – zu werden zu dem, der ich in den Augen Gottes bin und wie Gott mich gemeint hat. Wir dürfen vor Gott und in Gemeinschaft mit ihm leben!
Zum Schluss möchte ich Ihnen gerne ein Beispiel erzählen: Im letzten Monat war ich mit einer Gruppe der Q1 in Taizé. Der einfache Lebensstil, der andere Tagesrhythmus und die Verschiedenheit der Menschen haben einige Jugendliche zu Beginn sehr irritiert. Doch nach ein paar Tagen änderte sich das und es wuchs die Erkenntnis: Ich kann das, was ich vorher nicht für möglich gehalten habe. Ich kann mit einer kleinen Portion Essen am Tag auskommen, ich kann im Zelt schlafen, ich kann zehn Minuten still in der Kirche sein, ich kann mit anderen Jugendlichen ohne Stress zusammenleben und Spaß haben. Ich kann anders leben, als ich es bisher gedacht habe.
Aloisius ist ein Patron für diese innere Freiheit, für „Ganz anders ist möglich-Erfahrungen“. Möge er sein Kolleg hier in Godesberg schützen und möge er einen jeden von Euch inspirieren, seine Berufung und seinen Weg zu finden. „Herr, Du allein weißt, wie mein Leben gelingen kann. Lehre mich, in der Stille Deiner Gegenwart das Geheimnis zu verstehen, wie in der Begegnung mit Dir, wie in Deinem Anblick und in Deinem Wort Menschen sich erkannt haben als Dein Bild und Gleichnis. Hilf mir loszulassen, was mich daran hindert, Dir zu begegnen und mich von Deinem Wort ergreifen zu lassen. Hilf mir zuzulassen, was in mir Mensch werden will nach dem Bild und Gleichnis, das Du Dir von mir gemacht hast. AMEN“

Sonntag, 1. April 2018

Drei Tage warten ... Predigt Osternacht

Liebe Schwestern und Brüder,
vor zwei Wochen habe ich mit einer Gruppe von Schülern der Astronomie-AG einen Ausflug in die Eifel unternommen, um die Sterne zu beobachten. Wir hatten Glück, eine klare und kalte Nacht. Und wenn es dunkel ist, brauchen die Augen erst eine gewisse Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, etwa zehn bis fünfzehn Minuten, erst dann sieht man nach und nach die Vielzahl der Sterne und entdeckt immer mehr, bis sich das Schauen in ein Staunen verwandelt. Doch das dauert, das braucht Geduld.
Ein Bekannter erzählte mir eine ähnliche Erfahrung von einer Reise nach Island, wo er vor einiger Zeit war.[1] Dort gibt es in der vulkanischen Gegend heiße Geysire. Die Touristen strömen in Scharen zu diesen Erdlöchern. Man sieht nicht viel, es blubbert ein bisschen. Manchmal wird den Leuten dann langweilig. Sie stehen herum, machen holen das Handy heraus, andere machen Fotos. Viele werden unruhig, schauen auf die Uhr. Zwanzig Minuten nichts passiert. Die meisten wollen oder können nicht warten. Das ist doch nichts. Da passiert doch gar nichts. Sie sind mit ihrer eigenen Leere konfrontiert und begreifen nicht, warum oder besser: wie sie warten sollen. Das, was sie erwartet haben, kommt nicht; aber vielleicht ist gerade woanders etwas Spannendes, ein Event. Die meisten gehen nach einer halben Stunde weg. Wer aber ausharrt, manchmal sind es nur ganz wenige, und noch wartet, der hört es auf einmal. Wumm! Plötzlich springt der Geysir mit einem gewaltigen Satz vierzig oder fünfzig Meter hoch. Boah! Die verborgene Kraft der heißen Springquelle. Bis sich das Schauen in ein Staunen verwandelt.
So ähnlich ist es auch in der Kirche, im Gottesdienst. Die Christen erzählen von einem Gott, der unsichtbar ist und von einem Gottessohn, der von den Toten auferstanden sei. Aber man kann doch gar nichts sehen. Es passiert doch nichts Spannendes. Sie stehen da und warten und beten. Erst einmal Leere. Und wer mit seiner eigenen Leere konfrontiert wird, wer nicht gelernt hat zu warten, der wird unruhig. Er schaut auf die Uhr oder aufs Handy. Ich könnte jetzt auch woanders sein, wo etwas Spannenendes passiert. Vielleicht gibt es gerade jetzt woanders einen coolen Event, eine Party. Die meisten gehen weg. Nur ein paar wenige halten aus (an anderen Sonntagen, nicht heute!) und bleiben.
So ähnlich war es auch bei den Frauen, von denen das Evangelium erzählt. Nach dem Tod Jesu passiert nichts. Die Jünger sind verschwunden. Nur ein paar wenige sind geblieben. Die Erfahrung mit Jesus lässt sie nicht los. Noch ein letztes Mal wollen sie zum Grab gehen, um den Leichnam Jesu zu salben. Doch plötzlich und unerwartet; Das leere Grab. Der Engel, der ihnen sagt, er ist nicht hier. Jesus ist auferstanden. Er lebt.
Die Auferstehungs-Erfahrungen laden uns ein, bei Jesus, dem Auferstandenen, zu bleiben, auf ihn zu warten. Denn die Wahrheit meines Lebens findet sich nicht in Oberflächlichem, wenn wir nur schauen und herumschauen, von einem Event zum anderen, sondern wenn wir tiefer schauen, Geduld haben, warten lernen, auch die eigene Leere aushalten. Drei Beispiele möchte ich zum Schluss geben, wo ich es schon selbst erfahren habe, dass ein Aushalten und Bleiben zu ganz neuen, unerwarteten Erfahrungen führen kann.
  • In der Versöhnung mit anderen. Versöhnung ist nicht leicht, in der Familie, unter Mitbrüdern, mit Kollegen. Wenn man sich gestritten hat, braucht die Vergebung Zeit. Vor allem, wenn der andere die Versöhnung scheinbar nicht will. Dann trotzdem bleiben und Frieden suchen. Und irgendwann tut sich etwas auf.
  • Beim Gebet. Manchmal sitze ich da und nichts geschieht. Zwanzig Minuten, eine halbe Stunde. Das ist nur die eigene Leere, das Gebet fühlt sich an wie ein Selbstgespräch. Aber dann gibt es Momente – die Kraft der Stille, das wird jene Weite und Freiheit spürbar, die wir in der Gegenwart Gottes geschenkt bekommen, weil wir eine Ahnung von seiner Größe bekommen und von seiner Macht, von seiner Nähe.
  • Und ein drittes Beispiel: In der Musik. Die Töne klingen nicht, obwohl das Instrument gestimmt ist, es ist irgendwie schief und gelingt scheinbar nicht. Und dann plötzlich tut sich etwas auf. Wird Lebendigkeit spürbar.
Wie wär’s wenn wir ab und zu mal drei Tage warten würden? Auferstehung bedeutet nicht, dass dann alles so ist wie vorher, sondern im Gegenteil, dass es anders ist, dass wir in unseren Beziehungen, in unserem Gebet und in unserem Tun schon etwas erahnen von dem Staunen und dem leben, dass Gott allen durch die Auferstehung Jesu verheißen hat. Besonders schön hat es der Jesuit Alfred Delp ausgedrückt, und damit möchte ich schließen:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“[2]
[1] Vgl. Ludger Verst, Zeitansage Ostern: Der Weg zum Himmel führt in die Tiefe, in: Andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr, 1/2018, S. 23; vgl. https://ludgerverst.wordpress.com/tag/wahrheit-des-lebens/
[2] Vgl. Alfred Delp, Kassiber 17.11.1944, zit. n. http://www.sankt-peter-koeln.de/wp/veranstaltungen/elemente-ignatianischer-spiritualitat/

Freitag, 30. März 2018

Unter dem Kreuz bleiben ... Predigt Karfreitag

Liebe Schwestern und Brüder,
es gehört zu meinen schönsten Aufgaben als Priester, Kindern das Kreuzzeichen beizubringen. In der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion z.B. gehen viele Kinder in der dritten Klasse zum ersten Mal zur Beichte. Manche können das Kreuzzeichen noch nicht, vielleicht weil ihre Eltern nicht mit ihnen beten und es ihnen noch niemand gezeigt hat, vielleicht weil sie aufgeregt sind. Dann machen wir das Kreuzzeichen gemeinsam. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Ich bin überzeugt, dass dieses Zeichen ein großes Geschenk für die Kinder ist, für ihr Leben. Das große Pluszeichen, das ihnen Richtung und Orientierung gibt.
Viele Menschen heute lehnen das Kreuzzeichen ab. Es wird in Schulzimmern und Gerichtssälen entfernt. Sie halten es für ein Folterinstrument, was es ja tatsächlich auch war, und haben Angst, dass es Kinder traumatisieren könnte, den Toten am Kreuz anzusehen. Zugegeben, ein angenehmes, ästhetisches Logo des Christentums ist es nicht. Es irritiert tatsächlich, denn es zeigt das Leiden eines Menschen, das Leiden des Sohnes Gottes. Es ist kein einfaches Zeichen und in den ersten Jahrhunderten haben die Christen es zumeist eher versteckt, weil sie sich sorgten, dass es missverstanden wird. Warum sollen wir Jahr für Jahr, Tag für Tag das Kreuzzeichen machen oder anschauen? Welchen Sinn hat es, an das Leiden Jesu zu erinnern? Sollten wir nicht lieber gleich zu Auferstehung übergehen? Das Leben feiern, statt den Tod?
Kreuz in den Alpen, 2018
Im Johannesevangelium wird schon im ersten Teil (Joh 3,1-21) eine Deutung für das Kreuz gegeben, im Gespräch mit Nikodemus. Dort heißt es: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“ Die Geschichte dahinter ist so: Die Israeliten hatten bei ihrem Zug durch die Wüste sich gegen Gott aufgelehnt, aus eigener Schuld den Weg verlassen und waren von Schlangen gebissen worden, deren Gift tödlich wirkte. Als einzig wirksames Gegenmittel, so erklärte Gott es dem Mose, half eine Kupferschlange, die Mose anfertigen und an einer Fahnenstange erhöht aufhängen sollte. Wer zur Kupferschlange aufblickte, wurde gerettet. Erst indem die Israeliten auf die Schlange, das heißt auf den Grund des Übels schauten und sich der Ursache wirklich bewusst wurden, konnten sie geheilt werden. Besonders gut hat es der hl. Gregor von Nazianz ausgedrückt: Quod non assumptum, non est sanatum – was nicht angenommen wurde, kann nicht geheilt werden.[i] Im Blick auf den leidenden Gottessohn gilt das Gleiche: Erst in dem Moment, in dem ich das Leiden Jesu als Teil seines Lebens und seiner Botschaft, in dem ich die Hingabe als Zeichen der Liebe zu uns Menschen annehme und zugleich das Leid und die Schuld, die Menschen an seinem Tod haben, nicht ablehne, erst in dem Moment kann ich selbst geheilt werden von der Schuld und kann die Würde und Schönheit Jesu erkennen.
Das Leid und die Schuld annehmen, weil sie zum menschlichen Leben gehören, so kann Leben wirklich gelingen. Ich habe Menschen sterben sehen mit dem Kreuz in der Hand – und selten mehr Frieden gespürt. Ich haben Menschen beten sehen mit dem Kreuz in der Hand – und sie sagen selbst, dass sie so im Gebet die Nähe Gottes erfahren. Gerade im Leid, das Jesus freiwillig auf sich nimmt, zeigt sich die für den Menschen unbedingt entschiedene Liebe Gottes. Er steht zu seinem Wort, egal was kommt, wie groß der Widerstand auch sein mag, friedlich, ohne Gewalt, aber klar und entschieden.
Wenn ich auf Jesus blicke, bete ich das Gebet, das wahrscheinlich viele von ihnen kennen: Herr, schenke mir die Gnade, das zu verändern, was ich verändern kann, das anzunehmen, was ich nicht verändern kann; und das eine vom anderen zu unterscheiden.[ii] Jeder von uns erfährt in seinem Leben Leid und Ungerechtigkeit. Doch wie gehe ich damit um? Lebe ich im Widerstand – oder kann ich es annehmen? Einige Beispiele:
Eine Großmutter stirbt. Die Familie versammelt sich und ist traurig. Die Kinder, schon im Schulalter, werden nicht mit zur Großmutter genommen – sie sollen das Leid nicht sehen. Das ist für mich völlig unverständlich, das Leid und der Tod gehören zum Leben, und erst so kann man das Leben richtig leben. – Eine Ehe ist in Schwierigkeiten – Ein Chef auf der Arbeit ist unerträglich. – Es gibt Streit mit den besten Freunden. – Eine Familie zerbricht über Erbstreitigkeiten. – Ja, jeder von uns erfährt Leid und Ungerechtigkeit. Doch wie gehen wir damit um?
Im Blick auf Jesus dürfen wir sagen: Nur, was angeschaut wird, kann auch geheilt werden. Das heißt: Nur wenn Du im Glauben und im Vertrauen auf Gott das annehmen kannst, was du nicht ändern kannst, wirst du zu einem inneren Frieden finden und das Leben gewinnen. Das sind keine Psycho-tricks, sondern das lehrt uns unser Glaube, in dessen Zentrum das Kreuz steht und in dem wir in der Nachfolge Jesu aufgerufen sind, an seinem Kreuz mitzutragen oder unser Kreuz zu tragen. Eine Liebe, die bis in den Tod hinein geht, das Leid nicht überspringt und so, indem sie auch das Leid und den Tod annimmt, uns wirklich heilen kann.
„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

[i] Vgl. Eckhard Frick, Sich heilen lassen. Eine spirituelle und psychoanalytische Reflexion, Würzburg 2005 (Ignatianische Impulse, 12).
[ii] Vgl. Reinhold Niebuhr, https://de.wikipedia.org/wiki/Gelassenheitsgebet