Sonntag, 8. Juli 2018

Predigt AKO-Fest 2018

Aloisius Foyer 1 
Liebe Kollegsgemeinschaft, liebe Schwestern und Brüder,
in diesem Jahr feiern wir mit dem AKO-Fest den 450. Geburtstag unseres Kollegs­patrons, des hl. Aloisius von Gonzaga. Er wurde am 9. März 1568 im Norden Italiens als erster Sohn des Grafen von Castiglione geboren. Er war ein begabter junger Mann und lebte in bewegten Zeiten. In seinem kurzen und intensiven Leben zeigte er eine überraschende Offenheit für Gott und bezeugte mit seinem Dienst an den Kranken, was Nächstenliebe bedeutet. Die Kirche sieht in ihm ein Vorbild der Jugend und ehrt ihn als Schutzpatron der AIDS-Kranken.
Aloisius - ein Vorbild? So ernst und unnahbar, wie er euch als Marmorfigur jeden Tag im Foyer begegnet, so dass man sich fragt, ob er wohl jemals gelacht hat? Oder so nobel, wie er auf der Medaille begegnet, die bis zum letzten Jahr an alle Abiturienten zusammen mit dem Zeugnis ausgeteilt wurde, ganz der Adelige mit seinem Wahlspruch „ad majora natus sum“ – ich bin zu Größerem geboren. Aloisius als ein Vorbild für heute?
Es ist interessant zu hören, was junge Menschen in Klasse 8 im Religions­unterricht als ihre Vorbilder benennen: Viele Schüler sagten, dass ihre Eltern ihre Vorbilder seien, die ihnen Kraft und Orien­tierung geben. Andere nannten berühmte Persönlichkeiten, Sängerinnen (Lena Meyer-Landrut zum Beispiel) oder aktuelle Fußballstars. Viele konnten jedoch kein Vorbild finden, in einer Zeit, die schwierig und unüber­sichtlich wird. Das ist m.E. ein wichtiger Hinweis für die Eltern und Pädagogen heute: Denn ich bin überzeugt, dass es wichtig ist für die Bildung und Erziehung von jungen Menschen, dass es neben den Eltern auch andere überzeugende, glaubwürdige Vorbilder gibt.
Erziehung gelingt doch nicht, in dem wir den Kindern Gesetze beibringen, was sie zu tun und zu lassen haben, um erfolgreich zu sein, Zucht und Ordnung, ihren Willen brechen – sondern Erziehung gelingt durch das Vorbild des Erziehenden, durch eine Perspektive, die eröffnet wird, durch ein Ziel, für das ich mich öffne, durch einen Meister, an dem ich mich orientieren kann – pädagogisch gesprochen am Modell. Um es mit Albert Einstein zu sagen: „Es gibt keine andere vernünftige Erziehung, als Vorbild zu sein – und wenn’s nicht anders geht, ein abschreckendes.“
Auch Aloisius suchte zu seiner Zeit als junger Mann ein Vorbild – und er fand keines. Das ist vielleicht der entscheidende Punkt seines Lebens. Er wuchs in einer christlichen Familie auf. Seine Mutter betete mit ihm, sein Vater las ihm die Briefe der Jesuitenmissionare aus aller Welt vor. Tatsächlich aber war seine Umgebung, sein zu Hause und der florentinische Hof, an dem er als Page aufwuchs, vor allem an Reichtum, Ehre und Macht orientiert. Es ging um Geld, um Sex, um Ehrgeiz, um Gewalt. Sein Vater war der Spielsucht verfallen, weswegen Aloisius mehrfach Briefe an seine Verwandtschaft schreiben musste, sie mögen die Schulden begleichen. Aloisius, der Sohn des Markgrafen, der Prinz des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, sollte lernen, ein mächtiger Mann zu werden. Aber das alles reizte ihn nicht, im Gegenteil, es ekelte ihn an. Er hatte im Gebet und im Glauben an Jesus Christus etwas ganz anderes, tieferes, schöneres gefunden, das ihn faszinierte. Die Lebensweise Jesu zog ihn an, dafür wollte er sein Leben hingeben. Gegen den Widerstand seines Vaters setze er es durch, dass er in den Jesuitenorden eintreten durfte.
In mancher Hinsicht ist die religiöse Suche des jungen Aloisius übertrieben. Er fastete regelmäßig, besonders mittwochs und freitags, dann nahm er nur Wasser und Brot zu sich. Er betete viele Stunden, stand nachts auf und kniete vor seinem Bett stundenlang auf dem kalten Steinboden. Schon mit neun Jahren legte er das Gelübde der Keuschheit ab, d.h. dass er sein ganzes Leben lang keinen Sex haben wollte. Wenn eine junge Frau in seine Nähe kam, schaute er sie nicht an. Total verklemmt würden wir heute sagen. Tatsächlich was dieses Verhalten selbst für die damalige Zeit ungewöhnlich streng, umso mehr als er offenbar ein feuriges italienisches Temperament hatte. Doch diese Strenge zeigt, wie sehr er auf der Suche war und wie wenig er bei dieser Suche gute Ratgeber und Begleiter hatte. Einer der wenigen, die ihn verstanden und unterstützten war der Bischof von Mailand, Karl Borromäus, bei dem er im Alter von 12 Jahren zu ersten heiligen Kommunion ging. Vorher hatte niemand daran gedacht. Aloisius hat die Kurve gekriegt. In der Ordensgemeinschaft, im Studium und im Dienst am Nächsten, in der Pflege der Pestkranken, hat er seine Aufgabe, seine Berufung gefunden. Das hat ihn froh gemacht und so konnte er mit 23 Jahren sterben.
Ja, Aloisius ist ein Vorbild für die Jugend. In seiner Offenheit für Gott, in seiner inneren Freiheit und in seiner tätigen Nächstenliebe. Vor allem aber, glaube ich, ist er für die Eltern und Pädagogen eine lebendige Mahnung, dass junge Menschen gute Vorbilder brauchen, wenn sie ihre Berufung und ihren Weg finden wollen.
Erstens mahnt er uns, dass wir den jungen Menschen zuhören sollen. Wie können wir besser verstehen, was sie sagen wollen? Wie können wir ihnen helfen, im Glauben und in der Liebe zu Christus zu wachsen, wenn „sie sich mit einem ähnlichen Mut wie Aloisius den Idolen der dominierenden Kultur entgegenstellen“ möchten. Wie können wir die Jugendlichen ermutigen, alle Arten von Angst und Zorn in unserer Gesellschaft zu überwinden, um hilfs­bedürftigen Menschen Aufnahme, Vertrauen und Mitgefühl auszudrücken? Wenn es darum geht, zu unterscheiden, was im Leben wichtig ist, braucht neben der Kenntnis von Regeln und Gesetzen eine grundlegende Orientierung und Herzens­bildung; das wird dann schnell ganz konkret.
Zweitens mahnt er uns, die große Würde und Berufung der jungen Menschen ernst zu nehmen. „Ad majora natus sum“ – damit ist eben nicht Reichtum, Ehre und Macht gemeint, sondern im Gegenteil: die eigene Berufung, die wir finden und leben können - das ist etwas Größeres. Kurt Hahn, ein Reformpädagoge des letzten Jahrhunderts hat es in einem der sieben Salemer Gesetze so ausgedrückt: „Erlöst die Söhne reicher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl der Privilegiert­heit.“ Ich bin zu größerem geboren – zu werden zu dem, der ich in den Augen Gottes bin und wie Gott mich gemeint hat. Wir dürfen vor Gott und in Gemeinschaft mit ihm leben!
Zum Schluss möchte ich Ihnen gerne ein Beispiel erzählen: Im letzten Monat war ich mit einer Gruppe der Q1 in Taizé. Der einfache Lebensstil, der andere Tagesrhythmus und die Verschiedenheit der Menschen haben einige Jugendliche zu Beginn sehr irritiert. Doch nach ein paar Tagen änderte sich das und es wuchs die Erkenntnis: Ich kann das, was ich vorher nicht für möglich gehalten habe. Ich kann mit einer kleinen Portion Essen am Tag auskommen, ich kann im Zelt schlafen, ich kann zehn Minuten still in der Kirche sein, ich kann mit anderen Jugendlichen ohne Stress zusammenleben und Spaß haben. Ich kann anders leben, als ich es bisher gedacht habe.
Aloisius ist ein Patron für diese innere Freiheit, für „Ganz anders ist möglich-Erfahrungen“. Möge er sein Kolleg hier in Godesberg schützen und möge er einen jeden von Euch inspirieren, seine Berufung und seinen Weg zu finden. „Herr, Du allein weißt, wie mein Leben gelingen kann. Lehre mich, in der Stille Deiner Gegenwart das Geheimnis zu verstehen, wie in der Begegnung mit Dir, wie in Deinem Anblick und in Deinem Wort Menschen sich erkannt haben als Dein Bild und Gleichnis. Hilf mir loszulassen, was mich daran hindert, Dir zu begegnen und mich von Deinem Wort ergreifen zu lassen. Hilf mir zuzulassen, was in mir Mensch werden will nach dem Bild und Gleichnis, das Du Dir von mir gemacht hast. AMEN“

Sonntag, 1. April 2018

Drei Tage warten ... Predigt Osternacht

Liebe Schwestern und Brüder,
vor zwei Wochen habe ich mit einer Gruppe von Schülern der Astronomie-AG einen Ausflug in die Eifel unternommen, um die Sterne zu beobachten. Wir hatten Glück, eine klare und kalte Nacht. Und wenn es dunkel ist, brauchen die Augen erst eine gewisse Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, etwa zehn bis fünfzehn Minuten, erst dann sieht man nach und nach die Vielzahl der Sterne und entdeckt immer mehr, bis sich das Schauen in ein Staunen verwandelt. Doch das dauert, das braucht Geduld.
Ein Bekannter erzählte mir eine ähnliche Erfahrung von einer Reise nach Island, wo er vor einiger Zeit war.[1] Dort gibt es in der vulkanischen Gegend heiße Geysire. Die Touristen strömen in Scharen zu diesen Erdlöchern. Man sieht nicht viel, es blubbert ein bisschen. Manchmal wird den Leuten dann langweilig. Sie stehen herum, machen holen das Handy heraus, andere machen Fotos. Viele werden unruhig, schauen auf die Uhr. Zwanzig Minuten nichts passiert. Die meisten wollen oder können nicht warten. Das ist doch nichts. Da passiert doch gar nichts. Sie sind mit ihrer eigenen Leere konfrontiert und begreifen nicht, warum oder besser: wie sie warten sollen. Das, was sie erwartet haben, kommt nicht; aber vielleicht ist gerade woanders etwas Spannendes, ein Event. Die meisten gehen nach einer halben Stunde weg. Wer aber ausharrt, manchmal sind es nur ganz wenige, und noch wartet, der hört es auf einmal. Wumm! Plötzlich springt der Geysir mit einem gewaltigen Satz vierzig oder fünfzig Meter hoch. Boah! Die verborgene Kraft der heißen Springquelle. Bis sich das Schauen in ein Staunen verwandelt.
So ähnlich ist es auch in der Kirche, im Gottesdienst. Die Christen erzählen von einem Gott, der unsichtbar ist und von einem Gottessohn, der von den Toten auferstanden sei. Aber man kann doch gar nichts sehen. Es passiert doch nichts Spannendes. Sie stehen da und warten und beten. Erst einmal Leere. Und wer mit seiner eigenen Leere konfrontiert wird, wer nicht gelernt hat zu warten, der wird unruhig. Er schaut auf die Uhr oder aufs Handy. Ich könnte jetzt auch woanders sein, wo etwas Spannenendes passiert. Vielleicht gibt es gerade jetzt woanders einen coolen Event, eine Party. Die meisten gehen weg. Nur ein paar wenige halten aus (an anderen Sonntagen, nicht heute!) und bleiben.
So ähnlich war es auch bei den Frauen, von denen das Evangelium erzählt. Nach dem Tod Jesu passiert nichts. Die Jünger sind verschwunden. Nur ein paar wenige sind geblieben. Die Erfahrung mit Jesus lässt sie nicht los. Noch ein letztes Mal wollen sie zum Grab gehen, um den Leichnam Jesu zu salben. Doch plötzlich und unerwartet; Das leere Grab. Der Engel, der ihnen sagt, er ist nicht hier. Jesus ist auferstanden. Er lebt.
Die Auferstehungs-Erfahrungen laden uns ein, bei Jesus, dem Auferstandenen, zu bleiben, auf ihn zu warten. Denn die Wahrheit meines Lebens findet sich nicht in Oberflächlichem, wenn wir nur schauen und herumschauen, von einem Event zum anderen, sondern wenn wir tiefer schauen, Geduld haben, warten lernen, auch die eigene Leere aushalten. Drei Beispiele möchte ich zum Schluss geben, wo ich es schon selbst erfahren habe, dass ein Aushalten und Bleiben zu ganz neuen, unerwarteten Erfahrungen führen kann.
  • In der Versöhnung mit anderen. Versöhnung ist nicht leicht, in der Familie, unter Mitbrüdern, mit Kollegen. Wenn man sich gestritten hat, braucht die Vergebung Zeit. Vor allem, wenn der andere die Versöhnung scheinbar nicht will. Dann trotzdem bleiben und Frieden suchen. Und irgendwann tut sich etwas auf.
  • Beim Gebet. Manchmal sitze ich da und nichts geschieht. Zwanzig Minuten, eine halbe Stunde. Das ist nur die eigene Leere, das Gebet fühlt sich an wie ein Selbstgespräch. Aber dann gibt es Momente – die Kraft der Stille, das wird jene Weite und Freiheit spürbar, die wir in der Gegenwart Gottes geschenkt bekommen, weil wir eine Ahnung von seiner Größe bekommen und von seiner Macht, von seiner Nähe.
  • Und ein drittes Beispiel: In der Musik. Die Töne klingen nicht, obwohl das Instrument gestimmt ist, es ist irgendwie schief und gelingt scheinbar nicht. Und dann plötzlich tut sich etwas auf. Wird Lebendigkeit spürbar.
Wie wär’s wenn wir ab und zu mal drei Tage warten würden? Auferstehung bedeutet nicht, dass dann alles so ist wie vorher, sondern im Gegenteil, dass es anders ist, dass wir in unseren Beziehungen, in unserem Gebet und in unserem Tun schon etwas erahnen von dem Staunen und dem leben, dass Gott allen durch die Auferstehung Jesu verheißen hat. Besonders schön hat es der Jesuit Alfred Delp ausgedrückt, und damit möchte ich schließen:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“[2]
[1] Vgl. Ludger Verst, Zeitansage Ostern: Der Weg zum Himmel führt in die Tiefe, in: Andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr, 1/2018, S. 23; vgl. https://ludgerverst.wordpress.com/tag/wahrheit-des-lebens/
[2] Vgl. Alfred Delp, Kassiber 17.11.1944, zit. n. http://www.sankt-peter-koeln.de/wp/veranstaltungen/elemente-ignatianischer-spiritualitat/

Freitag, 30. März 2018

Unter dem Kreuz bleiben ... Predigt Karfreitag

Liebe Schwestern und Brüder,
es gehört zu meinen schönsten Aufgaben als Priester, Kindern das Kreuzzeichen beizubringen. In der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion z.B. gehen viele Kinder in der dritten Klasse zum ersten Mal zur Beichte. Manche können das Kreuzzeichen noch nicht, vielleicht weil ihre Eltern nicht mit ihnen beten und es ihnen noch niemand gezeigt hat, vielleicht weil sie aufgeregt sind. Dann machen wir das Kreuzzeichen gemeinsam. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Ich bin überzeugt, dass dieses Zeichen ein großes Geschenk für die Kinder ist, für ihr Leben. Das große Pluszeichen, das ihnen Richtung und Orientierung gibt.
Viele Menschen heute lehnen das Kreuzzeichen ab. Es wird in Schulzimmern und Gerichtssälen entfernt. Sie halten es für ein Folterinstrument, was es ja tatsächlich auch war, und haben Angst, dass es Kinder traumatisieren könnte, den Toten am Kreuz anzusehen. Zugegeben, ein angenehmes, ästhetisches Logo des Christentums ist es nicht. Es irritiert tatsächlich, denn es zeigt das Leiden eines Menschen, das Leiden des Sohnes Gottes. Es ist kein einfaches Zeichen und in den ersten Jahrhunderten haben die Christen es zumeist eher versteckt, weil sie sich sorgten, dass es missverstanden wird. Warum sollen wir Jahr für Jahr, Tag für Tag das Kreuzzeichen machen oder anschauen? Welchen Sinn hat es, an das Leiden Jesu zu erinnern? Sollten wir nicht lieber gleich zu Auferstehung übergehen? Das Leben feiern, statt den Tod?
Kreuz in den Alpen, 2018
Im Johannesevangelium wird schon im ersten Teil (Joh 3,1-21) eine Deutung für das Kreuz gegeben, im Gespräch mit Nikodemus. Dort heißt es: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“ Die Geschichte dahinter ist so: Die Israeliten hatten bei ihrem Zug durch die Wüste sich gegen Gott aufgelehnt, aus eigener Schuld den Weg verlassen und waren von Schlangen gebissen worden, deren Gift tödlich wirkte. Als einzig wirksames Gegenmittel, so erklärte Gott es dem Mose, half eine Kupferschlange, die Mose anfertigen und an einer Fahnenstange erhöht aufhängen sollte. Wer zur Kupferschlange aufblickte, wurde gerettet. Erst indem die Israeliten auf die Schlange, das heißt auf den Grund des Übels schauten und sich der Ursache wirklich bewusst wurden, konnten sie geheilt werden. Besonders gut hat es der hl. Gregor von Nazianz ausgedrückt: Quod non assumptum, non est sanatum – was nicht angenommen wurde, kann nicht geheilt werden.[i] Im Blick auf den leidenden Gottessohn gilt das Gleiche: Erst in dem Moment, in dem ich das Leiden Jesu als Teil seines Lebens und seiner Botschaft, in dem ich die Hingabe als Zeichen der Liebe zu uns Menschen annehme und zugleich das Leid und die Schuld, die Menschen an seinem Tod haben, nicht ablehne, erst in dem Moment kann ich selbst geheilt werden von der Schuld und kann die Würde und Schönheit Jesu erkennen.
Das Leid und die Schuld annehmen, weil sie zum menschlichen Leben gehören, so kann Leben wirklich gelingen. Ich habe Menschen sterben sehen mit dem Kreuz in der Hand – und selten mehr Frieden gespürt. Ich haben Menschen beten sehen mit dem Kreuz in der Hand – und sie sagen selbst, dass sie so im Gebet die Nähe Gottes erfahren. Gerade im Leid, das Jesus freiwillig auf sich nimmt, zeigt sich die für den Menschen unbedingt entschiedene Liebe Gottes. Er steht zu seinem Wort, egal was kommt, wie groß der Widerstand auch sein mag, friedlich, ohne Gewalt, aber klar und entschieden.
Wenn ich auf Jesus blicke, bete ich das Gebet, das wahrscheinlich viele von ihnen kennen: Herr, schenke mir die Gnade, das zu verändern, was ich verändern kann, das anzunehmen, was ich nicht verändern kann; und das eine vom anderen zu unterscheiden.[ii] Jeder von uns erfährt in seinem Leben Leid und Ungerechtigkeit. Doch wie gehe ich damit um? Lebe ich im Widerstand – oder kann ich es annehmen? Einige Beispiele:
Eine Großmutter stirbt. Die Familie versammelt sich und ist traurig. Die Kinder, schon im Schulalter, werden nicht mit zur Großmutter genommen – sie sollen das Leid nicht sehen. Das ist für mich völlig unverständlich, das Leid und der Tod gehören zum Leben, und erst so kann man das Leben richtig leben. – Eine Ehe ist in Schwierigkeiten – Ein Chef auf der Arbeit ist unerträglich. – Es gibt Streit mit den besten Freunden. – Eine Familie zerbricht über Erbstreitigkeiten. – Ja, jeder von uns erfährt Leid und Ungerechtigkeit. Doch wie gehen wir damit um?
Im Blick auf Jesus dürfen wir sagen: Nur, was angeschaut wird, kann auch geheilt werden. Das heißt: Nur wenn Du im Glauben und im Vertrauen auf Gott das annehmen kannst, was du nicht ändern kannst, wirst du zu einem inneren Frieden finden und das Leben gewinnen. Das sind keine Psycho-tricks, sondern das lehrt uns unser Glaube, in dessen Zentrum das Kreuz steht und in dem wir in der Nachfolge Jesu aufgerufen sind, an seinem Kreuz mitzutragen oder unser Kreuz zu tragen. Eine Liebe, die bis in den Tod hinein geht, das Leid nicht überspringt und so, indem sie auch das Leid und den Tod annimmt, uns wirklich heilen kann.
„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

[i] Vgl. Eckhard Frick, Sich heilen lassen. Eine spirituelle und psychoanalytische Reflexion, Würzburg 2005 (Ignatianische Impulse, 12).
[ii] Vgl. Reinhold Niebuhr, https://de.wikipedia.org/wiki/Gelassenheitsgebet

Donnerstag, 29. März 2018

Woher kommtst Du? Heimat ... Predigt am Hohen Donnerstag 2018

Liebe Schwestern und Brüder,
„woher kommst Du?“ – so fragen wir, wenn wir jemanden kennen lernen. Dann meinen wir den Ort, wo er lebt und arbeitet. Die Frage „woher kommst Du?“ kann man aber auch verstehen als die Frage nach der Heimat. Bei vielen Menschen ist der Wohnort heute längst nicht mehr der Ort, aus dem sie stammen. Sie sind umgezogen aus beruflichen oder anderen Gründen. Und dann wird es schon schwieriger die Frage zu beantworten. Denn Heimat – was ist das überhaupt? Der Ort, wo man aufgewachsen ist? Eine Gegend, in der man die gleiche Sprache, den gleichen Dialekt spricht? Gemeinsame Erinnerungen und Bräuche? Oder eher ein Gefühl? Was ist deine Heimat? Die Menschen, die du liebst? Was würden Sie auf die Frage antworten?
In der aktuellen politischen Situation hat die Frage „woher kommst du?“ bzw. „was ist deine Heimat?“ eine große Bedeutung gewonnen. Flüchtlinge suchen in Europa eine neue Heimat. Andere haben Angst vor Veränderungen und sehnen sich nach Halt und festen Strukturen. In Deutschland haben wir mit der neuen Regierung zugleich auch einen Minister bekommen, der sich um die Heimat kümmern soll (so steht es in der Amtsbezeichnung!). Und schließlich hat die Caritas in Deutschland als Jahresmotto das Thema Heimat gewählt: „Zusammen sind wir Heimat“.[i] Heimat hat eine neue Bedeutung in unserer globalisierten Welt bekommen.
In den heutigen Lesungen ist auf eine ganz besondere Art und Weise von Heimat die Rede. Das Volk Israel, das in Ägypten im Exil lebte, sehnt sich nach seiner Heimat (Ex 12). Mose tritt als Führer auf und verhandelt mit dem Pharao. Die Plagen kommen von Gott über das Volk der Ägypter, damit der Pharao sie ziehen lässt, bis zur zehnten Plage, die in jener Nacht des Passahfestes zum Nachgeben des Pharao geführt hat: In jener Nacht wurde jeder Erstgeborene getötet, im ganzen Volk, sogar beim Vieh. Die Kinder mussten sterben, gerettet wurden nur die Kinder der Israeliten. Als Zeichen galt das Blut des Lammes an den Türpfosten der Israeliten, in den Häusern, in denen das Fest gefeiert wurde, das deshalb Passah-Fest heißt, „Vorübergang“, denn an diesen Häusern ging der Herr vorüber und schützte sie. Das Blut als Zeichen für die Bewahrung des Volkes vor dem Verderben.[ii] Es ist das entscheidende Ereignis der Befreiung, der entscheidende Abend, in dem die Sklaven ausziehen durften und sich auf den Weg gemacht haben als freie Menschen in die Heimat. Es lag noch ein weiter Weg vor ihnen, aber dieses Fest der Befreiung hat ihnen schon Heimat geschenkt: nämlich ihren Glauben, ihr Vertrauen auf Gott, ihre Gemeinschaft und das verheißene Land - das war für sie Heimat.
Im Evangelium (Joh 13) hören wir von der Fußwaschung Jesu. Jesus, der Meister, von Gott gekommen, setzt sich wie ein Diener zu Füßen der Jünger. Er schafft Beziehung und zeigt noch einmal den Kern seiner Botschaft. Er tritt in Verbindung mit unserem Leben, indem er hinabsteigt in unseren Alltag und in unsere Geschichte wie einer, der uns dient. Petrus will sich darauf nicht einlassen, er weist ihn zurück. In der Antike war die Fußwaschung eine Geste für einen erwarteten und willkommenen Gast, der müde vom langen Weg endlich im Haus angekommen war. Es war die Aufgabe der Knechte und Mägde – und für Petrus war es unvorstellbar, dass Jesus diese Geste der Unterordnung und Ehrerbietung den Jüngern gab. Eher sollte es doch umgekehrt sein! Doch Petrus versteht noch nicht. Jesus übernimmt diese Geste und zeigt, dass sie nach einer langen gemeinsamen Reise mit diesem Abend des Brotbrechens in Jerusalem, endlich angekommen sind, im Haus des Vaters, in einer neuen Heimat. Auch hier liegt noch ein langer Weg vor ihnen, aber dieses Fest, das Mahl mit Jesus, ist ein Fest der Befreiung, das ihnen Heimat schenkt. Drei Jahre waren sie unterwegs gewesen mit ihm auf der Suche nach dem Reich Gottes, von dem er sprach. Und nun erleben sie die Hingabe seines Lebens aus Liebe zu ihnen. Ihr Glaube, ihr Vertrauen in Gott und ihre Gemeinschaft mit Jesus und untereinander, das ist ich neues zu Hause, ihre Heimat.
Heimat in einem christlichen Sinn ist keine sentimentale oder romantische Folklore, kein rassistischer oder anderswie ausgrenzender Begriff für eine Zusammengehörigkeit. Heimat für Christen ist einen neuen Gemeinschaft aus Frauen und Männern, Juden und Heide, Griechen und Römer, Schweizern und Libanesen, Deutschen und Türken und wie sie heißen mögen, die an Jesus Christus als ihren Herrn glauben und ihm vertrauen, die auf das Reich Gottes hoffen, das schon angefangen hat, aber noch nicht vollendet ist. (Gal 3,28)
Im Philipperbrief heißt es: „Eure Heimat ist im Himmel!“ (Phil 3,20). Ja, das ist wahr. Christen leben auf dieser Erde und hier ihre Heimat und zugleich haben sie aufgrund ihres Glaubens eine zweite Heimat im Himmel.[iii] Christen haben sozusagen eine doppelte Staatsbürgerschaft. Sie tragen Verantwortung und Bürgerrecht hier auf der Erde, in dem Land, in der Stadt, in der sie wohnen und arbeiten, bei den Menschen, die sie lieben. Und sie haben Bürgerrecht im Himmel, in einer anderen Heimat, in der Gemeinschaft der Glaubenden, im Reich Gottes.
Heute Abend feiern wir ein Fest, das uns mit der Fußwaschung und dem Abendmahl an diese neue Heimat, unser Zuhause im Haus des Vaters Jesu Christi erinnern. Möge diese Freude ganz konkret unseren Alltag prägen, wo auch immer wir leben. Amen.
Christian Modemann SJ, 29.3.2018
„Was ist eigentlich Heimat? Ist es der Nordseestrand - der Alpenrand? Ist es der Vater Rhein? Oder Geschichte in Stein? Sind es deutsche Felder, Wiesen und Wälder? Eine Märchenfee? Der Königsee? Sind Orte im Spiel? Oder eher ein Gefühl? Gemeinsame Feste, fröhliche Gäste? Freie Räume - Unsere Kindheitsträume? Sind es die Wunden, die uns alle verbinden? Aber an Heimat erfreuen kann niemand allein. Heimat ist doch Vertrauen auf jemand bauen. Die Hand, die uns hält, bevor man noch fällt. Heimat ist ein rettendes Boot In äußerster Not. Heimat ist ein Freund, der es ernst mit uns meint. Heimat ist Spiel mit gemeinsamem Ziel. Heimat ist ein Gesicht, ein Mund, der zu uns spricht. Heimat geben! Und du wirst Heimat erleben! Zusammen sind wir Heimat.“[iv]
[i] https://www.zusammen-heimat.de/
[ii] Vgl. Romano Guardini, Der Herr. Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu, Würzburg 1940, S. 483 (Getsemane)
[iii] Vgl. Brief an Diognet, Kapitel 5; übersetzt in: Seele der Welt. Texte von Christen der ersten Jahr­hunderte. Ausgewählt in Taizé, Herder, Freiburg-Basel-Wien 2001, S. 11-12.
[iv] https://www.zusammen-heimat.de/heimatfilm/