Montag, 18. April 2022
Sucht den Lebenden nicht bei den Toten!
Montag, 8. November 2021
Mit leeren Händen
Predigt Manresa 2021 – Die Haltung der leeren Hände (Armut und Reichtum im Glauben)
Im Zentrum des Evangeliums steht eine Frau, die auf Gott vertraut. Sie wird uns als Vorbild eines lebendigen, mutigen Glaubens präsentiert. Sie traut Gott etwas zu.
Liebe Geschwister im Glauben!
Das Evangelium von der armen Witwe gehört für mich zu den schwierigen Teilen der Verkündigung Jesu. Denn es ist objektiv falsch zu sagen, die Witwe habe mehr in den Opferkasten hinein geworfen als alle anderen, wenn viele Reiche viel gaben, und sie nur zwei Münzen. Gesellschaftspolitisch gesehen ist der Text noch problematischer. Denn es ist doch besser, dass die Reichen etwas für andere von ihrem Überfluss geben, als dass die Armen noch das wenige hergeben, was sie besitzen. Denn dann haben sie doch gar nichts mehr!
In meiner Jugend bin ich mit anderen gegen die Armut auf die Straße gegangen. Beim sogenannten Hungermarsch, eine Wanderung gegen den weltweiten Hunger, haben wir gegen die Armut demonstriert, gegen den Tod von Tausenden von Kindern aufgrund von mangelnder Ernährung oder Gesundheitsfürsorge. Die weltweite Armut und der Hunger von Millionen von Menschen sind, so glaube ich auch heute noch, ein Skandal. In Deutschland werden jährlich fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, weil sie nicht benötigt werden - und in anderen Teilen der Welt sterben Menschen an Hunger. Wenn jeder gibt, was er hat so werden alle satt, so haben wir damals gesungen. Ich glaube, dass stimmt auch heute.
Armut, d.h. ein Mangel an materiellen Gütern und Lebensmöglichkeiten, vor allem die Armut von einigen wenigen im Land im Vergleich zu den Reichen, zeugt von Ungerechtigkeit und von fehlender soziale Unterstützung in einer Gesellschaft. Sie ist nicht von Gott gewollt. Im Gegenteil. Die Güter der Schöpfung sind von Gott allen Menschen anvertraut und es ist grundsätzlich genug für alle da. Sorge für die Armen wird schon im Alten Testament zur Aufgabe der Gerechtigkeit für diejenigen, die Gott suchen.
In Bezug auf die weltweite Armut hat das Handeln im Evangelium keinen Vorbildcharakter, wenn die Armen ihren ganzen Besitz hergeben, die Reichen aber nur von ihrem Überfluss. Was aber möchte uns diese Erzählung sagen? Geht es Jesus vielleicht nicht um die messbare Größe der Gabe geht, sondern um die innere Haltung des Menschen?
Ausgangspunkt seiner Erzählung ist eine menschliche Erfahrung, die auch ich schon mehrfach machen durfte, dass tatsächlich häufig die Reichen spenden und mildtätig sind, in vielen Dingen des Lebens aber kleinlich bleiben. Und dass die Armen nicht selten großzügig und gastfreundlich sind und sich durch die Not von anderen berühren lassen, mehr als die Reichen.
| Großzügige Gastfreundschaft in Mexiko (2019) |
Dahinter verbirgt sich eine Dynamik, auf die Jesus hinweisen können möchte, die ich als „Hingabe an Gottes Vorsehung“ bezeichne. Der Glaube an Gott, der sich in Jesus Christus als „für den Menschen unbedingt entschiedene Liebe“ gezeigt hat, führt zu einem Trauen auf seinen sorgendes und leitendes Wirken in meinem Leben. Gott ist gegenwärtig durch seinen Heiligen Geist, in seinen Gläubigen und in seiner Kirche. Er ist im Jetzt, in jedem Moment meines Lebens, liebevoll anwesend.
Das spüre und merke ich allerdings nur selten, weil ich mit vielen Gedanken beschäftigt bin: Mit der Sorge um mein Ansehen und meine Ehre, mit der Sorge um meine Zukunft, mit der Sorge um mein Auskommen, in der Sorge um meine täglichen Bedürfnisse. Die Sorge um sich selbst ist natürlich, aber sie führt uns nicht weiter. Wir bemerken das oft bei anderen, selten bei uns. Sie kennen den Spruch vielleicht: „Jeder denkt an sich, nur ich, ich denk an mich.“ Das begegnet uns nicht selten, oder?
Jesus will seine Jüngerinnen und Jünger in eine andere, eine neue Weise des Zusammenlebens führen. Am letzten Sonntag haben wir die zentrale Botschaft vom Doppelgebot der Liebe gehört: „Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst“ (Mk 12,30-31). Das ist die Grundhaltung für das Reich Gottes: Den Egoismus überwinden. Heute wird dieser Gedanke weitergeführt mit der Frage: Soll ich in dieser Liebe denn wirklich alles geben? Auch wenn ich dann nichts mehr für mich habe? Wenn ich dann selbst mit leeren Händen dastehen? Wenn ich damit selbst zu einem Bettler werde?
Die Antwort Jesu an seine Jünger ist klar und eindeutig: Ja! Die leeren Hände sind ein Zeichen dafür, dass ich jeden Tag alles neu von Gott erwarte. Die Orden, insbesondere die Bettelorden, haben diesen Anspruch Jesu prophetisch aufgenommen. Auch wir Jesuiten geloben vor dem Herrn „immerwährende Armut in der Nachfolge Christi“ (Satzungen 527), der reich war und sich für uns arm gemacht hat. Ob wir das als Jesuiten immer so leben, darüber sollen und werden wir im kommenden Jahr besonders nachdenken. Die letzte Generalkongregation des Ordens hat uns dazu verpflichtet.
Der Lebensstil Jesu ist prophetisch, gerade für unsere Zeit, in der Konsum und Besitz scheinbar alles ist, und in der uns bewusst wird, dass es so nicht weitergeht. Prophetisch: Denn, wer die Familie aufgibt, sagt, dass er einen anderen, himmlischen Vater hat - und eine neue Familie in der Gemeinschaft der Heiligen. Wer auf die Ehe verzichtet, zeigt, dass er eine Leerstelle in seinem Leben lässt und glaubt, dass Gott sie in Liebe füllen wird. Wer freiwillig auf Besitz verzichtet und arm lebt zeigt, dass die Hingabe Gottes so erfüllend ist, dass er keine Absicherung durch materielle Güter mehr anderes braucht.
Die Lebensweise der Armut ist für die Jesuiten, so schreibt Ignatius in den Satzungen, „Mutter“ und „Mauer“ (Satzungen 287 und 553). Mauer, denn sie schützt vor der Versuchung der Absicherung, des Egoismus des Besitzes, der Überheblichkeit des Reichtums. Und sie ist Mutter, denn sie schenkt neues Leben, sie gebiert eine Haltung der Offenheit und der Bedürftigkeit, des Angewiesensein auf andere, in denen uns Gott begegnen kann.
Das zeigt: Es geht bei der freiwilligen Armut nicht nur um die Jesuiten oder die Bettelorden. Nicht jeder wird freiwillig arm leben können und wollen, aber die geistliche Haltung, die Jesus vermitteln möchte, ist etwas für jeden Jünger und jede Jüngerin: Die Lebensweise der leeren Hände.
Verzicht hört sich an, als würde uns etwas weggenommen - wie ein Kind, das bestraft wird und auf sein Spielzeug verzichten muss. Tatsächlich aber erzählen mir viele Menschen, die geistlich leben und ihr Handeln nach dem Evangelium ausrichten, dass sie nicht selten eine Leere in sich spüren. Die Tendenz ist dann, diese Leere irgendwie zu füllen: Mit Aktivitäten, mit Filmen, mit Vergnügen, mit Essen, mit Trinken, mit Aktivismus, was auch immer. Geistlich Leben hat immer etwas mit der Erfahrung von Leere, von Bedürftigkeit zu tun. Es gibt eine Leerstelle in unserem Herzen. Und wenn wir selbst sie zu füllen suchen - und sei es geistlich durch eine besondere Meditationspraxis oder eine spezielle Buße oder besondere Taten oder was auch immer - so wird es nicht gehen. Es braucht die Erwartung und das Betteln, die Bitte, dass Gott füllen möge. Die Leere von Gott füllen lassen. Gott brauch die Leere in uns, diesen Platz, den wir ihm freihalten. Wie sollte er sonst in unser Leben hinein kommen?
Diese Leere ist geistlich – aber sie hat auch mit Äußerlichkeiten zu tun. Wenn wir unser Leben vollkommen verplanen und schon einen Kalender für 2023 führen, wie soll Gott dann noch dazwischen kommen? Wie soll uns ein Geist führen, wenn schon alles verplant und abgesichert ist?
Christliche Spiritualität ist eine Spiritualität der Hingabe und der leeren, der offenen Hände. Wir lassen uns führen und beschenken von Gott in jedem Moment unseres Lebens, weil wir auf seine Vorsehung vertrauen. Amen.
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Papst Franziskus schreibt in seiner Enzyklika „Laudato si“ am Schluss: „Am Ende werden wir der unendlichen Schönheit Gottes von Angesicht zu Angesicht begegnen und können mit seliger Bewunderung das Geheimnis des Universums verstehen, das mit uns an der Fülle ohne Ende teilhaben wird. … Das ewige Leben wird ein miteinander erlebtes Staunen sein, wo jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung seinen Platz einnehmen und etwas haben wird, um es den endgültig befreiten Armen zu bringen.“ (LS 243)
„Von den Armen können wir lernen, dass uns das Wesentliche geschenkt wird und wir uns das Leben nicht verdienen können. Jesus preist die Armen glücklich, weil sie offen sind für das Reich Gottes. Sie fühlen sich angewiesen auf Gottes Gnade. Reichtum kann dazu führen, dass wir uns hinter unserer Maske verschanzen und uns Gott gegenüber verschließen. Wir können von den Armen lernen, das Leben zu genießen. Wenn Arme feiern, dann geben sie alles her, was sie gerade haben.“ (Anselm Grün)
„Vielleicht kenne ich Gott überhaupt noch nicht; vielleicht habe ich ihm nie Einlass in mein Inneres gewährt, damit er mir mein wahres Ich und mein Selbstverständnis geben konnte. Aber wenn ich Gott nach Gottes Maßstäben entdecke, dann werde ich imstande sein, mich von meinen eigenen Ängsten und Sorgen zu lösen und mich ihm auszuliefern, ohne mich vor den Schmerzen und Leiden zu fürchten, die das zur Folge haben könnte. Ich verstehe das jetzt - aber wann wird Gott endlich alle meine Abwehrstellungen durchbrechen, damit ich das nicht nur mit Verstand, sondern auch mit meinem Herzen erkenne und vollziehe?“ (Henri J. M. Nouwen)
Sonntag, 1. August 2021
Ressourcen
Wir sollen auf unseren Ressourcen achten!
Das gilt im persönlichen Bereich: Die vergangenen Monate im Ausnahmezustand haben viele Menschen an die Grenzen ihrer Ressourcen gebracht: finanziell, materiell, aber auch innerlich. Die immer wieder neuen Einschränkungen und angstmachenden Botschaften sind Kräfte raubend. Jetzt genießen wir den Sommer und die neuen Möglichkeiten, uns mit Freunden zu treffen und den Tagen wieder mehr Rhythmus zu geben zwischen Alltag und Fest – und gerade dann spüren wir, wie sehr die Unsicherheit und die Erfahrung der Verletzbarkeit an unseren inneren Ressourcen zehrt. Wir wollen die Dinge gut tun und können nicht alles – wir spüren, wir sollten mehr auf unsere Ressourcen achten!
Das gilt schließlich auch im geistlichen Bereich: Wir sollen auf unsere Ressourcen achten. Auch im spirituellen Leben gibt es bestimmte Ressourcen, die notwendig sind bzw. die möglicherweise fehlen: Zeit, Vertrauen, Gebet, Hoffnung, gute Erlebnisse, Stille, Unterstützung von anderen, Impulse, eine Gemeinschaft, etc.
Der Glaube allerdings weist uns auf eine andere Dimension hin. Es geht im geistlichen Leben nicht nur um die Achtsamkeit für die Ressourcen, sondern es geht auch um die Sehnsucht und das, worauf sie hindeutet. Der Glaube lenkt Blick von den „Ressourcen“ hin zur den „Quellen“ bzw. zu der Quelle (frz. "source"), aus der wir leben und aus der die Ressourcen eigentlich kommen. Das ist das Neue, das der Glaube bringt.
Und es ist interessanterweise gerade die Erfahrung des Mangels und der Krise, die uns dabei hilft. Der Mangel selbst eröffnet eine spirituelle Dimension. Wenn uns etwas fehlt, werden wir unserer Bedürftigkeit bewusst. Und wir werden unweigerlich vor die Frage gestellt: Was fehlt uns eigentlich?
Das haben die Israeliten in der Wüste erfahren. Das Volk ist schon seit mehreren Monaten unterwegs in der Wüste. Das ist zweifelsohne ein Ausnahmezustand, ein Krisenmodus. Ihre leiblichen Bedürfnisse werden nicht ausreichend gestillt - und die erhoffte Freiheit stellt sich auch nicht ein. Der Weg wird mühsam und viele sehnen sich nach früheren Zeiten zurück. Sie wollen zurück zu „Normal“, zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Das verursacht einen Streit unter den Israeliten und sie klagen ihre politischen Führer an. Die Krise stellt sie vor grundlegende Fragen nach dem Sinn des ganzen Unternehmens, ob es noch Hoffnung gibt. Sie fühlen sich ausgeliefert und konfrontiert mit ihrer eigenen Verwundbarkeit. Sie stellen Gott auf die Probe und fragen: Ist er wirklich für uns und mit uns, ja oder nein?
Gott hört das Murren der Israeliten. Am Abend finden sie Wachteln, am Morgen ist der Boden mit einem süßen Tau bedeckt, etwas Feines, Knuspriges, Nahrhaftes – das die Israeliten auf ihrem ganzen Weg durch die Wüste ernähren wird. Sie nennen es „Manna“, d.h. „Was ist das?“. Ich höre daraus die Frage: Was ist das, was uns eigentlich fehlt? Was ist das, was uns eigentlich nährt? Was ist das eigentlich, was mir Leben schenkt – jenseits meiner Ressourcen?
Das Evangelium nimmt diesen Gedanken auf. Christus spricht zu den Menschen, die ihn suchen und weist sie auf eine andere Dimension hin. Die Menschen suchen Jesus in Kafarnaum, „weil sie von den Broten gegessen haben.“ Sie haben bei Jesus eine Nahrung für ihren Geist und für ihren Leib gefunden, sie sind wirklich seit langem einmal wieder satt geworden – und es ist nur zu verständlich, dass sie Jesus nachgehen und ihn suchen. Er aber ermahnt sie: Es geht im geistlichen Leben nicht nur um die Ressourcen, sondern ebenso um die Zeichen. Sie sollen sich nicht für die Ressourcen abmühen, sondern in sich selbst den Hunger und die Sehnsucht nach dem ewigen Leben entdecken, denn daher kommt die Orientierung.
Ein Zeichen ist etwas, das es wirklich gibt – das aber auf etwas anderes hindeutet, das es noch nicht gibt, oder jedenfalls nicht hier und jetzt gibt. Es ist dort, wo ich jetzt noch nicht bin. Und das Zeichen Jesu ist nicht ein Zeichen, damit wir Jesus glauben („er sagt richtige Dinge, ich kann ihm glauben“), sondern ein Zeichen, damit wir „an ihn glauben“ – weil er von Gott gesandt ist.
Ist mein Glaube eine Ressource unter anderen, die zum Leben hilft, die Trost spendet, die Orientierung und Werte vorgibt, etc.? Oder ist mein Glaube etwas, das mir hilft, mich mit den Ressourcen gerade nicht zufrieden zu geben, sondern zur Quelle zu gehen, aus der das Leben fließt?
Nicht, dass wir die Quelle schon erreicht hätten oder dass wir sie jemals zu fassen bekämen. Wir können sie nicht kanalisieren für unsere Bedürfnisse und Zwecke. Aber wir haben eine Sehnsucht in uns nach dieser Quelle, einen Durst nach dem lebendigen Gott, wir erwarten „sein Kommen in Herrlichkeit“. Das Leben besteht darin, zu hoffen und sich überraschen zu lassen, ohne das Leben besitzen zu können, weil es geschenkt ist.
Zeichen gibt es genug: Wir haben entdeckt, dass unsere Planungen sich verändern, dass wir unsere Zeit nicht bis ins letzte verplanen und kontrollieren können. Wir haben erkannt, dass Gesundheit kein Menschenrecht ist – eine gute Gesundheitsversorgung dagegen schon. Wir erfahren, wie sehr wir Solidarität brauchen und nur gemeinsam etwas erreichen können. Wir werden mit dem Tod konfrontiert und lernen ihn als Teil des Lebens anzunehmen. Wir erleben, wie gut es uns tut, neues Leben wachsen zu sehen, uns miteinander zu freuen, für andere da zu sein. Und vor allem spüren wir, wie sehr wir Menschen brauchen, die selbst aus der Quelle leben und Frieden ausstrahlen.
Also: Von einer Religion aufgrund von Bedürfnissen hin zu einem Glauben aufgrund von Hoffnung. Zugegeben, das ist nicht leicht: Der Glaube fordert uns da einiges ab. Denn diese Lebensform der Sehnsucht und der Bedürftigkeit ist mit einem inneren Ringen verbunden, vielleicht auch mit einem inneren Kampf. Davon spricht Paulus an verschiedenen Stellen – und so haben wir es heute auch im Epheserbrief gehört: Legt den alten Menschen des früheren Lebenswandels ab, der sich in den Begierden des Trugs zugrunde richtet, und lasst euch erneuern durch den Geist in eurem Denken!“ (Eph 4,22-23)
Hoffentlich können wir lernen, mit einem Mangel zu leben! Und vielleicht können Sie sich in der nächsten Woche einmal fragen, wenn Sie Hunger haben (leiblichen oder geistigen Hunger): Was ist das? Was ist das, wonach ich mich eigentlich sehne? Was ist das, was mir Leben schenkt? Amen.
Predigt inspiriert von dem Brief von Christoph Theobald an
alle, denen der christliche Glaube nicht egal ist, Paris 2021 (vgl. https://centresevres.com/publication/et-le-peuple-eut-soif-lettre-a-celles-et-ceux-qui-ne-sont-pas-indifferents-a-lavenir-de-la-tradition-chretienne/)
Sonntag, 11. Juli 2021
Urlaub
Urlaub mit leichtem Gepäck
15. Sonntag im Jahreskreis B - Predigt, Eckenförde 9.30 Uhr
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn man in Urlaub fährt, stellt sich jedes Mal die Frage: Was packe ich ein? Was brauche ich? Was brauche ich nicht? Was kann ich zu Hause lassen? Was nehme ich mit in den Urlaub?
Wir können stets nur eine begrenzte Anzahl von Kleidungsstücken, Büchern, technischen Geräten und so weiter mitnehmen - und ich behaupte gerade in dieser Begrenzung liegt ein wesentlicher Faktor der Erholung. Sicherlich gibt es viele andere Dinge, die einen erholsamen Urlaub ausmachen: ein schöner Ort, Natur, nette Menschen, genügend Zeit, Freiheit von Verpflichtungen, vielleicht auch Kultur und interessante Begegnungen, aber für mich eben auch sehr wesentlich die Begrenzung und die Einfachheit. Schon von Jugend an war das so: Wenn wir mit den Pfadfindern mit dem Rucksack oder Zelt losgezogen sind; jedes Gramm zu viel hat die Tour anstrengend gemacht. Im Urlaub verzichte ich auf etwas, manchmal müssen wir dann improvisieren oder vermissen gewisse Gegenstände, die hilfreich wären, aber wir gewinnen an Freiheit.
Im heutigen Evangelium wird die Aussendung der zwölf der engsten Freunde Jesu erzählt. Jesus zieht durch Galiläa und sendet sie aus. Dabei sollen sie alles mitnehmen, was nötig ist: Kleidung, Sandalen, einen Wanderstock. Aber sie sollen nichts nehmen, was nicht unbedingt notwendig ist: Kein Geld, keine Wechselkleidung. Denn sie sollen darauf hoffen, dass sie gastfreundlich aufgenommen werden.
Was es dafür braucht, ist eine gewisse Haltung der Einfachheit und der Bescheidenheit, das heißt: kein Machtgehabe, kein persönlicher Reichtum und kein Wunsch durch besonderes Auftreten Eindruck zu erwecken. Die Botschafter Christi haben keine andere Visitenkarte als die Autorität desjenigen, von dem sie gesandt sind; und ihre Verfügbarkeit. Seinem Geist sollen sie folgen, und nicht auf menschliche Mittel ihre Hoffnung setzen. Was sie auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, Gutes zu tun.
Sie begegnen den Menschen dort, wo sie in ihrem tiefsten Inneren verletzt und bedrückt sind. Sie schenken Hoffnung, sie treiben Dämonen aus, sie heilen Kranke. Die Begegnung mit den Menschen geschieht in völliger Freiheit: in freimachender Einfachheit. Sie öffnen Türen nicht mit Gewalt. Jeder darf sich für oder gegen sie entscheiden. Diese Freiheit hängt mit der Einfachheit zusammen, mit der Armut der Mittel mit, mit denen Sie unterwegs sind.
Diese Spannung gilt es zu entdecken: die Spannung zwischen der Armut der Einfachheit bzw. der selbstgewählten Mittellosigkeit auf der einen Seite - und der Fülle und dem Reichtum, der damit einhergeht. Von uns selbst heraus tendieren wir dazu, immer mehr haben zu wollen. Die Würde des Menschen kommt aber nicht im Haben zu Erfüllung, sondern in der Bedürftigkeit werden wir zu Geschwistern.
Wir wissen es schon lange: der Konsum allein schafft nicht das Glück! Das wird uns im Blick auf die Frage nach der Schöpfung und der Gerechtigkeit immer mehr klar. Doch wie schwer fällt es uns unseren Lebensstil zu verändern!? „Das Glück erfordert, dass wir verstehen, einige Bedürfnisse, die uns betäuben, einzuschränken, und so ansprechbar zu bleiben für die vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet.“ (Papst Franziskus in der Enzyklika Laudato si, Nr. 223)
In der Bedürftigkeit der Apostel will Gott den Menschen nahe sein. In der Bedürftigkeit werden wir zu Geschwistern, denn es gehört zum Glück, füreinander da zu sein. Gerade in dem die Apostel als Gesandte Jesu nichts haben außer dem Nötigsten, werden sie sich werden sie frei, sich beschenken zu lassen. Diese Erfahrung habe ich als Jesuit schon so oft gemacht, dass gerade da, wo ich selbst auf die Hilfe von anderen angewiesen bin, ich etwas von Gottes Liebe und Nähe und seiner heilvollen Botschaft weitergeben kann.
Und schließlich noch ein weiterer wichtiger Gedanke, warum wir in der Genügsamkeit und Demut das Leben finden. Er wird in der heutigen Lesung aus dem Epheser-Brief angesprochen: weil so deutlich wird, dass wir in Jesus Christus die Fülle des Lebens schon geschenkt bekommen haben.
- Wir sind als geliebte Tochter und geliebter Sohn von Anfang an durch Gott erwählt.
- Jede und jeder einzelne von uns ist aus Liebe durch Christus dazu bestimmt, zu ihm zu gehören, das heißt wir sind gesegnet durch seine Erlösung an der Fülle des Lebens teilzuhaben.
- der Geist, den wir erhalten haben, ist schon der erste Anteil.
Also: Wir haben schon die Fülle erhalten! Wir haben alles, was wir brauchen verbunden – und noch so viel mehr mit Christus, dessen Namen wir im Herzen tragen! Das ist der Grund, warum wir uns in unserem Leben nicht mit überflüssigen Dingen belasten müssen und in Freiheit und Einfachheit der Kinder Gottes leben dürfen. Amen
Diese Predigt wurde inspiriert durch die Band Silbermond („Mit leichtem Gepäck“), Martin Löwenstein SJ und Pierre Emonet SJ.
Dienstag, 1. Juni 2021
Ein Gott in drei Personen
Predigt Dreifaltigkeitssonntag 2021
Das Hochfest Dreifaltigkeit, das wir heute feiern, scheint auf den ersten Blick ein geheimnisvolles, theologisches, vielleicht sogar abstraktes Fest zu sein. Die Lesungen zum heutigen Tag sind jedoch voller Dynamik. Das wird allein schon an den Verben deutlich: Es sind Aufforderungen, das Wirken und Handeln Gottes wahrzunehmen und darin mitzuwirken.
Zunächst in der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Deuteronomium: „forsche nach“ – „erkenne“ – „nimm dir zu Herzen“ (Dtn 4)
In der Beziehung zu Gott spielt das subjektive Gefühl eine große Rolle, das Empfinden, aber eben auch der Verstand, die Tatsachen, die Geschichte, die Welt und das was uns darin widerfährt.
Wer ist Gott? Die Ereignisse der Vergangenheit bestätigen für Israel, dass der Gott des Bundes nicht nur die anderen Götter übertrifft, sondern dass es letztlich nur einen Gott gibt, einzigartig. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde. Das ist unser Bekenntnis! „Es gibt keinen anderen Gott!“ Das Entscheidende dieses Bekenntnisses zeigt sich in der täglichen Treue zu seinem Wort.
Wie ist das möglich - in einer Welt mit vielfältigen religiösen Bekenntnissen, mit Religionsfreiheit und religiöser Toleranz als Grundvoraussetzung des Zusammenlebens, mit der Betonung der individuellen Verantwortung eines jeden für seinen Glauben?
Darauf antworten die beiden neutestamentlichen Lesungen. So finden sich auch im Evangelium drei entscheidende Verben: „geht zu allen Völkern und macht zu Jüngern“ – „tauft sie“ – „lehrt sie zu befolgen“ (Mt 28)
Diese letzten Verse im Matthäusevangelium werden meist als „Missionsbefehl“ bezeichnet. Geht es Jesus tatsächlich darum, alle Menschen zu „Christen“ zu machen? Und wenn ja, kann man so etwas heutzutage in einer pluralen Welt noch allen Ernstes vortragen?
Schauen wir zunächst auf den Text. Es geht nach Matthäus offensichtlich darum, die Botschaft des Evangeliums in die ganze Welt hinauszutragen, zu allen Völkern, und die Menschen darin zu unterweisen. Das ist der eigentliche Sinn von „zu Jüngern machen“, wörtlich „zu Schülern machen“, also: unterrichten, erklären, verdeutlichen.
Und jene, die unterrichtet wurden und dann Schüler geworden sind, diese sollen die Freunde Jesu taufen. Mit anderen Worten: Nicht alle Menschen sollen getauft werden, sondern von allen Menschen jene, die - nachdem sie die Botschaft des Evangeliums kennen gelernt haben – sich entschieden haben und Schüler geworden sind. Und nicht nur taufen, sondern - das ist das dritte Verb, der dritte Schritt – „sie lehren alles zu befolgen, was Jesus geboten hat.“ Wenn Christ dann richtig, so würde ich frei übersetzen. Wer an Jesus glaubt, der soll auch so handeln (vgl. Joh 13,34; 14,21).
Diese vitale Verbindung zwischen Glauben und Praxis findet sich auch im Brief an die Römer. Drei Verben: „sich vom Geist leiten lassen“ – „sich nicht fürchten müssen“ – „Kinder und Erben sein“ (Röm 8)
Die Gebote Jesu halten beziehungsweise befolgen – erst darin kommt die Taufe in ihre volle Bedeutung. Als Getaufte und als Getaufter tritt die Glaubende bzw. der Glaubende ein in die Beziehung zum Vater, in die Beziehung zu Jesus als dem Bruder, in die Beziehung zum Geist in ihm beziehungsweise in ihr.
Romano Guardini hat einmal gesagt: Der im Gebet gewachsene Christ wird in dem Maß, in dem sich ihm das trinitarische Geheimnis erschließt, eine besondere Beziehung wahrnehmen mit dem Vater, mit dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Diese Beziehung hängt an dem Bekenntnis zum einen und einzigen Gott. In diesem Bekenntnis Gott zeigt Gott selbst sich uns in verschiedenen Personen oder Gesichtern. So wie man z.B. sagt, dass eine Stadt verschiedene Gesichter habe. Hamburg hat verschiedene Gesichter, jeder von uns kennt einige davon.
Dieses Bekenntnis an den einen und einzigen Gott schließt nicht in Dialog mit anderen Religionen aus. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Kirche viel von anderen Religionen gelernt und erkennt auch in anderen Religionen „Strahlen der Wahrheit“, wie es im Zweiten Vatikanischen Konzil heißt.
Das Bekenntnis zu Gott bedeutet auch, dass ich nicht Gott bin und nicht über andere Menschen und ihren Glauben urteile. Ich kann sie als Brüder und Schwestern annehmen, auch wenn sie einen anderen Glauben haben. Ich bin ein Mensch und habe eine begrenzte Perspektive. Ich kenne nicht die ganze Wahrheit, aber ich glaube, Wesentliches erfasst zu haben. So heißt es im Zweiten Vatikanischen Konzil: Niemand besitzt die Wahrheit, sondern die Wahrheit muss in einem Dialog gesucht werden (DH 3); „… und anders erhebt die Wahrheit nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt.“ (DH 1)
Mit den Muslimen teilen wir das Bekenntnis zum einen und einzigen Gott, dem Schöpfer und dem Richter. Wir glauben an diesen einen und einzigen Gott! So heißt es dort: „Der Heilswille umfasst auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslim, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird.“ (LG 16).
In besonderer Weise teilen wir den Glauben an den einen und einzigen Gott mit den Juden: „Jenes Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleisch nach geboren ist.“ (LG 16)
Bekennen wir gemeinsam den Glauben an den einen und einzigen Gott in drei Personen.
Mittwoch, 26. Mai 2021
Glaubende
Predigt – Pfingsten 2021
Manresa - Kleiner Michel, Hamburg, 19 Uhr
Liebe Schwestern und Brüder!
Vor einigen Tagen ging ich abends spazieren, als mich unvermittelt ein Junge ansprach, etwa zehn Jahre alt. Er fragte mich ängstlich, mit seinem Mobiltelefon in der Hand: „Haben Sie Guthaben?“ Er wollte dringend telefonieren. Ich tippte die Nummer ein, die er mir mühsam diktierte. Offenbar war Deutsch nicht seine Muttersprache. Er konnte dann mit seinen Kumpels sprechen, die er verloren hatte und bald wieder treffen wollte. Später noch sah ich sie dann an einer Straßenecke stehen, die älteren Kumpels mit Zigarette im Mund.
Um mit dem Handy telefonieren oder per Whats app kommunizieren zu können, braucht man entweder Guthaben oder einen Vertrag, in jedem Fall einen Vorschuss. Wer kein Konto oder keine Kreditkarte hat oder sein Guthaben nicht im Voraus einbezahlt, der ist von der Kommunikation ausgeschlossen.
Gilt das nicht in Bezug auf jede Art Kommunikation unter uns Menschen, dass wir einen gewissen Vorschuss geben und einsetzen müssen, damit Verständigung möglich ist? Die Frage scheint mir bedeutsam im Blick auf die gegenwärtige Situation in der Welt, im Blick auf den Glauben allgemein und im Blick auf das Pfingstfest, das wir heute feiern.
1. Glauben heißt Vertrauen
Der französische Anthropologe Emil Benveniste weist darauf hin, dass es in unseren Sprachen eine große Bedeutungsvielfalt der Worte des Glaubens gibt. Wir sagen z.B.: „Ich glaube, dass es morgen regnet.“ – oder: „Ich glaube daran, dass Dortmund deutscher Meister wird.“ – oder: „Ich glaube Dir.“
Der Begriff des „Geglaubten“ (frz. croyance) in der Religion und der „Forderung“ (frz. crédit) in der Wirtschaft lassen sich nach Benveniste auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen: den Tausch oder Austausch (échange) zwischen den Menschen und möglicherweise mit einer Gottheit als Ausdruck menschlicher Verwundbarkeit.
Im Deutschen wird diese gemeinsame Wurzel z.B. deutlich, wenn wir von einem „Gläubiger“ sprechen – das ist derjenige, der einen Kredit gewährt, im Unterschied zu einem „Glaubenden“ – das ist derjenige, der Gott Vertrauen schenkt.
Der Mensch ist in seiner Verwundbarkeit dem Leben ausgesetzt. Wir Menschen sind als verletzliche Wesen in diese Welt geworfen. Wir leben, indem wir dieser Welt mithilfe eines Urvertrauens begegnen. Ein Kleinkind zum Beispiel muss in gewissem Sinne ein „zweites Mal“ geboren werden, nämlich der Sprache und der Kultur, die es umgeben, und zuallererst seinen Eltern Vertrauen schenken. Es kann nicht vorher die Glaubwürdigkeit beziehungsweise die Kreditwürdigkeit seiner Eltern prüfen. Wir schulden unseren Eltern und unserem kulturellen Umfeld Vertrauen. Und wenn wir es geben, dann wird dieses Umfeld zu einer Quelle einer Kreativität. Das bedeutet, das erst durch das Grundvertrauen in das Leben die Subjektwerdung ermöglicht wird.
Genauso geben wir als Erwachsene unserer Kultur, unserer Gesellschaft und unserem Staat Vertrauen, zum Beispiel in die Ausbildung unserer Kinder, in die Übertragung bestimmter legitimer Gewalt etc., ohne dass wir die Lehrer und Polizisten im Einzelnen vorher hätten prüfen können.
Es gibt also bei allen Menschen, ob sie gläubig sind oder nicht, einen elementaren Akt, eine Energie, einen „Mut zum Sein“ in der Form des Grundvertrauens, nämlich als ein Vertrauen in das Leben, in das Geheimnis unserer Existenz – mit der Hoffnung, damit nicht zum Verlierer zu werden, sondern am Ende mehr zurückzubekommen.
Glaube ist ursprünglich etwas, was alle Menschen teilen. Er zeigt sich, wenn Menschen offen wahrnehmen, dass sie verwundbar sind. Er zeigt sich, wenn sie nach Orientierung in der Welt suchen und nach dem Sinn des Lebens fragen, ohne darüber verfügen zu können.
Glaube ist also zunächst nicht der Glaube an Gott oder an Jesus Christus, sondern die Haltung eines Menschen, dem Leben „Kredit“ zu geben. In der Hoffnung, dass das Leben sein Versprechen hält und es Wert ist, es zu leben, ermutigt der Glaube in den schwierigen Momenten eine gewisse Haltung zu bewahren. Dieser Glaube trägt unsere Beziehungen.
2. Pfingsten als Gabe des Heiligen Geistes an die Glaubenden
Christen teilen diese Erfahrung des Glaubens als Vertrauen in das Leben mit Nicht-Christen. Zusätzlich erleben und deuten Christen den eigenen Glauben im Rückblick oft als einen Akt der Selbstenteignung oder der Hingabe. Sie lassen dem Geheimnis das erste Wort und sagen etwa: „Das Geheimnis zieht mich an, schafft in mir Vertrauen und erlaubt es mir – in meiner Verwundbarkeit - in Wahrheit „ich“ zu sagen.“
Das feiern wir an Pfingsten: Gott hat die Apostel (und in Jesu Nachfolge auch uns) mit dem Heiligen Geist beschenkt, der in uns glaubt und betet und uns in Leben führt. Mit anderen Worten: Das Vertrauen und den Glauben, den wir schenken, haben wir in Wahrheit nicht aus uns selbst, sondern von Gott. Wir haben ein Guthaben, mit dem wir mit Gott kommunizieren können, das ist riesig, weil es von ihm selbst gegeben ist.
3. Pfingsten als Wunder der Kommunikation
Die Frage nach dem Glauben und dem Vertrauen ist schließlich auch in unserem Alltag von großer Bedeutung. In unserer täglichen Kommunikation braucht es diesen Vertrauensvorschuss, genauer: das Bemühen, den anderen gut verstehen zu wollen, weil ich darauf vertraue, dass es sich lohnt, weil er etwas Gutes sagen möchte.
Der heilige Ignatius nennt das in seinen Exerzitien „die Aussage des anderen zu retten“: Jeder gute Christ soll zunächst einmal bereit sein, die gute Aussageabsicht des anderen anzunehmen und versuchen, ihn zu verstehen – und nicht gleich zu verdammen. Und wenn man etwas schlecht versteht, dann frage man nach bzw. verbessere den anderen mit Liebe. (vgl. EB 22)
Ich erlebe in diesen Zeiten der digitalen Kommunikation sehr viele Missverständnisse, die leicht zu Misstrauen und Missgunst werden. Wie schnell habe ich in einer E-Mail den Unterton nicht richtig verstanden? Wie schnell deutet jemand etwas hinein in meine schnell geschriebene Antwort, das gar nicht so gemeint war?
Pfingsten feiern wir die Gabe des Geistes Jesu an seine Jünger, die sie dazu befähigte, Zeuginnen und Zeugen zu sein. Die Apostelgeschichte berichtet, dass sie es wie ein Wunder erfahren haben, dass eine Verständigung unter den Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen möglich war: „Sie hörten sie in fremden Sprachen reden“ – „Denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden“ – „Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?“ - „Wir hören Sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“
Sie konnten es, weil sie sich selbst bewusst geworden sind, welch großes Guthaben sie von Gott geschenkt bekommen haben. Halleluja!
Montag, 24. Mai 2021
Bekehrung geschieht im Dialog
Videobotschaft von Papst Franziskus
an die Teilnehmenden des online-Gebets „Pilgern mit Ignatius" anlässlich des Ignatiusjahres am 23. Mai 2021
Liebe Freunde!
Gerne schließe ich mich diesem Gebet zum Ignatianischen Jahr an, zum Fest der Bekehrung des heiligen Ignatius. Ich hoffe, dass alle, die sich von Ignatius und der ignatianischen Spiritualität inspirieren lassen, dieses Jahr wirklich als eine Erfahrung der Umkehr erleben können.
In Pamplona, vor 500 Jahren, wurden alle weltlichen Träume des Ignatius in einem Augenblick zerschlagen. Die Kanonenkugel, die ihn verwundete, veränderte den Lauf seines Lebens und den Lauf der Welt. Scheinbar kleine Dinge können wichtig sein. Diese Kanonenkugel bedeutete auch, dass Ignatius in seinen Lebensträumen scheiterte. Aber Gott hatte einen größeren Traum für ihn. Gottes Traum für Ignatius war nicht auf Ignatius zentriert. Es ging darum, den Seelen zu helfen. Es war ein Traum von Erlösung, ein Traum, in die ganze Welt hinauszugehen, begleitet von Jesus, demütig und arm.
Bekehrung ist eine tägliche Angelegenheit; sie geschieht selten ein für alle Mal. Ignatius' Bekehrung begann in Pamplona, aber sie endete dort nicht. Sein ganzes Leben lang bekehrte er sich, Tag für Tag, und das bedeutet: Sein ganzes Leben lang stellte er Christus ins Zentrum. Und er tat dies durch die Unterscheidung. Unterscheidung besteht nicht darin, es immer von Anfang an richtig zu machen, sondern darin, zu navigieren, einen Kompass zu haben, um sich auf den Weg machen zu können, der viele Kurven und Wendungen hat, aber uns immer vom Heiligen Geist leiten zu lassen, der uns zur Begegnung mit dem Herrn führt.
Auf dieser irdischen Pilgerreise begegnen wir anderen, so wie Ignatius es in seinem Leben tat. Diese anderen sind Zeichen, die uns helfen, den Kurs zu halten, und die uns einladen, uns jedes Mal aufs Neue zu bekehren. Es sind Geschwister, es sind Situationen - und Gott spricht auch durch sie zu uns. Lassen Sie uns auf andere hören. Lassen Sie uns in den Situationen lesen. Lasst uns Wegweiser für andere sein, auch wir zeigen den Weg Gottes. Bekehrung findet immer im Dialog statt, im Dialog mit Gott, im Dialog mit anderen, im Dialog mit der Welt.
Ich bete, dass alle, die sich von der ignatianischen Spiritualität inspirieren lassen, diesen Weg gemeinsam als ignatianische Familie beschreiten mögen. Und ich bete, dass viele andere den Reichtum dieser Spiritualität entdecken, die Gott Ignatius gegeben hat.
Ich segne Sie von Herzen, dass dieses Jahr wirklich eine Inspiration sein möge, in die Welt hinauszugehen, um Seelen zu helfen und alles neu zu sehen in Christus. Und auch eine Inspiration, sich helfen zu lassen. Niemand rettet sich selbst: Entweder wir werden in Gemeinschaft gerettet oder wir werden gar nicht gerettet. Keiner lehrt den anderen den Weg, nur Jesus hat uns den Weg gelehrt. Wir helfen uns gegenseitig, diesen Weg zu finden und zu gehen.
Und möge der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist Sie segnen. Amen.
Übersetzung aus dem spanischen Original: Christian Modemann SJ

