Donnerstag, 15. Februar 2024

Staub und Geist

Foto von Ahna Ziegler auf Unsplash

Predigt Aschermittwoch 2024

Les: Joel 2,12-18; 2Kor 5,20-6,2; Mt 6,1-6.16-18

„Asche auf mein Haupt“, so sagt man, wenn man einen Fehler begangen hat oder sich einer Schuld bewusst ist, und Reue zeigt. Die staubige Asche auf dem Kopf ist religiös seit mehr als 2000 Jahren ein Zeichen der Klage und der Buße: bei den Israeliten, den Ägyptern, den Arabern und den Griechen. Es ist ein Bild für die Vergänglichkeit und die Trauer bzw. die Buße. 

Die Asche ist hier und heute ein Zeichen für den Beginn der österlichen Bußzeit. Seit mehr als 1000 Jahren gibt es in der Kirche den Brauch, sich zu Beginn der Fastenzeit mit Asche bestreuen zu lassen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mit dem Ritual des Aschekreuzes so meine Schwierigkeiten habe: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Ist diese Botschaft befreiend? Hilfreich? Im Sinne des Evangeliums?

Die Frage, ob solche Art von Zeichen, von Gesten und äußerlicher Buße sinnvoll ist, gibt es schon lange. Der Prophet Jesaja fragte, ob es im Sinne Gottes sei, sich zur Buße mit Asche zu bestreuen: „So spricht der Herr: Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt, wenn man den Kopf hängen lässt wie eine Binse, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt?“ (Jes 58,5) 

Nun, wie auch bei anderen Riten, so kommt es auf die richtige innere Einstellung und das rechte Verständnis an und ich habe mir dazu einige Gedanken gemacht. Ich lade sie ein, diesen Gedanken zu folgen und zu schauen, ob sie damit etwas anfangen können, für ihren Alltag in den nächsten Wochen.

Am Anfang steht das Feuer. Das Feuer des Heiligen Geistes. Die Glut der Liebe. Der Lichtschein der Wahrheit. Die Wärme des Lebens und die Zuversicht des Glaubens. Wenn ich mich für etwas begeistern kann, dann springt der Funke über, dann bin ich Feuer und Flamme, dann brenne ich. 

Einigen Menschen steht die Lebendigkeit, die Freude ins Gesicht geschrieben: Sie haben eine gesunde Gesichtsfarbe, rote Wangen. Man spürt gleichsam den Pulsschlag des Lebens in ihren Worten und Gesten. Jugendliche Frische und Lebendigkeit beeindrucken und erfreuen. Und manche denken, dass dies das Leben sei. 

Doch weiß jeder, der sich etwas umschaut, und auch aus dem eigenen Erleben, dass es kein Feuer ohne Asche gibt. Bei allem, was wir tun, gibt es nicht nur Reibungsverluste, sondern auch Fehler, Missverständnisse und Scheitern. Einige Menschen stören sich nicht daran und sagen, „wo gehobelt wird da fallen Späne“. 

Andere Menschen aber empfinden ein Missbehagen angesichts des eigenen Fehlverhaltens oder fremder Missgunst. Das unbedachte Wort in einer E-Mail, die aus Ärger geschrieben wurde. Der vergessene Geburtstag einer Bekannten. Die Wut und der Zorn über die Fehler von anderen. 

Es gibt keine perfekte, schöne Welt und wir leben mit unseren Begrenzungen, unserer Verletzlichkeit und unserer Vergänglichkeit, unserem Scheitern, unserem ambivalenten Verhalten. Das liegt an der Sünde, die sich breit macht. Und trotzdem ist das Leben lebenswert, ist nicht alles vergeblich. Es gibt das Feuer nicht ohne die Asche, und trotzdem bin ich froh, dass es das Feuer gibt.

Anmerkung: Physikalisch ist das nicht ganz richtig, dass es kein Feuer ohne Asche gibt. Bei der Verbrennung von Wasserstoff zum Beispiel entsteht keine Asche, sondern Wasser. Aber ich bleibe jetzt hier einmal beim Bild vom Feuer und von der Asche - als einem Symbol.

Es gibt die Asche im Leben. Angesichts dieser Erkenntnis gibt es nun zwei Straßengräben, d.h. falsche Verhaltensweisen, die die von Menschen eingenommen werden. 

1/ Die eine Weise ist, nur auf die Asche bei sich selbst zu schauen. Voller Skrupel und mit einem sehr hohen Ideal die eigenen Fehler, das eigene Scheitern und die eigene Vergeblichkeit zu beklagen und völlig gefangen zu sein in Selbstzweifeln und Bitterkeit. Und dann letztendlich gar nichts mehr zu Wege zu bringen. „Es ist doch alles vergebliche Liebesmühe.“ – „Wie man man’s macht, macht man es falsch.“ Vielleicht kennen Sie solche Leute.

2/ Der andere Straßengraben ist, nur auf die Asche bei anderen zu schauen. Überhaupt keine Selbstzweifel zu haben, sämtliche negativen Gefühle, Fragen oder Verletzungen wegzudrücken und die eigene Schuld angesichts der riesigen Fehler der anderen dauernd zu relativieren. Den Splitter im Auge des anderen sehen, aber den eigenen nicht. Die Verantwortung für das eigene Leben nicht zu übernehmen. „Schuld sind immer die anderen.“ Vielleicht kennen Sie auch solche Leute.

Das sind die beiden Straßengräben. Aber wo geht der richtig Weg lang? 

Das Evangelium erinnert heute an den Vater, der auch das Verborgene sieht. Dreimal wird dies im Evangelium wiederholt. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es die vergelten. Dein Vater, der ins Verborgene blickt. Gott sieht das, was innen ist, nicht auf das Äußere. 

Wird uns dann angst und bange? Wenn Gott alles sieht, was sieht er da? All unsere Süchte, unsere Bequemlichkeit, unsere Langeweile. Die Zeiten, wo man innerlich so voller Ärger und Wut ist, oder so voller Traurigkeit und Enttäuschung, dass alles um einen herum darunter leidet, dass am Ende des Tages nicht viel mehr übrigbleibt als ein paar zugeschlagene Türen und Worte, die man hinterher bereut?

Aber Gott sieht eben auch das Feuer, das Gute, das Leben in mir. Die Botschaft des Evangeliums vom Vater, der in das Verborgene blickt, ist eine frohe Botschaft, sobald mir diese Wirklichkeit meines Lebens bewusst wird - und dass gerade dieser Blick Gottes innerlich Heilung und Vergebung schenkt.

Der Weg ist also, Gott draufschauen zu lassen. Zugeben: Ja, Vater, ich habe gesündigt, ich bin nicht perfekt. Das bekennen wir, wenn uns mit dem Zeichen der Asche bezeichnen lassen. Es braucht Heilung durch das Kreuz. Das Kreuz ist das Zeichen der Barmherzigkeit Gottes. 

Es wird in diesen Tagen viel über die Barmherzigkeit gesprochen. Manchmal wird das Wort auch missverstanden, so als ob es nichts mehr gibt, was richtig und was falsch ist. Die Erfahrung der Barmherzigkeit hat damit zu tun, dass ich etwas in meinem Leben als falsch erkenne und trotzdem auf Heilung hoffe, trotzdem glaube, dass Gott mir vergibt. Das ist ein großer Unterschied.

Karl Rahner hat das Bild von Asche und Feuer in seiner Beschreibung vom Menschen verwendet: er schreibt, der Mensch sei „Staub“, und er sei „Geist“. Beides. Und das Besondere des Menschen sei es, dass er gerade mit seinem Geist, mit dem er Gott erkennen kann, auch seine eigene Unbegreiflichkeit, seine Ausweglosigkeit, seine Schuld, sein Zugehen auf den Tod erkennt. Dass er also durch seinen Geist mehr ist als Staub. Dass er sich aber mit seinem Geist sich vor Gott als Staub erkennt. Was ihn er rettet und erlösen wird, ist, wenn er sich, trotzdem von Gott geliebt weiß und zum neuen Leben erweckt wird, mit Jesus, in seinem Geist, aufersteht.

Die Asche ist das Symbol der eigenen Vergänglichkeit, der Begrenztheit, der Schuld und der Fehler. Insofern steht sie am Beginn der österlichen Bußzeit. Die Asche erinnert uns aber auch daran, dass es das Feuer gibt. Beides wird dereinst nicht mehr sein, „wenn es keine Nacht mehr gibt und man weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne mehr braucht.“ (Offb 21). Bis dahin aber dürfen wir beides wahrnehmen. Feuer und Asche. Heute die Asche. Amen. 


Mittwoch, 31. Januar 2024

Zugeneigt

Foto: Achim Pohl / SJ-Bild 2005

"Ronchamps in Holsterhausen"

Das Marienbild „Mutter mit dem geneigten Haupt“ in der Kirche St. Ignatius in Essen-Holsterhausen ist der Abzug eines Kupferstichs, der als Kopie eines Wiener Gnadenbildes um 1680 dem Ursulinenkloster in Landshut geschenkt wurde. Zunächst war der Kupferstich in Landshut ein bloßes Andachtsbild. Doch schon bald mehrten sich die Berichte über erwiesene „Gutthaten“, so dass das Bild im Jahr 1699 auf dem Hochaltar der Klosterkirche Landshut zur Verehrung aufgestellt wurde. Es machte Landshut für ein Jahrhundert zu einem berühmten Wallfahrtszentrum.

Pater Martin Schwarz SJ nahm einen Abzug des Bildes 1752 aus seiner bayrischen Heimat mit nach Südamerika, in die Indianermission an der Amazonasmündung in Brasilien. Er blieb nur wenige Jahre dort, denn der portugiesische Premierminister Marquês de Pombal suchte im Geist der Aufklärung die zentralistische Staatsgewalt zu stärken und ging deshalb gegen die Vorrechte des Klerus vor, auch in den Missionen. Ein missglücktes Attentat auf den König 1758 diente schließlich als Vorwand für die Ausweisung der Jesuiten am 3.9.1759 aus Portugal und Brasilien.

Im Jahr 1760 wurde Pater Schwarz zusammen mit anderen Jesuiten in die Hafenfestung São Julião da Barra in der Tejo-Mündung vor Lissabon interniert. Insgesamt 124 Jesuiten wurden zwischen 1759 und 1772 in dieser Festung eingekerkert, ohne je gerichtlich verhört worden zu sein. Wenn die Gefangen aus dem Orden ausgetreten wären, hätten sich die Kerkertore für sie geöffnet. Zahlreiche Jesuiten starben in der Haft.

Als Pater Meisterburg 1762 in einem ergreifenden Gebet die Muttergottes zu ihrem Festtag am 8. September um Hilfe angefleht hatte, wurde das „Unmögliche“ möglich! Kurz darauf konnten die Eingekerkerten heimlich die hl. Messe feiern. Sie betrachteten dies als wunderbare Erhörung und erhoben das Marienbild zum Altarbild, „vor dem nachts viele heilige Messen gelesen wurden“. Es gab überraschende Heilungen, ungeahnten Tröstungen und vor allem sühnende Leidensbereitschaft.

Nach dem Sturz Pombals 1777 wurden die letzten fünf Gefangenen befreit, darunter auch Pater Schwarz. 45 Jesuiten hatten die bis zu 18 Jahren dauernde Haft überstanden; 37 waren gestorben, die übrigen waren vorzeitig entlassen worden. Keiner war abgefallen. Pater Schwarz kehrte in seine Heimat zurück und brachte das Gnadenbild mit, über München und Altötting nach Amberg, wo er 1788 starb. Das Bild vermachte er seiner Nichte Hofrätin Hilterperger. Von ihr kam es zu Therese von Rheinl, von dieser 1871 zu P. Andreas Ehrenberger SJ in Regensburg und dann, noch im gleichen Jahr, an das Provinzialat der Deutschen Provinz der Jesuiten nach Köln. 1936 holte es P. Friedrich Vorspel als Dauerleihgabe nach St. Ignatius in Essen-Holsterhausen, wo es bis heute verehrt wird. 

Welche Gnaden wird das Bild Mariens mit dem geneigten Haupt in Zukunft den Gläubigen vermitteln? Die Jesuiten haben die Essener Residenz an Sankt Ignatius 2012 aufgegeben. Heute ist der Turm der Kirche abgetragen, die Orgel verkauft. Noch beten Menschen zur Mutter mit dem geneigten Haupt: „Dich als Mutter zeige, / o Maria hilf, gnädig uns zuneige, / o Maria hilf!“ (GL 524,5)

Sonntag, 28. Januar 2024

Macht und Vollmacht


Predigt Vierter Sonntag im Jahreskreis B, Manresa | Hamburg

1/ Mose und Jesus

„Einen Propheten wie mich wird der Herr aus unserem Volk, unter unsern Geschwistern, erstehen lassen.“ (Dtn 18, 15). Mose blickt am Ende seines Lebens auf die Geschehnisse des Exodus zurück. Er erinnert sich an die Machttaten Gottes: Wie er von Gott berufen wurde, um als Mittler zwischen Gott und seinem Volk den Willen des Herrn zu verkünden. Mose hat als Prophet nur das verkündigt, was Gott ihm geboten hat, er durfte nichts Eigenes hinzufügen. Denn der Prophet hat Macht nicht aus sich selbst, sondern von Gott. Er hat Macht, damit er seine Fähigkeiten zum Nutzen des Volkes und im Sinne Gottes einsetzt. 

Jesus verkündete in der Synagoge von Kafarnaum und „lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“ Er setzte seine Macht ein, und sie wirkte heilsam. Er befreite einen Menschen, der von einem unreinen Geist besessen war. Gleich zu Beginn seines öffentlichen Auftretens fragten sich die Leute: „Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.“ (Mk 1,27)

2/ Macht und Vollmacht

Macht ist, so Hannah Arendt, „die menschliche Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.“ Macht ist daher etwas anderes als Zwang oder Gewalt, denn sie gründet in dem Einverständnis und der Freiheit des anderen, der diese Macht als rechtmäßig (legitim) anerkennt und entsprechend handelt. Macht ist nicht in sich gut oder schlecht. Sie ist in gewisser Weise notwendig, um das menschliche Zusammenleben zu gestalten. 

Viele Menschen fühlen sich gerade ohnmächtig angesichts der vielen Probleme bei uns und weltweit. Was kann ich persönlich eigentlich angesichts von Krieg und Klimakrise etwas tun? Wie kann ich in meinem Umfeld etwas verändern? Welche Möglichkeiten habe ich, auf die große Welt-Politik einzuwirken. Manche fordern ein Machtwort des Bundeskanzlers.

Bemerkenswert, dass viele in Deutschland gerade neu den Wert der Demokratie entdecken: Demokratie bedeutet: alle Macht geht vom Volke aus. Diese Macht ist Gabe und Aufgabe zugleich, sie gilt zu verteidigen und zu nutzen, um unser Zusammenleben einvernehmlich zu gestalten. So demonstrierten heute hier in Hamburg mehr als 60.000 Menschen „Für Vielfalt und unsere Demokratie“!

Macht kann allerdings auch missbraucht werden. Dann wird sie zum Zwang, der mit Gewalt versucht, den Gehorsam durchzusetzen. Noch einmal Hannah Arendt: „Wo Gewalt gebraucht wird, um Gehorsam zu erzwingen, hat Autorität immer schon versagt.“

Autorität leitet sich aus dem lateinischen “auctoritas“ ab: von „auctor“ – „Urheber“. Dies deutet darauf hin, dass es Autorität nicht unab¬hängig von der Person gibt. Nur ein authentischer glaubwürdig Mensch hat Autorität. Möglicher¬weise kommt das Wort auctoritas aber auch vom lateinischen „augeo“ – „wachsen lassen“. Ein Mensch, der Autorität hat, lässt andere wachsen und groß werden. Er hält nicht an seiner Macht fest, sondern ermöglicht anderen, Macht zu übernehmen. Er teilt seine Macht, und er erhält dadurch Autorität. 

Auch hier gibt es Fehlformen: ein Mensch, der Macht ausübt, aber keine Autorität hat, wird nicht selten autoritär und zwingt anderen seinen Willen auf.

Und Vollmacht? Vollmacht ist eine geliehene oder übertragene Macht. Sie können einer Person eine Vollmacht geben, dann kann sie in Ihrem Namen sprechen oder handeln. Mose hat als Prophet zum Beispiel hat von Gott die Vollmacht erhalten, in seinem Namen zu reden. 

3/ Macht, Autorität, Vollmacht im Namen Gottes

Gibt es das? Gibt es so etwas in der Kirche? Sollen wir es anerkennen? Der verstorbene Kölner Kardinal Meißner hat einmal gesagt, in der Kirche gäbe es keine Macht, sondern nur Vollmacht. Wer ihn kennt, weiß, dass er häufig sehr autoritär regiert hat. Das macht sein Wort nicht besonders glaubwürdig. Aber stimmt es sachlich? Oder ist es ein Ideal, dass es in der Kirche keine Macht gibt, sondern nur Vollmacht?

In der katholischen Kirche ist jede Macht mit einem Amt verbunden, für das ein Mensch berufen wird, dass er also, nach dem Glauben der Kirche, nicht aus eigenem Willen übernimmt, sondern aus Gottes Willen. Ein Bischof kandidiert nicht, er macht keine Wahlwerbung, sondern er wird von Gott auserwählt. Er hat eine geliehene und übertragene Macht, für deren Ausübung er vor seinem Schöpfer und Erlöser Rechenschaft wird ablegen müssen, davon bin ich überzeugt! 

Doch aus dieser Sicht von Berufung und Erwählung zu folgern, es gäbe in der Kirche keine Macht, sondern nur Vollmacht, ist ein Trugschluss – und es ist insofern naiv, als in der Kirche nicht selten sehr weltliche Dinge in der Ausübung und Organisation notwendig sind und die Einheit der Kirche gerade jener menschlichen Fähigkeit bedarf, im Einvernehmen mit anderen zu handeln. Also Macht in guter Weise auszuüben.

Und es ist insofern gefährlich, weil eben auch in der Kirche Macht missbraucht wurde und wird. Nicht nur in der katholischen, sondern, wie wir nun wissen, auch in der evangelischen Kirche. Es ist gut, wenn wir dafür aufmerksam werden! Fatal wird es allerdings dann, wenn die Verantwortlichen in der Kirche ihre Macht leugnen, beziehungsweise die Vollmacht, die ihnen mit ihrem Dienstamt übertragen wurde, nicht zum Wohl der Menschen nutzen.

4/ „… befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ (Röm 8,21)

Macht hat mit Freiheit zu tun. Was die Menschen seit jeher an Jesus fasziniert hat, ist seine göttliche Vollmacht, die Menschen freizumachen. „Er lehrte sie, wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“ Er lehrt und heilt, er befreit die Menschen von aller Unreinheit und „verkündet eine neue Lehre, der sogar die unreinen Geister gehorchen.“

Was ist das Besondere an Jesus? Dass er mit seinem ganzen Leben auf die Kraft und Macht Gottes hinweist, selbst in der tiefsten Ohnmacht seines Lebens am Kreuz, und so die Menschen befreit von der Last des Todes und der Sünde. „Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe,“ so hat die Seinen gelehrt, zu beten. Es geht ihm nicht um sich selbst, sondern um die Macht und Größe Gottes, um seine Herrlichkeit. Deshalb ist „der Heilige Gottes“, weil er auf Gott selbst hinweist und Gottes Liebe zu uns in seinem Leben erfahrbar wird: selbst in der Dunkelheit und Ohnmacht unseres Lebens, wenn wir allein sind und scheinbar mit niemandem zusammen handeln und dem Einvernehmen wirken können.

Daran dürfen wir uns erinnern, wenn wir jetzt gleich Eucharistie feiern, für das Leben und den Tod und die Auferstehung Jesu danke, der den Tod ein für alle Mal besiegt hat. „Denn dein, Gott, ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Amen.“


Montag, 22. Januar 2024

Sogleich

 


Predigt Dritter Sonntag im Jahreskreis B | Manresa - „sogleich“
Les: Jon 3,1-10; 1Kor 7,29-31; Mk 1,14-20

Am vergangenen Dienstag fand der zweite Abend in der Reihe mehr vom Leben statt, zu dem junge Erwachsene eingeladen sind. Der Titel lautete: „Jein ist keine Antwort“. Es ging um Tipps und Methoden zur Entscheidungsfindung aus der ignatianischen Spiritualität. Wie auch beim ersten Abend war eine schöne Gruppe zusammengekommen, und es gab einen lebendigen und inspirierenden Austausch.

Der erste Schritt der Entscheidungsfindung, so haben wir gesagt, ist die Frage für sich zu beantworten, ob eine Entscheidung ansteht. Diese Frage stelle ich mir besonders dann, wenn ich verwirrt bin oder unter großem Druck stehe. Ist es notwendig, jetzt, sogleich, eine Entscheidung zu treffen? Manchmal trage ich einen Gedanken schon lange mit mir herum, oder ich spüre in einem guten Sinn, dass eine Veränderung möglich ist. Dann ist es richtig, den nächsten Schritt zu gehen, um zu einer Entscheidung zu kommen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Entscheidung? Wann ist der Moment etwas nicht mehr aufzuschieben, sondern zu verändern? Wann ist die Situation geeignet, für ein gutes Wort, ein offenes Herz, den nächsten Schritt? Oft braucht es so etwas, wie ein inneren Impuls, um die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen; die Erfahrung, dass die Zeit reif ist.

Was mich am Evangelium des heutigen Sonntags fasziniert, ist die Bereitschaft der ersten Jünger Jesu, ihm sogleich nachzufragen. Jesus hat, so der Evangelist Markus, in Galilei gerade erst mit der öffentlichen Verkündigung begonnen. Er geht noch allein umher und spricht vom Reich Gottes, das schon nahegekommen ist, von der Umkehr und eben davon, dass die Zeit erfüllt ist, d.h. reif ist für eine Entscheidung.

Jesus sieht Simon und Andreas. Sie hören seinen Ruf: „Auf! Mir nach!“ – „Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach.“ Jakobus und Johannes genauso. Jesus sieht sie an, „sogleich rief er sie“, und sie ließen alles zurück, Familie und Beruf, und folgten ihm nach.

Gibt es das? Kann es so gewesen sein? Schon der Evangelist Lukas baut uns eine Brücke, wenn er vor der Berufung des Simon die Antritt Rede Jesu in Nazareth und eine erste Heilung in Kafarnaum umsetzt. Simon kannte Jesus, es war kein Blinder Gehorsam. Aber das ist auch nicht das, was Markus hier sagen will: mit fliegenden Fahnen, unüberlegt, überstürzt. Im Gegenteil: für Markus ist es der rechte Moment für Simon, weil Jesus ihn gesehen hat, ihn angesehen hat. Weil die Beziehung stimmt. Weil der innere Impuls da ist

Woher kommt dieser innere Impuls, die Gelegenheit zu ergreifen, aufzustehen, in diesem Moment zu sprechen, zu handeln, beziehungsweise eine Entscheidung zu treffen?

In der Lesung aus dem Buch Jona war von einer kollektiven Entscheidung die Rede. Das Volk aus der Megacity Ninive entscheidet sich samt König, auf den Ruf des Propheten Jona zu hören und umzukehren. Sie rufen ein Fasten aus, ziehen Bußgewänder an. Der König lässt das nochmals per Dekret verkünden: „Sie sollen mit aller Kraft zu Gott rufen, und jeder soll umkehren von seinem bösen Weg und von der Gewalt, die an seinen Händen klebt.“

Woher kommt der Impuls? Ich glaube, er findet sich kurz vorher in dem Wort: „und die Leute von Ninive glaubten Gott.“ Gott glauben: Das meint nicht einfach nur glauben, dass es Gott gibt. Das meint auch nicht nur, Gott zu glauben, im Sinne von: annehmen, dass er nicht lügt, dass er die Wahrheit spricht. Sondern es meint (mit alldem und darüber hinaus), ihm zu vertrauen, sein Leben auf ihn zu setzen, und zu glauben, dass dieser Gott, der mich geschaffen hat, etwas Gutes für mich und mein Volk will und die Geschichte zu einem guten Ende führt. Dass das alles einen Sinn hat.

Vorgestern haben viele Menschen in Hamburg gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Rechtsextremismus und für eine demokratische Gesellschaft demonstriert. Angesichts der Gewalt auf allen Seiten und den Polarisierung sah es lange so aus, als würde die schweigende Mehrheit machtlos zusehen. Doch irgendwann gab es diesen Impuls, aufzustehen und sich zu zeigen, für Zusammenhalt, einzutreten, bei allen unterschiedlichen Meinungen, die man angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen haben kann. Woher kam der Impuls? Ich glaube, dass die Menschen neues Vertrauen gefunden haben, dass es sich lohnt, für unsere Verfassung und die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten. Dass es Sinn hat!

Sicherlich ist eine Entscheidung zur Nachfolge Jesu damals wie heute mit Kosten verbunden. Für Jakobus und Johannes bedeutete es, die Familie und die Firma des Vaters zu verlassen. Auch für uns heute ist das Leben in der Nachfolge Jesu nicht nur Glück und unbeschwerte Zeit. Es gibt Schwierigkeiten, Auseinandersetzung mit anderen und vielleicht auch manchmal eine Traurigkeit in mir selbst.

Da hilft mir das Wort Jesu an Simon und Andreas, er werde sie zu „Menschenfischern“ machen. Oft hat man das Wort missverstanden, als ob Menschen gegen ihren Willen im Glauben gefangen werden sollen. Das ist sicherlich nicht gemeint. Ich denke, es geht mehr darum, dass auch das Leben mit der Nachfolge mit Mühe und mit Arbeit zu tun hat. Fischer stehen mit Wurfnetzen oft knietief stundenlang im Wasser, um wieder und wieder zu versuchen, die Netze auszuwerfen. Sie müssen früh aufstehen oder über Nacht arbeiten. Es ist körperlich anstrengend, es geht auf den Rücken, gebückt den schweren Fang zu heben. Und es braucht viel Geduld, die Netze zu säubern, wenn sie mal wieder verheddert bzw. voller Tang und Unrat sind. Kein Zuckerschlecken dieser Beruf. Und doch eine schöne Mühe, verbunden mit der Natur und dem Wasser für die Nahrung der Menschen zu sorgen. Und vor allem: hier und jetzt den Moment zu ergreifen, achtsam zu sein, wach und aufmerksam zu wissen, wann der richtige Moment gekommen ist, das Netz aus dem Wasser zu ziehen.

Angesichts der Ewigkeit und Größe, der Zeitlosigkeit Gottes kann man sich fragen, welche Bedeutung es hat, ob wir uns im richtigen Moment entscheiden oder nicht. Doch Jesus sagt: ja, der Moment ist da, die Zeit ist erfüllt. Deine Entscheidung ist bedeutsam, weil unser Gott ein Gott der Geschichte ist. Er schenkt Sinn und im Vertrauen auf ihn findest du den Impuls, zu handeln.

In einem Gedicht von Joseph Whelan SJ, das auch der ehemalige Generalobere der Jesuiten, Pedro Arrupe SJ, zitiert hat, ist dies schön zusammengefasst: „Nothing is more practical than finding God, than falling in Love in a quite absolute, final way. What you are in love with, what seizes your imagination, will affect everything. It will decide what will get you out of bed in the morning, what you do with your evenings, how you spend your weekends, what you read, whom you know, what breaks your heart, and what amazes you with joy and gratitude. Fall in Love, stay in love, and it will decide everything. “

https://www.ignatianspirituality.com/ignatian-prayer/prayers-by-st-ignatius-and-others/fall-in-love/

21.1.2024

 

 

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Vergessen?!


Predigt Weihnachten 2023 – am Tag | Manresa, Hamburg

Les: Joh 1,1-18

Wenn ein Kind geboren wird, die Eltern sich über die Geburt des Kindes freuen und für es sorgen, dann geben Sie ihm einen Namen. Es mag sein, dass es verschiedene Vorschläge und Ideen gab, welchen Namen sie dem Kind geben würden, doch bald nach der Geburt einigen sie sich, wie das Kind heißen soll. 

Es ist unvorstellbar, dass sie diesen Namen vergessen werden, so, als ob sie eines Tages aufwachen und das Kind sehen und plötzlich nicht mehr wissen, wie es heißt. „Sag mal, weißt du noch, wie unser Kind heißt? Welchen Namen haben wir ihm denn gegeben? Es kann nicht selbst reden, sonst könnten wir es ja fragen!“ Dieser Gedanke ist völlig unvorstellbar, er klingt absurd. Vgl. https://www.der-postillon.com/2013/12/eltern-vergessen-namen-ihres-kindes.html (3.12.13)

Denn erstens kann man zwar viel vergessen, aber den Namen des eigenen Kindes zu vergessen? Das kann man sich niemand so richtig vorstellen. „Kann denn eine Frau, ihr Kind vergessen?“, so fragt der Prophet Jesaja, „eine Mutter ihren leiblichen Sohn?“ (Jes 49,15). Zweitens gibt es andere Menschen um die Eltern herum, die von dem Kind wissen und seinen Namen kennen. Eine der ersten Fragen an eine Mutter mit ihrem Neugeborenen ist doch natürlicherweise immer: „Na, wie heißt das Kleine denn?“ Und schließlich gibt es hier bei uns das Geburtsregister, in das der Name des Kindes eingetragen wird. Außerdem das Taufbuch der Pfarrei, das seit über 200 Jahren systematisch geführt wird, meist noch handschriftlich wird in schönen Lettern der Name des Kindes eingetragen, unauslöschlich. 

Der Name des Kindes, das Maria und Josef in dieser Nacht geboren wurde, ist: Immanuel, wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Friedensfürst“, so der Prophet Jesaja in seiner Verheißung, die gestern Abend als Lesung hier verkündet wurde (Jes 9,5). Und so heißt es auch im Evangelium nach Matthäus: „Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, sie werden ihm den Namen Immanuel geben, d.h. übersetzt Gott mit uns.“ (Mt 1,23) Josef gibt ihm den Namen Jesus, wie es ihm der Engel im Traum befohlen hatte, das bedeutet Gott rettet. (Mt 1,25)

Im Evangelium, dass wir heute, am Weihnachtstag, gehört haben, dem Prolog des Johannes, taucht der Name erst ganz am Schluss auf, im vorletzten Vers, so, als habe der Evangelist ihn versteckt. Er spricht vom „Wort Gottes“, vom „Leben und Licht der Menschen“, vom „Licht in der Finsternis“, vom „wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet“, von ihm, „der in die Welt kam“, die ihm gehört, vom „Wort, das unter uns zelte“ und Wohnung nahm, von der „Fülle“, von der „Gnade“, von der „Wahrheit“, und dann, wie nebenbei, in der Gegenüberstellung zu Mose, der Name „Jesus Christus“. „Der Einzige, der Gott ist, und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ 

Johannes versteckt diesen Namen (vgl. Apg 4,12) in seinem Prolog, er enthält ihn uns vor, er steigert die Spannung für die Hörer, die doch wissen möchten, um wen es sich handelt. Das passt zum Duktus seines Evangeliums, in dem uns schrittweise, pädagogisch, die Identität und die Sendung des Gottes Sohnes enthüllt wird. In sieben Zeichen bzw. Wundern offenbart Jesus seine Herrlichkeit.

Ein erstes Zeichen wirkt Jesus in Kana in Galiläa bei einer Hochzeit, obwohl seine Stunde noch nicht gekommen ist. (Joh 2,4). Weitere Zeichen folgen. Ein letztes Zeichen ist die Auferweckung des Lazarus (Joh 11). Diese Zeichen führen zum Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu, das selbst kein Zeichen ist, sondern erfahrene Wirklichkeit.

Warum nennt Johannes diesen Namen nur versteckt, wie beiläufig? Hat er ihn vergessen? Für den Evangelisten Johannes ist das unvorstellbar! Wer einmal den Weg mit Jesus gegangen ist, wer ihn kennen gelernt hat, wer seine Herrlichkeit gesehen hat und nicht nur die Wunder, die er getan hat, der wird seinen Namen, der kann seinen Namen nicht mehr vergessen.

Der Name „Jesus Christus“ bezeichnet das Wort Gottes. Das Wort Gottes ist eine Person. Der Name hat eine Bedeutung, wie wir gesehen haben, aber er weist auf eine tiefere Wirklichkeit hin nämlich, die Person, das Leben dieses Menschen, in dem Gott allen Menschen nah gekommen ist. Johannes ist vielleicht vorsichtig mit diesem Namen, denn der Name kann uns ablenken von der Person. Titel sind nur Schall und Rauch, sie können missverstanden werden. Jesus ist der Christus, der Messias, aber eben gerade nicht in diesem Sinne, wie ihn viele erwartet haben.

Und was ist mit uns heute? Ist es vorstellbar, dass wir diesen Namen vergessen? Viele Menschen in Hamburg können mit der Person Jesus Christus nichts mehr anfangen, obwohl sie in einer christlichen Umgebung aufgewachsen sind. Sie feiern Weihnachten wie ein heidnisches Lichterfest. Sie stehen vor dem Kreuz und wissen nicht, dass sie ihn, das lebendige Wort, ansprechen können. Sie glauben nicht, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist - auch für sie! Es ist, als sei ihnen ein Kind geboren, über das sie sich freuen, aber sie stehen davor und haben den Namen vergessen, können ihn nicht ansprechen 

Es ist unvorstellbar, dass wir diesen Namen vergessen: Denn erstens lieben wir Jesus Christus. Er ist das Wichtigste in unserem Leben! Zweitens gibt es, Gott sei Dank, andere Menschen, die seinen Namen kennen und die uns zur Not daran erinnern können, selbst wenn wir ihn einmal vergessen sollten. Drittens gibt es die Bibel, die Heiligen Schriften, die Überlieferung, in denen der Name aufgeschrieben ist. Seit bald 2000 Jahren haben Menschen Zeugnis abgelegt und aufgeschrieben, was dieser Name für Sie bedeutet. Wenn Sie in den nächsten Tagen nicht mehr sicher sind, wie das Kind in der Krippe heißt: schauen Sie doch einfach mal nach!


Sonntag, 24. Dezember 2023

Hier und Heute


Predigt Heilige Nacht, Hamburg-Steilshoop

An Weihnachten fällt uns vielleicht manchmal auf, wie unterschiedlich die Menschen sind und wie unterschiedlich sie Weihnachten feiern. Es gibt unterschiedliche Weihnachtstypen.

Es gibt Menschen, die gerne in Erinnerungen schwelgen, von früheren Zeiten erzählen, die alten Bilder rauskramen und dankbar auf das schauen, was früher einmal war. Sie sind manchmal auch ein wenig traurig, dass es nicht mehr so ist wie früher. Früher war es besser sagen sie dann, oder: die guten, alten Zeiten. Loriot hat das in seinem Weihnachtsstück so schon aufs Korn genommen: „Früher war mehr Lametta!“, so heißt dort.

Sicherlich ist Weihnachten ein schöner Moment, um sich an die alten Zeiten zu erinnern und sich bewusst zu machen, was man schon alles erlebt hat: Wie viele Weihnachten man selbst schon in dieser Wohnung oder in diesem Haus, wo man jetzt ist, verbracht hat. An die bekannten Lieder denken, die oft gesungen wurden.

Aber wenn man die Lieder nicht mehr singt, sondern nur noch daran denkt, wie es war, dann wird es schwer, weil wir dann vor allem daran denken, dass es nicht so ist wie damals. Liebe Menschen sind nicht mehr dabei, andere sind dazu gekommen, wir selbst haben uns verändert. Es ist einfach nicht so, wie früher!

Es gibt auch jene Menschen, die gerne in der Zukunft schwelgen. Die in Gedanken immer schon einen Schritt voraus sind, die große und schöne Ideale haben und davon reden, was man alles machen könnte und sollte, wo wir nächstes Jahr Weihnachten vielleicht sein werden, was wir machen werden, wer schon bald zu Besuch kommt, was noch alles zu tun ist und so weiter. Das sind Menschen, die sich freuen können und einsetzen, und die manchmal aber auch etwas unruhig sind und kaum still sitzen und den Moment genießen können. 

Und dann gibt es jene Menschen, die im Heute leben. Sie sind dankbar sind für das, was früher war, sie freuen sich auf das, was bald sein wird. Sie sind aber vor allem wach und achtsam für das, was gerade geschieht. Sie fühlen sich wohl in ihrer Haut, obwohl nicht alles perfekt ist. Sie können die kleinen Unzulänglichkeiten, die eigenen und die Unzulänglichkeiten der anderen, mit Großzügigkeit übersehen und nehmen mit jedem Atemzug etwas von diesem besonderen Augenblick wahr, von der Freude, von dem Lächeln im Gesicht des anderen, von dem Klang der Stimme, von dem Duft der Kerzen und so weiter. 

Das sind Menschen, die wissen, dass ihnen die Zeit jetzt und hier geschenkt ist. Sie leben in der Gegenwart. Sie müssen nicht im Mittelpunkt stehen, aber sie erleben, dass sie selbst dabei sind, dass sie selbst gemeint sind, wenn andere mit ihnen sprechen.

Ich stelle mir vor, dass die Hirten auf dem Feld vor Bethlehem solche Menschen waren, die ganz in der Gegenwart lebten: Sie achteten auf ihre Schafe und auf sich selbst, sie beobachten das Wetter, die Wolken am Himmel und die Sterne. Sie liebten die Einsamkeit der Nacht, aber auch die Gemeinschaft am Feuer. Und genau zu diesen Menschen, so berichtet der Evangelist Lukas, sprach der Engel. Er verkündete Ihnen die Weihnachtsbotschaft: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.“

In der Erzählung ist dieser Satz ein Zitat, das in einem bestimmten Moment der Weltgeschichte gesprochen wurde: Damals „als Quirinus Statthalter von Syrien war.“ (Lk 2,2). Also vor 2000 Jahren. Das haben die Engel damals so gesagt beziehungsweise das haben die Hürten damals so gehört: „Heute ist euch der Retter geboren.“

Aber wenn man das Lukas-Evangelium weiter liest, dann wird man irgendwann über dieses „heute“ stolpern. Denn das Wort kommt noch fünfmal im Evangelium vor, immer wird es an entscheidender Stelle einem anderen Menschen gesagt.

1. Als Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth in der Synagoge aus den Heiligen Schriften vorliest, von dem Gesalbten Gottes, der den Armen eine frohe Botschaft bringt und den Gefangenen Befreiung verkündet, da sagt er: „Heute hat sich das Schriftwort, dass ihr soeben gehört habt, erfüllt.“ (Lk 4,21)

2. Und als Jesus in Galiläa einen Gelähmten heilt und ihm die Sünden vergibt, da sagen die Leute anschließend: „Heute haben wir Unglaubliches gesehen.“ (Lk 5,26)

3. Und als Jesus den Zöllner Zachäus trifft, da sagt Jesus zu ihm: „Heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein.“ (Lk 19,5) 

4. Und beim Abschied von Zachäus sagt er: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“ (Lk 19,9)

5. Ganz am Ende des Evangeliums, als Jesus zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt wird, da sagt er zu dem einen neben sich, der seine Schuld bereut: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43)

So viel „heute“ an den entscheidenden Wendepunkten des Evangeliums, das ist schon etwas auffällig, oder nicht? Da scheint Absicht dahinter zu sein. 

Es ist so, als ob der Evangelist zu uns sprechen würde, zu uns hier in St. Johannis in Hamburg, heute, an Weihnachten 2023! Als ob der Evangelist Lukas und die Engel für uns heute hier eine Botschaft haben. 

Eine aktuelle Botschaft, wir sollen sie uns sagen lassen. Das, was damals in Bethlehem begann, soll für uns, hier und jetzt, ein Heilsweg werden, wo die die Armen Zuspruch erfahren, wo die Trauernden getröstet werden, wo die Sünder Vergebung erfahren und neu anfangen können. Unsere Bereitschaft zur Umkehr soll geweckt, und unser Vertrauen in Gott soll gestärkt werden

In manchen Weihnachtsliedern wird das dann so ausgedrückt, als würde Jesus heute „in uns“ geboren. In dem bekannten Weihnachtslied „Jauchzet, ihr Himmel“ von Gerhard Tersteegen (Gotteslob Nr. 251,7) heißt es z.B. in der letzten Strophe: „Süßer Immanuel, werd auch in mir nur nun geboren. Komm doch, mein Heiland, denn ohne dich bin ich verloren. Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir, der du mich liebend erkoren.“

Das ist natürlich in einem übertragenen Sinn gemeint, dass Jesus in uns geboren wird. Aber dass wir in einem Platz in unserem Leben einräumen, dass wir seine Gegenwart glaubend und hoffend und liebend erwarten, das ist schon in einem ganz realen Sinn so gemeint.

Christen glauben. Sie erinnern sich an die Heilsgeschichte Gottes mit dem Volk Israel und mit Jesus Christus vor 2000 Jahren und sie vertrauen darauf, dass sie ein Teil dieser Heils Geschichte sind.

Christen hoffen. Sie denken an die Zukunft. Sie rechnen mit der Wiederkunft Gottes am Ende der Zeiten zum Heil für alle Menschen.

Christen lieben: Sie leben in der Gegenwart und sind achtsam für das, was so um sie herum und in ihnen geschieht. Sie genießen den Augenblick, weil sie wissen, dass diese Zeit erfüllt ist, von Gottes Gegenwart, die er uns in seinem Sohn schon geschenkt hat.

Weihnachten: Gott ist jetzt und heute und hier für uns gegenwärtig wird durch Jesus Christus. Er ist da. Gott mit uns. Immanuel. Grund unserer Freude. Und der wahre Friede für die Menschen auf Erden. Hier und jetzt! 


Dienstag, 28. November 2023

Du kannst einmalig sein! Du sollst ein Segen sein für andere!

 


Vergangene Woche war ich mit einer Gruppe von Priestern in der Otto-Dix-Ausstellung in den Deichtorhallen. Beeindruckende Kunst des 20. Jahrhunderts, in vielem fremd und verstörend. Dix zeigt nicht die Schönheit des Lebens, sondern seine Abgründe. Wir wurden gemeinsam durch die Ausstellung geführt, von einem Künstler aus Altona, der bislang offenbar wenig Kontakt mit „Kirchenleuten“ hatte. Er war manchmal unsicher, was er uns zumuten könnte. Bei einem Bild jedoch war er sicher, dass wir es mit uns anschauen wollte, denn es war für ihn selbst bedeutsam. Das Bild hat den Titel „Vanitas“. Es sind zwei nackte Frauen zu sehen sind: eine fröhliche, hübsche, naive junge Frau und eine hässliche, gebeugte, abgemagerte, alte Frau. Die Jugend und der Tod, nebeneinander. Vgl. https://de.wahooart.com/@@/8XYNLX-Otto-Dix-Vanitas-(Jugend-und-Alter)

In seiner Erläuterung wies er darauf hin, dass es im Leben eines jeden Menschen einen Moment gäbe, der unausweichlich sei; bei dem man nicht wählen könne, ob es jetzt gerade passe; bei dem es keine zweite Chance gäbe; wo niemand sich entschuldigen oder dispensieren könne, nämlich der Tod. Der Tod steht als eine unausweichliche Lebensrealität und Wahrheit vor uns. Und alle Jugend sei nur deshalb so anziehend und verführerisch, weil sie vergänglich ist angesichts des Todes.

Ja, das stimmt, wir Menschen gehen auf den Tod zu, und niemand kann ihm ausweichen. Sicherlich ist der Tod eines jeden Menschen unwiderruflich. Im bestimmten Religionen glauben die Menschen zwar, dass sie in irgendeiner Form wieder geboren werden, sei es als Mensch oder in einer anderen Lebensform. Trotzdem kennen auch diese Menschen das Gefühl von Vergänglichkeit. Und wir als Christen glauben: Wir leben nur einmal. „Du hast nur ein Leben!“

Wenn ich allerdings die zeitliche Dimension unseres Lebens wirklich ernst nehme, dann ist doch eigentlich jeder Moment unwiderruflich und unwiederbringlich, oder nicht? Sicherlich kann ich manches im Leben mehrfach tun: ich kann ein schönes Konzert ein zweites Mal hören, ich kann ein gutes Buch ein zweites Mal lesen, ich kann einen guten Freund ein zweites Mal besuchen. Aber was ich im Lebe tue oder sage oder nicht tue und nicht sage - rückgängig kann ich es nicht machen.

Das Evangelium am heutigen, letzten Sonntag im Kirchenjahr stellt uns das Ende der Welt und das Weltgericht vor Augen. Es macht deutlich: Das irdische Leben in einer christlichen Perspek­tive ist einmalig und zugleich vergänglich.

Dies wird im Bild vom König ausgeführt, der auf dem Thron der Herrlichkeit sitzt. Dieser König, so heißt es, wird handeln wie ein Hirt, der Schafe und Ziegen scheidet. Das Kriterium der Entscheidung des Königs wird nachträglich genannt, als Begründung für das, was die beiden Gruppen empfangen oder nicht empfangen: das ewige Leben. Die Strafe, von der dort die Rede ist, oder auch das Feuer, ist meiner Meinung ein Bild für den Mangel an ewigem Leben bzw. das Fehlen des ewigen Lebens. Es bedeutet, das ewige Leben nicht zu empfangen.

Die Gerechtigkeit, von der in der Bibel die Rede ist, ist also nicht ein abstrakter Begriff oder eine allgemeinen Norm, sondern es ist ein Handeln, das Beziehung stiftet und dem entspricht, was Gott für alle Menschen möchte: Leben, Leben in Fülle, ewiges Leben.

Mit dem Bild des gerechten Königs (und ich betone: es ist ein Bild!) wird uns hier und heute eine Orientierung gegeben. Denn es ist klar, wer dieser König ist, der am Ende richtet: Es ist der Menschensohn, d.h. Jesus Christus selbst.

Jesus Christus allerdings begegnet uns nicht erst im Tod. Wir haben schon seit einiger Zeit von ihm über Gott gehört. „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18) Und er ruft uns schon heute zur Umkehr und zu einer neuen Lebensweise, und zwar vermittelt durch die Menschen, mit denen er sich solidarisiert: die Hungernden, die Obdachlosen, die Kranken, die Gefangenen, die Geflüchteten, die Geringsten.

Damit aber, so meine ich, relativiert der Glaube den Tod, weil deutlich wird, dass der Tod in einem größeren Zusammenhang steht, dass es immer um das eigene Leben geht, in dem eigentlich jeder Moment zählt, in dem ich getan oder nicht getan habe, worauf es ankommt. Christlich gilt sicherlich: „Du hast nur ein Leben!“ Aber zugleich heißt es: „Du kannst hören, wer du sein kannst!“ „Du kannst einmalig sein!“ „Du sollst ein Segen sein für andere!“

Wie wäre es, jeden Tag zu leben, als wäre es der letzte? Steve Jobs sagte einmal: „Lebt man jeden Tag, als wäre es der letzte, dann liegt man eines Tages damit richtig.“ Vgl. Steve Jobs bei seiner Rede in Stanford: https://www.ohwr.de/uploads/media/Steve_Jobs_Rede_Stanford_2005.pdf

Vielleicht halten es manche für morbide, wenn ich die Texte des Evangeliums als eine Vergegen­wärtigung des Todes deute. Doch ich sehe darin eine hilfreiche Übung, bei der wir die Angst vor dem Tod verlieren können, weil wir den Moment des Lebens wertschätzen lernen - und die Gegenwart Gottes darin in Jesus Christus.

In der Ignatianischen Spiritualität hört man oft, man solle „Gott suchen und finden in allen Dingen.“ Das ist gut und richtig. Aber wie zeigt sich Gott uns denn? Zeigt er sich uns in einer Blume oder in einem schönen Sonnenaufgang? Mag sein! In jedem Fall aber zeigt er sich uns in seinem Sohn, der sein Leben aus Liebe für andere hin gibt und uns auffordert, es an unserer Stelle genauso zu tun.

Ignatius selbst begegnete Gott nicht anders als durch Jesus Christus. Er betet zu Christus wie zu einem Freund. Bei seiner Vision in La Storta (vor Rom) hört er die Worte von Jesus Christus am Kreuz, der zu ihm sagt: „Ich will, dass du uns dienst!“ Dieses „uns“ ist Gott, der Dreieine, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dieses „uns“ ist auf den Dienst an den Menschen verwiesen: „uns dienen“, indem du den Menschen dienst.

Das Fest Christkönig am Ende des Kirchenjahres ist im Grunde für uns da, um uns im Angesicht des Gekreuzigten an unseren eigenen Tod zu erinnern - und an die Einmaligkeit und Schönheit unseres Lebens. Und um uns in diesen Dialog mit Christus am Kreuz zu führen, in dem er selbst uns fragen lässt, „wiederum, in dem ich mich selbst anschaue: das, was ich für Christus getan habe; das, was ich für Christus tue; das, was ich für Christus tun soll.“ (EB 53)