Montag, 8. Oktober 2018

Unter die Räuber gefallen


Als ich am Sonntagnachmittag eine Runde durch die Stadt laufen wollte und die Haustüre öffnete, lag direkt auf der Schwelle ein Obdachloser in seinem Schlafsack, quer in der Tür, und rauchte. Die Tür führt direkt ohne Stufen auf den Bürgersteig. Ich habe gegrüßt, aber war doch einigermaßen perplex. Es gibt hier viele Menschen, die auf der Straße leben und betteln. In jeder Straße sieht man einige, manchmal in Gruppen sitzend, mit Alkohol oder Zigaretten, manchmal auf Matratzen oder auf Pappe schlafend. Die Leute sagen, dass es in den letzen Jahren mehr Menschen geworden sind, die auf der Straße leben. Es gibt Einrichtungen für Obdachlose, auch die Jesuiten leiten bzw. unterstützen zwei Einrichtungen hier im Viertel: Ein Obdachlosenheim, Hogar de San José, in dem täglich fast 200 Essen ausgegeben werden und etwa 40 Männer regelmäßig übernachten. Dann noch ein Obdachlosenzentrum in der Nähe. Aber ich musste eben an diesem Sonntagnachmittag über den Mann steigen, um das Haus zu verlassen, und die Tür hinter mir mit einem langen Arm zuziehen. Fast hätte sich sein Schlafsack eingeklemmt. Er war etwa in meinem Alter. Ich habe ihn gefragt, ob es ihm gut geht - und er hat ganz normal geantwortet. Er hat nicht gebettelt, hat nichts weiter gesagt. Als ich eine Stunde später wiederkam, war er weg. Daran musste ich denken, als ich heute das Evangelium las.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Geschichten

https://youtu.be/kAMh2SoYY7g Es gibt eine neue Seite der Berufungspastoral, auf der ich in einem Film zu sehen bin. Ich erzähle einen wichtigen Teil meiner Geschichte, nicht mehr und nicht weniger. Viel Freude!

Montag, 1. Oktober 2018

Santa Fe la Vera Cruz - Colegio de la Inmaculada Concepción


Die letzte September-Woche war ich in Santa Fe zu Gast, wo ich 2012/13 für ein Jahr im Kolleg mit­ge­arbeitet habe. Es war eine Woche voller guter Begegnungen und schöner Überraschungen. Die Kommunität dort hat sich seitdem verändert, aber im Kolleg habe ich viele Bekannte, ja auch Freunde wiedergetroffen. Es ist ein Freude zu sehen, wie gut sich das Kolleg weiterentwickelt hat und was aus den Schülern von damals geworden ist: Einige von den „Kleinen“ machen jetzt ihren Abschluss, die „Abiturienten“ von vor fünf Jahren, mit denen ich viel unterwegs war, studieren bzw. arbeiten teilweise schon als Lehrer oder Erzieher im Kolleg mit. Es gibt auch dort finanzielle Probleme, die Gewalt in der argentinischen Gesellschaft hat eher zugenommen, viel Armut in unmittelbarer Nähe. Aber aus dem Schulentwicklungs­prozess, der dort 2012 begann, konnten verschiedene Projekte weitergeführt werden, z.B. das ignatianische Gebet (ähnlich wie die Erzählgottesdienste), die Mentoren für alle Stufen, die „Nebenexperimente“ für die älteren Schüler. Ich habe von den Entwicklungen in Bonn berichtet. Es tut sich viel an unseren Schulen! Außerdem gab es noch ein Treffen von jungen Menschen, die Kranke im Hospital besuchen - davon ein Bild, auf dem die Geste hoffentlich keine politische Äußerung ist.

Montag, 17. September 2018

Abschied vom Rheinland

Eine Woche Abschied in Bonn, zwischen den Welten. Der Schulalltag hat hier schon längst wieder begonnen. Als ich vor einer Woche mit dem Rollkoffer den Berg hoch schnaufe, begrüßt mich Tarik aus Klasse 7 freudestrahlend: „Na, sind Sie schon wieder zurück aus Mexiko?“ Einige Kollegen fragen, ob ich denn immer noch nicht weg sei. So ist das, wenn man sich verabschiedet?! Nein, ich bin tatsächlich immer noch da. Ein Oberstufenschüler meckert: „Dann hätten Sie doch wenigstens noch vier Wochen den Physikkurs unterrichten können!“ Auch eine Art und Weise, Anerkennung zu zeigen.

Wer mehr Bilder von mir im Unterricht sehen möchte, kann dies übrigens auf der neuen Webseite der Jesuiten: https://www.jesuiten.org/was-wir-tun/bildung/schulen/

Anosnsten heißt es einpacken und aufräumen. Innerlich und äußerlich. Und die Zeichen erkennen, die mir überall begegnen, wenn das Leben mal wieder auf zwei Koffer schmilzt. Wie ein- und ausatmen.
Danke für fünf gute Jahre am Aloisiuskolleg!
 





Montag, 10. September 2018

Arche-Gemeinschaft

„Wie geht es Dir eigentlich?“ Mitten im Gespräch konnte eine ältere Bewohnerin der Arche diese Frage ganz unvermittelt stellen – und es war immer wieder die gleiche Frage, so dass meist alle schmunzelten. Aber manchmal lässt einen diese Frage stutzen und innehalten, reflektieren – ganz ignatianisch, scheint mir: Wie geht Dir eigentlich?
In den vergangenen drei Wochen war ich Gast in der Arche-Gemeinschaft in Tecklenburg. Ich wurde mit einer großen Offenheit aufgenommen, habe viele Menschen in der Arche und im weiteren Umfeld kennen gelernt. Die Bewohner und Assistenten gemeinsam in einer großen WG: Zusammenleben ist nie einfach, und angesichts der zusätzlichen rechtlichen und inter­kulturellen Herausforderungen gilt das auch für die Arche. Doch die Geduld und die Freundlichkeit im Umgang miteinander, die von einer christlichen, ökumenischen Haltung getragen werden, haben mich beeindruckt. 
Die gemeinsamen Elemente im Tagesablauf, vom Frühstück über das nachmittägliche Kaffeetrinken mit Obst (immer alles mit Tischgebet, oft gesungen, auch wenn es schief klingt), das Abendgebet im Wohnzimmer, bis zum das Abendessen und den Ausklang vor dem Fernseher strukturieren den Alltag. Ich habe versucht mich einzubringen, da zu sein, mitzuhelfen – und habe ganz viel empfangen. Neben den viele Gesprächen und Begegnungen bleibt mir das Blech Pflaumenkuchen in Erinnerung, das wir mit den Pflaumen aus dem eigenen Garten zusammen gebacken haben. Die Tage in der Arche mit dem gleichmäßigen Rhythmus ließen mir bei allen Überraschungen immer wieder Zeit für Gebet und Nachdenken. Es ist wirklich ein guter Ort und ein Zeichen, wie Gemeinschaftsleben heute möglich ist.
„In den Arche-Gemeinschaften leben Menschen mit geistigen Behinderungen mit anderen zusammen, die sich berufen fühlen, ihr Leben mit ihnen zu teilen. Bei diesem engen Zusammenleben und gemeinsamen Unterwegssein lernen wir alle Leiden und Freuden des Gemeinschaftslebens kennen. Hier öffnen die schwächsten Mitglieder uns anderen das Herz für das Mitfühlen und helfen uns auf diese Weise zu einem tieferen Einswerden mit Jesus. Wir lernen es, mit ihnen Freundschaft zu schließen, und durch sie und mit ihnen auch mit Jesus. Unsere Gemeinschaften beruhen – genau wie auch die Gemeinschaften »Glaube und Licht« – auf dem Glauben an den Wert, den jeder Mensch hat; ganz unabhängig von seiner Kultur oder Religion, seinen Fähigkeiten oder Behinderungen. Wir alle sind berufen, in der Liebe und Weisheit und der Fähigkeit zum Annehmen des Anderen zu wachsen. Manche unserer Gemeinschaften wurzeln im katholischen Glauben; andere wurden ökumenisch. So erleben wir die Freuden des Einsseins und die Schmerzen, die es bereitet, noch gespalten zu sein. Indem wir versuchen, die Botschaft Jesu zu leben, wachsen wir zusammen.“ (Jean Vanier, Vorwort, in: Weites Herz. Dem Geheimnis der Liebe auf der Spur, Schwarzenfeld 2010, S. 7)