Dienstag, 1. November 2022

Harthörig


31. Sonntag im Jahreskreis C, Hamburg – Manresa, 30.10.22, 19 Uhr

Menschen kommen zur Kirche mit der Sehnsucht, Gott nahe zu sein, von ihm gesehen zu werden, in Beziehung zu treten. Menschen kommen mit der Erfahrung, sich fern von Gott zu fühlen, sich wie getrennt von Gott zu erleben. Manchmal ist sogar beides zugleich da, in uns selbst: die Sehnsucht und die Erfahrung der Ferne. 

Wenn Menschen sich fern von Gott fühlen und sich neu auf die Suche nach Gott begeben, dann geschieht das nicht selten in einer persönlichen Sinn-Krise, in der sie keinen Ausweg mehr finden und dann im Glauben eine neue Perspektive oder Hoffnung entdecken. Eine Frau formulierte es im Gespräch so: „Ich konnte weder vor noch zurück, sah weder rechts noch links einen Weg – und da habe ich nach oben geschaut.“ Manche entdecken in solchen Momenten, dass diese andere Perspektive oder Dimension ihres Lebens schon immer da war und dass sie tatsächlich eine Hilfe ist, wenn sie sie bewusst wahrnehmen und in ihr Leben lassen.

Der christliche Begriff dafür, sich getrennt von Gott bzw. anderen Menschen zu erleben, ist der Begriff der Sünde. Ich habe bisher nicht oft darüber gesprochen, weil es heute ein scheinbar schwieriges Thema ist – da denkt man gleich an Schuld und Schuldgefühle und so. Aber es geht hier erst einmal nicht um etwas Moralisches. Das wird im Deutschen schon vom Wort her deutlich: Das Wort „Sünde“ ist mit dem deutschen Wort „Sund“ verwandt, mit dem ein Abgrund oder ein Graben bezeichnet wird. Der Fehmarn-Sund z.B. ist der Meeresarm der Ostsee, der die Insel Fehmarn vom Festland trennt; für den Menschen unüberwindlich, wenn es nicht ein Boot oder eine Brücke gäbe.

Sünde ist etwas, das trennt, das absondert vom Leben. Sie bezeichnet dabei weniger einzelne Vergehen als vielmehr eine Haltung: sich gegen Gott wenden, sich von Gott abwenden, sich über Gott erheben wollen. Viele biblische Geschichten versuchen, dies zu verdeutlichen.

Sünde beschreibt eine Wirklichkeit, die alle Menschen erfahren, sie beschreibt die Folge und Wirkung von Ungerechtigkeit. Das kann mit eigener Schuld zu tun haben, oft aber erfahren wir die Wirkung vom ungerechten Verhalten anderer, für das ich keine Verantwortung trage, als lebensfeindlich, als etwas, unter dem ich leide. Der Krieg z.B. eine Sünde, die Menschen voneinander und vom Leben trennt; ohne dass der einzelne daran gerade etwas ändern kann. Das Unrecht anderer wirkt weiter. „Toxisch“ würde man heute sagen.

Doch welche Wirkung hat die Sünde auf den Einzelnen? Was geschieht da persönlich? Eine gute Beschreibung von Sünde findet sich im Markusevangelium. Dort heißt es bei der Begegnung von Jesus mit den Jüngern auf dem See, nach der wunderbaren Speisung (Mk 6,45-52), dass die Jünger im Boot vorausfahren, während Jesus selbst noch auf einen Berg ging, um zu beten. Die Jünger sind auf dem Boot, auf dem See, im Gegenwind, als Jesus zu ihnen kommt. Sie meinen, es sei ein Gespenst und erschrecken. Er sagt zu ihnen: „Habt Vertrauen, fürchtet euch nicht!“ Und dann fährt der Evangelist fort: „Sie aber waren bestürzt und fassungslos. Denn sie waren nicht zur Einsicht gekommen, als das mit den Broten geschah; ihr Herz war verstockt.“ (Mk 6,51-52)

„Ihr Herz war verstockt“. Fridolin Stier übersetzt: „Denn sie hatten bei den Broten nichts verstanden; ihr Herz war harthörig.“ Es geht um Mangel an Vertrauen, vor allem aber um fehlende Achtsamkeit, um Harthörigkeit. 

Hören ist die Grundbewegung des Glaubens, die Grundhaltung des geistlichen Weges. Das „Schema Israel“, „Höre Israel“ (Dtn 6,4-9) gehört zu den wichtigsten Gebeten des Judentums. Nicht ohne Grund heißt einer der ersten Apostel, die Jesus beruft: Simon – der Hörende. 

Wenn das Herz harthörig ist, dann ist es gefühllos, nicht mehr ansprechbar - und das darf angesprochen werden! Das Wort „verstockt“ (pōroō) meint verhärten, gefühllos machen, versteinern - pōros ist der Tuffstein.

Der Prophet Ezechiel verheißt dem Volk Gottes eine umfassende Veränderung und Befreiung (Ez 36,25-26), dass er nämlich das Herz aus Stein fortnehmen und ihnen ein Herz aus Fleisch geben wird.

Besonders gut drückt der Prophet Jesaja aus, worum es geht. Er spricht von einem „verfetteten Herzen“, das einhergeht mit Augen, die nicht sehen; Ohren, die nicht hören, „damit das Herz nicht zur Einsicht kommt, und es sich nicht bekehrt und sich so Heilung verschafft.“ (Jes 6,10) Als ob sich eine Fettschicht um den Menschen gelegt hat, so dass ihn nichts mehr erreicht, dass er gefühllos und achtlos wird.

Evagrius Pontikus schließlich, der im 4. Jahrhundert in Ägypten gelebt hat, schreibt für die Mönche in der Wüste, die mit bösen Gedanken zu kämpfen haben, dass sie sich vor allem vor dem Hochmut und dem Überdruss hüten sollen. Er hält diese beiden Gedanken, die nicht vom Guten kommen, nämlich die Überheblichkeit und die Trägheit, die Gleichgültigkeit, Lustlosigkeit, für die Wurzelsünden – später sagt man Todsünden.

Ich spreche hier nicht Depression als einer Krankheit, die körperliche Ursachen haben kann; es geht nicht darum, Schuldgefühle oder moralische Forderungen zu formulieren. Sondern es geht um die Wahrnehmung der geistlichen Versuchung der Überheblichkeit einerseits oder der Trägheit des Herzens andererseits; und ich glaube, dass nicht wenige Menschen heute diesen Gedanken folgen – und sich deshalb als von Gott getrennt erleben.

Menschen versuchen oft, dieser Trägheit durch Aktivismus zu entfliehen. Doch wenn ich selbst versuche, dem Zustand zu entrinnen, dann komme ich ins „Machen“, das häufig rein Ich-bezogen ist und mich gerade nicht in die Beziehung führt. Im Gegenteil, es schafft noch mehr Trennung. 

Evagrius Pontikus beschreibt die Erfahrung vom Getrenntsein als eine „Grundsündhaftigkeit“ des Menschen, die er durch Aktivismus versucht auszugleichen – und dadurch nur vertieft.

Erlösung geschieht, indem ich den Blick wende und mich anschauen lasse, mich vom Herrn ansprechen lasse - da, wo ich bin; ohne etwas verbergen oder verstecken zu wollen, selbst wenn ich mich schäme oder durch seinen Blick über meine eigene Situation erschüttert bin.

Das Evangelium von Lukas beschreibt dies in der Begegnung von Zachäus mit Jesus: Zachäus will Jesus sehen. Jesus schaut hinauf und sieht Zachäus an. Zachäus steigt hinunter und lässt Jesus bei sich eintreten. 

Die Erlösung von der Sünde geschieht im Perspektivwechsel, bei dem ich mich anschauen lasse, meine Angst um mich selbst loslasse. Da geschieht Bekehrung, Umkehr. Gott kommt auf uns zu, in unserer Sünde, in unserer Verstocktheit, Harthörigkeit.

Denn: "Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. […] Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens." (Weish 11,22-12,2)


Montag, 3. Oktober 2022

Treue ist gelebter Glaube

Photo by Alex Shute on Unsplash



Predigt 2.10.2022 – 27. Sonntag im Jahreskreis C – Hamburg, Manresa
Les: Hab 1,2-3;2,2-4 – 2Tim 1,6-8.13-14 – Lk 17, 5-10

Stärke unseren Glauben. Wörtlich: gib uns glauben hinzu! Vermehre unseren Glauben. Geht das überhaupt: mehr Glauben bekommen? Glauben ist doch nicht „mehr oder weniger über Gott wissen“ oder „mehr oder weniger beten“, oder „mehr oder weniger regelmäßig sonntags in die Kirche gehen“. Glauben ist doch Vertrauen. Ich glaube dir, ich vertraue dir, dass du mir die Wahrheit sagst. Da gibt es doch nur Ja oder Nein. Entweder vertraue ich dir oder nicht. Gibt es mehr oder weniger Vertrauen? 

Glaube ist nicht sichtbar, wie viele andere wichtige Dinge im Leben auch: Freundschaft und Liebe zum Beispiel, oder Hoffnung. Und bei der Freundschaft gibt es doch Unterschiede: es gibt beste Freundinnen und Freunde und so lala Freunde. Da sagen wir doch auch: „Das ist die große Liebe meines Lebens“. Oder: „Das ist mein bester Freund.“ Gibt es diese Unterschiede -mehr oder weniger - auch im Glauben?

In den Glaubenskursen, die ich anbiete, kann man etwas über die Bibel und über die Tradition der katholischen Kirche lernen, über das Leben im Glauben. Es geht um Inhalte, wie sie zum Beispiel im Katechismus stehen, und um eine Praxis des Glaubens. Am Ende sagen die Menschen oft, dass sie mehr über den Glauben gelernt haben oder dass sie mehr über die Bibel oder die Kirche wissen. Aber bedeutet mehr wissen auch mehr glauben? 

Ich behaupte, es gibt verschiedene Formen des Glaubens. Wir reden vom Glauben auf verschiedene Weise. 

1/ Es gibt Glauben im Sinn von Vertrauen und Bekenntnis. Nennen wir ihn Glaube I. Er steht an der Schwelle zum Christsein. Dieser Glaube ist eine persönliche Beziehung zu Gott, mit dem ich leben und sterben möchte. Diesen Glauben haben wir mit allen Heiligen gemeinsam, mit Maria, mit dem heiligen Bonifatius, mit dem oder der hier neben mir in der Bank. Er äußert sich in Überzeugungen und Worten, ich kann darum beten, ich habe Anfechtungen und Zweifel, und wenn ich dem Glauben entsprechend handle, dann bin ich in meinem Tun glaubwürdig. Das ist glaube als Vertrauen und Bekenntnis.

Diesen Glauben kann ich gerade nicht messen, da gibt es kein mehr oder weniger. Es ist eine Haltung, die ich nicht allein durch mein Tun oder Machen erreiche. Er „ist in seinem Wesen nach Annahme einer Wahrheit, die unsere Vernunft nicht erreichen kann,“ so sagt der heilige John Henry Newman. Diese Annahme geschieht „einfach und unbedingt, auf ein Zeugnis hin.“

2/ Dann gibt es aber offenbar noch eine zweite Form des Glaubens, die nach Paulus ein besonderes Charisma ist, das ich weitergeben kann: „Glaubenskraft“ (1Kor 12,9). Nennen wir ihn Glaube II. Es ist ein Glaube, der heilsam und lebenspendend ist, der andere begeistert. Er zeigt sich in „Kraft, Liebe und Besonnenheit“ (2Tim 1,7). In diesem Glauben wird etwas von der Schöpfermacht Gottes und der Freiheit sichtbar, die uns allen verheißen ist. Diese Kraft ist heute schon ein Geschenk für einige. Sie äußert sich in Mut und Freiheit. Auch um diesen Glauben kann man beten, besonders dann, wenn das Zeugnis meine menschlichen Kräfte offensichtlich überfordert. 

Es gibt solche Menschen, die haben Kraft „für zwei“, so sagen wir manchmal. Auch im Glauben gibt es Menschen, die glauben „für zwei“. 

Die Apostel bitten offenbar um diese zweite Form des Glaubens. Das wird im Evangelium deutlich, wenn man den Kontext anschaut. Im Abschnitt zuvor hatte Jesus den Jüngern gesagt, sie sollten dem Bruder, wenn er sündigt und umkehrt, immer wieder verzeihen: „Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: ich will umkehren, so sollst du ihm vergeben!“ (Lk 17, 4). Was für eine Herausforderung! Welch eine Kraft und Stärke braucht es für die Lebensweise! Und von solcher Glaubenskraft für andere war auch schon letzten Sonntag im Evangelium die Rede, im Umgang mit dem Besitz: dass man mit anderen, besonders mit den Armen, teilen soll, großzügig sein soll. 

Interessanterweise spricht wohl auch der Prophet Habakuk in der ersten Lesung von einer solchen Lebens- bzw. Glaubensweise: Glaube angesichts von Gewalt und Unterdrückung, in Misshandlung, Zwietracht und Streit. „Der Gerechte“, so heißt es am Schluss in dem Wort, das Habakuk aufschreiben soll, „bleibt wegen seiner Treue am Leben.“ (Hab 2,4)

Treue, das ist – auf Griechisch übersetzt - bei Habakuk das gleiche Wort wie jenes, das nach Lukas die Jünger benutzen, wenn sie bitten: Gib Glauben. Treue ist gelebter Glaube. 

Glaube ist - in diesem zweiten Sinn - das Vertrauen auf Gott, das sich in der Zeit bewährt, das sich im Leben durchhält und Kraft gewinnt, das etwas in dieser Welt verändern kann zum Guten, auch wenn scheinbar alles dagegen spricht. Dieses Trauen auf Gott als Treue hat viel mit Vertrauen gemeinsam, aber es hat diesen Aspekt der Hoffnung zusätzlich. Wenn man auf etwas vertraut, was man jetzt noch nicht sehen kann.

Wenn mir hier in der Kirche aus der Heiligen Schrift vorlesen, dann tun wir im Grunde genau das, was der Herr dem Habakuk gesagt hat: Er sollte die Dinge, die er in der Kraft seines Glaubens gesehen hat, aufschreiben, damit man es mühelos lesen kann. „Denn erst zu der bestimmten Zeit trifft ein, was du siehst; […] wenn es sich verzögert, warte darauf; denn es kommt, es kommt und bleibt nicht aus.“ (Hab 2,3) Der gelebte Glaube „drängt zum Ende und ist keine Täuschung“. Um mehr von solchem Glauben kann man beten. 

Ich fasse zusammen: Es gibt zwei Weisen zu glauben: 

Erstens Glaube als Vertrauen und als Bekenntnis. Er ist die Grundlage für unser Leben, wenn wir sagen: Wir sind Christen. Diesen Glauben feiern wir gleich, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen.

Zweitens Glaube als besondere Gabe für einige, die mit einer Hoffnung in dieser Welt leben, die ihren Glauben in ihren Taten leben und anderen davon abgeben können, weil sie - wenn es auch nur so winzig ist wie ein Senfkorn- etwas von Gott erhalten haben, was die Welt heilt. 

Jesus Christus war so einer, der mehr Glauben in sich hatte, als für ihn allein nötig war. Diesen Glauben feiern wir gleich, wenn wir in der Eucharistie an seinem Tod und seine Auferstehung denken und er unter uns gegenwärtig ist. Amen.


Montag, 26. September 2022

Wie wollen wir heute leben?

Photo by Jon Tyson on Unsplash

Wie wollen wir heute leben?

"Du musst Dein Leben ändern!" Predigt – 26. Sonntag im Jahreskreis C – Manresa 2022

Liebe Geschwister, wenn Sie dieses Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus hören, was geschieht dann? Bekommen Sie Mitleid mit Lazarus - oder mit dem Reichen? Werden sie ärgerlich über den Reichen - oder über Abraham, der alle drei Bitten des Reichen einfach ablehnt? Fangen Sie an, über ihren eigenen Lebensstil nachzudenken? Fühlen sich möglicherweise unangenehm berührt angesichts der Perspektive von Himmel und Hölle und dem unüberwindlich in Abgrund dazwischen? Identifizieren Sie sich eher mit Lazarus oder mit dem Reichen? 

Die Reaktion auf dieses Gleichnis wird unterschiedlich sein, so wie die Menschen unterschiedlich sind und ihre Lebenssituation. Jeder aber, der sich auf die Erzählung einlässt, wird provoziert, denn sie lebt von den Gegensätzen. 

/Der arme Lazarus, der im Leben nur Schlechtes erhalten hat, sein Leib voller Geschwüre, eklig und stinkend. Er saß allein und einsam vor der Türe, nur die Hunde kümmerten sich um ihn. Er wird getröstet und ist in Abrahams Schoß. Nach seinem Tod wird er im Himmel Gutes erfahren. Ist das ein Trost? Oder eine billige Vertröstungen aufs Jenseits? 

/Der reiche Lebemann, der in Geld und Luxus schwelgt, feine Klamotten liebt und zu feiern, wusste Tag für Tag. So einen können wir uns vorstellen, in Mallorca oder in seinem dicken SUV, ganz egal. Er hat auf Erden kein Mitleid gezeigt, in der Hölle fleht er vergebens um Mitleid, denn er hat auf der Erde seinen Anteil am Guten schon erhalten.

/Dann der unüberwindliche Abgrund. Er führt uns eindeutig aus unserer spirituellen Komfortzone heraus. Wird der Reiche im Gleichnis wegen seines Reichtums verdammt oder wegen seines Mangels an Barmherzigkeit? Kann eigentlich überhaupt ein reicher Mensch in der Himmel kommen? 

Das Gleichnis provoziert, aber nicht um bloßzustellen, sondern um ins Nachdenken zu bringen. Es entwirft eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits. Es führt uns damit in die Entscheidung: auf welcher Seite stehe ich? Und wo möchte ich leben? Wie wollen wir heute leben? Und was braucht es, um das Leben zu ändern? 

Jesus mahnt uns darin eindringlich, die Not anderer Menschen wahrzunehmen. 

„Du musst dein Leben ändern!“ – so ruft mir das Gleichnis zu, wenn ich es an mich heranlasse. Die Kluft zwischen Arm und Reich schreit zum Himmel. Global gesehen gibt es immer krassere Armut von vielen, die dem ungeheuren Reichtum von wenigen gegenübersteht. Die vielen Armen sehen wir nicht. Das sind nicht die paar Obdachlosen hier in Hamburg. Die Armen leben nicht vor unserer Tür. Oder doch? In einer globalisierten Welt, in der wir mal eben Urlaub in Thailand machen oder zur Safari nach Afrika fahren, irgendwie schon.

„Du musst dein Leben ändern!“ - Das sagt uns heute ja nicht nur die Kirche, das hören wir überall. Wir sollen Energie sparen, wie sollen auf die Ressource achten, wir sollen so leben, dass wir auf unseren ökologischen Fußabdruck achten. 

Und da spielt tatsächlich Reichtum und Eigentum eine große Rolle. Denn Gott hat die Erde allen Menschen geschenkt, ohne jemanden auszuschließen oder zu bevorzugen, auf dass sie alle ernähre. Deshalb ist das „Prinzip der gemeinsamen Nutznießung der für alle geschaffenen Güter“ das „Grundprinzip der ganzen sozialethischen Ordnung“ (FT 120). 

Ein kurzer geschichtlicher Rückblick im Blick auf die Frage nach Reichtum und „Eigentum“:

1/ Die Kirche hat im Mittelalter nichts gegen Reichtum gehabt, weder für sich selbst noch für andere. Reichtum konnte dazu dienen, den Armen etwas abzugeben, und das wurde gelobt. Privates Eigentum wird deshalb im Mittelalter geschätzt. Thomas von Aquin zum Beispiel ist in dieser Hinsicht klar: Zwar gehört dem Menschen als Geschöpf Gottes von Natur aus nichts Konkretes, genauso wenig wie den anderen Geschöpfen. Gott hat die Erde für alle geschaffen. Doch als mit Vernunft begabte Geschöpfe erkennen wir, dass nicht alle gut mit dem Eigentum umgehen und mit anderen teilen. Deshalb ist es sinnvoll, dass die Menschen im Blick auf die effiziente und friedliche Nutzung der Güter Privateigentum erwerben können. Thomas begründet das Recht auf Eigentum mit dem natürlichen Rechts der Völker von Alters her und mit dem Gebot „du sollst nicht stehlen“; denn auch die zehn Gebote setzten offenbar Eigentum voraus. Im Zusammenleben und weil wir offenbar nicht immer altruistisch handeln, ist es durchaus sinnvoll und realistisch, Eigentum zu haben. 

2/ Ende des 19. Jahrhunderts hat die Kirche dann mit der aufkommenden Industrialisierung und dem neuen Reichtum die Verbindung von Eigentum und Arbeit hervorgehoben. Gott hat die Güter zum Nutzen aller Menschen geschaffen, aber aus Gründen des wirtschaftlichen Fortschritts ist Privateigentum von Nutzen. Es ist die berühmte „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“, die in den Sozialenzykliken von der Kirche benannt wird. Man hat entdeckt, dass das gemeinsame Gut der Menschheit durch Arbeit nicht vermindert wird, sondern im Gegenteil vermehrt wird. Privateigentum ist ein Mittel der Wertschöpfung. 

Sozialpflichtigkeit meint nicht, dass bestimmte Arten von Eigentum der öffentlichen Hand oder dem Staat vorzubehalten sind, so wie man jetzt zum Beispiel die Gasbetriebe verstaatlichen wird aus sozialen Gründen. Sozialpflichtigkeit meint vielmehr, dass Privateigentum als privates Eigentum wertschöpfendend eingesetzt wird und so letztendlich allen zugutekommt. 

Es braucht die ordnende Funktion des Staates, so dass es kein Missbrauch der unternehmerischen Freiheit gibt, dass es gleiche Ausgangsbedingungen gibt, dass die Arbeiter nicht ausgebeutet werden, etc. Aber grundsätzlich gibt es eine Wertschätzung von Eigentum an Produktionsmitteln: Nicht für die Verwendung im karitativen sind, sondern um es mit unternehmerischer Kreativität für die Wertschöpfung einzusetzen, d.h. für die Verbesserung der Lebensbedingungen aller.

3/ Diese Sichtweise auf das Privateigentum kommt aber nun im 21. Jahrhundert an eine Grenze, insofern es nicht mehr nur um Arbeit und Produktionsmittel, sondern um die Ressourcen dieser Erde geht. Das Versprechen vom „Wohlstand für alle durch Fortschritt“ erweist sich angesichts der Belastungen für die Umwelt als trügerisch. Wenn alle so leben würden, wie wir hier im reichen Europa, dann ist es mit dem Leben auf dieser Erde bald zu Ende. Das wird uns immer mehr bewusst. Wir leben auf Kosten der Armen. Das zeigt sich in vielen kleinen Dingen: von den seltenen Erden in den Handys, die unter unwürdigen Bedingungen abgebaut werden, über die Energie- und den Wasserverbrauch bis zu unseren Lebensmitteln, die weggeworfen werden. 

Deshalb kommt heute die „universale Bestimmung der geschaffenen Güter“ wieder neu in den Blick, besonders deutlich zuletzt in der Enzyklika Fratelli Tutti von Papst Franziskus. Dort heißt es in Kapitel 3 „Die soziale Funktion des Eigentums neu denken“.

Der Papst fordert eine neue Weise der Verteilung der Güter und eine neue Art und Weise der Aufmerksamkeit für die Benachteiligten, ja sogar eine neue Wirtschaftsordnung. Das erscheint uns vielleicht merkwürdig, weil wir auf der Sonnenseite des Lebens stehen und ja tatsächlich mit unserer sozialen Marktwirtschaft in Deutschland zufrieden sind, viele Vorteile sehen.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums predigte man in der Kirche den Reichen, sie sollten etwas für die Armen abgeben, weil für alle genug da sei: Wenn jemand nicht das Notwendige zu einem Leben in Würde hat, liegt das daran, dass ein anderer sich dessen bemächtigt hat. 

Man hatte das Ideal der Gütergemeinschaft vor Augen. Der heilige Johannes Chrysostomus fasst dies mit den Worten zusammen: „Den Armen nicht einen Teil seiner Güter zu geben bedeutet, von den Armen zu stehlen, es bedeutet, sie ihres Lebens zu berauben; und was wir besitzen, gehört nicht uns, sondern ihnen“. Ähnlich drückt sich der heilige Gregor der Große aus: „Wenn wir den Armen etwas geben, geben wir nicht etwas von uns, sondern wir geben ihnen zurück, was ihnen gehört“. (FT 119) 

„Du musst dein Leben ändern!“ – Du musst die Not anderer Menschen wahrnehmen. Doch welche Ressource, welche Motivation habe ich dazu?

Der Reichtum als Ressource wird hier deshalb abgelehnt, weil er leicht zu Überheblichkeit, zu Hochmut und Gier führt. Die eigentliche Ressource unseres Lebens ist die Großzügigkeit. 

Ein kleiner Hinweis aus der Kirchengeschichte mag uns dazu helfen. Der hl. Benedikt schreibt in seiner Regel im 6. Jahrhundert über die Zuteilung des Notwendigen in der Gemeinschaft: Jeder solle so viel bekommen, wie er brauche (RB 34). Der eine braucht wahrscheinlich etwas mehr, der andere etwas weniger. Der eine braucht zwei Decken in der Nacht, der andere nur eine. Der eine braucht etwas mehr zu essen, weil er körperlich schwer arbeitet, der andere nicht. Es wird also Unterschiede geben. Nicht jeder bekommt das Gleiche, sondern jeder das Seinige. Das wird zu Neid führen. Warum hat der andere mehr als ich? Was soll man dann machen? Benedikt antwortet klug: Wer weniger braucht, danke Gott dafür und sei nicht traurig.

„Du musst dein Leben ändern!“ - Zufrieden sein, wenn man hat, was man braucht. Großzügig sein. Bereit sein, dass eigene Leben zu ändern, wenn es nicht so ist. Und die Barmherzigkeit mit den anderen nicht vergessen. Das ist mal ein Anfang. Amen.


Montag, 22. August 2022

Die enge und die verschlossene Tür - oder: Bitten erwünscht!

Predigt Manresa 21.8.2021 – 21. Sonntag im Jahreskreis C 

Les: Jes 66, 18-21; Hebr 12,5-7.11-13; Lk 13,22-30

Auf seinen letzten Metern feierte ihn bei der Leichtathletik-EM letzte Woche das ganze Stadion: Nahuel Carabaña aus Andorra kam als Letzter ins Ziel, doch er bekam den meisten Applaus. Im Vorlauf über 3000 Meter Hindernis stürzte der in Führung liegende Däne Axel Vang Christensen. Carabaña lief zunächst vorbei, dann drehte er um und ging zu Christensen, versuchte ihn aufzurichten und half ihm. Er wurde dann Letzter – aber der „Sieger der Herzen“, wie die Zeitungen titelten. „Siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein.“ (Lk 13,30). 

Ich möchte etwas zum heutigen Evangelium sagen, das ja in mehrerer Hinsicht provozierend ist; nicht nur wegen dieses Schlusssatzes von den Ersten und den Letzten. Vor allem will ich etwas sagen zu dem Bemühen, zu dem wir aufgefordert werden, und zu der engen Tür, durch die viele versuchen werden, hineinzukommen. Warum gelingt es nicht? Was macht es ihnen schwer, durch die Tür zu gelangen?

In der vergangenen Woche haben 11 Erwachsene in Wentorf bei Hamburg an „Exerzitien zum Einsteigen“ teilgenommen: eine Zeit im Schweigen, mit Betrachtungen von biblischen Texten, bei denen es darum geht, sich selbst und Gott besser kennenzulernen und Sein Handeln im eigenen Leben mehr wahrzunehmen. Exerzitien sind übersetzt „geistliche Übungen“ – „zum Heil der Seele“, wie Ignatius von Loyola formuliert (EB 1). Viele der Teilnehmenden waren zum ersten Mal dabei. Sie haben eine neue Form der Meditation entdeckt und es ist ihnen in diesen Tagen viel Gutes geschenkt worden. Einige haben sich aber auch schwer getan mit den Übungen. Sie sind auf Widerstände gestoßen und gemerkt, so einfach ist das alles nicht. Warum? Woran liegt es?

In den geistlichen Übungen kommt es darauf an, das Gespräch mit Jesus zu suchen, ihn in das eigene Leben hineinzulassen und ihn in konkreten Anliegen zu bitten. Und das ist tatsächlich für manche Menschen nicht einfach! Aus der bloßen distanzierten, neutralen Zuschauerrolle herauszukommen und selbst ein betender, bittender Mensch zu werden.

Denn zu bitten, ist nicht einfach. Wir lernen von klein auf, dass wir selbständig sein sollen; dass wir dann frei sind, wenn wir von niemand anderem abhängig sind. Wer andere um etwas bitten muss, der schafft es nicht allein. Der ist zu schwach, um es selbst zu tun. Wir haben diese Verhaltensregel dann auf den Glauben übertragen: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Was für ein Unsinn! 

Als ob wir gegenüber Gott dann freier sind, wenn wir weniger von ihm abhängig sind. Das Gegenteil ist der Fall! Wenn wir Gott bitten und uns seiner Fürsorge und der Führung Jesu anvertrauen, dann werden wir nicht weniger frei, sondern mehr. Dann ist die Bitte kein Zeichen von Schwäche, sondern von Glauben und Vertrauen.

Es ist die Angst um uns selbst, die es uns schwer macht, einem anderen zu vertrauen zu vertrauen. Es ist die Angst, die Kontrolle über das eigene Leben aus der Hand zu geben, die für uns die Tür so eng macht. 

Ich selbst habe die Exerzitien erst verstanden, als ich im Noviziat, zusammen mit einem anderen Novizen, zum Pilgern geschickt wurde. Wir sind damals zu Fuß nach Taizé gepilgert, einen Monat lang, ohne Geld. Ich habe das schon einmal erzählt, es gehört für mich zu den prägendsten Erlebnissen. Ich wollte nicht betteln, ich fand das affig, völlig aus der Zeit gefallen. Außerdem war ich schon Anfang dreißig. Ich hatte mein eigenes Geld verdient. Es fiel mir schwer, andere um etwas zu bitten, um Essen, um Unterkunft zu betteln. Das war jedes Mal wieder eine Überwindung. Aber es war im Rückblick eine gute Übung. 

Die Kunst des Gebets liegt darin, davon bin ich seitdem überzeugt, sich zu überwinden und zu bitten. Nicht nur allgemein, z.B. um Frieden für alle Menschen, sondern konkret um das, was mir jetzt persönlich wichtig ist. „Du, Gott, bitte!“ Aber Vorsicht: Es könnte sein, dass etwas geschieht! „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet.“ (Lk 11,9) – so sagt Jesus. 

Das ist es zum einen, was die Tür eng macht: Die Angst um uns selbst. Die geforderte Anstrengung besteht im Vertrauen, im Glauben, der allein den Menschen zu retten vermag. 

Dann gibt es noch etwas anderes, was daran hindert, durch die Tür zu kommen. Davon spricht der zweite Teil des Gleichnisses; wenn der Herr die Tür nicht mehr aufmacht. Seine Begründung lautet: „Ich weiß nicht, woher ihr seid.“ Zweimal sagt er das (Lk 13, 25.27). Und ergänzt dann beim zweiten Mal: „Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan!“ (Lk 13, 27) 

Der fromme Leser hört: Das ist ein Zitat aus Psalm 6. Dort heißt es: „Weicht zurück von mir, all ihr Übeltäter, denn der Herr hat mein lautes Weinen gehört.“ (Ps 6,9 – EÜ 1980/2016) Übeltäter sind Menschen, die Unrecht getan haben. Es betet ein Mensch, der offenbar schwer misshandelt wurde und nun im Sterben liegt, in „Todesnot in der Nacht“, wie es in der Überschrift heißt und nun in seiner Pflege ganz von anderen abhängig ist. Er wendet sich an Gott: „Meine Seele ist tief erschrocken. Du aber, Herr – wie lange noch?“ (Ps 6,4) 

Mit diesem Beter in Todesnot, mit diesem schwachen und kranken, misshandelten Menschen, identifiziert sich der Herr des Hauses, der die Tür schließt gegen über allen, die Unrecht getan haben. Es ist nicht der überhebliche, strafende, willkürlich richtende Herr, sondern der solidarische Herr, der die Schwachen schützt und aufrichtet, wer danieder liegt. Wer in sein Reich hineinkommen möchte, der muss wissen, dass er gelernt haben sollte, sich in rechter Weise zu verhalten. Dass es dort kein Unrecht mehr gibt und keine Tränen.

Das Bild von der engen Tür und der verschlossenen Tür vermittelt also eine doppelte Botschaft: 

1/ Der Raum des Heils steht allen offen, hineinzukommen allerdings ist schwierig, aber nicht unmöglich. Ein Lippenbekenntnis reicht nicht aus. Noch nicht einmal reicht es aus, am Sonntag zur Messe zu gehen und im Katechismus zu lesen. Es braucht den Glauben, der sich konkret darin zeigt, Ihn in das eigene Leben hineinzulassen, ihn zu bitten, und ihm die Kontrolle über das eigene Leben anzuvertrauen. Es braucht darüber hinaus die Bereitschaft, nicht das Unrecht zu tun, d.h. bei der Missachtung und Misshandlung der armen und schwachen Menschen nicht mitzutun. 

2/ Die Zeit drängt. Die enge Tür kann vom Hausherrn jederzeit verschlossen werden – und dann ist es für immer zu spät. 

An den vergangenen Sonntagen wurden wir im Evangelium vor Reichtum und Selbstgerechtigkeit gewarnt, das steht weiterhin im Hintergrund; heute allerdings ist mehr im Blick, was sein wird, wie es sein wird, wenn das Reich Gottes kommt; und dass es bis dahin ein ernsthaftes Bemühen von unserer Seite braucht. Wir können uns nicht selbst retten, aber wir können in uns die Bereitschaft und die Offenheit wachsen lassen, dass der Herr uns retten kann! Und dann mit ihm zu Tisch sitzen und Mahl halten. Amen.


Montag, 27. Juni 2022

Den Weg gehen? - oder: Wie treffe ich gute Entscheidungen?


26/6/22 - Predigt 13. Sonntag im Jahreskreis C - Manresa

Jeden Tag muss man sich entscheiden. Es gibt die kleinen, angenehmen Entscheidungen: Was werde ich heute Abend tun? Wen werde ich treffen? Was werde ich als Geburtstagsgeschenk für ihn oder sie vorbereiten? Wo werden wir den Urlaub verbringen? Und es gibt die großen Entscheidungen für das Leben: Was werde ich studieren? Werde ich heiraten? Welchen Beruf werde ich ergreifen? Soll ich die Arbeitsstelle wechseln?

Manchmal sind wir frei in unserer Wahl, oft gibt es Bedingungen, Umstände und Widrigkeiten, die unsere Wahl einschränken. Wir fühlen uns dann nicht mehr frei, sondern eher hilflos, orientierungslos. Wie können wir uns entscheiden? Wie treffen wir gute Entscheidungen? In den heutigen Lesungen wurden uns Menschen vorgestellt, die eine Entscheidung zu treffen haben.

Im Alten Testament: Elischa. Der Prophet Elija ernennt ihn mit einer bedeutungsvollen Geste zu seinem Nachfolger. Er wirft ihm seinen Mantel über. Elischa will ihm folgen, sich aber zuvor von seinen Eltern verabschieden. Das ist verständlich. Außerdem ist es die Pflicht eines Sohnes, sich um seine alten Eltern zu kümmern, die nicht mehr mit ihm auf dem Feld arbeiteten. In der jüdischen Tradition ist es das Gesetz des Mose, das im vierten Gebot vorschreibt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du ein langes Leben hast in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“ Der Prophet Elija gewährt ihm dies, aber nicht ohne Ironie. Er scheint über die Tatsache verärgert zu sein, dass Elischa ihm nicht direkt folgt. Elischa verabschiedet sich nicht von seinen Eltern, sondern veranstaltet ein Fest für die Menschen um ihn herum. Und er verbrennt das Holz des Gespanns, sein Arbeitsinstrument. Er bricht alle Brücken hinter sich ab. Eine seltsame Geschichte.

Im Lukasevangelium: Drei Männer, die Kandidaten für die Nachfolge Jesu sind, um sich der Gruppe der Jünger anzuschließen. Zwei stellen sich selbst vor: „Ich werde dir folgen, wohin du auch gehst.“ Ein anderer wird von Jesus gerufen: „Folge mir nach.“ Drei Situationen, in denen man sich entscheiden muss. Dreimal macht Jesus auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die mit der Nachfolge verbunden sind. Jesus ist auf dem Weg, der ihn zum Kreuz führen wird, und er geht ihn, den Launen der Menschen ausgeliefert, die sich vielleicht weigern, ihn aufzunehmen. Wer ihm nachfolgen will, muss diese Armut akzeptieren: kein Zuhause haben, in dem man sich ruhig ausruhen kann; Verfügbarkeit, auch um den Preis des Verzichts auf die eigene Familie, nach vorne schauen.

Werden die drei Jesus folgen? Das wird im Evangelium nicht gesagt. Als ob das Evangelium diese Frage an jeden von uns stellt. Wie würdest du dich entscheiden? Und zwar nicht anstelle des einen oder anderen, sondern in der eigenen Situation. Wirst Du Jesus nachfolgen und nichts anderes vorziehen oder dazwischenschieben?

Wie können wir uns entscheiden? Wie trifft man gute Entscheidungen? Um auf die Frage zu antworten, möchte ich noch einmal den Anfang des Textes lesen, weil m.E. dort schon die Antwort des Evangeliums angelegt ist: „Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, richtet Jesus sein Angesicht fest darauf, nach Jerusalem hinaufzugehen. Und er sandte Boten vor seinem Angesicht her; diese gingen und kamen in ein Dorf der Samariter und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber man nahm ihn nicht auf, weil sein Angesicht nach Jerusalem gerichtet war." (Lukas 9,51-53)

Dreimal in diesem Vers verwendet der Evangelist Lukas das Wort Angesicht (griechisch prosopon). Offensichtlich ist es für ihn sehr wichtig, uns die Blickrichtung, die Ausrichtung Jesu zu zeigen. Was ist seine Blickrichtung? Jesus blickt nach Jerusalem, er orientiert sich an der Passion. Seine Blickrichtung hat eine Bedeutung für die Art und Weise, wie er heute lebt.

Der deutsche Philosoph Heinrich Spaemann schreibt: „Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt. Und wir kommen, wohin wir schauen.“ (Heinrich Spaemann, Orientierung am Kinde. Meditationsskizzen zu Mt 18,3. Düsseldorf 1970, S. 29)

„Wir kommen, wohin wir schauen.“ Wenn ich jemanden sehe, der sehr talentiert Klavier spielt, und wenn ich ihn anschaue, wird mich dies verwandeln. Vielleicht fange ich an, das Klavierspiel zu üben und zu studieren. Wir kommen, wohin wir schauen. Das gilt auch für das Böse. Wenn ich mir oft gewalttätige Computerspiele anschaue, dann wird es mich formen und verwandeln. „Wir kommen, wohin wir schauen.“

Kehren wir zum Evangelium zurück. Jesus blickt nach Jerusalem. Er weiß, dass sein Weg nicht leicht sein wird: Schwäche, Hilflosigkeit, Scheitern. Aber er kennt auch die Freude, die Unentgeltlichkeit der Liebe Gottes zu den Armen, Vergebung, Heilung. Er weiß, dass Gottes Wille nicht durch Gewalt verwirklicht wird, sondern durch das Weitergehen und Annehmen von Grenzen; denn dadurch zeigt sich die Kraft Gottes. Wie der heilige Paulus es von Gott hörte: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist im Schwachen mächtig.“ (2Kor 12,9)

Oft blicken wir in die Vergangenheit zurück. Wie viel besser war es doch früher! Oder wir blicken auf all die nicht gewählten Optionen. Was hätte sein können? Wir blicken auf Sicherheit und Bequemlichkeit. Das ist der Blick auf mich selbst. „Es gibt ja immer noch diese leise Stimme in mir die sagt, ich soll die einfachste Alternative wählen: einen Film anzuschauen, statt meine Familie zu besuchen, die Beantwortung von Nachrichten aufzuschieben, die Verantwortungen für niemanden, außer für mich selbst zu übernehmen. Eine „Mach es dir leicht für dich selbst“-Haltung.“ Oder wir blicken auf die Traditionen und Pflichten der Gesellschaft, die durchaus gut sind. Oder wir schauen auf unsere Familien, das soziale Netzwerk, Anerkennung und Ehre. Das ist an sich nicht falsch, aber ist es das wert?

Jesus ermutigt uns zu einem anderen Blick, zu einer Ausrichtung des Lebens, letztlich zu einer Haltung: aufrecht und aufrichtig zu leben. „Wir kommen, wohin wir schauen.“ Das christliche Leben wird dann zu einem Stil, einer Lebenshaltung, die sich in den Tugenden ausdrückt. Es geht nicht darum, jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen, wie es bei den Pfadfindern gelehrt wird: Jeder kann gute Taten vollbringen, auch Menschen mit schlechten Absichten. So wie ein schlechter Tennisspieler durch Zufall einen Punkt in einem Match gewinnen kann. Aber ein guter Tennisspieler trainiert, er ist es gewohnt, gut zu spielen, auch wenn er mal einen schlechten Tag hat. Christi nachzufolgen, bedeutet, den Blick auf das zu richten, was und zieht und führt und so zu leben, dass es eine gute Gewohnheit für uns wird: Ein entschlossener Blick, ein Blick auf Freude und Mitgefühl.

Zu diesem Blick, zu dieser Haltung werden wir von Gott befreit, durch seine Großzügigkeit und Großherzigkeit, durch seine Liberalität (vgl. Gal 5,1). Darin finden wir Freiheit. Wir werden von Gott befreit, um eine Wahl zu treffen. Jeden Tag, jeden Moment unseres Lebens können wir neu beginnen und unter der Führung des Heiligen Geistes wandeln.

Wie der norwegische Abenteurer Erling Kagge sagt: „Ein freies Leben sollte Disziplin, Aufmerksam­keit und Bewusstsein und natürlich Großzügigkeit beinhalten. Freiheit ist die Fähigkeit, „andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. […] Verantwortung und Belastungen geben dem Leben Substanz. Nur die einfachste Möglichkeit zu wählen, ist ein Rezept, dem Leben diese Substanz zu entziehen. Wenn ihr Leben für andere keinen Unterschied macht, dann wird es auf lange Sicht auch für sie keine so große Rolle spielen. Viele Menschen sagen, dass man Weisheit und Erfahrung braucht, um die richtige Entscheidung treffen zu können. Aber ich glaube manch­mal, dass wir vieles schon instinktiv wissen. Es ist die Wahl, die das schwierigste ist, egal wie alt oder Weise wir werden.“ (Erik Varden: Heimweh nach Herrlichkeit, 2021; Vorwort von Erling Kagge, Seite 10).

 

 

Sonntag, 29. Mai 2022

Einheit der Kirche?



Predigt 7. Sonntag der Osterzeit C – Hamburg, 11.30 Uhr

Einheit der Kirche - oder woher wir überhaupt wissen, dass Jesus auferstanden ist.
(Apg 7, 55-60; Ps 97; Offb 22,12-14.16-17.20; Joh 17, 20-26)

Liebe Schwestern und Brüder, 

Jesus bittet den Vater um die Einheit der Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger und aller, die an ihn glauben. „Alle sollen eins sein.“ (V 21) „Einsein ist ein Gefühl inniger Verbundenheit mit allem, was ist.“ (Bettina Wissert) Frieden. Jesus weiß, dass das nicht leicht ist und dass die Seinen das nicht von allein hinbekommen. 

Dieses Gebet Jesu gewinnt im aktuellen Kontext der Spaltung der Christenheit in verschiedene Konfessionen eine besondere Bedeutung, das ist jetzt im Ukraine-Krieg deutlich geworden. Genauso stellt sich die Frage nach der Einheit im Kontext der Auseinandersetzungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche in Deutschland. 

Beim Synodalen Weg und auf dem Katholikentag werden viele Fragen besprochen, wie die Reformen in der katholischen Kirche umgesetzt werden sollen. Ich bin froh, dass alle friedlich und respektvoll miteinander sprechen. Das ist der erste Schritt zu mehr Einheit. Wichtig ist auch, dass wir mit Jesus verbunden bleiben und die Größe und die Schönheit des Glaubens immer mehr erkennen – Jesus spricht von der „Herrlichkeit“. (V 22)

Es ist eine scheinbar kleine Frage aus den Diskussionen, die ich herausgreifen möchte: Soll die Amtszeit der Bischöfe begrenzt werden? Die Frage gibt es schon länger, aber sie stellt sich mit neuer Dringlichkeit, weil viele Gläubige mit der Arbeit einiger Bischöfe nicht zufrieden sind, z.B. in Köln oder Regensburg. Manch einer wünscht sich dort einen anderen Bischof und sieht mit Grauen, was ein Bischof oder Erzbischof in seiner langen Amtszeit noch anrichten wird.

Nun ist die Amtszeit der Bischöfe schon begrenzt. Mit 75 Jahren gehen sie in den Ruhestand. Aber es geht um eine zusätzliche zeitliche Begrenzung der Dauer der Amtsführung eines Bischofs. In vielen Ordensgemeinschaften ist es so, dass die Verantwortlichen für eine begrenzte Zeit gewählt werden. Auch bei den Jesuiten wird der Obere, d.h. Leiter unsere Region, der Provinzial, für sechs Jahre ernannt. Danach übernimmt ein anderer die Aufgabe. Der Generalobere der Jesuiten wird allerdings bei uns auf Lebenszeit gewählt. 

Was ist der Vorteil von einer Wahl auf Lebenszeit? Der Obere ist unabhängiger in seinen Entscheidungen, er muss nicht auf Machtinteressen schauen. Zudem gibt es mehr Stabilität, wenn nicht alle nur bis zur nächsten Wahlperiode denken. 

Was ist der Nachteil einer Wahl auf Lebenszeit? Wenn ein Oberer schlecht regiert, gibt es keine Möglichkeit nach einer gewissen Zeit einen neuen zu wählen. Zudem ergibt sich eine andere Dynamik der Ausübung von Macht, wenn alle Amtszeiten begrenzt sind. 

Nun sagen manche: Wie bei einem Politiker, der für eine bestimmte Zeit ein Dienstamt (Ministerium) hat, würde es auch für den Bischof gut anstehen, eine begrenzte Zeit zu regieren. Sozusagen Demokratie plus Evangelium. Das ist bei den evangelischen Bischöfen so. Die evangelischen Bischöfe werden deshalb auch sinnvollerweise für eine begrenzte Zeit gewählt, zum Beispiel zwölf Jahre. Sie haben allerdings faktisch keine Macht, sie repräsentieren. Die wichtigen Personalentscheidungen trifft die Synode beziehungsweise das Presbyterium. 

Andere sagen: Bischöfe sind keine Politiker. Sie haben ein geistliches Amt. Sie werden nach der Wahl und der Bestätigung durch den Papst zum Bischof geweiht. Die Weihe ist ein Sakrament, d.h. ein sichtbares und wirksames Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen. Dieses Zeichen gilt nicht nur für kurze Zeit. Wie bei der Ehe, die man auch nicht nur für ein paar Jahre verspricht, gehört es gerade dazu, dass es in guten und in schweren Zeiten gilt. Es kann nicht rückgängig gemacht werden, es bleibt. Es kann sein, dass der Bischof schlecht reagiert, dass er betrügt, dann wird er aus dem Amt entlassen, aber er bleibt Bischof. So wie Geschwister stets Geschwister bleiben: Man kann sich zu streiten, aber deshalb hören Sie nicht auf Geschwister zu sein. 

Die Bischofsweihe ist das eigentliche Sakrament der Weihe in der Kirche. Ein Bischof kann Priester und Diakone als Mitarbeiter weihen. Doch damit sind wir unversehens bei einer anderen Frage gelandet. Nämlich: Brauchen wir überhaupt die Weihe der Amtsträger? Ist das nicht veraltet? Auch diese Frage wird beim Synodalen Weg diskutiert.

Die Weihe der Bischöfe und ihrer Mitarbeiter ist tatsächlich sehr alt. Sie gab es in der Kirche sicher schon im zweiten Jahrhundert. Die Apostel und Apostelinnen waren Zeugen der Auferstehung und haben von Jesus den Auftrag bekommen, das Evangelium zu verkünden. Als die Kirche wuchs, suchte man unterschiedliche Formen, um diesen apostolischen Auftrag zu erfüllen. 

Schon im Timotheus-Brief ist davon die Rede, dass es Episkopen, Presbyter und Diakone gab. Diese Bischöfe wurden später als die Nachfolger der Apostel gesehen. Eine Kirche ohne einen Bischof, d.h. ohne jemanden, der als Nachfolger der Apostel das Zeugnis der Auferstehung glaubwürdig verkündet und weitergibt, hängt quasi in der Luft. Ihr fehlt ihr der Grund, das Fundament, die Verbindung zu Jesus Christus. 

Zugespitzt formuliert: Eine Kirche braucht einen Bischof, damit sie Kirche ist. Das macht deutlich, warum es bei der Frage nach dem Bischof und der Bischofsweihe tatsächlich nicht nur um ein Detail geht, sondern um das sichtbare Zeichen der Einheit: die Einheit durch die Zeit hindurch mit den Christen vor uns und mit den Aposteln - und die Einheit über die verschiedenen Regionen der Welt hinweg, mit den Christen in anderen Ländern. 

Unsere Kirche ist katholisch, d.h. weltumspannend, und sie apostolisch ist, d.h. auf das Fundament der Apostel und ihrer Nachfolger gegründet. Die Bischofsweihe ist deshalb ein Zeichen, das uns hier und heute mit der menschgeworden Liebe Gottes verbindet. Dass viele Menschen heute diese Zeichen nicht mehr verstehen, mag sein. Dass die Verantwortlichen in der Kirche sich nicht immer so verhalten, dass sie dieser Würde und Aufgabe gerecht werden, mag auch sein. Bischöfe sind Menschen und machen Fehler. Aber es ist ein Ideal, auf das hin man den Bischof ansprechen kann: Lieber Bischof, das ist deine Würde und Aufgabe: Nachfolger der Apostel zu sein. Das Zeichen gibt eine Orientierung und es ist für den, der glaubt, eine Realität, die Wirklichkeit verändert und verwandelt: Ein Sakrament lässt etwas von der Herrlichkeit aufscheinen, von der Ehre, von dem Gewicht des Glaubens, von seiner Schönheit. Und es mahnt uns zur Einheit und zum Frieden. 

Jesus ist nicht mehr da. Er ist in den Himmel aufgestiegen. Er ist zum Vater gegangen. Aber wir sind noch hier. Wir leben noch auf der Erde; und selten sehen wir den Himmel offen. Doch wir haben das Zeugnis der Apostel, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dass die Liebe, mit der Gott Jesus geliebt hat, auch unter uns lebendig ist. 

Das löst nicht die Frage, ob die Amtszeit der Bischöfe begrenzt werden soll. Es gibt meine ich, gute Argumente dafür und dagegen. Wesentlich aber scheint mir zu sein, dass wir die Bedeutung der Sakramente und die Aufgabe der Bischöfe besser verstehen und dass wir nicht aufhören, darum zu bitten, dass Gott seiner Kirche gute Bischöfe schenken möge, die im Dienst für die Einheit der Kirche wirken und als Zeichen für den Frieden in der Welt einstehen. Amen.


Sonntag, 8. Mai 2022

Du hast nur ein Leben!


Predigt am vierten Sonntag der Osterzeit C – Hamburg, Kleiner Michel

(Apg 13,14.43b-52); Offb 7,9.14b-17; Joh 10,27-30

 Liebe Schwestern und Brüder,

Vor ein paar Tagen sagte mir mein Vater am Telefon: „Du hast nur ein Leben!“ Wir sprachen über meine Krebs-Erkrankung und die notwendige Nachsorge, bei der ich nach seiner Meinung nicht sorgsam genug bin. Ich vertraue darauf, dass alles gut wird. Ich weiß nach den Erfahrungen der letzten Monate, dass ich mich mit den Ärzten zusammen bemühen soll, dass es aber so viele Unwägbarkeiten gibt und mein Leben letztlich in Gottes Hand liegt.

Doch stimmt die Aussage für uns Christen eigentlich: „Du hast nur ein Leben!“? Glauben wir nicht als Christen, dass wir wiedergeboren werden zu neuem Leben? Dass wir in den Himmel kommen? So wie bei einem Computerspiel ein weiteres Leben haben?

In einem zentralen Abschnitt aus der Mitte des Johannes-Evangeliums wird Jesus im Gespräch mit den Juden dargestellt, die ihn nach seiner Identität fragen: Wer bist du? Wer bist Du, dass Du behauptest Du kämest von Gott her? Wer bist Du, dass Du sagen kannst, dass Du ewiges Leben schenkst?

Das Gespräch findet am Tempelweihfest in Jerusalem statt, in der Halle des Salomo, also mitten im Tempel. Es geht um den Kern, die eigentliche Mitte der Verkündigung: Kann man Jesus glauben? Und was bedeutet es, ihm zu glauben? Welche Konsequenzen hat das für unser Leben?

Drei wichtige Hinweise gibt es in diesem Evangelium, worum es im Glauben an Jesus Christus geht. Es ist ein argumentativer Text, gleichsam die Katechese für die Jüngerinnen und Jünger, um zu entdecken, was es bedeutet: Leben von ihm zu empfangen.

1/ „Meine Schafe hören auf meine Stimme, ich kenne sie und sie folgen mir.“ (Joh 10, 27)

Glauben bedeutet auf Jesus zu hören, um unter den vielen Stimmen seine Stimme erkennen und unterscheiden zu können. Man erkennt seine Stimme am Inhalt und am Klang, denn sie ist die Stimme Gottes. Diese Stimme hat für jeden von uns einen persönlichen Klang, der zu mir passt, der das Gute in mir weckt, das, was in mir zutiefst angelegt ist. Der Klang, d.h. die Art und Weise, wie ich seine Stimme in mir höre, erzeugt eine Resonanz. Gehorsam ist dann nicht aufgezwungen und blind, sondern entspricht der eigentlichen Sehnsucht des Menschen nach dem Leben in Fülle, das Jesus schenkt. Jesus spricht zu uns durch Menschen, durch Erfahrungen, durch Gefühle. Also: Glauben bedeutet, mitten im Alltag seine Stimme unter den viele Stimmen zu entdecken und zu hören.

2/ „Ich gebe Ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zu Grunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ (Joh 10,28)

Glauben bedeutet an der Hand Jesu durchs Leben gehen, vertrauensvoll, ohne Angst; sich als Teil eines größeren Ganzen erleben; eine Richtung zu finden; Gemeinschaft erleben; getröstet werden (vgl. Offb 7,19-17).

Ewiges Leben bedeutet nicht unendlich lange leben. Es ist keine Zeitangabe, sondern eine Qualität. Ewiges Leben bedeutet zu keinem Zeitpunkt vom Leben Gottes getrennt zu sein, auch im persönlichen Tod nicht. Wie gehen an der Hand Jesu im Tod nicht verloren, ja durch sein Leben ist die kritische Schwelle des Todes aufgehoben. So wie Jesus es im Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen sagt: „Das Wasser, das ich Dir geben werde, wird zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt.“ (Joh 4,14)

Ja, es stimmt: Wir haben nur ein Leben. Das irdische Leben wird durch den Tod beendet. Es findet keine Fortsetzung über den Tod hinaus. Aber das Leben wird im Tod von Gott gewandelt und vollendet – ohne Zeit und Raum, in seiner Nähe.

Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Ich glaube aber auch an ein Leben vor dem Tod: Das irdische Leben wird schon vor dem Tod gewandelt. Es verändert sich durch das Leben, das Jesus schenkt. Durch das Leben und den Tod Jesu hat das Leben gewonnen, ist der Stachel des Todes gebrochen. Der Stachel des Todes, so Paulus, ist die Sünde (1Kor 15). Sünde entsteht aus der Angst um sich selbst, nämlich dem Irrglauben, ich müsse im Leben allein klarkommen.

„Deine Sünden sind dir vergeben“, so haben wir es in der Taufe gehört. Die Last ist uns genommen, wir gehen frei durchs Leben - an der Hand Jesu. Wir gehen nicht zugrunde, sondern wir gehen ins Leben. Dieses Miteinander-Gehen aus der Gnade der Taufe ist schon das neue, ewige Leben.

3/ „Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie die Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,29-30)

Der dritte Hinweis, was Glaube an Jesus Christus bedeutet, ist gleichsam die Begründung für die Gabe des Lebens. Jesus sagt uns, warum wir auch in schlimmen Situationen und selbst im Tod an seiner Seite keine Angst mehr zu haben brauchen: Es ist die Vertrautheit, die Lebensgemeinschaft, die Einheit Jesu mit dem Vater.

„Ich und der Vater sind eins“: diese Einheit hebt die Unterschiedlichkeit der Personen nicht auf, Gott insgesamt bleibt einzig, aber er ist nicht mehr hinter den Wolken verborgen, sondern wird in Jesus Christus sichtbar.

Es geht hier nicht um die Glaubenslehre, dass Jesus der Sohn Gottes ist, „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“. Es geht hier um eine Lebensweise, ein Lebensstil, den die Gläubigen nachahmen können. Einheit untereinander geschieht, wenn wir verbunden sind mit gemeinsamen Lebensregeln, die auf dem Willen des Herrn beruhen. Wenn wir „an einem Strick ziehen“, dasselbe wollen, das in konkreten Worten und Taten sichtbar wird. Dabei werden die Differenzen und Divergenzen nicht einfach akzeptiert und gleichberechtigt nebeneinanderstehen gelassen, nach dem Motto: jeder soll nach seiner Fassung glücklich werden beziehungsweise wir alle einigen uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.  Jesus geht es um eine Einheit, die in aller Unterschiedlichkeit im Miteinander Freude schenkt und das Leben in Fülle erahnen lässt.

Gerade haben 20 Kinder hier am Altar zum ersten Mal in ihrem Leben den Leib des Herrn empfangen. Sie haben sich darauf vorbereitet und feiern nun noch weiter; mit ihren Familien und Freunden. Sie werden friedlich miteinander feiern, sich freuen und Einheit erleben, wenn sie miteinander essen. Denn beim Festmahl nimmt nicht jeder eine Mahlzeit ein, wann er gerade Zeit hat, sondern Menschen leben miteinander und teilen Freude und Sorgen. Das ist die Einheit, die Jesus mit dem Vater lebt und die er auch den Seinen wünscht. Wenn wir diese Einheit erleben, dann stärkt das den Glauben. 

„Du hast nur ein Leben!“ Doch dieses Leben wird durch den Glauben an Jesus Christus gewandelt. Wir empfangen sein Leben, wenn wir auf seine Stimme hören. Wir empfangen ewiges Leben, wenn wir an den glauben, der Frieden und Einheit schenkt, weil er mit dem Vater eins ist. Amen.