Montag, 17. April 2023

Österliche Freude


Predigt Zweiter Sonntag in der Osterzeit 2023 Manresa - Hamburg

Nächstes Wochenende hoffe ich, treffe ich mich mit Studienfreunden. Wir kennen uns schon lange, haben vor bald 30 Jahren in Münster gemeinsam mit dem Studium begonnen, prägende Erfahrungen miteinander geteilt. Inzwischen sind fast alle verheiratet, Eltern von Kindern, die bald schon die Schule abschließen werden. Sie haben andere Erfahrungen gemacht, eine andere Perspektive und Lebenswirklichkeit als ich. Und ich bin, ehrlich gesagt, etwas aufgeregt, wenn ich daran denke, diese Gruppe wiederzusehen. Ob wir an die Erlebnisse von damals anknüpfen können? Ob wir uns gut verstehen werden? Ob ich verstehen kann, was sie in den letzten Monaten, in Corona und danach, als Familie erlebt haben? 

Es ist meine Freundschaft mit den anderen, aber diese Freundschaft lebt aus den Begegnungen, sie braucht die anderen. Freundschaft geht nicht allein, und doch ist es meine Beziehung zum Freund, die nie gleich ist. Jede Freundschaft ist anders.

Vielleicht ging es dem Apostel Thomas ähnlich. Er war einer der Zwölf, die mit Jesus in Galiläa unterwegs gewesen waren, er gehörte zum Kreis der engen Freunde Jesu, war mit Ihnen nach Jerusalem unterwegs, hat ihn in den letzten Lebensstunden begleitet. Danach ging jeder seiner Wege. Einige blieben in Jerusalem, andere gingen nach Emmaus, nach Kafarnaum, nach bei Betsaida und so weiter. Dann gab es da diese Geschichten von Auferstehung, von Begegnung mit dem Herrn. Manche sagten, er lebe. „Wir haben den Herrn gesehen!“

Eine Woche nach dem großen Fest der Juden waren sie wieder in Jerusalem versammelt, und diesmal war Thomas dabei. Sie teilten viele gemeinsame Erfahrungen, doch Thomas, so stelle ich mir vor, war sich nicht sicher, ob er verstehen könnte, was sie in der letzten Woche erlebt hatten, als der Herr angeblich bei Ihnen war. 

Der Glaube ist etwas Persönliches, aber erlebt aus dem Zeugnis der anderen und aus den Begegnungen. Jeder glaubt selbst, aber keiner glaubt er allein. Glaube geht nicht allein, es ist eine Beziehung mit Gott durch Jesus Christus, im Heiligen Geist. Doch jeder Glaube ist anders, jede Freundschaft ist anders. Wie der verstorbene Papst Benedikt gesagt hat: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt!“ und „Wer glaubt, ist nicht allein.“

Glaube lebt in einer kreativen Spannung von Individualität und Gemeinschaft in der Kirche, vom persönlichen Beten und vom gemeinsamen Gotteslob, von eigenem Engagement und gemeinsamen Wirken, von Entschiedenheit und Überzeugung und vom Hören auf die anderen. Denn es ist der gleiche Geist, der in allem wirkt!

Diese Überzeugung, dass es der gleiche Geist ist, der in allen wirkt, diesen Glauben konkret zu leben – das ist nicht so einfach. Nicht in der Kirche, nicht in der Ordensgemeinschaft, nicht in der Gemeinde. Was ist denn, wenn es unterschiedliche Ansichten gibt? Wenn ich das, was die anderen sagen, nicht teile? Wenn ich andere Erfahrungen und Überzeugungen habe? Kann es sein, dass Gott, dem einen dies und dem anderen das sagt?

„Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.“ (Apg 2,44) An anderer Stelle in der Apostelgeschichte heißt es: „Sie waren ein Herz und eine Seele.“ (Apg 4,32) Das ist sicher eine Idealisierung! Aber irgendwie scheint es ja schon eine Einmütigkeit zu gegeben zu haben: eine Gemeinschaft, bei der das Individuum nicht aufgelöst wird. 

Christlich gesehen ist der Satz: „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ vollkommen falsch. Aber es gilt eben auch nicht: „Du bist alles, deine Gemeinschaft ist nichts.“ Irgendetwas dazwischen?

3/ Was ist das Kriterium in der Spannung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft? Das Kriterium der Entscheidung ist, so hören wir es in dieser diesen Ostertagen sehr deutlich, die Freude! Das ist ein persönliches Gefühl bei jedem und jeder einzelnen, das in der Gemeinschaft geschenkt wird. 

„Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ (Joh 20,20) Die Jünger „hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens.“ (Apg 2,46) Gott behütet euch durch den Glauben, „deshalb seid voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht eine Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst.“ (1Petr 3,6) „Ihr habt ihn nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht, aber glaubt an ihn und jubelt in unaussprechlicher Freude.“ (1Petr 3,8) Und schließlich Thomas: Er sprach: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20, 28). Ich stelle mir vor, dass er das in unsagbare Freude getan hat: „Mein Herr und mein Gott.“

Die Nachricht „Jesus lebt!“ stieß bei Außenstehenden, aber auch bei den Jüngern selbst auch Zweifel. Thomas hatte seine Fragen. Jesus hat ihn ernst genommen, er hat den Zweifler gesucht und gefunden. Er hat ihm geholfen, aber das Wagnis des Glaubens, der als persönlicher Glaube in Gemeinschaft lebt, hat er dem Jünger nicht abgenommen. „Glaube ist keine Ideologie, sondern Glaube ist die Freundschaft mit dem Herrn, die wir leben und die uns drängt, anderen zu begegnen.“ (Czerny/Baron) Die Freude ist wie ein Wegweiser auf diesem Weg, ein Kompass im Glauben, in der Freundschaft mit Jesus. Amen.


Dienstag, 11. April 2023

Da gingen ihnen die Augen auf


Predigt Ostermontag 2023 – Manresa | Hamburg – „Da gingen ihnen die Augen auf!“ 

In Piemont, sagt man, laufen die Menschen beim ersten Osterläuten zum Brunnen in der Mitte des Dorfes. Dort waschen sie sich die Augen aus. Die Ich-will-dich-haben-Augen. Die Machen-wir-ein-Geschäft-Augen. Die Geh-mir-aus-den-Augen-Augen. Sie wollen Osteraugen bekommen. Darum waschen sie die kalten, die gierigen, die listigen, die misstrauischen Blicke fort. Sie spülen die Schleier der Angst weg. Und das kalte Wasser, sagt man, schwemmt heraus den Dreck eines langen Jahres. Sie heben den Kopf und schauen sich mit guten Augen an. (Bernhard Langenstein)

Nicht alle Menschen glauben an Jesus Christus. Manche möchten es nicht. Andere möchten es, aber versuchen vergeblich, einen Zugang zu finden. Einige haben einen gleichsam natürlichen Glauben, können sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, nicht zu glauben. Für wieder andere ist der Glaube mit Zweifeln und mit Dunkelheit verbunden, ein manchmal mühsames Unterfangen. 

Der Glaube verändert unsere Sicht auf die Welt. Das scheint mir offensichtlich. Wer glaubt vertraut. Wer glaubt, ist nicht allein. Wer glaubt, lebt aus der Dankbarkeit, dass er sich nicht selbst das Leben verdankt. Wer glaubt, findet, wer er sein kann, in der Beziehung mit Gott, mit Jesus Christus.

Der Glaube ist eine Tugend. Was bedeutet das? Er wird uns einerseits geschenkt, wir können ihn nicht machen. Andererseits aber bedarf für unsere Zustimmung, unsere Suchens und Übens, er ist eine Einstellung und Sichtweise, die entwickelt und entfaltet werden will. Um im Bild aus Piemont zu bleiben: was sind die Augen, die wir als Menschen haben? Was ist das Wasser, dass unseren Blick wäscht? Und was sind die Hände, die waschen? Oder anders gefragt: Was ist natürlich gegeben? Was ist übernatürlich? Und was ist unser Anteil am Glauben als eine Handlung?

Glaube ist nicht machbar. Es nicht ein Ding, dass ich mit dem Einsatz von Mitteln, durch Überlegungen und Entscheidungen, durch eigenen Willen einfach herstellen kann. Glaube bedarf allerdings unserer Zustimmung. Er ist wie alles, was wächst und sich entwickelt, ein lebendiges, komplexes Geschehen. Viele Einflüsse und Faktoren spielen eine Rolle. Eben auch unsere Disposition, unsere Einstellung unser Mittun. Wenn jemand nicht glaubt, weil er nicht will, weil es ihn einfach nicht interessiert, dann kommt er nicht in den Himmel. Irgendetwas dazwischen? Die Theologen sagen: Glaube ist Gnade und Freiheit!

1/ Glaube ist Gnade. Die christliche Verkündigung wird im Glauben „nicht als Menschenwort, sondern - was es in Wahrheit ist - als Gotteswort angenommen“ (1Thess 2,13). Der letzte Grund der Glaubenszustimmung sind nicht menschliche Beweisgründe, sondern es ist Gott selbst in seinem Zeugnis, in seiner Zuwendung. Dabei werden die menschliche Einsicht und die menschliche Vernunft nicht ausgeschaltet, sondern aktiviert.

2/ Glaube ist Freiheit. Kein Mensch muss glauben. Wir haben die Möglichkeit, uns zu entscheiden. Wir können Gründe suchen und finden, Argumente abwägen und vor der Vernunft und dem Gewissen prüfen. Wenn es etwas unglaubwürdig vorkommt, dann sollen wir vorsichtig sein. Glaube ist kein blindes Vertrauen. Vorsicht, vor allen Versuchen der Vereinnahmung, die uns letztlich für dumm verkaufen wollen! 

3/ Glaube, ist etwas, das Kopf, Herz und Hand in Beziehung bringt und eine Kohärenz im Leben bewirkt. Dabei geht es eigentlich nicht um die Mitteilung von irgendwelchen göttlichen Wahrheiten, Werten oder moralischen Ansichten, die verstehen und halten soll, sondern die Offenbarung Gottes ist eine Selbst-Mitteilung. Gott teilt nicht nur irgendetwas von sich mit, dass ich für wahr halten soll, sondern er teilt sich selbst mit und schenkt sich in Jesus Christus den Menschen. Darin besteht das Evangelium.

Genau wie wir es gerade in der Erzählung von Lukas über die Jüngern gehört haben, die nach Emmaus wandern. Sie können nicht glauben und verstehen, dass Jesus auferstanden ist. Sie sehen nicht, dass er mit ihnen unterwegs ist und zu ihnen spricht, bis sie sich beim Brechen des Brotes an das Geschehen in Jerusalem beim Abendmahl erinnern und an sein Leben, das er hingegeben hat; wie er sich selbst hingegeben hat. Erst in diesem Moment gingen in die Augen auf, und sie erkannten ihn (V 31). 

Der letzte und eigentliche Grund des Glaubens ist somit das Evangelium selbst. Es bringt sein eigenes Licht mit, dass wir mit den Augen des Glaubens sehen können. 

Die „Augen des Glaubens“ sind eine Metapher. Diese Formulierung will darauf hinweisen, dass es natürliche Anhaltspunkte oder Ähnlichkeiten mit dem natürlichen Sehen unserer Vernunft gibt. Gleichzeitig macht sie deutlich, das ist tatsächlich um eine andere, gnadenhafte, d.h. geschenkte Haltung und Lebensweise geht, in der das unbedingte Vertrauen und die Einsicht etwas ermöglichen, was weit über unsere Vorstellungen hinaus reicht. 

Ich glaube, dass diese Art und Weise des Sehens mit den Augen des Glaubens, vor allem im Dialog und in der Gemeinschaft möglich wird. Wenn wir miteinander unterwegs sind und anderen von unseren Erfahrungen erzählen. Und dabei spüren, dass sich das Gespräch öffnet für eine neue Sichtweise, eine Dimension des Lebens, die unser Herz öffnet und Vertrauen, Sinn, Freude, Hoffnung, Liebe ermöglicht, weil wir die Nähe Jesu „sehen“.

Der verstorbene Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, hat es so ausgedrückt: „Ich wünsche uns Osteraugen, die im Tod bis zum Leben, in der Schuld bis zur Vergebung, in der Trennung bis zur Einheit, in den Wunden bis zur Herrlichkeit, im Menschen bis zu Gott, in Gott bis zum Menschen, im Ich bis zum Du zu sehen vermögen. Und dazu alle österliche Kraft!“


Montag, 10. April 2023

Vom Sehen zum Glauben

Sonnenaufgang


Predigt Ostersonntag A 2023 – Manresa | Hamburg – mit Erwachsentaufe

Les: Apg 10, 34a.37-43; Kol 3,1-4; Joh 20,1-18 – „Vom Sehen zum Glauben“

Du Gott des Lebens. Durch deinen Sohn Jesus Christus hast du das Dunkel des Todes für immer erhält. Weck uns auf. Erhelle unseren Verstand. Er leuchte die Augen unseres Herzens. Lass uns aufschauen zu deinem Licht. Damit wir erkennen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.


1/ Ostern ist das Fest der Erinnerung. 

Die ersten Christen haben sich gegenseitig erzählt, was sie in diesen Tagen, als Jesus in Jerusalem gekreuzigt wurde, erlebt haben und was danach geschah. 

In der Lesung aus der Apostelgeschichte haben wir gehört, wie Petrus in seinen Predigten in Caesarea am Meer damals gepredigt hat. Es ist im Grunde nur eine Aufzählung von Ereignissen und Deutungen, die er in Erinnerung ruft. „Wir sind Zeugen für all das, was Gott in Jesus Christus zum Heil der Menschen gewirkt hat.“

Ich kann mir gut vorstellen, wie die Jünger Jesu, abends beim Sonnenuntergang zusammen saßen, bei einem guten Glas Wein, und sich immer wieder erzählten, was sie damals erlebt hatten. Gemeinsame Erinnerungen. Petrus und Johannes zum Beispiel, von denen wir im Evangelium gehört haben. Sie werden es den anderen erzählt haben, wie sie am ersten Tag nach dem Sabbat früh morgens von Maria Magdalena aufgescheucht wurden, weil sie das Grab leer vorfand, weil der Leichnam verschwunden war. Wie sie damals zum Grab liefen, der eine schneller, der andere langsamer, auf das eine Ziel zu, auf der Suche nach Jesus. Und wie sie am leeren Grab standen und viele Fragen hatten. Und wieder nach Hause gingen, irritiert, wenn nicht sogar verstört. 

Petrus war es gewesen, der als erster hinein ging, obwohl er später kam. Johannes war schneller als Petrus, aber er geht nach Petrus hinein, und er sah und glaubte. Er weiß nicht mehr als Petrus, er weiß noch nichts von der Auferstehung, aber er ahnt oder vertraut. Ein Beispiel für uns. Er öffnet sich innerlich für Gott, der Leben schenkt. So verstehe ich „er sah und glaubte“.

Ostern ist das Fest der Erinnerung. Wie Petrus und Johannes nach Ostern von ihrem Weg zu Jesus erzählt haben, vom Weg zum Grab vom Weg, vom Sehen zum Glauben, so können auch sie, die heute getauft werden, erzählen: von ihrem Weg zum Glauben, der eine schneller, der andere langsamer, von ihrer Suche nach der Bedeutung Jesu in ihrem Leben, in der Gemeinschaft der Kirche. 

Wenn Menschen zu mir kommen und nach der Taufe fragen, dann beginne ich das Gespräch meist so: „Was hat sie hergeführt?“ Dann erzählen Sie von den Wegen, von den Begegnungen und Menschen, von der Suche und ihrer Hoffnung. Wie es einen Moment gab in ihrem Leben, bei fast allen, wo sie vom Sehen zum Glauben kamen, obwohl sie noch nicht alles in den Heiligen Schrift verstehen oder deuten konnten. 

Ostern ist das Fest der Erinnerung. Heute an ihrer Taufe, bringen Sie auch ihre Glaubensgeschichte mit, wie der Herr sie geführt hat, bis hierher, an ihrer Seite war, und sie wussten es nicht.

2/ Ostern ist das Fest der Verwandlung. 

Maria Magdalena hat das als erste erkannt und verstanden, erfahren. Sie stand am Grab und weinte, voller Trauer und gefangen im Schmerz des Abschieds, traurig; vielleicht traurig über das, was alles hätte in ihrem Leben anders sein können; oder traurig über das, was alles in ihrem Leben mit Jesus noch hätte alles geschehen können und nicht mehr sein würde; oder einfach traurig über den schmerzvollen Tod des geliebten Menschen. Doch in dem der Herr sie beim Namen ruft, erkennt sie seine Stimme, erkennt sie ihn als den Lebendigen. Sie sieht ihn, sie lebt in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. 

In der Taufe wird Ihnen alle Schuld vergeben. Da geschieht Verwandlung. Das, was vorher war, wird gewandelt, weil der Schmutz abgewaschen wird und das Bad der Reinigung den neuen Menschen erstrahlen lässt. 

Wie viele Menschen haben sich in ihrer Geschichte und ihrer Traurigkeit verfangen. Sie denken an all das, was hätte sein können, besser sein können, anders sein können. Sie sehen nicht das Gute, das Leben, das sie geschenkt bekommen, sondern sie verlieren sich in Traurigkeit und Einsamkeit und Angst. Sünde ist all das, was uns von Gott absondert, was uns vom Leben trennt.

In der Taufe sagt Gott: Das soll nicht mehr zwischen uns stehen. Er ruft dich beim Namen, und du darfst antworten, Rabbuni, ja ich glaube. Da geschieht innerlich Verwandlung!

3/ Ostern ist das Fest der „ersten Generation“. 

Die ersten Christen waren sich sehr bewusst, dass in ihrem Leben etwas sehr Besonderes stattgefunden hat. Paulus sagt es im Kolosserbrief, aus dem wir gerade auch die Lesung gehört haben, so: „Christus ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.“ Was meint er damit? Mit Jesus beginnt etwas Neues! Alle, die mit Christus leben, haben Anteil an dieser neuen Schöpfung, dem Reich Gottes, wie Jesus es auch genannt hat. 

„Ihr seid mit Christus auferweckt.“ „Ihr seid gestorben.“ „Euer Leben ist in Gott.“ - Deutlicher geht es nicht! Paulus will zeigen, dass jetzt schon etwas Neues begonnen hat. Die Christen damals, Petrus und Johannes, Maria Magdalena und all die anderen, waren sich dessen bewusst. Ihnen war klar: Sie gehörten nicht zur letzten Generation, die noch etwas mit Jesus erlebt hat und die noch hätte etwas ändern können an der Gewalt und der Zerstörung, an der Friedlosigkeit der Welt, sondern sie gehörten zur „ersten Generation“, die etwas miterlebt hat, das Leben für viele schenkt. Diese erste Generation kann etwas ändern an der Gewalt und der Zerstörung, an der Friedlosigkeit und Ungerechtigkeit der Welt, weil für sie das neue Leben schon begonnen hat, mit Jesu Auferstehung. 

Klar, es ist noch nicht für alle sichtbar. Irgendwann wird es offenbar in „Herrlichkeit“, d.h. mit Pauken und Trompeten, vor aller Welt, für alle offensichtlich. Doch jetzt schon hat es begonnen, weil Jesus zum Vater geht. 

Für sie, die heute getauft werden, ist dieses Fest hoffentlich nicht das Ende Ihres Glaubensweges, sondern erst der Anfang. Sie werden hinein getauft, in eine Kirche, die alles andere als Glanz und Gloria verbreitet, die nicht machtvoll Auftritt, die sich der eigenen Sünden bewusst ist und hoffentlich daran lernt, die um Vergebung bitten muss, die sich verändert und Antworten neu suchen muss; in einer Welt, in der die christliche Kultur nicht mehr selbstverständlich ist und in der Gewalt und Zerstörung herrschen. Doch ohne Angst (sie erinnern sich: Verwandlung!), dürfen Sie in der Kirche beginnen, in der Gemeinschaft der Glaubenden bezeugen, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass das neue Leben mit Jesus begonnen hat. Ostern ist das Fest der „ersten Generation“! Und wir gehören dazu, jetzt wo wir uns erinnern und verwandeln lassen. Amen.


Montag, 23. Januar 2023

Veränderung möglich?



22.1.2023 - Predigt 3. Sonntag im Jahreskreis A, Manresa – Hamburg

Les: Jes 8,23b-9,3; 1 Kor 1,10-13.17; Mt 4,12-23

"Gregor Eisenhower, geboren 1960, hat Germanistik und Philosophie studiert. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin und schreibt Nachruf, unter anderem für den Tagesspiegel. Ja, sie haben richtig gehört: seit über zehn Jahren schreibt Gregor Eisenhower, Nachrufe. Nicht auf berühmte Männer und Frauen der Zeitgeschichte, sondern auf ganz normale Menschen. Er sagt, es sei eine Aufgabe, die sein Leben veränderte. Seine Besuche in den Leben der anderen zeigten ihm, was am Ende wichtig ist, und zählt: nicht die Karrierestationen oder die Urlaube, nicht die Sonne, nicht. Die Summe des ersparten oder des vergoldeten bringen unser Leben auf den Punkt, sondern unsere Bindungen zu anderen Menschen und unser Verhältnis zu uns selbst."

Er hat ein Buch über seine Arbeit geschrieben, es heißt: "Die zehn wichtigsten Fragen des Lebens". Darin ermutigt er, die Leser, "Rechenschaft abzulegen, bevor es zu spät ist. Denn es gibt keine Chance, es das nächste Mal besser zu machen!" (Klappentext)

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was denn die zehn wichtigsten Fragen des Lebens nach Eisenhauer sind, doch vielleicht lohnt es sich, selbst zu überlegen: Was würde ich einen Menschen fragen, wenn ich sein Leben in einem kurzen Artikel oder Nachruf beschreiben sollte? Welche Frage, die ich für wichtig erachte, würde ich mir selbst über mein Leben stellen? Wie gesagt, Eisenhower hat entdeckt, dass es vor allem Fragen sind, bei denen es um unsere Bindungen zu anderen Menschen und um das Verhältnis zu uns selbst geht. 

Ich selbst würde unter meinen zehn wichtigsten Fragen notieren: Was bedeutet Umkehr für dich? Oder: Ist Veränderung möglich?

Diese Frage beschäftigt mich schon lange, sie ergibt sich unmittelbar aus dem heutigen Evangelium. Zwischen dem Bericht von dem Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa, zwischen den Zitaten aus dem Propheten Jesaja und der Erfüllung der alten Verheißung, zwischen den Berufungserzählungen ersten Jünger, den beiden Brüderpaaren, Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes, ist fast unscheinbar das erste öffentliche Wort der Jesus-Verkündigung eingefügt: „Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Mt 4,17) Jesus nimmt die prophetische Verkündigung Johannes des Täufers wortwörtlich auf (vgl. Mt 3,2: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“)

1/ Umkehr 

Metanoia, ursprünglich Sinnesänderung, bezeichnet (einerseits) eine Ablehnung der Sünde, ein Bereuen. Diese Reue, die sich auf die Vergangenheit richtet, geht gewöhnlich zusammen mit einer Bekehrung, durch die sich der Mensch (andererseits) Gott zu wendet und zu einem neuen Leben verpflichtet. Diese beider einander ergänzenden Seiten in ein und derselben Bewegung des Herzens werden im biblischen Wortgebrauch nicht immer unterschieden. Bereuen und bekehren sind die notwendige Voraussetzung, um das Heil zu empfangen, dass durch das Reich Gottes gebracht wird. 

Der Umkehr-Ruf Johannes des Täufers wird wieder, wie gesagt, aufgenommen von Jesus, aber auch von seinen Jüngern, später auch von Paulus.

„Kehrt um“ ist also nicht nur ein moralischer Appell. Tatsächlich hört man Ähnliches in diesen Tagen in wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Fragen immer wieder: Wir müssen uns Leben ändern, wenn wir das Klima schützen wollen, wenn wir gerechtere Lebensbedingungen für alle schaffen wollen, etc. Das stimmt. Wir müssen heute, in der „Zeitenwende“ sogar die friedenspolitische Agenda neu denken. Da ist viel Umdenken notwendig.

Bereuen hat manchmal auch mit Scham zu tun, über eine Handlung, ein Wort oder einen Gedanken, die ich am liebsten ungeschehen machen würde. 

Doch das Umdenken bei Jesus hat noch eine Dimension mehr. Es geht nicht nur um eine Kehrtwende im Sinne des Bereuens, sondern es geht eine Bekehrung im Sinne der Ausrichtung und des Denkens.

„Metanoiete!“ – verändert Euer Denken, das bedeutet wortwörtlich: Denkt darüber hinaus, denkt größer. Denkt größer vom Menschen und vor allem: Denkt größer von Gott. Traut ihm etwas zu, lasst ihn in euere Leben hinein, denn er ist schon nahegekommen – sein Reich ist schon nahegekommen. Traut ihm Vergebung zu, Erbarmen. Er hat tausend Mal mehr Möglichkeiten, Euer Leben zum Guten zu wenden, als ihr selbst machen und planen können. 

In Evangelii Gaudium (EG 178) schreibt Papst Franziskus: „Der Heilige Geist verfügt über einen für den göttlichen Geist typischen unendlichen Erfindungsreichtum und findet die Mittel, um die Knoten der menschlichen Angelegenheiten zu lösen, einschließlich der kompliziertesten und undurchdringlichsten.“ 

Deshalb – weil es auch um das Gottesbild geht - ist der zweite Teil der Botschaft genauso wichtig: Das Himmelreich ist nahe! 

2/ Himmelreich

Matthäus sagt „Himmelreich“ statt Gottesreich, um nach jüdischem Brauch den ehrfurchtgebietenden Namen Gottes durch einen bildhaften Ausdruck zu umschreiben. „Himmelreich“ bezeichnet das Königtum Gottes über das erwählte Volk und durch dieses Volk über die Welt. Diese Vorstellung bildete bereits das Zentrum des Alten Testaments; nun steht sie im Mittelpunkt der Verkündigung Jesu. Das Himmelreich umfasst ein Reich von Menschen, die mit Gott verbunden sind, deren Gott wahrhaft König sein wird, weil seine Königsherrschaft von Ihnen in der Erkenntnis und der Liebe anerkannt wird. 

Dieses Königtum wurde durch den Aufstand der Sünde infrage gestellt, durch eine souveräne Tat Gottes und seines Messias soll es wieder hergestellt werden. Diese Tat verkündet Jesus, wie Johannes der Täufer, als „nahegekommen“. Und er vollzieht sie, nicht in Form einer kriegerischen, nationalistischen Erhebung, wie es die Masse des Volkes erwartete, sondern auf eine ganz unkriegerische Weise, als Menschensohn und als Gottesknecht, durch sein Erlösungswerk, das die Menschen dem Herrschaftsbereich Satans, des Widersachers, entreißt. 

Vor der endgültigen, eschatologischen Verwirklichung, bei der die Erwählten in der Freude des himmlischen Festmahls beim Vater leben werden, fängt das Gottes Reich klein und unauffällig, geheimnisvoll, unter Widerständen an. Es erscheint als eine Realität, die bereits angebrochen ist und sich äußert in Jesu heilendem und befreienden Handeln, und die sich langsam auf Erden, durch die Kirche, entfaltet. 

In dieser Zeit gegenwärtig als das Reich des Menschensohnes Jesus Christus, wird es in der ganzen Welt durch die apostolische Sendung verkündet. Beim Endgericht wird das Reich Gottes durch die glorreiche Wiederkunft Christi endgültig aufgerichtet und dem Vater zurückgegeben. Bis dahin zeigt es sich als reine Gnade, die von den Geringen und von denen, die sich selbst entsagen, angenommen, von den Hochmütigen und Selbstsüchtigen aber verworfen wird. Eingang findet man nur mit dem hochzeitlichen Gewand des neuen Lebens. Es gibt solche, die ausgeschlossen werden. Man muss wachen, um bereit zu sein, wenn es unversehens kommen wird. 

„Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Diese Botschaft hören die Menschen in Kafarnaum, am See von Genezareth, in der Provinz, in Dithmarschen. Das ist für Matthäus wichtig, ebenso wie die nähere Beschreibung der Menschen, die Jesus zuerst und vor allem anspricht: Fischer, einfache, stinkende, arbeitende Menschen, die verwurzelt sind mit der Erde und doch eine große Sehnsucht im Herzen tragen, nach dem Licht, nach der Begegnung mit Gott, nach Befreiung und Erlösung.

Es gibt eine Art und Weise zu leben, wenn ich umkehre, d.h. bereue, loslasse und mich auf Gott ausrichte, mich Neuem zuwende, die eine unfassbare Freiheit und Freude beinhaltet. Das hören bzw. erahnen die Fischer am See von Genezareth in ihrem Alltag. Und das fasziniert sie so, dass sie alles liegen und stehen lassen und Jesus folgen. Ein Anruf – eine Berufung, die Mut macht, die herausfordert, die verändert – zuerst unser Gottesbild und dann unser Menschenbild und vor allem das Bild von uns selbst. Denn wenn Gott größer wird, dann werden wir nicht kleiner. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Gottes Möglichkeiten unsere Freiheit beschneiden würde. Im Gegenteil: Die Freiheit Gottes und die Freiheit des Menschen wachsen im gleichen Maße. 

Wo möchte ich umkehren, größer denken, anders denken? Wo ahne ich im Herzen, dass eine Veränderung eine größere Freiheit und eine größere Freude bedeuten kann? Wo bin ich bereit, etwas loszulassen, um etwas Neues zu beginnen? Diese Fragen – so scheint mir – gehören zu den wichtigsten Fragen im Leben eines Menschen. Und wie glücklich dürfen wir sein, dass Jesus sie uns heute stellt.


Montag, 26. Dezember 2022

Das Medium ist die Botschaft




2022 Predigt Weihnachten – am Tag, Manresa - Hamburg

Les: Jes 52,7-10; Hebr 1,1-6; Joh 1,1-18 

Den Weihnachtsgruß auf schönen Karten verbinden mehrere Freunde von mir gerne mit einem Jahres-Rückblick. So erhalte ich auf ein oder zwei Seiten ihre Reflektion über das, was ihnen in den vergangenen Monaten wichtig geworden ist. Ich bin dankbar, dass ich so an den Ereignissen und Erfahrungen teilhaben darf. Vor allem freue ich mich über die Dankbarkeit und die Wertschätzung des Lebens und der Begegnungen, die ihnen geschenkt wurden, die in diesen Rückblicken deutlich wird.

Mit einem Rückblick, der auf ein oder zwei Seiten das Wesentliche der Erfahrungen zusammenfasst, haben wir es auch beim heutigen Evangelium am Weihnachtsfest zu tun. Es ist der Prolog des Johannes-Evangeliums, der in kondensierten Worten schon alles anklingen lässt, was der Evangelist dann im Weiteren als Erzählungen entfalten wird. 

Es ist wie ein Überblick über die Heilsgeschichte – vom Beginn der Schöpfung bis heute. Er spricht von der Friedensbotschaft, die der Welt überbracht wird – und auf welche Art und Weise diese Botschaft überbracht wird.

„Im Anfang war das Wort.“ Von Beginn an liebt Gott diese Welt, er ist der Schöpfer, schenkt Licht und Leben. Alles ist durch sein Wort geworden. Gott liebt die Menschen und er tritt mit ihnen in Beziehung. Auf welche Art und Weise? Lange Zeit haben die Propheten sein Wort überliefert. Mose hat dem Volk das Gesetz gegeben. Johannes hat glaubwürdig davon gesprochen, wie Gott auf die Menschen zukommt und was die Menschen tun sollen, damit sie seine Botschaft hören können. 

Im Brief an die Hebräer heißt es: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern (und Müttern) gesprochen durch die Propheten.“ – Gott hat durch Mose, durch Jesaja, Jeremiah, Ezechiel, Daniel, usw. gesprochen. Sie alle waren Träger des Wortes, Boten der Freude, Vermittler der Gnade, Zeugen der Wahrheit. Ich bin mir sicher, dass diese Menschen eine besondere Beziehung zu Gott hatten, dass Gott sich Ihnen im Gebet offenbart hat, dass sie etwas von seiner Größe und seinem Heil erfahren haben und so anderen weitergeben konnten.

Nun, in der Mitte der Zeiten, wird die gleiche Botschaft allerdings auf eine neue Art vermittelt, nämlich durch den Sohn. „Am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt.“ Das Wort, das Licht und Leben schenkt, wird nicht mehr nur überbracht, sondern es wird konkret erfahrbar, es „ist Fleisch geworden“. „Das Medium ist die Botschaft“, so könnte man sagen.

Warum spricht der Johannes-Prolog vom „Fleisch“? Warum sagt er nicht einfach das Wort ist „Mensch“ geworden? Das kommt wohl daher, dass zu der Zeit, in der dieser Text entstand, die Menschlichkeit, Jesu, seine Existenz in Fleisch und Blut, seine Geburt und seinen Tod, Gegenstand von Kontroversen und Bestreitung waren. Einige behaupteten wohl, das Wort Gottes habe sich nur einen menschlichen Umhang übergezogen, eine sterbliche Hülle angenommen, die keine weitere Bedeutung hatte. 

Johannes sieht in Leben, Tod und Auferstehung Jesu, in seinem Dienst und in seinem Wirken, Gott selbst am Werk, präsentisch, vor Ort, berührbar, verständlich, nahe, ansprechbar. Gott und Mensch, ihr beide atmet die gleiche Luft. Gott macht sich verletzlich, er lässt sich anstecken von den Krankheiten und Nöten der Menschen, ohne dass er aufhört, Gott zu sein, Gnade und Wahrheit zu schenken. 

Ich möchte Ihnen zum Verständnis einen Vergleich anbieten: Im vergangenen Jahr stellte sich im Blick auf die Treffen in der Gemeinde bzw. in der Glaubens¬information oder in der GCL häufig die Frage: online oder in Präsenz? Vielleicht kennen Sie diese Frage auch aus ihrem persönlichen oder beruflichen Umfeld. Die neuen Videotools haben es möglich gemacht, dass wir uns für ein digitales Treffen verabreden, bei dem jeder zu Hause vor seinem Bildschirm sitzt und die anderen Teilnehmer sehen und hören kann. Das funktioniert meist gut, nur selten gibt es noch Unterbrechungen oder Ausfälle. Fast jeder von Ihnen wird im vergangenen Jahr schon einmal an einer solchen Videokonferenz teilgenommen haben. 

Es ist nicht das gleiche „online“ oder „in Präsenz“, beides hat Vor- und Nachteile. Aber wie groß der Unterschied tatsächlich ist, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Der Vorteil einer Videokonferenz: sie ist für alle zugänglich, unabhängig von den Anfahrts¬wegen. Das spart Zeit und Geld. Vor allem junge Eltern, die sonst ein Baby¬sitter besorgen müssten, können abends zu Hause bleiben und trotzdem an einem Gemeinde-Treffen teilnehmen. Es gibt keine Gefahr, sich anzustecken oder zu verletzen. Jeder atmet die eigene Luft und bleibt bei sich. Ein Austausch von Gedanken, Worten, Bildern ist möglich, ein Gespräch in Kleingruppen lässt sich leicht organi¬sieren. Tatsächlich nutzen die meisten von uns diese Möglichkeiten gern, auch zum Beispiel für ein Familien oder Freunde treffen über weite Distanzen hinweg, wenn ein Teil der Familie zum Beispiel in einem anderen Land wohnt. 

Der Vorteil der Treffen an einem physischen Ort: es gibt einen Hinweg und einen Rückweg, bei dem man sich innerlich auf das Treffen vorbereiten beziehungsweise die Gedanken sortieren kann. Das entschleunigt, denn ich kann normalerweise weniger Verabredungen treffen. Außerdem gibt es die Möglichkeiten für Begegnungen am Rande: die informellen Gespräche zwischen Tür und Angel, kurze Verabredungen oder Nachfragen, die Möglichkeit für Zweiergespräche. Vor allem kann ich die Körpersprache wahrnehmen, die Mimik und Gestik, die Blicke, die Anspannung und die kleinen Bewegungen. Ich komme leichter in einen Dialog, ich kann riechen, schmecken, fühlen, Begeisterung wahrnehmen. Jeder atmet die gleiche Luft und macht sich verletzlich. 

Online ist nicht Präsenz. Wie gesagt, für manche ist der Unterschied nicht so bedeutend. Für andere schon. Die Information ist doch eigentlich die gleiche, oder?

Für Johannes wird mit der Geburt Jesu deutlich, dass Gott die Menschen nicht mehr nur informiert. Bisher kannten sie Gott aus Botschaften und über die Entfernung hinweg. Die Propheten haben die Begegnung auf Distanz ermöglicht. An Weihnachten feiern wir, das sein Wort in Raum und Zeit, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, erfahrbar, berührbar wurde. Dass bestimmte Menschen zu diesem Treffen eingeladen wurden und dabei waren. Sie haben die gleiche Luft geatmet wie der Sohn.

Sie können sagen: Das ist nur ein kleiner Unterschied, es ist eigentlich dieselbe Botschaft! Das stimmt. Doch für das Johannesevangelium ist klar: Dieses Licht, bei dem Botschaft und Medium identisch sind, vermag es, jeden Menschen zu erleuchten. Jeden, auch Dich und mich. Und so wechselt im Text das Subjekt und die Leser des Evangeliums werden hineingenommen in diese Kommunikation: „Er hat unter uns gewohnt. Wir haben seine Herrlichkeit geschaut. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade.“ Wir alle. Du und ich. Wir sind hineingenommen in diese Begegnung. Hier und jetzt. 

Das ist eine Zeitenwende. Denn wenn wir dieser Gegenwart Gottes in Jesus Christus vertrauen, dann wir die Begegnung mit ihm für uns nicht nur zu einer Information. Sondern dann geschieht in uns selbst und durch uns in dieser Welt eine sichtbare und spürbare Veränderung.

„Jesus ist gekommen,“ so sagte der verstorbene Bischof Klaus Hemmerle, „Jesus ist wirklich gekommen, aufgebrochen aus dem Herzen Gottes selbst, her zu uns. Indem er es annahm, Mensch zu sein, nahm er uns an, so wie wir sind, und nahm zugleich an unserer Stelle und für uns Gott an, die ganze, alles fordernde Wucht eines heiligen Willens.“

Das Wort wird, wenn wir es hören und danach leben, in einem übertragenen Sinn auch in uns Fleisch - in uns und in unserem Handeln. Es wird neu Wirklichkeit, konkret erfahrbar, dort wo Menschen danach leben. 


Zeichen


 2022 Predigt Vierter Adventssonntag - Lesungen: Jes 7 und Mt 1 – „Zeichen“

Liebe Geschwister im Glauben!

Wir treffen in unserem Alltag andauernd kleine und große Entscheidungen, über deren Auswirkungen wir uns nur selten im Klaren sind. Wir sehnen uns nach einem geglückten Leben, und wir versuchen, gute Entscheidungen zu treffen. Doch was ist das Gute? Wie kann ich beurteilen, worauf es ankommt? Manchmal ist das Gute nicht so einfach erkennbar. Entweder, weil man nicht daran denkt, oder weil es nicht klar ist, welcher Weg dort hinführt. 

Sicherlich gibt es Gebote und Regeln, es gibt moralische Kriterien. Aber oft gibt es mehrere Möglichkeiten, die alle gut sind. Was ist das bessere? Wie schön wäre es, von Gott ein Zeichen zu bekommen, ein Hinweis! Wir schön wäre es persönlich zu spüren, dass er da ist und uns begleitet. Einfach, weil seine Gegenwart uns befreit, uns hilft und Frieden schenkt. 

König Ahas ist ein Herrscher, der von seiner eigenen Machtfülle und Intelligenz so überzeugt ist, dass er keine Zeichen von Gott braucht. Obwohl der Prophet Jesaja ihn auffordert, Gott um ein Zeichen zu bitten, lehnt er es ab, mit einer scheinbar frommen Begründung, scheinheilig könnte man sagen. Denn seine Aussage spielt Gottesfurcht vor, doch in Wirklichkeit hat er seine eigenen Pläne im Kopf. Er will in dem politischen Konflikt in der Region sich nicht mit dem Nordreich Israel gegen die heraufziehenden Assyrer verbünden, sondern er meint selbstbewusst, durch eine Allianz mit den feindlich Assyrern könnte er der lachende Dritte sein und geschickt die Oberhand behalten. Der Prophet Jesaja warnt ihn vor diesem Bündnis. Er soll nicht auf politische Machenschaften setzen, sondern auf Gott vertrauen. 

Anders Josef, der mit Maria verlobt ist. Er scheint betrogen worden zu sein, eine furchtbar demütigende Situation für ihn. Die Eheschließung steht kurz bevor, doch seine Verlobte ist schwanger, nicht von ihm. Das Vertrauen zerbricht. Was soll er tun? Wie soll er sich entscheiden? Eine Lösung muss gefunden werden. Er will sie nicht bloßstellen. 

Ob er um ein Zeichen gebeten hat, ist nicht überliefert, aber sein Glaube prägt ihn bis hinein in seine Träume. Er rechnet mit dem Eingreifen des lebendigen Gottes. Im Traum hört er, wer selbst ist („Sohn Davids“) und er bekommt auch ein Zeichen, was er tun soll. Diesem Zeichen folgt er. Dreimal übrigens wird Joseph in der Kindheitsgeschichte nach Matthäus wesentliche Entscheidungen aufgrund seiner Träume treffen: Nach der Hochzeit mit Maria auch die Flucht nach Ägypten und die Rückkehr nach Nazareth. Dreimal erfährt Joseph im Traum, was zu tun ist.

Wie berührt uns Gott? Der heilige Ignatius ist davon überzeugt, dass Gott mit den Menschen in Beziehung tritt, in der Gegenwart kommuniziert, und zwar nicht allgemein im Wort Gottes, das uns in der Bibel überliefert ist, oder in den Lehren der Kirche, sondern auch persönlich mithilfe von Gedanken und Gefühlen, die in uns entstehen. Er nennt es den „guten Geist“ oder den „guten Engel“, der die Seele sanft berührt, leicht und lind wie ein Tropfen Wassers, der in einen Schwamm eindringt. Die Berührung Gottes kann im Gebet, bei wachem Bewusstsein geschehen, oder auch im Traum. Beide Male geht es um die tiefen Schichten der Seele, in den Gott wirkt auf eine unglaublich feine, aber nachhaltige Art und Weise – und um die Wahrnehmung dieses Wirkens. Es geschieht, wenn wir uns innerlich loslassen können, wenn wir vertrauen, wenn wir nicht nur mit dem Verstand und dem eigenen Willen arbeiten, sondern tiefere Schichten unserer Seele in Bewegung kommen.

Drei Dinge sind dafür wichtig: 

1/ Grundlage dieser Spiritualität ist erstens die Ausrichtung auf Gott und die entsprechende Lebens-gestaltung nach der nach dem Evangelium, wie Ignatius es in dem Text Prinzip und Fundament beschreibt: „Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten.“

Josef ist so ein Mann, der weiß, wie man nach Gottes Geboten lebt, „gerecht und fromm“, so heißt es im Text. Ein integrer Mann, und seine Frömmigkeit ist zutiefst menschlich. Er ist mit den heiligen Schriften vertraut, und er weiß, was Gott für sein Volk verheißen hat. 

2/ Grundlage dieser Spiritualität ist zweitens die Relativierung aller irdischen Dinge. Nichts ist Gott gleich. Gott steht immer an erster Stelle, weil er das Gute für den Menschen will. Ignatius formuliert diese Haltung so: „Die andern Dinge auf Erden sind zum Menschen hin geschaffen, und um ihm bei der Verfolgung seines Zieles zu helfen, zu dem hin er geschaffen ist. Hieraus folgt, dass der Mensch sie so weit zu gebrauchen hat, als sie ihm zu seinem Ziele hin helfen, und so weit zu lassen, als sie ihn daran hindern.“

Josef ist dafür ein Beispiel. Er ist kein Fanatiker, er will nicht, dass sie gesteinigt wird. Er geht bis an die Grenze des für ihn denkbar Möglichen. Er will sich von Maria trennen, in aller Stille, ohne Aufsehen zu erregen. Die schonendste Lösung in dieser komplizierten Lage. Das suchen, was hilft.

3/ Grundlage dieser Spiritualität ist drittens das Bewusstsein, dass wir Gott nicht begreifen können, dass Gott seine eigenen Wege hat und „Erfolg“ keiner der Namen Gottes ist. Sein Heil ist misst sich nicht nach mensch¬lichen Maßstäben. Wenn wir für Gottes Zeichen aufmerksam werden und empfänglich werden, dann braucht es ein achtsames Hinhören und Zuhören, das nicht schon von vorne rein weiß, was gut und richtig ist. Ignatius nennt es die Indifferenz: „Darum ist es notwendig, uns allen geschaffenen Dingen gegenüber gleichmütig (indiferentes) zu machen, überall dort, wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt und nicht verboten ist, dergestalt, dass wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr als Krankheit begehren, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Ehrlosigkeit, langes Leben nicht mehr als kurzes, und dementsprechend in allen übrigen Dingen, einzig das ersehnend und erwählend, was uns jeweils mehr zu dem Ziele hin fördert, zu dem wir geschaffen sind.“

Josef ist nicht gleichgültig in dem Sinne „jetzt ist eh alles egal“ oder „wie man es macht, ist es falsch“, sondern er ist gleichmütig, d.h. offen für die unerwarteten Wege und Lösungsmöglichkeiten Gottes. So wie ein Tor¬wart vorm Elfmeter sich nicht schon vor dem Schuss entscheiden sollte, ob er nach rechts oder links springt (denn in 50 % der Fälle läge er statistisch gesehen falsch!), so darf auch ein Christ, der mit dem Wirken des Heiligen Geistes in seinem Leben rechnet, nicht immer schon selbst wissen, was eigentlich zu tun ist, sondern er soll sich offen halten für das Wirken Gottes, für seine Zeichen. Indifferenz ist nicht Depression oder Dunkelheit, sondern eine freudige, achtsam, gespannte, energievolle, wache Aufmerksamkeit der Seele für die Wirkungen des Geistes, die sich in den Gedanken und Gefühlen zeigen; „adventliche Freude“ trotz einer Traurigkeit, könnte man auch sagen. 

Zurück zu den Zeichen. Alles in dieser Welt kann uns zum Zeichen Gottes werden. Es liegt am Kontext, an der Deutung, an der persönlichen Erfahrung. Eine Begegnung mit einem Freund kann führ mich zum Zeichen werden; ein Wort, das ich höre; ein Buch, das ich lese; ein Bild, das ich sehe; in allem kann Gott Begegnung feiern. 

Letzte Woche leuchtete während der Messe der französischen Gemeinde plötzlich die Liedanzeige im Altarraum auf. Die Anlage war sicherlich ausgeschaltet, das Programmiergerät lag in der Sakristei und es war auch nur auf der Seite des Altarraums etwas zu sehen, nichts bestimmtes, keine lesbaren Ziffern. Es werden irgendwelche merkwürdigen Stromstöße im Kabel gewesen sein, Schwingungen im Funkverkehr, keine Ahnung. Aber es ist für mich ein Zeichen geworden, das mich wach gemacht hat, gegen meine eigene Unaufmerksamkeit in der Messe. 

Das Zeichen, das Gott uns schenkt, an Weihnachten und – wenn wir es wahrnehmen auch hier und heute - ist die eindeutig für den Menschen entschiedene Liebe, die uns im Leben, im Tod und in der Auferweckung Jesu offenbar wird. Sie ist ein Zeichen für alle Menschen. Es wird uns jetzt gegenwärtig, wenn wir zusammenkommen, zwei oder drei in seinem Namen und Eucharistie feiern, das Zeichen des Bundes, dass Gott mit uns ist. Immanuel. Amen.


„Gott will, dass wir sehen, was er will und was er tut. Daher gibt er uns die großen Zeichen. Wer die Zeichen sehen kann, kann auch das Gemeinte erkennen. Die Jungfrau und das Kind: Zeichen dafür, dass unsere Hoffnung in Schwachheit und Armut geboren wird.“ (Schott, Einführung)


Montag, 5. Dezember 2022

Konflikte


Predigt Zweiter Sonntag im Advent A, 4.12.2022

Liebe Geschwister!

Johannes der Täufer ging in der Wüste. Die Wüste ist ein Ort, an dem es sich nicht gut leben lässt. Am Tag ist es heiß und die Sonne scheint. Und nachts ist es kalt. In der Wüste gibt es wenig Wasser, kaum frische Quellen. Die Wüste ist der Ort der wilden Tiere, und gefährlich. Und außerdem ist sie der Ort der Dämonen, ein inneres Schlachtfeld. Kurz gesagt: ein Ort der Konflikte!

Johannes der Täufer ging in die Wüste und verkündete dort die Bekehrung, weil er wollte, dass die Menschen neu anfangen. Er blieb nicht in Jerusalem, weil er sie an die privilegierte Zeit des Volkes Israel in der Wüste erinnern wollte. Er wollte sie gleichzeitig an die Botschaft des Propheten Jesaja und seinen Aufruf zur Umkehr erinnern. 

Johannes der Täufer in der Wüste provozierte Konflikte. Er konfrontierte die Menschen in Jerusalem mit ihren Sünden. Die Frommen, die Pharisäer und Sadduzäer beschimpfte er: "Ihr Schlangenbrut!" Und er warnte sie: Denkt nicht, dass ihr nicht gerichtet werdet, weil ihr die Juden seid, die Söhne Abrahams. „Jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen." Was für ein Typ! Was für eine Persönlichkeit der Konflikte! 

Manche nennen es „kommunikativer Klimawandel“; ich persönlich mag keine Konflikte. Ich mag es, wenn Menschen sich gut verstehen, wenn sie friedlich miteinander auskommen. Ich mag keine Konflikte, weil es im Moment zu viele davon gibt: Der Krieg in der Ukraine. Die Konflikte um Energie und Ökologie. Die Konflikte auf der Arbeit, in der Familie. Ich habe genug davon. Wie sehr ich mir Versöhnung und Frieden wünsche, Gerechtigkeit für die Menschen!

Aber ich habe entdeckt, dass es Menschen gibt, die Konflikte lieben. Nicht weil sie rachsüchtig sind oder auf Krawall gebürstet. Sie sind offenbar der Meinung, dass Konflikte uns etwas Gutes bringen können. 

Oft entstehen Konflikte mit dem, der anders ist. Der Fremde lässt uns die Andersartigkeit entdecken. Der Philosoph Michel de Certeau SJ hat darüber nachgedacht. Er sagt, dass Konflikte in der Gesellschaft und in der Familie, politische Konflikte, ökologische Konflikte usw. für Christen immer eine religiöse Dimension haben, weil - auch wenn eine Lösung bzw. eine von der Liebe geleitete Versöhnung nicht möglich ist - Konflikte Situationen sind, um den anderen und damit seine Andersartigkeit anzuerkennen und zu erkennen, dass wir noch den Weg zum Frieden suchen, den Christus uns gelehrt und eröffnet hat. 

Die Wahrnehmung der Realität wird auf die Probe gestellt. "We agree to disagree". Wir erkennen, dass Frieden und Gerechtigkeit noch nicht verwirklicht sind. Und wir entdecken die Unterschiede. Vielleicht ist dies der erste Schritt, um einen Konflikt für das Gemeinwohl zu nutzen.

Konflikte sind in gewissem Sinne das Gesetz unserer Existenz. Es wird immer Konflikte geben, weil wir auf diese Weise unsere persönlichen Interessen, Wünsche, Rechte usw. entdecken. Ein Konflikt ist die Art und Weise, wie wir die Rechte und Interessen anderer erkennen. Beispielsweise wurden die Menschenrechte durch eine ganze Reihe von Konflikten in Europa geformt. 

Auch in der Kirche gibt es Konflikte. Die aktuellen Diskussionen zum Synodalen Weg, der Besuch der Bischöfe in Rom, immer neue Meldungen über Beschwerden oder Rücktritte. Der heilige Paulus hat viele Konflikte in seinen Gemeinden erlebt. Er schreibt ihnen von seinem Wunsch nach Versöhnung: „Der Gott der Geduld und des Trostes aber schenke euch, eines Sinnes untereinander zu sein, Christus Jesus gemäß, damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einmütig und mit einem Munde preist. Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes!“ (Röm 15)

Paulus lehrt uns viel über Konflikte: Der Konflikt zwischen dem Fleisch und dem Geist. Zwischen Griechen und Hebräern. Zwischen den Reichen und den Armen. Im ersten Brief an die Korinther schreibt er: „Zunächst höre ich, dass es Spaltungen unter euch gibt, wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt; zum Teil glaube ich das auch. Denn es muss Parteiungen geben unter euch, damit die Bewährten unter euch offenkundig werden.“ (1Kor 11,18-19).

Paulus zeigt, dass Konflikte uns eine doppelte Gnade verleihen. Jene, dass wir uns selbst in Frage stellen, eine Revision unseres Lebens beginnen und jene, dass wir bei anderen etwas Neues entdecken. 

Zum Beispiel die Entdeckungen über den Missbrauch von Minderjährigen durch Priester und Bischöfe. Es ist schrecklich, was sich da gezeigt hat: Sünde, Gewalt und das Böse innerhalb der Kirche. Aber es gibt trotz allem eine Gnade. Durch die Presse und die Medien, die sich in den Konflikt begeben haben, die sich der Macht der Kirche widersetzt haben, die nicht sehen wollte, was man entdeckt hat, hat das Volk Gottes eine Gnade erhalten. Die der Wahrheit. Da bin ich mir sicher.

Wir sehen uns nach Versöhnung und Frieden unter den Menschen. Der Prophet Jesaja kündigt uns diese messianische Versöhnung mit dem Bild eines Zweiges an, der „aus dem Baumstumpf Jesse hervorgehen“ wird. Ein Baumstumpf ist ein abgetrennter, toter Baum. Dort, wo es keine Hoffnung auf Leben mehr gibt, wo alles tot zu sein scheint, wird etwas Neues hervorgehen.

Der Prophet Jesaja verkündet uns diese Neuigkeit mit seinen Bildern vom messianischen Frieden zwischen Tieren und Menschen: „Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. Kuh und Bärin nähren sich zusammen, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus.“

Diese Vision von der Vielfalt und Schönheit des Lebens inspiriert mich persönlich dazu, Gutes zu tun. Es gibt ein Ziel, ein Ideal: Die Versöhnung und die Gerechtigkeit des Messias. Sie wird nicht - wie so oft - auf dem Rücken der Kleinen stattfinden. Im Gegenteil: „Er richtet nicht nach dem Augenschein und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht, sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist.“

Zum Abschluss bleibt eine Frage: Was motiviert mich Gutes zu tun - inmitten all der Konflikte? Woher kommt die Inspiration, um für den Frieden zu arbeiten? Wo finde ich die Energie, um eine Versöhnung für möglich zu halten?

Tue ich etwas Gutes, einfach weil es gut ist? Ist es die Belohnung im Himmel, die mich motiviert und mir Durchhaltevermögen verleiht? Ist es das Versprechen Christi, am Ende der Zeit mit ihm in seinem Reich zu sein? Vielleicht ist all das eine Motivation für Christen. Aber die heutigen Lesungen bieten uns eine andere Motivation als diese. Es gibt eine geistliche Motivation:

Johannes der Täufer sagt es uns: Der aber, der nach mir kommt, …  wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“

Der Prophet Jesaja kündigt den Messias an als denjenigen, auf dem der Geist des Herrn ruhen wird: „der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.“

Dieser Geist zeigt sich in einer inneren Haltung. Dieser Geist zeigt sich im kleinen, konkreten Alltag des menschlichen Lebens. Dieser Geist zeigt sich in der Art und Weise, wie Konflikte ohne Gewalt gelöst werden: „Er schlägt das Land mit dem Stock seines Mundes und tötet den Frevler mit dem Hauch seiner Lippen.“ Gewaltlos. Seine Rüstung ist Gerechtigkeit und Treu.

Zusammenfassend möchte ich sagen: Ja, wir erleben überall Konflikte. Und ja, wir hoffen auf Versöhnung und Frieden. Adventliche Menschen leben in diesen Konflikten mit dieser Hoffnung auf Frieden. Und sie bekommen immer neue Kraft dazu durch Heiligen Geist. Sie lassen sich in ihrer Hoffnung beschenken, motivieren, inspirieren. Amen.