Dienstag, 14. November 2023

Öl für die Lampen

Magdeburger Dom, kluge junge Frauen

 Predigt 32 So A | Hamburg

Les: Weish 6,12-16; 1Thess 4,13-18; Mt 25,1-13

Vor einigen Tagen berichtete Dana Rosa, eine junge Frau aus Berlin, auf TikTok von ihrer Arbeitssuche. Sie hat Tränen in den Augen, ihre Stimme zittert, sie ist fassungslos und schluchzt. Sie klagt über ihr Leben: Man habe ihr immer gesagt, sie müsse studieren, dann finde sie einen besser bezahlten Job. Doch jetzt erwartet man von ihr eine 40 Stunden-Woche. Ich zitiere aus dem Video:

„Da sind Leute, die wollen dir 36.000 Euro brutto im Jahr geben – als Vollzeitangestellte, aber du kriegst auch 30 Tage im Jahr Urlaub“, berichtet sie sichtbar schockiert. „Das Schlimmste ist, die 30 Tage sind ja noch viel – im Jahr! Wir reden hier von einem ganzen Jahr! Ich weiß jetzt wirklich nicht, wie man überleben soll. Das bedeutet keine Freizeit, man sieht sich nicht mal, weil man nur arbeiten geht. Und am Wochenende wartet auf mich dann ein Haushalt und ein Einkauf, auf mich warten dann irgendwelche Freunde, die mich auch mal wiedersehen wollen, für die ich eigentlich gar keine Energie mehr hab, weil ich die ganze Zeit nur arbeiten bin. Und dann fängt alles wieder von vorne an.“

Ein einzelnes dummes Mädchen der „Generation Z“, das nie zu arbeiten gelernt hat und einen Nerven¬zusammenbruch erleidet, weil es Angst hat, dass es mit der Arbeitsbelastung nicht fertig wird? Oder ist diese Angst und dieses Gefühl von Überlastung nicht viel weiter verbreitet, als wir meinen? Die Diskussionen um eine die „work-life-balance“ zeigen, dass es nicht einfach ist seinen Platz zu finden. Denn gehört die Arbeit etwa nicht zum Leben?

Jeder wird aus der eigenen Familie oder aus dem Freundeskreis Menschen kennen, die an Arbeits-Überlastung leiden. Einige haben einen burn-out, d.h. sie haben keine Kraft mehr zum Leben. Das ist eine Krankheit, schlimm, für die Menschen selbst und für die Angehörigen, die oft hilflos dabei stehen und selbst mit gutem Willen ihnen nichts von ihrer Kraft und ihrem Lebensmut abgeben können.

Ein Mitbruder aus Göttingen, den ich sehr schätze, ein begnadeter Seelsorger und Pfarrer, engagiert und solidarisch, kreativ und geistlich, ist seit dem Sommer in Therapie. Er hat zu viel gearbeitet. Er sagte am Telefon: Es fühlt sich an, wie wenn ein Loch im Segel ist. Es geht gar nichts mehr.

An diese Menschen habe ich gedacht, als ich das heutige Evangelium las von den jungen Frauen, die kein Öl mehr haben. Sie möchten – wie die anderen auch - zur Hochzeit gehen, zur der sie eingeladen sind, aber im entscheidenden Moment fehlt der Sprit. Und der lässt sich offensichtlich auch nicht einfach besorgen oder teilen. 

Sie haben kein Öl mehr. Im Evangelium werden sie als dumme junge Frauen bezeichnet. Sie haben nicht vorgesorgt wie die anderen, die klugen jungen Frauen. In welcher Weise sind sie klug? In welchem Sinn haben sie vorgesorgt? 

Das „Öl“ für die Lampen steht im Gleichnis für die Ressourcen des Glaubens. Die einen haben auf sie geachtet, die anderen nicht. Diese Ressourcen helfen, um in das Reich Gottes einzutreten und darin zu leben. Auf die Bedeutung dieser Ressourcen habe ich schon im Rahmen der Predigtreihe vor einem Monat hingewiesen. Hier werden einige dieser Ressourcen konkret benannt. Welche sind es?

1/ Die klugen jungen Frauen leben in der Freude auf das, was kommt. Der Glaube ist wie die Vorfreude auf eine Hochzeit. Oder wie der kleine Löffel bei einem guten Essen, den manche den Propheten nennen, weil er vom Nachtisch kündet: Das Beste kommt noch! Diese Freude zeigt sich z.B. in der Hoffnung auf Frieden für alle. Wenn ich es angesichts der angespannten Weltlage und der immer neuen Katastrophenmeldungen in den Nachrichten mit der Angst zu tun bekomme, dann kann es sein, dass ich diese Hoffnung verliere und ich es Gott nicht mehr zutraue, dass er die Welt zu einem guten Ende führt. Dann geht mir das Öl aus. (zeitliche Dimension)

2/ Die klugen junge Frauen leben in der Achtsamkeit sowohl in der Beziehung zu Gott wie zu anderen Menschen, weil sie die Gegenwart nicht aus dem Blick verlieren. Ihr Warten ist nicht einfach ein Absitzen der Zeit. Nicht wie ein Mensch, der einfach alles auf morgen verschiebt und nichts mehr tut. Es ist andererseits auch nicht so, dass sie krampfhaft wach bleiben und fromme Höchstleistungen vollbringen. Das Gleichnis erzählt: Alle zehn schlafen ein, als die Zeit lang wird. Christlicher Glaube ist nicht angestrengte Verbissenheit, sondern Gelassenheit: ein waches Gespür dafür, wann ich bereit sein muss: Wenn es gilt ein Geschenk der Liebe anzunehmen oder die Chance zu sehen, ganz für einen anderen Menschen da zu sein. (mitmenschliche Dimension)

3/ Die klugen jungen Frauen leben schließlich in der Bereitschaft, ein kleines bisschen mehr zu tragen, als es auf den ersten Blick nötig erscheint, nämlich auch noch die Krüge mit dem Öl mitzunehmen. Das war nicht angenehm für sie. Doch sie sind sich bewusst, dass nicht alles im Leben eine reine Freude ist, dass es auch Durststrecken und Kreuzwege gibt und dass das Leben trotzdem einen Sinn hat. (mitleidendene Dimension)

Das bedeutet keinesfalls, dass man alles ertragen soll. Opfer braucht es keine mehr, seit der Herr sich für uns hingegeben hat. Wir sollen nicht alles tragen, sondern müssen etwas zurücklassen, müssen uns abzugrenzen. Aber die Liebe hat auch etwas mit Leidenschaft zu tun hat, weil wir den Glauben in zerbrechlichen Gefäßen tragen, weil wir Menschen sind und die Sünde in dieser Welt noch ihre Macht hat.

Seit Monaten werden wir mit Tod und Leid konfrontiert – vor allem durch Bilder aus Israel und der Ukraine. Die Menschen, die Zuflucht suchen, können nicht alle aufgenommen werden. Kann ich in dieser Situation etwas mehr tragen als es mir gerade bequem erscheint? Einen kleinen Krug Öl mehr?

Ich habe keine Lösung für Dana Rosa anzubieten und ich will ihr keinen Ratschlag geben, was sie tun soll. Vielleicht ist ein Vollzeitjob im Büro einfach nicht das richtige für sie. Vielleicht gibt es etwas, wo sie glücklich wird, wo sie eine Tätigkeit findet und erfüllt und gut leben kann. Ich würde die Angst nicht einfach übergehen. 

Und auch bei einem Burn-out kann ich Ihnen hier keine einfache Lösung bieten. Das entscheidende Kriterium für ein erfülltes und gutes Leben ist es aber, so bin ich überzeugt, dass ich einen Sinn finde, dass ich eine Orientierung finde, dass ich eine Ahnung davon bekomme, wofür sich das alles lohnt.

Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei Tugenden, Grundhaltungen, die wir entdecken und in die wir uns einüben können, sind Ressourcen des Glaubens, das Öl in unseren Lampen auf dem Weg zur Hochzeit. Ich hoffe, wir sehen uns - beim Fest! Und bis dahin: Im Gebet verbunden!




Dienstag, 3. Oktober 2023

„Warum nicht?“

Predigt 26. Sonntag im Jahreskreis A, Hamburg 2023

Die Ressource: „innere Freiheit“

Les: Phil 2,1-11; Mt 21,28-32

Predigt: Liebe Geschwister im Glauben,

im Rahmen der Predigtreihe haben ihnen an den vergangenen Sonntagen drei Predigerinnen jeweils eine Ressource vorgestellt, die ihnen Kraft und Mut im Glauben gibt: Sr. Klarissa die Ressource des Suchens nach dem eigenen Weg, Martina Altendorf die Vergebung, Barbara Viehoff den Perspektivwechsel. Heute möchte ich eine Ressource vorstellen, die mir Kraft und Mut im Glauben gibt: die „innere Freiheit“.

Wir haben im Moment Besuch von einem älteren Herrn, ein Bekannter von Pater Mehring, der nach einigen Irrungen und Wirrungen im Leben schließlich Religionslehrer geworden ist und darin seine Berufung gefunden hat. Er erzählte beim Abendessen, auf welch ungewöhnlichem Weg er dazu gekommen ist. Die Geschichte endete damit, dass all die Ereignisse und Begegnungen ihm deutlich gemacht haben, dass der „oberste Chef“, so drückte er sich aus, „es so gewollt habe“. Das habe ihm eine große innere Freiheit gegeben in diesem Beruf.

Das Evangelium, dass wir gerade gehört haben, ist in diesem Sinne auch eine Berufungsgeschichte. Der Vater ruft nacheinander seine zwei Söhne und bittet sie: geh und arbeite heute im Weinberg. Die Antworten der beiden fallen unterschiedlich aus. Der eine sagt „nein“, geht dann aber doch. Der andere sagt „ja“, geht aber nicht. Die Antwort auf die Frage, wer den Willen des Vaters getan hat, ist jedoch einhellig: Der erste ist schließlich der Einzige, der etwas getan hat.

Ist die Pointe der Erzählung also, dass es mehr auf die Taten ankommt und als auf die frommen Worte? Dies bestreiten weder die Hohepriester noch die Ältesten der Juden, mit den Jesus diskutiert. Ignatius von Loyola würde sagen, dass man die Liebe mehr in die Taten als in die Worte legen soll. In dem Punkt sind sie sich doch offenbar einig. Worum geht es bei diesem Gleichnis dann eigentlich?

Eine kleine Zwischenfrage an Sie mag uns helfen: Welcher der beiden Söhne, denken Sie, war am Ende des Tages glücklicher? […] Derjenige, der den Tag gearbeitet hat – oder der andere?

Das Gleichnis vom willigen und vom unwilligen Sohn hebt, so denke ich, vor allem auf die innerliche Veränderung ab, auf das, was beim Einzelnen innerlich geschieht: auf die Umkehr und die Reue, auf die Einsicht und die Wirkung, die damit zu tun hat, dass man auf das Recht-behalten-wollen, verzichtet. Das ist, glaube ich, der entscheidende Punkt in dieser Geschichte - und auch bei der Frage nach der Berufung und der inneren Freiheit.

Berufung ist die Wahrnehmung, dass ich etwas tue, was nicht nur auf meinem eigenen Mist gewachsen ist; dass ich geführt werde von Gott, auf einem Weg, den ich mir selbst nicht vorgestellt oder ausgesucht habe und den ich doch selbst gewählt habe. Berufung ist die schrittweise Erkenntnis, dass die einzelnen Puzzle-Teile meines Lebens doch irgendwie zusammengehören und dass es einen größeren Sinn gibt, den Gott für mich kennt und mir zu deuten hilft.

Es geht bei Berufung nicht in erster Linie um die Reue des Sohnes. Diese spielt sicherlich in einem Moment auch eine Rolle: Dass er sich gedacht hat, mehr noch, dass er gespürt hat: „Meine Antwort war nicht okay.“ Ich könnte dem Vater im Weinberg heute einmal helfen. Warum mich der Vater bittet, das ist gut möglich und mir bricht kein Zacken aus der Krone. Es geht bei Berufung eher um die Einsicht, dass auch eine andere Antwort möglich geworden gewesen wäre - und um das Vertrauen, dass ich es wagen könnte.

„Pourqoui non?“ - „Warum nicht?“ Diese Frage steht unter einem Marienbild, dass bis heute in der Kapelle der heimatlichen Burg derer von Loyola hängt. Die Frage ist erfunden die Antwort Mariens auf die Botschaft des Engels, ob sie bereit ist, ein Kind zu erwarten, ob sie bereit ist, die Mutter Gottes zu werden. Warum nicht? Das wird auch die Antwort des ehrgeizigen, jungen Basken Inigo sein, als er in sich den Ruf spürt, eine Wallfahrt nach Jerusalem zu unternehmen, allein und zu Fuß.

Warum nicht? Das ist eine Antwort auf eine mögliche Berufung. Was braucht es dafür, um eine solche Antwort geben zu können? Man soll nicht naiv zu allem „ja“ und „amen“ sagen; nicht jeden Dienst übernehmen, den andere einem antragen; nicht auf jeden Zug aufspringen, egal wohin er fährt.

Drei Dinge sind wichtig, um gut unterscheiden zu können.

1/ Es braucht das grundlegende Vertrauen, dass der, der mich ruft, es gut mit mir meint. Er ist der Vater, und ich bin sein geliebter Sohn, seine geliebte Tochter. Ich bin von ihm gesehen und in seinen Augen wertvoll.

2/ Es braucht die Offenheit, dass Veränderung möglich ist, dass ich in den Augen Gottes wachsen kann. Er traut mir etwas zu, und ich kann „hören, wer ich sein kann“.

3/ Es braucht die Hoffnung auf eine größere Gerechtigkeit, auf einen größeren Sinn, der Orientierung schenkt. Manche nennen das Werte. Ich würde es eher Demut nennen; weil es nämlich um die Bereitschaft geht, auf das Recht-behalten-wollen und das Bescheid-Wissen zu verzichten und einfach zu dienen, ohne die erste Geige zu spielen.

Das hört sich vielleicht etwas abstrakt oder kompliziert an: Vertrauen, Offenheit für Veränderung, Hoffnung auf eine größere Gerechtigkeit, aber ich sehe darin tatsächlich die drei Grundbausteine einer Berufung, auf die sich bauen lässt.

Wenn sie es kürzer und einfacher haben möchten: neu anfangen ist möglich. Im Glauben sind wir alle Anfänger, weil Gott neu mit uns anfängt, jeden Tag. Und es kommt auf deine Antwort an, nicht nur im Wort, sondern auch in der Tat.

Ganz schön beschreibt Paulus diese Haltung in dem Brief an die Gemeinde in Philippi. In Philippi, im Norden Griechenlands, an der Grenze zu Mazedonien, liegt eine von Paulus gegründete Gemeinde. Es ist seine Lieblingsgemeinde, zu der er eine besonders enge Beziehung hatte. Die Gemeinde ist im Evangelium verwurzelt. Die Botschaft vom „Trauen Gottes“ ist klar, aber es gibt Probleme bei der Umsetzung, es gibt Auseinandersetzungen untereinander.

In dieser Situation bringt er die Berufung des Christ-Seins auf einen zentralen Punkt: dem anderen den Vorrang einräumen bzw. aufs Recht-behalten-wollen zu verzichten. (vgl. Norbert Baumert, Der Weg des Trauens, Paulus neu gelesen, Würzburg, 2009).

Paulus ist in Gefangenschaft und er wünscht sich von der Gemeinde, die er sehr schätzt, ein Zeichen der Ermutigung und des Trostes. Und er bittet sie: „Macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig. Dass ihr nicht aus Streitsucht und nicht aus Prahlerei heraus handelt. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“

„Eines Sinnes sein“, das bedeutet nicht eine Gleichschaltung der Gedanken, sondern eine gemeinsame Ausrichtung: in der gleichen Liebe zu Gott ein gutes Miteinander pflegen: ohne Rivalitätsdenken, ohne Missgunst und Neid. Und dabei jeweils die anderen so einschätzen, dass sie vor euch selbst den Vorrang haben. Ganz selbstverständlich im alltäglichen Umgang miteinander schlicht und ohne gekünstelte Manieren! Eine innere Haltung den anderen gegenüber.

Achtung: nicht Höherbewertung! Nicht den anderen für besser halten. Es geht nicht ums Urteilen „der andere ist moralisch besser als ich“ – das Urteilen ist allein Gottes Sache. Es geht um Zuvorkommenheit, um Respekt, dem anderen den Vorrang zu geben.

Konkret: dem anderen das größere Tortenstück zu überlassen. Oder in der Kommunität bereit zu sein, auch einmal das Klo zu putzen. Oder im Gemeinderat dem anderen den Vorsitz zu überlassen. Oder beim Dank einmal nicht an erster Stelle genannt zu werden. Das kratzt am Ego. Darum geht es.

Das setzt gerade das Wissen um die eigene Würde voraus! Nur wenn ich nichts verteidigen muss, weil ich in Gott geborgen bin, nur wenn ich keine Angst mehr habe um mich selbst, kann ich anderen den Vortritt lassen, kann ich aufhören Recht behalten zu müssen.

Die Interessen der anderen berücksichtigen, d.h. eine andere Perspektive einnehmen. Und zwar aufgrund der eigenen Christusbeziehung dem anderen Vorrang zu geben. Und auch die eigenen Schwächen einzugestehen. In der Schwachheit werden wir einander Geschwister!

Das bedeutet nicht, immer zurückzustehen und sich zu verkriechen. Das Beispiel Jesu ist angezielt. Der hat sich nicht vorgedrängelt, er kannte allerdings klare Worte und deutliche Positionen. Er hat seinen Platz eingenommen als Lehrer, als Meister!

Selbstverständlich: Gott hat immer den Vorrang. Sein Auftrag an den Menschen hat Vorrang. Keine falsche Unterwürfigkeit und Duckmäuserei. Aber in der Entschiedenheit eine bestimmte Haltung der Freiheit, um die geht es hier. Um eine Haltung des Dienens, vgl. Lk 22,27b („Ich bin unter euch als einer der dient.“)

Das Beispiel Jesu wird dabei leitend (vgl. V5): So habt ihr bei Euch und unter Euch die Gesinnung, die man „in Christus Jesus“ haben sollte. Das heißt nicht: dieselbe Gesinnung haben wie Christus (sich kreuzigen lassen), sondern es heißt eine der eigenen Christusbeziehung entsprechende, angemessene Gesinnung zu haben: Wenn ich in Beziehung zu Christus stehe, dann der andere doch auch! Seine Freunde sind auch meine Freunde, oder nicht?

Wie sich also Jesus Christus als Mensch unter Menschen verhielt (vgl. V6): „Er, der in seinem irdischen Leben von Gottes Wesensgestalt war -, hat es nicht (triumphierend) wie einen Raub betrachtet, sich so zu verhalten, wie es Gott entspricht, sondern hat sich selbst völlig zurückgenommen“, d.h. er hat darauf verzichtet, seine göttliche Macht zu gebrauchen – obwohl er es hätte tun können.

Einige, die diese Stelle gut kennen, hören dort von der Übersetzung her eine zeitliche Reihenfolge: als ob der Sohn, vor aller Zeit beim Vater, bei der Menschwerdung gesagt hat: naja, dann lasse ich das Gott-Sein mal für eine kurze Zeit bleiben und werde Mensch und gehe auf die Erde. Jesus als ein Avatar, der jetzt unter den Bedingungen des Menschseins agiert, d.h. nicht Gott ist, und dann wieder zu Gott zurückkehrt und seine Kräfte wiederbekommt.

Nein, das ist nicht gemeint bei Paulus. Ausgangspunkt ist wörtlich „Christus Jesus“, d.h. der konkrete, historische Mensch Jesus von Nazareth. Der ist schon Mensch und Gott zugleich und dann hat er auf etwas verzichtet. Er hat etwas losgelassen in seinem Leben. Kenosis ist also nicht, dass Jesus sich seiner Gottheit bei der Menschwerdung oder beim Sterben entäußert hätte, sondern es ist der Verzicht des Menschen Jesus auf die Ausübung seiner göttlichen Macht, besonders in seiner letzten Phase, in der Hingabe seines Menschseins in den Tod.

Der Satz „er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich“ ist nicht eine Abfolge. Richtig übersetzen müsste man dort mit einer zeitlichen Nachordnung: „er nahm sich zurück, nachdem er eine Sklavengestalt ergriffen hatte.“ D.h. er war schon als Mensch geboren und hat dann auf etwas verzichtet: In der entscheidenden Konfrontation der Menschen mit seiner Sendung verzichtet er bewusst auf alle göttliche Wunderkraft und auf alle menschlichen Machtmittel (Besitz, Anhängerschaft, Beziehungen, Verhandlungen, etc.) – und vertraut allein auf die Liebe.

Das ist Berufung meines Erachtens: neu anfangen, aufs Recht behalten wollen verzichten, bereit sein zu dienen – und zu vertrauen, nur auf die Kraft der Liebe, nicht auf menschliche Machtmittel. Das schenkt innere Freiheit. Warum nicht?

Montag, 21. August 2023

Worüber man nicht reden kann

Predigt 20. So Jahreskreis A 2023, Manresa 19 Uhr - Hamburg zu Mt 15,21-28

„Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen“, so sagt der Philosoph Ludwig Wittgenstein. 

Die Geschichte von der Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau gehört zu den irritierenden und für mich zunächst unverständlichen Erzählungen im Evangelium des Matthäus: Eine Frau hat eine kranke Tochter. Es ist offenbar eine schwere Krankheit, die das Kind am Leben hindert. Und sie bittet Jesus um Erbarmen. „eleison me, Kyrie“ – genauso, wie wir am Beginn der heiligen Messe bitten: „erbarme dich meiner, o Herr.“ Und sie nennt ihn respektvoll „Sohn Davids“, d.h. sie zeigt, dass sie weiß, dass er nicht zu ihrem Volk gehört, sondern ein Jude ist. Die Reaktion Jesu ist abweisend: „Der aber antwortete ihr nicht ein Wort.“ Schweigen. Jesus, warum sprichst du nicht mit ihr? Warum antwortest du ihr nicht? Das wäre doch wohl das Mindeste an Respekt, dass du ihr gegenüber zeigen mögest! 

Sie wird stehen gelassen, aber sie schreit hinter Jesus und seinen Jüngern hier. Sie lässt sich nicht abweisen. Ob sie das Wort Jesu an seine Jünger gehört hat, wissen wir nicht. Er signalisiert ihr jedenfalls deutlich: Ich kann bzw. will für dich nichts tun. Das ist nicht mein Auftrag. It’s not my Job. Dazu habe ich nicht die göttliche Vollmacht. Heilen kann ich nur in Israel. Nicht bei den anderen Völkern, die nicht an Gott glauben. Denn das ist ja der entscheidende Unterschied zwischen den Juden und den Kanal nähern und den anderen Völkern, die dort wohnen: Gott.

Glauben Sie an Gott? Eine erwartbare Frage in der Kirche, mögen Sie denken. Ja, klar, glaube ich an Gott. Sonst wäre ich doch nicht hier. Das bekennen wir in der Taufe, im Glaubensbekenntnis, das ist doch wohl das Mindeste. Aber so simpel ist die Frage nicht. Denn Christen Glauben an einen Gott. Ein Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und der in allem und über alles ist. Das bedeutet zugleich, dass es keine anderen Götter geben kann: keine hinduistischen Götter, keine Naturgötter, keine griechischen Götter, keine römischen Götter - die sind alle nur ausgedacht, von Menschen gemacht. 

Die Philosophen haben das schon immer gewusst, „dass es im Grunde nur eine höchste Macht, nur einen Gott oder einen Geist, eine Schöpferkraft im Kosmos geben kann, auch wenn sie mit Rücksicht auf damalige Sitte und Tradition die Verehrung mehrerer Götter gebilligt haben. Bei fast allen Philosophen mit Ausnahme der Schule Epikurs herrscht Einigkeit, dass es eine Vorsehung gibt, und dass sie auf eine Schöpfungskraft zurückgeht, weil die Welt ohne diese eine Schöpfermacht nicht hätte entstehen und ohne deren Leitung nicht fortbestehen könnte.“ (Marco Kunz, Konstantin 2021, S. 23-24)

Mit dem, was wir meinen, wenn wir „Gott“ sagen, z.B. „Güte“, „Allmacht“, etc., ist logisch verbunden, dass ist nicht viele gibt. Um diesen Schritt kommt man nicht herum. Wir sind für die Religionsfreiheit: jeder Mensch hat das Recht, seinen Gott anzubieten, da soll es keinen Zwang geben! Aber die katholische Kirche ist genauso überzeugt davon, dass nicht jeder nach seiner Fassung selig werden kann.

Wenn wir von Gott reden, dann werden wir ihn nie ganz begreifen oder verstehen, sonst wäre es nicht Gott. „Si comprehendis, non est Deus“, hat der heilige Augustinus gesagt. Aber es ist auch nicht alles egal was man über Gott sagt. 

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor bald 60 Jahren hat die katholische Kirche die anderen Religionen anerkannt und in ihnen „Strahlen der Wahrheit“ gefunden. Das bedeutet, dass auch Menschen in einer anderen Religion gerettet werden können, d.h. in den Himmel kommen können, dass auch in anderen Religionen etwas von Gott erkannt worden ist, wenn auch nicht in dem Maße, wie im christlichen Glauben. 

„Auch die Menschen, die das Evangelium noch nicht empfangen haben, gehören auf verschiedene Weise zum Volk Gottes. Das gilt in erster Linie von jenem Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleisch nach geboren ist (Röm 9, 4–5). Gott liebt dieses Volk um der Väter willen und weil er es erwählt hat; Gott nimmt seine Gaben und eine einmal ergangene Berufung nicht zurück (Röm 11, 28–29). Sein Heilswille umfasst aber auch alle, die ihn als ihren Schöpfer anerkennen. Unter ihnen sind besonders die Muslim zu nennen, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den gnädigen und barmherzigen Gott, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird. Aber auch den anderen, die in Schatten und Bildern Gott suchen, auch ihnen ist er nahe, da er allen Wesen Leben und Atem und alles gibt (Apg 17, 25–28); er ist ihr Erlöser, er will, dass alle Menschen gerettet werden (1 Tim 2, 4).“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Über die Kirche – Lumen gentium 16)

Manche mögen diese inklusive Haltung („im Grunde meinen Sie alle auch unseren Gott“) überheblich nennen; und seit vielen Jahren gibt es andere Modelle, die diskutiert werden. Aber ich glaube, in Bezug auf die Gottesfrage, kommt man nicht um her, entweder einen Gott zu bekennen oder mehrere. Tertium non datur.

Der Monotheismus von Judentum, Christentum und Islam hat deshalb eine ganz eigene Dynamik. Manche behaupten, er führe zur Gewalt. Denn mit der Voraussetzung von einem Gott ist zugleich auch die Annahme begründet, dass es eine Wahrheit gibt, nur eine. Ob der Mensch diese Wahrheit vollständig begreifen und erfassen kann, ist nochmals eine andere Frage, aber eine Wahrheit bedeutet: es gibt nicht mehrere Wahrheiten, keine Paralleluniversen, keine Beliebigkeit von Meinungen. 

Zurück zum Evangelium und dem demonstrativen Schweigen Jesu. Ich stelle es mir so vor, dass Jesus in dem Moment mit der Frau, die einen anderen Gott anbietet, nicht über den Gottesglauben diskutieren wollte. Er sah ihre Not, die kranke Tochter, ihre Verzweiflung und wollte sie nicht fragen: sag mal, glaubst du eigentlich an unseren Gott oder an einen anderen? Und wie geht das für dich zusammen? Darum: „worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Die überraschende Wendung der Geschichte bei Matthäus ist nun, dass Jesus mit seiner Bemerkung über den Glauben der Frau plötzlich einen anderen Fokus gibt: „Dein Glaube ist groß!“ (V28). Es geht plötzlich in dieser Situation nicht mehr um die Frage, zu welchem Volk jemand gehört, welcher Gott der richtige ist, sondern um den Glauben der Frau, beziehungsweise welcher Glaube, d.h. welche Haltung gegenüber Gott - wer auch immer er/sie/es ist, die richtige ist. Damit ist die Frage nach Gott nicht gelöst und sie wird auch sich weiterhin stellen, aber die Perspektive hat sich verändert und es wird Begegnung möglich, das Gemeinsame tritt in der Mitte.

Ganz ähnlich schon beim Propheten Jesaja, der für die Endzeit eine gemeinsame Wallfahrt von Menschen aus verschiedenen Völkern, d.h. verschiedenen Religionen, nach Jerusalem vorhersagt. Wobei Jesaja davon ausgeht, dass am Ende alle nicht nur Recht und Gerechtigkeit achten, sondern auch den einen Gott anbeten: „Und die Fremden, die sich dem HERRN anschließen, um ihm zu dienen und den Namen des HERRN zu lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen und die an meinem Bund festhalten, sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets.“

Zwei Dinge gibt nehme ich mit dem heutigen Evangelium:

1/ Es braucht den richtigen Moment, um über religiöse Fragen zu sprechen. „An welchem Gott glaubst du?“ Diese Frage sollte man nicht als erstes diskutieren, wenn Menschen in Not sind, sondern in dem Moment darüber lieber schweigen. Und helfen, wenn es möglich ist. Und manchmal ist mehr möglich, als ich denke.

2/ Es kann hilfreich sein, die Fragen nach Gott mal in Ruhe zu besprechen. Hilfreicher noch ist es allerdings, sie auch einmal mit anderen zu besprechen, die aus einer anderen Religion sind. Und wahrzunehmen, wie groß ihr Glaube ist, und wenn er nicht zu Gewalt, sondern zu Heilung führt, darüber zu staunen und Gott zu danken. 


Dienstag, 15. August 2023

Gekrönt

Predigt Mariä Himmelfahrt Hamburg 2023

St. Marien-Dom Hamburg / Foto: A.Lechtape

Im St. Marien-Dom zu Hamburg, der Kathedralkirche des Erzbistums, unweit von hier, findet sich in der Apsis, an der Decke, über dem Altar, ein großes Mosaik. Es zeigt auf Goldgrund in strahlenden Farben die Krönung Mariens im Himmel. Jesus und Maria sitzen nebeneinander auf einer Thronbank, in festlichen Gewändern, Jesus hat ein Buch in der einen Hand – und in der anderen eine Krone, die er seiner Mutter aufsetzt. Um sie herum ein Sternenkranz und rechts und links Engel, die jeweils ein Weihrauchfass schwenken. „assumpta est Maria in coelum“ - aufgenommen ist Maria in den Himmel. 

Das kostbare Mosaik zeigt drei wesentliche Aspekte unseres Glaubens: 

1/ Es zeigt die besondere Würde der Gottesmutter und die liebevolle Zuwendung und den Respekt ihres Sohnes. Ihr irdisches Leben, ihre Mitwirkung in der Heilsgeschichte werden von ihm anerkannt und gewürdigt. Ihr Leben wird vollendet und gekrönt durch Aufnahme in die Gemeinschaft des Himmels.

2/ Es zeigt, was wir als Christen erwarten: Dass wir dereinst, wenn Christus in Ewigkeit herrscht, mit ihm und in der Gemeinschaft der Heiligen im Himmel an der ewigen Freude teilhaben werden. So wie Maria jetzt schon in den Himmel aufgenommen wurde, mit Leib und Seele, so wird es auch uns verheißen.

3/ Es zeigt schließlich, wer wirklich herrscht. Nicht die Könige und Fürsten der Erde, sondern die Königin des Himmels ist die, zu der wir aufschauen. Sie ist unsere Orientierung. Sie ist mächtig. Deshalb brauchen wir unseren Glauben im Alltag nicht zu verteidigen. „Wer die Verteidigung des Gottes übernimmt, den er verehrt, der bekennt damit die Ohnmacht dieses Gottes!“ (Kunz, Konstantin, S. 44). Wer allerdings weiß, dass Gott in Jesus Christus herrscht und dass Maria als Himmelskönigin bei Gott für uns eintritt, der braucht keine Angst zu haben, was auch immer geschieht.

Mariä Himmelfahrt war deshalb schon immer ein besonderes Fest; auch ein politisches Fest! Das wird auch bei diesem Mosaik deutlich. Es wirkt nämlich älter als es tatsächlich ist. 

Heute vor 133 Jahren, am 15. August 1890, erfolgte in Hamburg die Grundsteinlegung von St. Marien durch den Osnabrücker Bischof Bernhard Höting. Die durch die industrielle Revolution rasch wachsende Freie und Hansestadt Hamburg hatte einen neuen Kirchenbau durch die Katholiken lange abgelehnt, nun sollte er im Hinterhof eines Waisenhauses und mit Hilfe einer Crowd-Funding-Aktion ermöglicht werden. Der Bischof wollte eine Kirche im „ruhig und gemessen wirkenden romanischen Stil“ errichten, um einerseits einen eigenen Akzent zu setzen, aber auch historische Kontinuität zu betonen. Die zwei Türme sollten an den Bremer Dom erinnern, den der hl. Ansgar hatte errichten lassen.

Der katholische Reichstagsabgeordnete Ludwig Windthorst, führender Repräsentant der Zentrums¬partei und Antagonist Bismarcks, hatte sich für das Projekt eingesetzt. Unter anderem ermunterte er die Hamburger Katholiken, sich nicht mit einer kleinen Lösung zufrieden zu geben. Er schrieb: „Hamburg ist das Tor Deutschlands zur Welt. Die Deutschen, welche in die Welt hinausgehen, hier sprechen sie das letzte Gebet auf deutschem Boden. Es muss ein Tempel gebaut werden katholischen Glaubens, der allen Nationen imponiert. Die Kirche muss Marienkirche heißen – stella maris.“

Der Bau schritt rasch voran, schon im September 1891 konnte Richtfest gefeiert werden. Doch die Gestaltung des Innenraums fehlte. 30 Jahre nach der Kirchweihe wurde der Kunstmaler Eduard Goldkuhle aus Wiedenbrück beauftragt, die Ausmalung der St. Marien-Kirche vorzunehmen. Der Künstler gestaltete Szenen aus dem Marienleben. Beherrschend war die Krönung Mariens auf Goldgrund in der Apsis - als ein Wandbild. 

Fünfzig Jahre nach der Kirchweihe, 1943, sollte dieses große Wandbild durch ein Mosaik ersetzt werden. Beauftragt wurde die Mayer'sche Hofkunstanstalt in München. Zwar war das Mosaik noch im gleichen Jahr versandfertig verpackt, wegen des großen Bombenangriffs auf Hamburg blieb es vorerst aber in München und wurde erst 1948 angebracht. Das kostbare Mosaik ist also nun 75 Jahre alt. Unmittelbar nach dem Krieg, inmitten einer vernarbten Stadt, hat es seine Wirkung sicherlich nicht verfehlt. 

Das Mosaik lehnt sich in Bildaufbau, Stil und Technik an das Apsis-Mosaik von Santa Maria Maggiore in Rom an, das Jacopo Torriti im Mittelalter (1295) als Zusammenfassung der Mosaikzyklen des fünften Jahrhunderts geschaffen hatte. 

Ist es Zufall, dass in diesen Tagen im St. Marien-Dom eine Ausstellung von Königinnen und Königen gezeigt wird – kleine Holzfiguren des Bildhauers Ralf Knoblauch? Es sind schlichte Schnitzereien, aufrechtstehend, mit einem weißen Hemd oder Kleid und einer schwarzen Hose und mit einer Krone. Sie erinnern an die Würde eines jeden Menschen, die ihm von Gott zukommt; und an die Würde, die wir als Getaufte haben, in der Gemeinschaft mit Christus, der König ist, Prophet und Priester.

Vielen Menschen wird heute ihre Würde abgesprochen; viele Menschen erleben, dass sie in ihrer Würde nicht respektiert werden. Viele Menschen leben unter unwürdigen Bedingungen, sei es in der Arbeit oder in den Beziehungen, sei es im Krieg.

Maria, aufgenommen in den Himmel, ihr Leben gekrönt wird von Gott – diese Fest ist eben auch immer schon ein politisches Fest, weil es uns nicht nur an die Würde der Gottesmutter erinnert; weil es uns nicht nur an unsere eigene Hoffnung erinnert, dass wir dereinst im Himmel leben werden; sondern, weil es uns auch jetzt schon an unsere Würde als Menschen und als Christen erinnert, weil wir schon jetzt in der Gemeinschaft mit Gott leben, Christus nachfolgen, auf seine Mutter als Himmelskönigin schauen. Wir haben als Christen eine Würde, die wir vielleicht manchmal vergessen und nicht leben. 

„Du krönst uns mit Barmherzigkeit!“ (Ps 103,4) Wenn wir uns dieser Würde bewusstwerden, dann können wir aufrecht stehen und für andere eintreten. Und unseren Glauben mit Freude bekennen.

Montag, 5. Juni 2023

Orientierung mit dem Kompass


Predigt 2023 – Dreifaltigkeit 
Les: Ex 34, 4b.5–6.8–9; 2 Kor 13, 11–13; Joh 3, 16–18

Menschen suchen Orientierung in ihrem Leben, in der Welt. Der Glaube schenkt Orientierung. Er ist wie ein Kompass auf unserem Weg. Genauer: Gott selbst schenkt Orientierung durch Jesus Christus, im Heiligen Geist. Das feiern wir am Dreifaltigkeitssonntag. Gott ist einer – und er ist unsere Orientierung. Christen beten seit jeher „ad orientem“, d.h. nach Osten hin: orientiert auf den Lebendigen, der uns das Leben schenkt.

Heute, am Dreifaltigkeitssonntag, möchte ich zu zwei Fragen Stellung beziehen, die mir immer wieder in Glaubensgesprächen und Kursen gestellt werden und die beide mit unserem Gottesbild, mit dem christlichen Gottes-Verständnis zu tun haben.

1/ Die erste Frage betrifft das Gottesbild im Alten und im Neuen Testament. Der Gott, den Jesus Vater nennt und von dem er sagt, dass er den Heiligen Geist senden wird, ist ein Gott, der uns durch Liebe rettet. Oft stellt man nun den Gott der Liebe des Neuen Testaments dem Gott der Furcht im Alten Testament gegenüber. Doch das ist falsch. Gott ist derselbe. Wir, die Menschen, allerdings erkennen ihn mehr und mehr. Im Laufe der Geschichte schreiten wir voran zu einem besseren Verständnis Gottes bis hin zur endgültigen und unwiderruflichen Offenbarung Gottes in Jesus Christus.

Es gibt im Alten Testament verschiedene Gottesbilder, die nebeneinander stehen, auch Bilder, die uns verstören, von der Gewalt Gottes, der die Feinde besiegt und Ehrfurcht gebietend auftritt. In Ps 29 z.B. wird erzählt, wie die Stimme des Herrn donnert, voller Kraft die Zedern zerbricht und die Wüste beben lässt.

In der Lesung haben wir vom Gottesbild des Mose aus dem Buch Exodus gehört: „Der Herr ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue.“ So hat sich Gott dem Mose am Sinai offenbart. Mose hat Gott als einen barmherzigen und gnädigen Gott erfahren, dessen Treue zu seinem Volk bestimmender ist als seinen Zorn. Dieser Gott, der sich den Menschen zu wendet und bei Ihnen ist, begleitet sein Volk auf seinem Weg in die Freiheit. JHWH ist sein Name. „Ich bin da“ - mit euch und für euch da und ich weiß, dass nur die Liebe und die Vergebung eure harten Herzen erreichen.

Im Verlauf der Heilsgeschichte erkennt das Volk Israel seinen Gott mehr und mehr. Schon bei den Propheten, wie bei Jesaja, wird ein Gottesbild entfaltet, das Jesus dann aufnehmen und mit seinem eigenen Leben so bezeugen wird, dass darin für die Menschen Gott als eindeutig für den Menschen entschiedene Liebe erfahrbar wird.

Doch Jesus bietet eine Lesart, eine Interpretation und Vertiefung des Gottesbildes Israel an: in Gott ist nur Licht und keine Dunkelheit. Gott will nur und immer das Gute für den Menschen, er ist ihm in Liebe zugeneigt.

Man sollte also nicht das Gottesbild des AT und des NT gegenüberstellen, sondern im AT selbst gibt es verschiedene Gottesbilder. Jesus vertieft und hebt eines hervor. Ohne das AT ist das NT nicht zu verstehen. Wir lesen das AT vom NT und entdeckten, wie zum Beispiel hier bei Mose, was auch Jesus über Gott gesagt hat.

2/ Die zweite Frage betrifft die Inspiration der Bibel. Wir glauben: Die Bibel ist inspiriert, d.h. die Texte wurden von menschlichen Verfassern, unter dem Anhauch des Heiligen Geistes geschrieben. Es sind Erfahrungen von Menschen mit Gott. Insofern kann man sagen: Gott ist der Autor der Bibel, im Heiligen Geist.

Eine Frau fragte mich vor kurzem: Jesus hat den Heiligen Geist verheißen und gesendet, das bedeutet doch: der Heilige Geist kommt erst nach Jesus. Wenn Jesus weg ist, dann sendet er den Heiligen Geist. So sagt es Jesus tatsächlich als Trost für seine Jünger! Aber das bedeutet nicht, dass es den Heiligen Geist nicht schon vorher gab.

Gott ist dreifaltig von Beginn an: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Doch was bedeutet von Beginn an? Gott ist nicht erst Vater beziehungsweise Sohn in dem Moment, als Jesus Christus als Mensch geboren wird, sondern vor der Erschaffung der Welt.

Nun ist allerdings sein die Zeit und die Ewigkeit. Das heißt: die Zeit ist geschaffen. Gott ist ewig und in diesem Sinne zeitlos. Aber er ist in seinem Sohn in die Zeit gekommen. Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, und er wurde Mensch, hat Fleisch angenommen. Der Sohn ist derselbe beim Vater und als Mensch auf der Erde, Gott. Der Geist ist derselbe, bei der Erschaffung der Welt, im Leben Jesu, nach der Auferstehung, als Beistand der Jünger.

Alle Schriften der Bibel haben Gott Vater Sohn und Geist als Autor. Deshalb sind auch alle Schriften in der Bibel inspiriert, nicht nur die neutestamentlichen Schriften. Und sie alle sind inspiriert, auch wenn sie unterschiedlich sind, weil sie Erfahrungen von Menschen mit Gott widerspiegeln.

3/Welche Bedeutung hat das nun für uns Menschen, dass Gott sich im Verlauf der Heilsgeschichte offenbart und endgültig in Jesus Christus - als der Gott, der die Welt so sehr geliebt hat? Und welche Bedeutung hat es für uns, dass Gott als Heiliger Geist die Schrift inspiriert hat und uns in ihr begegnet?

Gott wirkt für uns immer als der eine und dreifaltige Gott, der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist. Gott ist einer, ein Wesen. Es ist nicht, so dass erst der Vater etwas wirkt, ein anderes Mal der Sohn, und ein anderes Mal der Geist. Es gibt keine göttliche Arbeitsteilung, keinen Schichtdienst im Himmel. Wenn wir zu den unterschiedlichen Personen beten, mal zum Vater, mal zum Sohn, mal zum Heiligen Geist, dann ist das unsere Sichtweise oder Perspektive auf Gott.

Gott wirkt als der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist, und er wirkt unsichtbar in Liebe. Man kann es vielleicht mit dem Kompass vergleichen. Es gibt ein großes, unsichtbares und für uns Menschen, nicht mit unseren Sinnen wahrnehmbares Magnetfeld der Erde. Das wirkt auf eine Kompassnadel, die selbst im Grunde ein kleiner Magnet ist und ein Magnetfeld hat. Im Magnetfeld der Erde richtet sie sich aus. Die Analogie ist: Gott ist diese Magnetkraft, der Sohn das Magnetfeld, dass diese Kraft vermittelt und der Heilige Geist in uns die Kompassnadel, d.h. der Magnet in uns, der in Wechselwirkung steht und uns ausrichtet auf Gott hin.

Das ist jetzt nur ein unvollkommener und technischer Vergleich, aber er macht deutlich: der Vater wirkt durch den Sohn im Heiligen Geist. Der Vater wirkt nicht ohne den Sohn und die Weise ist die der Anziehung der Attraktivität, der Gnade, der Zuwendung, der Liebe.

Der Evangelist Johannes macht dieses Wirken in seinen Bildern besonders deutlich: lieben und schenken beziehungsweise senden. Das sind die Verben, das ist die Weise des Wirkens der Dreifaltigkeit in dieser Welt, für uns im Glauben. Wenn wir uns darauf einlassen, werden wir gerichtet, ausgerichtet auf ihn hin. Amen.

Montag, 29. Mai 2023

Pfingsten 2023


Predigt Pfingsten 2023 – Energiewende der Kirche

Es gibt Bibeltexte, die man schon so oft gehört hat, deren Bedeutung sich aber nicht recht erschließt. So ist es mir mit dem Pfingstereignis aus der Apostelgeschichte gegangen. Wie oft habe ich sie bei Pfingstlagern, bei Firmungen etc. gehört. Doch erst in diesen Tagen ist mir neu bewusst und anschaulich geworden, was sie verbirgt. Und zwar just, als ich sie auf Französisch las. In der fremden Sprache klangen die vertrauten Worte anders, neu. Ich habe gehört, welch eine bestürzend, erschütternde und faszinierende Erfahrung dort beschrieben wird. 

„Plötzlich entstand ein lautes Geräusch vom Himmel, wie einherfahrendes, gewaltiges Schnaufen. Und es erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.“ Das Haus bebt von diesem Brausen, eine gewaltige Erschütterung, die nicht aus der Erde kommt, sondern von oben. Was ist das? Die Freunde Jesu, die 50 Tage nach dem Osterfest an einem Ort versammelt sind, unter sich, stehen noch ganz am Anfang. Der große Kreis der Apostel, der Jüngerinnen und Jünger, beginnt gerade erst zu verstehen, was die Auferstehung Jesu für sie bedeutet. 

Johannes schildert die gleiche Erfahrung der Jünger mit anderen Worten, schon am Osterfest selbst: Die Jünger sind aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen, an einem Ort. Sie sind furchtsam, verunsichert und scheinbar ohnmächtig angesichts der massiven Ablehnung ihrer Glaubens-Erfahrungen mit Jesus. Das wird nun durch Jesus selbst gewandelt: Der Auferstandene begegnet ihnen in dieser Situation der Furcht und der Angst und wünscht Ihnen den Frieden: Friede sei mit euch!

Der Friede, den Jesus, seinen Jüngern wünscht, ist dabei weniger die Einladung, die Juden nicht mehr zu fürchten, als vielmehr die die Basis, um ihrer Erfahrung zu trauen, dass Jesus lebt; dass derjenige, den sie als Sohn Gottes erkannt haben, den Tod ein für alle Mal besiegt hat; dass der Tod nicht mehr das letzte Wort hat, sondern dass Gott es endgültig und unwiderruflich gut mit uns meint; dass er uns Leben schenkt, Leben in Fülle; dass uns nichts mehr von Gott trennen kann. 

Lukas, in der Apostelgeschichte, beschreibt also diese Erfahrung der Erschütterung und der Furcht, der scheinbaren Ohnmacht der Jünger, „als der Tag des Pfingstfestes in seiner Fülle gekommen war“. Was meint er damit? 

Das Pfingstfest, Schawuot, ist für die Juden die Erinnerung an die Übergabe der Gesetzestafeln an Mose. Das neue Pfingstfest (im Jahr 30) bestätigt nun auf wundersame Weise die Erfahrung der Auferstehung, dass der Tod nicht mehr das letzte Wort hat, durch die Übergabe eines neuen Gesetzes, das nicht auf Steintafeln geschrieben ist, sondern in das Herz der Menschen gelegt ist, die Jesus nachfolgen. Es bestätigt die neue Art zu glauben, die fortan nicht mehr an eine bestimmte Sprache gebunden ist, sondern in jeder Sprache Gottes große Taten verkündet.

„Zungen wie von Feuer“, d.h. nicht Feuer, sondern Sprachbegabung kommt auf die Jünger, diese verteilt sich wie Feuer, rasend schnell, gewaltig, unglaublich kraftvoll und verzehrend. Und die Jünger reden dann in anderen „Zungen“, d.h. in anderen Sprachen, so dass jeder in Jerusalem sie in seiner Sprache versteht. Die Reaktion der Menschen: Fassungslosigkeit, Staunen.

Oft hat man die Pfingstgeschichte als Umkehrung der Sprachverwirrung von Babel gedeutet. Oder als Erfüllung der Verheißung des Propheten Joël von der Ausgießung des Geistes Gottes über allen Menschen. Das ist sicherlich beides richtig. Aber ebenso kann man darin die „Übergabe“ der Botschaft Jesu an seine Jünger sehen. Ihnen wird der Geist Gottes gegeben, um daraus zu leben und Jesu Botschaft zu verkünden. Die furchtsamen Jünger, die sich angesichts der unfassbaren Ereignisse und ihrer scheinbaren Ohnmacht verkrochen haben, wird eine neue Kraft und Vollmacht geschenkt: das Wort zu verkünden, die Sünden zu vergeben (was nur Gott kann!), für das Leben einzutreten, gegen alle Mächte des Todes Stand zu halten. 

Viele Menschen in unserer Gesellschaft heute sind verunsichert. Sie fühlen sich angesichts der globalen Krisen ohnmächtig. Es ist ja nicht nur ein Reformstau in Deutschland, es sind weltweite Erschütterungen. Ich selbst weiß kaum noch, was ich mit meinen eigenen kleinen Möglichkeiten Gutes ausrichten kann. Wie soll ich mich engagieren? Alle reden davon, dass sich grundlegend etwas ändern muss, aber jeder zieht sich zurück in das eigene kleine Glück, furchtsam, mutlos, friedlos.

In dieser Situation spricht mich die Pfingsterzählung an, mitten in meiner Erschütterung. Sie ermutigt und sie ermächtigt mich. Es ist keine Selbstermächtigung, sondern eine Ermächtigung, die mir in der Nachfolge Jesu zugesagt wird. Selbstwirksamkeit wird verheißen, wenn ich seinen Spuren folge, und Leben in Fülle. 

Es sind tatsächlich für mich die schönsten und wichtigsten Erfahrungen im Glauben, die ich machen durfte: Wenn ich in anderen Ländern (und in anderen Sprachen!) Menschen begegnet bin, die offenbar eine ähnliche Erfahrung im Glauben machen durften: dass mit Jesus und in seiner Liebe das Leben stärker ist als der Tod. Und ich habe erlebt, wie sie diese Erfahrung befähigt und ermächtigt, die Welt zu gestalten, zu verändern, ein bisschen besser zu machen für alle. Ob ich an die Frauen bei der Marienprozession in Bachajon denke, an den Diakon und seine Sorge um die Ärmsten und Schwachen, an den Lehrer in Papua, die Jugendlichen in Argentinien. Überall Menschen, die von Gottes Geist bewegt, mutig und kraftvoll, sich für andere einsetzen. Wie cool ist das denn? 



Freitag, 5. Mai 2023

Hör auf die Stimme! Christ:in-Sein als Übungsweg


 Predigt Vierter Ostersonntag A – Hamburg, 30.4.2023

„Gott hat Jesus zum Herrn und Christus gemacht.“ (Apg 2,36) Das ist die entscheidende Aussage des Petrus: Jesus lebt! Ihr habt ihn gekreuzigt, aber Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht. Das ist die Nachricht, zu der jeder, der sie hört, Stellung nehmen muss. 

Allen wird das Heil angeboten: „Euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne.“ Viele nahmen das Wort an, so heißt es, „und sie ließen sich taufen. An diesem Tag wurden ihrer Gemeinschaft etwa 3000 Menschen hinzugefügt.“ (Apg 2,41). Eine beeindruckende Zahl: 3000 Menschen, die sich taufen ließen! 

Solche Zahlen kennen wir sonst nur noch aus den Erzählungen der großen Missionare. Franz-Xaver etwa verkündete, als er 1542 in Südindien ankam, den christlichen Glauben, lehrte die Menschen die Zehn Gebote und das Glaubensbekenntnis, betete mit ihnen das "Vater unser". Es gab schon Missionare vor ihm, und seine Botschaft kam offenbar an. Angeblich taufte er 20.000-30.000 Menschen in den zwei Jahren, die er dort lebte. 

Von solchen Zahlen sind wir in Europa weit entfernt. In unserer Pfarrei hier in Hamburg wurden an Ostern acht Erwachsene getauft und gefirmt. Sie haben sich etwa ein Jahr darauf vorbereitet und ich durfte sie zusammen mit einigen Ehrenamtlichen begleiten. Ein intensiver Weg der Suche und Übung, manchmal auch der Auseinandersetzung und des Ringens. Um zu erkennen: Jesus ist der Herr und der Christus!

Es ist heute in unserer Kultur keineswegs mehr selbstverständlich, sich zu Christus zu bekennen, umzukehren, sein Leben neu auszurichten: glaubend und hoffend und liebend auf Gott zu vertrauen. Deshalb braucht es, so bin ich überzeugt, gerade heute eine Einübung ins Christ-Sein und gewisse grundlegende Kenntnisse, damit jemand mit gutem Gewissen sagen kann, ja ich glaube. Die Zeit bis zur Taufe wird Katechumenat genannt. In Deutschland dauerte es etwa ein Jahr, in Frankreich zwei Jahre. 

Die evangelische Kirche in Deutschland geht nun neue Wege. In Hamburg gibt es die Ritualagentur „St. Moment“, in der man sich spontan taufen lassen kann. Bei einer „Pop-up-Taufe“ werden Kinder und Erwachsene nach einem Vorgespräch und der Wahl eines Taufspruchs getauft: Keine Bedingungen, kein Vorwissen, keine Katechese (vgl. NKiZ 17/2023, 30.4.2023, S. 2: Taufe ohne Tamtam).

Manche finden so den Weg zur Kirche, die sich lange nicht getraut haben, nach der Taufe zu fragen. Ist das eine Rückkehr zu den Wurzeln? Sollte es das auch in der katholischen Kirche geben? Ich meine nicht, aus drei Gründen.

1/ Die Taufvorbereitung ist keine Hürde. Es geht nicht darum, einen Zaun zu ziehen und den Weg in die Kirche möglichst schwierig zu machen. Die Vorbereitung auf die Taufe ist eine Zeit, um im Glauben zu wachsen. Vor der Taufe sollen erwachsene Menschen den Glauben und die Kirche kennen lernen, sie sollen erfahren können, was Gebet bedeutet, in der Bibel lesen, Gemeinschaft erleben, grundlegende Kenntnisse erwerben und eine Praxis im Glauben einüben. Es geht um Reflexion und um einfache Schritte in der „Kunst zu glauben“.

Seit einiger Zeit übe ich mich im Qigong. Wöchentlich eine Stunde mit Anleitung, darüber hinaus Aufgaben für zu Hause. Im Tun geschieht etwas und vertieft sich eine Erfahrung, die ohne Übung nicht möglich ist. Erst dann kann ich sagen, was Qigong für mich bedeutet. 

Christ-Werden und Christ-Sein ist auch ein Übungs-Weg. „Der neue Weg“ - so werden die Christen in der Apostelgeschichte genannt. Dieser Weg ist mit der Taufe sicherlich nicht zu Ende, aber ich muss mich mit anderen auf den Weg machen, um zu erkennen, was diese neue Lebensweise für mich bedeutet

2/ Die Taufe ist kein Zaubertrank. Die Taufe ist das grundlegende Sakrament der Liebe Gottes. Durch die Taufe wird uns alle Schuld vergeben, durch die Taufe werden wir mit Christus verbunden. Durch die Erinnerung an seinen Tod und seine Auferstehung und durch die Taufe werden wir Teil der Gemeinschaft der Glaubenden. Die Taufe ist keine Magie, kein Hokuspokus, durch den jemand plötzlich ein anderer Mensch wird. Ich glaube: Die Taufe ist wirksam, sie erlöst und sie heiligt, aber dies geschieht im Glauben. Taufe ist kein Wunderwasser, denn alles, was geschieht, geschieht an uns selbst, nicht an uns vorbei. Der ganze Mensch mit Leib und Seele steht dabei in der Dynamik des Glaubens. Er wird in die Freiheit geführt. Die Freiheit ist Gabe und Aufgabe. Diese Freiheit baut auf der Freiheit des Menschen auf. Gott handelt nicht an uns vorbei, sondern aufgrund unserer Freiheit und unseres Glaubens. 

3/ Die Gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Die Kirche ist kein Verein, bei dem ich auf eine bestimmte Zeit Mitglied werde und Beitrag bezahle, sondern eine Gemeinschaft, um auf Jesus Christus zu hören, seine Stimme zu erkennen und wieder zu erkennen, gemeinsam hinauszugehen, eine neue Form zu leben zu finden, sich zu unterstützen. Das bedeutet: Die Kirche ist nicht für sich selbst da, sondern sie soll helfen, zu glauben. Und sie ist nicht aus sich heraus Kirche, sondern aus dem Auftrag Jesu.

„Prüft die Stimme!“, sagt uns Jesus; prüft das Wort und den Klang! Die Stimme Jesu ist unverwechselbar. Er ist das wahre Wort, er ist der gute Hirt. Diese Prüfung will geübt und immer wieder eingeübt werden. Die Taufe ist der Eintritt in die Kirche, die Verbindung mit Jesus Christus, der die Tür ist. Er führt uns zu Gott und zum Leben in Fülle. Amen.